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Das Grauen kam aus dem Nebel – Wenn dir das Leben kein bisschen Frieden lässt

La morte risale a ieri sera

Von Ansgar Skulme

Thriller // Tapfer meistert der einfache Angestellte Amanzio Berzaghi (Raf Vallone) die harten Herausforderungen, die ihm das Leben aufgebürdet hat: Nicht nur leidet er selbst unter einer körperlichen Behinderung, die ihn zwingt, am Stock zu gehen, sondern er muss sich zudem alleinerziehend um seine geistig behinderte Tochter Donatella (Gillian Bray) kümmern. Tag für Tag umsorgt er sie liebevoll und bietet der fröhlichen jungen Frau ein behütetes Leben. Alle Vorsichtsmaßnahmen helfen jedoch nichts: Eines Tages geht Donatella nicht ans Telefon, als Berzaghi wie üblich von der Arbeit aus prüfen will, ob alles in Ordnung ist. Die Polizei schaltet sich ein, doch da ihm der reguläre Ablauf nicht schnell genug geht, wendet sich Berzaghi an den erfahrenen Kommissar Duca Lamberti (Frank Wolff) und ermittelt gleichzeitig auf eigene Faust.

„Das Grauen kam aus dem Nebel“ ist ein ambitionierter, kritischer Thriller, von dessen Titel man sich nicht täuschen lassen sollte. Es gibt kaum Nebel und das Grauen taucht an ganz anderen Stellen auf, zudem handelt es sich keineswegs um einen reißerischen Stoff mit einem brutalen Serienmörder im Geiste der deutschen Edgar-Wallace-Filme oder um ein besonders typisches Beispiel für die blutigen, damals gerade im Kino zur großen Blüte gelangenden italienischen Gialli, sondern um die gut gespielte, tragische Geschichte einer Entführung und der verzweifelten Suche eines Vaters nach dem letzten Stück Glück, das ihm geblieben ist und nun entrissen wurde. Auch der Originaltitel (übersetzt in etwa: „Gestern Abend wartete der Tod“) wird dem Film nicht wesentlich gerechter als die deutsche Variante, und so wurde das Werk in der Vergangenheit zuweilen Opfer von falschen Erwartungshaltungen und Missverständnissen; nicht zuletzt, da „Das Grauen kam aus dem Nebel“ thematisch zumindest zum damaligen Zeitpunkt auch für den Regisseur Duccio Tessari eher ungewöhnlich war. Als eine Art Variation von „Es geschah am hellichten Tag“ (1958) kann sich diese Produktion aber durchaus sehen lassen.

Kann ein Film „überladen“ sein?

Ein Phänomen, über das ich mich bei Kritiken generell häufig wundere, ist die Behauptung, dass ein Film zu überladen sei – also angeblich zu viele Themen abzuhandeln versucht. Ich frage mich dann oftmals, ob ein Film überhaupt „zu“ anspruchsvoll sein kann oder ob es nicht eher das Problem des Betrachters ist, wenn ihn ein Film überfordert, der andere Betrachter nicht überfordert? Für wen genau sind es denn dann zu viele thematische Baustellen und für wen zu wenige? Wer will sich anmaßen zu entscheiden, ab wann ein Film „zu“ komplex ist oder ab wann er „zu“ viele Themenfelder zu behandeln versucht? Grundsätzlich sind Anspruch und Komplexität schließlich etwas Positives und hier als Kritiker auf die Bremse treten zu wollen, ist ein etwas seltsames Ansinnen, das man als Plädoyer für weniger Anspruch im Kino missverstehen könnte. Ein Kino, dessen Niveau sich am „durchschnittlichen“ Zuschauer orientieren solle – wer auch immer das überhaupt ist. Man liest das (Vor-)Urteil vom überladenen Film immer wieder zu diesem oder auch jenem neuen wie auch alten Streifen. Fast schon wie eine Floskel durchzieht es die Geschichte der Filmkritik.

Vergleich mit „Milano Kaliber 9“

„Das Grauen kam aus dem Nebel“ wäre für diejenigen, die die Rede vom überladenen Film gern bemühen, sicherlich ein gefundenes Fressen. „Zu“ politisch die Diskussionen zwischen Lamberti und seiner Frau, die in einer Nebenhandlung nochmal eine ganz neue Dimension eröffnen, „zu“ viel offensive Gesellschaftskritik, „zu“ viel „Weltverbesserei“ und was man dafür nicht noch alles für abfällige Begriffe parat haben mag. Auf diese Weise kann man den Film relativ einfach oberflächlich als „zu links“ abstempeln und im Giftschrank verschwinden lassen. Und bei einem eher unbekannt gebliebenen Werk wie diesem ist es erst recht leicht dahergesagt, ihm Qualität und Niveau abzusprechen. Ich hingegen möchte stattdessen den Vergleich mit Fernando Di Leos als Meilenstein des Gangsterfilms weitgehend anerkanntem Klassiker „Milano Kaliber 9“ (1972) anbringen, in dem Frank Wolff ebenfalls einen Kommissar verkörperte und sich dort einige höchst politische Wortgefechte mit Luigi Pistilli lieferte, die so brillant geschrieben und vor allem gespielt sind, dass Di Leo sie im Film beließ, obwohl er sich bewusst war, dass die Szenen gewissermaßen vom eigentlichen Plot ablenkten. Ganz ähnlich ist es auch hier mit der privaten Seite des Kommissars Lamberti, der von seiner Frau immer wieder hinterfragt wird. Sie wirft ihm vor, er werde langsam alt und habe Angst, die Welt nicht mehr sauber zu bekommen, er hingegen stellt sich offen gegen alle, die immer behaupten sowieso nichts an der Gesellschaft ändern zu können. Sie diskutieren, sie streiten, über die Gesellschaft, über Politik, über soziale Verantwortung – und sie lieben einander trotzdem. Ein authentischer, glaubwürdiger Blick in eine spannende Beziehung. So bildet Lamberti mit seiner von der deutschen Schauspielerin Eva Renzi – der Mutter von Anouschka Renzi – verkörperten Herzensdame ein ebenso spannendes Gegensatzpaar wie mit dem verzweifelt nach seiner Tochter suchenden Berzaghi.

Fernando Di Leo hat für diesen Kommissar Lamberti im Übrigen auch insofern eine Bedeutung, als er „Note 7 – Die Jungen der Gewalt“ (1969) inszenierte, jenen Film in dem der von dem aus der Ukraine stammenden italienischen Autor Giorgio Scerbanenco ersonnene Lamberti erstmals im Kino auftauchte; dort in der Verkörperung von Pier Paolo Capponi, für den es nicht die einzige prägnante Polizisten-Rolle im damaligen italienischen Thriller war. Der Autor Giorgio Scerbanenco gilt als einer der Vorreiter des Giallo in der Literatur, die Figur des Lamberti tauchte allerdings erst 1966 erstmals in einem seiner Romane auf. Bis zu Scerbanencos Tod 1969 folgten daher nur noch drei weitere Auftritte, wobei die Kinoadaptionen praktisch nahtlos anschlossen. 1970 kam neben der Version mit Frank Wolff auch eine französische Verfilmung eines anderen Romans ins Kino, in der Lamberti von Bruno Cremer gespielt wurde. Zuweilen werden diese binnen sehr kurzer Zeit entstandenen Filme auch als Trilogie gewertet, für die „Das Grauen kam aus dem Nebel“ den Endpunkt darstellt. Sie wurden allerdings wahrscheinlich alle drei völlig unabhängig voneinander produziert.

Düstere Stichproben des Abgrunds

Berzaghi, Lamberti und des Letzteren Frau sind nicht die einzigen interessanten Charaktere im Film. Erwähnt werden muss auch Beryl Cunningham in der Rolle der Prostituierten Herrero, die schließlich sogar privat bei der Polizisten-Familie einzieht – eine recht kuriose Konstellation; Cunningham stellt die vom Leben gezeichnete, wackere Frau mit sehr viel Würde dar. Zudem erweist es sich als kluger Schachzug, dass die geistig behinderte Donatella entgegen aller Klischees von einer bildhübschen Darstellerin verkörpert wurde, die zudem auch nicht das Gesicht verzieht, sondern vielmehr zumeist lächelt und strahlt. Dieser Umstand lässt die Szenen, in denen der körperlich obendrein deutlich kleinere Vater sie wie ein Baby umsorgt und ihr zugleich beispielsweise beim Schließen ihres BHs hilft, während sie die ganze Zeit nur am Grinsen ist, zwar recht putzig erscheinen, durchbricht aber das oberflächliche Bild vom geistig behinderten Menschen, dem man seine Erkrankung sofort anmerkt – und zwar gewissermaßen um 180 Grad.

Es mag sicherlich etwas übertrieben sein, dass den zuhälterischen Entführern geradezu eine Frau mit Modelfigur in die Hände fällt, die gleichzeitig das geistige Niveau eines dreijährigen Kindes hat, jedoch gibt diese ungewöhnliche Darstellung dem Film einen wertvollen doppelten Boden hinsichtlich des Urteilens anhand von Äußerlichkeiten. Es sind gerade die Szenen mit Herrero und die Szenen mit Donatella, in denen der Film seine dreckigste Seite zeigt, indem er die Opfer teils vor, teils während und zudem nach den schrecklichen Erlebnissen beobachtet. Dabei geht es nicht um zur Schau gestellte Brutalität, sondern um soziale Abgründe, Missbrauch und Vertrauensmissbrauch, das Ausnutzen von Verzweiflung und Hilflosigkeit, das bloße Benutzen von Menschen als Ware und um die ganz normal scheinenden Kriminellen von nebenan, denen man täglich begegnet, ohne je etwas zu ahnen. Und ja, letztlich geht es auch ganz direkt darum, dass man es hier mit den niedersten Formen kapitalistischer Ausbeutung zu tun hat, ohne dass in diesem aufrechten Film deswegen ein Blatt vor den Mund genommen werden würde. Herrero ist die, die das Grauen gesehen hat und vorläufig entkommen ist. Viele andere jedoch entkommen nicht. Der Film stellt eine erkaltete Gesellschaft in unangenehm trostlosen, herbstlichen Bildern bloß. Der Handlungsort ist Mailand, aber ein wenig fühlt es sich wie das verregnete England an; aufgelockert nur dadurch, dass der Kommissar sich der Jahreszeit wegen mit einer üblen Erkältung herumschlägt, die er mit Nasenspray zu bekämpfen versucht und sich auch darüber hinaus ein pointiertes, gewitztes Zusammenspiel mit seinem Assistenten liefert. Das nonverbale, gestische Interagieren, wenn der Kommissar von seinem Assistenten beispielsweise eine Zigarette einfordert, erweckt den Eindruck, zuweilen von Frank Wolff angeregt improvisiert worden zu sein – und wenn sie gemeinsam so richtig zu Form auflaufen, treiben die beiden Bullen den einen oder anderen Ganoven buchstäblich wie eine Sau durchs Dorf.

Die deutsche Seite des Films

Umstritten ist, wie umfangreich der Einfluss der deutschen Produzenten-Legende Artur Brauner auf „Das Grauen kam aus dem Nebel“ war. Gut möglich, dass Eva Renzi durch ihn in das Projekt kam. Angeblich soll er sogar am Drehbuch mitgearbeitet haben – und das wohlgemerkt als einziger Autor neben Biagio Proietti und dem möglicherweise eher obligatorisch auch als Autor genannten Regisseur Duccio Tessari. Als Drehbuchautor wurde Brauner generell nicht häufig namentlich erwähnt – als Produzent taucht sein Name in der Filmgeschichte etwa zehnmal so häufig auf. Ende der 60er / Anfang der 70er häuften sich allerdings plötzlich einige Filme, an denen Brauner angeblich auch als Autor beteiligt war, darunter mehrere deutsch-italienische bzw. deutsch-spanische Koproduktionen. Zumindest kann man guten Gewissens behaupten, dass „Das Grauen kam aus dem Nebel“ mit Abstand der anspruchsvollste Film ist, für den Brauner Anfang der 70er eine Nennung als Drehbuchautor erhielt; vielleicht sogar der beste unter jenen, die zwischen den frühen 50er- und den tiefen 80er-Jahren entstanden. Ob und wie viel er tatsächlich auch am Drehbuch mitgeschrieben hat, ist allerdings eine andere Frage.

Die deutsche Synchronfassung wurde unter der Dialogregie des später als Stammsprecher von Tom Hanks, Bill Murray, Jeff Goldblum und Kevin Kline berühmt gewordenen Arne Elsholtz erstellt, der seine erste Synchronrolle bereits 1962 in „West Side Story“ hatte und sich bald auch als Regisseur vieler deutscher Fassungen verdient machte. Er ist im Film zudem als Stimme von Gabriele Tinti zu hören, der den Assistenten des Kommissars spielt. Ein besonderer Kunstgriff gelang Elsholtz mit der etwas gewöhnungsbedürftigen Besetzung von Gerd Martienzen – dem damaligen Stammsprecher von Louis de Funès – als Stimme von Frank Wolff. Martienzen wurde in seiner Karriere häufig in Rollen besetzt, in denen er seine Stimme stark nach oben drücken oder fast schon wie eine Comicfigur intonieren musste. Hier allerdings hört man ihn einmal in seiner normalen Stimmlage und zudem in einer recht gestandenen Rolle voller Überzeugungskraft und Tatendrang – ganz anders als die unzähligen hageren, verschlagenen Gestalten, auf die er Zeit seiner Karriere ähnlich abonniert war wie Gerd Duwner auf das Sprechen von pummeligen Zeitgenossen und von Asiaten. Die Besetzung von Martienzen für Wolff ist umso bemerkenswerter, als Martin Hirthe für Raf Vallone besetzt wurde, der Wolff zuvor in zwei seiner bekanntesten Filme gesprochen hatte: „Spiel mir das Lied vom Tod“ und „Leichen pflastern seinen Weg“ (beide Synchronfassungen von 1969). Elsholtz hatte hier zweimal das richtige Bauchgefühl, da Hirthe für Vallone eine überragend gute Performance gelungen ist, die sehr viel Mitgefühl weckt, während er für Wolff sowieso nicht besonders passend war, sondern nur eine auf Kontinuität basierte Besetzung gewesen wäre. Bis hin zu der beeindruckenden Schlussszene, die einen regelrecht sprachlos zurücklässt, hat die sich teils nah am erstickenden Flüstern orientierende Stimmlage, die der spätere „Tatort“-Kommissar Martin Hirthe für die Rolle wählte, etwas sehr Ergreifendes und Bedrückendes an sich, während die Figur gleichzeitig einen bemerkenswerten, unbändigen Willen und kämpferische, emotionale Kraft ausstrahlt. Der Mann geht am Stock und hat Mühe, zu reden, ohne sofort in Tränen auszubrechen, rastet und ruht jedoch trotzdem nicht, aber verbittert zunehmend – alles nur um seiner Tochter willen, da ihm sonst nichts mehr geblieben ist. Besser und ergreifender als Raf Vallone und Martin Hirthe im Einklang, kann man einen Vater, dessen Kind entführt wurde, wahrscheinlich kaum spielen. Schon allein diese Rolle hilft dem Film zu einer Punktlandung im Ziel, mag man andere Aspekte noch so kontrovers diskutieren.

Ein Warten seit Jahren

Letztlich ergibt für „Das Grauen kam aus dem Nebel“ vor allem die Bezeichnung „Entführungsfilm“ und ein Vergleich mit anderen Dramen und Thrillern, die sich ebenfalls des Themas Entführung, genauer Kindesentführung, bedienen, einen Sinn. Als solcher besitzt das Werk vor allem aufgrund sehr guter, emotional aufwühlender Schauspielerleistungen Überzeugungskraft, auch wenn der Film nicht die meisterhafte Qualität von beispielsweise „The Child – Die Stadt wird zum Alptraum“ (1972) besitzt – einem von Kindesmord und Kindesentführung ausgehenden Giallo, der zu den besten seiner Art gehört und in dem der als James Bond nur einmal zum Einsatz gekommene George Lazenby als verzweifelt nach seiner Tochter suchender Vater die wahrscheinlich beste schauspielerische Leistung seiner Karriere ablieferte. Um in dieser Liga mithalten zu können, fehlt „Das Grauen kam aus dem Nebel“ unter anderem ein gleichsam intensiv mitreißender, beispiellos verstörender Soundtrack. Allerdings hat es durchaus auch seine Vorzüge, dass die Musik hier stattdessen einen trostlos ernüchternden Charakter besitzt, der das Geschehen letztlich umso schockierender macht, weil dadurch immer wieder ein Eindruck von Alltäglichkeit entsteht, während für Berzaghi quälend langsam Stück für Stück eine Welt zusammenbricht. Eine grausame Ruhe, durchbrochen von den Momenten lauter, fröhlicher Musik, in denen er Donatella vor sich sieht, als alles noch in Ordnung war – die ebenso abrupt enden wie sie begonnen haben.

Im Juni 2014 postete das deutsche DVD-Label Subkultur-Entertainment auf Facebook ein Bild von Raf Vallone in einer Szene des Films, das Fans lange Zeit auf eine Veröffentlichung hierzulande hoffen ließ, zumal der Film kurz zuvor auch in den USA auf Blu-ray und DVD erschienen war. Leider ist es bisher aber trotzdem nicht dazu gekommen, sodass man mit den ausländischen Versionen ohne die deutsche Synchronfassung vorliebnehmen oder sich das alte Kaufvideo von Toppic besorgen muss. Wenn man sich vor Augen führt, was über die Jahre schon alles an italienischen Thriller-Klassikern der 70er auf DVD oder Blu-ray zutage gefördert wurde, ist der Film so langsam einmal verdient an der Reihe. Hoffen wir das Beste!

Veröffentlichung (USA): 6. April 2014 als Blu-ray und DVD

Länge: 93 Min. (Kino)
Altersfreigabe: FSK 18
Originaltitel: La morte risale a ieri sera
US-Titel: Death Occurred Last Night
IT/BRD 1970
Regie: Duccio Tessari
Drehbuch: Biagio Proietti, Duccio Tessari, Artur Brauner, nach einem Roman von Giorgio Scerbanenco
Besetzung: Frank Wolff, Raf Vallone, Gabriele Tinti, Gillian Bray, Eva Renzi, Gigi Rizzi, Beryl Cunningham, Checco Rissone, Wilma Casagrande, Marco Mariani
Verleih: Titanus, Cinerama Filmgesellschaft MBH

Copyright 2017 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use

 

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Death Walks on High Heels – Eine Verbeugung vor dem Giallo

La morte cammina con i tacchi alti

Von Ansgar Skulme

Thriller // In einem Nachtzug auf dem Weg in Richtung Schweiz wird ein polizeilich bekannter Juwelendieb von einem maskierten Killer ermordet. Wie es der Zufall will, wurde Paris gerade erst von einem Diamantenraub heimgesucht, doch das Diebesgut ist verschwunden und auch beim Opfer nicht aufzufinden. Der Mord war also vergebens. Die französische Polizei verhört Nicole Rochard (Susan Scott) – die Tochter des Ermordeten – und ihren Liebhaber Michel Aumont (Simón Andreu), doch diese wissen nichts vom Verbleib der millionenschweren Beute. Bald jedoch wird Nicole mit Anrufen tyrannisiert. Anfangs findet sie die verzerrte Stimme am anderen Ende der Leitung noch lustig, doch wenig später wachsen Angst und ein starkes Misstrauen gegenüber Michel in ihr. Sie flüchtet sich in die Arme des Arztes Dr. Robert Matthews (Frank Wolff), der ihre Strip-Show in einem Pariser Nachtclub bewundert und ihr Avancen macht. Mit ihm könnte sie nach England ziehen und ihrem Alltag entfliehen, doch indessen plant der Killer bereits seinen ersten persönlichen Besuch bei Nicole.

Luciano Ercoli führte bei nur acht Filmen Regie. Diese kamen im Zeitraum von 1970 bis 1977 erstmalig in die Kinos. Die ersten drei seiner Arbeiten sind allesamt dem Giallo zuzurechnen. Hierbei handelt es sich um ein Subgenre des Thrillers, das im italienischen Kino der 60er-Jahre aufgekommen war, Motive von Filmen wie etwa der deutschen Edgar-Wallace-Reihe aufgriff und den Grundton deutlich verschärfte. Der Giallo zeichnet sich durch seine Freizügigkeit ebenso wie durch seine brutalen, oft schockierend realistischen, aber auch gern mal ausgenommen übertriebenen Gewaltdarstellungen sowie kunstvolle Inszenierungen und sehr moderne, fesselnde, teils experimentelle Filmmusikkompositionen aus. „Death Walks on High Heels“ war Ercolis zweiter Film und eignet sich hervorragend als exemplarisches Beispiel für die Funktionsweisen des Giallo. Der Film bündelt diverse Elemente, die den Giallo als Genre ausmachen, in sehr ansehnlicher Art und Weise: sexy, blutig, mit überraschenden Wendungen, vielen schrägen Charakteren, je nach Szene mal mit ausgesprochen betörender, mal frivoler und mal sehr forscher, pulsierender Musik versehen. Themen und Bilder, die man fünf bis zehn Jahre früher im Kino noch nicht zeigen konnte, geben sich im Giallo die Klinke in die Hand.

Spannungsfeld: Erotisierendes Andeuten und schockierendes Zeigen

Vergleicht man diesen Film mit Ercolis einzigem Beitrag zum Poliziottesco, „Killer Cop“ (1975), wird deutlich, dass die stilistischen Parallelen überschaubar sind. Generell hatte Ercoli eine Vorliebe dafür, Bildinhalte durch Verwendung von Spiegeln zu verschachteln, ansonsten jedoch verfolgt „Death Walks on High Heels“ eine sehr eindrückliche, auf den Giallo zugeschnittene Bildsprache, wodurch der Film weitestgehend den Charakter erhält, eine tiefe Verbeugung Ercolis vor dem Genre zu sein. Ercoli, sein spanischer Kameramann Fernando Arribas und sein Cutter Angelo Curi zelebrieren verspielte Langsamkeit und Körperlichkeit sowohl in erotischen als auch brutalen Szenen. Frauen nackt zu zeigen – wenn ihnen nicht gar vom Killer vor dem Mord noch schnell buchstäblich die Kleider vom Leib gerissen wurden – war im Giallo ohnehin üblich. „Death Walks on High Heels“ allerdings kostet auch die Momente des Vorspiels in äußerst erotisierender, fast schon lasziver Art und Weise aus, ohne die Figuren auch nur einmal beim Sex zu zeigen. Die Figur des Robert Matthews wird in die Handlung eingeführt, indem man ihn zeigt, wie er Nicole Rochard bei ihrer Strip-Show beobachtet und filmt, danach tastet sich ihr Liebhaber Michel im Backstage-Bereich im wahrsten Sinne des Wortes an sie heran; später im Film findet sich eine ausgezeichnet konzipierte Szene, in der sich Nicole und Robert beim Essen gegenüber sitzen, während durch Blicke und Bewegungen ihrer Hände oder auch ihres und seines Mundes im Grunde bereits der nachfolgende Sex in allen Details vorweggenommen und symbolisch gezeigt wird. Die Szene endet vor dem Sex, aber man hat das Gefühl, praktisch schon alles gesehen zu haben.

Demgegenüber stehen die Morde, während denen der Killer es geradezu auszukosten scheint, mit seinem Messer auf den Opfern entlang zu fahren und mit ihrer Angst zu spielen. In einer Szene scheint er auf einem der Opfer mit seinem Messer sogar regelrecht ein Muster zu malen und in der Situation zu schwelgen. Der Tod wird hier auf eine bizarre, brutale, den Todeskampf in aller Gänze zeigenden und auskostenden, allerdings künstlerisch auch sehr sensibel konstruierten Art und Weise ästhetisiert – und dies ist eines der zentralsten Merkmale eines gelungenen Giallos. Wichtig zudem: Weder die erotischen noch die blutigen Momente des Films könnten ihre Wirkung so punktgenau, verspielt, melancholisch, aber auch düster und verstörend entfalten, gäbe es dazu nicht die Musik von Stelvio Cipriani, die erotisierend und manchmal voller beschwingter Leichtigkeit, aber auch bedrohlich und voranpreschend stets genau den richtigen Ton trifft. Die Musik ist der Anker des Films. Eine betont sexy eingebundene, Laute hauchende und Melodien ohne Text singende Frauenstimme lädt einerseits die erotische Grundstimmung vieler Szenen auf, wirkt manchmal aber auch so, als stehe der Engel des Todes am Mikrofon, der schon vom nahenden Morden weiß, aber trotzdem ganz wertfrei die Attraktivität und Schönheit des Geschehens melodisch kommentiert, obwohl das Sterben alles andere als schön werden wird. Passend dazu sind einige Szenen, wie etwa das oben beschriebene gemeinsame Essen, in tief rotes, warmes Licht getaucht – Rot, die Farbe der Liebe und des blutigen Todes. Die Pärchen wärmen sich aneinander und der Killer fördert das warme Blut seiner Opfer zutage.

Trash darf sein und muss es manchmal auch

Dazu, dass dieser Film stilistisch etwas sehr Sympathisches hat, gehört aber auch der Faktor, dass sich die Macher nicht zu wichtig nahmen. „Death Walks on High Heels“ ist ausgesprochen kunstvoll und versiert inszeniert, allerdings alles andere als verkünstelt. Immer wieder lockern kuriose Details das Geschehen auf und verweisen darauf, dass die Storys solcher Filme an sich Groschenheft-Charakter haben und es dem Giallo als Filmgenre lediglich eigen ist, gewissermaßen Trivialliteratur der Bahnhofskiosk-Sorte mit Bildern und Klängen aufzuladen, die den Film als Kunst kenntlich machen. Genau dieses Gegensatzpaar von Banalität als Basis und großer Kunstfertigkeit in der Umsetzung macht den Giallo so interessant. Ob es nun die abgehackt-roboterhaft verzerrte Stimme des Killers ist oder die Tatsache, dass man von einer der Figuren – dem von Luciano Rossi gespielten Hallory – als Erstes einen schwarzen Handschuh sieht, der eine Katze festhält, die mit der anderen Hand gestreichelt wird, als sei er eine Mischung aus den James-Bond-Gegenspielern Dr. No und Ernst Stavro Blofeld: Der Film ist gewissermaßen ein offenes Bekenntnis zum Trash-Kino und der gleichzeitige Beweis, dass dieses als Teil der Filmgeschichte ernst genommen werden muss, durchaus sehr kunstvoll aussehen kann und ferner der Beweis, dass solche Versatzstücke, die man auch als Referenzen verstehen kann, nicht automatisch die Überzeugungskraft des Films schmälern, sondern ihn vielmehr sogar noch vielschichtiger machen. Die Tatsache beispielsweise, dass man im Verlauf der Handlung letztlich auf mehrere Spanner trifft und das heimliche, oft lüsterne Beobachten für mehrere Figuren im Film schier geradezu an der Tagesordnung zu sein scheint, zieht sich beinahe wie ein roter Faden durchs Geschehen, der rückblickend zwar recht komisch wirkt, im Film selbst aber oftmals einen eher bedrohlichen Charakter hat.

Kleine Details, wie etwa der völlig aus dem Rahmen fallende, an Dudelsack-Melodien erinnernde Musikeinsatz, als George Rigaud in der Rolle des Captain Lenny das erste Mal auftaucht, und die Tatsache, wie die Musik schon nach Sekunden rabiat wieder endet – ebenso plötzlich und unerwartet, ohne jede Überblendung, wie die Musik zuvor einsetzte –, verraten zudem viel darüber, was für einen Spaß die Macher an dem Projekt gehabt haben dürften. Was für ein Bruch, solch ein abgehacktes, grobschlächtiges Motiv inmitten all der beschriebenen musikalischen Erotisierung der Beziehungen der Charaktere und Ästhetisierung von Gewalt und Tod, die maßgeblich von der Musik gerahmt werden, einzubinden! Immer wieder finden sich kleine Hinweise dieser Art, dass das Geschehen zwar stilistisch oft sehr gehoben aussehen und die Handlung phasenweise sehr beängstigend sein mag, es letztlich aber eben doch nur ein Film ist, der vor allem unterhaltend und nicht bierernst sein soll – und zudem auch nicht in erster Linie der künstlerischen Selbstbeweihräucherung des Regisseurs dient.

Ein starkes Ensemble

Dazu passt auch die Inszenierung der beiden Ermittler, die die zweite Hälfte des Films dominieren. Nicht nur ist an Carlo Gentili als Inspektor Baxter ein echter Kommissar Maigret verlorengegangen, auch die Dialoge dieses britischen Ermittler-Duos und die Art, wie sie gemeinsam auftreten, erhöhen Klischees gewissermaßen zum Ikonischen. Spätestens als Baxter in der englischen Synchronfassung in einer Szene zu seinem Assistenten (Fabrizio Moresco) dann noch „Elementary!“, wie einst Sherlock Holmes zu Dr. Watson, sagt, ist auch hier völlig klar, dass der Film eine Verbeugung vor so manchen Vorbildern ist und nicht nur vor dem Giallo. Dies zeigt sich auch im Schlussbild, wenn einer der beiden Bullen, die den Fall schließlich gelöst haben, dem anderen erst einmal Feuer für seine Zigarette gibt – und das Bild in dieser prototypisch inszenierten Situation einfach angehalten wird, damit der Abspann beginnen kann.

Ercolis Ensemble zeigt sich durchweg von seiner besten Seite: Luciano Rossi, der im italienischen Genrekino häufig Rollen spielte, die in Deutschland Klaus Kinski gespielt hätte, ist hier ganz in seinem Element, Manuel Muñiz als kauziger Fischhändler, mit wichtiger Bedeutung für die Handlung, als Charakterdarsteller gleichsam ein Gewinn und die großen Augen der Rachela Pamenti werden so manchem in der Nacht die Träume verdunkeln. Die Ähnlichkeit der beiden Frauen in Matthews‘ Leben ist zudem bemerkenswert und der besagte George Rigaud sowie José Manuel Martín als Blinder gestalteten ihre Rollen mit der notwendigen Undurchschaubarkeit. Bis zum Schluss wahrt sich der Film das Credo: Jeder, wirklich jeder, könnte immer noch (glaubwürdig) der Mörder sein!

Susan Scott und Simón Andreu waren bereits in Luciano Ercolis Regiedebüt „Frauen bis zum Wahnsinn gequält“ (1970) zu sehen und harmonierten so gut, dass Ercoli sie auch in seinem dritten Film „Death Walks at Midnight“ (1972) als Hauptdarsteller einsetzte – wobei sie auch hier erneut auf Carlo Gentili als Inspektor trafen. 1973 spielte Gentili in „Haie kennen kein Erbarmen“ ein weiteres Mal für Ercoli den Inspektor. Lediglich Frank Wolff fehlte unter den Hauptdarstellern aus „Death Walks on High Heels“ in „Death Walks at Midnight“. Er beging Ende 1971 unter ausgesprochen tragischen Umständen Selbstmord. Das italienische Genrekino verlor mit dem US-Amerikaner einen unter Kollegen sehr geschätzten Schauspieler, der auch in „Death Walks on High Heels“ seine Vielseitigkeit bewies. Die Blicke, mit denen er Nicole Rochard mustert, sagen oft mehr als tausend Worte und nie ist man sich so recht im Klaren, welche Absichten dieser Robert Matthews eigentlich hegt. Ob nun von seiner Nicole vor Erregung im Nachtclub und am Kaminfeuer unter Strom gesetzt oder taff im Trenchcoat auftretend, als sei er der Ermittler: Frank Wolff – der unter anderem der Gegenspieler von Bud Spencer und Terence Hill in dem sehr guten, düsteren Italowestern „Gott vergibt – Django nie!“ (1967) war, in dem das Duo Spencer/Hill erstmals gemeinsam als Hauptdarsteller auftrat – spielte in „Death Walks on High Heels“ eine seiner besten und leider zu wenigen Hauptrollen.

Fast hätte er es geschafft

„Death Walks on High Heels“ ist bis heute nie deutsch synchronisiert worden, geriert jedoch nichtsdestotrotz auf die Agenda des Labels filmArt, das sich in der Vergangenheit bereits ausgiebig um das italienische Genrekino der 70er-Jahre, speziell Polizeifilme und Gialli, verdient gemacht hat. Geplant war eine DVD-Veröffentlichung im Original mit Untertiteln unter dem deutschen Titel „Der Tod küsst dich um Mitternacht“ als Teil 8 der „filmArt Giallo Collection“. Als Teil 9 sollte „Death Walks at Midnight“, unter dem Titel „Die eiserne Hand des Todes“, folgen. Beide Filme sollten in Kombination mit einer CD vom Soundtrack erscheinen und es gab auch bereits ein Cover für beide Veröffentlichungen, im Layout der „Giallo Collection“. Kurzfristig jedoch wurde das Vorhaben auf Eis gelegt und stattdessen eine Veröffentlichung in Kombination mit einer Blu-ray in Aussicht gestellt. In den USA gibt es mittlerweile sogar zwei Blu-ray-Editionen, die seit April 2016 erschienen sind. Auch die erste US-Veröffentlichung von 2006, das „Luciano Ercoli Death Box Set“, war jedoch bereits hervorragend ausgestattet und heiß begehrt, bot beide Filme auf DVD sowie eine CD mit verschiedenen Filmkompositionen von Stelvio Cipriani. Auch damals war auf der DVD neben der italienischen „Originalfassung“, die allerdings – wie für das Italo-Genrekino damals üblich – eine Synchronfassung ist, bereits die englische Synchronfassung zu finden, die insofern durchaus lohnend ist, weil die in Großbritannien spielende Hälfte des Films mit dem entsprechenden britischen Englisch schlichtweg an Authentizität gewinnt, zumal es sich um eine italienisch-spanische Produktion handelt, in der bis auf Frank Wolff niemand mitspielte, dessen Muttersprache Englisch war. Man darf sich jetzt schon darauf freuen, wenn der Film es endlich wirklich in einer deutschen Fassung – und sei sie nur untertitelt – auf DVD schafft. Auch eine Synchronfassung wäre, sofern finanzierbar, aber zweifelsohne angemessen. Der Film hätte es verdient, da er sicherlich mindestens zu den 25 besten Vertretern des Giallo-Kinos zählt. Es wäre nicht der erste Giallo aus den 70ern, der für seine DVD-Veröffentlichung in Deutschland erstmals synchronisiert werden würde – und die Qualität dieser Synchronfassungen ist zum Teil durchaus gelungen, auch wenn sie nicht zeitgenössisch in den 70ern entstanden sind und zudem bei kleinen Studios in Auftrag gegeben wurden.

Übrigens: Die Hauptdarstellerin und gebürtige Spanierin Susan Scott, die eigentlich Nieves Navarro heißt, und Luciano Ercoli heirateten 1972, im Zuge ihrer gemeinsamen Filme, in denen Ercoli sie in vielen erotischen Situationen mit anderen Männern in Szene gesetzt hatte. Die Ehe hielt bis zu Ercolis Tod im Jahr 2015. So romantisch geht es im Giallo eher selten zu. Manche Dinge gibt es bekanntlich nur im Film und manche Geschichten schreibt das Leben.

Veröffentlichung (GB): 20. März 2017 als Blu-ray und DVD
Veröffentlichung (USA): 7. März 2017 als Blu-ray und DVD, 5. April 2016 als Blu-ray und DVD, 28. Februar 2006 als DVD

Länge: 108 Min.
Altersfreigabe: ungeprüft
Originaltitel: La morte cammina con i tacchi alti
IT/SP 1971
Regie: Luciano Ercoli
Drehbuch: Ernesto Gastaldi, Mahnahén Velasco, Dino Verde
Besetzung: Frank Wolff, Susan Scott, Simón Andreu, Carlo Gentili, George Rigaud, José Manuel Martín, Fabrizio Moresco, Luciano Rossi, Claudie Lange, Rachela Pamenti
Verleih: Atlántida Films, Cinecompany
Vertrieb (GB & USA): Arrow Video

Copyright 2017 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use

 

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Die Zeit der Geier – Der Weiberheld und der Killer

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Il tempo degli avvoltoi

Von Volker Schönenberger

Western // Bezeichnungen wie Tunichtgut oder Nichtsnutz sind für Kitosh (George Hilton) noch untertrieben. Der als Cowboy auf der Ranch von Don Jaime Mendoza (Eduardo Fajardo) arbeitende Weiberheld scharwenzelt gern mal mit den Frauen seiner Kollegen herum. Das bringt ihm Ärger und Stockhiebe seines Bosses ein, die er gleichmütig hinnimmt. Als er sich dann auch noch im Badezimmer von Dom Jaimes Ehefrau Steffy (Pamela Tudor) erwischen lässt, wird das dem Rancher zu viel – er brennt Kitosh sein Zeichen auf den Rücken wie einem Rind.

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Ungleiche Partner: Kitosh …

Kitosh macht sich davon, wird aber bald gestellt. Nun soll er gar als Pferdedieb gehängt werden, doch der berüchtigte Outlaw Joshua Tracy (Frank Wolff) rettet ihn in letzter Sekunde vor dem Galgen. Fortan machen beide gemeinsame Sache.

Italo-Western aus der zweiten Reihe

„Die Zeit der Geier“ lässt sich unschwer als Italo-Western aus der zweiten Reihe identifizieren. Wir haben mit Nando Cicero einen Regisseur mit vergleichsweise kurzer Filmografie von 20 Filmen, die mit „Stoßgebet für drei Kanonen“ (1967) und „Kugeln tragen keine Unterschrift“ (1969) zwei weitere Beiträge zum Genre vorweist. Die beiden Hauptdarsteller George Hilton („Django – Sein Gesangbuch war der Colt“, „Django – Ein Sarg voll Blut“) und Frank Wolff haben reichlich Italo-Western-Erfahrung, Wolff hatte sogar Nebenrollen in den Klassikern „Leichen pflastern seinen Weg“ und „Spiel mir das Lied vom Tod“ (beide 1968).

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… und Tracy

Die Protagonisten gehen nicht immer nachvollziehbar vor, die Handlung treibt lose vor sich hin. Ein origineller Aspekt ist die Epilepsie-Erkrankung, die Tracy ab und zu kurzzeitig außer Gefecht setzt – er ist dann vollständig hilflos, was in manchen Konfliktsituationen natürlich suboptimal ist. Gewalt ist allgegenwärtig, sei sie handfest mit Fäusten und Füßen oder bleihaltig. Respekt vor dem Leben sucht man bei den Figuren vergeblich. Das ist schmutzig, aber mit munter dahinplätscherndem Italo-Soundtrack hinterlegt, ganz so wie wir das von solchen Italo-Western kennen und mögen.

Nach der DVD nun die Blu-ray

Koch Films, vormals Koch Media, hat „Die Zeit der Geier“ schon Anfang 2013 als Teil 1 der Italo-Western-Reihe „Western Unchained“ auf DVD veröffentlicht. Nun folgt die HD-Auswertung. Bild und Ton sind in Ordnung, aber ob es die Blu-ray tatsächlich gebraucht hätte, sei dahingestellt. Ein Upgrade von DVD auf Blu-ray erscheint unnötig, aber wer sich bislang nur die auf Blu-ray erschienenen „Western Unchained“-Filme zugelegt hat, mag sich freuen, dass Koch nun offenbar gewillt ist, die HD-Lücken der Reihe zu schließen. Interviews mit dem aus Uruguay stammenden Darsteller George Hilton und dem Filmhistoriker Fabio Melelli runden die insgesamt gelungene Veröffentlichung ab.

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Womanizer Kitosh kann’s nicht lassen

Die Filme der Reihe „Western Unchained“:

01. Die Zeit der Geier (Il tempo degli avvoltoi, IT 1967)
02. Mercenario – Der Gefürchtete (Il mercenario, IT/SP 1968)
03. Navajo Joe (Navajo Joe, IT/SP 1966)
04. Tepepa (Tepepa, IT/SP 1969)
05. Der Tod zählt keine Dollar (La morte non conta i dollari, IT 1967)
06. Yankee (Yankee, IT/SP 1966)
07. Rocco – Der Mann mit den zwei Gesichtern (Sugar Colt, IT/SP 1966)
08. Eine Pistole für Ringo (Una pistola per Ringo, IT/SP 1965)
09. Ringo kommt zurück (Il ritorno di Ringo, IT/SP 1965)
10. Der Mörder des Klans (Prega il morto e ammazza il vivo, IT 1971)

Veröffentlichung: 11. August 2016 als Blu-ray, 18. Januar 2013 als DVD

Länge: 95 Min. (Blu-ray), 94 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Italienisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Il tempo degli avvoltoi
IT 1967
Regie: Nando Cicero
Drehbuch: Fulvio Gicca Palli
Besetzung: George Hilton, Frank Wolff, Pamela Tudor, Eduardo Fajardo, Franco Balducci, Femi Benussi
Zusatzmaterial: Featurette „Liebesgrüße aus Uruguay“ (12 Min.), Featurette „Mit Kitosh kam der Tod“ (9. Min.), Bildergalerie
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2016 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshot: © 2016 Koch Films

 

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