RSS

Schlagwort-Archive: Forest Whitaker

Arrival – Wie kommuniziert man mit Aliens?

Arrival

Von Volker Schönenberger

Science-Fiction // Übergroße Raumschiffe verteilen sich an verschiedenen Orten rund um den Globus – da war doch was?! Nun, mit Roland Emmerichs patriotischem Alien-Radau „Independence Day“ von 1996 hat Denis Villeneuves „Arrival“ ansonsten nur wenig gemein. Wir haben es vielmehr mit einer hochintelligenten Vision eines Erstkontakts zu tun, die tiefgründige Fragen über das Wesen von Kommunikation und Sprache in den Fokus stellt.

Sie sind da!

In den USA ist ein abgelegenes Gebiet in Montana der Ort, wo sich eins der einige hundert Meter großen, wie ein sonderbares längliches Ei geformten Raumschiffe platziert. Elf andere der unbekannten Flugobjekte landen unter anderem in Großbritannien, Russland, China und Japan, aber auch Grönland, Pakistan und Sierra Leone. Ein Muster ist nicht erkennbar. Der US-Offizier Colonel Weber (Forest Whitaker) bittet zwei Wissenschaftler um Hilfe bei der Kontaktaufnahme: die Linguistin Dr. Louise Banks (Amy Adams) und den Physiker Ian Donnelly (Jeremy Renner). Über einen Schacht können die beiden in regelmäßigen Abständen ins Raumschiff eindringen, wo sie mit zwei Außerirdischen in Kontakt treten, die aufgrund ihrer sieben Tentakel als „Heptapoden“ bezeichnet werden. In mühevoller Kleinarbeit versuchen beide Seiten, den Gegenübern ihre Form der Sprache verständlich zu machen. Banks und Donnelly zeigen Texttafeln, während die beiden Aliens aus ihren Tentakeln eine tintenähnliche Substanz absondern, mit der sie ausgefranste kreisrunde Zeichen an die Scheibe zeichnen, die Menschen und Außerirdische voneinander trennt. Nach und nach dechiffriert Sprachwissenschaftlerin Louise diese Zeichen.

Die Sapir-Whorf-Hypothese

Sprache formt das Denken. Demnach wirkt sich eine Sprache elementar auf die Wahrnehmung der Realität der sie Sprechenden aus. Sie beeinflusst somit die Entwicklung dieser Sprachgemeinschaft. Diese sogenannte Sapir-Whorf-Hypothese nimmt in „Arrival“ zentralen Raum ein. Können wir Deutsche überhaupt bis ins letzte Detail verstehen und ins Deutsche übersetzen, wie ein Engländer die Welt wahrnimmt? Gar ein Chinese? Oder ein Aborigine im australischen Busch? Wie soll es uns dann gelingen, die Sprache einer intelligenten Alien-Art zu übersetzen, die von weit her auf die Erde gekommen ist? Dr. Louise Banks gelingt es, und die Sprache der Außerirdischen birgt einige Überraschungen. Grrr – ich hätte an der Uni mehr Linguistik-Seminare besuchen sollen, so jedoch beende ich meine Ausführungen dazu lieber hier. Lasse sich nur niemand davon abhalten, dass ein Film Linguistik thematisiert. Das geschieht behutsam und klug und jederzeit nachvollziehbar, auch für Laien. Linguistik-Profis mag einiges etwas zu simpel erklärt sein, aber die lassen hoffentlich Gnade vor Recht walten. Dafür gibt es wunderbare Details, etwa, dass die beiden Aliens, mit denen Louise und Ian kommunizieren, Abbott und Costello getauft werden, benannt nach den beiden US-Komikern, die einst einen brillanten Baseball-Sketch um sprachliche Missverständnisse geschaffen haben – Näheres dazu ist bei Wikipedia zu finden.

Colonel Weber hat Louise Banks (Amy Adams) und Ian Donnelly um Hilfe gebeten

Zu den Überraschungen gehören auch Louises Erinnerungen – oder Visionen? – an ihre als junge Frau gestorbene Tochter, die den Film einleiten. Was es damit auf sich hat, wird erst spät klar, weshalb es an dieser Stelle nicht weiter erläutert werden soll. Während weltweit die Wissenschaftler mühsam mit den Besuchern aus dem All kommunizieren, werden die Aliens gleichzeitig von Politikern und Militärs mehr und mehr als Bedrohung empfunden, erst recht, als Louise eine Botschaft übersetzt, die das Wort „Waffe“ zu enthalten scheint. Statt zu kooperieren, entfernen sich die Länder der Erde weiter voneinander, eine militärische Auseinandersetzung bahnt sich an.

Es geht mehr um Sprache als um Zeit und Raum

Wie Christopher Nolans großer Science-Fiction-Wurf „Interstellar“ (2014) hat auch „Arrival“ einen familiären Aspekt, der die epische Science-Fiction auf eine persönliche Ebene herunterbricht. Doch anders als Nolan verzichtet der kanadische Regisseur Denis Villeneuve bei „Arrival“ darauf, mehr physikalische Thesen in den Raum zu stellen als nötig. Ihm geht es um Kommunikation, um Sprache, nicht um Theorien zu Zeit und Raum – auch wenn diese bei der Dechiffrierung der Alien-Sprache dann doch zu ihrem Recht kommen.

Das Jahr, in dem wir Kontakt aufnehmen

Für sieben Oscars nominiert, darunter die als bester Film, für die Regie und das adaptierte Drehbuch, hat es am Ende nur für den Academy Award für den besten Tonschnitt gereicht. Favoriten der 2017er-Verleihung waren ohnehin andere, sieben Nominierungen für einen Science-Fiction-Film sind bemerkenswert genug. Die Anerkennung bei Kritikern wie Publikum ist „Arrival“ auch so sicher, und das völlig zu Recht.

Science-Fiction mit Tiefe

„Arrival“ basiert auf der mehrfach ausgezeichneten Kurzgeschichte „Geschichte deines Lebens“ des amerikanischen Science-Fiction-Schriftstellers Ted Chiang. Villeneuve hatte schon seit einiger Zeit den Wunsch gehabt, einen Science-Fiction-Film zu drehen. Nun darf er gleich noch einmal im Genre ran: „Blade Runner 2049“ ist abgedreht und befindet sich in der Post-Produktionsphase. Der deutsche Kinostart ist für den 5. Oktober angesetzt. Mit dem formidablen „Arrival“ hat Denis Villeneuve die Erwartungshaltung für das „Blade Runner“-Sequel in große Höhen geschraubt. Er ist auch für die Neuverfilmung von David Lynchs „Der Wüstenplanet“ („Dune“, 1984) nach dem Roman von Frank Herbert im Gespräch, hat also offenbar Genreblut geleckt. Gut so! Bei allem Unterhaltungswert, der Emmerichs „Independence Day“ nicht abzusprechen ist, beweist doch Villeneuves „Arrival“, wie intelligente und relevante Science-Fiction auszusehen hat.

Was bedeuten die Zeichen der Außerirdischen?

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Denis Villeneuve sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Amy Adams in der Rubrik Schauspielerinnen, Filme mit Jeremy Renner und/oder Forest Whitaker in der Rubrik Schauspieler.

Was bedeuten die Zeichen der Irdischen?

Veröffentlichung: 27. März 2017 als Limited Edition Blu-ray im Steelbook, Blu-ray und DVD

Länge: 116 Min. (Blu-ray), 112 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch u. a.
Untertitel: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: Arrival
USA 2016
Regie: Denis Villeneuve
Drehbuch: Eric Heisserer, nach der Erzählung „Story of Your Life“ von Ted Chiang
Besetzung: Amy Adams, Jeremy Renner, Forest Whitaker, Michael Stuhlbarg, Mark O’Brien, Tzi Ma, Abigail Pniowsky, Julia Scarlett Dan, Jadyn Malone,
Zusatzmaterial: „Xenolinguistik: Arrival verstehen“, „Akustische Signatur: Das Sounddesign“, nur Blu-ray: „Eternal Recurrance (Ewige Widerkehr): Die Filmmusik“, „Nichtlineares Denken: Der Bearbeitungsprozess“, „Der Grundsatz von Zeit, Erinnerungen & Sprache“
Vertrieb: Sony Pictures Home Entertainment

Copyright 2017 by Volker Schönenberger

Fotos & Packshots: © 2017 Sony Pictures Home Entertainment

 
 

Schlagwörter: , , , , , , , , , , ,

Rogue One – A Star Wars Story: Private Ryan im Weltall

rogue_one_a_star_wars_story-teaserplakat rogue_one_a_star_wars_story-hauptplakat

Rogue One – A Star Wars Story

Kinostart: 15. Dezember 2016

Von Kay Sokolowsky

SF-Abenteuer // Ein paar Jahre, nachdem der letzte Jedi-Ritter ein Baby namens Luke auf dem Wüstenplaneten Tatooine versteckte, bekommt auf einem anderen, ebenfalls recht wüsten Planeten der geniale Ingenieur Galen Erso (Mads Mikkelsen) ungebetenen Besuch. Direktor Orson Krennic (Ben Mendelsohn) braucht den Bastler, damit die ultimative Waffe des Imperiums gebaut werden kann: der Todesstern. Um zu zeigen, dass er es mit dem Headhunting ernst meint, hat der Direktor eine Abteilung Sturmtruppen mitgebracht. Erso, der nie wieder für den Imperator arbeiten wollte und mittlerweile zur Rebellenallianz Kontakte pflegt, hat keine große Wahl: Entweder pariert er oder seine Familie muss sterben.

So beginnt „Rogue One“, das erste echte Kino-Spin-off der „Star Wars“-Serie – die beiden „Endor“-Filme von 1984 und 1985 waren ursprünglich Fernsehproduktionen. Die düsteren Farben und bedrohlichen Schattenspiele der Anfangsszenen bestimmen auch das weitere Geschehen. In diesem Film ist der Himmel selten blau, sondern meistens mit Qualm oder Smog verhängt, wenn es nicht gleich Nacht ist. Greig Fraser stand stilsicher an der Kamera, und so ahnt der Betrachter ziemlich bald, dass die Sache für einige Protagonisten kein fröhliches Ende finden wird.

Ouvertüre für ein Geheimkommando

Wir ahnen aber auch, wer am Ende gewinnt. Denn „Rogue One“ erzählt von dem Spezialkommando der Rebellen, das die Baupläne des ersten Todessterns erbeuten soll. Und wie das ausgegangen ist, kann sich selbst der oberflächliche „Star Wars“-Kenner an zwei Fingern abzählen. Ich möchte auf Spoiler verzichten. Doch weil das Filmteam sich glücklich bemüht hat, so oft wie möglich auf den allerersten „Krieg der Sterne“ anzuspielen, und weil Gareth Edwards weit mehr serviert hat als ein „Spin-off“, nämlich ein intelligentes Addendum zu „Eine neue Hoffnung“, kann ich nicht alles verschweigen. Die echten Überraschungen behalte ich selbstverständlich für mich.

rogue_one-1

Ein Genie nicht nur in seiner Rolle als Galen Erso: Mads Mikkelsen

Zurück zum Anfang: Während Direktor Krennic versucht, den abtrünnigen Ingenieur mit dem diskreten Charme von Lasergewehren für die Sache des Imperators zu begeistern, kann Ersos Töchterchen Jyn zu Papas Freunden von der Gegenkultur fliehen. Unvermittelt springt die Geschichte ein gutes Dutzend Jahre weiter. Jyn (Felicity Jones) sitzt in einem Knast des Imperiums und hat nichts als trübe Aussichten. Da sprengt ein Scherflein vom Rebellengeheimdienst die Mauer und einige Sturmtruppler in die Luft. Angeführt wird der zähe Haufen von dem etwas zwielichtigen, gleichwohl charmanten Spion Cassian Andor (Diego Luna). Er ist nicht aus Mitleid erschienen, sondern weil er von der jungen Frau etwas will: Informationen über ihren Vater, den Verräter Galen Erso, der dem Imperator eine unfassbar mächtige WMD (weapon of mass destruction) zusammenschraubt.

rogue_one-2

Hat auch sonst viel mit Katniss Everdeen aus „Die Tribute von Panem“ gemeinsam: Jyn Erso

Es geht weiter nach Yavin, wo sich die Zentrale der Rebellenallianz eingeigelt hat. Der freundliche Himmelskörper ist uns bereits aus „Episode IV“ bekannt. Die Sorgfalt und Detailfreude, mit der das „Rogue One“-Team die Sets und Hintergründe aus dem alten Film neu gestaltet hat, sollte jedem Hardcore-Addict das Herz schwellen lassen. Es ist gar kein Wunder, dass „Star Wars“-Erfinder George Lucas sich von „Rogue One“ äußerst angetan zeigte – was Regisseur Edwards wiederum zu dem Ausruf hinriss: „Ich kann jetzt glücklich sterben.“ Mon Mothma (Genevieve O’Reilly), die Anführerin der Rebellen – die in „Episode VI“ einige Sekunden zu sehen war, diesmal sind’s immerhin einige Minuten –, schickt Jyn und Cassian los, um Saw Gerrera (Forest Whitaker) aufzuspüren. Dieser knurrige Charakter – der aus der Animationsserie „The Clone Wars“ übernommen wurde – ist ein alter Freund der Familie Erso, redet aber mit niemandem über den Verbleib des Ingenieurs. Außer mit, hoffentlich, Jyn.

Nun gewahren wir, wie unter Galen Ersos Aufsicht der gigantische Laserprojektor in den Todesstern eingebaut wird – vielleicht die beeindruckendste CGI-Szene, die ich jemals in einem „Star Wars“-Film gesehen habe. Des Imperators Weltvernichtungsmaschine hat noch nie so enorm und wuchtig gewirkt, so bedrohlich und unbezwingbar. Direktor Krennic verlangt gegen den Rat Ersos einen Test des Monsterlasers, der Kommandant ist einverstanden, und während des Disputs bekommen wir einen der drei schlimmsten Ausrutscher von „Rogue One“ viel zu lange zu Gesicht. Denn Grand Moff Tarkin, in „Eine neue Hoffnung“ hundeschnauzenkalt von Peter Cushing verkörpert, wird vom Computer nachgebildet, und das bietet keinen guten Anblick. Der digitale Klon mag zwar bis in die kleinste Runzel mit dem Original identisch sein. Aber nichts an ihm überzeugt, die Mimik schon gar nicht. Wahrscheinlich können CGI-Schauspieler erst dann mit der Ausstrahlung ihrer menschlichen Kollegen wetteifern, wenn es echte künstliche Intelligenz geben wird, doch bis dahin müssen noch viele, viele „Star Wars“-Spielfilme gedreht werden. Mögen sie auf derlei Frankenstein-Experimente einstweilen verzichten!

Damit beende ich die Nacherzählung, denn ab jetzt würde ich zu viel verraten.

Licht und Schatten

Die Rezension ist aber noch nicht vorbei; schließlich lässt sich dieser durchaus unterhaltsame Film auch loben, ohne Spoiler einzubauen. Ein spontanes Kompliment an Donnie Yen, der als stockblinder Kämpfer Chirrut Îmwe die spielerische, gleichsam zenbuddhistische Eleganz seiner Moves endlich mal einem Weltpublikum vorführen darf. Îmwes Mantra lautet zwar: „Die Macht ist mit mir, und ich bin eins mit der Macht.“ Trotzdem hat er keine Jedi-Kräfte, nur einen festen Glauben und verdammt gute Ohren.

rogue_one-3

Der einzige echte „Rogue“ (dt. „Schelm“ oder „Galgenstrick“) in „Rogue One“: der zwielichtige Geheimagent Cassian Andor

Bei der Gelegenheit ein Sonderlob an Edwards, der seine Helden völlig ohne Hokuspokus auskommen lässt: Sie sind gewöhnliche Sterbliche, und das sorgt für Szenen, deren Realismus und Heftigkeit in keinem „Star Wars“-Film etwas Vergleichbares haben. Erwachsene mit Padawanen unter 12 sollten deshalb auf die FSK hören und den Kindern den Kinobesuch nicht zu Weihnachten schenken. Zu viel Blut, zu viele Körperfetzen und insgesamt eine Präsenz von Tod und Schrecken, die auch dem erwachsenen Zuschauer an die Nieren geht. „Rogue One“ hat zur Ablenkung von all dem Leid bloß einen Roboter namens K-2SO zu bieten, einen reprogrammierten Droiden der imperialen Streitkräfte. Der Blechkamerad redet wie eine Macho-Version von C-3PO, was meistens nicht komisch, sondern leicht peinlich anmutet, wie eine Anbiederung ans minderjährige Publikum, das auch über Jar Jar Binks gelacht hat. Angeblich. Ich vermute, dass für diesen drittschlimmsten Fauxpas des Films weniger Gareth Edwards als vielmehr das Studio die Verantwortung trägt, dazu später Näheres.

Nun werden wieder Komplimente verteilt. Zunächst an Mads Mikkelsen, dessen von Jahr zu Jahr männlicheres, markanteres Gesicht – wenn Rodin es hätte meißeln können! – die Skrupel, die Scham und die Verzweiflung des Ingenieurs Galen Erso mit einem Minimum an Regungen widerspiegelt. Es gibt mehrere tragische Figuren in „Rogue One“, doch allein Mikkelsen spielt seinen Part, als seien die Dialogzeilen von Shakespeare oder Ibsen und nicht von zwei soliden Skriptschreibern wie Chris Weitz (u. a. „Der goldene Kompass“) und Tony Gilroy (u. a. „Die Bourne Identität“). Die übrigens auch inspirierte Momente haben, und sie sollen nicht unterschlagen werden. Es ist eine Demonstration menschlicher Würde und sogar ein bisschen zeitkritisch, wenn Mikkelsen seinem Erpresser sagt: „Sie verwechseln Frieden mit Terror.“

Memories are made of this

Neben Donnie Yens „Die Macht ist mit mir …“-Mantra schreibt sich ein Satz ins Gedächtnis, den Ben Mendelsohn alias Orson Krennic mit der Menschenverachtung eines echten Technokraten stammelt, als der Todesstern aktiv wird und, einen halben Kontinent zerstäubend, gerade mal einen Bruchteil seines Potenzials offenbart: „Es ist wunderschön … nicht wahr?“ – Die dritte erinnerungswürdige Zeile des Skripts wird im nächsten Sommer, glaube ich, auf vielen T-Shirts zu lesen sein: „Rebellion ist auf Hoffnung gebaut.“ Felicity Jones sagt das zu den Kameraden und zu uns so, wie sie die Jyn insgesamt spielt: unaffektiert und dennoch anrührend.

rogue_one-4

Ein Mann wie Albert Speer: Direktor Orson Krennic

Umwerfend sind nicht nur ein paar Bilder und Sequenzen des Films, sondern viele. Gareth Edwards durfte 2014 in „Godzilla“ ausprobieren, wie man etwas schrecklich Großes, das es nur im Computer gibt, auf der Leinwand echt erscheinen lässt, und diese Erfahrung nutzt er mit grandiosen Szenen aus. Eine physische Dominanz wie hier hatte der Todesstern noch nie. Reine Augenweide ist das physikalisch absurde, aber mordsspektakuläre Ramm-Manöver à la „Ben Hur“ mit einem Rebellenschiff und zwei Sternenzerstörern: Nicht allein in dieser Bildfolge holt Edwards aus der 3D-Schwindelei etwas Imposantes raus, wie ich es seit, genau, seit „Godzilla“ nicht beobachtet habe.

Das gilt auch für die „Star Wars“-obligatorischen Verfolgungsjagden in „Rogue One“: Wenn mir sowieso schon von der 3D-Pappe schlecht wird, dann wenigstens mit dem Kribbeln, das ich sonst nur nach einer Achterbahnfahrt habe. Die drei Männer vom Filmschnitt – Jabez Olssen, John Gilroy und Colin Goudie – haben sich respektvoll an die Montageregeln gehalten, die George und Marcia Lucas für „Star Wars“ entwickelten, und da gäb’s schlechtere Vorbilder. Wenn in „Rogue One“ die Action übernimmt, fährt die Montage ein Tempo auf wie der „Rasende Falke“, und für so was, Hand aufs Herz, für das Spektakel und die unglaublichen Ereignisse, für die schiere Überwältigung besucht man einen „Star Wars“-Kracher. Die Schauwerte dieses Films sind jedenfalls beträchtlich.

rogue_one-5

Moves, von denen manche Jedi nur träumen können: Donnie Yen macht als Chirrut Îmwe eine Sturmtruppe platt

Als, zum Beispiel, der Todesstern in den Orbit um einen Planeten eintritt, schneidet Edwards auf die Ansicht der Planetenbewohner um und nun taucht das monumentale Ding hinter Wolkenschleiern auf, geisterhaft und fürchterlich real zugleich. Geradezu surrealistisch wirkt auch die X-Wing-Fighter-Staffel, die bei strömendem Regen eine Urwaldfestung attackiert – eine atemberaubende Verschmelzung von Hightech- und Naturgewalten. An solchen Bildern erkennt man den Science-Fiction-Nerd Edwards, sie sind tiefe Verbeugungen vor den Meistern der SF-Illustration – Chris Foss etwa oder Peter Goodfellow. Und sie enthalten eine Kostbarkeit, die nur Science-Fiction im Angebot hat (obschon „Star Wars“ eher zum Fantasy-Genre gehört), sie bergen den „sense of wonder“. Das meint unter SF-Nerds die Atemlosigkeit und Begeisterung vor den Wundern des Kosmos, vor Supertechnik-Artefakten oder etwas einfach unerhört Fremdartigem. Gareth Edwards hat mit „Rogue One“, wie bei „Godzilla“, eine Kindheitsliebe ausgelebt, und es ist meist ein Vergnügen, ihm beim Huldigen zuzuschauen.

Mäkeln am Schluss

Natürlich wird keine der heiligen „Star Wars“-Direktiven verletzt. Wie immer beherbergt jeder Planet, den die Helden aufsuchen, nur eine einzige Stadt. Wie es sich gehört, sind die Raumschiffe der Rebellen fliegende Schrotthaufen und die des Imperiums frisch aus der Werft. Und wie der Fan es erwartet, treten mehrere nie zuvor gesehene, recht bizarre Aliens auf, die aber nicht viel zu melden haben. So weit alles im Lot.

„Rogue One“ leistet sich im Finale jedoch einen Verstoß gegen die „Krieg der Sterne“-Dogmen, der im Fandom für erregte Diskussionen sorgen dürfte. Ich weiß selbst nicht, ob mir gefällt, wie Jyns Geschichte endet. Wie pathetisch sie endet. Und dann ist in der letzten Szene noch der zweitschlimmste Schnitzer des Films zu sehen, ein weiterer CGI-Unfall, den ich der Spannung zuliebe nicht genauer beschreiben kann. Sie werden schon sehen.

rogue_one-6

Das ist leider nicht der Weihnachtsstern

Dies sollte ein „Star Wars“-Stück für Erwachsene werden, und das gelingt Gareth Edwards manchmal etwas zu gut. Er wollte den „Krieg“ im Serientitel ernst nehmen und sich etwas genauer angucken, was diesseits prächtiger Weltraumschlachten und gigantischer Zerstörungsorgien mit Menschen und Nichtmenschen in Kriegszeiten passiert.

Dabei wird in „Rogue One“ nicht mehr, sogar weniger gestorben beziehungsweise getötet als in den Episoden I bis VII. Doch das Sterben und Töten wirkt bei Edwards erheblich schmutziger und schmerzhafter als gewohnt. Einige Szenen nehmen sich aus wie eine futuristische Variante von „Der Soldat James Ryan“. Gareth Edwards hatte eine sehr genaue Vorstellung vom Stil seines Films: „Das ist die Wirklichkeit des Krieges. Die Guten sind böse. Die Bösen sind gut. Es ist kompliziert, vielschichtig“ – und damit zweifellos für etliche „Star Wars“-Apostel nicht geeignet. Die haben es nämlich gern schön aufgeräumt in ihrer Fluchtwelt, mit Guten, die gut, und Bösen, die böse sind.

rogue_one-7

Gigantisch wäre noch untertrieben: die Endmontage eines Planetenkillers

Die erste Schnittfassung von „Rogue One – A Star Wars Story“ dürfte noch bärbeißiger und finsterer ausgefallen sein als die letzte. Die Studiobosse von Disney ordneten einen massiven Nachdreh mit mehreren völlig neuen Szenen an – allerdings nicht unter Edwards‘ Regie, sondern der von Tony Gilroy, dem überdies ein Mitspracherecht am Final Cut eingeräumt wurde. Was Edwards von seiner Ausbootung hält, hat er nicht erzählt. Aber in Hollywood wird kein Geheimnis älter als ein Jahr, und dann werden wir möglicherweise ein paar Geschichten über das Medienimperium Disney und seine Dunklen Marketing-Lords zu hören kriegen, für die sich das Aufbleiben lohnt. So wie sich ein Abend mit diesem Film lohnt, trotz einigen Abstrichen.

rogue_one-9

I see the steel moon a-risin‘: eines von mehreren atemraubenden Todesstern-Panoramen

Der Krieg der Sterne bei „Die Nacht der lebenden Texte“:

Episode I – Die dunkle Bedrohung (The Phantom Menace, 1999)
Episode II – Angriff der Klonkrieger (Attack of the Clones, 2002)
Episode III – Die Rache der Sith (Revenge of the Sith, 2005)
Episode IV – Eine neue Hoffnung (A New Hope, 1977)
Episode V – Das Imperium schlägt zurück (The Empire Strikes Back, 1980)
Episode VI – Die Rückkehr der Jedi-Ritter (Return of the Jedi, 1983)
Episode VII – Das Erwachen der Macht (The Force Awakens, 2015)
Rogue One – A Star Wars Story (Rogue One – A Star Wars Story, 2016)
Star Wars – Die letzten Jedi (Star Wars – The Last Jedi, 2017)
Solo – A Star Wars Story (Solo – A Star Wars Story, 2018)

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Mads Mikkelsen und/oder Forest Whitaker sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

rogue_one-8

Kolossal wie nie zuvor: AT-ATs im Anmarsch

Länge: 133 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Rogue One – A Star Wars Story
USA 2016
Regie: Gareth Edwards
Drehbuch: Chris Weitz, Tony Gilroy
Besetzung: Felicity Jones, Diego Luna, Mads Mikkelsen, Forest Whitaker, Ben Mendelsohn, Alan Tudyk, Donnie Yen, Wen Jiang, Riz Ahmed, Jimmy Smits, Paul Kasey
Verleih: Walt Disney Studios Motion Picture Germany

Copyright 2016 by Kay Sokolowsky

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2016 Walt Disney Studios Motion Picture Germany & Lucasfilm Ltd. All Rights Reserved.

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 2016/12/16 in Film, Kino, Rezensionen

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , ,

Jim Jarmusch (I): Ghost Dog – Der Weg des Samurai – Mit fernöstlichem Kodex im Dienst der Mafia

Jim_Jarmusch_Complete-Cover GhostDog_DVD-D-1

Heute beginnt bei „Die Nacht der lebenden Texte“ eine Reihe über Jim Jarmusch. Ohne Anspruch auf ein vollständiges Abdecken seiner Filmografie und in loser zeitlicher Abfolge werden verschiedene Autoren Jarmuschs Regiearbeiten einer Betrachtung unterziehen.

Ghost Dog – The Way of the Samurai

Gastrezension von Simon Kyprianou

Krimidrama // Am Anfang von Jim Jarmuschs „Ghost Dog – Der Weg des Samurai“ hören wir RZAs „Samurai Showdown“ und sehen dazu eine einsame Taube über dreckige Randbezirke einer kaputten Stadt fliegen: Hinterhöfe, Parkplätze, dunkle Gassen. Die Taube landet auf dem Dach eines Hochhauses, dort lebt Ghost Dog (Forest Withaker) allein in einem kleinen Bretterverschlag. Er ist ein Samurai im Dienst seines Meisters Louie (John Tormey), der ihm einst das Leben rettete.

Allein gegen die Mafia

Er ist ein Profikiller für die italienische Mafia und lebt streng nach den Regeln des „Hagakure“, des Ehrenkodex der Samurai. Eines Tages geht ein Auftrag schief und die Mafia veranstaltet eine Hetzjagd auf Ghost Dog. Bis der zurückschlägt.

GhostDog_005-1

In einem kleinen Mädchen im Park findet Ghost Dog eine Freundin

Jarmusch mag die Außenseiter

Der Ghost Dog ist eine jener typischen Außenseiterfiguren von Jarmusch, ein Mensch, der an der Gesellschaft vorbeilebt und irgendwann unweigerlich mit ihr kollidiert. „Ghost Dog – Der Weg des Samurai“ ist ein Film über das Verschmelzen; das Verschmelzen der Kulturen: HipHop-Beats, fernöstliche Ideologie, italienische Mafia, ein französischer Eisverkäufer. Es ist ein Film über eine Welt, die durch ihre Vielseitigkeit und Vielfältigkeit zersplittert ist und die Jarmusch wieder zusammenzusetzen versucht. Dabei zeigt der Regisseur mit bitterer Ironie, wie ähnlich sich all die gesellschaftlichen Gruppen doch sind, ohne es zu wissen.

Eine dreckige Trash-Welt

Es ist auch ein postmoderner Film über die Verschmelzung der Genres, die Verschmelzung des Kinos. Wir sehen die stoische Tristesse eines Jean-Pierre Melville, dazu die großartige Musik des Wu-Tang-Clans, Elemente des Kung-Fu- und des amerikanischen Gangsterkinos, alles verpackt in einem dreckigen Trash-Universum. Jarmusch arbeitet exzessiv mit Überblendungen. Nichts ist mehr voneinander getrennt, alles verschmilzt, die Welten gehen ineinander über, alles ist unklar.

GhostDog_004-1

Ghost Dog – ein einsamer Wolf

Souveräne Vorstellung von Forest Whitaker

Der Regisseur folgt Ghost Dog mit beobachtendem Blick, erforscht seine Kultur kommentarlos, die positiven wie auch die negativen Seiten. Dabei vertraut er ganz auf das sanftmütige Spiel von Forest Whitaker. Am Ende sind beinah alle Figuren tot, gefallen im Krieg der Kulturen und Ideologien, die Verschmelzung ist gescheitert. Es ist das bittere Ende eines großartigen Films.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Jim Jarmusch sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Forest Whitaker in der Rubrik Schauspieler.

Veröffentlichung: 11. Dezember 2014 als Blu-ray in der Box „Jim Jarmusch – The Complete Collection“, 10. Oktober 2000 als DVD

Länge: 116 Min. (Blu-ray), 111 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch (auf DVD nicht ausblendbar)
Originaltitel: Ghost Dog – The Way of the Samurai
F/D/USA/JAP 1999
Regie: Jim Jarmusch
Drehbuch: Jim Jarmusch
Besetzung: Forest Whitaker, Henry Silva, John Tormey, Cliff Gorman, Richard Portnow, Tricia Vessey, Victor Argo, Damon Whitaker
Zusatzmaterial: Trailer, Reel X – deleted Scenes, Musikvideo: „Cakes“ (Kool G Rap feat. The RZA)
Vertrieb: Studiocanal Home Entertainment

Copyright 2014 by Simon Kyprianou
Fotos & Packshots: © 2014 Studiocanal Home Entertainment

 

Schlagwörter: , , , , , , , ,

 
%d Bloggern gefällt das: