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Mördersyndikat San Francisco – Wer nicht für uns ist, ist gegen uns

Hoodlum Empire

Von Ansgar Skulme

Krimidrama // Gangsterboss Nicholas Mancani (Luther Adler) muss sich vor einer Grand Jury für die ihm zur Last gelegten Taten verantworten. Die Senatoren unter Federführung von Bill Stephens (Brian Donlevy) wollen insbesondere der Ausbeutung durch Glücksspiel ans Leder, bei der die organisierten Kriminellen keinen Halt davor machen, kleinen Kindern auf dem Schulweg mit eigens platzierten Automaten das Geld fürs Frühstück aus der Tasche zu ziehen. Wenn es sein muss wird dabei auch mit simplen, aber dreisten Hilfsmitteln gearbeitet, damit selbst die Kleinsten an die Münzschlitze gelangen können. Befragt werden neben dem Boss unter anderem enge Freunde und vermutete Untergebene Mancanis, wie etwa Charles Pignatalli (Forrest Tucker), der schnell einmal über Leichen geht, wenn er nervös wird. Zwischen den Fronten steht Joe Gray (John Russell) – dieser hat zwar vor dem Kriegsdienst unter den Augen seines großzügigen Onkels „Nick“ Mancani das eine oder andere Ding gedreht, wollte nach der Heimkehr aber nicht ins mittlerweile deutlich gewachsene Mancani-Imperium einsteigen. Doch wen man weder für sich arbeiten lassen noch kaufen kann, dem kann man eventuell zumindest empfindliche Glaubwürdigkeits- oder Überlebensprobleme verschaffen.

Manch ein Italo-Amerikaner fühlte sich von dieser Erzählung zum Kinostart schon allein aufgrund der Namen der Kriminellen reichlich auf die Füße getreten. Doch nicht nur wer vom Film noir eine Kompromisslosigkeit dergestalt erwartet, dass auch Szenen mit bereits verzweifelt am Boden liegenden Frauen denkbar sind, die wehrlos von in ihrer Ehre gekränkten Gangstern erschossen werden, findet in „Mördersyndikat San Francisco“ in jedem Fall einen treffenden, giftigen Genrebeitrag. Ein Film, der die düstersten Schattierungen des Noirs mit gesellschaftspolitisch ambitionierten Ansätzen kreuzt.

Mamma Mia!

Man kann diese von den seinerzeit topaktuellen, sogenannten Kefauver-Hearings inspirierte Produktion sicherlich als Prestige-Projekt der Republic Pictures verstehen – unschwer an der Besetzung diverser aus berühmten Projekten wesentlich größerer Studios bekannter Charakterdarsteller zu erkennen, darunter mehrere hauptrollenaffine Recken mit Star-Qualitäten. Die Anbindung an die wahren Geschehnisse erklärt letztlich auch die Vergabe der Namen der Figuren, wenngleich man dem Film vermutlich einen Gefallen damit getan hätte, zumindest etwas mehr darauf einzugehen, dass es natürlich auch Kriminelle im Umfeld der im Zentrum der Handlung agierenden Charaktere gab, in deren Adern kein italienisches Blut floss. Ärgerlich ist das aber eigentlich nur insofern, als es völlig unproblematisch möglich gewesen wäre, mit ein paar wenigen Dialogen diverse Verflechtungen mehr zu zeigen, aber nicht, weil der Film sich mit dem nichtsdestotrotz gewählten Ansatz waghalsig auf Glatteis begäbe. Die Problematik liegt eher bei den Anhörungen selbst, die im Rückblick ebenfalls mit dem Vorwurf konfrontiert wurden, sich zu einseitig auf die italo-amerikanische Mafia eingeschossen zu haben. Der Film reproduziert diese Einseitigkeit lediglich, wenn auch ohne die Fragwürdigkeit der Konstellation merklich zu reflektieren oder eben die Option zu nutzen, dass man spielend einige Schritte weiter hätte gehen können.

Der Star ist die Mannschaft

Unabhängig davon, wie sehr man diesem Thriller das etwas unglückliche Treiben im Fahrwasser fragwürdig verlaufener wahrer Begebenheiten nun ankreiden will, ist „Mördersyndikat San Francisco“ zunächst einmal ein recht gut geeignetes Beispiel für einen Film, dessen Ensemble vor der Kamera in der Lage ist, allen Widrigkeiten zu trotzen – was gerade bei einem eher kleinen Studio wie Republic Pictures ein löblicher Umstand ist.

Dem Story-Verlauf nach wäre eigentlich die Rolle von John Russell an erster Stelle des Vorspanns zu nennen, würde man einem klassischen Hollywood-Muster folgen. Doch um sich nach solchen Gepflogenheiten zu richten, hat dieser Film einfach zu viele bekannte Gesichter im Gepäck, darunter auch Namen, mit denen Russell damals noch nicht hätte mithalten können. So geht der erste Platz in den Credits an Brian Donlevy, während einem Forrest Tucker – der bei Republic seinerzeit auch schon als Führungskraft vor der Kamera eingesetzt worden war – hier mal wieder eine Sidekick-Rolle zukommt. Und schauspielerisch reißen insbesondere Luther Adler und Gene Lockhart ihre jeweiligen Szenen an sich – Adler als charismatischer Gangsterboss, Lockhart als verbissen gegen das Verbrechen keifender Senator –, während sich Claire Trevor in dem männerdominierten Cast in einer tragischen Damenrolle sehr würdevoll und schließlich auch berührend präsentiert. Geplant waren offenbar auch Einsätze von Joseph Cotten und George Raft, die letztlich aber nicht realisiert wurden.

Sogar die ehemalige Eiskunstläuferin Vera Ralston, deren gesamte Filmkarriere von Republic Pictures umspannt wurde, gibt in „Mördersyndikat San Francisco“ eine recht überzeugende Vorstellung als schüchterne, aber durch Kriegserfahrungen geprägte und gereifte Europäerin vom Lande. Kritik an ihren Darbietungen hängt sich oft daran auf, dass sie mit dem wesentlich älteren Republic-Pictures-Gründer Herbert J. Yates liiert war – frei nach dem Motto, sie hätte ihre Engagements vor der Kamera nicht durch Talent, sondern persönliche Beziehungen bekommen. Angeblich waren fast alle ihrer insgesamt weniger als 30 Filme kommerzielle Misserfolge, dennoch erhielt sie bis zum frühzeitigen Ende ihrer Filmkarriere 1958 konstant umfangreiche Spielfilmparts bei Republic. Yates wurde Vetternwirtschaft vorgeworfen und sein Festhalten an Ralston vor der Kamera gilt als einer der Gründe, warum er sich schließlich von der Spitze der Republic Pictures zurückziehen musste. Die These, dass Vera Ralston ungewöhnlich talentfrei war, halte ich allerdings für deutlich überzogen. Sicherlich spielte sie überwiegend eher belanglose Figuren – wenn man sich jedoch vergegenwärtigt, wie viele belanglose Frauenrollen das damalige Hollywood zu bieten hat, ist das mit Sicherheit nicht einmal ansatzweise so etwas wie ein Alleinstellungsmerkmal, schauspielerisches Vermögen oder Unvermögen der Beteiligten eingerechnet. Und sie war gewiss nicht die einzige Frau in Hollywood, die maßgeblich von persönlichen Beziehungen profitierte und sich darüber eine langjährige Karriere aufbaute. Wer frei von Sünde ist, werfe den ersten Stein.

Kane war ihr Schicksal

Ein ähnliches Opfer oberflächlicher Kritik ist auch der Regisseur des Films, Joseph Kane. Er sogar noch wesentlich deutlicher zu Unrecht, wie ich finde. Kritikern und Wissenschaftlern, die von einem Regisseur regelrecht zwingend erwarten, dass er durch seine ästhetische Handschrift oder spezielle narrative Elemente ständig, wenn nicht gar redundant, also auffällig, auf sich selbst hinweist – indem er immer wieder mit bestimmten Stilmitteln deutlich werden lässt, dass es sich eindeutig um einen Film von ihm handelt –, sind Regisseure wie Kane ein Dorn im Auge. Regisseure wie Joseph Kane waren es allerdings, die vergleichsweise kleine Produktionsfirmen wie Republic Pictures im Hollywood der 30er bis 50er am Laufen hielten. Vielfilmer, deren Kunst das solide Unterhalten und Beherrschen diverser kommerziell relevanter Genres war, die aber auch die Fähigkeit besaßen, den Schauspielern die Bühne zu überlassen, was durchaus gewisse Vorzüge haben kann – und die ihre Kameramänner auch einfach mal ohne Stress eher altmodisch filmen ließen, weil schlicht und ergreifend ja auch eigentlich gar nichts dagegen spricht, einem schon für damalige Verhältnisse recht klassischen Look verhaftet zu bleiben, solange es nicht jeder macht. Stilistisch-ästhetisch unspektakulär zu sein, muss nicht immer negativ sein, sondern bringt unter Umständen sogar eine Art Mehr an Objektivität ins Spiel. Da kann aus der Not im besten Fall sogar eine Tugend werden. Kurios: In „Mördersyndikat San Francisco“ passt es obendrein recht gut zur mehrfach mit Rückblenden in die Vergangenheit greifenden Handlung, dass auch die Kameraarbeit an Filme der 30er und 40er erinnert.

Regisseure des Schlages von Joseph Kane waren im damaligen Hollywood des Öfteren quer durch diverse auf Spannung und Abenteuer abzielende Genres unterwegs – meist angeführt vom Western, über exotische Abenteuerfilme bis hin zu Kriegsfilmen und Noir-Krimis. Letzten Endes sind es gerade die Filme von Regisseuren wie Kane, die einem immer wieder bewusst machen, dass es beim Film eben nicht zwingend darum gehen muss, im Nachhinein über den „Einfluss des Regisseurs“ oder seinen „Blickwinkel“ zu philosophieren. Filme erzählen in erster Linie Geschichten und nur Filme als hochwertig einzustufen, in denen der Regisseur eine auffallende, sich bewusst oder unbewusst in den Vordergrund drängende Handschrift hat, halte ich für bedenklich eindimensional. Auch ob man in derartigen Kontexten mit abwertenden Differenzierungen arbeiten sollte, wie etwa, wenn man von „trivialer Dramaturgie“ oder „Trivialliteratur“ spricht – womit eine Art der Literatur gemeint ist, die vergleichbar ist mit der Art wie ein Joseph Kane Filme drehte – halte ich für sehr diskutabel. Und wer das tut, darf sich zumindest nicht beschweren, wenn umgekehrt das Autorenkino hin und wieder Stempel wie „verkünstelt“ oder „langweilig“ bekommt.

Kino wird erst vielfältig und spannend, wenn manchmal im Film eine Komponente wie die „Handschrift des Regisseurs“ eben auch einmal weitgehend wegfällt und dafür andere Bestandteile des Films an Gewicht gewinnen. Letztlich ist das Kino von Dauerbrenner-Regisseuren wie Joseph Kane, Lesley Selander oder Fred F. Sears, wenn man so will, quasi der frühzeitige, radikale Gegenentwurf zum Autorenkino. Das mag nicht so intendiert gewesen sein – zumal der Typ „Autor“ unter den Kino-Regisseuren damals sowieso noch weniger verbreitet war –, ist aber verdammt gut so. Der Charme, den beispielsweise das Genre Western bis heute hat, wäre ohne Kanten wie Kane, Selander oder Sears überhaupt nicht möglich gewesen – Regisseure wie John Ford oder Howard Hawks machen nur einen Bruchteil des Genres aus. Und gerade der Erfolg des klassischen Hollywood-Westerns bis heute belegt die Sinnhaftigkeit eines der am nachhaltigsten, bei einem relativ breit gefächerten Publikum funktionierenden Konzepte des klassischen Kinos. Dass der Western noch heute mehr als jedes andere Filmgenre in vielen großen Märkten in Deutschland eine eigene Sektion bekommt, damit man die Filme des Genres im Verkaufsregal schneller findet, obwohl die meisten dort zu findenden Produktionen zwischen 50 und 80 Jahren alt sind, ist ja alles andere als Zufall. Artifizielle oder auffallend bemüht nach Realismus strebende Filme sind gut und schön – aber auch anderes sollte man als filmhistorisch relevant anerkennen können, vor allem wenn es nachweislich über Jahrzehnte den Nerv eines relativ großen Publikums trifft.

Mehr Republic für die Bundesrepublik

In den USA gibt es „Mördersyndikat San Francisco“ schon seit 2013 auf Blu-ray und DVD. Der deutsche Markt könnte sich, im Falle eines Erscheinens hierzulande, auf eine wunderbare klassische Synchronisation von 1955 freuen, die im Auftrag des Verleihs „Gloria“ erstellt wurde, der in Deutschland damals auf den Vertrieb von Republic-Pictures-Filmen abonniert war. Mit dabei: der bis ins hohe Alter aktiv gewesene, heute legendäre Friedrich Schoenfelder in einer ganz frühen Hauptrolle – überraschend als Stimme von Brian Donlevy besetzt. Eine Zeit lang hat sich insbesondere das Label „Filmjuwelen“ in Deutschland um DVD-Veröffentlichungen diverser Republic-Pictures-Klassiker gekümmert. Generell aber gilt, dass selbst der Film noir des US-Kinos der 40er und 50er hinsichtlich DVD-Veröffentlichungen hierzulande noch bei Weitem nicht so gut erschlossen ist wie der Western oder, nach meinem Empfinden, auch der Kriegsfilm derselben Epoche. Es besteht ein gewisser Nachholbedarf, da nach wie vor etliche wirklich gute, teils auch international recht populäre klassische US-Noirs einer DVD-Veröffentlichung in Deutschland harren. „Mördersyndikat San Francisco“ ist in Relation dazu eher so etwas wie ein Geheimtipp, aber Geheimtipps dieser Größenordnung haben im Western in den vergangenen Jahren dutzendweise den Sprung in unsere DVD-Regale geschafft. Die ungleiche Behandlung der Genres ist da momentan leider ein Hemmnis. Als kämpferisches Statement gegen organisierte Kriminalität in Verbindung mit taffen Noir-Elementen und ein paar wirklich starken schauspielerischen Leistungen sowie etlichen Charakterköpfen, ist „Mördersyndikat San Francisco“ eine klare Empfehlung für Freunde des US-Thrillers der 40er und 50er in Schwarz-Weiß.

Veröffentlichung (USA): 30. April 2013 als Blu-ray und DVD

Länge: 98 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Hoodlum Empire
USA 1952
Regie: Joseph Kane
Drehbuch: Bob Considine, Bruce Manning
Besetzung: Brian Donlevy, Claire Trevor, Luther Adler, John Russell, Forrest Tucker, Gene Lockhart, Vera Ralston, Grant Withers, Taylor Holmes, Douglas Kennedy
Verleih: Republic Pictures

Copyright 2019 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use

 

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Ein Gauner & Gentleman – Letzter Auftritt eines großen Charmeurs?

The Old Man & the Gun

Kinostart: 28. März 2019

Von Philipp Ludwig

Krimikomödie // Robert Redford kann auf eine wahrhaft imposante Karriere im Filmgeschäft zurückblicken. Seit seinem 1969 erfolgten Durchbruch als Sundance Kid im Western-Klassiker „Zwei Banditen“ („Butch Cassidy and the Sundance Kid“) verdiente er sich bis heute durch zahlreiche Leinwandauftritte einen festen Platz im kulturellen Gedächtnis. Mit seinem guten Aussehen und seiner tollen Ausstrahlung weckte er dabei nicht nur allerlei Begehrlichkeiten – gerade die Rolle des großen Charmeurs (egal ob Outlaw oder Einzelgänger) scheint ihm bis heute wie auf den Leib geschrieben und zieht sich wie ein roter Faden durch seine persönliche Kinokarriere.

Witwe Jewel und Bankräuber Forrest: mehr als nur eine Zufallsbegegnung?

Doch nicht nur vor der Kamera gibt der mittlerweile 82-jährige Tausendsassa weiterhin eine gute Figur ab, auch als Regisseur und Produzent kann er zahlreiche filmische Erfolge für sich verbuchen. Die Krimikomödie „Ein Gauner & Gentleman“ soll nun seinen Abschied zumindest vor der Kamera bedeuten, wie er im Vorfeld der US-Premiere des Films im September 2018 selbst wiederholt ankündigte. Doch ob ein so mit der Kamera verbundener Filmbesessener wie Redford dieser tatsächlich entsagen kann? Er selbst hat zuletzt bereits durchklingen lassen, die Endgültigkeit seiner Entscheidung sei noch nicht in Stein gemeißelt.

Kann Jewel den alten Sturkopf und notorischen Gauner vom Räuber-Ruhestand überzeugen?

In seinem nun also vermeintlich letzten Leinwandauftritt verkörpert Redford den Bankräuber Forrest Tucker, den es wirklich gegeben hat und der im Film interessanterweise vor eine ähnliche Alters-Problematik gestellt wird – auch wenn sich dieser im Leben nicht durch seine Schauspielfertigkeiten ausgezeichnet hat, sondern eben durch seinen notorischen Hang zu Banküberfällen. Bereits als Jugendlicher fing Tucker mit der Räuberei an, und er kann sich auch bis ins hohe Alter hinein keine bessere Erfüllung eines Lebens nach seinem Verständnis von Freiheit vorstellen als den Kick, den er bei der Ausführung eines Überfalls und der anschließenden Flucht verspürt. Trotz zahlreicher damit verbundener Festnahmen und Inhaftierungen. Als talentierter Ausbruchskünstler hält ihn sowieso keine Gefängnismauer für lange Zeit auf. Glaubt man seinen abenteuerlichen Erzählungen, wohl noch nicht einmal das berüchtigte Alcatraz. Tuckers Markenzeichen: sein stets charmantes und freundliches Auftreten. Denn seine Waffe habe er noch niemals abfeuern müssen, wie er ebenso stolz zu betonen pflegt.

Senioren-Clique auf großer Raubtour

Zu Beginn der 1980er-Jahre begibt sich Forrest Tucker mit seiner vertrauten Gang aus ebenfalls betagten Räubern (großartig: Danny Glover und Grummelsänger Tom Waits) auf seinen bislang wohl größten Raubzug quer durch die USA. Während der anschließenden Flucht vor der Polizei trifft er nach einem der zahlreichen Überfälle auf die verwitwete Farmerin Jewel (Sissy Spacek). Rasch entwickeln sich aus dieser Zufallsbegegnung romantisch-freundschaftliche Gefühle zwischen den beiden einsamen Seelen. Und somit wird auch Tucker, ebenso wie sein prominenter Darsteller, mit der Frage konfrontiert, ob es nicht langsam doch Zeit für den wohlverdienten Ruhestand wäre. Aber kann der notorische Gauner wirklich einfach so mit seiner großen Leidenschaft aufhören und auf den Thrill eines Lebens auf der Flucht verzichten, der ihm so viel bedeutet?

Alles Gute zum 40. Geburtstag: Detective John Hunt wirkt müde

Ihm auf den Fersen ist der in Dallas ansässige Detective John Hunt (Casey Affleck). Der erkennt in der Reihe von im Grunde genommen recht harmlos erscheinenden Überfällen des vermeintlichen Gentleman-Räubers als Erster einen Zusammenhang. Die neue Herausforderung kommt ihm gerade recht, droht der frischgebackene 40-jährige doch unaufhaltsam in eine handfeste Midlife-Crisis zu schlittern. Bald steigt auch das öffentliche Interesse an der nicht enden wollenden Bankraubserie des Seniorentrios. Da Tuckers Raubzüge auch andere Behörden wie das FBI auf den Plan rufen, muss Hunt um seinen ihm zunehmend ans Herz gewachsenen Fall bangen. Doch nicht nur das: Er muss sich fragen, ob nicht auch er langsam, aber sicher dem Charme des alten Haudegens erliegt. Will er ihn wirklich schnappen oder stellt vielleicht die eigentliche Jagd selbst für ihn den Reiz dar? Ebenso wie für seinen Gegenpart Tucker die stete Flucht vor dem Gesetz.

Größtenteils nach wahren Begebenheiten

Die spannende Lebensgeschichte des Bankräubers und Ausbruchsexperten Forrest Tucker wurde erstmalig durch David Granns Artikel „The Old Man and the Gun“ im Magazin „The New Yorker“ 2003 einer größeren Öffentlichkeit präsentiert. Die Geschichte erweckte auch die Aufmerksamkeit des 1980 geborenen Filmemachers David Lowery. Auf loser Grundlage des Zeitungsartikels verfasste er nicht nur ein Drehbuch, er übernahm auch direkt den Regiestuhl bei der unter anderen von Redford mitproduzierten Kino-Adaption. Lowery selbst hat in seiner noch jungen Karriere als Filmemacher bereits zuvor mit diesem als Schauspieler in der Disney-Verfilmung „Elliot’s Drache“ (2016) sowie gleich zweimal mit Casey Affleck zusammengearbeitet – bei „The Saints – Sie kannten kein Gesetz“ (2013) und „A Ghost Story“ (2017).

Die „Altherrengang“ um Forrest hat auf ihrem Raubzug vor allem eins: eine Menge Spaß

Lowery passt seinen Forrest Tucker nicht nur alterstechnisch an Redford an, er verlagert die Geschichte von dessen großer Raubserie zudem ins Jahr 1981. Sein Werk spielt jedoch nicht nur Anfang der 1980er-Jahre, es könnte dank der Kameraarbeit mit dem fast schon ausgestorbenen Super-16-Verfahren und der damit einhergehenden Ästhetik der 1970er-Jahre ebenso gut selbst aus dieser Zeit stammen. Neben dem daher stets etwas grizzeligen und fast schon historisch anmutenden Bild ist dies auch der bedächtigen und etwas altbacken anmutenden Inszenierung zu verdanken. Herrlich entschleunigend lässt der Regisseur die Geschichte vor unseren Augen mit viel Gefühl und ganz gemächlich ihre Wirkung entfalten. Außer dem einnehmenden Charme nahezu sämtlicher Figuren vertraut er dabei vor allem auf eine gehörige Portion an intelligentem und feinfühligem Humor und Wortwitz. Durch die passende musikalische Untermalung, die sich größtenteils als Jazz-artige Fahrstuhlmusik bezeichnen lässt, macht sich hier ein rundherum wohliges Gefühl längst vergangener filmischer wie gesellschaftlicher Tage breit. Gerade Filmnostalgikerinnen und -nostalgiker dürften ihre helle Freude an dieser durchweg sympathischen Gaunergeschichte haben.

Oscar-gekröntes Trio begeistert

Neben der angenehm unaufgeregten Art der Inszenierung sind es vor allem die vielen liebenswürdigen und toll ausgearbeiteten Figuren, die Lowerys Bankräuber-Komödie mit dem nötigen Leben füllen. Einerseits eine Leistung des Regisseurs und Drehbuchautors in Personalunion, andererseits durch die überzeugenden Darstellungen der beeindruckenden Riege an Schauspielschwergewichten bedingt. Die zudem mit einer Menge Oscar-Glanz ausgestattet sind. Zusätzlich zu dem bereits zweifach preisgekrönten Redford (der außer seinem Regie-Oscar 1981 für „Eine ganz normale Familie“ im Jahr 2002 auch einen Ehren-Oscar für sein Lebenswerk erhielt), haben sowohl Sissy Spacek (ebenfalls 1981 ausgezeichnet als beste Hauptdarstellerin in „Nashville Lady“) als auch Casey Affleck (2017 ausgezeichnet als bester Hauptdarsteller in „Manchester by the Sea“) einen der begehrten Goldjungen in der Vitrine stehen.

Neuer Fall, neuer Elan – der Detective führt nach langer Zeit mal wieder seine Frau Maureen aus

Spacek gelingt es auf beeindruckende Weise, ausgestattet mit viel Alterscharme und einer durchweg liebevollen Ausstrahlung, die aufkommenden Gefühle zwischen ihr und Forrest sowie deren inniger werdende Beziehung mit viel Wärme zur Geltung zu bringen. Ebenso nimmt man ihr glaubhaft ihre Rolle als einzige Person ab, der zuzutrauen ist, den alten Sturkopf von seinem Weg abzubringen. Wohingegen es mit Casey Affleck wohl kaum eine bessere Besetzung für den vom Leben zunehmend gelangweilten John Hunt geben dürfte. Der Detective ist zwar voll der Liebe für seine kleine Familie, aufgrund seines 40. Geburtstages aber auch von einer tiefen Lebens- und Sinnkrise bedroht. Und fortan zunächst offenbar kaum imstande, beim Sprechen seine Zähne vernünftig auseinanderzubekommen sowie überhaupt noch halbwegs wach auf den Beinen zu bleiben. Nur gut, dass die Senioren-Bankräuber ihm wieder ein Ziel und somit neuen Elan verleihen.

Hommage an einen Großen seiner Zunft

Doch so gut „Ein Gauner & Gentleman“ bis in die kleinste Nebenrolle hinein besetzt sein mag – über allem thront wie selbstverständlich der alte Haudegen Robert Redford. Einfach beeindruckend dessen schier unglaubliche Leinwandpräsenz, schafft er es doch mit seinem beinahe jungenhaften Charme, die Leinwand zu erfüllen und den Film zu jeder Sekunde seines Auftretens allein zu tragen. Ein Zucken der Mundwinkel, ein leichtes Anheben der Augenlider oder sein gewinnendes Lächeln reichen dafür vollkommen aus. Phänomenal, wie man mit mitunter so wenig Aufwand so viel Wirkung erzeugen kann. Der endgültige Beweis, so es bei Redford denn noch eines bedurft hätte, dass man es hier tatsächlich mit einer wahren Schauspielgröße zu tun hat.

Durch das von Redford selbst im Vorfeld kolportierte Karriereende hat der Film ja bereits eine gewisse Sonderstellung eingenommen. Passend dazu nimmt „Ein Gauner & Gentleman“ mitunter sogar die Funktion einer Hommage an Redford ein, verkörpert dieser doch eine Figur, die als eine Kreuzung der prägendsten Figuren seiner langen Karriere durchgeht. Wenn dieser dann auch noch einer perplexen Jewel von seiner spannenden Lebensgeschichte erzählt und dies mit einer Montage aus alten Filmszenen Redfords in jungen Jahren sowie seiner weiteren Laufbahn unterlegt wird, so kann es einem schon vorkommen, als verneige sich Regisseur Lowery auf diese Weise filmisch vor seinem Hauptdarsteller. Die Grenzen zwischen Illusion und Wirklichkeit verschwimmen in dieser Szene auf eindrucksvolle Weise und man fragt sich in diesem Moment: Geht es gerade um Forrest Tucker oder um Robert Redford?

Kommt Forrest auf seine alten Tage tatsächlich ins Grübeln?

Einzig die Mär vom „guten“ Verbrecher ist es, die mich bei diesem eigentlich rundum gelungenen filmischen Werk zumindest etwas zum kritischen Nachdenken bringt. Denn ich denke, jeder der selbst einmal im Einzelhandel tätig war oder andere, mit der Öffentlichkeit in Kontakt stehende Berufe ausübt, kennt die Angst, eventuell einmal überfallen beziehungsweise Opfer einer Gewalttat zu werden. Ob das dann ein netter oder weniger netter Mensch sein sollte – ein traumatisches Erlebnis stellt so etwas für die Betroffenen wohl immer dar. Auch wenn natürlich ein höflicher und gewaltfreier Räuber in so einem Fall immer noch zu bevorzugen ist. Ich komme dennoch nicht umhin, mit den Opfern auch der sogenannten Gentleman-Räuber mitzufühlen und somit hier bei dieser Thematik stets ein wenig meine inneren Alarmsensoren hochzufahren. Dankenswerterweise scheint sich auch Lowery dieser Verantwortung zumindest etwas bewusst zu sein, lässt er doch wenigstens in zwei Fällen in der Reihe der ansonsten durchweg vom Charme Tuckers eingenommenen Opfer Menschen auftreten, die mit den von ihnen gemachten Erfahrungen durchaus zu kämpfen haben. Und auch besagtem Räuber-Charmeur Forrest in einem Fall schamvoll anerkennen lassen müssen, dass das, was er tut, nicht wirklich richtig ist und auch immer andere Menschen durch sein Handeln betroffen sind. Egal wie nett er dabei auch zu sein scheint.

Sympathisches Räuber-und-Gendarm-Spiel

Dies soll dann aber auch tatsächlich der einzige Punkt sein, bei dem ich überhaupt mal ernsthaft zur Kritik ansetze. Auch wenn „Ein Gauner & Gentleman“ durch die durchweg sympathischen und liebenswürdigen Figuren beinahe schon etwas naiv wirkt, so sind es gerade diese liebevollen Figuren, die zu jeder Sekunde den besonderen Charme des Films ausmachen. Zusammen mit der bedächtigen und altmodischen Inszenierung sowie dem tollen Witz entsteht ein wunderbarer filmischer Entschleuniger, der einem für gut anderthalb Stunden auf unterhaltsame und ansehnliche Weise Ausflucht aus dem hektischen Trubel unserer auf Geschwindigkeit und Schnelllebigkeit getrimmten Zeit bietet. Für mich persönlich hat Lowerys Film auf jeden Fall direkt den Status einer kleinen Filmperle erlangt, die Krimikomödie wirkt aufgrund ihres filmhistorisch anmutenden Stils bereits jetzt schon selbst fast wie eine Art Klassiker. Absolut empfehlenswert.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Casey Affleck und Robert Redford sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Aber ob der leidenschaftliche Gauner jemals auf seine bevorzugte Lebensweise verzichten kann?

Länge: 94 Min.
Altersfreigabe: FSK 6
Originaltitel: The Old Man & the Gun
USA 2018
Regie: David Lowery
Drehbuch: David Lowery, basierend auf dem Zeitschriftenartikel „The Old Man and the Gun“ von David Grann in „The New Yorker“ (2003)
Besetzung: Robert Redford, Casey Affleck, Sissy Spacek, Tom Waits, Danny Glover, Tika Sumpter, Elisabeth Moss, Keith Carradine, John David Washington
Verleih: DCM Film Distribution GmbH

Copyright 2019 by Philipp Ludwig

Filmplakat & Trailer: © 2018 DCM, Szenenfotos: © 2018 Eric Zachanowich, DCM

 

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Pony Express – Der Stoff, aus dem Legenden sind

Pony Express

Von Ansgar Skulme

Western // Die USA kurz vor Beginn des Bürgerkrieges: Zwischen Missouri und Kalifornien soll der sogenannte Pony-Express seinen Betrieb aufnehmen. Buffalo Bill (Charlton Heston) und Wild Bill Hickok (Forrest Tucker) geben den Organisatoren Rückendeckung, denn dem Projekt droht Gefahr von kalifornischen Separatisten, die teils politisch-ambitionierte, teils rein wirtschaftliche Ansinnen verfolgen. Ferner halten die Sioux unter ihrem grobschlächtigen Anführer „Gelbe Hand“ (Pat Hogan) wenig von den ungebetenen Gästen, die ihr Land kreuzen wollen. Mit Unterstützung von keinem Geringeren als Jim Bridger (Porter Hall), der zweifelnden Separatistin Evelyn Hastings (Rhonda Fleming), der nur auf den ersten Blick burschikosen Denny Russell (Jan Sterling) und vielen mehr stürmt der Pony-Express seinem waghalsigen Start entgegen.

Der Westen – unendliche Weiten …

Historische Genauigkeit darf man von „Pony Express“ nicht erwarten. Um sich darüber klar zu werden, genügt schon allein die Feststellung, dass Buffalo Bill im Jahre 1860 eigentlich erst 14 Jahre alt war. Der Western ist allerdings ohnehin das Genre der Legendenbildung und durch das Aufgreifen historischer Figuren wie Buffalo Bill, Wild Bill Hickok und Jim Bridger ist ein Film wie „Pony Express“ in diesem Kontext lediglich eine Art Vorreiter. Dass die Figuren hier nicht für voll zu nehmen sind, gilt ebenso für die Helden wie auch die Indianer auf der anderen Seite, an denen der Film kein gutes Haar lässt, die sich als Antagonisten in der atmosphärisch dicht gestrickten Story aber dennoch sehr gut machen.

Unterbewertete Klasse-Western

„Pony Express“ war der erste von drei 1953 erschienenen Filmen, die nach einem Drehbuch von Charles Marquis Warren, mit dem zweifachen Oscar-Preisträger Ray Rennahan („König der Toreros“) an der Kamera und mit Musik von Paul Sawtell durch den Produzenten Nat Holt über Paramount Pictures in die Kinos gebracht wurden. Alle drei – die beiden Western „Pony Express“ und „Die Bestie der Wildnis“ sowie der Actionkrimi „Flug nach Tanger“ – schafften es bereits im Folgejahr in einer synchronisierten Fassung in die deutschen Kinos. Nat Holt war einer der wichtigsten Western-Produzenten der ersten Hälfte der 50er-Jahre, der dem Genre neben den beiden besagten Kollaborationen mit Charles Marquis Warren auch Filme wie „Die Todesschlucht von Arizona“ (1950), „Am Marterpfahl der Sioux“ (1951), „Die roten Teufel von Arizona“ (1952) oder „Terror am Rio Grande“ (1952) schenkte – kurzum: eine ganze Reihe sowohl farblich sehr schöner als auch atmosphärisch fesselnder Produktionen. Neben Marquis Warren gehörte Frank Gruber zu den maßgeblich für die Nat-Holt-Erfolge verantwortlichen Autoren. Gegenüber den Indianern waren diese Filme oft eher negativ eingestellt – vor allem in den Western, zu denen Marquis Warren das Drehbuch schrieb –, allerdings sind sie mitreißend inszeniert und schildern den existenzialistischen Kampf um das Land in ähnlich gekonnter Art und Weise wie beispielsweise „Die Teufelsbrigade“ (1951).

Nicht perfekt, aber mit natürlichen Fehlern schön

„Pony Express“ wurde als einzige der drei Nat-Holt-Produktionen nach Drehbüchern von Marquis Warren nicht von letzterem selbst inszeniert, sondern von Jerry Hopper. Dieser schuf gemeinsam mit Kameramann Rennahan ein malerisches Western-Erlebnis mit ein paar handwerklichen Schwachstellen, dafür aber stylishen Actionszenen und weiteren guten erzählerischen Ideen. Gekrönt von Paul Sawtells teils furioser, stellenweise aber auch fast schon mystisch-düsterer Musik. Wenngleich die Kamera manchmal überraschend unvorteilhaft positioniert scheint, stehen dem diverse tolle Einstellungen gegenüber – darunter ein grandioses Eröffnungs- sowie ein gleichsam episches Schlussbild. Die Weite der Landschaft wird mehrfach herrlich bebildert.

Interessant ist auch der Eintritt in die Story, da sich die ersten 15 Minuten des Films nahezu in Echtzeit abzuspielen scheinen. Erst als die kurzhaarige Denny Russell das erste Mal auftritt, spürt man einen wirklichen Szenen- und Schauplatzwechsel, nachdem man sich zuvor ohne nennenswerte Unterbrechungen fortlaufend gemeinsam mit Buffalo Bill durch die Landschaft bewegt und bereits mehrere Abenteuer mit ihm bestanden hat. Zum Zeitpunkt des Sprungs in die Stadt sind sowohl die Sioux als auch die Separatisten als gegnerische Gruppen eingeführt, und die Beziehung zwischen Buffalo Bill und Evelyn Hastings ist ebenfalls bereits ein gutes Stück vorangekommen. Der Film zieht den Zuschauer dadurch recht schnell in seinen Bann. Man hat von vornherein das Gefühl, sehr nah an Buffalo Bill dran zu sein – eine erzählerische Stärke, die sich auch ganz am Ende bezahlt machen wird.

Denny (l.) macht sich nichts aus klassischen Frauenrollen

Sehenswert ist zudem die eher unscheinbar, manchmal regelrecht heimtückisch gehaltene Komposition der Tiefe des Bildes. Da tauchen auch mal Bedrohungen durch Menschen im Hintergrund auf, die man – wie der Held selbst – zunächst gar nicht bemerkt. Der Ansatz hat etwas Erfrischendes, da es hier weniger darum geht, dass die Bilder ästhetisch tipptopp aussehen, als darum, dass sie ihren Zweck erfüllen, und das ist hier nun einmal der Überraschungseffekt. Sehr stark auf ein ästhetisch-stilistisch spektakuläres Aussehen hin komponierte Bilder verlieren im Normalfall automatisch den Faktor der Unscheinbarkeit von Begebenheiten im Bild, auch im Raum bzw. im Hintergrund – aber genau dieser Bruch, nämlich eine scheinbare Sicherheit, die urplötzlich komplett kippt und zu Verfolgungsjagden oder Schießereien führt, ist hier der springende Punkt. Es ergibt Sinn, dass die Bilder nicht immer wie gelackt aussehen, dafür stellenweise aber etwas ziemlich Unvorhersehbares haben.

Die Schusswechsel gefallen ferner dadurch, dass die Action stark durch die Bewegungen im Bild, innerhalb einer Einstellung, statt durch Schnitte und häufige Einstellungsgrößenwechsel kommt. Charlton Heston zeigt sich dabei mehrfach als um keinen Sprung in den Dreck verlegen – mag die Szenerie noch so ruhig erscheinen, lässt er sich auf einmal überraschend fallen, um gegnerischen Kugeln auszuweichen und diese zu erwidern. Aus dem Nichts, wie ein nasser Sack, wechselt er seine Position im Bild in die Horizontale. Ein Schelm, wer dabei an Neymar denkt. Wenn Kinder „Cowboy und Indianer“ spielen, sieht es nicht viel anders aus – und das hat Charme. Das wirkt tatsächlich auch nicht lächerlich, sondern eher sehr ursprünglich und auf eine Art ehrlich – da die Schießerei nicht durch Kameraeinstellungen und Schnitte aufgebauscht wird, sondern gewissermaßen auf den Kern der Sache reduziert. Schießereien in Western hätten öfter so minimalistisch inszeniert werden sollen – wirklich eine nette Abwechslung. Dass die Macher von „Pony Express“ es auch anders konnten, zeigt wiederum eine fetzige Kamerafahrt auf einen der Separatisten, während dieser zusammengeschossen wird, im finalen Feuergefecht. Das ist dann visionäre Action, wie man sie noch heute findet; ein Spiel mit der Bewegung des Bildes zur Steigerung der Spannung und mit der Einnahme der Perspektive eines der Protagonisten durch den Zuschauer.

Figuren, die bleiben

Der heimliche Star von „Pony Express“ ist allerdings eine Frau – Denny Russell, gespielt von Jan Sterling. Eine der interessantesten Frauenfiguren der Westernhistorie, die in einer glaubwürdig gebastelten Liebesgeschichte mit ihrer natürlichen Art, redend wie ihr der Schnabel gewachsen ist, und offen über ihre Gefühle sprechend, emotional ans Herz geht. Die außerdem mit ihrer Kurzhaarfrisur und ihrem ungezwungenen, authentischen Auftreten, anstelle jeder Etikette, allen Klischees beziehungsweise der typischen Rolle der Frau im Western einen Strich durch die Rechnung macht. Auch ihr Widerstreit mit Evelyn Hastings um die Gunst von Buffalo Bill ist sympathisch gelöst und spiegelt eine recht große Bandbreite an emotionalen Ebenen zwischen beiden Frauen. Am Ende findet der Film zu einem ergreifenden Finale, das auch die Bedeutung der Natur für einen Mann wie Buffalo Bill eindrucksvoll unterstreicht. Ebenso kommt das Motiv der Männerfreundschaft – für den Western gleichsam wichtig – in der gesamten Geschichte nicht zu kurz. Das erste Zusammentreffen von Buffalo und Will Bill gerät denkwürdig: Beide schießen sich gegenseitig eine ganze Ladung an Kugeln vor die Füße und um die Ohren, treffen sich dabei aber mit Absicht nicht. Eine kultverdächtige Art, „Hallo!“ zu sagen.

Seine Hechtsprünge machen Buffalo Bills Schießeinlagen ziemlich unberechenbar

An dieser Stelle will ich eine Lanze für Forrest Tucker brechen. Tucker, der hier als Wild Bill Hickok zu sehen ist, war einer der kernigsten Hauptdarsteller, die der damalige Western zu bieten hatte, machte sich aber auch als Sidekick für eine andere Hauptfigur, wie hier in „Pony Express“, oder als Schurke gut. Oder irgendwo dazwischen: mal grobschlächtig, mal verbohrt und gestrig, mal als derjenige, der sich am Ende doch noch auf den richtigen Pfad besinnt, selbst wenn ihn das das Leben kostet, mal als vernünftiger Gegenpart zu einem Antihelden am Scheideweg. Zudem besaß er auch komödiantisches Talent. Ohne Forrest Tucker wäre der US-Western der 50er-Jahre nicht das, was er ist. Er beherrschte gewissermaßen das komplette Portfolio aller Männer-Rollen, die das Genre hergab, gegebenenfalls sogar Charaktere spielend, die deutlich älter waren als er selbst. Nur als Indianer wurde er, aufgrund seiner physischen Beschaffenheit, soweit ich den Korpus überschaue, offenbar nie besetzt – wenngleich es andere gab, die ähnliche Rollen wie Tucker im Western spielten, aber auch einmal oder mehrmals einen Ureinwohner. Beispielsweise Stuart Randall, der in „Pony Express“ als Verschwörer Pemberton zu sehen ist, im selben Jahr aber auch einen Indianer in Lew Landers’ Pocahontas-Verfilmung „Steppe in Flammen“ verkörperte, oder der in Berlin geborene Henry Brandon, der in „Pony Express“ den geldgierigen Joe Cooper spielt und eine seiner bekanntesten Rollen als Indianer in John Fords „Der schwarze Falke“ (1956) hatte.

Und dann gab es Schauspieler wie Pat Hogan, die über ihre gesamte Karriere hinweg meist als Ureinwohner besetzt wurden. So in „Pony Express“ als „Gelbe Hand“, der offenbar vor allem von dem Gedanken angetrieben wird, sich damit Ruhm zu verdienen, Buffalo Bills Leben zu einem Ende zu führen. Hogan spielte wohlgemerkt nicht nur negativ behaftete Indianer, sondern beispielsweise auch erinnerungswürdig den treuen Gefährten des Helden in Anthony Manns „Draußen wartet der Tod“ (1955). Nichtsdestotrotz lieferte er aber auch einige der besten Darstellungen flach-brutaler Indianer mit simpler „Weißer Mann, du sterben! Weiße Frau, du brennen!“-Ideologie ab. Rollen, die sicherlich politisch fragwürdig wären, hätten politische Diskussionen in Bezug auf den Western so etwas wie einen Mehrwert. Figuren, die allerdings Spaß machen und überzeugen, wenn man sie im selben Kontext betrachtet wie beispielsweise die Figur des Dr. No im ersten Film der heute noch erfolgreichen James-Bond-Reihe. Es sind absichtlich überzeichnete Antagonisten mit exotischem Touch, mehr nicht. Wer unbedingt eine Rassismus-Diskussion um klassische US-Western und deren Indianer-Bilder vom Zaun brechen will, muss sich dann eigentlich auch fragen, ob „Dr. No“ (1962) alle Asiaten oder „Leben und sterben lassen“ (1973) alle Afro-Amerikaner diskriminiert. Und dass derartige Diskussionen die Bond-Reihe bisher in über 50 Jahren nicht wirklich belastet haben, hat gute Gründe. Warum der klassische US-Western davon bis heute mehr belastet wird, ist diskutabel.

Überraschung inmitten der Masse

Für alle, die sich fragen, warum auf der Vorderseite des Covers der deutschen Blu-ray und DVD von einem Film des Regisseurs James Cruze die Rede ist, sei erwähnt, dass dieser den Stummfilm „The Pony Express“ (1925) inszenierte. Der wertschätzende Kommentar auf dem vorliegenden Cover bezieht sich auf ebendiesen und nicht auf den Film, der sich auf der Disc befindet. Das ist insofern etwas unglücklich, als das falsch ausgewählte Zitat auf den ersten Blick den Eindruck erweckt, es handle sich bei der vorliegenden Veröffentlichung um eine nicht sorgfältig gestaltete und womöglich sogar um ein Bootleg – zumal in jüngerer Zeit einige klassische US-Western ohne Nennung der Verleihe bzw. Rechteinhaber auf dem Cover in Deutschland auf DVD erschienen sind, wenn auch nicht bei Black Hill Pictures (Spirit Media), die für „Pony Express“ verantwortlich zeichnen. Bei solchen Erscheinungen werden die Hinweise auf den Verleih auch gern mal aus dem Vorspann und gegebenenfalls Abspann entfernt. Wer sich vom äußerlichen Trugschluss anhand der Vorderseite des Covers blenden lässt, verpasst mit „Pony Express“ eine komplett legale Veröffentlichung mit schönem Bild, gutem Ton sowie einem Mindestmaß an Standard-Bonusmaterial, die auch das Paramount-Logo überall dort vorweist, wo es hingehört. Nun also doch Sublizenzen bei Klassikern aus dem Hause Paramount? Sehr gut! Da geht noch einiges – nicht nur im Bereich Western. Ärgerlich, dass viele Paramount-Western der damaligen Zeit mittlerweile nun schon in fragwürdiger Qualität auf unseren DVD-Markt geworfen worden sind. Das dürfte sie für neuerliche Veröffentlichungen in vollständig professioneller Qualität für die Labels vorerst uninteressant machen.

Wenn das Geld stimmt, ist Joe Cooper (vorn) für jede Revolution zu haben

Die deutsche Synchronfassung weiß mit dem als Western-Held immer überzeugenden Heinz Engelmann in der Hauptrolle zu gefallen, der Charlton Heston nur zu Beginn seiner Karriere sprach – darunter allerdings fallen beide Western in Zusammenarbeit mit Charles Marquis Warren, „Pony Express“ und „Die Bestie der Wildnis“ –, ehe sich schließlich Ernst Wilhelm Borchert mit Filmen wie „Die zehn Gebote“ und „Ben Hur“ als erste große Stammkraft etablierte und dabei auch gegen Gert Günther Hoffmann sowie Horst Niendorf durchsetzte. Sehr gelungen ist ferner die etwas überraschende Besetzung von Siegfried Schürenberg für Forrest Tucker. Der eloquente, elegant klingende Schürenberg – besser bekannt vor der Kamera als Sir John in vielen Edgar-Wallace-Filmen der 60er-Jahre – gibt dem kantigen Tucker eine interessante, recht reife und schlaue Note. Dass ein Revolverheld mit rauer Schale im Western vom ersten Moment an auch sehr gebildet erscheint, ist nicht unbedingt der Regelfall. Während Axel Monjé in zwei vorausgegangenen Western-Hauptrollen einfach nur zu jung und glatt für Tucker klingt – als radikales Kontrastprogramm zur reibeisernen Schale –, findet Schürenberg genau den richtigen Mittelweg. Fritz Tillmann spricht in „Pony Express“ wie auch in „Die Bestie der Wildnis“ den blutrünstigen Indianerhäuptling, hier Pat Hogan, dort Jack Palance in einer wesentlich größeren Rolle – beide Synchronfassungen dürften in recht engem Austausch entstanden sein. Tillmanns ungewöhnlich emotionslose Darbietung in „Pony Express“ mit sonderbarer Betonung, erweckt tatsächlich ein wenig den Eindruck, dass „Gelbe Hand“ sowohl die Sprache kaum versteht als auch psychisch ziemlich neben der Spur ist. Mit gekonnter Einfühlung ist es Tillmann geglückt, den Eindruck völliger Fremdheit dieser Figur – gegenüber Buffalo Bill, den Eindringlingen im Sioux-Land und deren „weißer“ Kultur – zu erwecken. Ein schönes Kontrastprogramm zu den sonst oft extrovertiert krakeelenden Antagonisten dieser Art. Tillmann spricht die Rolle, als hätte er sich den Indianer vorgestellt, wie er selbst im Synchronstudio steht und das erste Mal in seinem Leben ein Mikrofon und eine Leinwand sieht – eine kurze, aber außergewöhnliche Performance, ohne jede Theaterhaftigkeit.

Ein Mann, ein Sattel, schier grenzenlose Natur – das Kernrezept des Westerns

Veröffentlichung: 30. November 2018 als Blu-ray und DVD

Länge: 101 Min. (Blu-ray), 97 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Pony Express
Deutscher Alternativtitel: Die Outrider
USA 1953
Regie: Jerry Hopper
Drehbuch: Charles Marquis Warren, nach einer Vorlage von Frank Gruber
Besetzung: Charlton Heston, Rhonda Fleming, Jan Sterling, Forrest Tucker, Stuart Randall, Pat Hogan, Michael Moore, Henry Brandon, Richard Shannon, Porter Hall
Zusatzmaterial: Original-Kinotrailer, Deutscher Kinotrailer, Super-8-Vorabversion, Bildergalerie, Biografien
Label: Black Hill Pictures / Spirit Media
Vertrieb: WVG Medien GmbH

Copyright 2018 by Ansgar Skulme

Szenenfotos & Blu-ray-Packshot: © 2018 Black Hill Pictures / Spirit Media

 

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