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Straße ins Jenseits – Widerstand gegen die Verwechslung von Vernunft und Opportunismus

La polizia incrimina, la legge assolve

Von Ansgar Skulme

Polit-Actionthriller // Die Polizei von Genua ist der Drogenmafia dicht auf den Fersen. Es wird jedoch immer offensichtlicher, dass die Versuche der Ermittler, die organisierte Kriminalität zu zerschlagen, von gesellschaftlich über ihnen stehenden Personen sabotiert und vereitelt werden. Vize-Kommissar Belli (Franco Nero) packt die Wut auf seinen Chef Scavino (James Whitmore), da er sich sicher ist, dass man mit dem bereits gesammelten Material wohl oder übel vor Gericht ziehen kann. Scavino hingegen äußert seine Überzeugung, dass es fatal wäre, mit womöglich unzureichenden Beweisen gegen die Herrschaften aus bestem Hause vor einen Richter zu ziehen, und will vorerst abwarten. Eine Spur führt zu dem in die Jahre gekommenen Paten Cafiero (Fernando Rey), doch auch der scheint nicht an der Spitze des Eisberges zu stehen. Für den zunehmend schnell aus der Haut fahrenden und laut werdenden Belli entwickelt sich die zermürbende Jagd auf eine unbekannte Größe zu einer Zerreißprobe, die kaum mit seiner aktuellen Freundin und seiner Tochter aus einer früheren Beziehung unter einen Hut zu bekommen ist.

„Straße ins Jenseits“, der in Deutschland auch unter dem banalen Titel „Tote Zeugen singen nicht“ verbreitet wurde, war ein großer Kassenerfolg und gilt als einer der wichtigsten, richtungsweisenden Vertreter des italienischen Polizeifilms der 70er-Jahre. Dennoch ist er in Italien bisher nur im Jahr 2008, in umstrittener Qualität, auf DVD erschienen und hierzulande gar nicht. Allerdings kann man ihn erfreulicherweise zumindest auf Amazon Prime abrufen – unter dem Titel, mit dem ihn auch der vorliegende Artikel aufführt. Damit ist er in der Bundesrepublik erstmals seit der Auswertung auf Video wieder unkompliziert verfügbar.

Messlatte hoch angelegt, Anspruch erfüllt

Dem Regisseur Enzo G. Castellari ist es mit sehr versierten Einfällen gelungen, eine als solches keinesfalls gewöhnliche Synthese aus auffällig rasantem Actionthriller und politischem Paranoia-Thriller zu kreieren. Er verbindet damit zwei der wichtigsten Strömungen des Thriller-Genres der 70er in ausgezeichneter Art und Weise, wobei selbst unter den Actionthrillern, die keine derartige Synthese eingehen, viele nicht dermaßen konstant den Fuß auf dem Gaspedal haben. Die phasenweise hoffnungslos erscheinende Jagd auf übergeordnete Mächte im undurchschaubaren politischen Hintergrund war im Film selten gleichzeitig auch so forsch, energisch und dynamisch. „Straße ins Jenseits“ ist nicht nur oberflächlich temporeich, sondern sehr intelligent geschnitten, wobei er eine handwerkliche Sauberkeit an den Tag legt, die man für das damalige italienische Genrekino nicht als selbstverständlich voraussetzen kann, insbesondere was eben den Schnitt anbetrifft. Als spannend zeigt sich unter anderem die assoziativ gestaltete, manchmal nur für Augenblicke aufblitzende Einbindung von Rückblenden, sowohl durch Bewegtbilder als auch durch Dialoge, die aus dem Off in Erinnerung gerufen werden.

Filmisch inspirierend wirkte auf Castellari dem Vernehmen nach der legendäre Steve-McQueen-Streifen „Bullitt“ (1968), vor dem seinerzeit topaktuellen Hintergrund der Ermordung des italienischen Polizei-Kommissars Luigi Calabresi am 17. Mai 1972 in Mailand. Darüber hinaus wird der Film aufgrund seiner Erzählweise, gewisser vergleichbarer Handlungselemente und der Beteiligung von Fernando Rey in einer zentralen Rolle auch gern mit William Friedkins „French Connection – Brennpunkt Brooklyn“ (1971) in Verbindung gebracht. Dem Irrtum, es handele sich deswegen um einen Abklatsch, sollte man allerdings nicht unterliegen – so weit gehen die Parallelen dann auch wieder nicht. Vielmehr kann man durchaus die These wagen, dass „Straße ins Jenseits“ möglicherweise Castellaris wichtigster Film und zudem einer der gelungensten, wirklich international massenkompatiblen und dabei in Europa produzierten Thriller der 70er ist. An diesem Film werden Freunde blanker Action, Freunde des klassischen Polizeifilms früherer Jahrzehnte und Liebhaber des Politdramas gleichermaßen ihre Freude haben. Es ist eines dieser Werke, das sowohl auf der „Anspruch“-Skala als auch bei den Faktoren „Action“ und „Spannung“ jeweils mehrere Punkte erobert. Ganz nebenbei wird sogar noch ziemlich treffend und ernüchternd die Problematik eines Vaters beleuchtet, dessen Kind nicht bei ihm aufwächst, obwohl es gern würde.

Die, die es krachen lassen

Dass das Gesamtpaket aufgeht, liegt neben Castellaris inszenatorischen Finessen sowie dem Können von Kameramann Alejandro Ulloa und Cutter Vincenzo Tomassi natürlich auch an der hohen Qualität der Stunt-Koordination – hier mit besonderem Blick auf das Thema Verfolgungsjagd. Die Arbeit der Stunt-Koordinatoren spielte sich im damaligen italienischen Kino oftmals auf einem starken Niveau ab – und das gilt immer noch. Wenn heutzutage in Italien Szenen für einen Hollywood-Film produziert und dafür Action-Elemente gedreht werden, zeichnen zuweilen die Söhne derer verantwortlich, die in den 70ern im selben Geschäft tätig gewesen sind – zu nennen sind als aktuelle Vertreter mit prägnanten Vorfahren aus dem italienischen 70er-Kino insbesondere Massimiliano Ubaldi und Claudio Pacifico, deren Namen man in Hollywood kennt. Ubaldis Vater Giorgio war beispielsweise für seine Zusammenarbeit mit Bud Spencer und Terence Hill als Stunt-Koordinator bekannt, Pacificos Vater Benito damals ein gefragter Stuntman. Daran wird auch deutlich: Das Thema Stunts umfasst eben von der Schlägerei bis zum knappen Entkommen bei einer Explosion, vom Piraten-Fechtkampf bis zur Ritterschlacht und von der Auto-Verfolgungsjagd bis hin zu spektakulären Sprüngen – mit oder ohne Motorrad – ein ziemlich breites Feld. In Italien war es seinerzeit unter denen, die im Film-Stuntbereich etwas auf sich hielten, üblich, die Palette umfangreich abzudecken, während die einzelnen Sparten der Stunt-Arbeit in den USA – so will es zumindest die Legende – eher von auf jeweils ein Spezialgebiet fokussierten Experten beackert wurden.

„Straße ins Jenseits“ ist mit Blick auf die Bedeutsamkeit guter Stunts besonders interessant, weil er mit einer ausgiebigen Action-Sequenz startet, die offensichtlich dem Zweck dient, das Publikum von vornherein unter Strom zu setzen – woraufhin es sich Castellaris Inszenierung zur Aufgabe macht, dieses hohe Level an Spannung und Beweglichkeit mitzunehmen, das von dieser denkwürdigen Action-Szene vorgegeben wird, und über die ganze Erzählung hinweg die einmal entzündete Kerze nicht mehr erlöschen zu lassen. Würde hier die Einführungsszene zum Wachwerden nicht auf den Punkt funktionieren, wäre das gesamte Konzept des Films in Gefahr – ähnlich einem Flugzeug, das bereits beim Start ins Straucheln gerät. Daher sind der Einfluss eines Stunt-Koordinators wie auch von dessen Stuntmen beziehungsweise von den Stunt-Fahrern und die Dimension des Niveaus, auf dem damals in Italien an Action-Szenen für gewöhnlich gearbeitet wurde, hinsichtlich der Wirksamkeit eines solchen Films nicht zu unterschätzen, selbst wenn (weitere) Action-Szenen im Gesamtverlauf der Handlung so eines Films nur überschaubar auftreten.

Anfänge machen, Verantwortung übernehmen

„Straße ins Jenseits“ war Enzo G. Castellaris erster Polizeifilm sowie der erste Film, in dem Franco Nero unter der Regie von Castellari spielte – der Regisseur selbst hat einen amüsanten Cameo als Reporter. Zwischen beiden entwickelte sich eine enge Freundschaft mit vielen weiteren Zusammenarbeiten. Auch nach mittlerweile fast 50 Jahren scheint das nächste gemeinsame Projekt noch bevorzustehen. Franco Nero liefert in „Straße ins Jenseits“ eine schauspielerisch sehr intensive Leistung ab – vom mehrfachen völligen Ausflippen und lautem Geschrei über den mit der Tochter Faxen machenden Vater bis hin zum emotional überwältigten Tränenausbruch ist praktisch alles dabei.

Nero hat in seiner Filmografie einige für ihre Intensität bekannte Rollen hinterlegt, aber in „Straße ins Jenseits“ wirkt er dermaßen wie im Vollsprint von der Leine gelassen, dass er regelrecht wie eine aus einem Tornado entspringende Lawine über die Kriminellen und den Zuschauer hereinbricht. Bemerkenswert ist, dass er dabei sogar bis zum Schluss die Gratwanderung schafft, als aus Überzeugung agierender Gesetzeshüter und Gerechtigkeitsfanatiker glaubwürdig zu bleiben, obwohl das sehr extrovertierte Schauspiel reichlich Risiken birgt, in allzu übertriebene Gefilde abzudriften, an denen er aber nicht scheitert. Nero verkörpert eine dem Guten zugewandte Besessenheit, eine Art positive Verrücktheit im wahrsten Sinne des Wortes, die ansteckt und mitreißt. Trotzdem bleibt die Figur menschlich glaubhaft und zeigt zu keinem Zeitpunkt unrealistisch vorteilhafte Eigenschaften, die man dem Reich des filmischen Wunschdenkens zuschreiben müsste. Er ist ein aufrechter Kämpfer gegen korrupte Akteure im Bürgertum, die nach dem Motto „Frei ist, wer reich ist“ agieren und es als Vernunft definieren, sich nicht in ihre eigenbrötlerischen Angelegenheiten zu mischen. Dass sich gewisse Elemente der Gesellschaft, die über Möglichkeiten der lenkenden politischen Einflussnahme verfügen, selbst auf die Fahne schreiben, diejenigen zu sein, die am vernünftigsten agieren und angeblich die meiste Verantwortung innerhalb der Gesellschaft übernehmen, kennt man ja auch heute noch. Spätestens jedoch, wenn man anfängt, der Polizei zu erklären, dass es das Vernünftigste wäre, sich bei den Ermittlungen zurückzuhalten, wird die Bigotterie recht offensichtlich – und dann sind unermüdliche Wadenbeißer wie Franco Neros Kommissar Belli zur Verteidigung der Interessen der Mehrheit gefragt, weil Widerstand zur Pflicht wird.

Ein großer Gewinn ist außerdem die Beteiligung von James Whitmore. Dass Hollywood-Schauspieler der 50er-Jahre im Italo-Kino der 60er und 70er Fuß fassen konnten, kam des Öfteren vor. Whitmore gehört hierbei zu der Gruppe, die auch in den USA bereits Hauptrollen vor der Kamera verkörpert hatte – denken wir etwa an den Kult-Horrorfilm „Formicula“ (1954) und den um Jugend-Bandenkriminalität kreisenden Noir „Entfesselte Jugend“ (1956), in dem John Cassavetes und Sal Mineo an seiner Seite zu sehen sind. Schauspielern wie Whitmore gegenüber stehen die Amerikaner, die erst in Italien zu wirklich großen Rollen gelangten. Er stellt unter den damals in Italien gastierenden Hollywood-Akteuren insofern eine Besonderheit dar, als „Straße ins Jenseits“ – soweit ich seine Filmografie überblicke – offenbar sein einziger Auftritt im damaligen italienischen Kino geblieben ist; damit befindet er sich nicht in allzu umfangreicher Gesellschaft. Seine Darbietung in diesem Film beeindruckt, weil man ihm deutlich anmerkt, dass er sich mit der Filmlandschaft, in die er da hineinkam, vorab recht ausgiebig beschäftigt haben dürfte. Seine Mimik und Gestik passen sich gewissermaßen dem Erzähltempo Castellaris und auch bestimmten Gewohnheiten des italienischen Genrefilms an. So gelingt es ihm selbst in kurzen Einstellungen, mit klug gesetzten Blicken und Gesichtsausdrücken sowie prägnanten Gesten, immer wieder schnell und ausdrucksstark nonverbal zu kommunizieren. Man läuft, wenn man das probiert, sicherlich Gefahr, ins Imitieren von Italiener-Klischees zu rutschen, aber James Whitmore differenziert Szene für Szene viel zu überlegt, um in diese Falle zu tappen. Noch mit über 70 Jahren spielte er in „Die Verurteilten“ (1994), an der Seite von Tim Robbins und Morgan Freeman, eine Rolle, die auch Teilen des jüngeren Publikums bis heute ein Begriff sein dürfte. Er war 1950 und 1976 für „Kesselschlacht“ (1949) und „Give ’em Hell, Harry!“ (1975) jeweils für den Golden Globe und den Oscar nominiert, konnte den Globe dabei für „Kesselschlacht“ auch gewinnen. Geschichte schrieb er in diesem Zusammenhang, weil „Give ’em Hell, Harry!“, der vom ehemaligen US-Präsidenten Harry S. Truman handelt, bis heute der einzige Film mit nur einem einzigen Schauspieler – also eine lupenreine One-Man-Show – ist, für den selbiger auch für den Oscar nominiert wurde. James Whitmore hat sowohl als Nebendarsteller als auch als Hauptdarsteller etliche sehenswerte Arbeiten hinterlassen und gehört zu denen, die eigentlich immer zu überzeugen wussten. Enttäuschende Darbietungen von ihm sind mir nicht bekannt – selbst in relativ pathetischen Kriegsfilmen zeigte sich seine Beteiligung mehrmals als kluger Schachzug, mit dem eine gewisse Bodenhaftung hergestellt und den erzählten Geschehnissen ein moderater Unterton gegeben werden konnte.

Erwähnt werden soll an dieser Stelle auch die Mitwirkung des spanischen Schauspielers Daniel Martín in einer Nebenrolle, der dem deutschen Publikum zumindest zum Zeitpunkt der Erstaufführung von „Straße ins Jenseits“ durch seine Verkörperung des Uncas in Harald Reinls Adaption von „Der letzte Mohikaner“ (1965) ein Begriff gewesen sein könnte, wo er also gewissermaßen als Winnetou-Ersatz im Reinl-Western-Universum fungierte. Ungewöhnlich, aber interessant ist, dass Martín dieselbe Rolle auch in einer spanisch-italienischen Adaption des „letzten Mohikaners“, unter der Regie von Mateo Cano spielte, die ebenfalls 1965 veröffentlicht worden ist. Martín, der mit seinen kernigen, vom Leben gegerbten Gesichtszügen eigentlich eine ziemlich einprägsame Erscheinung gewesen ist, trat nach einem kurzen Hoch ab circa 1971 leider wieder zunehmend in vergleichsweise kleinen Rollen auf, dabei aber trotzdem weiterhin mit einigen Filmen, die man als durchaus gelungene Vertreter des italienischen Genrekinos einstufen kann. Gemeinsam mit Fernando Rey und Silvano Tranquilli, der den Franco Griva spielt, sticht er besonders aus dem Nebendarsteller-Ensemble in „Straße ins Jenseits“ heraus.

Vom Süden Europas in den Süden Deutschlands

Die deutsche Synchronfassung entstand in München und glänzt unter anderem mit einem überragenden Klaus Kindler, der sich aus heutiger Sicht vor allem durch seine Einsätze als Stimme von Clint Eastwood und Steve McQueen in der Filmgeschichte verewigt hat, aber auch darüber hinaus zahlreiche Hauptrollen im Synchronstudio vertonte. Zumal Franco Neros Figur in „Straße ins Jenseits“ offensichtlich etliche Parallelen zu berühmten Figuren aufweist, die Eastwood und McQueen verkörpert haben, ist es auf eine Art recht spannend, dass Kindler auch hier zum Einsatz gekommen ist, wenngleich er sich als Stammstimme aller drei Schauspieler so wirklich erst gen Mitte der 70er-Jahre festzusetzen begann. Kindler hatte McQueen seine Stimme aber auch schon zuvor beispielsweise in „Bullitt“ geliehen, der Castellari als eines der Vorbilder für „Straße ins Jenseits“ diente – und Eastwood denkwürdig in den ersten beiden Filmen der Dollar-Trilogie synchronisiert. Hans Korte empfiehlt sich daneben als passende deutschsprachige Variante von James Whitmore – jedoch wurde Korte bedauerlicherweise nur selten mehrfach für denselben Schauspieler als Synchronsprecher eingesetzt, im Laufe der Jahre aber trotzdem für eine ganze Reihe bekannter Gesichter, wenn auch eben häufig nur jeweils im Einzelfall. Zu denen, die Korte irgendwann einmal gesprochen hat, gehört auch Fernando Rey, in „Straße ins Jenseits“ allerdings wurde der von Wolf Ackva synchronisiert, der in seiner Karriere ziemlich viele Schauspieler in drei oder vier verschiedenen Rollen sprechen durfte, sich aber leider für keinen davon wirklich dauerhaft etablieren konnte. Geraume Zeit war Ackva die Stimme auf dem Tonband, die in der alten „Mission: Impossible“-Serie die Aufträge an das Team vergibt. Seine bekannteste vor der Kamera sichtbare Synchronrolle hatte ebenfalls mit Geheimagenten zu tun: Gemeint ist die von James Bonds legendärem Boss „M“, den er sowohl in den letzten drei Filmen mit Bernard Lee übernahm als auch in den Filmen, in denen die Figur – immer noch an der Seite von Roger Moore sowie danach Timothy Dalton – von Robert Brown gespielt wurde. Über Liam Neeson wird unter Fans heute mit spaßbetonter Ehrfurcht hervorgehoben, dass er Batman und Obi-Wan Kenobi – in den jeweiligen Filmen – ausgebildet hat, Wolf Ackva war als einziger, der sowohl der Chef von James Bond als auch von Jim Phelps gewesen ist und folglich im britischen wie auch im amerikanischen Geheimdient Aufträge an weltweit bekannte Top-Agenten vergab, in Deutschland gewissermaßen das Synchronsprecher-Pendant dazu.

Für Daniel Martín hört man in „Straße ins Jenseits“ Tommi Piper, der der Nation mittlerweile vor allem als Stimme von „Alf“ bekannt ist, aber schon zuvor natürlich eine Vielzahl an Synchronrollen für Nicht-Außerirdische absolviert hatte – und das, wie man hier feststellen kann, sehr passend. So charakteristisch und unverwechselbar er als „Alf“ auch wirken mag – es wäre schade um Piper, ihn auf Alf zu reduzieren.

So langsam wollen wir mal …

Das Label filmArt hat für Juni die Veröffentlichung von „Ein Bürger setzt sich zur Wehr“ (1974) geplant, der das unmittelbare Nachfolgeprojekt unter Castellaris Regie mit Franco Nero in der Hauptrolle darstellte. Angekündigt ist hierfür auch ein Audiokommentar von Dr. Marcus Stiglegger. Der Film war von diesem Label schon vor langer Zeit in Aussicht gestellt worden – umso erfreulicher, dass er jetzt endlich kommen wird. Er erscheint als nunmehr 15. Teil der „filmArt Polizieschi Edition“, mit der sich filmArt schon seit vielen Jahren Stück für Stück um den italienischen Polizeifilm der 70er kümmert. Bleibt die Frage, wann sich jemand an „Straße ins Jenseits“ wagt, denn dass ausgerechnet dieser Meilenstein des Genres immer noch keine deutsche Blu-ray oder DVD spendiert bekommen hat, hinterlässt einen unschönen Beigeschmack. Mittlerweile sind doch diverse der besten italienischen Polizeifilme dieses Jahrzehnts in Deutschland auf den DVD-Markt gelangt, mehrere davon auch als Blu-ray. Ein Film wie „Straße ins Jenseits“ sollte da zum jetzigen Zeitpunkt eigentlich nicht mehr fehlen, auch wenn weiterhin Luft nach oben ist und noch etliche sehenswerte Bestandteile dieser Genre-Epoche auf Veröffentlichung warten. Die Abwesenheit von „Straße ins Jenseits“ fühlt sich in diesem Kontext leider vergleichbar mit der Annahme an, es seien zwar weite Teile des Italowesterns auf Blu-ray und DVD erschlossen, aber ausgerechnet „Spiel mir das Lied vom Tod“ hätte man bei den Veröffentlichungen bisher gänzlich vergessen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Enzo G. Castellari haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Franco Nero unter Schauspieler.

Veröffentlichung (Italien): 15. Januar 2008 als DVD

Länge: 100 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: La polizia incrimina, la legge assolve
Deutscher Alternativtitel: Tote Zeugen singen nicht
Internationaler Titel: High Crime
IT/SP/F 1973
Regie: Enzo G. Castellari
Drehbuch: Tito Carpi, Gianfranco Clerici, Leonardo Martín, Enzo G. Castellari, Vincenzo Mannino
Besetzung: Franco Nero, James Whitmore, Fernando Rey, Delia Boccardo, Silvano Tranquilli, Daniel Martín, Luigi Diberti, Stefania Girolami Goodwin, Joaquín Solís, Duilio Del Prete
Verleih: Fida Cinematografica / Columbia-Warner Distributors

Copyright 2020 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use

 

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Ninja – Die Killermaschine: Ein Shinobi im Wilden Westen

Enter the Ninja

Von Lucas Gröning

Action // Wenn man Kinder fragt, was sie werden wollen, wenn sie erwachsen sind, kommen vermutlich viele Antworten, die sich auf die jeweils aktuelle, oder auch die historisch gewachsene Popkultur beziehen. Einige werden antworten, dass sie sich als Cowboy Schussduelle im wilden Westen liefern wollen, einige wollen ihr Schwert wie ein glorreicher Ritter für die Krone des Königs schwingen, wiederum andere wollen wie Luke Skywalker oder Rey mit einem Lichtschwert gegen die bösen Sith in den Kampf ziehen. All diese Beispiele werden durch eine spezifische Eigenschaft geeint: den Kampf. Die Anwendung von Gewalt fasziniert uns bereits in Kindertagen und diese Faszination lässt uns, einmal implementiert, für den Rest unseres Lebens wohl nicht mehr los.

Cole absolviert erfolgreich seine Ausbildung zum Ninja

Ein weiteres Beispiel für eine Figur, die sich in die vorher benannte Reihe problemlos einfügen könnte, ist der Ninja. Ich für meinen Teil war bereits als Kind fasziniert von den dunklen, vermummten Gestalten, die in der Lage sind, sich durch die Nacht zu schleichen und ihre Feinde auf die leise, unbemerkte Weise auszuschalten. Stets wohnte diesen Figuren eine mysteriöse, unergründliche Seite bei, und die eigentlichen Motive ihres Handelns blieben, wie sie selbst, im Dunkeln. Dadurch werden die im feudalen Japan entstandenen Assassinen zum einen extrem interessant, zum anderen wohnt ihren schnellen, präzisen Kampftechniken etwas unglaublich, nun ja, Cooles bei.

Vom Regisseur von „Delta Force“

Umso mehr freute ich mich auf den Film „Ninja – Die Killermaschine“ von Menahem Golan, produziert im Hause Cannon Films. Der Israeli ist vor allem bekannt für seine Regiearbeiten „Delta Force“ (1986) mit Chuck Norris und „Over the Top“ (1987) mit Sylvester Stallone sowie als einer der beiden Köpfe von Cannon Films. Für „Enter the Ninja“, so der Originaltitel, holte sich Golan erneut einen absoluten Superstar an seine Seite, der die Hauptfigur seines Filmes spielen sollte: Franco Nero. Der Italiener erlangte weltweit Berühmtheit für seine Darstellung der Figur Django in Sergio Cobuccis gleichnamigem Italowestern von 1966, der außer vielen inoffiziellen Fortsetzungen mit „Djangos Rückkehr“ (1987) auch ein offizielles Sequel nach sich zog, in welchem Nero erneut mitwirkte. Fortsetzungen hat auch „Ninja – Die Killermaschine“ zu bieten. In „Die Rückkehr der Ninja“ (1983) und „Die Herrschaft der Ninja“ (1984) übernahm jedoch nicht mehr Franco Nero die Hauptrolle, sondern ausgerechnet ein Darsteller, der im ersten Film einen der Gegenspieler des Italieners mimt: Shō Kosugi, für den „Ninja – Die Killermaschine“ das Leinwanddebüt markierte. Der Streifen war Startschuss dafür, dass sich Kosugi in den 80er-Jahren zu einem der profiliertesten Darsteller für Ninja-Filme entwickelte.

Folglich nimmt Cole den Kampf gegen eine Vielzahl von Verbrechern auf, doch …

Nun zum Film selbst, in welchem ein gewisser Zachi Noy („Eis am Stiel“) eine Nebenrolle als „The Hook“ hat: Die Story erzählt sich relativ gradlinig und unkompliziert: Der Amerikaner Cole (Franco Nero) will unbedingt in den Rang eines Ninjas erhoben werden und muss für diese Ehre eine letzte Prüfung bestehen. Nachdem er diese erfolgreich hinter sich gebracht hat, wird er von seinem Meister, sehr zum Missfallen seines Kontrahenten Hasegawa (Shō Kosugi), zum Ninja ernannt. Hasegawa sieht Cole aufgund seiner amerikanischen Abstammung als unwürdig des Ranges eines Shinobi an. Im Anschluss verlässt Cole den Orden, um seinen alten Freund Frank (Alex Courtney) auf den Philippinen zu besuchen. Frank, mit dem Cole vor langer Zeit gemeinsam beim Militär war und dort im angolanischen Buschkrieg gekämpft hat, ist inzwischen zum Alkoholiker mutiert und lebt mit seiner Frau Mary Ann (Susan George) auf einem Anwesen. Die beiden besitzen darüber hinaus Teile des umliegenden Landes und stellen diese als Arbeitsfläche für die Einheimischen zur Verfügung. Schon bald wird Cole klar, dass das idyllische Leben trügerisch ist, denn die Schergen des Immobilienmoguls Venarius (Christopher George) tyrannisieren die Bevölkerung und versuchen alles, um Frank dazu zu bringen, ihrem Boss das Areal zu überschreiben. Nun ist es an Ninja Cole, sich dem Despoten in den Weg zu stellen. Nach einigen verherrenden Niederlagen ersucht Venarius selbst die Hilfe eines Ninjas, der sich dem Neuankömmling in den Weg stellen soll, womit die Stunde von Coles altem Rivalen Hasegawa schlägt.

Eine Orgie der Gewalt

Viele Gedanken kamen mir beim Sichten des Films in den Sinn und lange fragte ich mich, was das übergeordnete Thema von Menahem Golans Film ist. Geht es um die Macht des raubtierhaften Kapitalismus, der auch vor kriminellen Handlungen nicht zurückschreckt, um sich die Schwächsten der Gesellschaft einzuverleiben? Geht es, in diesem Zusammenhang, um das Klären von Eigentumsverhältnissen zwischen dem Großkapital und dem Kleinbürgertum? Bearbeitet der Film Fragen von Rassismus und der Zuschreibung von Identitäten aufgrund von Herkunft? Nach dem Sichten muss man sagen: Es ist all das und doch nichts davon. „Ninja – Die Killermaschine“ zieht all diese Themen auf, mal mehr mal weniger stark, weigert sich jedoch, sie konsequent zu bearbeiten. Stattdessen nimmt er eine klare Position in all diesen Bereichen ein und konzentriert die jeweiligen Gegenseiten in den Antagonisten des Films, namentlich in Venarius und seinen Schergen. Diese repräsentieren das kriminelle, bösartige, rassistische Großkapital. Folglich fällt es auch uns Zuschauern einfach, diese als Antagonisten fern jeder Ambivalenz anzunehmen und ihnen bis zum Finale nur das Schlechteste zu wünschen. Cole, Frank und Mary Ann wiederum repräsentieren die Gegenseite. Cole zieht als strahlender, die Antagonisten bekämpfender Held die Zuschauer ganz automatisch auf seine Seite, Frank wirkt mit all seinen Problemen und seiner dennoch kämpferischen Art sympathisch und Mary Ann zieht als sich um ihren Mann sorgende und kümmernde, aber dennoch emanzipierte Frau ganz automatisch die Sympathien auf sich. Diesen krassen Gegensatz und diese klare Klassifikation in Gut und Böse nutzt der Film, um der Seite der Antagonisten eine Welle der Gewalt entgegenzuschleudern, die vom Zuschauer schon fast nicht mehr hinterfragt werden kann. Dafür landete „Ninja – Die Killermaschine“ 1983 auf dem bundesdeutschen Index, 2008 erfolgt turnusmäßig nach 25 Jahren die Listenstreichung.

Wildwest auf den Philippinen

Neben dem Zuschauer ist es auch der Staat, der die dort herrschenden Konflikte nicht hinterfragt. Im Gegensatz zum Zuschauer nimmt er jedoch nicht einmal mehr eine klare Position ein, er enthält sich dem laufenden Konflikt gänzlich. Die Länderein auf den Philippinen werden so zu einem unkontrollierten, gesetzlosen Raum, in dem stattdessen das Recht der Stärkeren gilt. In gewisser Weise erinnert die dargestellte Welt an den Wilden Westen, der sich ebenfalls durch eine teils rechtsfreie Zone auszeichnet, womit eine direkte Referenz an die Schauspielkarriere von Hauptdarsteller Franco Nero gegeben ist. Gerade der von ihm verkörperte Cole versucht, anstelle des Staates die Ordnung wiederherzustellen und der unkontrollierten Macht der Tyrannei Einhalt zu gebieten. In dieser Rolle des klassisch-westlichen Helden macht Nero einen hervorragenden Job, eine allzu große Herausforderung wird an ihn jedoch nicht gestellt. Er gibt den sympathischen Strahlemann, verhaut die bösen Jungs und spendiert dem Zuschauer ab und an ein paar ganz witzige One-Liner. Lediglich in den Passagen, in denen Nero tatsächlich in das Kostüm eines Ninjas schlüpft und mit der Eleganz eines Shinobi gegen die heraneilenden Feinde kämpft, fremdelt er mit seiner Rolle. Es sind Passagen, die charakterlich so gar nicht zu Neros eigener Existenz als Darsteller, aber auch nicht zu seinem generell sehr an einen Cowboy angelehnten Charakter passen wollen. Die geistliche, nachdenkliche, und in sich gekehrte Identität als Shinobi tut sich schwer damit, sich mit der zu vereinbaren, die Cole repräsentiert, wenn er als Zivilbürger unterwegs ist. Die dadurch entstehende Unglaubwürdigkeit ist die wohl größte Schwäche des Films.

… bald stellt sich ihm sein alter Feind Hasegawa in den Weg

Es bleibt nicht die einzige. Die Kulissen sind teilweise recht lieblos und detailarm gestaltet, die Bilder zeugen in den meisten Fällen von wenig Innovation und die Dialoge wirken in weiten Teilen schon recht trashig. Wenn man allerdings in der Lage ist sich auf diesen trashigen Charakter einzulassen, wird man mit „Ninja – Die Killermaschine“ recht viel Spaß haben können. Wer sich sich allerdings auf die Suche nach einem ernsten Ninja-Film mit glaubwürdigen Darstellern, vielschichtigen Figuren und vielleicht auch spektakulären Actionsequenzen begibt, ist bei Golans Werk an der falschen Adresse.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Franco Nero haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 4. Oktober 2019 und 22. Mai 2012 als Blu-ray und DVD

Länge: 99 Min. (Blu-ray), 95 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Enter the Ninja
Alternativtitel: Die Rache des Ninja
USA 1981
Regie: Menahem Golan
Drehbuch: Dick Desmond
Besetzung: Franco Nero, Susan George, Shô Kosugi, Christopher George, Alex Courtney, Will Hare
Zusatzmaterial: Originaltrailer, Trailershow
Label 2019: HanseSound
Vertrieb 2019: Studio Hamburg Enterprises

Copyright 2019 by Lucas Gröning

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2019 Studio Hamburg Enterprises

 

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Das Verfahren ist eingestellt – Vergessen Sie’s! Der üble Alltag hinter Gittern

L’istruttoria è chiusa: dimentichi

Von Ansgar Skulme

Gefängnisdrama // Der Architekt Vanzi (Franco Nero) blickt auf ein beschauliches Leben in wohlhabenden Verhältnissen zurück, als er seine Haftstrafe in einem von Korruption und Brutalität durchzogenen Gefängnis antreten muss. Dort sitzen Menschen ein, die weit schlimmere Verbrechen begangen haben als er selbst, doch es gibt kein Entkommen für ihn – nur das Warten darauf, dass man ihn eines Tages wieder freilassen wird. Er findet Freunde und falsche Freunde, wird ausgenutzt und muss mit ansehen, wie anderen die Freundschaft zu ihm zum Verhängnis wird. Eine tragische Odyssee nimmt ihren Lauf.

Das Leben kann so schön sein, wenn man nicht eingesperrt ist

Lose auf dem Roman „Tante sbarre“ von Leros Pittoni basierend, ist Damiano Damiani ein düsterer, überzeugender Blick hinter die Fassaden eines Gefängnisses geglückt. Sein Name in Verbindung mit Franco Nero war schon damals eine Art Erfolgsgarantie. Gemeinsam hatten sie „Der Tag der Eule“ (1968) und „Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauert“ (1971) gedreht. Nero schätzte Damiani sehr und nutzte die Gelegenheit gern, wieder mit ihm zusammenzuarbeiten. Es folgten noch zwei weitere Kooperationen – eine davon erneut mit Damiani in der Regie („Warum musste Staatsanwalt Traini sterben?“, 1975), eine andere mit Nero und Damiani vor der Kamera („Der Mordfall Matteotti“, 1973). Damiani mochte Cameos und begrüßte Angebote anderer Regisseure an ihn, als Schauspieler in deren Projekten mitzuwirken. Auch in „Das Verfahren ist eingestellt – Vergessen Sie’s!“ ist er in einer kleinen Rolle als Vanzis Anwalt zu sehen.

Morricone Marke „Weniger ist mehr“

Auch wenn man Franco Nero die Belastungen und Ängste im Gefängnisalltag stellenweise nicht so recht abkauft, der Verfall zu wenig sichtbar wird und das gute Aussehen manchmal zu sehr im Vordergrund steht, macht er sich zumindest ganz gut darin, den tief gesunkenen Architekten in einem ihm fremden Milieu widerzuspiegeln. Er wirkt deplatziert, aber das schadet dem Ansinnen der Geschichte nicht unbedingt. Der beliebte Star hilft dem Film in jedem Falle dabei, Größe zu generieren und somit dabei, gehört zu werden.

Die Gefängnisinsassen demonstrieren für ihre Rechte

Ein nicht unwesentlicher Bestandteil des Erfolges ist ferner der Umstand, dass der Film überraschend sparsam mit Musik umgeht. Dies erhöht den Realismus in der Erzählung umso mehr. Überraschend, weil immerhin Ennio Morricone als Komponist zu Buche steht, der hier allerdings alles andere tat, als die Musik in den Vordergrund zu schreiben. Ein gutes Beispiel dafür, was für ein ungemein empathischer, kluger Film- und Musikversteher dieser legendäre Meister ist. Einer, der ganz laut und pompös, aber auch behutsam leise kann, sich immer wieder neu erfand, interessante Instrumentationen erprobte und selbst die Stille als Form der akustischen Unterfütterung zu nutzen weiß. Auffälligerweise steht der Film damit obendrein völlig im Kontrast zum genialen, epischen Originaltrailer, der äußerst stark von der Musik in Zusammenwirkung mit den Bildern lebt. In diesem visionären, recht modern anmutenden und ziemlich spannenden Trailer dominieren gewaltige, bedrückende Klänge, bedeutungsgeladene Bewegungen im Bild und Gesichter die Wirkung des Geschehens. Ein Trailer, der den Eindruck erweckt, dass er sehr lange und detailliert konzipiert worden sein dürfte. Es ist wohl davon auszugehen, dass auch die Musik im Trailer von Morricone stammt. Dass das bemerkenswerteste Musikstück der Produktion nur im Trailer und nicht im Film zur Geltung kommt – da die Erzählweise in dieser Geschichte und die Wünsche Damianis im Film wenig Spielraum für den Komponisten boten –, dürfte Ennio Morricone ansonsten nur selten passiert sein.

Gesichter mit Charakter

Spätestens aufgrund der Tatsache, dass Franco Nero in der Hauptrolle nicht unbedingt seinen überzeugendsten Auftritt erwischte, zeigt sich die sehr gute Auswahl der Nebendarsteller als anderer wichtiger Baustein. John Steiner als fiesen, mörderischen Mistkerl zu besetzen, ist zwar nicht unbedingt innovativ, aber effektiv. Er spielt die Rolle inspiriert, mochte sie noch so viele Klischees erfüllen und sein Image besiegeln. Dazu mit Ricciardetto De Simone ein Mann, der im wirklichen Leben eine lebenslange Haftstrafe bekommen hatte, aber vor dem Dreh begnadigt worden war, so dass er nicht nur als Darsteller weiterhelfen, sondern auch viele Erfahrungen einbringen konnte. Turi Ferro, der bis dato eher als Theaterschauspieler bekannt war, nutzte in der Rolle des korrupten Wärters die Gelegenheit, um in einem erfolgreichen Film bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Georges Wilson ließ man für eine recht kleine Rolle extra aus Frankreich kommen. Riccardo Cucciolla bewies, dass er im damaligen italienischen Kino nicht nur ein gefragter Synchronsprecher war, sondern auch vor der Kamera sogar in ganz sensiblen Momenten mimisch zu überzeugen verstand. Auch die Darbietungen von Antonio Casale, Luigi Zerbinati, Corrado Solari und Claudio Nicastro geben Zweifeln keinen Raum: Dieser Film ist großes Kino der Gesichter und der Charakterdarsteller.

Koch lässt alte Traditionen hochleben

Man hätte in den vergangenen Jahren manchmal den Eindruck gewinnen können, dass sich Koch Films langsam vom italienischen Genrefilm der 60er und 70er verabschiedet, da das Label früher wesentlich mehr Filme aus dieser Sparte veröffentlicht hat. Da ist es schon eine Hausnummer, dass nun ein solch bedeutender Damiani-Film in bester Bildqualität kommt – noch dazu weltweit erstmals als HD-Abtastung auf Blu-ray und DVD; und mit „Töte alle und kehr allein zurück“ steht schon das nächste Italo-Highlight bei Koch in den Startlöchern.

Im Knast gilt das frühere Leben nichts mehr

Viel auszusetzen gibt es an dieser Veröffentlichung von „Das Verfahren ist eingestellt – Vergessen Sie’s!“ nicht. Schade ist lediglich, dass es die alternative Synchronfassung aus der DDR nicht mit auf die Blu-ray und DVD geschafft hat – der Film lief dort wohl unter dem Titel „Die Untersuchung ist abgeschlossen – Vergessen Sie alles!“. Es gibt mehrere Filme mit Franco Nero aus der damaligen Epoche, zu denen sowohl eine in der Bundesrepublik als auch eine in der DDR entstandene Synchronfassung existiert. Manche der damaligen italienischen Produktionen wurden sogar ausschließlich in der DDR und nie in der BRD synchronisiert. Bei Koch kann man allerdings so gut wie sicher davon ausgehen, dass die Fassung enthalten wäre, wenn sich eine realistische Option zur Veröffentlichung geboten hätte. Insofern ist dem Label hier kein Vorwurf zu machen. Stattdessen gibt es, wie bei Kochs Italo-Veröffentlichungen üblich, immerhin ein lobenswertes, informativ mit Anekdoten gespicktes Featurette, das aus drei Interviews mit Beteiligten zusammengestellt wurde.

Richtige von falschen Freunden zu unterscheiden, kann überlebenswichtig sein

„Girolimoni – Das Ungeheuer von Rom“ (1972), „Ich habe Angst“ (1977), „Goodbye und Amen“ (1978) sowie „Die tödliche Warnung“ (1980) bilden eine Reihe weiterer Damiani-Filme aus seiner im Kino erfolgreichsten Phase, die bisher auf eine DVD-Veröffentlichung in Deutschland warten. Jemand wie Damiani hätte auch mal eine Box verdient. Es bleibt spannend, was Koch noch alles aus Italien zutage fördern wird.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Franco Nero sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Der Gefängnisleiter bekommt viele Missetaten nicht mit

Veröffentlichung: 14. Juni 2018 als Blu-ray und DVD

Länge: 108 Min. (Blu-ray), 102 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Italienisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: L’istruttoria è chiusa – dimentichi
Deutscher Alternativtitel: Die Untersuchung ist abgeschlossen – Vergessen Sie alles!
IT/F 1971
Regie: Damiano Damiani
Drehbuch: Massimo De Rita, Dino Maiuri & Damiano Damiani, nach einem Roman von Leros Pittoni
Besetzung: Franco Nero, Riccardo Cucciolla, John Steiner, Turi Ferro, Claudio Nicastro, Antonio Casale, Georges Wilson, Ferruccio De Ceresa, Ricciardetto De Simone, Luigi Zerbinati
Zusatzmaterial: Featurette mit Interviews, Booklet, Originaltrailer, Bildergalerie
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2018 by Ansgar Skulme
Fotos & Packshot: © 2018 Koch Films

 

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