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Pinocchio (2019) – Bilder aus der Kindheit

Pinocchio

Von Andreas Eckenfels

Fantasy-Abenteuer // Ohne Zweifel gehört das Kinderbuch „Die Abenteuer des Pinocchio“ (1883) des italienischen Autors Carlo Collodi (1826–1890) zu den bekanntesten Büchern der Weltliteratur. In 240 Sprachen übersetzt, beflügelt die Geschichte um den bettelarmen Tischler Geppetto und den Holzjungen Pinocchio seit mehr als 135 Jahren die Fantasie großer und kleiner Leser und zahlreicher Künstler. Die wachsende, lange Nase wurde durch „Pinocchio“ zum Synonym für das Lügen. Die wohl bekannteste Verfilmung des Stoffes ist der Disney-Zeichentrickfilm von 1940, der zwei Oscars gewann. Viele weitere Adaptionen folgten, darunter auch moderne Annährungen wie Steven Spielbergs „A.I. – Künstliche Intelligenz“ (2001). Aktuell arbeitet Guillermo Del Toro an einem „Pinocchio“-Stop-Motion-Animationsmusical, welches 2021 bei Netflix abrufbar sein soll. Zuvor versuchte sich mit Matteo Garrone einer der derzeit interessantesten zeitgenössischen Regisseure Italiens an einer Neuinterpretation des Stoffes. Sie wurde auf der Berlinale 2020 außer Konkurrenz in der Sektion „Berlinale Special Gala“ präsentiert.

Geppetto hat einen Holzjungen geschnitzt, der lebendig wird

Für Garrone, der für „Gomorrha – Reise in das Reich der Camorra“ (2008) und „Dogman“ (2018) je eine Nominierung für den BAFTA Award erhielt, ist „Pinocchio“ ein Herzensprojekt: Pinocchio ist ein Traum, der in der Zeit zurückgeht, zurück in meine Kindheit. Auf meinem Schreibtisch habe ich immer noch mein eigenes „Pinocchio-Storyboard“, das ich als Kind zeichnete und ausmalte. Eine meiner wichtigsten und meistgeliebten Erinnerungen.

Ein echter Junge werden!

Große Änderungen hat Garrone an der klassischen Geschichte nicht vorgenommen. Zu sehr haben sich ihm wohl die eigenen Bilder aus der Kindheit ins Gedächtnis gebrannt, die er nun prächtig auf der Leinwand zum Leben erweckt. Bereits in „Das Märchen der Märchen“ (2015) schwelgte der Italiener in visueller Opulenz, das Produktionsdesign und die Kostüme von „Pinocchio“ stehen dem in nichts nach. Zudem wurde in Apulien und der Toskana in wunderschönen, rural geprägten italienischen Landschaften gedreht.

Pinocchio mag nicht brav die Schulbank drücken und büxt aus

Mit Oscar-Preisträger Roberto Benigni („Das Leben ist schön“, 1997) fand Garrone die optimale Besetzung für Geppetto. Wie er als hungriger Tischler den Gastwirt liebevoll nervt, bis er eine kleine Mahlzeit aufs Haus erhält – so tragikomisch bekommt das nur Benigni hin. Im bewährtem Stakkato-Ton redete er sich auch auf der Berlinale-Pressekonferenz in Rage und äußerte ebenso seine Liebe für den Klassiker: Er selbst hatte 2002 den Stoff in „Pinocchio“ inszeniert; außer Regie und Drehbuch auch die Titelrolle übernommen.

Er trifft auf die Marionetten des Puppenspielers Feuerfresser (h.)

Nach seinem Auftritt als verständnisvoller Vater überlässt Benigini dann dem 2010 geborenen „Pinocchio“-Darsteller Federico Ielapi die Bühne, der auf seiner abenteuerlichen Reise der Rolle und seinem Kostüm geschuldet nicht so viel Bewegungsfreiheit besitzt, hier mit seinen großen Augen, herzzerreißend, flehender Stimme und vielen Fragen die Welt erkundet und dabei auf allerlei Halunken trifft. Da ist zunächst der Feuerfresser genannte Puppenspieler (Gigi Proietti), später gesellen sich der Kater (Rocco Papaleo) und der Fuchs (Massimo Ceccherini) hinzu, zuletzt etwa der Kutscher (Nino Scardina), der die Kinder in Esel verwandelt und verkauft. Dagegen stehen aber auch die Wesen, die dem armen Holzjungen wohlgesonnen sind, darunter die Grille (Davide Marotta) und vor allem die zunächst junge (Alida Baldari Calabria), dann erwachsene Fee (Marine Vacth), die dem Holzknaben zur Mutterfigur wird.

Sie alle begleiten Pinocchio auf seinem Weg und tragen dazu bei, dass sein größter Wunsch in Erfüllung gehen wird: ein echter Junge zu werden!

Allgemeingültige Werte

„Pinocchio“ hat über die Jahrzehnte verschiedene Lesarten erfahren, aber die naheliegendste bleibt, dass sich um einen Entwicklungsroman handelt: Der zunächst naive und recht freche Holzjunge, der weder auf seinen Vater noch auf andere Beraterfiguren hört und so einige schlechte Erfahrungen sammelt, reift zunehmend heran und besinnt sich auf die wichtigen Dinge des Lebens: nicht lügen, faul oder egoistisch zu sein sowie Vater und Mutter zu ehren. Die allgemeingültigen Werte, die das Buch auf herzlich-märchenhafte Art vermittelt, machen Carlo Collodis Werk so zeitlos. Wenn man dagegen die Kurzgeschichten aus dem „Struwwelpeter“ (1844) von Heinrich Hoffmann (1809–1894) zum Vergleich heranzieht, vermittelt das Erziehungsbuch des deutschen Arztes und Psychologen die Lehren auf eine deutlich drastischere Weise. Das verstört die Kinder stärker und flößt ihnen mehr Angst ein, als wenn sie mit Pinocchio mitleiden, wenn der Junge sogar fast stirbt oder in einen Esel verwandelt wird.

Die Halunken Kater (r.) und Fuchs (l.) wollen Pinocchio übers Ohr hauen

Auch Regisseur Matteo Garrone verfolgt den didaktischen Ansatz von Collodi, wenn etwa die Grille dem Helden immer wieder ins Gewissen redet. Allerdings erhebt er auch nicht zu stark den erhobenen Zeigefinger, sondern konzentriert sich ganz auf die erzählerische und visuelle Kraft der einzelnen Episoden.

Phantastische Tierwesen

Die Bilder aus seiner Kindheit hat Garrone grandios auf die Leinwand projiziert, doch brauchte es dafür einen neuen Film? Nicht unbedingt, denn neue Sichtweisen hat seine Adaption kaum zu bieten. Was aber beeindruckt, ist die Handwerkskunst seines „Pinocchio“ – auch, wenn diese in den ersten Minuten etwas gewöhnungsbedürftig ist: Ähnlich kunstvoll wie Geppetto mit ruhiger Hand einen Holzblock meißelt, gingen die Masken- und Kostümbildner zu Werke. Nicht nur Holzjunge Pinocchio erhält mit Pinselstrichen eine perfekte Maserung – auch andere Figuren wie die Grille, die Schnecke, die als Haushaltshilfe in der Villa der Fee lebt, oder der Thunfisch im Inneren des Riesenhais entstanden auf diese Art. Dabei bleibt der Darsteller hinter der Maske aber immer noch gut zu erkennen. Im Kontrast dazu lässt Garrone Kater und Fuchs hingegen menschlich, sie erhalten nur einige, ihren tierischen Rollen entsprechenden charakteristische Schönheitskorrekturen. CGI kam nur gezielt zum Einsatz, besonders wenn Pinocchios Nase wächst. Dass solche Verbindungen von Tier und Mensch bei falscher Herangehensweise auch ziemlich in die Hose gehen können, zeigte zuletzt eindrucksvoll das Hollywood-Musical „Cats“ (2019). Bei „Pinocchio“ hingegen wurde bis ins letzte Detail alles richtig gemacht, um beeindruckende, phantastische Tierwesen zu zeigen.

Garrones „Pinocchio“-Vision ist auch nicht kunterbunt, es herrscht eine erdige Farbpalette vor. Zudem schimmert besonders im Geppettos Dorf ein sozialer Realismus vor, der das Märchenhafte der Geschichte mitunter recht stark zur Seite wischt. Die düstere Stimmung versucht der Regisseur allerdings immer wieder zu brechen, indem er auch die satirischen Qualitäten der Vorlage aufgreift. Als Beispiel seien die Ärzte genannt, die über Pinocchios Gesundheitszustand streiten: „Er wird leben!“ – „Er wird sterben!“

Prächtiges Bilderbuch

Es lohnt sich also, die Abenteuer des Pinocchio mit der prächtigen Neufassung von Matteo Garrone neu oder wieder zu entdecken. Auch die italienische Filmindustrie zeigte sich von dem Werk äußerst angetan: „Pinocchio“ wurde in 15 Kategorien für den wichtigsten italienischen Filmpreis, den David di Donatello, nominiert und gewann fünf Trophäen. Noch erfolgreicher lief es bei der Verleihung des Nastro d’Argento, der von den Filmjournalisten Italiens vergeben wird: Hier konnte „Pinocchio“ sieben Preise gewinnen.

Die Fee hilft Pinocchio aus brenzligen Situationen

Dem Werk mehr als angemessen, erweist sich das Mediabook von capelight pictures als echtes Prachtexemplar, welches in zwei Versionen erscheint: Entweder mit 4K UHD und Blu-ray oder mit Blu-ray und DVD. Wer bereits einen UHD-Player sein Eigen nennt, sollte nicht zögern und sich das UHD-Mediabook gönnen. Gerade in den sehr dunklen Sequenzen, nehmen wir etwa das Innere des Riesenhais, kitzelt die höhere Auflösung noch mehr Kontraste heraus. Die Panoramaaufnahmen der Landschaften kommen ebenfalls viel besser zur Geltung.

Der Inhalt des Mediabooks ist mit 60 Seiten richtig dick geworden. Allerdings: Es gibt diesmal bis auf einige Produktionsnotizen nicht viel Lesestoff. Das stört allerdings überhaupt nicht: Stattdessen gibt es wunderschöne Illustrationen von Enrico Mazzanti (1850–1910) zu bestaunen, der mit den Zeichnungen der „Pinocchio“-Erstausgabe betraut wurde. Im Anschluss gibt es weitere Seiten mit Konzeptideen und Designs zu den verschiedenen Figuren sowie Szenografien, die alle noch einmal zeigen, wie viel Liebe Matteo Garrone und seine großen und kleinen helfenden Hände in dieses Projekt gesteckt haben. Passend zum Film ist dieses Mediabook also diesmal mehr ein Bilder- als ein Lesebuch, welches in keiner gut sortierten Sammlung fehlen sollte.

Alle in „Limited Collector’s Edition“ von capelight pictures veröffentlichten Filme haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgelistet.

Veröffentlichung: 13. November als 4K UHD, 16. Oktober 2020 als 2-Disc Limited Collector’s Edition Mediabook (4K UHD und Blu-ray), 2-Disc Limited Collector’s Edition Mediabook (Blu-ray und DVD), Blu-ray und DVD

Länge: 126 Min. (4K UHD, Blu-ray), 120 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 6
Sprachfassungen: Deutsch, Italienisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Pinocchio
IT/F/GB 2019
Regie: Matteo Garrone
Drehbuch: Matteo Garrone, Massimo Ceccherini, nach dem Kinderbuch von Carlo Collodi
Besetzung: Federico Ielapi, Roberto Benigni, Rocco Papaleo, Massimo Ceccherini, Marine Vacth, Gigi Proietti, Davide Marotta, Alida Baldari Calabria
Zusatzmaterial: Making-of (5 min.), Trailer, Filmtipps; nur Mediabook: 60-seitiges Booklet mit Illustrationen, Produktionsnotizen und Designkonzepten
Label: capelight pictures
Vetrieb: Al!ve AG

Copyright 2020 by Andreas Eckenfels

Szenenfotos, Packshot & Trailer: © 2020 capelight pictures

 

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