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Tatort Paris – Selig sind die geistig Armen?

125, rue Montmartre

Von Tonio Klein

Krimi // „Wenn etwas so verrückt klingt, muss es wahr sein“, so – sinngemäß – einmal der Pariser Zeitungs-Straßenverkäufer Pascal (Lino Ventura). Der Zuschauer ahnt: Ist es aber nicht. Pascal hat den (vorgeblich?) lebensmüden Didier (Robert Hirsch) aus der Seine gefischt und unter seine Fittiche genommen. Didier berichtet von einem wilden Komplott: Seine Frau Catherine (Andréa Parisy) und ihr Schwager und Geliebter Philippe (Alfred Adam) trachteten danach, ihn in die Klapse zu bringen, um sich sein Geld und seinen Grundbesitz unter den Nagel zu reißen. Schließlich willigt Pascal ein, nach Didiers Anweisungen Geld, welches ihm gehöre, aus der ehelichen Wohnung zu entwenden. Statt Didier nimmt ihn die Polizei in Empfang, und auf einmal liegt da eine Leiche, sodass Philippe nicht nur des Einbruchdiebstahls, sondern auch des Mordes verdächtig ist.

Man teilt sein Schicksal und sein Bett

Der Film nimmt sich zunächst viel (vielleicht ein bisschen zu viel) Zeit, um ins Milieu einzuführen. Sehr französisch und an Originalschauplätzen in Paris gefilmt ist das alles. Es gibt Musette-Akkordeonklänge und einen Einblick in das tägliche Leben der sogenannten einfachen Leute, die manchmal mürrisch sind, aber in einem Jeder-kennt-jeden zusammenhalten und dem gutbürgerlichen Essen und Rotwein in einem Restaurant frönen. Wer den Film völlig ohne Vorkenntnisse und Blick auf das Cover einlegt, weiß eine Weile nicht, ob dies ein Noir-Krimi oder ein völlig anderes Genre ist. Was aber höchstens minimal von Nachteil ist. Diese Milieuschilderung ist durchaus einen Blick wert und auch erfrischend offen in einer Zeit, in der in den USA die Zensur erst sehr langsam zu bröckeln begann und James Stewart in „Anatomie eines Mordes“ (1959) erstmals „slip“ (im Deutschen „Höschen“) sagen durfte und mit selbigem (der natürlich ein Damenslip ist) auch ausgiebig vor der Richterbank herumwedelt. „Tatort Paris“ hingegen nimmt es französisch selbstverständlich, dass Arbeitskollegin Germaine (die im Deutschen zu Babette wurde und von Dora Doll verkörpert wird) mit Pascal gelegentlich das Doppelbett teilt und nicht alle vier Füße auf dem Boden sind – ohne Trauschein. Das ist auch Pascals Lebensmotto: Gutes Essen und ab und an mal ’ne Frau. Er ist in seiner Schlichtheit nicht unsympathisch, auch wenn einem Germaine leidtut, die erkennbar mehr von dem Mann will als er von ihr.

Germaine wird da nicht hocken bleiben

Wenn Pascal seine Mischung aus instinktiver Aufrichtigkeit und sagenhafter Naivität in die Kalamitäten reitet, sind wir eben doch beim Film noir, nicht nur wegen der kontrast- und schattenreich fotografierten nächtlichen Hausflure. Das unsagbar perfide Komplott, der reine Tor (Ventura hat die Unbedarftheit eines Robert Cummings und die Schroffheit eines Humphrey Bogart), der zum nützlichen Idioten von Verbrechern wird, deren eine die Femme fatale ist. Das ist gute Unterhaltung und mit einem furiosen Finale Das ist gute Unterhaltung und mit einem furiosen Finale garniert. Zirkusmilieu als Metapher für Mimikry geht immer. Ob es eine direkte Verbindung gibt, ist mir nicht bekannt, aber sollte das starke Finale in Alfred Hitchcocks meisterlichem Frühwerk „Mord – Sir John greift ein“ (1930) Pate gestanden haben, wäre das nicht die schlechteste Reverenz und Referenz.

Gewisse Schwächen …

Als Krimi ist der Film indes auch nicht mehr als solide. Sehr entfernt erinnert die Konstruktion an Hitchcocks „Vertigo – aus dem Reich der Toten“ (1958), in dem eine Person ebenfalls unter falscher Identität Teil eines Mordkomplotts war. Hier wie dort ist von extremer Unwahrscheinlichkeit, dass das Verbrechen dergestalt auch nur ansatzweise klappen könnte, und im vorliegenden Film hat es etwas mehr gestört: Hitchcock, das kann man mögen oder nicht, ist zugutezuhalten, dass seine Intrigen konsequent Mittel zum Zweck des Psychologischen statt Logischen sind. Bei Gilles Grangiers „Tatort Paris“ werden die Schwächen nicht so gut überdeckt. Wie beispielsweise konnte Didier allen Ernstes davon ausgehen, dass der ihm beim Sturz in den Fluss nicht bekannte Pascal von einer Art ist, dass er sich unproblematisch einwickeln lässt und ihm noch den größten Quatsch abkauft? Wieso können sich die Verbrecher so sicher sein, dass die Polizei Pascal seine Geschichte nicht glaubt, wo doch Didier, den es laut dem Plan nie gegeben habe, Spuren hinterlassen und zwei Tage mit Pascal – auch in der Öffentlichkeit – verbracht hat? Wieso spielen sie ab einem gewissen Zeitpunkt Pascal gegenüber mit offenen Karten, obwohl sie sich noch gar nicht sicher sein können, dass diesem sowieso kein Gehör geschenkt werde? Und – etwas off topic, aber ein unnötiger Schnitzer – warum heißt der Film im Original eigentlich gemäß der Romanvorlage „125, rue Montmartre“, obwohl das titelgebende Haus nach „14, rue Mandel“ verlegt wurde? Und wieso ist der Grund, aus dem Germaine ihren Pascal schließlich entlastet, wirklich arg hanebüchen?

… und Stärken

Zumindest Letzteres immerhin lässt sich erklären, und damit kommen wir zu den Aktiva des Filmes: Germaines Erklärung ist wirklich himmelschreiend blöd, was Pascal ihr auch offen sagt – und sie in den Arm nimmt. Weil zu diesem Zeitpunkt offenkundig ist, dass Pascal selbst sich nicht minder blöde angestellt hat und er das dann auch weiß, ist der „Guck mal in den Spiegel“-Effekt der Szene sicherlich kein Betriebsunfall, sondern wohlkalkuliert. Das überzeugt: ein Plädoyer für die – nun, nicht Blödheit, aber Gutgläubigkeit, und wider die gerissene Falschheit. Das gibt es ja schon in der Bergpredigt – siehe die Überschrift dieses Textes. Wenn übrigens zwei Zirkusclowns am Ende eine Nummer aufführen, in der einer den anderen veräppelt und sie es sodann mit einem Dritten versuchen wollen, sagen sie sinngemäß: „Glaubst du, dass einer, der daherkommt, noch blöder ist als wir?“ Der dritte Clown – natürlich symbolisch für Pascal – kommt daher, scheint tatsächlich noch blöder, aber legt die beiden anderen herein. Das ist in der Krimihandlung etwas weniger überzeugend, da Pascal seine liebe lange Zeit dafür braucht und die Verbrecher erst im Taumel des Siegesgewissen Dummheiten anstellen. Gleichwohl eine schöne Metapher.

Pascal verkauft Zeitungen und lässt sich selbst für dumm verkaufen

Erfreulich ist in einem Film, in dem im Grunde nur der Kommissar (Jean Desailly) ein schlauer Kopf ist, dass er sein Lob der idealistischen Schlichtheit nicht romantisch verklärt. Pascal nimmt nämlich die Lehre mit, dass einem das Schicksal seines Umfeldes am besten piepegal sei und man sich nicht einmische. So wird er nicht nur den zum zweiten Mal vorkommenden heftigen Krach zwischen einer Nachbarin und ihrem Freund ignorieren, um ungestört die Nacht mit Germaine zu verbringen, sondern auch ansonsten (außer gegenüber Germaine) empathie- und teilnahmsloser, ja auch egoistischer sein als zuvor. „Misch dich nicht ein, dann bekommst du keinen Ärger.“ Ob die Welt besser ist, wenn man das Elend um sich herum ignoriert und (nicht nur vermeintliche) Selbstmörder einfach machen lässt? Wohl kaum, und der Film weiß das. Das letzte Bild ist sehr subtil, und eine Art Gag ist nur beim genauen Aufpassen bemerkbar, weil das Wort „fin“ da schon zum Bierholen einlädt: Anfangs haben wir erfahren, dass Pascal seinen Job derzeit nicht mit dem Fahrrad erledigen kann, weil die Kette immer rausspringt, und das könne der Mechaniker nicht sofort richten. Am Ende sehen wir erstmals, wie Pascal zurück im Job ist – mit dem Fahrrad. Ende gut, alles gut? Nein, nur ein Ruckeln und ein Stehenbleiben deuten an, dass die Kette schon wieder herausgesprungen ist.

Der Kommissar ganz oben, Pascal ganz unten und die Femme fatale noch auf komfortabler Höhe

Der Krimi liegt in hervorragender Bild- und ordentlicher Tonqualität vor; kleine Deutschfehler der alten Synchronisation („für einen wie du“) verzeihe ich gern. Wenn schon der französische Titel verrutscht ist, so ist der deutsche wenigstens nur ein nichtssagender Allerweltstitel. Das Extra (Nachdruck der „Illustrierte Film-Bühne“ 5187) zeigt, dass es den deutschen Titel schon vor der „Tatort“-Reihe gab, die sich ungebrochener Beliebtheit erfreut. Indes: Dass das DVD-Cover bei einem Film völlig ohne Schusswaffen mit einem Fadenkreuz-Logo arbeitet, ruft zusammen mit dem Wort „Tatort“ die Assoziation hervor, dass es für manche die größte Unhöflichkeit ist, wenn Menschen sie sonntags zwischen 20.15 und 21.45 Uhr anrufen. Das ist so durchschaubar wie unstimmig.

Auf die Dauer, Pascal-Schatz, ist Germaine dein Ankerplatz

Veröffentlichung: 20. August 2021 als DVD

Länge: 83 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Französisch
Untertitel: keine
Originaltitel: 125, rue Montmartre
F 1959
Regie: Gilles Grangier
Drehbuch: André Gillois (auch Romanvorlage), Jacques Robert, Gilles Grangier
Besetzung: Lino Ventura, Andréa Parisy, Robert Hirsch, Jean Desailly, Dora Doll, Alfred Adam
Zusatzmaterial: Trailer, Nachdruck „Illustrierte Film-Bühne“, Wendecover
Label: Pidax Film
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2021 by Tonio Klein

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2021 Pidax Film

 

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Zum 100. Geburtstag von Ann Savage: Apology for Murder – Auch fremde Federn können noch fliegen

Apology for Murder

Von Tonio Klein

Thriller // Manche Stars haben das Glück oder den Fluch, mit nur einem Film oder einer Serie assoziiert zu werden. Oftmals völlig zu Unrecht – Vivien Leigh hat eben nicht nur „Vom Winde verweht“ (1939) gemacht und Peter Falk nicht nur „Columbo“ (1968–2003). Bei Ann Savage fällt einem sofort „Detour – Umleitung“ (1945) ein, der B-Film noir, der völlig zu Recht Kult ist und nicht nur in diesem Blog bereits gewürdigt wird. Während bei Falk und Leigh die Suche nach weiteren Filmen nicht schwer ist und der Fan sofort etwas wie „Endstation Sehnsucht“ (1951) oder „Eine Leiche zum Dessert“ (1976) nennen wird, muss man bei Savage schon graben. Nun gut, natürlich ist das Auffinden einer Filmografie im Internet nicht schwierig – aber was außer eben „Umleitung“ könnte etwas taugen? In „Woman They Almost Lynched“ (1953) vom angesehenen Allan Dwan rangierte sie mir zu weit hinten. Alles vor 1945 erscheint mir etwas seicht (und man möge mir verzeihen, nicht alles ausprobiert zu haben). Aber könnte „Umleitung“ nicht ein bisschen Kielwasser haben? Ja, wenigstens ein bisschen. Während mir „The Last Crooked Mile“ (1946) als Murder Mystery etwas zu glatt war und nur sporadisch Noir-Düsternis aufweist, hat „Apology for Murder“ eine ganze Wagenladung davon.

Nachdem Ann Savage als Starlet bei „Columbia“ nicht viel mehr als belanglose B-Filme machen konnte, nahm sie das Angebot der Producers Releasing Corporation (PRC) an, „Umleitung“ zu drehen. Das legendäre Poverty-Row-Studio konnte gelegentlich winzige Budgets mit ungestümer Kreativität ausgleichen, vor allem, wenn Edgar G. Ulmer Regie führte. Der inszenierte aber nur „Detour“, nicht „Apology for Murder“, den man schnell während der Postproduktion von „Detour“ noch herunterkurbelte und sogar eher und noch unscheinbarer beworben in die Kinos brachte.

Double Double Indemnity

Ist aber nicht so schlimm, jedenfalls, wenn man sich nicht auf ein zweites Wunder einstellt. Offenbar war den Produzenten halbwegs klar, dass Savage als Dreckstück, das sie in „Umleitung“ ohne jeglichen Femme-fatale-Glamour war, ein zweites Mal zünden konnte. Und das kann sie. Wobei jeder sich fragen muss, wie übel er es „Apology for Murder“ nimmt, ein reichlich unverschämtes Rip-off von Billy Wilders Film noir „Frau ohne Gewissen“ (1944) zu sein, im Original „Double Indemnity“ betitelt. Wheeler Dixon berichtet in seinem Buch „Cinema at the Margins“ (2013) sogar, dass der Arbeitstitel „Strange Indemnity“ war und Paramount als Studio von „Double Indemnity“ gerichtlich gegen die Produktion trotz zwischenzeitlich geänderten Titels vorging. Die inhaltlichen Parallelen sind aber auch wirklich frappierend. Aber, liebe Paramount, wozu der Zinnober? „Frau ohne Gewissen“ ist eine Eiche, die es nicht kümmern muss, wenn eine Sau sich an ihr reibt. Ja, mehr noch: Es gereicht der Eiche zur Ehre, und die Sau ist zu unwichtig. Also Schwamm drüber, denn obwohl die beiden Werke sich nun wirklich nicht messen können: Die Sau ist eher ein kecker Bastard und als solcher nicht ohne Reiz. Wenn ein Team, dessen Talent nicht gerade den Ed-Wood-Niveauboden erreicht, von etwas sehr sehr Gutem klaut, ist das Ergebnis immer noch ansehnlich. Auch fremde Federn können noch fliegen.

Vorzüge …

Gier, Begehren, Femme fatale, ihr verfallener, höriger Mann, umzubringender Ehemann, ein Wagen, dessen Nichtanspringen Suspense bringt, das bleihaltige Finale mit Abgründen in den Gesichtern und Schatten/Kontrasten, die Akte der Fremd- und Selbstverletzung (beides voneinander untrennbar), der Sterbende, der noch seine Lebensbeichte zu Protokoll bringen kann: Nicht nur die großen Linien, sondern auch auffällig viele Details sind aus „Frau ohne Gewissen“ bekannt. Toni (Savage) becirct den Reporter Kenny (Hugh Beaumont), klagt vom Eheleid, dem sich nicht durch Scheidung entfliehen ließe – der selbstredend reiche Mann Harvey (Russell Hicks) müsste schon einen Unfall haben. „Oder man müsste es wie einen Unfall aussehen lassen.“

Einmal von Toni ins Gespräch gebracht, können wir dem noch zu widerstreben scheinenden Kenny dabei zusehen, wie er keine Chance hat und im Grunde nie eine hatte. Geht immer – ob abgekupfert oder nicht. Die Dialoge enthalten immerhin leicht doppelbödige Zeilen über „human interest“, womit Kenny seine Reportagen würzen möge, aber Geschäftsmann Harvey sagt: „I’m not interested in human interest.“ Dass hingegen Kennys „menschliches Interesse“ im Sinne von Empathie nur vorgeschoben ist, deutet bereits seinen in guter fatalistischer Noir-Tradition unausweichlichen (Ver-)Fall an. Und so kommt es auch. Savage ist zwar nicht auf so bemerkenswert glamourlose Weise verkommen wie in „Umleitung“, hat aber ein paar ausgesprochen überzeugende Szenen: Im Erstauftritt sehen wir zunächst nur ihren schlenkernden Unterschenkel (eine Anspielung auf Barbara Stanwycks Fußkettchen aus „Frau ohne Gewissen“?), dann zieht sie kokett und mit süffisantem Lächeln den Rock übers Knie, also nach unten. Da wahrt sie die Fassade und spielt gleichzeitig bewusst mit der Verlockung, die unter diesem Rock ist. Die Geste wird sie später umkehren, den Rock nach oben schieben – wissend, dass sie ihr Opfer gefunden hat und nun völlig mit offenen Karten spielen kann. Schließlich der Moment des Mordes: Natürlich ist es in Very-low-budget-Filmen ein beliebter Trick, einen Moment auszusparen und eine Aktion nur über die Tonspur zu suggerieren. Aber dass die Kamera dabei ohne Schnitt auf die Savage hält, gibt ihr Gelegenheit, zwar eine Reaktion, aber eine emotionale Ungerührtheit zu zeigen, die gleichzeitig fasziniert und erschaudern lässt. So geht es wohl auch Kenny …

… und kleine Abzüge in der B-Note

Der Film ist insgesamt ein typischer B- oder auch C-Film, und wenn – wie hier – nicht völlige Talentlosigkeit herrscht, geht das oft gar nicht mal schlecht. Zumindest, wenn man die richtige Erwartungshaltung hat. Womit ich nicht meine, à la „SchleFaZ“ über Trash die Häme auszukübeln, sondern einen soliden Unterhaltungsquickie zu genießen und die kleineren Macken und fehlenden Feinheiten großmütig zu verzeihen. Dann funktioniert „Apology for Murder“ wirklich gut. Erwartet aber bitte nicht annähernd die Qualität, die RKOs B-Abteilung seinerzeit unter dem Produzenten Val Lewton erreicht hat!

Um leise Töne, Umwege, Andeutungen ist das Krimidrama fast nie bemüht, das geht immer direkt zur Sache, da sind das Schlenkerbein, die vorgegaukelte Liebe, die Mordfantasie, schließlich der Mordplan, später der Betrug der Femme fatale sofort da. Man hat ja nicht x Drehtage, der fertige Film soll zudem in gut einer Stunde durch sein, um als Doppelprogrammfüller sein Dasein zu fristen. Also geradeaus und geradeheraus erzählt, kein Umtänzeln und Antäuschen, sondern immer sofort zur Sache, feste druff und am besten gleich in die Magengrube. Das hat nicht nur Nachteile, sondern auch Vorteile. Nichts für Feingeister, aber von einer archaischen Urkraft, die gerade dem Fatalistischen des Noir nicht mal schlecht ansteht.

Toni sieht den Mord, keinen Unfall!

Wobei ich es mir mit der Direktheit in der Gestaltung dann doch etwas dezenter gewünscht hätte. Da ist des Filmes Versuch, mangelnde Finesse durch Wucht zu ersetzen, nämlich ein bisschen durchsichtig, und weniger wirkungsvoll. Muss man wirklich die Musik über einen so hohen Anteil von Szenen kleistern? Man muss schon Edgar G. Ulmer sein, um etwas Vergleichbares zu können, wie sein durchgängig musikunterlegter „Die schwarze Katze“ schon 1934 zeigte, als noch niemand das machte. Hier hingegen merkt man insbesondere an den Szenenanschlüssen, dass die Musik im Nichts endet und neue Musik aus dem Nichts kommt, alles wie Konservendosen aneinandergereiht – hier sind die „Hörwerte“ wirklich plump draufgeklatscht.

Aber das verursacht – jedenfalls mir – eher ein „So machte man das eben“-Schmunzeln als ein Naserümpfen. Billige Filme, die dergestalt mal eben einen hohen Musikanteil reinbringen, sind gar nicht selten, bis hin zu Russ Meyer, der Musikern schon mal sagte, sie mögen für eine Handvoll Dollar eine Stunde lang sonstwas spielen. Nun denn. „Apology for Murder“ reicht weder an „Frau ohne Gewissen“ noch an „Umleitung“ heran, bietet aber ordentliche Unterhaltung, erhellend über Techniken und Taktiken des Billigfilms und zudem mit einer schön abgründigen und darin überzeugenden Ann Savage.

Glückwunsch, Ann Savage!

Unter welchen Voraussetzungen ihre kurze Karriere ausbaufähig gewesen wäre, lässt sich schwer sagen. Zumal ich mich vorher nicht groß mit ihrer Person beschäftigt hatte, weswegen mir verziehen sei, das Folgende von Wikipedia und der IMDb übernommen zu haben (mein Hauptberuf des Juraprofessors hat mir aber schon oft gezeigt, dass Wiki insgesamt wesentlich besser als sein Ruf ist). Nach einer gewissen Pin-up-Karriere und Fließband-Drehs von 1943 bis 1946 lichten sich die Einträge; in den 1950er-Jahren kam das Fernsehen und nach 1955 drehte sie nur noch sporadisch. Am öffentlichen Filmleben nahm sie aber noch teil, bis sie nach mehreren Schlaganfällen am 25. Dezember 2008 im Alter von 87 Jahren in Hollywood starb. „Savage“ – den Namen hatte ihr Max Reinhardt während ihrer Zeit an seiner Theater- und Filmakademie verpasst – war sie nur in wenigen Filmen. Aber die, speziell einer, sicherten ihren Ruf. Am 19. Februar 2021 wäre die in Columbia, South Carolina, als Berniece Maxine Lyon Geborene 100 Jahre alt geworden.

„Apology for Murder“ ist rechtefrei verfügbar und lässt sich ganz legal im Internet ansehen, zum Beispiel auf YouTube. Eine DVD- oder Blu-ray-Veröffentlichung habe ich nicht gefunden, obwohl es in einem Text auf der Seite „Film Noir of the Week“ am Ende heißt, es existiere eine. Aktuelle entsprechende Angebote dürften aber von Personen stammen, die TV-Aufzeichnungen oder Heruntergeladenes selbst auf eine Scheibe pressen, sodass die Qualität mutmaßlich ebenso wie die im Netz ist. Dort muss man die Kröte einer miesen technischen Qualität schlucken. Wer dazu bereit ist, kann Geschmack an dem Film und Ann Savage in ihm finden.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Ann Savage haben wir in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgeführt.

Länge: 67 Min. (lt. IMDb und Wikipedia) oder 64 Min. (Online-Version)
Originaltitel: Apology for Murder
USA 1945
Regie: Sam Newfield
Drehbuch: Fred Myton
Besetzung: Ann Savage, Hugh Beaumont, Russell Hicks, Charles D. Brown, Pierre Watkin, Sarah Padden, Norman Willis, Eva Novak, Budd Buster

Copyright 2021 by Tonio Klein
Filmplakat: Fair Use

 

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Gewinnspiel: 3 x Kilometerstein 375 auf Blu-ray

Verlosung

Robert Mitchum spielt einen Whiskeyschmuggler auf der „Thunder Road“ – so der Originaltitel. Wo der deutsche Verleih seinerzeit den titelgebenden KILOMETERSTEIN 375 entdeckt hat, wird auf ewig sein Geheimnis bleiben. Das Label explosive media hat das Thrillerdrama von 1958 als Blu-ray und DVD veröffentlicht, der Vertrieb Koch Films hat uns davon drei Blu-rays zum Verlosen zur Verfügung gestellt. Dafür herzlichen Dank im Namen der kommenden Gewinnerinnen und Gewinner.

Teilnahmebedingungen

Da „Die Nacht der lebenden Texte“ nach wie vor keinen Cent Ertrag abwirft (die unten ab und zu eingeblendete Werbung schaltet WordPress): Wer möchte, darf mir im Gewinnfalle gern anbieten, das Porto in Höhe von 1,55 Euro zu übernehmen – oder höher beim Wunsch nach versichertem Versand. Dies ist aber völlig freiwillig und keine Teilnahmevoraussetzung. Nicht freiwillig, sondern verbindlich hingegen: Zwecks Teilnahme am Gewinnspiel begebt Ihr euch zu Tonios Rezension des Films und beantwortet dort (also nicht hier unter dem Gewinnspiel) bis Sonntag, 14. Februar 2021, 22 Uhr, im Kommentarfeld die Frage im letzten Absatz des Textes.

Seid Ihr dazu nicht in der Lage, so schreibt das einfach hin. Alle veröffentlichten Antworten landen im Lostopf. Nicht verzweifeln, wenn Ihr euren Kommentar nicht sogleich erblickt – aus Sicherheitsgründen schalten wir ihn erst frei. Das ist aber Formsache.

Folgt „Die Nacht der lebenden Texte“!

Wollt Ihr kein Gewinnspiel und keine Rezension verpassen? Folgt „Die Nacht der lebenden Texte“! Entweder dem Blog direkt (in der rechten Menüleiste E-Mail-Adresse eintragen und „Folgen“ anklicken) oder unserer Facebook-Seite.

Der Rechtsweg ist ausgeschlossen

Teilnahmeberechtigt sind alle, die eine Versandanschrift innerhalb Deutschlands haben oder bereit sind, die Differenz zum Inlandsporto zu übernehmen. Für Transportverlust übernehme ich keine Haftung (verschicke aber sicher verpackt und korrekt frankiert). Gewinnerinnen oder Gewinner, die sich drei Tage nach meiner zweiten Benachrichtigung nicht gemeldet haben, verlieren den Anspruch auf die Blu-ray. In dem Fall lose ich unter den leer ausgegangenen Teilnehmerinnen und Teilnehmern einen neuen Namen aus.

Nur eine Teilnahme pro Haushalt. Ich behalte mir vor, Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicht für den Lostopf zuzulassen oder ihnen im Gewinnfall nachträglich den Preis abzuerkennen, sofern mir Mehrfachteilnahmen unter Alias-Namen unterkommen. Autorinnen und Autoren von „Die Nacht der lebenden Texte“ sowie deren und meine Familienmitglieder dürfen leider nicht mitmachen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Die Gewinner/innen werde ich im Lauf der Woche nach Ende der Frist bekanntgeben, indem ich diesen Text um einen Absatz ergänze, und sie auch per E-Mail benachrichtigen.

Gewonnen haben

– Oliver Flothkötter,
– K. Jensen,
– Rainer Pampuch.

Herzlichen Glückwunsch! Ihr werdet benachrichtigt.

Die Rezension von „Kilometerstein 375“ findet Ihr auch hier.

Copyright 2021 by Volker Schönenberger

 

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