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Godzilla II – King of the Monsters: Ist er das wirklich?

Godzilla – King of the Monsters

Kinostart: 30. Mai 2019

Von Volker Schönenberger

Fantasy-Action // Erinnert ihr euch an die Szene am Ende der Credits von „Kong – Skull Island“ (2017)? Die Höhlenmalereien der Monster Godzilla, King Ghidorah, Mothra und Rodan weckten bei vielen Kaijū-Fans höchste Erwartungen an den nächsten Abstecher ins MonsterVerse. Das Film-Universum der US-Produktionsfirmen Warner Bros. und Legendary Pictures in Verbindung mit den japanischen Tōhō-Studios, den Schöpfern von Godzilla & Co., hatte 2014 mit „Godzilla“ einen fulminanten Start hingelegt. Löst der dritte Teil die Hoffnungen der Fans ein?

Dr. Emma Russell will das „Orca“ einsetzen …

Die Fanbedienung ist jedenfalls gegeben, die vier genannten Riesenkreaturen treten eindrucksvoll in Erscheinung – und bei ihnen bleibt es nicht, so viel sei verraten. Dieselbe Monster-Quartett-Konstellation hat es bereits 1964 im japanischen „Frankensteins Monster im Kampf gegen Ghidorah“ gegeben, aber natürlich stellt „Godzilla II – King of the Monsters“ kein Remake dar. Die Handlung setzt fünf Jahre nach den Ereignissen von „Godzilla“ (2014) ein. Die kryptozoologische Agentur Monarch hat die Kontrolle über diverse an verschiedenen weltweit verteilten Standorten aufgefundene Monster übernommen, muss sich aber heftigen Debatten stellen – die Angst vor den Titanen genannten riesigen Kreaturen und ihrer Zerstörungsgewalt ist so groß, dass viele sie trotz Godzillas damaliger Rettungstat lieber allesamt getötet sehen wollen. Übernimmt das Militär die Aufgabe? Bevor diese Frage geklärt werden kann, tritt Colonel Alan Jonah (Charles Dance, Tywin Lannister aus „Game of Thrones“) auf den Plan, Anführer einer Gruppe von Öko-Terroristen, der seine ganz eigenen Pläne mit den Titanen hat. Dafür benötigt er das „Orca“, ein von den Ex-Eheleuten Dr. Emma und Dr. Mark Russell (Vera Farmiga, Kyle Chandler) entwickeltes Gerät, das mittels bioakustischer Sonar-Technologie Kommunikation mit den Giganten ermöglicht, sogar ihre Kontrolle. Jonah dringt mit seinem Trupp in einen Monarch-Stützpunkt ein und bringt das „Orca“, Dr. Emma Russell und die halbwüchsige Madison Russell (Millie Bobby Brown, „Stranger Things“) in seine Gewalt – die Tochter der Russells dient ihm anscheinend als Geisel und Faustpfand. Die übrigen Monarch-Mitarbeiter vor Ort werden allesamt erschossen. Bald darauf trifft Godzilla erstmals auf das mächtige dreiköpfige Wesen King Ghidorah.

… und gerät in die Fänge von Öko-Terrorist Alan Jonah

Wie in „Godzilla“ sehen wir die Monstren vornehmlich bei Schmuddelwetter und des Abends oder Nachts über die Erde stapfen oder fliegen. Ein paar mehr klare Ansichten bei Tageslicht und Sonnenschein hätte ich mir gewünscht, das dürfte heutzutage an sich kein Problem sein. Angesichts der technischen Perfektion zahlreicher Hollywood-Blockbuster aus diversen Franchises stellt sich bei mir mittlerweile kaum noch ein Wow-Effekt ein, an den Tricks und der CGI von „Godzilla II – King of the Monsters“ gibt es erwartungsgemäß nichts auszusetzen. Wenn ein Monster gegen das andere kämpft und dabei Städte zu Trümmerhaufen werden, können wir das durchaus beeindruckend nennen. Die Szenerien geraten auch übersichtlich genug, sodass die Zuschauerinnen und Zuschauer stets im Bilde sind, welche Kreatur gerade die Oberhand hat.

Nicht kleckern, sondern klotzen

Story und Drehbuch tun das, was in „Nicht kleckern, sondern klotzen“-Filmen von ihnen verlangt wird: Sie treiben das Geschehen von einer bombastischen Actionszene zur nächsten. Zwischendurch menschelt es stark, erst recht, wenn Verluste zu beklagen sind. Aus „Godzilla“ treffen wir wieder auf den Wissenschaftler Dr. Ichiro Serizawa (Ken Watanabe) und seine Assistentin Vivienne Graham (Sally Hawkins). David Strathairn tritt erneut als Admiral William Stenz in Erscheinung. Neu dabei sind Aisha Hinds als kampfstarke Colonel Diane Foster, die ein militärisches Einsatzkommando von Monarch leitet, das die Wissenschaftler beschützen soll. Auch die weitere Besetzung besteht aus zum Teil namhaften Darstellerinnen und Darstellern, dementsprechend bekommen wir überzeugende Schauspielkunst geboten, die aber zwangsläufig nicht unbedingt im Fokus steht.

Gebannte Erwartung: Wird Godzilla angreifen?

Etwas geärgert habe ich mich über die von Vera Farmiga verkörperte Wissenschaftlerin Emma Russell: Obwohl sie als empathische und warmherzige, wenn auch schwer traumatisierte Frau charakterisiert wird, trifft sie Entscheidungen, die fatale Konsequenzen haben, was ihr stets bewusst ist. Um Spoiler zu vermeiden, erläutere ich das nicht weiter, nur so viel: Diese Entscheidungen treiben die Handlung maßgeblich voran und lösen Ereignisse von großer Tragweite aus. Das hätte man meiner Ansicht nach besser aufziehen können als anhand einer zwiespältig skizzierten Protagonistin. Etwas plump gerät auch die Botschaft vom durch Menschenhand gestörten Gleichgewicht der Natur.

Oder will er nur spielen?

Reden wir über Logik und Löcher – nein, lassen wir das. Wir wissen doch alle, dass diese Art Film gewisse diesbezügliche Defizite mit sich bringt. Das kann man bedauerlich finden und solche Produktionen deshalb meiden oder als gegeben hinnehmen und tolerieren. Sucht euch am besten selbst aus, welche Haltung euch besser gefällt! Die FSK-12-Freigabe geht natürlich völlig in Ordnung. Gestorben wird zwar in Massen, das aber unblutig und in der Regel nicht auf der Leinwand. Filme wie dieser sollen und müssen aufgrund ihrer immensen Kosten eben auch jugendliches Publikum ins Kino bringen, tatsächlich werden diese Produktionen ja sogar ganz besonders für junge Leute als Zielgruppe gedreht. Logisch, dass man sich das Geschäft nicht mit zu viel Gewalt und damit hoher Altersfreigabe verderben will.

King Ghidorah jedenfalls ist garstig

Dritter Film des MonsterVerse, dritter Regisseur: Mit Michael Dougherty übernahm ein recht unbeschriebenes Blatt die Aufgabe, in seiner Regisseurs-Filmografie stehen als Kinofilme lediglich „Trick ’r Treat – Die Nacht der Schrecken“ (2007) und „Krampus“ (2015) zu Buche. Allerdings hatten Gareth Edwards („Godzilla“) und Jordan Vogt-Roberts („Kong – Skull Island“) zuvor auch nicht gerade zahlreiche Referenzen zu bieten. Dougherty schrieb gemeinsam mit Zach Shields auch das Drehbuch zu „Godzilla II – King of the Monsters“. Die Insel Skull Island wird übrigens mehrfach kurz genannt, was die Brücke zu „Kong – Skull Island“ schlägt. Wer 2014 von Gareth Edwards’ Reboot „Godzilla“ angetan war und sich auch für „Kong – Skull Island“ erwärmen konnte, wird dem dritten Teil des MonsterVerse zweifellos ebenfalls viel abgewinnen können, am Ende womöglich sogar begeistert sein.

Bald kommt „Godzilla vs. Kong“

Wie das mit gigantomanischen Franchises wie diesem so ist: Kaum kommt der eine Film ins Kino, lechzen alle bereits nach dem nächsten. „Godzilla vs. Kong“ ist abgedreht und befindet sich in der Postproduktionsphase, und erneut hat sich ein neues Gesicht auf den Regiestuhl gesetzt: Adam Wingard, bekannt für „You’re Next“ (2011), „The Guest“ (2014) und „Blair Witch“ (2016). Der Titel deutet an, dass es zum gewaltigen Aufeinandertreffen der beiden Monster aus den zwei Vorgängern kommt – darauf hoffen sowieso viele.

Dr. Serizawa (r.) und seine Assistentin Vivienne Graham wollen den Tod der Titanen verhindern

Ich bin kein Kinogänger, der zum Filmenende gern den gesamten Abspann bis zur letzten Zeile aussitzt, auch wenn die Credits seit Jahren oft in recht hoher Geschwindigkeit abgespielt werden – ohnehin viel zu hoch, um alles zu lesen, hehe. Um meine Leserinnen und Leser ins Bild zu setzen, habe ich das diesmal aber auf mich genommen, und siehe da: Tatsächlich folgt – leider ganz am Ende – eine Szene, die einen Ausblick bietet auf – worauf eigentlich? Mit „Godzilla vs. Kong“ hat das Gezeigte jedenfalls nichts zu tun, sofern dessen Titel den Fokus der Handlung korrekt abbildet. Lugt da am Ende etwa schon Teil 5 des MonsterVerse hervor? Wir werden sehen …

Auch Rodan mischt mit

Abschließend ein Lektüretipp: Für die aktuelle Ausgabe von „Deadline – Das Filmmagazin“ hat „Die Nacht der lebenden Texte“- Autor Leonhard Elias Lemke sowohl die Titelgeschichte über „Godzilla II – King of the Monsters“ verfasst als auch ein Interview mit Regisseur Michael Dougherty geführt. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Vera Farmiga und Sally Hawkins sind in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgeführt, Filme mit Kyle Chandler und Ken Watanabe unter Schauspieler.

Es kommt zum Clash of the Titans

Länge: 132 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Godzilla – King of the Monsters
USA/JPN 2019
Regie: Michael Dougherty
Drehbuch: Michael Dougherty, Zach Shields
Besetzung: Kyle Chandler, Vera Farmiga, Millie Bobby Brown, Ken Watanabe, Ziyi Zhang, Bradley Whitford, Sally Hawkins, Charles Dance, Thomas Middleditch, Aisha Hinds, O’Shea Jackson Jr., David Strathairn
Verleih: Warner Bros. Pictures Germany

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Filmplakat, Szenenfotos & Trailer: © 2019 Warner Bros. Entertainment Inc. and Legendary Pictures Productions, LLC

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 2019/05/29 in Film, Kino, Rezensionen

 

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Shin Godzilla – Der König ist zurück

Shin Gojira

Kinostart: 3. Mai 2017

Von Matthias Holm

Fantasy-Action // 2004 wollten die Japaner ihre Riesenechse mit „Godzilla – Final Wars“ eigentlich abhaken. Bereits seit 1954 trieb Godzilla sein Unwesen in den Kinos, hatte Städte niedergetrampelt und ebenbürtige Gegner bezwungen. Doch anscheinend schaut man im Land der aufgehenden Sonne auch auf den Weltmarkt – Gareth Edwards‘ mit kräftiger Unterstützung der japanischen Produktionsfirma Tōhō entstandenes 2014er-Reboot „Godzilla“ belegte, dass es nicht nur in Japan nach wie vor enormes Interesse an der überdimensionalen Kreatur gibt.

Rando muss sich behaupten

Das dachte sich wohl auch Hideaki Anno, seines Zeichens Schöpfer der „Evangelion“-Saga. Also setzte sich Anno hin, schrieb ein Drehbuch für einen Neustart des japanischen Ursprungsfilms und führte auch direkt Regie. Und die Zeichen wurden richtig gedeutet: „Shin Godzilla“ war im Jahr 2016 der erfolgreichste Realfilm in den japanischen Kinos. Nun hat splendid dem Film einen eingeschränkten Kinostart in Form von Special Screenings spendiert. Und als Fan der alten Godzilla-Streifen sollte man das auf keinen Fall verpassen.

Kein Unterwasser-Vulkan, ein Unterwasser-Monster

Merkwürdige Eruptionen erschüttern Tokio. Was anfangs wie ein Vulkanausbruch unter Wasser wirkt, stellt sich schnell als lebendiger Organismus heraus, der bald das Festland heimsucht. Der Katastrophenstab ist redlich bemüht, das Monster aufzuhalten, allerdings entwickelt sich Godzilla, wie das Biest getauft wird, rasend schnell weiter. Doch eine kleine Gruppe von Spezialisten rund um Rando Yaguchi (Hiroki Hasegawa) hat einen Plan, wie man das Ungetüm stoppt.

Die Stimmung im Krisenstab ist angespannt

Hideaki Anno besinnt sich mit seinem Drehbuch auf Godzillas Ursprünge. Hier gibt es keinen großen Kampf mit anderen Monstern oder gar einen Baby-Godzilla. Die Echse verkörpert die Antwort auf den Schaden, den die Menschheit sich selbst und der Natur zugefügt hat – das gnadenlose Zurückschlagen eben dieser Natur. War der Ursprungsfilm ein Kommentar auf die Atombomben-Abwürfe über Hiroshima und Nagasaki, ist „Shin Godzilla“ eine Verkörperung des Tōhuku-Erdbebens von 2011. Sobald das Monster auftritt, bringt es mit Flutwellen und Strahlung Tod und Verderben, wie die Tsunamis und die Reaktorkatastrophe in Fukushima.

Immer mehr Menschen fliehen vor …

Interessant dabei ist, dass es Anno in seinem Film eher auf die Politiker abgesehen hat: Ein Großteil des Films spielt sich in Konferenzsälen ab. Dort wird darüber debattiert, wie man gegen das Monster vorgeht, wo evakuiert wird, all das, was bei einer Naturkatastophe passiert. Ein Großteil des Beraterstabes des Premierministers besteht allerdings aus alteingesessenen Veteranen, die sich strikt ans Protokoll halten – und damit die Lage meist eher verschlimmern. Querdenker wie der Protagonist Rando Yaguchi sollen nur still dabei sein und nicken. Sobald er einen Vorschlag äußert, wird dieser kategorisch abgelehnt – er sitzt eh nur dabei, da seine Verwandten gute Beziehungen haben. Anno prangert die Politiker und ihre Sturheit an, der nächsten Generation keine Beachtung zu schenken.

… Godzilla!

Im Film kulminiert das in einem Angriff Godzillas, der enorm viele Opfer fordert – darunter auch hochrangige Stabschefs. Sie haben sich ihr Grab selbst geschaufelt und ihre Nachfolger müssen die Suppe auslöffeln. So offensichtlich diese Botschaft inszeniert ist – wer sich nicht für das Land Japan und dessen Politik interessiert, der wird dem Leinwandgeschehen nur mit einem Fragezeichen im Gesicht folgen können. Denn obwohl man aus der Grundaussage etwas Universelles hätte machen können, fokussiert sich Anno komplett auf Japan, mit allen Gepflogenheiten, Sitten und Bräuchen. Wer sich „Shin Godzilla“ also nur für die Monster-Action anschaut, wird über die Hälfte der Zeit keinen wirklichen Spaß daran haben.

Endlich wieder handgemachte Figuren

Wenn es dann aber mal zu einer Attacke kommt, ist das Katastrophen-Kino auf ganz hohem Niveau. Inszenatorisch kann das mit Hollywood-Pendants wie „Deepwater Horizon“ natürlich nicht mithalten, dafür versprüht der Film aber eine Menge Charme. Denn das Monster ist diesmal eine Puppe, die über eine Fernbedienung bewegt wird. Das sieht in vielen Fällen vollkommen absurd aus, ist aber eine wundervolle Hommage an die alten Zeiten, in denen Schauspieler in Gummianzügen Miniaturstädte kaputtgemacht haben. Und auch hier geht einiges zu Bruch. Je weiter sich Godzilla entwickelt und je mehr er in die Innenstadt Tokios eindringt, desto mehr Kollateralschäden entstehen. Wenn dann auch noch bestimmte Wiedererkennungsmerkmale Einzug in den Film halten, geht jedem Kaijū-Fan das Herz auf.

Auch schweres Gerät hilft nicht gegen …

Für eine abschließende Empfehlung ist es wichtig, sich vor Augen zu führen, worauf man sich einlässt. Für eine Monster-Party bietet der Film eben zu wenig Monster – zwar deutlich mehr als der Gareth-Edwards-Film von 2014, aber eben nicht durchgängig. Der Politik- und Forschungs-Anteil nimmt viel Zeit in Anspruch und sollte man das langweilig finden, wird einem „Shin Godzilla“ auch eher wenig gefallen. Trotzdem ist es ein äußerst gelungenes Reboot geworden, von dem wir gern mehr sehen würden.

… das riesige Monster

Länge: 118 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Shin Gojira
JAP 2016
Regie: Hideaki Anno, Shinji Higuchi
Drehbuch: Hideaki Anno
Besetzung: Hiroki Hasegawa, Yutaka Takenouchi, Satomi Ishihara, Ren Ôsugi, Akira Emoto, Kengo Kôra
Verleih: splendid film

Copyright 2017 by Matthias Holm

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2017 splendid film

 
3 Kommentare

Verfasst von - 2017/04/29 in Film, Kino, Rezensionen

 

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Das Grauen schleicht durch Tokio – Ein Blob als Warnung vor der nuklearen Katastrophe

Bijo to ekitai ningen

Von Andreas Eckenfels

SF-Horror // Es ist soweit: Erstmals in seiner bereits fast acht Jahre andauernden Geschichte schaut Anolis mit der „Galerie des Grauens“-Reihe in Richtung Fernost. Die Monsterfilme aus den 50er- und 60er-Jahren des japanischen Filmstudios Tōhō sind legendär und längst nicht nur aufs Kaijū-Genre beschränkt. Ähnlich wie das Aufkommen des Kalten Krieges in den US-Genrewerken jener Zeit prägte die japanischen Science-Fiction- und Horrorfilme die Angst vor einer realen Bedrohung: der Atombombe. Die Bilder der Zerstörung von Hiroshima und Nagasaki waren noch allgegenwärtig und hatten sich tief ins kollektive Bewusstsein der Bevölkerung gebrannt. Gleichzeitig waren weitere Atomtests auf abgelegenen Inseln im Pazifischen Ozean an der Tagesordnung. So ist es nicht verwunderlich, dass zahlreiche Drehbuchautoren schockierende Spekulationen über mögliche Spätfolgen der nuklearen Explosionen anstellten, um damit das Publikum in Atem zu halten.

Was ist auf dem Geisterschiff „Ryujin Maru II“ geschehen?

Allerdings war Regisseur Ishirō Honda wie viele seiner Kollegen gar nicht daran interessiert, das Thema reißerisch auszubeuten. Er wollte vielmehr den warnenden Zeigefinger erheben und daran erinnern, dass die Natur irgendwann zurückschlagen wird – sei es in Form eines Monsters wie in seinem Klassiker „Godzilla“ (1954) oder als schleimiger Flüssigmensch, wie in „Das Grauen schleicht durch Tokio“. Denn die Ursache allen Übels, das über die Menschheit kommt, bleibt immer noch der Mensch höchstselbst.

Spurlos verschwunden in Tokio

In der japanischen Hauptstadt schüttet es in Strömen – ob es saurer Regen ist? Vor einem Gebäude wartet der Gangster Uchida (Makoto Satô) in einem Auto auf seinen Kumpanen Misaki (Hisaya Itô). Als der Drogenschmuggler schließlich erscheint, gebärdet er sich plötzlich panisch. Er schreit, schießt wild um sich, rennt los und wird von einem Taxi tödlich erfasst. Aber ist er wirklich tot? Die Polizei findet keine Leiche, nur Misakis Kleidungsstücke sind am Unfallort zurückgeblieben.

Ein Tänzchen im Nachtclub

Inspector Tominaga (Akihiko Hirata) untersucht den Fall und vermutet zunächst einen Bandenkrieg in der Unterwelt Tokios. Auch Misakis Freundin, die Nachtclubsängerin Chikako Arai (Yumi Shirakawa), gerät ins Visier der Ermittlungen. Doch bald häufen sich Nachrichten über weitere spurlos verschwundene Personen in der Metropole. Die Polizei steht vor einem Rätsel: Zeugen wollen zuvor eine schleimartige Masse und ein grün leuchtendes Wesen gesehen haben. Wissenschaftler Dr. Masada (Kenji Sahara) sieht bald eine Verbindung zu dem Geisterschiff „Ryujin Maru II“, welches im Südpazifik treibt. Dessen Besatzung ist ebenfalls nicht mehr auffindbar …

Das nukleare Schicksal der „Glücklicher Drache V“

Bevor das Geschehen in die Straßen von Tokio wechselt, beginnt Honda seinen Film mit der Einstellung eines riesigen Atompilzes. Darauf folgen Zeitungsschlagzeilen, die berichten, dass im Pazifischen Ozean ein Nukleartest durchgeführt worden ist, dem ein Fischkutter – das besagte Geisterschiff – wohl zu nahe gekommen ist. Das Schicksal ist von den Drehbuchautoren wohl nicht zufällig gewählt. 1954 wurde das Fischerboot „Glücklicher Drache V“ samt Besatzung kontaminiert, obwohl sie etwa 150 Kilometer von dem nuklearen Testareal entfernt waren. Dies beweist, wie ernsthaft sich Honda des Themas annahm.

Inspector Tominaga (l.) rätselt: Nur die Kleidung der Opfer bleibt zurück

Diese Ernsthaftigkeit überträgt sich auch auf die Geschichte und ihre Figuren. Honda vermischt Elemente aus dem Gangster-, Horror- und Science-Fiction-Film gekonnt zu einer düsteren Vision. Dabei erstrahlt „Das Grauen schleicht durch Tokio“ als eine der ersten Tōhō-Produktionen überhaupt in bunten Farben und Cinemascope. Für Auflockerung sorgen die Gesangseinlagen von Nachtclubsängerin Chikako, die allerdings zusammen mit einigen Dialogszenen für etliche Längen im Mittelteil sorgen. Hatten dies die amerikanischen Verleiher ebenfalls bemerkt und deswegen diese Szenen für die internationale Fassung drastisch gekürzt?

Der „Blob“ lässt grüßen

Etwa sieben Minuten fehlen im Gegensatz zur japanischen Langfassung. Beide sind auf der 2-Disc-Edition von Anolis enthalten. Damals nicht synchronisierte Szenen sind im Original belassen und mit deutschen Untertiteln versehen. Vergleicht man die beiden Fassungen – einen ausführlichen Schnittbericht gibt es hier – haben die Straffungen dem Film zumindest in Teilen durchaus gutgetan. Allerdings fielen auch einige Sequenzen der Schere zum Opfer, in denen der Tōhō-Spezialeffekte-Meister Eiji Tsuburaya sein Können demonstriert: So wurde etwa die Tötung einer Frau durch das Flüssigmonster entfernt, da sie damals als zu grausam eingestuft wurde. Auch die Miniatur des brennenden Hafens von Tokio wurde dem internationalen Publikum bisher vorenthalten. Bei Tsuburayas Glibbermonster schießen natürlich sofort Parallelen zum amerikanischen „Blob – Schrecken ohne Namen“ (1958) mit Steve McQueen in den Kopf. Dass einer bei dem anderen die Idee kopiert hat, dürfte allerdings auszuschließen sein. Beide Filme entstanden etwa zur gleichen Zeit.

Misakis Freundin Chikako gerät ins Visier der Ermittlungen

Im großen Finale wird noch einmal ordentlich an der Spannungsschraube gedreht. Bei der Jagd nach dem Flüssigmonster durch die Kanalisation von Tokio werden sogar Erinnerungen an „Der dritte Mann“ (1949) wach. Anolis ist es zu verdanken, dass diese Tōhō-Genrestück den deutschen Fans erstmals ungeschnitten präsentiert wird. Die zwei von höchstem Fachwissen zeugenden Audiokommentare und das Booklet runden die sechste Veröffentlichung der „Die Rache der Galerie des Grauens“-Reihe hervorragend ab.

Die Filme der Anolis-Reihe „Die Rache der Galerie des Grauens“:

01. Der Fluch des Dämonen (Night of the Demon / Curse of the Demon, 1957)
02. Planet der toten Seelen (War of the Satellites, 1958)
03. Schrei, wenn der Tingler kommt (The Tingler, 1959)
04. Ausgeburt der Hölle (The Beast with a Million Eyes, 1955)
05. Im Sumpf des Grauens (The Alligator People, 1959)
06. Das Grauen schleicht durch Tokio (Bijo to ekitai ningen, 1958)
07. Angriff der Riesenkralle (The Giant Claw, 1957)
08. Krieg im Weltenraum (Uchû daisensô, 1959)
09. Der 27. Tag (The 27th Day, 1957)
10. Die Schreckenskammer des Dr. Thosti (The Black Sleep, 1956)

Ein lesenswerter Text zu „Das Grauen schleicht durch Tokio“ findet sich auch bei den Kollegen von Evil Ed.

Veröffentlichung: 17. März 2017 als 2-Disc-Edition (Blu-ray und DVD)

Länge: 87 Min. (Japanische Langassung, Blu-ray), 82 Min. (amerikanische/deutsche Kinofassung, Blu-ray), 79 Min. (Japanische Langfassung, DVD), 76 Min. (amerikanische/deutsche Kinofassung, DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Japanisch, Englisch (nur amerikanische/deutsche Kinofassung)
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Bijo to ekitai ningen
JAP 1958
Regie: Ishirō Honda
Drehbuch: Takeshi Kimura, Hideo Unagami
Besetzung: Yumi Shirakawa, Kenji Sahara, Akihiko Hirata, Eitarô Ozawa, Koreya Senda, Makoto Satô, Hisaya Itô, Machiko Kitagawa
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Dr. Rolf Giesen und Jörg M. Jedner, Audiokommentar von Jörg Buttgereit, Bodo Traber und Alexander Iffländer, Deutscher Kinotrailer. Werberatschlag, Filmprogramm, Bildergalerie, 16-seitiges Booklet geschrieben von Jörg M. Jedner, Wendecover
Vertrieb: Anolis Entertainment GmbH

Copyright 2017 by Andreas Eckenfels
Fotos & Packshot: © 2017 Anolis Entertainment GmbH

 

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