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Des Teufels Lohn – Allein gegen alle

Man in the Shadow

Von Volker Schönenberger

Krimi-Western // Spätabends auf der Ranch „Golden Empire“ in Spurline: Vorarbeiter Ed Yates (John Larch) und der Cowboy Chet Huneker (Leo Gordon) betreten die Baracke der mexikanischen Wanderarbeiter und zerren den jungen Juan Martin (Joe Schneider) hinaus. In einer düsteren Scheune beginnen sie, ihn zu verprügeln. Als er Gegenwehr leistet, erschlägt Yates ihn mit dem Knüppel.

Eine Bluttat steht bevor

Der alte Mexikaner Jesus Cisneros (Martin Garralaga) hat sich hinter den dreien hergeschlichen und den Mord beobachtet. Anderntags nimmt er all seinen Mut zusammen, geht zu Sheriff Ben Sadler (Jeff Chandler) und berichtet von seinen Beobachtungen. Dessen Deputy Ab Begley (Ben Alexander) tut das Ganze als Lügengeschichte ab, doch Sadler sucht die „Golden Empire“ und dessen Besitzer Virgil Renchler (Orson Welles) auf, um der Sache auf den Grund zu gehen. Damit macht er sich den mächtigen Rancher zum Gegner …

Die „Braceros“ aus Mexiko

Gar nicht so einfach, Ort und Zeit der Handlung von „Des Teufels Lohn“ zu bestimmen. Immerhin nennt Renchler beim ersten Gespräch mit dem Sheriff dessen Wahlbezirk Bingham County, was die Story im US-Staat Idaho platziert. Zudem wird ein paar Mal die Bezeichnung „Braceros“ für die mexikanischen Arbeiter verwendet, was auf das Braceros Program verweist, eine 1942 abgeschlossene und bis 1964 gültige Vereinbarung zwischen den USA und Mexiko über mexikanische Gastarbeiter in landwirtschaftlichen Betrieben der Vereinigten Staaten. Wer genau hinsieht, entdeckt immerhin einen wiederholt eingeblendeten Kalender, der den August 1956 zeigt.

Sheriff Ben Sadler (r.) stößt auf Widerstand

„Man in the Shadow“, so der Originaltitel, kann als Krimidrama und Film noir eingeordnet werden; Plot, visuelle Anmutung und Figurenkonstellation erlauben aber trotz Autos und Jahrhundert auch die Klassifizierung als Western. Der aufrechte Sheriff Sadler zieht sich nicht nur den Unmut Renchlers zu, sondern macht sich auch bei vielen Bürgern und Funktionsträgern der Stadt unbeliebt. Man fürchtet, der Ranchboss könne dem Ort großen wirtschaftlichen Schaden zufügen – eine Drohung, die Renchler wohl auch schon ausgesprochen hat. Eine nicht ganz unwichtige Rolle spielt dessen Tochter Skippy (Colleen Miller), die in besagter Nacht etwas gehört hat.

Rassismus am Pranger

Der Krimi-Plot ist natürlich kein „Whodunit“, weil wir die Bluttat im Prolog von „Des Teufels Lohn“ zu sehen bekommen. Die Spannung resultiert vielmehr daraus, dass Sadler ganz auf sich allein gestellt ist und geradezu chancenlos erscheint, den Fall zu lösen, ohne selbst Schaden an Leib und Leben zu nehmen. Bemerkenswert, besonders für die 1950er-Jahre, wie subtil und dabei pointiert Regisseur Jack Arnold ganz nebenbei den alltäglichen Rassismus gegen die Mexikaner thematisiert. Ihre Leben sind den guten Bürgern nichts wert, ihren Aussagen wird kein Glauben geschenkt.

Ein weiteres Opfer ist zu beklagen

Der finale Showdown gestaltet sich etwas plakativ, dafür spektakulär und letztlich eines Westerns würdig. Orson Welles nimmt in seinen Szenen erwartungsgemäß breiten Raum ein, Jeff Chandler bietet ihm aber schauspielerisch Paroli, auch wenn seine Rolle ihm nicht allzu viele Facetten abverlangt. Es war sein letzter Film als Vertrags-Schauspieler für Universal Pictures. Welles wiederum drehte kurz darauf seinen Noir-Klassiker „Im Zeichen des Bösen“. Sein Rancher Rechnler ist übrigens Rinderbaron – das nur als kleiner Hinweis, weil wir auf dem Gebiet der „Golden Empire“ kein einziges Rindvieh zu sehen bekommen.

Dritter von vier Jack-Arnold-Western

Nach „Duell mit dem Teufel“ (1955) und „Auf der Spur des Todes“ (1956) war „Des Teufels Lohn“ der dritte Western des eher für Science-Fiction-Horror bekannten Jack Arnold. 1959 folgte mit „Auf der Kugel stand kein Name“ ein weiterer, bevor der Regisseur dem Westerngenre den Rücken zukehrte. Im selben Jahr wie „Des Teufels Lohn“ drehte Arnold „Kreuzverhör“, ebenfalls mit Jeff Chandler in der Hauptrolle. Beide Filme vereint das Motiv des Mannes, der meint, sich über das Gesetz erheben zu können. Ob das Zufall oder zumindest von Regisseur Arnold gewollt war, bleibt natürlich spekulativ. So oder so passen beide gut zusammen, da auch der Western Züge eines Film noirs trägt. Ein feiner Genre-Hybrid.

Auch dem Gesetzeshüter wird übel mitgespielt

Koch Media (heute Koch Films) hat „Des Teufels Lohn“ hierzulande bereits zuvor auf DVD veröffentlicht, nun hat explosive media eine Neuauflage sowie erstmals eine Blu-ray in solider Bild- und Tonqualität in den Handel gebracht, leider ohne nennenswertes Bonusmaterial. Dennoch lohnenswert.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Jack Arnold haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Jeff Chandler und Orson Welles unter Schauspieler.

Veröffentlichung: 9. Juli 2020 als Blu-ray und DVD, 25. Juni 2010 als DVD, 25. April 2008 als DVD in der 3-Disc-Box „Jack Arnold Western Collection“ (mit „Auf der Spur des Todes“ und „Auf der Kugel stand kein Name“)

Länge: 80 Min. (Blu-ray), 77 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Man in the Shadow
USA 1957
Regie: Jack Arnold
Drehbuch: Gene L. Coon
Besetzung: Jeff Chandler, Orson Welles, Colleen Miller, Ben Alexander, John Larch, James Gleason, Paul Fix, Leo Gordon, Royal Dano, Martin Garralaga, Mario Siletti, Charles Horvath, William Schallert, Joe Schneider
Zusatzmaterial: Originaltrailer, Bildergalerie, Wendecover
Label 2020: explosive media
Vertrieb 2020: Koch Films
Label: 2010 & 2008: Koch Media

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2020 explosive media

 

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Zum 101. Geburtstag von Nehemiah Persoff: Straße der Sünderinnen – Der Mann aus Jerusalem

Street of Sinners

Von Ansgar Skulme

Krimidrama // Der Polizist John Dean (George Montgomery) übernimmt in New York City eine neue Aufgabe von seinem in die Jahre kommenden Kollegen Gus (William Harrigan). In dem Block, den er dabei bestreifen soll, befindet sich auch eine Straße mit etlichen schwierigen, labilen Personen, auf der Rasierklinge tanzenden Teenagern und dem sich als Chef der Straße aufspielenden Barbesitzer Leon (Nehemiah Persoff), der auch gern einmal Alkohol an Minderjährige ausschenkt. Wer zahlen kann, der kann auch trinken! Schnell muss Dean feststellen, dass es sehr hart zu werden vermag, mit den Menschen in solch einer Straße und ihren aufeinanderprallenden Bedürfnissen, Sorgen und Sehnsüchten allein zu sein. Um die Stabilität der Menschen und somit der gesamten Straße aufrechtzuerhalten, erfordert es immer wieder eine Gratwanderung. Manchmal ist man eher Polizist, manchmal schon beinahe Sozialarbeiter. Dean nimmt seinen Job sehr ernst – er ist noch frisch, streng und linientreu, doch damit Anklang finden zu wollen, scheint vor allem mit Blick auf die jungen Leute nahezu unmöglich. Seinen Weg unbeirrt zu gehen, fällt ihm immer schwerer – und langsam, aber sicher kommen mehr und mehr der Machenschaften des selbstgerechten Barbesitzers ans Tageslicht.

Dieser Barbesitzer Leon wird von Nehemiah Persoff gespielt, der am 2. August 2020 seinen 101. Geburtstag feiert. Er zählt neben Norman Lloyd (105) zu den wenigen verbliebenen Schauspielerinnen und Schauspielern aus dem klassischen Hollywood-Kino, die mittlerweile zudem die 100-Jahres-Marke geknackt haben – die jüngst verstorbene Olivia de Havilland (1916–2020) gehörte mit ihren 104 Jahren ebenfalls zu diesem kleinen, aber feinen Club. Die Internet Movie Database listet den 14. August als Geburtsdatum, aus Artikeln des „San Luis Obispo Tribune“, der aus dem Bereich seines Wohnortes Cambria in Kalifornien berichtet, ist allerdings ersichtlich, dass Persoff seinen 100. Geburtstag und auch den 95. bereits Anfang August im großen Kreis gefeiert hat.

Von Palästina in den Big Apple

Nehemiah Persoff wurde in Jerusalem geboren, zu einem Zeitpunkt als dieses noch offiziell Palästina zugerechnet wurde. 1929 emigrierte er mit seiner Familie in die USA, schloss 1937 die High School ab, diente für die neue Heimat dann auch im Zweiten Weltkrieg. Nach der Rückkehr ins Alltagsleben arbeitete er als Elektriker für die U-Bahn, zuständig für die Signale, während er in New York seine Schauspielkarriere am Theater voranzutreiben begann. Er gehörte zum ersten Jahrgang des Actors Studios, noch bevor Lee Strasberg dort seine Lehrtätigkeit aufnahm und ehe dieser dann über Jahrzehnte die federführende Lichtgestalt der Schauspielwerkstatt blieb. Persoff war einer der New Yorker Schauspieler, die in „Stadt ohne Maske“ (1948) ihren ersten Filmauftritt hatten – in einer Minirolle, in der immerhin sogar seine Affinität zur New Yorker U-Bahn verewigt wurde. Später war er mit Auftritten in sechs Episoden einer der am häufigsten eingesetzten Gäste in der Serien-Neuauflage des Films: „Gnadenlose Stadt – 65. Revier New York“ (1958–1963).

„Straße der Sünderinnen“ zeigt Nehemiah Persoff in seiner bis zum damaligen Zeitpunkt größten Filmrolle. Zum ersten Mal spielte er den Hauptantagonisten in einer Kinoproduktion. Der Part des Oberschurken sollte ihm auch zukünftig eher in Serien als auf der Leinwand zukommen. Persoff hat regelrecht in einer Unmenge an Serien mitgespielt, die auch in Deutschland mit gutem Erfolg ausgestrahlt worden sind – und war dabei weitaus mehr als nur der Schuft vom Dienst. Beispielhaft seien neben „Gnadenlose Stadt“ wild durcheinander einfach einmal „Hawaii Fünf-Null“, „Die Straßen von San Francisco“, „Kobra, übernehmen Sie!“ (manch einem besser unter dem Originaltitel „Mission: Impossible“ bekannt), „Quincy“, „Columbo“, „Drei Engel für Charlie“, „Law & Order“, „Tausend Meilen Staub“, „Die Unbestechlichen“, „Rauchende Colts“ und „Mord ist ihr Hobby“ genannt. Seine Filmografie ist gewissermaßen das perfekte Reißbrett, um einen Kaltstart in die US-amerikanischen Serien-Landschaften der 50er bis 90er zu wagen – Gastauftritte in ein paar der langlebigsten TV-Serien aller Zeiten inklusive. Dennoch werden einige Nehemiah Persoff auch aus populären Filmen wie „Manche mögen’s heiß“ (1959), „Die Comancheros“ (1961) mit John Wayne, „Die größte Geschichte aller Zeiten“ (1965), „Yentl“ (1983), „Die letzte Versuchung Christi“ (1988) und „Twins – Zwillinge“ (1988) – sowie dem Fans des italienischen Genrekinos der 60er und 70er sicher bestens geläufigen „Don Mariano weiß von nichts“ (1968) – in Erinnerung haben.

Im Verlauf der 80er- und 90er-Jahre begann Persoff, aus gesundheitlichen Gründen, vor der Kamera langsam kürzerzutreten, widmete sich etwa ab 1990 aber verstärkt einer anderen Leidenschaft: der Malerei. Zu Persoffs letzten Filmauftritten gehörte eine Sprechrolle in der „Feivel, der Mauswanderer“-Reihe (1986–1999), für die er in der Originalfassung den Papa Mousekewitz vertonte. Um die Jahrtausendwende nahm er endgültig von Film und Fernsehen Abschied, funktionierte sein Malerei-Hobby stattdessen aber gewissermaßen zu einem Vollzeit-Job um. Diesem Talent ist er bis heute treu geblieben; von wirklichem Ruhestand war für lange Zeit nicht zu sprechen. In einem heute etwas mehr als zehn Jahre alten ausführlichen Interview äußerte er, fast täglich zu malen. Seine Werke können online erworben werden und sind immer wieder Gegenstand von Ausstellungen gewesen. Insoweit Zeit und Gesundheit es erlaubten, gab er im Umfeld seines Wohnortes außerdem Schauspielunterricht.

Der vielfilmende Schnellabdreher

„Straße der Sünderinnen“ gelingt ein interessanter Spagat zwischen Sozialdrama und Film noir, scheint geraume Zeit mehr Gesellschaftsstudie als Kriminalgeschichte zu sein. Ihren Teil zum gelingenden Mix trägt sicher die Lichtsetzung bei, die eher wenig auf Noir-typische, dem Expressionismus nahestehende Elemente baut. Den Regisseur William Berke habe ich auch durch „Der Brandstifter von Los Angeles“ (1949) und „Polizistenhasser“ (1958) als durchaus versierten B-Noir-Fachmann in Erinnerung. Geraume Zeit war er jedoch eher für Western gefragt und inszenierte zudem etliche Abenteuerfilme. Berke ist für mich ein recht schnörkelloser Regie-Geheimtipp der Kategorie „Wird heute kaum noch besprochen“. Sein früher Tod im Februar 1958, im Alter von nur 54 Jahren, dürfte dazu beigetragen haben, dass sein Name nur noch wenigen geläufig ist. Den Fehler, William Berke für einen damals Unbekannten zu halten, sollte man allerdings nicht machen. Ihm wurde unter anderem die Regie des ersten „Dick Tracy“-Films von RKO (1945) übertragen, außerdem inszenierte er beispielsweise Sabu („Der Dieb von Bagdad“) in „Trommeln der Wildnis“ (1951). Berke eilte gar der Ruf voraus, so etwas wie der König der B-Filme zu sein, da er über einen signifikanten Zeitraum konstant Filme abdrehte, für die nicht einmal zwei Wochen Drehzeit und nur ein geringes Budget veranschlagt waren, aber hierbei relativ hohes Niveau auf die Leinwand transportierte. Er realisierte Film an Film und hatte mit der gesamten Post-Produktion seiner Filme oft nur wenig bis gar nichts zu tun. Zwar gelang es William Berke mit der Zeit, seinen Wunsch zu verwirklichen, etwas größere Produktionen mit mehr Spielräumen an Land zu ziehen, jedoch arbeitete er – obwohl es nicht mehr unbedingt nötig war – dann auch an diesen mit dem Eiltempo, das er gewohnt war. Er hatte sich offenbar schon zu sehr auf die Akkord-Arbeit am Set eingestellt und konnte ab einem gewissen Punkt nicht mehr aus seiner Haut. Kein Wunder also, dass William Berke es in etwas mehr als 15 Jahren auf ungefähr 80 Kinofilme mit einer Laufzeit von zumindest etwa einer Stunde brachte, nachdem er zuvor bereits ein paar Kurzfilme abgedreht hatte. In den 50ern gesellte sich außerdem noch eine Reihe von TV-Serienepisoden dazu.

Aus dem Sattel befördert

In der Filmografie von George Montgomery stellt „Straße der Sünderinnen“ (1957) insofern eine Besonderheit dar, als Montgomery in den 50ern für das Kino ansonsten mit überwältigender Mehrheit Western gedreht hat. Er gehörte, wie Audie Murphy, Randolph Scott, Joel McCrea und Rory Calhoun, zu den Stars des damaligen Hollywoods, die in diesem Jahrzehnt herausragend stark auf Western spezialisiert gewesen sind und die damit zudem auch auf Leinwänden in Deutschland erfolgreich waren. Ab Mitte der 50er spielte Montgomery für das Fernsehen allerdings das eine oder andere Mal innerhalb einzelner Episoden in anderen Genres und kehrte auch auf der Leinwand vereinzelt in Filmwelten abseits des Westerns zurück. Gänzlich unerfahren war er im Film noir beileibe nicht – in „The Brasher Doubloon“ (1947), einer Regiearbeit des in Hamburg geborenen Deutschen John Brahm, hatte George Montgomery sogar schon Philip Marlowe verkörpert, den man sicherlich getrost als eine der legendärsten Noir-Figuren überhaupt bezeichnen kann.

Sehr erfreulich ist, dass Montgomery in „Straße der Sünderinnen“ nicht etwa sein Western-Image vollends zu übertragen versuchte. Er meistert den eigentlich recht überraschenden Ansatz, einen Wildwest-Helden als unerfahrenen Polizisten mit spießigen Zügen und Unsicherheiten beim sozialen Interagieren zu besetzen, erstaunlich gut, auch wenn die Geschichte, was seine Figur anbetrifft, im letzten Drittel des Films leider etwas einfallslos wird. Erstaunlich ist sein Auftreten in diesem Film auch deswegen, weil George Montgomery zum Zeitpunkt des Drehs schon um die 40 Jahre alt war – nicht unbedingt der erste, an den man denken würde, um einen Polizisten zu besetzen, der noch seine Erfahrungen sammeln muss. Montgomery war im Western ein in der Regel sowieso recht ungezwungen wirkender Hauptdarsteller, der nicht krampfhaft als heroische Figur aufzutreten versuchte, jedoch ist in „Straße der Sünderinnen“ trotzdem eine noch zusätzlich differenzierte Herangehensweise an die Rolle zu spüren, die ihn über weite Strecken gewissermaßen völlig von jeglichem Heldentum löst. Er ist in dem Film phasenweise schon fast so etwas wie ein in ein Korsett gepresster Alltags-Loser, der sich obendrein beruflich in der gesamten Straße unbeliebt machen muss.

Es gibt auch andere Western-Stars, die diese Rolle durchaus hätten spielen können, aber jemand wie John Wayne zweifellos nicht. Im Grunde ist „Straße der Sünderinnen“, wenn auch nicht so dezidiert wie beispielsweise „Entfesselte Jugend“ (1956), allemal zu den weniger geläufigen kleineren Filmen, die sich inhaltlich durchaus im Geiste von „Die Saat der Gewalt“ und „… denn sie wissen nicht, was sie tun“ (beide 1955) bewegen zu zählen. Diese Sparte wurde später von einem Highlight wie „West Side Story“, aber auch von John Frankenheimers „Die jungen Wilden“ (beide 1961) und Phil Karlsons „Die Wölfe von Los Angeles“ (1960) perfektioniert. Filme, die die Probleme mit Halbstarken, die sich in den Straßen der Großstädte zu profilieren versuchen, teils wirklich denkwürdig ins Kino transportiert haben. Allerdings steht in „Straße der Sünderinnen“, nach ganz klassischem Muster, letztlich eben noch ein Schurke älteren Semesters an der Spitze des Unheils, der gewissermaßen die gesamte Straße herunterzieht und damit auch einige junge Wilde, während derartige Geschichten im damaligen Zeitfenster ansonsten recht häufig als purer Generationenkonflikt erzählt worden sind.

Die Sünde mit den Sünderinnen

Vergessen und verloren ist dieser Film zum Glück nicht. Obwohl er geraume Zeit, meines Wissens, selbst in der Originalfassung nur in äußerst mäßiger Bild- und Tonqualität zu bekommen gewesen ist, ist „Straße der Sünderinnen“ in den USA mittlerweile sogar bereits auf Amazon Prime verfügbar. Das nächste Ziel müsste nun eigentlich eine Veröffentlichung sein, die höhere digitale Standards erfüllt. Was die deutsche Version anbetrifft, handelt es sich, wie bei „Auf Winnetous Spuren“ (1950), leider um einen der sehr wenigen Filme mit George Montgomery aus den 50er-Jahren, zu denen zwar eine deutsche Kinosynchronfassung existiert, die allerdings nicht mehr so einfach greifbar zu sein scheint – und möglicherweise verloren ist. Genau genommen sind „Auf Winnetous Spuren“ und „Straße der Sünderinnen“ wohl sogar die einzigen beiden 50er-Filme mit Montgomery, zu denen offenbar nicht einmal Angaben erhalten sind, welcher deutsche Sprecher damals im Kino für George Montgomery zu hören gewesen ist, zu denen aber auch später keine alternative Synchronfassung angefertigt wurde. Die Kino-Synchros von „Der letzte Trumpf“ (1953), „Fort Ti“ (1953) und „Die Attacke am Rio Morte“ (1957) sind zwar ebenfalls Raritäten, zu denen man kaum Details weiß, allerdings gibt es von diesen drei Filmen auch jeweils noch eine neuere Synchronisation. Nur ein einziger Montgomery-Film der 50er wurde überhaupt niemals deutsch synchronisiert: „Battle of Rogue River“ (1954). Die Hoffnung, dass eines Tages wundersam doch noch die deutsche Version von „Straße der Sünderinnen“ wieder auftaucht, darf man sicherlich vorerst behalten. Es wäre nicht die erste verschollen geglaubte ihrer Art.

Dass sich der deutsche Titel völlig unnötig auf die Damen unter den im Scheitern begriffenen Existenzen einschießt, ohne dass sich dies so wirklich über die Handlung des Films oder den Originaltitel erklären lässt, taugt gerade in heutigen Zeiten aber sicher gut dafür, dem einen oder anderen Gender-Theoretiker ein gefundenes Fressen zu sein – und würde spätestens im Falle einer Wiederentdeckung der deutschen Fassung für eine DVD oder Blu-ray wohl unvermeidlich auch Diskussionsgegenstand werden. Aber wer ohne Sünde ist, werfe doch einfach den ersten Stein; ob nun Sünderin oder auch Sünder. Jedenfalls ist der Dreh- und Angelpunkt dieses Films kein Straßenstrich, auch wenn dies der unglücklich gewählte deutsche Titel auf den ersten Blick zu suggerieren scheint.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Nehemiah Persoff haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Länge: 80 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Street of Sinners
USA 1957
Regie: William Berke
Drehbuch: John McPartland, nach einer Vorlage von Philip Yordan
Besetzung: George Montgomery, Geraldine Brooks, Nehemiah Persoff, Marilee Earle, Stephen Joyce, William Harrigan, Clifford David, Diana Millay, Andra Martin, Danny Dennis
Verleih: United Artists

Copyright 2020 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use

 

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Tote tragen keine Karos – Im Andenken an Carl Reiner

Dead Men Don’t Wear Plaid

Von Tonio Klein

Krimikomödie // Natürlich ist dieser Klassiker von sprühendem Witz und unglaublich liebevollem Charme, mit dem er dem Film noir der 1940er-Jahre seine Reverenz erweist, wie das bezüglich des Stummfilms erst wieder in „The Artist“ gelingen sollte. Das Grundprinzip, falls nicht ohnehin schon längst bekannt: In einer abstrusen Detektivgeschichte, die in den 1940er-Jahren spielt, trifft der von Steve Martin gespielte saucoole Ermittler Rigby Reardon auf nahezu sämtliche Größen des US-Films jener Dekade. Das ist eine Masche, die schnell zum Ruhekissen für die Macher werden könnte. Man kennt das von den schlechteren Filmparodien des Zucker-Abrahams-Zucker-Teams und seiner Epigonen: Nicht jedes Zitat ist schon um des Zitierens willen gut oder witzig. Nummernrevue statt Hommage/Parodie? Nein, hier nicht, hier stimmt alles, denn das Team um Regisseur Carl Reiner (1922–2020) hat mehr gemacht, als Schnipsel alter Filme hineinzuschneiden. Auch die neu gedrehten Passagen von „Tote tragen keine Karos“ atmen den Geist der 1940er, unter anderem durch die Beteiligung von zweien, die damals schon dabei waren: Komponist Miklos Rosza und Kostümdesignerin Edith Head.

Film-noir-Huldigung in Story und Stil

Und das ist noch lange nicht alles in „Dead Men Don’t Wear Plaid“, so der Originaltitel. Schon die Handlung ist gleichsam künstlich wie verworren, sodass man darin eine Hommage an den verworrensten Film der „schwarzen Serie“ sehen mag, „Tote schlafen fest“ („The Big Sleep“, 1946), durch dessen Plot einer Anekdote nach nicht mal mehr Raymond Chandler durchstieg – und der war immerhin Autor der Romanvorlage. Und die Typen, vor allem die Hauptfigur! Hier ist alles Pose, alles künstlich. Noch scheinbar etwas pubertäre Gags (Steve Martin knetet die Brüste von Rachel Ward, und sie knallt ihm nicht etwa eine, sondern das Ganze mündet in einen Dialog absurder erotischer Anziehung) würde ich als Liebe zu Hollywoods Goldenen Jahren deuten: So waren sie halt, die Machos des Film noir und die überirdisch schönen Frauen, die ihnen unverständlicherweise viel zu oft zu Füßen lagen, was angesichts der typischen Femme fatale aber auch umgekehrt vorkam.

Pure Pose: die Klientin vor der Tür

Bestechend ist ferner, dass Reiner auch bei der Technik des Ineinandermontierens von neu Gedrehtem und Filmklassikern dem Geist der 1940er-Jahre verhaftet ist: Das alles ist gar nicht so kompliziert und hochperfekt wie etwa in Filmen von Robert Zemeckis (Forrest Gump in Interaktion mit diversen realen Berühmtheiten, um nur eines von vielen Beispielen zu nennen). Oft haben wir nur simplen Schuss-Gegenschuss oder Over-Shoulder-Shots mit einem Double. Einmal nur gibt es eine Doppelbelichtung – die Technik, bei der in der einen Bildhälfte der eine und in der anderen Bildhälfte der andere ist, bei zweien, die eigentlich nicht zusammen im Bild sein können. Zwei bemerkenswerte Doppelrollenfilme von 1946 haben es so gemacht: „Die große Lüge“ („A Stolen Life“) mit Bette Davis und „Der schwarze Spiegel“ („The Dark Mirror“) mit Olivia de Havilland, jeweils als Zwillingsschwestern.

Zitate, dass Fluppe und Kopf rauchen

Und als ob das noch nicht genug sei, gibt es auch jenseits der direkten Filmschnipsel wunderbare Anspielungen: Wenn Rachel Ward Steve Martin sehr erotisch das Fingerkreisen im Löchlein einer Wählscheibe erklärt, verweist das auf Howard Hawks’ „Haben und Nichthaben“ („To Have and Have Not“, 1944). Und wenn sich seine Verbundenheit mit Ward dadurch ausdrückt, dass er eine Zigarette von beiden Seiten für beide anzündet und dann zerteilt, erinnert das an eine vergleichbare Szene mit Bette Davis und Paul Henreid in „Reise aus der Vergangenheit“ („Now, Voyager“, 1942), wenngleich der Film nicht das Zigarettenszenenmonopol gepachtet hat. Dankenswerterweise darf die große Bette Davis auch direkt auftauchen und scheinbar von Steve Martin gewürgt werden, auch wenn die Quelle kein reiner Film noir ist: „Trügerische Leidenschaft“ („Deception“, 1946).

Harte Fäuste, fesche Hüte, bunte Krawatten in Schwarz-Weiß

Die Zitate reichen von hübschem Effekt bis genau vorbereiteter, punktgenauer Reverenz, am besten vielleicht, wenn sich Rigby Reardon als Frau verkleidet. Da trägt er eine absurde blonde Perücke, um die absurdeste blonde Perücke der Filmgeschichte zu verspotten, nämlich die von Barbara Stanwyck in Billy Wilders „Frau ohne Gewissen“ („Double Indemnity“, 1944). Oder er spielt auf den durchgeknalltesten Gangster mit Mutterkomplex an, den er als dessen Mutter dann natürlich auch trifft, James Cagney in „Maschinenpistolen“ („White Heat“, 1949), den übrigens „Die nackte Kanone 33 1/3“ (1994) hervorragend parodiert.

Ein Film mit Format

Zur Debatte um das korrekte Bildformat kann ich nichts sagen, da ich den Film damals nicht im Programmkino gesehen habe, wo er laut einigen im Netz zu findenden Rezensenten im klassischen 1:1,37-Format gelaufen sein soll, wohingegen er auf DVD in 1:1,85 vorliegt. Im Fernsehen wird er ebenfalls im 1:1,85-Format gezeigt, welches auch die Internet Movie Database ohne Hinterfragung im Diskussionsforum ausweist; in der Datenbank von Turner Classic Movies findet man keine Angaben. Da Abgeschnittenes kaum auffällt (und es fällt üblicherweise auf, man kann das jeden Sonntag beim Tatort-Vorspann sehen), bin ich geneigt, daran zu glauben, dass die DVD den Film im Originalformat präsentiert. Ein weiteres Indiz dafür ist, dass seinerzeit laut dem Regie-Kollegen Sidney Lumet keine guten Linsen für das alte 1:1,37-Format existierten (er wollte dies für einen nostalgischen Film nutzen und hatte schließlich kapituliert). Also wollen wir mal nicht so sein.

Er gab ihm Feuer: Carl Reiner höchstselbst

Auch die Synchronisation geht meines Erachtens in Ordnung und ist bei einem entscheidenden Running Gag durchaus kreativ: Das Wort „cleaning woman“, bei dem Martin stets ausrastet und Bärenkräfte entwickelt, wird vom schnöden „Putzfrau“ zum etwas gestelzteren und damit in diesem Zusammenhang besseren „Reinemachefrau“. Das hat auch mehr Silben und kann in einem Wutanfall viel schräger akzentuiert werden: CLEEEA-NIIING-WOOOO-MAAAAN wird eben besser zu REEEI-NE-MAAA-CHE-FRAAAAU statt zu einem schnöden „Putzfrau“. Und weil in der Finalszene im Englischen (!) das deutsche Wort „Reinemachefrau“ ausgesprochen und mit „cleaning woman“ erklärt wird, konnte man im Deutschen natürlich nicht „Reinemachefrau ist Reinemachefrau“ sagen. Stattdessen hören wir ein keckes, von Rachel Ward kokett schäkernd gesagtes „mein kleines Staubwedelchen“. Ist doch süß und originell. Synchronisationen müssen nicht sklavisch wörtlich, sondern nur gut sein, wie zum Beispiel der Dschungelbuchklassiker „Probier’s mal mit Gemütlichkeit“ oder die berlinerische „My Fair Lady“-Version gezeigt haben.

In memoriam Carl Reiner

Nun ist Carl Reiner hochbetagt verstorben und sein Son Rob auch schon über 70 – ein vielleicht noch berühmterer Regisseur, für den „Harry und Sally“ (1989) wohl das Hauptwerk bleiben wird wie für Carl die „Karos“. Carl war Multitalent, mit erstaunlich wenigen Regie-Arbeiten, aber einem Vorlauf als das, was man neudeutsch Comedian nennt und wo er sich als Autor und Darsteller profilierte. Vor die Kamera trat er auch danach immer wieder, auch in „Tote tragen keine Karos“ sowie in „Ocean’s Eleven“ (2001). Mit Mel Brooks hatte er ein Team geblidet, und beiden gemein ist, dass sie auch in ihren Filmen immer mal wieder auf das Medium selbst blicken und die „vierte Wand“ durchbrechen. In „Tote tragen keine Karos“ gibt die schon im alten Film noir oft an den Zuschauer gerichtete Off-Stimme des Helden am Ende unumwunden zu, dies sei ja nur ein Film. Und in Teil 2 komme vielleicht eine Nacktszene zwischen Rachel Ward und Steve Martin vor. Mel Brooks hat im selben Jahr, 1981, in „Mel Brooks – Die verrückte Geschichte der Welt“ einen zweiten Teil angekündigt, den es nie geben sollte. Schade – Brooks’ „Hitler on Ice“ hätten wir genauso gern gesehen wie die Nackedeis.

Der Schlips ist ab, mehr gibt’s nicht zu sehen

Von Reiner selbst gibt es so einige Regie-Arbeiten neu oder wieder zu entdecken. Dass er bei Parodien, ähnlich Mel Brooks, trotz manchmal großer Albernheit immer sehr stilsicher und liebevoll agiert, zeigt zum Beispiel „Der Mann mit zwei Gehirnen“ (1983), wie so manches von Reiner ebenfalls mit Steve Martin. Hier wird das Fatale der Femme fatale ins Absurde gesteigert – Kathleen Turner konnte ihre ikonische Darstellung in „Heißblütig – Kaltblütig“ (1981) veräppeln – und mit einer Mad-Scientist-Thematik à la 1950er-B-Science-Fiction verknüpft. Ohne Steve Martin und zu Unrecht im Schatten der „Karos“ findet sich die Perle mit dem idiotischen deutschen Titel „Allein unter Idioten“ („Fatal Instinct“, 1993), die Zucker-Abrahams-Zucker noch einmal zeigte, was eine Harke ist. Und das mir noch nicht bekannte Frühwerk „Wo is’ Papa?“ (1970) soll eine herrlich gallige Humorschwärze haben, was man sich bei Hauptdarstellerin Ruth Gordon auch gut vorstellen kann.

Gerade die Parodien zeigen, dass man nicht einmal die parodierten Filme kennen muss. Auch die „Karos“ sind schon so extrem lustig, aber der Nostalgie-Fan hat eben noch ein wenig mehr Spaß.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Steve Martin haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 23. Mai 2019 als Blu-ray, 4. Oktober 2007 als DVD

Länge: 88 Min. (Blu-ray), 85 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Dead Men Don’t Wear Plaid
USA 1982
Regie: Carl Reiner
Drehbuch: Carl Reiner, George Gipe, Steve Martin
Besetzung: Steve Martin, Rachel Ward, Carl Reiner, Reni Santoni, George Gaynes
Archivaufnahmen: Alan Ladd, Barbara Stanwyck, Ray Milland, Ava Gardner, Burt Lancaster, Humphrey Bogart, Cary Grant, Ingrid Bergman, Veronica Lake, Bette Davis, Lana Turner, Edward Arnold, Kirk Douglas, Fred MacMurray, James Cagney, Joan Crawford, Charles Laughton, Vincent Price
Zusatzmaterial:
Label/Vertrieb: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2020 by Tonio Klein

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2020 Universal Pictures Germany GmbH

 

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