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Extremity – Geh an deine Grenzen: Terror im Spukhaus

Extremity

Von Lucas Knabe

Horror // Der Besuch einer Geisterbahn oder eines Spukhauses kann zeitweilig ein aufregendes und amüsantes Unterfangen darstellen. Man begibt sich meist zu Fuß oder auf Schienen auf den Weg durch die Attraktionen, während links und rechts mehr oder minder unliebsame Schockeffekte warten, die so manch zartbesaitetes Gemüt gehörig erschrecken. Für diejenigen, die nach solch einer Attraktion blaue Augen, Platzwunden, Knochenbrüche und ein adrenalingeladenes Zittern des eigenen Körpers verlangen, bietet das sogenannte „Haunted Entertainment“ die passende Gelegenheit, um seine Grenzen und Ängste auszuloten – kein Ort für die Therapie einer psychisch labilen Frau, sollte man meinen. Doch genau dieses Experiment wagte der begabte Regisseur Anthony DiBlasi („Her Last Will“) in seinem neuen Film „Extremity – Geh an deine Grenzen“: Er stellt die psychologischen und gewaltsamen Erfahrungen einer bereits stark traumatisierten Frau in voyeuristischer und weiterführender Weise in den Kontext.

Die „perfekte“ Kandidatin

Die junge Allison (Dana Christina) entschließt sich, den ultimativen Horror am eigenen Leib zu erfahren. Nachdem sie sich als geeignete Bewerberin erweist, fährt sie zum abgelegenen Ort des Höllen-Erlebnisses. Gemeinsam mit dem ihr bis dahin fremden Teilnehmer Zachary (Dylan Sloane) soll sie in den kommenden Stunden eine Tortur zwischen Folter und Terror bestreiten. Schnell finden sich die beiden Halb-Masochisten in einem präparierten Gebäudekomplex umringt von Dreck, Dunkelheit, beklemmender Atmosphäre und grobschlächtigen Peinigern wieder. Während das alternative Wellnessprogramm seine Register zieht, merkt man allerdings, dass die Motive Allisons, einer solchen Pein beizuwohnen, tiefgreifender sind als eine bloße Grenzerfahrung des psychisch und physisch Ertragbaren. Die sogenannte „Perdition“ versetzt die suizidale Allison zurück in die Lage des hilflosen Opfers und soll ihr im Angesicht des erlebten Terrors und der Qualen einen Kampf gegen ihre inneren Dämonen ermöglichen, welche sie seit Kindheitstagen verfolgen. Dieses selbstgewählte Behandlungsverfahren der psychischen Entgiftung bringt an Allison jedoch ungeahnte Facetten zum Vorschein, welche das Projekt ins Wanken bringen.

Ob Allison ihren Aufenthalt bereuen wird?

Der Regisseur nimmt sich dabei das reale und in Südkalifornien ansässige „McKamey Manor“ zum Vorbild. Ein Horrorhaus, das nach dem Unterschreiben einer 40-seitigen Verzichtserklärung alles bietet, was man sich unter käuflicher Folter vorstellen kann. Die kursierenden Vorher-Nachher-Selfies der Besucher sind erschreckend und stellen die tatsächliche Sinnhaftigkeit solch einer Erfahrung beträchtlich in Frage.

„Saw“ für Freiwillige

Isolation, zuckendes grelles Licht in den ansonsten dunklen und dreckigen Themen-Räumen, grobe Griffe und Schläge maskierter Personen, individuelle Foltermethoden und der eine oder andere Blutspritzer bestimmen die Schauplätze von „Extremity – Geh an deine Grenzen“. Optisch macht der Schocker einen sehr soliden Eindruck: Das Zusammenspiel von verschiedenen Lichtquellen und größtenteils guter Kameraarbeit zwischen Nahaufnahmen, Unschärfe und Handkamera erzeugt in den authentisch präparierten Schauplätzen des Films eine kuriose B-Movie-Atmosphäre, welche sich aus bekannten Elementen in unerwarteter Kombination zusammensetzt. Der künstlerischen Fantasie sind in solchen Häusern kaum Grenzen gesetzt, auch wenn der erfahrene Horrorfan schnell Anleihen aus gestandenen „Torture Porns“ erkennen kann, sei es die roboterähnliche Stimme aus dem Off der Folter-Regie, Kameraüberwachung in den einzelnen Räumen oder der maskierte Guru (Chad Rook) des Unternehmens – ein kleines rotes Dreirad konnte ich glücklicherweise nicht entdecken.

Die schauspielerischen Höhepunkte beschränken sich auf die Hauptdarstellerin Dana Christina, welche sich getrieben von Folter und ihren Dämonen zwischen Verzweiflung, Angst, Schmerz und Wut aufhält. Der restliche Cast wirkt recht ersetzbar, auch wenn mit Chad Rook („Planet der Affen – Survival“) ein erfahrener Schauspieler installiert wurde, welcher jedoch als suspekter Anführer keinen bleibenden Eindruck hinterlässt. Ebenso misslingt der Stilbruch, welcher nach circa 75 Minuten eher schlecht als recht innerhalb des Horrorgenre von Psycho zu Splatter umschlägt. Zwar wird Gore-Fans im Finale mittels handgemachter Effekte eine Prise Entschädigung gegönnt, doch abseits dessen verspielt der Film durch ungeschickte Inszenierung und einem an den Haaren herbeigezogenen Twist die psychoanalytische Konstruktion seiner Hauptdarstellerin, welche den Höhepunkt des Films darstellt.

Dramaturgisches Understatment

Durch das Setting und die versatzstückartige Aufklärung der Beweggründe und Ziele Allisons, gelingt es „Extremity – Geh an deine Grenzen“ ansatzweise, die Tür zu einer Metaebene und dekonstruierenden Selbstreferenzialität zu öffnen, indem er selbst die Fragen „Warum tut man sich sowas an?“, „Was steckt hinter den ,Perditions‘ in Film und Realität?“ und „Wie kann Horror entstehen?“ aufwirft und partiell beantwortet. Ein bisher von mir nicht genanntes und cleveres Element des Regisseurs leistet zur Beantwortung dieser Fragen einen wichtigen Beitrag: Während Allisons Aufenthalt ist auch ein unabhängiges japanisches Reporterteam (Ami Tomite, Yoshihiro Nishimura) vor Ort, das einen Blick hinter die Kulissen werfen darf. Dieses Reporterteam trägt durch investigativen Journalismus dazu bei, die Wirren des Horrorhauses und die Motive der Mitarbeiter zu erhellen. Inwieweit man diese Erkenntnisse allerdings auf die Realität übertragen kann, ist fragwürdig. Ferner besteht immer wieder reger Kontakt zwischen Allison und Chad. Die Dialoge ergründen die inzestuöse Vergangenheit Allisons und bestätigen durch schemenhafte Rückblenden ihre wahren Ängste. Parallel dazu gelingt es dem Film, selbstreferenziell die aktuellen Ängste und Methoden des Horrorgenres am eigenen Werk skizzenhaft darzustellen, ähnlich den „Scream“-Filmen der 90er-Jahre.

Vertauschte Rollen: Allison ist am Drücker

Trotz dieser interessanten Denkansätze, fern des Mainstreams, verzettelt sich der Film in den Untiefen der Horror-Subgenres und ist weder ein echter Psycho-Horrorfilm, knallharter Splatterstreifen oder Terrorfilm noch ein gelungenes Konglomerat aus jenen. Es fehlen außer dem atmosphärischen Setting auch Spannung, Brutalität und Stringenz, die Filme wie „Martyrs“, „Hostel“, „Saw“ und „High Tension“ brillant ausreizen, denn genau zwischen diesen Filmen versucht sich „Extremity – Geh an deine Grenzen“ mit seinem kritischen Plot einzuordnen. Rob Zombies „Haus der 1000 Leichen“ sei als Referenz ebenfalls genannt. Mutige Bestrebungen und die Aktualität der darin verflochtenen Thematik reichen allerdings nicht aus, um bei diesem experimentellen und hierzulande ungeschnitten mit FSK-18-Freigabe versehenen Film von einem echten Geheimtipp zu sprechen.

Veröffentlichung: 2. Mai 2019 als Blu-ray und DVD

Länge: 98 Min. (Blu-ray), 94 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Extremity
KAN 2018
Regie: Anthony DiBlasi
Drehbuch: David Bond, Rebecca Swan (als Scott Swan)
Besetzung: Chad Rook, Dana Christina, J. LaRose, Dylan Sloane, Ashley Smith, Chantal Perron, Paul Braaten, Mark Kandborg, Kensely Andries, Cam Damage
Zusatzmaterial: Trailer, Trailershow, Wendecover
Label: Tiberius Film
Vertrieb: Sony Pictures Home Entertainment

Copyright 2019 by Lucas Knabe
Szenenfotos & Packshot: © 2019 Tiberius Film

 

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