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Tatort: Angriff auf Wache 08 – John Carpenter hätte seine helle Freude

Tödliche Spritztour

Tatort: Angriff auf Wache 08

Erstausstrahlung: Sonntag, 20. Oktober 2019, 20:15 Uhr, Das Erste (bis 20. April 2020 in der Mediathek verfügbar)

Von Volker Schönenberger

Krimi // Eine schwer bewaffnete Sondereinheit der Polizei stürmt ein Gebäude. Mit Maschinenpistolen im Anschlag treffen die Einsatzkräfte auf drei Typen, die gerade gepflegt eine Runde pokern. Einer der drei Spieler blickt auf seine Pistole, die auf dem Tisch liegt, doch er ist klug genug, nicht danach zu greifen. Allein, das Stillhalten nützt ihm nichts: Als ein Hund zu bellen beginnt, schrecken die Polizisten auf und eröffnen das Feuer. Im Kugelhagel sterben die drei Männer am Tisch.

Was ist Jenny zugestoßen?

Die Razzia galt Waffenhändlern, doch Beweise finden sich am Ort des Geschehens keine. Vier Gangster finden sich zusammen, stoßen mit Schnaps an und zerdrücken die Gläser in ihren Pranken, schließen mit dem Blut ihrer Wunden offenkundig einen Pakt. Der führt das schweigsame Quartett über ein paar Umwege zu einer ehemaligen Revierwache am Rande Offenbachs, fernab von besiedelten Gebieten, die zum Polizeimuseum umfunktioniert worden ist.

Dort besucht Hauptkommissar Felix Murot (Ulrich Tukur) vom Landeskriminalamt in Wiesbaden gerade seinen alten Kollegen Walter Brenner (Peter Kurth), der das Museum mit der Polizeibeamtin Cynthia Roth (Christina Große) betreut. Zu ihnen gesellt sich die Fahrer und Insassen eines Gefangenentransports, deren Fahrzeug in der Nähe einen Platten erlitten hat. Auch die verstörte Teenagerin Jenny Sibelius (Paula Hartmann) verschlägt es in die ausrangierte Revierwache. Aus heiterem Himmel eröffnen die Gangster das Feuer auf das Gebäude. Am Tag einer totalen Sonnenfinsternis beginnt eine Belagerung, die auf beiden Seiten viele Todesopfer fordern wird.

Hommage an „Assault – Anschlag bei Nacht“

Kommt euch der Plot bekannt vor? Klingelt beim Titel etwas? Bei „Tatort: Angriff auf Wache 08“ handelt es sich um eine lupenreine Hommage an John Carpenters frühen Spannungsklassiker „Assault – Anschlag bei Nacht“ (1976), im Original „Assault on Precint 13“ betitelt. Ohne Übertreibung kann man es sogar als Remake bezeichnen. Ich habe keine Ahnung, was für Drogen man beim Hessischen Rundfunk eingeworfen hat, um sich so weit aus dem „Tatort“-Fenster zu lehnen und die bisweilen doch recht ausgetretenen Pfade der Krimireihe derart kaltschnäuzig zu verlassen. Aber das scheint in den bislang acht Fällen mit Ulrich Tukur als Hauptkommissar Murot Programm zu sein – ich habe zugegeben nicht alle davon gesehen. Immerhin griff schon der Vorgänger-„Tatort: Murot und das Murmeltier“ das Motiv des sich ständig wiederholenden Tages aus Harold Ramis’ Hollywood-Komödie „Und täglich grüßt das Murmeltier“ (1993) mit Bill Murray und Andie MacDowell auf.

Hauptkommissar Murot sondiert die Lage

Hauptkommissar Murots Fälle sind jedenfalls angetan, den Zuschauer Otto Normalverbraucher, der sich jeden Sonntagabend nach der Tagesschau gemütlich zurücklehnt, um den nächsten „Tatort“ oder „Polizeiruf 110“ zu konsumieren, nachhaltig zu verstören und zu verschrecken. Dafür locken sie womöglich ein Publikum zu der langlebigen Reihe, das mit herkömmlicher Krimikost nicht viel anfangen kann. So oder so ist Mut zu originellen Drehbüchern erst einmal lobenswert, und wenn eine solch großartige Ehrerbietung eines US-Klassikers dabei herauskommt, hat er sich auch ausgezahlt.

Hoher Wiedererkennungswert

Der mit dem Carpenter-Vorbild identische Plot der Belagerung einer stillgelegten Revierwache ist das eine, darüber hinaus hat Regisseur Thomas Stuber immer wieder direkte Verweise und Zitate in seinen zweiten „Tatort: Angriff auf Wache 08“ eingebaut. Das beginnt mit dem stimmigen Elektro-Score, der zwar nicht die Intensität des von Regisseur John Carpenter persönlich komponierten und eingespielten Soundtracks des Originals erreicht, gleichwohl zu überzeugen weiß. Wer „Assault – Anschlag bei Nacht“ kennt, wird zudem etliche Szenen wiedererkennen.

Die Situation ist mehr als brenzlig

Eine Einstellung nach der anderen erinnert im Detail an das große Vorbild, sei es der aus dem Seitenfenster des Autos ragende Gewehrlauf mit Schalldämpfer, seien es Jalousien, die von Einschüssen beschädigt werden, oder sei es ein Gewehr, das durch den Raum geworfen wird und mit dem ein paar Eindringlinge in einem schmalen Gang abgeknallt werden. Sogar der Eiswagen kommt zu seinem Recht, und der Schwerverbrecher Napoleon Wilson aus dem US-Film erhält mit dem „Kannibalen von Peine“ Rüdiger Kermann (Thomas Schmauser) ein Pendant, das „Angriff auf Wache 08“ gut zu Gesicht steht.

„Rio Bravo“ in Hessen

Natürlich ist der „Tatort: Angriff auf Wache 08“ auch ein Western, stellt „Assault – Anschlag bei Nacht“ doch seinerseits John Carpenters Hommage an Howard Hawks’ „Rio Bravo“ (1959) mit John Wayne und Dean Martin dar. Allein schon die Schießereien atmen Western-Atmosphäre aus jeder Bleikugel, die irgendwo einschlägt – ob in einem Körper oder einer Wand. Für „Tatort“-Verhältnisse sind die Gewaltsequenzen beeindruckend konsequent umgesetzt, immerhin lief der Krimi in der Erstausstrahlung am Sonntagabend zur besten Sendezeit. Die beklemmende Atmosphäre der von einer geradezu amorphen Masse Unbekannter belagerten Polizisten erinnert zudem an George A. Romeros „Die Nacht der lebenden Toten“ (1968). Zwar handelt es sich bei Romeros Schocker allesamt um Zombies, die ins Haus eindringen wollen, während wir es hier mit ganz verschiedenen Personen wie Bandenverbrecher, Nazis und Islamisten zu tun haben, dennoch bleiben sie als Einheit undefiniert. Wie es einer Gang – womöglich einem Clan – von Waffenhändlern gelungen ist, innerhalb kürzester Zeit derart unterschiedliche Komplizen zu rekrutieren, bleibt ungeklärt, und diese Auflösung hätte auch keinen Sinn ergeben, da es in diesem „Tatort“ keineswegs darum geht, einen oder mehrere Täter dingfest zu machen. Murot, Brenner und die anderen kämpfen schlicht ums Überleben.

Buddys aus alten Zeiten: Brenner (l.) und Murot halten zusammen

Außer den offenkundigen Anspielungen auf die genannten amerikanischen Klassiker sind für den Hollywood-affinen Filmfan diverse weitere Anspielungen auf andere bekannte US-Produktionen zu entdecken, aber die findet ihr am besten selbst. Schauspielerisch ist all das über jeden Zweifel erhaben. Ulrich Tukur gehört ohnehin zu den besten deutschen Darstellern, mit Peter Kurth hat er einen ebenbürtigen Partner an seiner Seite. Da wollten die weiteren vor der Kamera Mitwirkenden natürlich nicht zurückstecken, sodass letztlich insgesamt eine überzeugende Ensembleleistung zu Buche steht.

Vom Regisseur von „In den Gängen“

Auf Regisseur Thomas Stuber bin ich erstmals 2018 aufmerksam geworden: Sein in einem Großmarkt in der ostdeutschen Provinz angesiedeltes Drama „In den Gängen“ mit Franz Rogowski und Peter Kurth hatte es mir sehr angetan – und nicht nur mir, wie diverse Auszeichnungen belegen, darunter zwei Preise bei der Berlinale. Bei „Angriff auf Wache 08“ handelt es sich um seinen zweiten „Tatort“ nach „Verbrannt“ (2015) mit Wotan Wilke Möhring. Wie schon bei „In den Gängen“ schrieb Stuber das Drehbuch zusammen mit dem Schriftsteller Clemens Meyer, der in „Angriff auf Wache 08“ auch eine Nebenrolle erhielt: Er spielt den Radiomoderator Ecki, der ab und zu das Tagesgeschehen kommentiert.

Hoffnung für den deutschen Genrefilm

Der 1981 in Leipzig geborene Thomas Stuber bringt frischen Wind in die deutsche Fernseh- und Kinolandschaft. Mit „Tatort: Angriff auf Wache 08“ empfiehlt sich der Regisseur für weitere Aufgaben im Bereich der Genrefilme. Daran mangelt es in Deutschland ja durchaus ein wenig – vielleicht nicht an Talenten mit Genre-Affinität, wohl aber an deren Förderung.

Auch Cynthia Roth wird angeschossen

Ich habe ab der Jahrtausendwende berufsbedingt als Filmredakteur einer Fernsehzeitschrift jahrelang jeden „Tatort“ und jeden „Polizeiruf 110“ gesehen und das ebenso noch eine Weile nach Beendigung meiner Tätigkeit getan. Mittlerweile bin ich davon etwas abgekommen, weshalb der „Tatort: Angriff auf Wache 08“ bei der Erstausstrahlung im Oktober 2019 an mir vorbeigegangen ist. Als ich aber erfuhr, es handle sich um eine Hommage an „Assault – Anschlag bei Nacht“, kannte ich kein Halten mehr, da ich John Carpenter im Allgemeinen und diesen Thriller aus seiner Frühzeit als Regisseur im Besonderen sehr schätze. Die nachträgliche Sichtung hat sich gelohnt, für mich gehört die Folge zu den Höhepunkten der Reihe. Und weil sie bis 20. April 2020 in der Mediathek des Ersten geschaut werden kann, lag es nah, die Episode den Leserinnen und Lesern von „Die Nacht der lebenden Texte“ nachdrücklich ans Herz zu legen.

Wie lange halten die Eingeschlossenen durch?

Länge: 90 Min.
Altersfreigabe: FSK
Originaltitel: Tatort: Angriff auf Wache 08
D 2019
Regie: Thomas Stuber
Drehbuch: Clemens Mayer, Thomas Stuber
Besetzung: Ulrich Tukur, Barbara Philipp, Christina Große, Peter Kurth, Thomas Schmauser, Paula Hartmann, Sascha Nathan, Clemens Meyer
Produktion: Hessischer Rundfunk

Copyright 2020 by Volker Schönenberger
Szenenfotos: © 2019 HR / Bettina Müller

 

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Polizeiruf 110 – Die Lüge, die wir Zukunft nennen: Und führe uns nicht in Versuchung!

Hauptdarstellerin Verena Altenberger bespricht sich mit Regisseur Dominik Graf

Polizeiruf 110 – Die Lüge, die wir Zukunft nennen

Ausstrahlung: Sonntag, 8. Dezember 2019, 20:15 Uhr, Das Erste

Von Volker Schönenberger

TV-Krimi // Zehn Grimme-Preise, ein Bayerischer und ein Deutscher Filmpreis – Dominik Graf gehört zweifelsohne zu den profiliertesten und versiertesten Regisseuren Deutschlands, auch wenn er derlei Zuschreibungen ungern vernimmt und Auszeichnungen skeptisch gegenübersteht. Dabei hat er sich von Anbeginn seiner Karriere dem Genrefilm verschrieben – Action, Krimi und Thriller sind sein Metier, und stets fügt er dem Ganzen eine gehörige Portion Drama hinzu. Seit Mitte der 1970er-Jahre aktiv, feierte Graf 1988 mit „Die Katze“ mit Götz George, Gudrun Landgrebe, Heinz Hoenig und Ralf Richter einen ersten Achtungserfolg im Kino. Zwei Jahre zuvor hatte er mit dem Schimanski-„Tatort: Schwarzes Wochenende“ erstmals die große deutsche Krimireihe um eine Folge bereichert – bis 2017 folgten drei weitere „Tatort“-Episoden. Aus seiner Filmografie lassen sich viele Empfehlungen aussprechen, genannt seien noch die flirrende Ausbrecherjagd „Zielfahnder – Flucht in die Karpaten“ (2016), der herausragende Russenmafia-Zehnteiler „Im Angesicht des Verbrechens“ (2010) und der Actionthriller „Die Sieger“ (1994) mit Herbert Knaup, Katja Flint, Hannes Jaenicke, Meret Becker und Heinz Hoenig, seinerzeit an den Kinokassen gescheitert und von Graf selbstkritisch missbilligend beurteilt, erst 2019 mit der Aufführung des Director’s Cuts bei der Berlinale rehabilitiert.

Polizeioberkommissarin Eyckhoff muss Farbe bekennen

Zum „Polizeiruf 110“ stieß Graf spät: 2005 inszenierte er für den Bayerischen Rundfunk die brillante Episode „Der scharlachrote Engel“ (als Ermittler: Michaela May und Edgar Selge), ein heftiges Stalking- und Vergewaltigungsdrama mit Nina Kunzendorf und Martin Feifel. Es folgten die nicht minder sehenswerten „Polizeiruf 110“-Beiträge „Er sollte tot“ (2006), „Cassandras Warnung“ (2011) und „Smoke on the Water“ (2014). Graf blieb für die Reihe dem Bayerischen Rundfunk und dem Schauplatz München treu, nun hat er mit „Polizeiruf 110 – Die Lüge, die wir Zukunft nennen“ den zweiten Fall der Münchner Polizeioberkommissarin Elisabeth Eyckhoff (Verena Altenberger) inszeniert. Eyckhoff trat erstmals in der von Florian Schwarz gedrehten Folge „Der Ort, von dem die Wolken kommen“ in Erscheinung, die erst im September 2019 im Ersten ausgestrahlt worden war.

Abhöraktion gegen Börsenkriminelle

Gleich zu Beginn sehen wir Eyckhoff in einer Verhörsituation – als Verhörte. Die Haupthandlung entfaltet sich somit als Rückblende, umklammert vom Bericht der Ermittlerin. Sie und ihr Team sind darauf angesetzt worden, die Büroräume von Reiko Fastnacht (Michael Zittel) abzuhören. Der Geschäftsführer von Safe Pack Energy wird des illegalen Börsenhandels verdächtigt – Insidergeschäfte, um es zu präzisieren. Die Technik ist zügig installiert, Eyckhoff, Polizeioberkommissar Wolfgang Maurer (Andreas Bittl), zwei weitere Kollegen und eine Kollegin gehen in der Nähe des Unternehmens in Lauerposition. Schnell erfahren die Ermittler, dass die Aktie des Energie-Anbieters MTT im Begriff ist, einen gehörigen Sprung nach oben zu machen. Das weckt die Gier der unterbezahlten Polizisten, man beschließt, selbst zu investieren. Maurer sowie Roman Blöchl (Robert Sigl), Meryem Chouaki (Berivan Kaya) und Tobias Rast (Dimitri Abold) weihen ihren Kumpel und Ex-Kollegen Heinz „Calli“ Callum (Sascha Maaz) ein, der Frührentner beleiht sogar sein Erbe, um MTT-Aktien zu kaufen. Einzig Eyckhoff beteiligt sich nicht, was weniger an moralischen Erwägungen liegt als daran, dass es ihr schlicht an Geld mangelt, das sie investieren könnte. An Tag X steigt die Aktie tatsächlich im Sekundentakt. Doch dann geht schief, was nur schiefgehen kann, und bald liegen bei den Ermittlern die Nerven blank. Eyckhoff sieht sich derweil genötigt, in Kooperation mit Lukas Posse (Wolf Danny Homann) von der Börsenaufsicht gegen ihr eigenes Team zu ermitteln.

Eine Kostümparty gerät zur …

Ein kleines Stück vom riesigen Kuchen der Finanzwelt und der Wertpapiergeschäfte mit ihren vielen dubiosen Geschäftspraktiken abzuzweigen – wer von derlei Versuchungen frei ist, werfe den ersten Stein. In Zeiten von Dividendenstripping-Machenschaften wie den Cum-ex- und Cum-Cum-Geschäften erscheint mir da ein aufgrund illegaler Erkenntnisse getätigter Aktienkauf mit ein paar zusammengekratzten Kröten fast schon als Kavaliersdelikt. Nicht falsch verstehen, es bleibt ein krimineller Akt, der völlig zu Recht verfolgt wird. Aber Dominik Graf und sein Drehbuchautor Günter Schütter (zu ihm später mehr) inszenieren die Straftat der Strafverfolger natürlich ohne erhobenen Zeigefinger. Hier geht es nicht in erster Linie darum, ein Verbrechen und dessen Täter zu zeigen, sondern eine bei oberflächlicher Betrachtung verschworen wirkende kleine Gemeinschaft zu porträtieren, deren Zusammenhalt auf eine so schwierige Probe gestellt wird, dass sie zwangsläufig daran zerbricht.

Das große Ego eines kleinen Staatsanwalts

Der Regisseur lässt uns den kleinen Trupp anhand eines ausgiebig gezeigten polizeilichen Kostümfests gut kennenlernen. Man feiert und säuft gern gemeinsam, so viel wird schnell deutlich. Diese pulsierenden Sequenzen verlangen gerade zu Beginn Aufmerksamkeit ab, um die Figuren einzuordnen und das eine oder andere Detail zu erfassen, das Graf uns präsentiert und womöglich später noch wichtig wird. Weshalb bekommt ein „großes Ego eines kleinen Staatsanwalts“ Bedeutung? Nur Geduld, wir erfahren es schon. Lineares Storytelling sieht anders aus, und das wird all jene befremden, die mehr aus Gewohnheit sonntagabends das Erste einschalten, um den nächsten „Tatort“ oder „Polizeiruf 110“ wegzuschauen.

… ausgelassenen Sause

Der grandiose Ausnahme-Drehbuchautor Günter Schütter treibt mich mit seinen Ideen und szenischen Überraschungen jedes Mal wieder an wie ein Torpedo-Treibsatz. Ich muss bei ihm meine Regie-Fähigkeiten permanent neu überprüfen, dazulernen, auch dieses Mal wieder vieles anders machen. So Dominik Graf, der für „Polizeiruf 110 – Die Lüge, die wir Zukunft nennen“ zum wiederholten Mal mit Schütter zusammenarbeitete, erstmals 1992 bei einer „Der Fahnder“-Folge. 1993 erneut „Der Fahnder“, 1994 „Die Sieger“, 1995 „Tatort: Frau Bu lacht“, 1997 „Der Skorpion“ (ein Favorit Grafs), dazu vier von Grafs fünf „Polizeiruf 110“-Episoden – wenn ein Regisseur und ein Drehbuchautor einander so sehr zu Höchstleistungen anstacheln wie diese beiden, hat es seine Berechtigung, von einem Dream-Team zu sprechen.

Sex und Gewalt

Was treibt einen Filmemacher wie Dominik Graf an, sein Heil in einem vermeintlich einengenden Format wie „Polizeiruf 110“ zu suchen? Er will Grenzbereiche des Erzählens tangieren, wie er in seinem Vorwort zu Prof. Dr. Marcus Stigleggers „Jenseits der Grenze – Im Abseits der Filmgeschichte“ (2019, Martin Schmitz Verlag) bekennt. In erster Linie in meinem Fall Action, in jedweder Variante, im günstigsten Fall vielleicht sogar innovativ, in jedem Fall möglichst hart, abstoßend. Bemerkenswert, wie es ihm gelingt, diesen Worten mit „Die Lüge, die wir Zukunft nennen“ Taten folgen zu lassen, denkt man bei einem Krimi über Insidergeschäfte an der Börse doch nicht unbedingt an Action. Wer ein wenig über Dominik Grafs Motivationen erfahren will, möge dieses Vorwort und das am Ende von Stigleggers Buch abgedruckte, 2010 geführte Gespräch der beiden lesen. Daraus scheint mir eine weitere Äußerung Grafs passend zu sein: Es gibt zwei Dinge, die mich beim Filmen und beim Schneiden am meisten interessieren. Das eine ist eine Dialogkultur, auch mit Humor, eine gewisse Smartness in Rede und Gegenrede, Sarkasmus, auch Zynismus. Selbst in den düstersten Werken muss irgend etwas von den Autoren bitte, bitte auch lustig geschrieben sein. Und das andere ist die Körperlichkeit, und da nehme ich jetzt mal die Körperlichkeit des Sexuellen und der Gewalt zusammen, weil das im Kino doch in der Praxis recht ähnliche Dinge sind. Genau das hat Graf auch diesmal wieder umgesetzt, ebenso wie: Bei jeder Art von Voyeurismus bin ich vollkommen im filmischen Bereich. Man sieht die Technik der Polizeiarbeit, es geht nur darum, dass man Leuten bei der Arbeit zusieht, die anderen Leuten zusehen. Das kommt bei meinen Polizeifilmen sehr oft vor, da gibt es ganze Sequenzen im Einsatzraum, wo man sogar die einzelnen Sätze nicht verstehen muss … Zugegeben etwas bequem von mir als Rezensent, den Filmemacher sein eigenes Werk beschreiben zu lassen, aber es passt hier so gut. Sex und Gewalt brechen sich in „Polizeiruf 110 – Die Lüge, die wir Zukunft nennen“ nur punktuell Bahn, und den Sex inszeniert er einmal beiläufig (um einen Ehebrecher zu zeigen), einmal verspielt und einmal inklusive eines kurz angedeuteten Cunnilingus als Bestandteil einer Bestechung. Großartig, da stets der Story oder zumindest der Charakterisierung der Figuren dienlich. Die Gewalt als Gegenpol wirkt so schmerzhaft, wie sie es auch ist.

Als Handwerker getarnt schreitet das Team …

Fast ein wenig unfair, dem Regisseur so viel Raum zu gewähren, ohne die Hauptdarstellerin zu erwähnen, daher lassen wir Verena Altenberger zu ihrem Recht kommen. Die Gute scheint im Fernsehen erfreulich ausgelastet zu sein, spielt seit 2017 die Titelrolle in der RTL-Comedyserie „Magda macht das schon!“ und war Anfang 2019 im österreichischen Sechsteiler „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ als Mutter Elsie zu sehen. Ihre „Polizeiruf 110“-Ermittlerin Elisabeth Eyckhoff spielt sie angenehm unaufgeregt, lässt sich mal die Butter vom Brot nehmen und dann doch wieder nicht. Eine zierliche Frau behauptet sich mit Schlagfertigkeit in der rauen Männerwelt der Polizei – das habe ich jetzt viel klischeehafter heruntergeschrieben, als Dominik Graf es inszeniert und Altenberger gespielt hat. Ein um ein ganzes Ermittlerteam herum aufgebauter Fall wie dieser funktioniert nur als Ensembleleistung, und ihre Kolleginnen und Kollegen stehen ihr in nichts nach.

Altenbergers „Polizeiruf 110“-Debüt „Der Ort, von dem die Wolken kommen“ kann noch bis März 2020 in der ARD-Mediathek geschaut werden, die Folge „Die Lüge, die wir Zukunft nennen“ wird im Anschluss an die Erstausstrahlung dort ebenfalls zu finden sein. Jedenfalls macht sie Lust auf mehr. Ihre Premiere feierte die Folge im Übrigen am 25. Oktober 2019 bei den Hofer Filmtagen. Durchaus angemessen für den TV-Film eines Regisseurs, der Fernsehen gern wie Kino inszeniert. Oder anders: bei dem diese Abgrenzung von Fernsehen und Kino irrelevant erscheint. Mehr davon!

Nebenrolle für den Regisseur von „Laurin“

Kurz zu einer interessanten Personalie, die sich mit Roman Blöchl offenbart, Teil von Eyckhoffs Abhörteam: Robert Sigl, Regisseur des außergewöhnlichen Horrorthrillers „Laurin“ (1989) sowie vieler Filmepisoden von „Aktenzeichen XY – Ungelöst“. Sigl, hierzulande lange Zeit verkannt, aber immerhin ab und zu vom Fernsehen beschäftigt, hat aktuell drei Filme in Vorbereitung: „Golgatha“, „The Blind Room“ und „The Mandylion“. Genrefilme, zum Teil mit religiösem Bezug – interessant. Drücken wir ihm dafür die Daumen!

… zur Überwachungsaktion

Dominik Graf hat gerade den vom ZDF mitproduzierten Kinofilm „Fabian“ mit Tom Schilling in der Titelrolle abgedreht, eine Adaption von Erich Kästners „gleichnamigem Roman“, auch als „Der Gang vor die Hunde“ bekannt. Das Porträt eines Idealisten in der ausgehenden Weimarer Republik scheint mal wieder nicht unbedingt das zu sein, was das deutsche Publikum in Massen in die Lichtspielhäuser treiben wird, verspricht aber ein interessantes und außergewöhnliches Werk zu werden.

Lukas Posse von der Börsenaufsicht hat die korrupten Bullen im Visier

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Dominik Graf haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Bald liegen die Nerven blank

Länge: 90 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Polizeiruf 110 – Die Lüge, die wir Zukunft nennen
D 2019
Regie: Dominik Graf
Drehbuch: Günter Schütter
Besetzung: Verena Altenberger, Andreas Bittl, Wolf Danny Homann, Berivan Kaya, Robert Sigl, Dimitri Abold, Sascha Maaz, Ursula Gottwald, Michael Zittel, Emma Jane, Catalina Navarro Kirner, Gisela Hahn, Claudia Messner, Christian Baumann, Niklas Kearney, Silke Heise
Produktion: maze pictures GmbH, im Auftrag des Bayerischen Rundfunks

Copyright 2019 by Volker Schönenberger
Szenenfotos: © 2019 Bayerischer Rundfunk / maze pictures GmbH

 

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Zielfahnder – Flucht in die Karpaten: Krimi-Glanzstück nicht nur für TV-Zuschauer

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Die beiden Häftlinge wollen über die polnische Grenze fliehen

Zielfahnder – Flucht in die Karpaten

Von Simon Kyprianou

Krimi // Der rumänische Verbrecher Caramitru (Dragos Bucur) sitzt wegen diverser Verbrechen in Deutschland ein, kann aber aus dem Gefängnis ausbrechen und über Polen nach Rumänien flüchten. Die beiden Zielfahnder Landauer (Ulrike C. Tscharre) und Schröder (Ronald Zehrfeld) nehmen die Verfolgung auf, unterstützt werden sie von der rumänischen Polizei.

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Sie hängen ihre Verfolger ab und schaffen den Grenzübertritt

Dominik Grafs Krimi beginnt mit dem Ausbruch und der Flucht nach Polen. Landauer und Schröder sind Caramitru dicht auf den Fersen. Diese nächtliche Verfolgung ist so schön, so ungestüm, so schnell inszeniert, wie man es aus dem deutschen Genrekino kaum kennt. Innerhalb dieses Chaos – der hektischen Montage zwischen den Ermittlern, der Leitstelle, den Flüchtenden – inszeniert Graf diese Szene mit einem wunderbaren Gespür für Rhythmus.

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Kaum in Rumänien angekommen, gibt es bereits Ärger

Nach diesem furiosen Anfang findet der Film Ruhe, wenn die Ermittler in Bukarest ankommen und sich erst einmal in die fremde Stadt einfinden müssen. Sie tauchen ein ins Nachtleben der Stadt, um die Spuren zu finden, die Caramitru hinterlassen hat, und müssen auf die harte Tour lernen, wie gefährlich ihre Ermittlungen sind. Die beiden erhalten einen Tipp, der sie in ein kleines Dorf am Fuße der Karpaten führt. Dort will Caramitru an der Hochzeit seiner Schwester teilnehmen.

Geschichten an der Peripherie des Plots

Die Szenen im Dorf sind die schönsten im Film. Rolf Basedows Drehbuch ist wie immer fantastisch recherchiert und so kann Dominik Graf die Story einfach beiseiteschieben und eintauchen in die Hochzeitsfeierlichkeiten, die Bräuche und die Eigenheiten des Landes. Überhaupt klebt Graf wie für ihn üblich nicht fetischistisch am Plot, sondern lässt ihn oft aus dem Fokus geraten, um das Leid einzufangen, die Geschichten, die an der Peripherie der eigentlichen Geschichte stattfinden: Ein hochrangiger Polizeibeamter, den seine Leidenschaften und seine Sehnsucht zerfressen haben, eine Sekretärin, deren Liebe zu ihrem Bruder sie zur Mittäterin macht, eine alte Rumänin, die von der EU, in die sie so viel Hoffnung gesetzt hatte, bitter enttäuscht wurde. Basedows Drehbuch schaut nicht stur geradeaus, es ist der Blick nach links und rechts der dem Film Tiefe verleiht.

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Die Zielfahnder heften sich in den rumänischen Nachtclubs an Caramitrus Fersen

Die Schauspieler sind herausragend. Zehrfeld ist ja mittlerweile Stammschauspieler bei Graf und Christian Petzold, seine bullige Physis und sein sehr körperliches Spiel passen gut zu dieser Art Genrekino, wie Graf und Petzold es machen. Auch Tscharre ist sehr gut, ihre Rolle als Polizistin, deren Leben vom Schmerz der Vergangenheit entstellt wird, ist ebenfalls hervorragend geschrieben.

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Ein Tipp führt sie zur Hochzeit seiner Schwester

Das Finale auf den Gipfeln der Karpaten ist wirklich furios inszeniert. Wenn dann der Schmerz aller Figuren am größten ist, bricht der Film einfach ab und es wundert einen fast, den ARD-Abspann zu sehen. Man hat in diesem wunderbaren Genrefilm völlig vergessen, dass man öffentlich-rechtliches Fernsehen schaut.
Leider erscheint „Zielfahnder – Flucht in die Karpaten“ vorerst nicht auf DVD, aber man kann den Film eine Woche nach seiner Erstausstrahlung in der Mediathek ansehen. Es lohnt sich.

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Auf den ersten Blick scheint Caramitru gefasst …

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Dominik Graf haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

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… aber es kommt zum Showdown in den Karpaten – und der Verbrecher ist gerüstet

Veröffentlichung: 19. November 2016 als TV-Premiere im Ersten, in der Mediathek abzurufen bis 26. November 2016

Länge: 112 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: –
Originaltitel: Zielfahnder – Flucht in die Karpaten
D 2016
Regie: Dominik Graf
Drehbuch: Rolf Basedow
Besetzung: Ronald Zehrfeld, Ulrike C. Tscharre, Dragos Bucur, Radu Banzaru, Arved Birnbaum, Hanno Friedrich, Axel Moustache, Victoria Sordo, Leni Speidel, Eugen Pirvu

Copyright 2016 by Simon Kyprianou
Fotos: © 2016 WDR, Thomas Kost

 

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