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Gretel & Hänsel – Albträume im Hexenhaus

Gretel & Hansel

Kinostart: 9. Juli 2020

Von Andreas Eckenfels

Fantasy-Horror // Märchen sind der wahre Horror! Großmütter werden vom Wolf gefressen, vergiftete Äpfel an unschuldige Prinzessinnen verteilt und Hexen im Ofen verbrannt. Dennoch werden die Geschichten seit Jahrhunderten den Kindern kurz vor dem Zu-Bett-Gehen vorgelesen, während Horrorfilme mit ähnlich gruseligen Inhalten häufig erst mündigen Zuschauern vorbehalten sind. Da sind trotz der moralischen Botschaft und dem Sieg des Guten über das Böse am Ende bei den Kleinen Albträume vorprogrammiert.

Die Märchenbilder und -motive bleiben in solch jungen Jahren prägend und lebenslang unterbewusst im Kopf – auch ein Grund dafür, warum wir die alten Geschichten später immer wieder gern lesen, hören und sehen. An Variationen und Neuinterpretationen bekannter Märchen mangelt es auch im Filmbereich nicht. In der Serie „Once Upon a Time – Es war einmal“ (2011–2018) leben die Märchenfiguren alle gemeinsam in einer eigenen Stadt, Neil Jordan setzt sich in „Die Zeit der Wölfe“ (1984) mit dem Rotkäppchen-Mythos auseinander und welche bizarren Auswüchse viele Erzählungen nehmen können, zeigt „Das Märchen der Märchen“ (2015).

Hänsel und Gretel entdecken ein Haus im Wald

Auch „Hänsel und Gretel“ hat schon viele verschiedene Alternativfassungen erhalten. Beim Marihuana-geschwängerten „Hänsel und Gretel – Black Forest“ (2013) hätten sich die Brüder Grimm sicher im Grab herumgedreht. Zuletzt kämpften Gemma Arterton und Jeremy Renner als Geschwisterpaar in „Hänsel und Gretel – Hexenjäger“ (2013) gegen finstere Dämonen. Nun geht es bei „Gretel & Hänsel“ von Regisseur Osgood Perkins („Die Tochter des Teufels“) – übrigens der Sohn von „Psycho“-Star Anthony Perkins (1932–1992) – erzähltechnisch klassischer zu, dennoch versucht er, der Fabel einen neuen Dreh zu verleihen.

Geschenke kosten immer einen Preis

Ein Prolog erzählt ein Märchen im Märchen: „Das schöne Kind mit der kleinen, pinken Kappe“. Darin weiß sich ein armes Elternpaar nicht anders zu helfen, als seine kranke Tochter zu einer Zauberin zu bringen. Sie heilt das Kind, gibt ihr aber ein paar dunkle Gaben mit auf dem Weg. Als das Mädchen älter wird, kann es die Zukunft voraussagen und lässt den Vater Selbstmord begehen. Die Mutter setzt ihre garstige Tochter schließlich aus Verzweiflung im Wald aus, wo sie bald neue Freunde um sich schart. Die Moral von der Geschichte: Geschenke kosten immer einen Preis.

Auch Gretel (Sophie Lillis) kennt das Märchen und steckt in ähnlichen Lebensumständen wie die Eltern des Mädchens fest. Die Armut und der Hunger in der Bevölkerung sind groß. Ihr Vater starb vor einiger Zeit, ihre Mutter ist aus Trauer dem Wahnsinn nahe. Aus Furcht vor ihr flüchtet Gretel mit ihrem kleinen Bruder Hänsel (Samuel J. Leakey) schließlich in den Wald. Nach Tagen des Umherirrens ohne Nahrung entdecken die Geschwister schließlich ein einsames Haus. Durchs Fenster sehen sie, dass der Tisch reichlich mit Köstlichkeiten gedekt ist. Kurz darauf werden Hänsel und Gretel von der sinistren Hausbesitzerin Holda (Alice Krige) entdeckt und zum Festmahl eingeladen. Fortan helfen die Kinder der alten Frau im Haushalt, dafür erhalten sie einen Schlafplatz und ausreichend zu essen. Doch während sich Hänsel mit der Situation schnell anfreundet, bleibt Gretel misstrauisch und wird nachts von Albträumen geplagt. Bald findet sie heraus, dass ihre Wohltäterin nichts Gutes im Schilde führt.

Feministisch angehauchte Neuinterpretation

Schon durch den Tausch der Namen im Filmtitel erkennt man, dass Regisseur Osgood Perkins und Drehbuchautor Rob Hayes die Figur Gretel in den Fokus stellen. Als ältere Schwester ist ihr kleiner, naiver Bruder ihr Schutzbefohlener – erst recht, als sie die Mutter verlassen. Wenn man es genau nimmt, hätte man „Hänsel“ auch im Titel komplett unter den Tisch fallen lassen können. Der Film erzählt Gretels Weg zum Erwachsenwerden und ihre zunehmende Emanzipation von der Fremdbestimmung aus ihrer Perspektive. Somit handelt es sich um eine feministisch angehauchte Neuinterpretation des Volksmärchens.

Gretel bleibt misstrauisch

Zu Beginn wird schon klar, dass Frauen bei den wenigen Reichen und Mächtigen in dieser Welt keinen großen Stellenwert haben. Sie werden als Dienstmägde und Sexobjekte angesehen. Gretel erfährt dies während eines Vorstellungsgesprächs aus erster Hand, als ihr mutmaßlicher Arbeitgeber sie lüstern fragt, ob sie noch Jungfrau sei. Wohlwissend, dass sie auf das geringe Gehalt angewiesen ist, wenn sie und ihre Familie nicht den Hungertod sterben wollen. Dennoch lässt sich Gretel darauf nicht ein und verlässt verschreckt das Gespräch. Immerhin erweist sich später ein loyaler Jäger (Charles Babalola) als Retter in der Not, der den Kindern in einer brenzligen Situation hilft, ihnen zu essen und ein Bett für die Nacht gibt, bevor das Geschwisterpaar seinen Weg durch den Wald fortsetzt.

Ab dem Zeitpunkt, wo Gretel und Hänsel am Hexenhaus eintreffen, wird der Film zu einem Drei-Personen-Stück. Während Hänsel zum fleißigen Esser mutiert, nimmt Gretel immer mehr Veränderungen an sich wahr. Auch die Menstruation fehlt hier nicht, kommt aber ohne die bekannte Märchen-Allegorie mit einer Spindel daher. Ob es ihre erste Monatsblutung ist, bleibt dahingestellt, denn eigentlich soll Gretel schon 15 oder 16 Jahre alt sein. Gretel hat Visionen von Dingen, die sich im und rund um das Haus zutragen. Sind es nur Albträume? Oder reale Ereignisse aus Vergangenheit oder Zukunft? Ausgerechnet Holda wird im weiteren Verlauf der Handlung zu ihrer Verbündeten und eine Art Ersatz-Mutter für Gretel. Eine tiefgründigere Auseinandersetzung mit dem Thema Feminismus im Märchen sollte man aber nicht erwarten.

Was führt Holda im Schilde?

Nach ihrem Durchbruch in „Es“ und „Es – Kapitel 2“ sowie ihrer Hauptrolle in der Netflix-Serie „I Am Not Ok With This“ bestätigt Sophia Lillis ein weiteres Mal, dass sie einen Film auch allein tragen kann und einer Schauspielveteranin wie Alice Krige, unter anderem bekannt als Borg-Königin in „Star Trek – Der erste Kontakt“ (1996) und der Stephen-King-Verfilmung „Schlafwandler“ (1992), als furchterregende Hexe Holda problemlos die Stirn bieten kann.

Wie die Seiten eines Märchenbuchs

Während die Prolog-Szene im herkömmlichen Breitbildformat gefilmt wurde, entschied sich Osgood Perkins für den Rest seiner Schauermär dafür, diese in einem ungewöhnlichen 1:55-Bildformat zu präsentieren. Wundert euch also nicht, dass links und rechts des Bildes schwarze Balken zu sehen sind. Er begründet die Entscheidung im Presseheft damit, dass er den Zuschauern das Gefühl geben wollte, sich begrenzte Seiten eines Märchenbuchs anzuschauen, statt einen unendlich weit erscheinenden Film. Wir haben Weitwinkelobjektive verwendet, wodurch auf engstem Raum eine große Welt entsteht, in der alles scharf, intim und präsent ist. Und tatsächlich wirken die Bilder durch die zentralisierte Positionierung der Figuren und der Enge um einiges furchteinflößender und erhalten eine stärkere Tiefenwirkung.

„Gretel & Hänsel“ spielt wie die meisten Märchen mit elementaren Urängsten, lebt aber vor allem durch seine unheilvolle Atmosphäre. Viele Szenen werden nur durch Kerzenschein beleuchtet, der Synthiescore dröhnt ordentlich und Kostüme sowie die Ausstattung ergeben ein stimmiges Bild. Besonders das Hexenhaus sieht zum Anbeißen aus, auch wenn es kein Lebkuchenhaus ist. Mit seinem spitzen Dach wirkt es recht modern und hat auch zahlreiche Zimmer mit unterschiedlichen Stilen zu bieten. Da die Hauptgeschichte trotz einiger interessanter Veränderungen bekannt ist, fehlt es dem Film allerdings am Ende ein wenig an Spannung – auch werden für Horrorfans zu wenige Schreckmomente geboten, um einen nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen.

Gretel will es herausfinden

Länge: 87 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Gretel & Hansel
KAN/USA/IRL/ZA 2020
Regie: Osgood Perkins
Drehbuch: Rob Hayes
Besetzung: Sophia Lillis, Samuel J. Leakey, Alice Krige, Jessica De Gouw, Fiona O’Shaughnessy, Donncha Crowley, Charles Babalola, Jonathan Delaney Tynan
Verleih: capelight pictures

Copyright 2020 by Andreas Eckenfels

Filmplakat, Szenenfotos & Trailer: © 2020 capelight pictures

 

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Alice – Im Wunderland der bösen Träume: Wenn sich die letzte Fuge nicht zusammenfügt

Alice ou la dernière fugue

Von Tonio Klein

Fantasy-Drama // Claude Chabrols „Alice ou la dernière fugue“ (wörtlich „Alice oder die letzte Fuge“) aus dem Jahr 1977 fand Anfang 2020 endlich eine deutsche DVD-Veröffentlichung – wenn auch mit dem etwas ungelenken Titel „Alice – Im Wunderland der bösen Träume“ versehen. Der etwas sperrige Ausflug des Meisters ins Fantastische wird wohl kaum je als Hauptwerk Chabrols genannt, kann aber durchaus faszinieren. Etwas Sitzfleisch ist aber selbst für Personen vonnöten, denen längst bekannt ist, dass Chabrol-Bosheiten immer eher gemächlich daherkommen. In 89 Minuten Laufzeit (hier hat sich das Cover mit 106 Minuten einen Fehler geleistet) passiert scheinbar wenig. Eine junge Frau mit dem doch recht einfallslos ersonnenen Namen Alice Carroll (Sylvia Kristel) verlässt von jetzt auf gleich ihren Ehemann (Bernard Rousselet), um – wie, erfahren wir nicht – bei nächtlichem Regen die Windschutzscheibe ihres Autos zu beschädigen und Hilfe in einem nahegelegenen Herrenhaus, eher schon einem Schloss, zu suchen. Wenn Diener (Jean Carmet) und Hausherr (Charles Vanel) sie überaus zuvorkommend aufnehmen, wissen wir auch bei diesem Genre-Bastard, dass wir uns in einem Film von Chabrol und niemandem sonst befinden: Oder kennen Sie einen Film des Regisseurs, in dem nicht die hohe Kunst des Zelebrierens von Mahlzeiten in gehobenem Ambiente ausgiebig gezeigt wird? Übrigens etwas, das Chabrol auch diesseits der Leinwand sehr schätzte.

Alice allein nicht zu Haus

Dann aber folgt eine Passage, in der Alice geschlagene zwanzig Minuten allein und textlos bestreitet, das ist schon ungewöhnlich und erfordert Aufmerksamkeit (belohnt sie aber auch). Sie bettet sich dort, hört nachts unheimliche Geräusche und eine vorher stillstehende Uhr geht wieder. Am nächsten Morgen ist sie allein im Haus, der Dampfkessel pfeift sie aber zum Kaffeekochen heran und das Frühstück steht ebenfalls bereit. Der Wagen ist repariert, aber Alice kann Schloss und Wald genauso wenig entfliehen wie Sam Neill einem Ort in John Carpenters „Die Mächte des Wahnsinns“ (1994). An einer unüberwindbar scheinenden Mauer trifft sie auf einen jungen Mann (André Dussolier), der seltsam passiv Hinweise auf die Ausweglosigkeit der Situation gibt; auch antwortet er konsequent nicht auf Fragen Alices. Selbiges wird sie bei ihrer Odyssee, die im Wesentlichen eine Solonummer bleiben wird, noch mit einem Jungen (eher ein Erwachsener im Körper eines Jungen; gespielt von Thomas Chabrol) und einem mittelalten Mann erleben. Schließlich macht sie an einer Tankstelle und in einem Café ähnliche Erfahrungen, ist also nur scheinbar entkommen. Der Schlussakt hat Déjà-vu-Charakter, bietet andererseits aber auch eine Erklärung an. Glücklicherweise ist das kein aufgesetztes Toterklären, worunter rätselhafte Psychothriller gelegentlich leiden – nicht unbedingt „Psycho“ (USA 1960), die (pardon the pun!) Mutter des Genres, aber zum Beispiel der wie „Alice …“ ziemlich surreale „Vier Fliegen auf grauem Samt“ (1971) von Dario Argento.

Geheimnis hinter der Tür

Argento und Chabrol sind bei allen Unterschieden in Stil, Themen und Drastik beide von Alfred Hitchcock beeinflusst – und, was bei Chabrol etwas weniger offensichtlich ist, von Fritz Lang. In Chabrols „Süßes Gift“ (2000) gibt die von Isabelle Huppert gespielte, gestörte Hauptfigur ihrem Film-Sohn einmal zwei Videokassetten, eine davon enthält Langs Psychothriller „Geheimnis hinter der Tür“ (1948). „Alice – Im Land der bösen Träume“ ist sogar Fritz Lang gewidmet. Und um ein Geheimnis hinter einer Tür geht es auch hier. Aber natürlich auch um die Welt hinter den Spiegeln, wie das in Lewis Carrolls Roman „Alice hinter den Spiegeln“ hieß. Nur, dass wir es hier nicht mit einem Kind und der Welt der Fantasie oder von mir aus auch der nahenden Pubertät zu tun haben, sondern mit einer jungen Frau und einer Welt des Todes. Chabrols Alice-Version hat keinen Humor, sondern von Anfang an unterschwellige Bosheit. Man sollte den Film unbedingt zweimal sehen, lässt sich so doch etwas besser verstehen, dass Alice in einem Reich zwischen den Spiegeln gefangen ist, wohl zwischen Leben und Tod. Und das ist noch lange nicht der ganze Inhalt des Filmes. Man könnte sich zwar fragen, ob der Unfall die Strafe dafür ist, dass eine Frau mal eben ihren Mann verlässt, der zwar etwas betriebsblind an ihr vorbei zu reden und zu leben, aber keinesfalls böse zu sein scheint. Andererseits zeigt Chabrol seine Alice im Zwischenreich auch als starke Frau, was im Dialog (wenn es denn mal welchen gibt, ist er wichtig!) sogar explizit erwähnt wird. Sie lässt sich bald auf das Spiel des Dialogs ohne Fragen ein und schafft es, nicht durchzudrehen.

Emmanuelle kann spielen!

Dabei unterschlägt der Film nicht, wie schwierig das ist, und es ist ein Besetzungscoup, für Alice ausgerechnet Sylvia Kristel zu verpflichten, eine hauptsächlich für Erotikfilme bekannte Darstellerin. Alice wird von Kerlen jeglichen Alters umsorgt, aber von deren Big-Brother-artiger Omnipräsenz auch verunsichert. Einmal bestätigt und konterkariert Chabrol das Image seiner Hauptdarstellerin im selben Moment: Ja, Sylvia „Emmanuelle“ Kristel zieht blank, voll frontal, Brüste und Scham, aber Alice schämt und fürchtet sich, statt das zu zelebrieren. In ihrer auch allegorischen Nacktheit schutzlos statt in ihrem Element.

Stilistische Finessen

Der Film setzt Stilmittel virtuos ein, sodass es trotz oder wegen des gemächlichen Tempos einiges zu entdecken gibt. Manchmal sagt bereits ein überirdisch weichzeichnendes, gleißendes Licht, dass wir nicht so ganz in dieser Welt sind. Die Farben von Alices mehrmals wechselnden, stets einfarbigen Kleidern wären für Exegeten wie beispielsweise Susanne Marschall eine rechte Freude – die Filmwissenschaftlerin hat sich mit der Arbeit „Farbe im Kino“ habilitiert. Das Weiß des Himmels, das Schwarz des Todes, das Rot der Hölle und noch einiges mehr, passend auch zu der Déjà-vu-Schleife gegen Ende sich wiederholend. Und das ist lange nicht alles. Metaphorisch werden Vögel eingesetzt (ob Chabrol da wieder der Hitchcock-Fan und -Buchautor ist?), die Gefahr und Chaos in eine Ordnung bringen. Hier ist einmal ein Vogel anscheinend tot, ein anderes Mal setzt der erwähnte Junge Vögel aus dem Käfig in die Freiheit – aber, so heißt es und wird es auch gezeigt, der Vogel sei zu dumm, das zu erkennen: Ist er im Freien, schafft er es, ist er im Schloss, kommt er nicht hinaus und landet schließlich am Boden. Auch Alice wird lernen müssen, zu erkennen, wann ihr ein Weg in die Freiheit gegeben wird und wie sie ihn nutzen kann.

Weitere Auffälligkeiten: Auf einer Türschwelle steht Alice während der Credits, durch Dunkelheit von ihrem Mann getrennt. Auf einer Schwelle wird sie faktisch fast den ganzen Film stehen, der Weite des ländlichen (aber hier „ortlosen“) Frankreich ungeachtet. Die Windschutzscheibe geht nicht einfach kaputt, sondern sie splittert so, dass noch nichts herausgebrochen, aber die Durchsicht völlig unmöglich ist. Auch Alices Leben löst sich dergestalt in seine Bestandteile auf, dass sie eine Barriere erstmal wird durchbrechen müssen, um „hinter das Glas“ zu sehen oder auch ein “Geheimnis hinter der Tür“ zu lüften. Sogar bei Chabrols geliebtem Essen eine Allegorie: Bei einem Omelette werden Eigelb und Eiweiß „auf die alte Art, nämlich getrennt“ zubereitet, weil sich doch zwei so unterschiedliche Elemente nicht in die gleiche Garzeit fügten. Auch Leben und Tod gehen in diesem Zwischenreich, in das Alice geraten ist, nicht Hand in Hand, obwohl man ja sonst immer sagt, das eine gehöre zum anderen dazu. Im Niemandsland stehen sie aber auf der jeweils anderen Seite der Ein- und der Ausgangstür. Noch fügt sich nichts, da ist der französische, auf die musikalische Form der Fuge anspielende Titel tatsächlich besser.

Erklärungen?

Wir merken schließlich, dass Alice offenbar tatsächlich eine Art von Wahl hat, was sie aus ihrem Leben (?) macht. Sie muss es nur wollen, und da ist der Film durchaus auch religiös. Vielleicht ist der junge Mann (ganz in Weiß), den Alice (ganz in Schwarz) an der anscheinend unüberwindbaren Mauer trifft, ein Engel. Rückschauend (am Ende gibt der Hausherr eine Erklärung, wo der Ausgang zum Leben gewesen wäre) ergäbe das Sinn, obwohl diese Figur Hilfe verweigert. Aber schließlich sagte schon Martin Luther: Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott. Vielleicht will sie aber nicht nur hinaus, sondern vor allem Erkenntnis gewinnen. Einmal beißt sie in Großaufnahme in einen Apfel. Wir wissen, dass das damals bös ausging (wobei die Bibel nie erwähnt, dass es grad ein Apfel gewesen ist, sich das aber in der Folklore durchgesetzt hat). Aber wie gesagt, der Film ist viel komplexer als eine reine Sündensühne, und am Ende wird Alice ihren Weg (ich sage nicht, welchen) gehen. Was sie dort erwartet, sehen wir nicht mehr. Aber dieser Ort ist, darauf hatte eine Erklärung des Hausherrn vorher hingewiesen, lange nicht so, wie man sich ihn vorstellt. Was moralisch einigermaßen beunruhigend und dennoch von gewisser Verlockung ist – und da sind wir dann wieder ganz bei Chabrol.

Fazit und Technisches

Chabrol hat der Ausflug ins Surreale durchaus gutgetan und er schafft es, ihn so zu präsentieren, dass es auch uns faszinieren kann. Dazu muss man sich aber auf das gemächliche Mäandern einlassen. Sicherlich nicht jedermanns Sache und auch für mich immer noch ein ganz klein wenig zu zäh. Da geht es mir aber zugegebenermaßen wie Antonio Salieri in „Amadeus“ (1984): Mozart verwende zu viele Noten, da könnten doch einige raus. Als Mozart fragt, welche denn, muss Salieri verstummen. Und das müsste ich, gefragt nach dem Ansetzen der Schere, ebenfalls. Also kann ich nur jedem empfehlen, den das Fantasy-Drama einfach selbst zu sehen. Die DVD bietet deutschen und französischen Ton und ein altersangemessen gutes, manchmal etwas verwaschenes Bild. Genau richtig für alle, die – wie ich – meinen, dass ein ultrascharfes Aufpolieren wider den Geist des Originals sein kann.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Claude Chabrol haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Veröffentlichung: 31. Januar 2020 als DVD

Länge: 89 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Französisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Alice ou la dernière fugue
F 1977
Regie und Drehbuch: Claude Chabrol
Besetzung: Sylvia Kristel, Charles Vanel, Jean Carmet, Fernand Ledoux, François Perrot, Thomas Chabrol, André Dussolier, Bernard Rousselet
Zusatzmaterial: Wendecover
Label: MT Films
Vertrieb: Cargo Records

Copyright 2020 by Tonio Klein

Unterer Packshot: © 2020 MT Films

 

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John Carpenter (XVI): Big Trouble in Little China – Die Parodie des Actionhelden

John Carpenter’s Big Trouble in Little China

Von Lucas Gröning

-Fantasy-Actionkomödie // Schauen wir uns John McTiernans „Stirb langsam“ (1988) an, so sehen wir so etwas wie einen prototypischen Actionfilm der 1980er- und frühen 1990er-Jahre. Wir haben einen furchtlosen, machomäßigen, coolen, starken Mann, der sich einer hohen Anzahl klischeebehafteter Gegner in den Weg stellt und diese, zwar mit einigen Schwierigkeiten, schlussendlich aber weitgehend gefahrlos besiegen kann. Andere Beispiele dafür sind „Rambo“ (1982), „Predator“ (1987) und „Terminator 2 – Tag der Abrechnung“ (1991). Besonders dieses Coole und zugleich Machomäßige wird in „Stirb Langsam“ sehr deutlich – zum einen durch das generelle Verhalten des Protagonisten, zum anderen durch das weiße Unterhemd als typisches, ikonisches Bild für den handelnden, testosteronbeladenen Mann. Doch „Stirb Langsam“ war nicht der erste Film, der diese Ikonografie aufgegriffen und auf einen Actionhelden übertragen hatte. Bereits zwei Jahre bevor Bruce Willis sich durch das Nakatomi Plaza kämpfte, streifte ein anderer Actionheld sich das weiße Unterhemd über und zog gegen das Böse in den Kampf: Kurt Russell in John Carpenters „Big Trouble in Little China“.

Carpenter und Russell zum Dritten

Nach dem dystopischen Actionfilm „Die Klapperschlange“ (1981) und dem polaren Alien-Schocker „Das Ding aus einer anderen Welt“ (1982) war es bereits die dritte Kooperation zwischen Carpenter und Russell. Später sollten sie noch einmal zusammenarbeiten – für „Flucht aus L.A.“ (1996), die Fortsetzung von „Die Klapperschlange“. Der vor allem im Horrorgenre beheimatete Carpenter („Halloween – Die Nacht des Grauens“, „The Fog – Nebel des Grauens“) machte sich auch als Regisseur von Actionfilmen einen Namen – „Die Klapperschlange“, „Sie leben“ (1988) und eben „Big Trouble in Little China“ seien hier erwähnt. Kurt Russell wiederum ist seit der Kindheit als Schauspieler aktiv. Seine coole Verkörperung des Snake Plissken in „Die Klapperschlange“ machte ihn zum gut beschäftigten Star. Nicht zuletzt dank Quentin Tarantino erlebte er zuletzt seinen zweiten Frühling – der besetzte ihn bislang dreimal: im „Grindhouse“-Segment „Death Proof – Todsicher“ (2007) sowie in „The Hateful Eight“ (2015) und „Once Upon a Time in Hollywood“ (2019). Es treffen bei „Big Trouble in Little China“ also zwei absolute Größen aufeinander und, so viel sei bereits erwähnt, es kam bei dieser erneuten Zusammenarbeit wieder ein toller Film heraus, wenn auch etwas vollkommen anderes, als das bei den anderen gemeinsamen Werken des Duos der Fall war.

Booklet des Arrow-Video-Steelbooks

Im Zentrum der Handlung steht der Trucker Jack Burton (Kurt Russell). Burton ist ein recht „einfacher“, latent rassistischer, frauenfeindlicher Macho mit großer Klappe. Gerade zu Beginn wird er mehrmals mit Sonnenbrille und Harley-Davidson-Cap gezeigt, was dieses Bild unterstützt. Seine Tage verbringt er auf dem Bock seines Trucks mit dem Transport verschiedener Güter und mit Glücksspielen im Restaurant seines chinesischen Freundes Wang Chi (Dennis Dun) im chinesischen Stadtteil von San Francisco: Chinatown. Eines Tages will Wang seine Verlobte Miao Yin (Suzee Pai) vom Flughafen abholen, wobei Jack ihn begleitet. Miao wird am Flughafen jedoch bereits von einigen ominösen Gestalten erwartet, die sie sogleich entführen. Wang und Jack folgen den Männern und können sie tatsächlich stellen, müssen angesichts der Macht ihrer Gegner jedoch kapitulieren – die Entführer setzen in der Auseinandersetzung schwarze Magie ein. Davon völlig überfordert bleibt den beiden Freunden nur die Flucht. Bald finden sie heraus, dass hinter der Entführung der Industrielle David Lo Pan (James Hong) steckt, der sich als 2200 Jahre alter Geist enpuppt, welcher durch die Opferung einer besonderen Frau im Zuge eines Rituals seine menschliche Form zurückgewinnen will. Gemeinsam mit dem Magier Egg Shen (Victor Wong), der Anwältin Gracie Law (Kim Cattrall), der Journalistin Margo Litzenberger (Kate Burton) und dem Ober Eddie Lee (Donald Li) sagen Jack und Wang dem Bösen den Kampf an.

Der Ernst weicht der Komik

Wie bereits erwähnt unterscheidet sich „Big Trouble in Little China“ fundamental von den vorherigen gemeinsamen Arbeiten des Duos Carpenter-Russell. Unterschieden sich der Horrorstreifen „Das Ding aus einer anderen Welt“ sowie die actionlastigen Science-Fiction-Filme „Die Klapperschlange“ und (der später entstandene) „Flucht aus L.A.“ zwar hinsichtlich der zugeordneten Genre, einte sie doch eine gewisse Ernsthaftigkeit. Für schräge Witze, Lächerlichkeiten und Slapstick war in der Regel kein Platz. Mit „Big Trouble in Little China“ änderte sich der Ton nun dramatisch. Bis auf die grundsätzlich ernsthafte Prämisse des Films gestaltet sich fast kein Aspekt noch humorfrei. Dramatische und spannungsgeladene Szenen wie die Blutabnahme in „Das Ding aus einer anderen Welt“ sucht man nun vergebens. Stattdessen finden wir hier ein Arbeiten mit Klischees, Stereotypen, Parodien und Situationskomik zum Erzeugen einer heiteren Atmosphäre. Vor allem die Stereotype stechen ins Auge. Wir haben mit Jack den einfachen, großmäuligen Macho, mit Margo die schwächliche, ab und an in Schwierigkeiten geratende, Frau, mit Egg den alten, weisen Asiaten und natürlich mit den Schergen von Lo Pan die chinesischen Martial-Arts-Kämpfer. Der Film erinnert zum einen damit, zum anderen aber auch durch seinen exorbitant häufigen Einsatz enorm plastischer und bewusst lächerlich wirkender Effekte stark an Trashfilme der 1960er- und 1970er-Jahre, deren Elemente das Actiongenre der 1980er aufgriff.

Entgegen der Sehgewohnheiten

Und doch muss man sagen, dass Carpenters Werk noch ein ganzes Stück weit von einem typischen Actionfilm dieses Jahrzehnts entfernt ist. Obwohl er mit seiner Figur des Jack Burton den Protagonisten aus „Stirb langsam“, John McClane, rein optisch vorweggenommen hat, unterscheiden sich die Figuren stark in ihrer Art des Voranschreitens und ihrer Beziehung zu den Nebenfiguren. John McClane geht fast über die gesamte Lauflänge von „Stirb langsam“ als Einzelkämpfer vor, kommt mit anderen Menschen nur sporadisch in Kontakt und repräsentiert das klassische Bild des agierenden, den Tag rettenden männlichen Helden, womit er in einer Reihe mit Rambo, Major „Dutch“ Schaefer aus „Predator“ und dem T-800 aus „Terminator 2“ steht. Jack Burton ist dagegen viel mehr eine Parodie dieser Actionhelden. Er tritt im ersten Moment auf ähnliche Weise wie die genannten Herren auf, der Verlauf des Films steht jedoch im Kontrast zu allem, was wir aus anderen Actionfilmen kennen.

Die Kastration des Actionhelden

Nur selten ist es Jack, der den Ton setzt oder den nächsten Schritt auf dem Weg zum Ziel vorgibt. Meist verkommt er zu einem passiven Subjekt, das zwar die agierende Rolle einnehmen will, sich jedoch für den Erfolg der Gruppe fügen muss. Aktionen auf eigene Faust, eine Seltenheit im Film, enden zumeist in Schwierigkeiten, aus denen sich Burton nie allein herauswinden kann und aus denen der Film einen Großteil seines Humors zieht. Umso mehr ist er auf das Kollektiv angewiesen, deren Mitglieder ihm stehts aus der Klemme helfen müssen. Die heimliche Anführerin der Gruppe ist passenderweise eine Frau: die Anwältin Gracie Law. Sie ist es, die meist den Ton angibt und die nächsten Aktionen vorgibt, ohne dass bei ihr jedoch eine Umkodierung im Stile klassischer Actionhelden vorgenommen wird, wie das beispielsweise mit Ellen Ripley in „Aliens – Die Rückkehr“ geschah. Sie bleibt die „normale“ Frau, also der Klischee-Charakter, wie man ihn aus vielen Actionfilmen kennt, und mutiert nicht zu einer Männerfigur. Vielmehr sind es ihre Worte, die Gewicht haben und mit denen die Macht in ihre Richtung verschoben wird. Mit dieser Verschiebung der Macht vom männlichen Helden zu einer Frau und zum Kollektiv steuert John Carpenter mit der Zeit auf eine Kastration seines Protagonisten zu, die sich auch im symbolischen Verlust des Phallus manifestiert – in diesem Fall im Diebstahl seines Trucks.

Für Trash-Fans und Carpenter-Fans

Das alles macht „Big Trouble in Little China“ zu einem großartigen Abenteuer. Zum einen ist der Film aufgrund der vielen slapstickartigen Momente, der trashigen Actionszenen und lächerlich wirkenden Effekte enorm unterhaltsam, zum anderen erleben wir hier Carpenter-typisch einen sehr intelligenten Film, der unter seiner Oberfläche deutlich mehr beinhaltet, als zunächst ersichtlich ist. Er reiht sich damit vorzüglich in die Filmografie des Regisseurs ein, stellt aber trotzdem etwas Einzigartiges in dessen Gesamtwerk dar. Es ist deswegen auch schwer zu bewerten, ob der Film nun besser oder schlechter als andere Carpenter-Filme ist. Er funktioniert in seiner Sparte als trashige Komödie hervorragend und steht dem, was der Regisseur uns bisher gezeigt hatte, in fast jeglicher Hinsicht entgegen. Für Actionfans ist „Big Trouble in Little China“ in jedem Fall eine Pflichtsichtung – für Fans von Großmeister John Carpenter sowieso. Beschaffungsprobleme gibt es hierzulande nicht, Blu-ray und DVD sind lieferbar, auch ein Mediabook mit beiden Formaten ist erschienen. Wer auf die deutsche Synchronisation verzichten mag, kann auf die Blu-ray des englischen Labels Arrow Video zugreifen, die qualitativ und bezüglich der Ausstattung keine Wünsche offen lässt. Das wunderbare Steelbook des Labels (siehe oberstes Foto) ist allerdings vergriffen und auf dem Sammlermarkt nicht mehr ganz preiswert zu haben.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von John Carpenter haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Kurt Russell unter Schauspieler.

Veröffentlichung: 9. Juli 2018 als Mediabook in vier unterschiedlichen Covervariationen (eines davon wattiert), 20. Januar 2012 als DVD (Action Cult Uncut), 19. Juni 2009 als Blu-ray, 30. April 2007 als Special Edition DVD im Steelbook, 13. Januar 2001 als 2-Disc Special Edition DVD

Länge: 100 Min. (Blu-ray), 95 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Big Trouble in Little China
USA 1986
Regie: John Carpenter
Drehbuch: Gary Goldman, David Z. Weinstein, W. D. Richter
Besetzung: Kurt Russell, Kim Cattrall, Dennis Dun, James Hong, Victor Wong, Kate Burton, Donald Li, Carter Wong, Peter Kwong, James Pax, Suzee Pai, Chao Li Chi
Zusatzmaterial: keine Angabe
Label/Vertrieb: 2018/2019: ’84 Entertainment
Label Vertrieb: 2001-2012: Twentieth Century Fox Home Entertainment

Copyright 2020 by Lucas Gröning

Packshot Blu-ray und DVDs: © Twentieth Century Fox Home Entertainment

 

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