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Mimic – Angriff der Killerinsekten: Kleingetier ganz groß – und zum Fürchten

Mimic

Von Volker Schönenberger

SF-Horror // Der fantastische Film ist sein Metier: Ob bizarre Comicverfilmungen wie die „Hellboy“-Reihe, die surreale Bürgerkriegs-Parabel „Pans Labyrinth“, ein Kaijū-Monster-Spektakel wie „Pacific Rim“ oder das Melodram „Shape of Water – Das Flüstern des Wassers“, für das er sich 2018 endlich die Oscars für die Regie und als bester Film abholen durfte – Guillermo del Toro hat zweifellos eine blühende Fantasie. Mit der Serie „The Strain“ (ab 2014) und „Crimson Peak“ (2015) hatte sich der mexikanische Regisseur und Drehbuchautor – oft in Personalunion – nach langer Zeit wieder der düsteren Form der Fantasy zugewandt: dem Horrorgenre, in dem er mit „Cronos“ (1993), „The Devil’s Backbone – Das Rückgrat des Teufels“ (2001) und „Blade II“ (2002) international erstmals von sich reden machte – und natürlich mit „Mimic – Angriff der Killerinsekten“, der 1997 del Toros US-Debüt markierte.

Susan entdeckt Furchtbares

Der hochintelligente Insektenschocker wartet mit famoser Besetzung auf, darunter Oscar-Preisträger F. Murray Abraham („Amadeus“), ein junger Josh Brolin („Everest“) und ein ebenfalls junger Norman Reedus („The Walking Dead“). Angeführt wird diese Schar von Mira Sorvino, die erst ein Jahr zuvor für ihre Nebenrolle in Woody Allens „Geliebte Aphrodite“ mit dem Oscar prämiert worden war.

Tod den Kakerlaken von New York City

Sorvino spielt die Insektenforscherin Dr. Susan Tyler, die New York City vor einer tödlichen Krankheit namens „Strickler’s Disease“ befreit, der viele Kinder zum Opfer gefallen sind: Weil die Epidemie durch Kakerlaken übertragen wird, hat Tyler mittels Gentechnik eine neuartige Insektenspezies gezüchtet: die „Judas Breed“, die tatsächlich die Kakerlakenpopulation der Stadt vernichtet. Susan wird als Heldin gefeiert. Die „Judas Breed“, als unfruchtbar und mit geringer Lebensspanne produziert, soll nach kurzer Zeit verschwunden sein – so der Plan.

In der Kanalisation …

Drei Jahre später flieht ein chinesischer Prediger vor jemandem – oder etwas – auf ein Hausdach, stürzt zu Tode. Sein Verfolger zieht den Leichnam mit Wucht durch einen Abflussschlitz in die Kanalisation. Kurz darauf liefern zwei Straßenjungs für zehn Dollar einen Kakerlak von der Größe einer menschlichen Hand bei Susan ab. Die Insektenforscherin stellt fest: Es handelt sich um ein Exemplar der „Judas Breed“ – sogar nur ein Jungtier. So viel zum Thema unfruchtbar …

Hat jemand Angst vor Insekten?

Insektenphobiker sollten sich „Mimic – Angriff der Killerinsekten“ nur zumuten, wenn sie Konfrontationstherapie für ein probates Mittel gegen ihre Angst halten. Guillermo del Toro hat nach einer 1942 erstveröffentlichten Kurzgeschichte ein ebenso beängstigendes wie durchdachtes Horrorszenario erschaffen, das auch heute noch zum Fürchten und ab und zu ein wenig eklig ist – auch für Filmgucker, die bei Insekten keine Panikattacken kriegen.

… lauert eine tödliche Gefahr

Apropos: Auch Klaustrophobikern sei zur Vorsicht geraten. Viele Szenen spielen in der düsteren Kanalisation unter New York City, für schweißnasse Hände muss sich niemand schämen. Der wissenschaftskritische Aspekt rückt spätestens in der zweiten Hälfte des Films naturgemäß in den Hintergrund. Der Natur pfuscht man nicht ins Handwerk, so viel wird klar, die Botschaft dient letztlich aber nur als Aufhänger einer knackigen Horrorvision. Auch große Schauspielkunst steht trotz der bekannten Namen nicht im Fokus. Den Bedrohten, darunter auch Jeremy Northam („Cypher“) als Susan Tylers Kollege und Ehemann Dr. Peter Mann, nimmt man die Angst jederzeit ab, viel mehr braucht’s an Glaubwürdigkeit ohnehin nicht.

Director’s Cut 2012 bei uns erschienen

Angesichts des seit 2012 auch bei uns erhältlichen Director’s Cuts bleibt fraglich, weshalb sich Guillermo del Toro seinerzeit wegen der nicht seinen Vorstellungen entsprechenden Kinofassung mit den Produzenten überworfen hatte. Die sechs zusätzlichen Minuten mit zusätzlicher Handlung – kein zusätzlicher Gore – gehen in Ordnung, machen aber aus einem sehr guten Horrorfilm doch nur einen sehr guten Horrorfilm. Die Qualität von Bild und Ton ist in dem Zuge immerhin spürbar aufgewertet worden. Die beiden 2001 und 2003 entstandenen Direct-to-Video-Fortsetzungen hingegen sind nicht der Rede wert.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Guillermo del Toro sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Josh Brolin in der Rubrik Schauspieler.

Gefangen in einem alten Metrowaggon

Veröffentlichung: 19. April 2012 als Blu-ray (mit Director’s Cut & Kinofassung) und DVD (Director’s Cut)

Länge: 112 Min. (Blu-ray, Director’s Cut), 100 Min. (Blu-ray, Kinofassung), 107 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Mimic
USA 1997
Regie: Guillermo del Toro
Drehbuch: Matthew Robbins, Guillermo del Toro, nach einer Kurzgeschichte von Donald A. Wollheim
Besetzung: Mira Sorvino, Jeremy Northam, Charles S. Dutton, F. Murray Abraham, Josh Brolin, Alix Koromzay, Giancarlo Giannini, Alexander Goodwin
Zusatzmaterial: Alternatives Ende, Einführung und Audiokommentar von Regisseur Guillermo del Toro, Featurettes „Ein Sprung in der Evolution“ und „Reclaiming Mimic“, geschnittene Szenen, Making-of: „Back into the Tunnels“, Pannen beim Dreh, Storyboard-Animationen, Trailer, Wendecover
Label/Vertrieb: Studiocanal Home Entertainment

Copyright 2015 by Volker Schönenberger
Szenenfotos & Packshot: © 2015 Studiocanal Home Entertainment

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Marco Polo – Zwar weiß ich viel, doch möcht‘ ich alles wissen

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Marco Polo

Von Ansgar Skulme

Historien-Miniserie // Wir schreiben das späte 13. Jahrhundert: Rustichello da Pisa (David Warner) schreibt im Gefängnis von Genua die Lebensgeschichte Marco Polos (Ken Marshall) nieder. Diese hört sich so abenteuerlich an, dass er sich vor dem Klerus sogar dafür rechtfertigen muss. Doch was Polo berichtete, scheint wahr: seine Reise über Vorderasien und Afghanistan bis hin nach China, seine Begegnung mit dem mächtigen Kublai Khan (Ruocheng Ying), gerahmt von unglücklich verlaufenen Liebesbeziehungen und dem Verlust vieler Freunde. Eine dennoch fantastische Reise, auf der Marco Polo seinen Vater Niccolò (Denholm Elliott) überhaupt erst richtig kennenlernte und zudem vielen weiteren charismatischen Persönlichkeiten begegnete. Immer angetrieben von einem großen Verlangen nach Wissen und vom Drang nach dem Erkunden des Unbekannten, dem Vordringen ins Ungewisse, dem Enthüllen des Ungesehenen.

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Rustichello schreibt die Geschichte von Marco Polo nieder

In stattlichen neuneinhalb Stunden erzählt der für Kinofilme wie „Sacco und Vanzetti“ (1971), „Top Job – Diamantenraub in Rio“ (1967) und „Gott mit uns“ (1970) bekannte italienische Regisseur Giuliano Montaldo die spannende Lebensgeschichte eines außergewöhnlichen Weltentdeckers aus Venedig. „Marco Polo“ wurde als beste Miniserie sowie für die Kostüme mit zwei Primetime Emmys ausgezeichnet. Die Musik von Ennio Morricone gehört sicher nicht zu dessen Kompositionen mit dem höchsten Wiedererkennungswert, passt sich der ruhigen, in stiller Faszination schwelgenden Gangart der Erzählung jedoch ausgesprochen gekonnt an. Ein Morricone stellt sich nicht über einen Film, übertönt ihn nicht.

Mehr Länder im Cast als Marco Polo bereiste?

Die Besetzung der Rollen liest sich nicht nur herausragend, sondern ist auch bemerkenswert international. Wenn es jemals einen Fernseh-Mehrteiler gab, der mit der Bezeichnung „All Star Cast“ gewürdigt werden sollte, ist es zweifelsohne „Marco Polo“: Diese Produktion vereinte große Hollywoodstars wie Anne Bancroft und Burt Lancaster mit herausragenden britischen Mimen – so Denholm Elliott, Ian McShane und David Warner. Daneben sehen wir den Chinesen Ruocheng Ying in der Rolle des Kublai Khan, dessen Sohn von dem Japaner Junichi Ishida gespielt wird, während Beulah Quo – eine US-Amerikanerin chinesischer Herkunft – als Kublai Khans Frau zu erleben ist. Einer der größten Widersacher des Khans wird von dem aus etlichen US-Serien bekannten Südkoreaner Oh Soon-tek gespielt. Auch dabei: der aus diversen billigen Spaghetti-Western berüchtigte, schon in den frühen 60er-Jahren nach Italien ausgewanderte Amerikaner Gordon Mitchell, der italienisch-stämmige US-Amerikaner Tony Lo Bianco, der russisch-stämmige Franzose Vernon Dobtcheff, das in Hongkong aufgewachsene Hollywood-Urgestein James Hong, der durch „James Bond 007 – Liebesgrüße aus Moskau“ (1963) bekannt gewordene polnische Mime Vladek Sheybal, der spätere Oscar-Preisträger F. Murray Abraham – ein Amerikaner syrisch-italienischer Herkunft –, die Bühnen- und Leinwandlegende Sir John Gielgud sowie zahlreiche gute italienische Schauspieler wie etwa Bruno Corazzari.

Wir sehen in der Rahmenhandlung um Rustichello da Pisa auch einen spielfreudigen Mario Adorf, der in der italienischen Fassung tatsächlich mit seiner eigenen Stimme zu hören ist – und außerdem sehen wir John Houseman, einen erfolgreichen Film-Produzenten, der mit 70 Jahren vor die Kamera gewechselt war und sensationell sofort einen Oscar als bester Nebendarsteller für „Die Zeit der Prüfungen“ (1973) gewonnen hatte, heute aber wohl bekannter für seine Rolle in „Rollerball“ (1975) ist. Daneben finden sich weitere prägnante Gesichter: Man nehme Tetsuro Tamba („James Bond 007 – Man lebt nur zweimal“, „Die fünf Gefürchteten“), Jack Watson („Die Wildgänse kommen“), den ewigen „Mr. Spock“ – der eigentlich viel mehr konnte – Leonard Nimoy und den beispielsweise aus einigen Filmen mit Bud Spencer bekannten Renato Scarpa. In der ersten Folge kann man auch Corrado Gaipa entdecken, der vor den Augen der Familie Polo ein wertvolles Gut bei Gericht in Flammen steckt – Gaipa war in Italien ein ausgesprochen gern gebuchter Synchronsprecher, lieh u. a. Alec Guinness in „Star Wars“ seine Stimme. Er sprach im Laufe seiner Karriere ferner Burt Lancaster in der italienischen Originalfassung von „Der Leopard“ (1963) – hier kann man die beiden nun innerhalb einer Produktion sehen.

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Europa trifft Asien: Fremde Kulturen, entdeckt von der Familie Polo

In einer der größten Rollen als Marco Polos Onkel Matteo ist Tony Vogel zu sehen, der zuvor bereits in „Jesus von Nazareth“ (1977), einem frühen richtungsweisenden Exemplar der großen TV-Mehrteiler-Epen, mitgewirkt hatte und wenig später auch in „Anno Domini – Kampf der Märtyrer“ (1985) zu sehen war – alle drei sind Produktionen von Vincenzo Labella, der für „Marco Polo“ auch am Drehbuch mitschrieb; dessen erster Mehrteiler als Produzent war „Moses“ (1974) mit Burt Lancaster, hier sahen sich Lancaster und Labella nun wieder. In „Marco Polo“ findet man nicht zuletzt neben vielen italienischen auch viele asiatische Schauspieler, die mit diesem in China, Nepal, Marokko und Italien gedrehten Großprojekt die Chance bekamen, sich international zu präsentieren und einige Newcomer, darunter auch Ken Marshall in der Hauptrolle des Marco Polo sowie Georgia Slowe und Kathryn Dowling, deren beide schauspielerische Leistungen als zeitweilige Liebschaften von Marco Polo inmitten all der Stars trotzdem zum Allerbesten zählen, was diese Reihe zu bieten hat.

Staunen, schwelgen und entdecken – vor falschen Erwartungen sei gewarnt

Was man von „Marco Polo“ nicht erwarten sollte, sind Actionszenen. Es gibt zwar ein paar Kämpfe, jedoch wurden diese eher ausweichend inszeniert. „Marco Polo“ bewegt sich nicht in einer Tradition mit großen Monumental- oder Historienfilmen, die im Mittelalter oder dem Römischen Reich spielen und ihren Schwerpunkt auf Krieg, Kampf und Action legen. Es geht vielmehr darum, die Welt mit dem Blick eines staunenden Entdeckers zu sehen. Ken Marshall strahlt den ganzen Film über wie ein Schneekönig – er hat eine Ausstrahlung, die in gewisser Weise an Verkörperungen von Jesus Christus erinnert. Er verströmt Neugier und guten Willen, wann immer er im Bild erscheint. Ob das Marco Polo nun wirklich gerecht wird, sei einmal dahingestellt und auf Dauer wirkt Marshalls nicht enden wollende, allzu deutlich zur Schau gestellte positive Lebenseinstellung in der Rolle etwas aufgesetzt und überzogen. Jedoch muss man der Inszenierung zugutehalten, dass das staunende Erkunden und Entdecken sehr konsequent über die lange Distanz bewahrt wurde. Schon der Vorspann fällt dadurch auf, dass er nicht etwa Bilder der zahlreichen Stars präsentiert, sondern stattdessen in Eindrücken aus den fremden Welten verharrt, als würde ein ruheloser Geist dort umherschweben und alles festhalten.

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Der Wissensdurst von Marco Polo ist schier unstillbar

Marco Polos Neugier und seine Menschenfreundlichkeit sind die großen Vorzeichen dieser Produktion. Ebenfalls sollte man nicht erwarten, dass sich die zahlreichen Stars alle monatelang auf den drei Kontinenten aufhielten, um diesen Mehrteiler zu dem zu machen, was er ist – viele der bereits benannten Schauspieler sind nur in jeweils einer Folge, allenfalls zwei oder drei der acht Folgen zu sehen, manche haben sogar nur eine einzige Szene. Das führt aber dazu, dass dieser Mehrteiler nun einmal auch in kleinen Rollen großartig besetzt ist, die dem eher blassen Hauptdarsteller praktisch der Reihe nach die Show stehlen. Dadurch läuft „Marco Polo“, trotz der recht langsamen Inszenierung nie Gefahr, sich in Eintönigkeit zu verlieren.

Drei Kontinente, von denen man wenig sieht

Einzig wirklich schade ist, dass dieser fast zehn Stunden umfassende Achtteiler trotz all der Mühen, die in die historische Recherche und die internationale Produktion gesteckt wurden, einfach zu wenig aus seinen Schauplätzen macht. Da war die Crew nun schon auf drei Kontinenten, aber der Zuschauer bekommt von der Landschaft nur am Rande etwas zu sehen. Die Natur wird wie ein bloßer Hintergrund behandelt. Einstellungen, die das Gesamte der fremden Welt wirklich zur Geltung bringen, fehlen „Marco Polo“ weitgehend. Der Film ist manchmal etwas zu dialoglastig, und zwar nicht, weil es kaum Kämpfe gibt, sondern weil es so scheint, als hätte sich Polo nur für das gesprochene Wort und unbekannte Weisheiten interessiert, nicht aber für die Natur und die die Menschen umgebende Welt. Natürlich konnte man Anfang der 80er-Jahre mit Fernsehkameras keine Bildwelten wie in einem CinemaScope-Film entfachen, aber es ist unverständlich, dass man sich trotz der langen Laufzeit fast gar keine Zeit nahm, die verschiedenartige Natur und die Landschaften einmal für sich sprechen zu lassen. „Marco Polo“ gelingt das Kunststück, selbst einige in China gedrehte Aufnahmen wirken zu lassen, als hätte man sie auf einem Landstück hinter Rom gefilmt. Die in Marokko gedrehten Szenen sind so arm an Statisten, dass man an ein paar Stellen beinahe glaubt, man hätte Studio-Aufnahmen vor sich oder Szenen, in denen man einigermaßen viele Menschen hätte zeigen müssen, seien gar bewusst vermieden worden, um zu kaschieren, dass das Geld fehlte. An Geld fehlte es allerdings mit Sicherheit nicht – das beweist schon die Besetzung. Unter dem Strich bedeutet das: Der Film wirkt wesentlich billiger als er war. Dass das Ganze allerdings trotzdem ziemlich überzeugen kann, liegt nicht unwesentlich daran, dass die Handlung zum Großteil im Reich des Kublai Kann spielt und dort viele prägnante Laiendarsteller in Komparsenrollen zu sehen sind, die der Produktion ein hohes Maß an Authentizität geben. Nicht zu vergessen: der Dreh in der verbotenen Stadt, die hier erstmals für einen Spielfilm zur Verfügung gestellt wurde.

Dankenswerte Veröffentlichung auf DVD

Wenn man einmal darüber hinwegsieht, dass das Cover-Motiv recht deutlich an die neue, gleichnamige Netflix-Serie von 2014 erinnert und an der neuen Serie interessierte Käufer mehr oder weniger dazu verleitet, fälschlicherweise zu dieser Veröffentlichung anstelle der Netflix-Serie zu greifen, ist die DVD-Veröffentlichung von Koch Films durchaus lobenswert. Als Bonus gibt es zwar einzig ein knapp halbstündiges Interview mit dem Regisseur Giuliano Montaldo, dieses allerdings ist wirklich spannend und es macht Spaß, dem eloquenten Altmeister beim Erzählen seiner Erlebnisse mit diesem Film zuzuhören.

Das Bild ist für eine erst gut 30 Jahre alte Produktion eher mittelmäßig, allerdings darf man nicht vergessen, dass es sich um ein TV-Projekt handelt. Vermutlich wurde auch bei der Archivierung nicht die größte Sorgfalt walten gelassen, was man dem teils erschreckend schlecht erhaltenen italienischen Ton entnehmen kann. Die in der DDR entstandene deutsche Synchronfassung immerhin liegt in guter Qualität vor – sie wird mit diversen fehlenden Szenen angereichert, die untertitelt sind. Bedauerlich allerdings ist, dass die DVDs nicht den englischen Ton enthalten. Zwar handelt es sich um eine italienische Produktion, jedoch wurden die meisten Dialoge auf Englisch gedreht. Von einer „italienischen Originalfassung“ zu sprechen, wäre paradox, da diese Version synchronisiert wurde und viele Darsteller großer Rollen Englisch als ihre Muttersprache kannten. Wer die englische Version sehen will, muss zu der älteren DVD-Version von Koch Media greifen, die allerdings ihrerseits nur die gekürzte Version ohne die nun ergänzten, auf Italienisch vorliegenden Szenen enthält.

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Im Reich des Kublai Khan: Bist du nicht für ihn, bist du gegen ihn

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Burt Lancaster sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 28. Januar 2016 als DVD

Länge: 568 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, nur vormals fehlende Szenen: Italienisch
Untertitel, nur vormals fehlende Szenen: Deutsch
Originaltitel: Marco Polo
IT/USA/JAP/CHN 1982
Regie: Giuliano Montaldo
Drehbuch: Giuliano Montaldo, Vincenzo Labella & David Butler
Besetzung: Ken Marshall, Denholm Elliott, Tony Vogel, David Warner, F. Murray Abraham, Ruocheng Ying, Leonard Nimoy, Burt Lancaster, John Gielgud, Anne Bancroft, John Houseman
Zusatzmaterial: Interview mit Regisseur Giuliano Montaldo
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2016 by Ansgar Skulme
Fotos & Packshot: © 2016 Koch Films

 

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Die Belagerung – Vom Scheitern der Türken vor Wien

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11 settembre 1683

Historien-Kriegsdrama // Seit Jahren ist von der angeblichen Bedrohung unserer westeuropäischen Kultur durch den Islam die Rede. Angesichts des Vordringens muslimischer Einwanderer sei es nur eine Frage der Zeit, bis Westeuropa islamisiert sei, fürchten viele. Ob es da Zufall ist, dass 2012 in Italien und Polen ein Film entstanden ist, der die zweite Wiener Türkenbelagerung im Jahr 1683 zu Beginn des Großen Türkenkriegs thematisiert? Versuchen wir uns an einer unvoreingenommenen Betrachtung des Kriegsdramas.

Das Osmanische Reich auf Eroberungstour

Die zentralen Protagonisten sind versammelt: Da ist Kará Mustafá (Enrico Lo Verso), Großwesir des Osmanischen Reichs unter Sultan Mehmed IV. Er zieht im Sommer 1683 mit einer Armee von 300.000 islamischen Soldaten gen Wien. Der Habsburger Regent Leopold I. (Piotr Adamczyk), Kaiser des Heiligen Römischen Reichs, erweist sich als Angsthase, der auf Hilfe durch Jan Sobieski (Jerzy Skolimowski) hofft, des Königs von Polen-Litauen.

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Kará Mustafá (M.) will Wien erobern

Soweit die Aufstellung der historischen Schachfiguren – bleibt nur noch Marco d’Aviano. Der italienische Mönch, wegen seiner Vermittlungstätigkeit zwischen Kaiser Leopold und dem polnischen König als Retter Wiens verehrt, hat in der Verfilmung der Belagerung eine zentrale Rolle – er verkörpert letztlich das gesamte Christentum, das sich den islamischen Horden entgegenstellt. Demzufolge ist er auch am prominentesten besetzt worden: mit F. Murray Abraham, 1985 für seine Darstellung des Mozart-Antagonisten Salieri in Milos Formans „Amadeus“ mit dem Hauptrollen-Oscar prämiert.

Ein Mönch als Speerspitze des christlichen Europas

Dieser Konflikt wird auch auf zwei Figuren heruntergebrochen: einerseits Marco d’Aviano, den aufrechten Mönch, der aus Nächstenliebe am liebsten auch die islamischen Feinde bekehren würde; andererseits einen Muslim namens Abu’l (Yorgo Voyagis), der lange in der Christenwelt lebte, sogar mit einer gehörlosen Christin als Frau, sich nun aber dem Eroberungszug von Kará Mustafá angeschlossen hat.

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Eine Schneise in der Wiener Stadtmauer

Die historischen Fakten und Figuren mögen einigermaßen akkurat dargestellt sein, ein guter Film ist leider nicht draus geworden. Wenn man ein gewaltiges Schlachteneops auf die Beine stellen will, sollte man dafür auch die passenden Mittel zur Verfügung haben. Die Schlachtenszenen wirken aber leider billig. Es ist nichts dagegen einzuwenden, dass Explosionen und Verletzungen am Computer entstehen. Die Technik sollte aber wenigstens einigermaßen auf der Höhe der Zeit sein – zumindest bei einem ambitionierten Werk, wovon in diesem Fall ausgegangen werden kann. Wenn Kanonenkugeln in die Wiener Stadtmauer einschlagen und Soldaten von Lanzen durchbohrt werden, sieht das einfach unterdurchschnittlich aus.

Pathos verhindert Nähe zu den Figuren

Hinzu kommt ein Pathos, das kaum einmal Pause macht, sei es in den Dialogen, sei es im getragenen, von Streichern dominierten Soundtrack. Das muss doch nicht sein. Echte Menschen aus Fleisch und Blut lernen wir so nicht kennen, nur Abziehbilder historischer Gestalten.

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Aufrechter Kämpfer für den christlichen Glauben: Marco d’Aviano

Bleibt der aktuelle politische Bezug. Der ist nicht zu leugnen, eine eindeutige Agenda kann man „Die Belagerung“ aber auch nicht unterstellen. Der osmanische Expansionsdrang und die Türken vor Wien – das ist nun mal für die europäische Geschichte von großer Bedeutung, es hat filmische Aufarbeitung verdient. Belassen wir es dabei. Großes Aufsehen hat der Film außerhalb seiner Produktionsländer ohnehin nicht erregt. Bei uns ist er knapp drei Jahre nach seiner Entstehung ohne Kinoauswertung direkt auf Blu-ray und DVD erschienen. Damit ist „Die Belagerung“ gut bedient.

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Das polnische Entsatzheer naht

Veröffentlichung: 16. März 2015 als Blu-ray und DVD

Länge: 115 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel Italien: 11 settembre 1683
Originaltitel Polen: 11 wrzesnia 1683
Internationaler Titel: September Eleven 1683
IT/POL 2012
Regie: Renzo Martinelli
Drehbuch: Valerio Manfredi, Renzo Martinelli
Besetzung: F. Murray Abraham, Enrico Lo Verso, Alicja Bachleda, Jerzy Skolimowski, Piotr Adamczyk, Cristina Serafini, Marius Chivu, Antonio Cupo, Yorgo Voyagis, Daniel Olbrychski, Wojciech Mecwaldowski
Zusatzmaterial: Bildergalerie, Trailer
Vertrieb: KSM GmbH

Copyright 2015 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshots: © 2015 KSM GmbH

 

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