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Full Moon (IV): Kannibalinnen im Avocado-Dschungel des Todes – Wenn Männer zur bedrohten Art werden

Cannibal Women in the Avocado Jungle of Death

Von Andreas Eckenfels

Abenteuerkomödie // Zur Zeit des Kalten Kriegs reißen sich die Kommunisten weltweit immer mehr Anbaugebiete eines überaus wertvollen Guts unter den Nagel: die Avocado. Die Frucht stärkt angeblich das nationale Sicherheitsgefühl der Bevölkerung der Vereinigten Staaten – doch nun werden im Land langsam die Vorräte knapp. Die letzten Bestände liegen in einem größtenteils unerforschten Dschungelgebiet in Kalifornien, das allerdings vom radikalen Stamm der Piranha-Frauen beherrscht wird.

Die Legende besagt, dass die Frauen einer ehemaligen Feministinnen-Kommune entstammen und eine besondere Leibspeise haben: Männer. Die Regierung hat schon mit mehreren Bataillonen versucht, die Frauen zu vertreiben. Doch keiner der Soldaten kam lebend zurück. Auch Dr. Kurtz (Adrienne Barbeau), Autorin von „Frauen sind klug, Männer sind Idioten“, ist in der sogenannten Avocado-Bucht vor zwei Jahren verschollen. Nun erhält die Ethnologin und Feministin Dr. Margo Hunt (Shannon Tweed) den Auftrag in das Gebiet vorzudringen. Dort soll sie mit den Piranha-Frauen über eine Umsiedlung in ein Luxusresort verhandeln. Gemeinsam mit ihrer Assistentin Bunny (Karen Mistal) und dem Abenteurer Jim (Bill Maher) macht sie sich auf den gefährlichen Weg ins Herz der Finsternis.

Avocado Now

Der zweite Blu-ray-Titel aus der „Full Moon Classic Selection“ von Wicked-Vision Media stellt in der umfangreichen Filmografie des Low-Budget-Labels eine kleine Seltenheit dar: Normalerweise stammen die Werke meist aus dem Horror- oder Science-Fiction-Genre, hier handelt sich aber um eine handfeste Abenteuerkomödie. Wer beim Lesen des Figurennamens Dr. Kurtz kurz gezuckt hat, dem sei gesagt: Es bleibt nicht die einzige Anspielung auf „Apocalypse Now“ (1979) – auch sind unter anderem einige mehr oder weniger deutliche Zitate aus „Jäger des verlorenen Schatzes“ (1981) und „2001 – Odyssee im Weltraum“ (1968) zu finden. Die absurde Handlung und der teils durchgeknallte Humor erinnern dabei durchaus an die großen Komödien der Zucker-Brüder („Die nackte Kanone“) – allerdings wird die hohe Gagdichte der großen Vorbilder bei Weitem nicht erreicht.

Die Regie und gleichzeitig das Drehbuch wurden übrigens nicht, wie man(n) denken könnte, von einer männerhassenden Dame übernommen, sondern von J. F. Lawton, der nur ein Jahr später für eine der berühmtesten und erfolgreichsten Romanzen der Filmgeschichte verantwortlich zeichnen sollte: Er schrieb das Skript zu „Pretty Woman“ (1990), welches ihm eine BAFTA-Nominierung einbrachte. Anschließend folgten das Drehbuch zum Steven-Seagal-Kracher „Alarmstufe: Rot“ (1992) und die Regie zu „The Hunted – Der Gejagte“ (1995) mit Christopher Lambert.

Ein großer Verdienst von Lawton bei „Kannibalinnen im Avocado-Dschungel des Todes“ ist, dass er sich offenbar ein paar Gedanken um die Piranha-Frauen gemacht und eine eigene kleine Mythologie um sie herum gesponnen hat, die die fremde Kultur greifbar macht. Zudem spielt er auch herrlich mit den Geschlechterrollen. Grandios fand ich die Idee rund um die „Donahues“. So werden die Männer genannt, die von den Piranha-Frauen im Dschungel als einzige ihrer Artgenossen geduldet werden. Sie hausen in kleinen Hütten und verrichten unterwürfig die „typischen“ Arbeiten, die von Frauen verrichtet werden – sei es Häkeln, Putzen oder Kochen. Vollmacho Jim kann es nicht fassen und bringt ihnen erstmal das Biertrinken bei und erklärt ihnen die Vorzüge des Penthouse-Magazins.

Playmate des Jahres

Dass die Rolle der Heldin ausgerechnet von einem ehemaligen Playboy-Model verkörpert wird, konterkariert die feministisch angehauchte Story kalkuliert zusätzlich: Die attraktive Kanadierin Shannon Tweed wurde 1982 zum „Playmate des Jahres“ gekürt. Seit 1986 ist sie weltweit hauptsächlich als Lebensgefährtin von Kiss-Bassist Gene Simmons bekannt. Das Paar heiratete schließlich 2011. Wer jetzt hofft, dass sich Shannon Tweed auch im „Avocado-Dschungel“ aufgrund der Hitze von ein paar Kleidungsstücken entledigt, der wird enttäuscht. Nur zu Beginn gibt es von einigen anderen Darstellerinnen ein wenig nackte Haut zu sehen, die dann von zwei geifernden Avocado-Pflückern beim Baden gestört werden. Ihre Strafe folgt auf dem Fuße …

Tweed zur Seite steht Stand-up-Comedian und Talkmaster Bill Maher als „Indy für Arme“-Verschnitt Jim. In einem seiner ersten Filmauftritte darf er Machosprüche raushauen und Wortgefechte führen, ist aber natürlich den Damen in allen Belangen hoffnungslos unterlegen. Karen Mistal als naive und lispelnde Studentin Bunny mit einem Hang zu rosa Kleidung sammelte schon zuvor in „Die Rückkehr der Killertomaten“ (1988) Erfahrung im B-Movie-Bereich. Dazu gesellt sich mit Adrienne Barbeau („The Fog – Nebel des Grauens“) eine echte Veteranin des Horrorgenres – allerdings anders als Marlon Brando als Dr. Kurtz ohne Glatze.

Willkommen im Dschungel

Das Budget reichte natürlich nicht aus, um in einem echten Dschungel zu drehen. Als Ersatz streifen die Darstellerinnen und Darsteller durch den blühenden Botanischen Garten der Universität von Kalifornien. Auch eine Angriffsszene durch ein Flusspferd musste etwas improvisiert werden: Das Trio bekämpft im Boot sitzend das monströse Tier, welches der Zuschauer allerdings niemals zu Gesicht bekommt. Einen Gegenschnitt gibt es nicht. Immerhin ist eine echte Raubkatze zu sehen – war es ein Leopard? –, die laut der Figuren auch äußerst gefährlich sein soll. Doch das Biest entpuppt sich als harmloser Stubentiger, der sich von Bunny gemütlich das Fell streicheln lässt.

Auf dem Backcover der Blu-ray-Hülle steht geschrieben, dass man während der Sichtung ruhig ein paar Guacamole-Biere konsumieren sollte. Ich denke, sogar ohne Alkoholgenuss hat man an dem herrlich selbstironischen „Kannibalinnen im Avocado-Dschungel des Todes“ seinen Spaß! Aber schaden tut es auch nicht.

Die Filme der „Full Moon Classic Selection“ und der „Full Moon Collection“ der Wicked Vision Distribution GmbH haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgelistet.

Veröffentlichung: 6. Mai 2019 als Blu-ray und DVD

Länge: 90 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Cannibal Women in the Avocado Jungle of Death
USA 1989
Regie: J. F. Lawton (als J. D. Athens)
Drehbuch: J. F. Lawton (als J. D. Athens)
Besetzung: Shannon Tweed, Adrienne Barbeau, Karen M. Waldron (als Karen Mistal), Bill Maher, Barry Primus, James MacKrell, Paul Ross
Zusatzmaterial: Vorwort von Charles Band, Originaltrailer, Kinotrailer, Wendecover mit Original Artwork
Label/Vertrieb: Wicked Vision Distribution GmbH / Full Moon Germany

Copyright 2020 by Andreas Eckenfels

 

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Full Moon (III): Dollman – Großer Mann ganz klein

Dollman

Von Andreas Eckenfels

Das rührige Label Wicked-Vision Media fährt unter dem Vollmond von Charles Band gleich doppelt auf – mit der „Full Moon Collection“ und der „Full Moon Classic Selection“. Grund genug für uns, diese Filme bei „Die Nacht der lebenden Texte“ zu einer Rezensionsreihe zusammenzufassen. Und da wir zwei davon bereits berücksichtigt hatten, werden sie nachträglich eingereiht, sodass „Dollman“ die Nummer III erhält.

SF-Action // Bei dem Namen „Full Moon Features“ schnalzen besonders regelmäßige Videothekengänger der 1980er- und 1990er-Jahre mit der Zunge, wenn sie sich an die zahlreichen Machwerke der Produktionsfirma von Charles Band erinnern, die damals in den Regalen standen. Wer mit dem Filmen des Labels nicht vertraut ist, dem sei gesagt, dass man schon eine gewisse Vorliebe für B-Movies, Trash und Groschenromane mitbringen sollte, damit man an den damals in Massen produzierten Reißern aus dem Action-, Science-Fiction- und Horrorbereich seine nostalgische Freude haben kann. Doch wie so oft gilt: Wenn es an Geld fehlt, werden ab und an kreative Kräfte frei – und auch schlechte Filme können manchmal unterhaltsam sein.

Der Mond ist aufgegangen

Echte „Full Moon“-Fans und solche, die es werden wollen, dürfen sich auf jeden Fall darüber freuen, dass das deutsche Label Wicked-Vision Media mit Charles Band einen umfangreichen Veröffentlichungsdeal abgeschlossen hat. Innerhalb der „Full Moon Collection“-Reihe wurden bereits „Lurking Fear“, „Doctor Mordrid“, „Castle Freak“ und „Creepozoids“ in Mediabooks mit umfangreichen Bonusmaterial veröffentlicht. Mit der neuen „Full Moon Classic Selection“-Reihe – die Blu-rays sind im transparenten Scanavo-Keepcase untergebracht – erhöht Wicked-Vision Media nun den Output an „Full Moon“-Titeln deutlich. Zum Start im Mai 2019 sind gleich vier Titel erschienen, weitere sind inzwischen draußen, einige mehr angekündigt. Als Nummer 1 der Reihe wurde „Dollman“ ausgewählt.

Gestrandet auf der Erde

10.000 Lichtjahre von der Erde entfernt liegt der Planet Arturos. Dort zittern die bösen Buben vor dem knallharten Cop Brick Bardo (Tim Thomerson), der allerdings aufgrund seiner fragwürdigen Methoden bei seinen Vorgesetzten nicht gerade beliebt ist. Trotz Suspendierung regelt er eine Geiselnahme in einem Waschsalon völlig problemlos – und ohne Waffengewalt. Als Brick Bardo von seinem Erzfeind Sprug (Frank Collison) überrascht wird, liefert er sich mit ihm eine wilde Verfolgungsjagd durchs All. Dabei kreuzen beide mit ihren Raumschiffen einen Energiestreifen, durch den sie auf die Erde geschleudert werden – genauer gesagt mitten in die South Bronx – dem heißen Pflaster von New York City. Brick Bardo stellt schnell fest: Im Gegensatz zu seinem Heimatplaneten sind die Menschen ihm hier in Sachen Körpergröße weit überlegen. Auf der Erde ist er ein Winzling, gerade mal 30 Zentimeter groß, und er hat keinen Sprit, um nach Hause zurückzufliegen.

Doch der intergalaktische Minicop hat ein Ass im Ärmel: seinen „Groger Blaster“. Die beste Handfeuerwaffe im Universum bläst auch den riesenhaften Menschen locker ein großes Loch in den Leib. Mit dieser kann er einige Bandenmitglieder davon abhalten, die alleinerziehende Mutter Debi (Kamala Lopez) zu überfallen. Gleichzeitig hat auch der gestrandete Sprug einen neuen Freund gefunden: den Drogendealer Braxton Red (Jackie Earle Haley), der mit Debi noch eine Rechnung offen hat und sich sehr für Sprugs Fusionsbombe interessiert. Kann Brick Bardo die beiden Verbrecher stoppen?

Cooler als Dirty Harry?

Wenn man einen Hauptdarsteller wie Tim Thomerson („Near Dark – Die Nacht hat ihren Preis“) zur Verfügung hat, ist das schon die halbe Miete. Der ehemalige Stand-up-Comedian ist ein echter Charakterkopf und ein „Full Moon“-Urgestein: Bereits 1984 drehte er unter der Regie von Charles Band den ersten „Trancers“. Die SF-Actionreihe brachte es bislang auf fünf Teile. Thomerson verleiht dem wortkargen Macho-Spacecop eine gewisse Coolness und eine leicht ironische Note.

Sein Brick Bardo erinnert nicht von ungefähr an Clint Eastwoods Kultfigur „Dirty Harry“. Die Parallelen sind durchaus beabsichtigt. In B-Movies bedient man sich ja gern mal bekannter Thematiken, Figuren und Bilder, um so im Fahrwasser eines populären Films ebenfalls ein paar Gewinne einzufahren. Das berüchtigte US-Produktionsstudio The Asylum hat sein gesamtes Geschäft auf solchen „Mockbustern“ aufgebaut. Im Gegensatz zu diesen Machwerken sprüht aber ein Großteil der „Full Moon“-Drehbücher trotz ihrer Simplizität regelrecht vor Ideen.

Allein schon, dass Brick Bardo, wie wir erfahren, Sprug mit seiner Spezialwaffe bereits alle Körperteile abgeschossen hat und nur dank „moderner Medizin“ noch der Kopf des Schurken „am Leben“ ist, ist ebenso abstrus wie originell. Für Witz sorgt zudem, wenn der coole Cop wegen seiner nicht vorhandenen Größe auf der Erde von Debis Sohn Kevin (Humberto Ortiz) und den Nachbarn wie eine Maus in einem Käfig begutachtet wird und er dabei ziemlich wehrlos ist. Etwas schade ist, dass diese Klein-Groß-Thematik in „Dollman“ nicht noch häufiger für Scherze genutzt wurde – ebenso wie die Minipuppe von Brick Bardo, die nur in wenigen Szenen zum Einsatz kommt.

Thomerson erhält ebenso ordentliche Darstellerkollegen als Bösewichte zur Seite gestellt. Selbst, wenn nur sein Kopf zu sehen ist, versprüht Frank Collison („Dr. Quinn – Ärztin aus Leidenschaft“) als Sprug eine gewisse Diabolik. In einer seiner frühen Rollen gibt zudem Jackie Earle Haley – bekannt als Rorschach in „Watchmen – Die Wächter“ (2009) und als Freddy Krueger im „Nightmare on Elm Street“-Remake (2010) – dem Braxton Red einen irren Charme.

Erst Van Damme, dann Full Moon

Für Genrefans ist auch Regisseur Albert Pyun kein Unbekannter: Auf sein Konto gehen unter anderem der Jean-Claude-Van-Damme-Kracher „Cyborg“ (1989) und die SF-Reihe „Nemesis“ (1992), in der ebenfalls Tim Thomerson in zwei von vier Teilen mitwirkte.

Pyun bemüht sich, den kleinen Brick Bardo aus verschiedenen Perspektiven zu filmen. Meist steht Thomerson dann allein in einem Set mit Bauschuttmaterial und blickt während der Dialoge nach oben, um die Illusion des Winzlings aufrecht zu erhalten, während im Gegenschuss Debi mit gesenktem Kopf antwortet. In einigen Szenen sieht man Brick Bardo im Vordergrund, während andere Figuren hinten per Rückprojektion einkopiert wurden. Im Videozeitalter mag dies aufgrund der niedrigen Bildauflösung in Ordnung gewesen sein, im HD-Zeitalter hingegen fallen diese Einstellungen eher negativ auf. Mit dem Mini-Budget, welches Pyun zur Verfügung stand, war zu dieser Zeit Anfang der 1990er wohl nichts Besseres möglich.

Dennoch hat er mit „Dollman“ einen der gelungeneren Einträge in den mit einigen Höhen und einigen Tiefen gefüllten umfangreichen „Full Moon“-Katalog geschaffen, der heute auch noch trashigen Spaß macht. Eine würdige Nummer 1 in der „Full Moon Classic Selection“.

Einige Körper werden zu Brei geschossen oder explodieren, ein paar Körperteile gehen verloren – die deutsche VHS von „Doll Man – Der Space Cop!“ erhielt 1992 eine FSK-18-Freigabe und war um ein paar kurze Szenen erleichtert. Die HD-Veröffentlichung von Wicked-Vision Media ist natürlich ungeschnitten und bereits ab 16 Jahre freigegeben. „Dollman“ erhielt mit „Demonic Toys“ (1992), „Cosmo – Der Außerirdische“ (1992), „Dollman vs. Demonic Toys“ (1993) und „Demonic Toys: Personal Demons“ (2009) vier Quasi-Sequels, die aber nicht alle inhaltlich miteinander verbunden sind.

Die Filme der „Full Moon Classic Selection“ und der „Full Moon Collection“ von Wicked-Vision Media haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgelistet.

Veröffentlichung: 6. Mai 2019 als Blu-ray

Länge: 82 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Dollman
Deutscher Alternativtitel: Doll Man – Der Space Cop!
USA 1991
Regie: Albert Pyun
Drehbuch: Charles Band, Chris Roghair
Besetzung: Tim Thomerson, Kamala Lopez, Humberto Ortiz, Frank Collison, Jackie Earle Haley, Nicholas Guest, Judd Omen, Frank Doubleday
Zusatzmaterial: Original Videozone, Video Cast mit Charles Band & Tim Thomerson, Trailer, Bildergalerie, Wendecover
Label/Vertrieb: Wicked-Vision Media / Full Moon Germany

Copyright 2019 by Andreas Eckenfels

 

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Full Moon (II): Doctor Mordrid – Von Zauberern und Dinosauriern

Doctor Mordrid

Von Andreas Eckenfels

Fantasy-Abenteuer // Vor langer Zeit wurde der aus einer anderen Dimension stammende Dr. Anton Mordrid (Jeffrey Combs) auf die Erde geschickt, um diese vor finsteren Mächten zu beschützen. Getarnt als Wissenschaftler lebt der Zauberer gemeinsam mit seinem Raben Edgar Allan in einem Appartement-Komplex in New York City. Die Zeit des Wartens ist für Doctor Mordrid bald vorbei: Sein ebenfalls magiebegabter Erzfeind Kabal (Brian Thompson) kann sich aus seinem Gefängnis befreien und will die Erdenbewohner versklaven. Mit Unterstützung seiner Nachbarin Samantha (Yvette Nipar) bereitet sich Doctor Mordrid auf den ultimativen Kampf zwischen Gut und Böse vor.

Der Franchise-Traum

Mitte der 1980er-Jahre schwebte B-Movie-Produzent Charles Band Großes vor: Der Gründer von Empire Pictures holte keinen Geringeren als den legendären Marvel-Comiczeichner Jack Kirby („Fantastic Four“, „Iron Man“, „X-Men“) an Bord und plante, mit ihm ein weit verzweigtes Film-Franchise zu erschaffen, welches durch viele verschiedene Figuren eng miteinander verzahnt werden sollte. Denn was seit Jahrzehnten auf dem Comicmarkt gang und gäbe ist, muss doch auch im Filmbusiness funktionieren. Doch es kam anders. Empire Pictures ging nach einigen Hits wie „Ghoulies“ (1984), „Re-Animator“ (1985) und „Troll“ (1986) im Jahr 1988 pleite. Band hatte sich mit dem Zukauf eines italienischen Studios übernommen und war auch sonst schlicht überschuldet.

Doctor Mordrid soll die Erde beschützen

Dennoch ließ er sich nicht unterkriegen und gab nach dem Bankrott gleich die Gründung eines neuen Studios bekannt: Full Moon Entertainment. Mit ihm wollte Band sein lange geplantes Filmhelden-Universum nun endlich verwirklichen. Den Auftakt übernahm der große, kleine „Dollman“ (1991), der in der Fortsetzung „Tod im Spielzeugland“ (1993) bereits zum Duell mit den fiesen „Demonic Toys“ (1992) antrat. Ein weiterer Charakter war mit der von Jack Kirby aus alten „Empire Pictures“-Tagen entworfenen Figur des „Doctor Mortalis“ schnell gefunden. Dessen mehr als offensichtliche Anleihen an den berühmten Marvel-Zauberer „Doctor Strange“ waren sicherlich beabsichtigt. Nachdem der Name der Figur aus nicht ganz geklärten Gründen leicht verändert wurde, kam 1992 „Doctor Mordrid“ auf den amerikanischen „Direct to Video“-Markt.

Der böse Kabal kann sich von seinen Ketten befreien

Warum das Franchise nicht wirklich in die Gänge kam, erzählt Torsten Dewi, Mit-Autor der englischsprachigen Charles-Band-Biografie „Empire of the ’B’s“, ausführlich im informativen Booklet und zusammen mit Marco Erdmann im Audiokommentar der vorzüglichen Mediabook-Veröffentlichung von Wicked-Vision Media.

Es bleibt in der Familie

Charles Band erklärte die Inszenierung kurzerhand zur Familienangelegenheit, teilte sich mit seinem Vater Albert („Zoltan, Draculas Höllenhund“, 1977) die Regie, Bruder Robert war für den Soundtrack zuständig. Sogar Charles Bands damals elfjähriger Sohn Alex hat gegen Ende als Kind im Museum einen Kurzauftritt. Alex Band feierte Anfang 2000 kurzzeitig als Sänger von The Calling („Wherever You Will Go“) ein paar Charterfolge.

Samantha unterstützt Mordrid

Gleichzeitig verpflichtete Charles Band einen alten Bekannten für die titelgebende Hauptrolle: Nachdem er zuvor meist durchgeknallte Figuren gespielt hatte, durfte der charismatische Jeffrey Combs als geheimnisvoller Doctor Mordrid in seinen Morgenmantel gehüllt endlich auch mal in einer Heldenrolle glänzen. Im Gegensatz zu Doctor Strange ist das Full-Moon-Pendant nicht egozentrisch, sondern introvertiert und wortkarg angelegt, was ihn um einiges sympathischer als die von Benedict Cumberbatch verkörperte Figur macht. Gleichzeitig harmoniert Combs bestens mit Yvette Nipar, die vor und nach „Doctor Mordrid“ hauptsächlich durch TV-Serien wie „21 Jump Street“ und „RoboCop“ tingelte. Mit seiner kantigen Visage erweist sich Brian Thompson („Die City-Cobra“, „Moon 44“) ein weiteres Mal als Idealbesetzung für einen B-Movie-Bösewicht.

Als Saurier die Kinowelt beherrschten

Wer schon vorher nichts mit den eigenwilligen Full-Moon-Produktionen anfangen konnte, bei dem wird die Waage auch mit „Doctor Mordrid“ wohl kaum umschwenken. Dennoch gehört der „Doctor Strange“-Klon zweifelsohne zu den qualitativ besseren Filmen aus der Low-Budget-Schmiede. Wieder gibt es eine Vielzahl von belanglosen Dialogen, welche die mit knapp 70 Minuten sowieso knappe Laufzeit in die Länge ziehen. Die Gespräche werden diesmal aber dafür genutzt, die Hintergrundgeschichte und die Fähigkeiten des Superhelden näher zu beleuchten. Denn wer die Comic-Vorlage nicht kennt, muss natürlich erst mal erklärt bekommen, warum der Doktor seinen Geist vom Körper isolieren kann.

Die Actionszenen sind rar gesät, aber immerhin gibt es beim großen Finale eine Szene, die man garantiert nicht so schnell vergisst: Im Naturkundemuseum erwecken die Zauberer die Urzeit-Skelette eines Tyrannosarus Rex und eines Mammuts zum Leben und lassen sie gegeneinander antreten. Das Gigantenduell wurde unter anderem von David Allen per Stop-Motion-Technik umgesetzt. Der Effektemeister arbeitete bereits bei „Trancers“ (1984), „Ghoulies II“ (1988) und „Puppetmaster“ (1989) mit Charles und Albert Band zusammen. 1986 erhielt David Allen für seine Mitarbeit an Barry Levinsons „Das Geheimnis des verborgenen Tempels“ sogar eine Oscar-Nominierung.

Doctor Mordrid nutzt seine Kräfte

In Zeiten, in denen gerade „Terminator 2 – Tag der Abrechnung“ (1991) und „Jurassic Park“ (1993) die Möglichkeiten von Spezialeffekten in neue Sphären hievten, verlieh die von Ray Harryhausen perfektionierte alte Technik auch „Doctor Mordrid“ einen nostalgischen und magischen Charme. Gleichzeitig sorgten diese Sequenz und der Erfolg von Steven Spielbergs Saurier-Abenteuer auch beim deutschen Verleiher von „Doktor Mordrid“ für eine Kuriosität: Highlight entschied sich nicht nur dazu, das VHS-Cover nachträglich zu ändern und darauf statt des Helden das Dinosaurier-Skelett abzubilden – gleichzeitig wurde auch noch der Titel in „Rexosaurus“ geändert. Sachen gibt’s …

Für Nachschub ist gesorgt

Die Fans der Trash-Schmiede scharren schon länger mit den Hufen: Der Nachschub an Veröffentlichungen der Full-Moon-Collection von Wicked-Vision Media ist ins Stocken geraten. Aber keine Sorge: Wie Labelchef Daniel Perée im „Movieside“-Forum verriet, wird es auf jeden Fall weitergehen. Innerhalb der Collection sollen drei weitere Filme erscheinen, voraussichtlich als nächstes „Creepzone“ (1987). Danach ist geplant, eine oder zwei Boxen mit mehreren Filmen aus den Häusern Full Moon Entertainment und Empire Pictures zu veröffentlichen. Wir freuen uns schon drauf!

Dinos im Duell

Die Filme der „Full Moon Collection“ von Wicked-Vision Media haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgelistet.

Veröffentlichung: 7. April 2017 als 2-Disc-Mediabook-Edition (Blu-ray & DVD) in drei limitierten Covervarianten (Cover A: 222 Stück, Cover B: 333 Stück, Cover C: 444 Stück)

Länge: 75 Min. (Blu-ray), 71 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Doctor Mordrid
Deutscher Alternativtitel: Rexosaurus
USA 1992
Regie: Albert Band, Charles Band
Drehbuch: C. Courtney Joyner
Besetzung: Jeffrey Combs, Yvette Nipar, Jay Acovone, Keith Coulouris, Ritch Brinkley, Brian Thompson, Pearl Shear, Jeff Austin
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Regisseur Charles Band und Hauptdarsteller Jeffrey Combs, Audiokommentar mit Torsten Dewi und Marco Erdmann, Videozone „Doctor Mordrid“, Uncut Footage: Hinter den Kulissen, Interviews, Trailer, Bildergalerie, 24-seitiges Booklet mit einem Essay von Torsten Dewi und einem exklusiven Interview mit Lee MacLead
Label/Vertrieb: Wicked-Vision Media

Copyright 2018 by Andreas Eckenfels

Szenenfotos & Packshots: © 2017 Wicked-Vision Media

 

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