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Horror für Halloween (XXII): The Child – Die Stadt wird zum Alptraum: Besser nicht im Dunkeln schauen!

Chi l’ha vista morire?

Von Ansgar Skulme

Horrorthriller // 1968 in einem französischen Skisport-Paradies: Ein kleines Mädchen, das gerade seiner Mutter mit dem Schlitten davongerodelt ist, wird kaltblütig überwältigt und mit einem Stein erschlagen, noch während die Mutter die wenigen Meter auf der Suche nach ihrer Tochter den Berg hinuntereilt. Zunächst scheint es ein alleinstehender Fall zu sein, doch einige Zeit später ereignen sich in Italien vergleichbare Verbrechen. Eines der Opfer wurde vor seinem Tod gemeinsam mit einer mysteriösen Person gesehen: Offenbar treibt die ganz in Schwarz gekleidete Alte im Trauergewand, deren Gesicht mit einem Schleier verhangen ist, nun in Venedig ihr Unwesen, doch der Künstler Franco Serpieri (George Lazenby) und seine Tochter Roberta (Nicoletta Elmi), die von ihrer Mama (Anita Strindberg) aus London zu Besuch nach Italien geschickt worden ist, ahnen nichts vom nahenden Grauen zwischen den Kanälen und Gondeln. Schon bald versinkt die Familie knietief in einem Sumpf aus Pädophilie, Prostitution, Drogenmissbrauch, Sex-Orgien und Geisteskrankheit, der bis in die reichsten Kreise und gleichzeitig tiefsten seelischen Abgründe Venedigs führt.

„The Child – Die Stadt wird zum Alptraum“ ist unter all den vielen Filmen, die ich in mehr als zehn Jahren seit Erreichen der Volljährigkeit gesehen habe, ohne Zweifel derjenige, der mich als erwachsenen Menschen am meisten gegruselt, geschockt und gequält hat, mich am meisten schaudern ließ und für mich bis heute am besten definiert, was einen Giallo ausmacht. Auch wenn es sich nicht um einen Horrorfilm, sondern einen Thriller handelt – der allerdings buchstäblich der blanke Horror, vor allen Dingen für Eltern, ist und im „Lexikon des internationalen Films“ bereits als Mischung aus Thriller und Horrorfilm bezeichnet wurde –, ist er für mich daher geradezu prädestiniert, um kurz vor Halloween besprochen zu werden. Eine Filmempfehlung zu Halloween darf ja durchaus auch ernsthafte Themen und realitätsnahe Verbrechensmotive anschneiden und muss nicht einfach nur übernatürlicher Horror sein. Zudem kommt die mordende Gestalt in diesem Film einer Hexe in ihrem Auftreten doch recht nahe – und das passt zu Halloween ziemlich gut.

Eine Art Furcht, den Film erneut zu sehen

Krimis, Thriller und auch Horrorfilme gehören seit jeher zu den von mir am häufigsten frequentierten Genres und es braucht schon etwas, um mich noch wirklich aus der Reserve zu locken, geschweige denn mich in Angst oder gar Schockstarre zu versetzen. Dieser Film allerdings flößte mir selbst vor dem erneuten Schauen für diese Rezension immer noch so tiefen Respekt ein, dass ich mich regelrecht etwas unwohl dabei fühlte, als ich die DVD in den Player legte – wohlwissend, was die erste Sichtung in mir ausgelöst hatte und was nun auf mich zukommen würde. Schon die Auflösung gesehen zu haben, von vornherein zu wissen, wer sich hinter dem Schleier dieser Hexe in Menschengestalt verbirgt und den Spannungsaufbau einiger Szenen zu kennen, machte das Grauen andererseits zwar etwas erträglicher, was jedoch nichts daran ändert, dass der Film mich – getrieben von dem irrwitzig guten und unglaublich bösen Score von Ennio Morricone, der durchweg mit Kinderchorstimmen arbeitet – immer noch von Anfang an in eine Art grundsätzliche Anspannung versetzte. Eine Anspannung, die auch nach Ende des Films und nach der anschließenden Sichtung des ausführlichen Interviews mit dem Regisseur, im Bonusmaterial der DVD von Koch Media, vorhielt. Die Stimmen der singenden Kinder klingen im Ohr nach, die Melodien merkt man sich langfristig und sie verwachsen gedanklich mit den morbiden Bildern, die der Film dazu anbietet. Ein Thriller, nach dessen Sichtung man es mit der Angst zu tun bekommen wird, wenn man wenig später die Wohnung verlässt und auf halbem Weg zum Erdgeschoss durch einen dummen Zufall plötzlich das Licht im Treppenhaus ausgeht.

Der Boden unter den Füßen

Alles, was diesen Film so schrecklich gut, grausam überzeugend und quälend intensiv macht, ist elementar einem großartig konzipierten Intro zu danken, das den Zuschauer schon nach wenigen Minuten der Fassungslosigkeit – in einer Mischung aus Mitleid mit dem ersten Opfer und Verängstigung vor der Tätergestalt – übergibt. Zunächst mutet es etwas befremdlich an, dass die Bilder des Films gefühlt ohne Tonkulisse beginnen. Man fragt sich, ob vielleicht etwas mit der DVD nicht stimmt, plötzlich aber hört und sieht man den kurzen Dialog des jungen Mädchens mit seiner Mutter. Ein fröhliches Kind, eine glückliche Mama, ein schöner Winterurlaub, ein Schneemann – man ahnt nichts Böses, doch dann geht alles dramatisch schnell: Das Mädchen rodelt den Berg hinunter, man taucht in die Täter-Perspektive mit dem Schleier vor der Linse ein, sieht die widerliche Mördergestalt plötzlich in einer scheußlich gemeinen Halbtotalen in Schwarz durchs Bild huschen, während die Bilder bis dato klar vom Weiß des Schnees dominiert werden. Das Mädchen fährt seinem Unglück entgegen, und dazu baut sich im Hintergrund, im Kontrast zur anfänglichen Stille der Bilder, ein mit Echo-Effekten versehener Kinderchor in einer unermüdlichen, nicht enden wollenden Schleife auf, die Gänsehaut heraufbeschwört. Das Kind wird gepackt, kurz und bündig mit einem Stein auf den Kopf geschlagen. Es ist schnell tot und wird im Schnee versteckt, während sich die Rufe der Mutter nähern. Den Moment, als die Mama das tote Kind entdeckt, sieht man durch den Schleier, so als würde die Frau der mordenden Witwengestalt direkt ins Gesicht sehen. Der Vorspann beginnt. Wieder ein Kinderchor, diesmal eher im Stile eines Kirchenchors, so dass eine Assoziation zu einem Trauergottesdienst entsteht. Diesen Charakter wird die Musik den ganzen Film über beibehalten. Man ist fassungslos über das Gesehene, die Bilder wie auch der Ton haben die Seele ergriffen. In der Folge sieht man George Lazenby, wie er am Flughafen seine Filmtochter in Empfang nimmt, und hat sofort Angst um das Mädchen.

In diesem Moment ist dem Regisseur Aldo Lado das perfekte Intro gelungen und er hat den Zuschauer in der Hand, dem der Boden unter den Füßen weggerissen wurde. Die Tätergestalt – im „Lexikon des internationalen Films“ ist sehr treffend von einem „mörderischen Monster in Frauengestalt“ die Rede – bedient in ihrem Aussehen Urängste. Wenn man sie in Halbtotalen nahen oder durchs Bild huschen sieht oder zu sehen glaubt, schockt dies ungemein, die Musik schürt die Angst dazu stetig und ohne Erbarmen; dazu das wiederholte Eintauchen in die Täterperspektive, kurz vor den Übergriffen – mit dem Schleier vor der Kameralinse. Heftig ist auch der rabenschwarze Humor einiger Szenen, wie beispielsweise der Einfall, die Kinder beim Singen des titelgebenden Liedes zu zeigen (der Originaltitel des Films „Chi l’ha vista morire?“ entspricht dem englischen Titel „Who Saw Her Die?“ – „Wer hat sie sterben sehen?“). Ein Kinderlied, das nach dem Sterben fragt, noch dazu von einer Kindergruppe gesungen, aus deren Mitte ein Kind bald selbst tot sein wird und dessen Eltern sich dann genau diese Frage stellen werden – die Frage, wer etwas gesehen hat. Sehr rabenschwarz ist auch eine andere Szene, in der die Anwesenheit der Mördergestalt geschickt vorgetäuscht wird, obwohl die „schwarze Witwe“ gar nicht da ist. Was das Zeigen von Blut und nackter Haut angeht, ist der Film für einen Giallo zwar einigermaßen sparsam – die Momente, in denen es dann dazu kommt, haben es allerdings in sich. Die sehr natürlich gehaltenen Sexszenen stehen den Bildern gegenüber, in denen der Beginn einer Orgie angedeutet wird, und als sich die Tätergestalt schließlich auch an Erwachsenen vergreift, wird es plötzlich recht blutig und die Wunden, aus denen die rote Flüssigkeit in Strömen tritt, werden sehr dezidiert gezeigt – ebenso wie die Ursachen für das Ableben der Sterbenden: Stiche mit spitzen Gegenständen und Strangulation.

Venedig sehen und sterben

Wenn man sich das mehr als halbstündige Interview im Bonusmaterial der DVD-Veröffentlichung von Koch Media ansieht, wird der starke Einfluss von Regisseur Aldo Lado auf das Drehbuch und den fertigen Film deutlich. Sei es dadurch, dass er nur Schauspieler um sich scharte, mit denen er möglichst stressfrei arbeiten konnte und/oder die er zu führen verstand, auch wenn manche von ihnen Stars waren; sei es aufgrund seines besonderen Blicks auf Venedig, weil er dort aufgewachsen war und es hier von seiner düsteren Seite, in anderen Filmen aber ganz verschiedenartig und mit ganz anderen Schauplätzen zeigte; sei es aufgrund eigener traumatischer Erfahrungen des Regisseurs als Kind mit einem Pädophilen, dem er allerdings ausreißen konnte; oder sei es weil er Produzenten im Boot hatte, die er bereits kannte – darunter Dieter Geissler, den Hauptdarsteller der niederländischen Giallo-Hommage „Besessen – Das Loch in der Wand“, der in seiner Karriere hauptsächlich, und auch schon damals, als Produzent arbeitete. Lado gibt sehr griffige Einblicke in sein Schaffen, überrascht allerdings auch mit Aussagen wie der, dass er nicht wusste, dass das Ende von „Chi l’ha vista morire?“ vermutlich ohne sein Wissen von den Produzenten neu geschnitten und/oder mit einer vom eigentlich geplanten Text abweichenden Synchronisation versehen wurde – gemeint sind allerdings wahrscheinlich eher die letzten Sätze im Film als die während des Interviews eingeblendete, kurz vorher spielende Passage mit dem Polizeiinspektor. Da italienische Genrekino-Filme seinerzeit sowieso – und im Regelfall mit anderen Schauspielern als denen vor der Kamera – synchronisiert wurden und es, unter anderem aufgrund der häufig internationalen Besetzungen im italienischen Film der 60er und 70er, normalerweise keinen Live-Ton vom Set in den Filmen gibt, waren derartige Modifikationen relativ unkompliziert möglich; begünstigt in diesem Falle zudem davon, dass Lado sich seine Filme nach Fertigstellung nur ungern noch einmal ansieht und man mit dem abgelieferten Film als Produzent daher theoretisch in aller Heimlichkeit machen konnte, was man wollte, ohne den Zorn des Regisseurs unmittelbar fürchten zu müssen.

Die amüsanteste Stelle des Interviews ist allerdings sicherlich, als Lado in aller Bescheidenheit sagt, „The Child – Die Stadt wird zum Alptraum“ sei sicherlich der Film unter all seinen Filmen, den man am ehesten als sowas wie einen Thriller oder auch Giallo bezeichnen könne. In dem Moment wollte ich schmunzelnd spontan fragen: „Also wenn dieser Film kein Thriller ist, welcher denn dann, um Himmels Willen?“, aber es war ja schließlich nicht mein Interview. Da sitzt einer der absoluten Meister des Genres und redet über den Film in einer Beiläufigkeit als wenn Leonard Bernstein „West Side Story“ als „meinetwegen ein Musical“ betitelt hätte. Nun ja, überraschend sicherlich – aber sein gutes Recht und irgendwie sympathisch.

So wird’s gemacht!

Aus meiner Sicht ist „The Child“ einer der spannendsten Thriller aller Zeiten und hinsichtlich der Zusammenwirkung schockierender Bilder und gleichsam unerwartet heftiger Musik einer der am meisten unter die Haut gehenden Gialli, auch wenn es in dem Film weniger als in anderen Gialli um farbliche Extreme und Kontraste sowie das Zeigen von Blut und Nacktheit geht und sich die Gewalt, respektive Grausamkeit, auch eher auf der psychischen Ebene abspielt, während die Szenen mit physischer Gewalt einigermaßen überschaubar sind und die Gewaltdarstellungen auch nicht so ausschweifend in die Länge gezogen werden wie in einigen anderen Genre-Beiträgen. Ganz im Gegenteil sogar, schockiert hier mehrfach gerade die kurze, bündige Kaltblütigkeit, dahingehend wie die Morde geschehen und wie die Leichen entsorgt werden. In Gialli spielt der Aspekt, die Zuschauer psychischen Grenzerfahrungen durch Angst und gezeigte seelische wie auch physische Grausamkeiten auszusetzen, stets eine wesentliche Rolle. „The Child – Die Stadt wird zum Alptraum“ demonstriert dies noch eindrucksvoller als viele andere gute Genre-Exemplare ohnehin schon, mit seiner intensiven Mischung aus Mitleid mit besonders wehrlosen Opfern und trauernden guten Herzen in düsteren Bildern und undurchsichtigen Milieus, konfrontiert mit abstoßenden Figuren und quälender Musik. Man hätte die Zuschauer problemlos noch 20 Minuten mehr mit der „schwarzen Witwe“ und Morricones Musik quälen können, ohne dass die Spannung abgerissen wäre – 90 Minuten Laufzeit wirken am Ende ein wenig kurz, auch wenn man in gewisser Weise froh ist, dass das Grauen ein relativ schnelles Ende findet. Beim ersten Sichten fühlen sich die 90 Minuten dennoch endlos an.

Der Mann mit dem goldenen Comeback

Neben aller inszenatorischer und musikalischer Raffinesse, punktet der Film auch mit einer Reihe von starken Nebendarstellern, wie Rosemarie Lindt, Adolfo Celi, Piero Vida und José Quaglio, die schauspielerisch und auch durch ihr prägnantes Aussehen im Gedächtnis bleiben. Aldo Lado schildert im Bonusmaterial eingängig, dass er die Darsteller nicht nur aufgrund von Sympathie und mit Blick auf gute Zusammenarbeit auswählte und solche, mit denen er gut konnte gern mehrfach engagierte, sondern dass er die Auswahl auch motiviert davon traf, dass ihn manche der Schauspieler an Persönlichkeiten aus dem Venedig erinnerten, das er privat kannte. Alessandro Haber in der Rolle des Paters wiederum besetzte er unter anderem aufgrund von dessen Ähnlichkeit mit Montgomery Clift, den er nach eigener Aussage auch gern höchstselbst dabei gehabt hätte. Clift war allerdings bereits rund fünf Jahre vor Drehbeginn verstorben.

Nicht zuletzt ist das Werk ein Schlag ins Gesicht aller sogenannten und selbsternannten Experten, die George Lazenby nach Sichtung seines einmaligen Auftritts als James Bond 007 in Peter Hunts „James Bond 007 – Im Geheimdienst Ihrer Majestät“ (1969) die schauspielerischen Qualitäten abzusprechen versuchten. „The Child – Die Stadt wird zum Alptraum“ war Lazenbys erster Film, der nach seinem Schauspieldebüt als James Bond ins Kino kam, dies allerdings mehr als zwei Jahre später. Der Film zeigt den Australier von einer ganz anderen Seite – nicht nur weil er, wohl direkt mit Blick auf diese Rolle, mehr als 15 Kilo abgenommen hatte, sich zudem einen Schnauzbart zugelegt und sich die Haare wachsen lassen hatte, sondern auch weil er den verzweifelten Vater ebenso glaubwürdig spielte wie die emotional enorm ausdrucksstarke Anita Strindberg die Mutter der kleinen Roberta. Man kann sicherlich behaupten, dass Lazenbys Rolle in „The Child – Die Stadt wird zum Alptraum“ die wahrscheinlich anspruchsvollste in seiner gesamten Filmkarriere bleiben sollte. Obwohl das italienische Kino damals reichlich Arbeit für internationale Stars bot, zog er es nach Ende der Produktion vor, nach Australien zurückzukehren und in Hongkong zu drehen, ehe er schließlich nach Hollywood ging – dort aber vornehmlich in TV-Rollen eingesetzt wurde. Anfang der 80er spielte er in „Der letzte Harem“, unter der Regie von Sergio Garrone, noch einmal in einem italienischen Film, endete in den 90ern aber schließlich in der berüchtigten „Emmanuelle“-Erotikfilmreihe. Rückblickend war es für Lazenbys Karriere sicherlich ein beinahe genauso großer Fehler, dass er nach „The Child – Die Stadt wird zum Alptraum“ nicht in Italien blieb, wie es zuvor ein Fehler war, James Bond nicht noch ein zweites Mal zu spielen. Sein Abschied nach Australien, trotz dieses großartigen Films im Portfolio, mochte dem Heimweh geschuldet sein, war für seine Laufbahn als Schauspieler und das Potenzial, das er hatte, letztlich aber der endgültige Dolchstoß, nachdem ihm mit dem Giallo nicht nur ein relativ schnelles Comeback, sondern außerdem ein überzeugender Imagewechsel, weg von James Bond, in einem zudem überragenden Film gelungen war.

Gute Veröffentlichung mit kleinen Abstrichen

Die „Koch Media Giallo Collection“ hat es leider nur auf zwei Boxen gebracht. Immerhin bescherte uns Teil 2 das vorliegende Genre-Highlight. Die Veröffentlichung ist solide, hat aber so ihre kleinen Macken. Zum einen weist der Film die bei Koch-Veröffentlichungen seinerzeit durchaus häufige Problematik auf, dass man an der Tonqualität (der Synchronfassung) sofort hört, dass digitale Rauschfilter eingesetzt worden sind, auch wenn sich das Ganze hier für Koch-Verhältnisse absolut in Grenzen hält und man zumindest nicht befürchten muss, dass mithilfe dieser Technik auch die Stimmen und die Musik merklich verzerrt worden sind. Nichtsdestotrotz ist der Einsatz von Rauschfiltern nie positiv, wenn sie statt eines angeblich klaren Tons de facto eher bewirken, dass sich der Ton stellenweise anhört, als sei er auf eine niedrige Bitrate gesampelt worden. Angesichts solcher Eigenheiten braucht man sich nicht zu wundern, wenn die Fans stattdessen zu Bootleg-Veröffentlichungen mit zuweilen besserem, originalgetreuerem Ton greifen.

Ferner ist auch das Bonusmaterial diskutabel. Die unkonventionelle Aufmachung, dass der Begleittext zu dem Film auf einem Poster mit Wendemotiv gedruckt ist, mag ja als (pseudo-)innovative Idee ganz nett sein, allerdings führt dies dazu, dass der Text von Dr. Marcus Stiglegger für einen Autor mit seiner Fachkenntnis einfach viel zu kurz gehalten ist. Ein ausführlicherer Text in Form eines Booklets hätte für die Käufer sicherlich mehr inhaltlichen Wert als dieses Poster, das beim Auseinanderfalten Stück für Stück eine überschaubare Zahl an Sätzen des unter Fans dieses Genrekinos enorm beliebten Filmwissenschaftlers preisgibt, leider aber nicht mehr. Dass das Ganze „künstlerisch wertvoll“ aussieht, täuscht über den dünnen Inhalt nicht wirklich hinweg. Die Form dieser Kollektion steht gewissermaßen über dem Inhalt – und das ist schade.

Zudem ist Vorsicht geboten, da Dr. Stigleggers Text relativ schnell die Auflösung des Täterrätsels offenlegt und daher keinesfalls vor Sichtung des Films gelesen werden sollte, wenn man sich die volle Spannung bewahren will. Empfehlenswert ist neben dem bereits besagten ausführlichen Interview mit Aldo Lado in jedem Fall auch der komplett dialogfreie Trailer, der den Film mit einer Mischung aus sofort beginnenden Angstschreien, ausdrucksstarken Bildern und Morricones Musik sehr gut, emotional intensiv vorzeichnet und obendrein teils nicht im Film verwendetes Material beinhaltet. Der italienische und der englische Trailer unterscheiden sich praktisch nur durch die Sprache der Einblendungen und hinsichtlich der Bildqualität – aber da dieser Trailer wirklich gut ist, ist die inhaltliche Dopplung zu verschmerzen.

Wenn Gondeln auf die Nerven gehen

Der Film wird ästhetisch an allen Ecken und Enden mit Nicolas Roegs Venedig-Thriller „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ (1973) verglichen, wobei dem Umstand, dass „The Child – Die Stadt wird zum Alptraum“ vorher entstand und wahrscheinlich eine unmittelbare Inspiration für Roeg darstellte, jedoch viel zu wenig Raum gegeben wird. Ein typisches Beispiel, wie in der Filmwissenschaft gern einmal kausale Zusammenhänge verzerrt werden, indem man bestimmte Filme extrem in den Vordergrund spielt und Hypes kreiert und die eigentlichen Vorläufer bestenfalls am Rande erwähnt, als seien sie Epigonen oder platte Nachahmer. Ich könnte hier jetzt wieder exemplarisch und zum Vergleich – da es sich um ein bezeichnendes Phänomen handelt – mit der Aufzählung der filmischen Errungenschaften anfangen, die angeblich „nur“ durch „Citizen Kane“ (1941) in das Kino Einzug gehalten haben, von denen etliche aber auch schon vorher in der Filmgeschichte zu finden sind, aber lassen wir das an dieser Stelle besser bleiben. Es reicht die Botschaft, dass man solchen Hypes möglichst nie zu viel Beachtung schenken sollte – vor allem wenn es darum geht, welcher Regisseur, Kameramann oder sonstiger Filmästhet angeblich eine bestimmte Technik erfunden oder bestimmte Stilrichtungen geprägt oder narrative Muster vorgegeben hat oder ohne welche angeblich besonders richtungsweisenden Filme gewisse Tendenzen des Kinos angeblich gar „undenkbar“ wären. Denjenigen, die sich am düsteren Gruselhorror von „The Child – Die Stadt wird zum Alptraum“ nicht sattsehen können, spreche ich daher stattdessen eine Empfehlung zu „Die rote Dame“ (1972) von Emilio Miraglia aus, der in Italien nur ein Vierteljahr später in den Kinos startete und mit einer in Rot gekleideten, kaum minder gruseligen, ähnlich schaurig durchs Bild huschenden Mördergestalt aufwartet.

Gebührende Ehrung in Deutschland

In Jena wird im Jahr 2018 zum ersten Mal das déjàVU-Filmfestival stattfinden. Geplant ist eine Retrospektive zum Regisseur Aldo Lado mit ihm selbst als Ehrengast und mit „The Child – Die Stadt wird zum Alptraum“ als einem der präsentierten Filme. Die Chance zu nutzen, sich mit diesem hervorragenden Regisseur so gebündelt und auf der Leinwand beschäftigen zu können, sei jedem Cineasten wärmstens ans Herz gelegt. Lado drehte in den 70ern acht Kinofilme und danach schwerpunktartig für das Fernsehen, auch wenn er für das Kino weiter aktiv blieb und die Zahl seiner Leinwand-Produktionen über die Jahre zumindest noch in etwa verdoppeln konnte. Mancher vergleicht ihn mit Hitchcock, wobei dieser Ruf im Italo-Kino der 70er eigentlich eher Dario Argento zukommt, aber besser ein Regisseur auf diesem Niveau zu viel als einer zu wenig!

Veröffentlichung: 13. September 2013 als DVD in „Die Koch Media Giallo Collection, Teil 2 – Die spektakuläre Box der blanken Messer“

Länge: 90 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Italienisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Chi l’ha vista morire?
Internationaler Titel: Who Saw Her Die?
IT/BRD 1972
Regie: Aldo Lado
Drehbuch: Aldo Lado & Ruediger von Spies, nach einer Geschichte von Massimo D’Avak und Francesco Barilli
Besetzung: George Lazenby, Anita Strindberg, Adolfo Celi, Nicoletta Elmi, Dominique Boschero, Piero Vida, José Quaglio, Alessandro Haber, Rosemarie Lindt, Peter Chatel
Zusatzmaterial: Interview mit Aldo Lado, Begleittext von Dr. Marcus Stiglegger, Italienischer Kinotrailer, Englischer Kinotrailer
Vertrieb: Koch Media

Copyright 2017 by Ansgar Skulme

Fotos & Packshot: © 2013 Koch Media, Filmplakat: Fair Use

 

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