RSS

Schlagwort-Archive: Gordon Douglas

Barquero – Der widerspenstige Fährmann

Barquero

Von Volker Schönenberger

Western // Der stoische Travis (Lee Van Cleef) betreibt an einem Fluss in der Nähe zu Mexiko eine kleine Fähre, die er selbst zusammengezimmert hat, und genießt sein ruhiges Leben in der Ufersiedlung. Der Frieden wird jäh gestört, als ihn der Gangster Fair (John Davis Chandler) mit zwei Kumpanen überwältigt und an die Fähre fesselt. Der Ganove bildet die Vorhut für die Bande von Jacob Remy (Warren Oates, „Bring mir den Kopf von Alfredo Garcia“), die gerade anderswo eine Bank ausgeraubt und die Bewohner des Orts zusammengeschossen hat. Glück für Travis: Sein Kumpel Mountain Phil (Forrest Tucker) legt die beiden Spießgesellen von Fair um, setzt den Gangster fest und befreit den Fährmann. Gerade noch rechtzeitig vor dem Eintreffen von Remy und dessen Bande bringen Travis und Mountain Phil sich und die Siedlerschaft mit dem Wasserfahrzeug auf dem anderen Ufer in Sicherheit. Über den Fluss hinweg beginnt ein Psychoduell zwischen dem Fährmann und dem Gangsterboss.

Mit diesem Fährmann legt man sich besser nicht an

Bei aller nicht zu leugnender Präsenz von Charakterkopf Lee Van Cleef („Zwei glorreiche Halunken“) bietet Warren Oates’ Rolle des Oberschurken doch den etwas interessanteren Part. Dessen Jacob Remy fällt gleich zu Beginn durch absolute Gnadenlosigkeit auf, was eine liebesbedürftige Hure auf tödliche Weise zu spüren bekommt. Später stellt sich heraus, dass der Gangster mit bösen Erinnerungen zu kämpfen hat und sein Dasein mit bewusstseinserweiternden – oder wahlweise -trübenden – Rauchwaren zu erleichtern versucht. Mitgefühl kommt zwar nicht auf, dafür mangelt es ihm dann doch zu sehr an menschlichen Regungen, was auch seine Kumpane zu spüren bekommen, aber wenn er irgendwann am Ufer steht und nicht mehr weiter weiß, kann er einem fast leid tun – aber eben nur fast.

Als verschmitzter Sidekick des Fährmanns bringt Forrest Tucker („Chisum“) etwas Leichtigkeit ins Spiel. Die übrigen Figuren gehen da etwas verloren, etwa Marie Gomez als Travis’ Geliebte Nola und Mariette Hartley als Anna, auf die der Fährmann ebenfalls ein Auge geworfen hat. Dieses Dreieck hatte mehr Potenzial, auch auf die Gefahr hin, vom Hauptplot abzulenken, wobei Travis seine Fähre stets mehr am Herzen zu liegen scheint als eine der beiden Frauen.

Gezielter Schuss hätte Abhilfe gebracht

Ab und zu habe ich mich gefragt, weshalb nicht ein geübter Scharfschütze auf der einen den oder die Wortführer auf der jeweils anderen Seite mit einem gezielten Gewehrschuss zur Strecke bringt. Dass das möglich ist, wird vereinzelt demonstriert. Ein kleines, zu verschmerzendes Logikloch – ebenso wie die Frage, weshalb die Gangster erst ganz am Ende auf die Idee kommen, sich ihr Wasserfahrzeug selbst zusammenzuzimmern.

Viel Faszination zieht „Barquero“ – Spanisch für „Bootsmann“ – aus dem ungewöhnlichen Sujet der Belagerung über einen Fluss hinweg. Der US-Western zeigt sich stark vom Italowestern beeinflusst, vor allem, was das unvermittelte, geradezu lakonische Töten angeht. Die Personalie Lee Van Cleef tut ihr Übriges dazu. Ein wenig scheint „Barquero“ unter dem Radar zu laufen – der „Tomatometer“ von Rotten Tomatoes führt überhaupt keine Wertung auf, der „Audience Score“ der Seite liegt bei niedrigen 38 Prozent. Immerhin haben die User der IMDb dem Western eine Durchschnittswertung von 6,3 beschert (Stand jeweils Dezember 2018). Auf diesem Wert ist „Barquero“ auch gut aufgehoben.

Vom Regisseur des Ameisen-Horrorfilms „Formicula“

Regisseur Gordon Douglas (1907–1993) begann seine Laufbahn 1935 mit Kurzfilmen, seinen ersten Langfilm drehte er 1942. Zu seinen bekanntesten Arbeiten zählen „Ein Sommer in Florida“ („Follow that Dream“, 1962) mit Elvis Presley, „Man soll nicht mit der Liebe spielen“ („Young at Heart“, 1954) mit Doris Day und Frank Sinatra sowie den durchaus wegweisenden SF-Horrorfilm „Formicula“ (1954), in welchem Riesenameisen ihr Unwesen treiben.

Mit diesem Gangster allerdings auch nicht

Douglas eröffnet und beschließt „Barquero“ mit gewalthaltiger Action, die furios ausfällt, wenn auch nicht ganz so blutig wie Sam Peckinpahs ein Jahr früher entstandener „The Wild Bunch – Sie kannten kein Gesetz“, in welchem Warren Oates ebenfalls mitwirkte. Im Mittelteil legt der Regisseur seinen Fokus auf die Psychologie der Figuren und ihre Beziehungen zueinander. Mit Warren Oates als Sam-Peckinpah-Star und Lee Van Cleef als Sergio-Leone-Schauspieler liegt der Verdacht nahe, dass Gordon Douglas und seine Produzenten „Barquero“ etwas reißbrettartig als Mischung aus beiden Regisseurseinflüssen angelegt haben; an diesen Vorbildern gemessen scheitert der Western natürlich zwangsläufig, das tut seiner Qualität und dem Unterhaltungswert aber keinen Abbruch.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Lee Van Cleef sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgeführt.

Veröffentlichung: 31. März 2017 als Blu-ray und DVD

Länge: 109 Min. (Blu-ray), 105 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Barquero
USA 1970
Regie: Gordon Douglas
Drehbuch: George Schenck, William Marks
Besetzung: Lee Van Cleef, Warren Oates, Forrest Tucker, Kerwin Mathews, Mariette Hartley, Marie Gomez, Armando Silvestre, John Davis Chandler, Craig Littler, Harry Lauter
Zusatzmaterial: Bio- und Filmografien, Bildergalerie, Wendecover
Label: Black Hill Pictures GmbH
Vertrieb: WVG Medien GmbH

Copyright 2018 by Volker Schönenberger
Szenenfotos: © 2017 Black Hill Pictures GmbH

 

Schlagwörter: , , , , , , ,

Formicula – Wie nach der Atombombe alles noch viel schlimmer wurde

Formicula-Cover

Them!

Gastrezension von Ansgar Skulme

SF-Horror // Police Sergeant Ben Peterson (James Whitmore) und seinem Partner Ed Blackburn (Chris Drake) bietet sich ein Bild der Verwüstung: Tod, zerstörte Häuser, mysteriöse Spuren. Sie tappen zunächst im Dunkeln, doch mit Hilfe des renommierten Wissenschaftlers Dr. Harold Medford (Edmund Gwenn) und dessen Tochter (Joan Weldon) lösen sie schließlich das Geheimnis um die Ursache des Grauens. Doch wie kämpft man gegen gigantische Ameisen und wie stoppt man deren Verbreitung?

Bestrafung für kriegerischen Leichtsinn

Im Horror und in der Science-Fiction gibt es eine ganze Menge an Filmen, die die Bezeichnung bodenloser Trash verdienen. Das muss nicht unbedingt heißen, dass diese Filme ungenießbar sind, ihr Kultstatus speist sich zum Teil sogar unmittelbar aus ihrer schlechten Qualität. Jedoch verbindet diese Filme, dass ihre Handlung sowohl hinsichtlich der Beweggründe als auch der Ausführung meist völlig hanebüchen ist. Etwas anderes ist es dann schon, wenn man sich eine reale Situation – in diesem Fall den Bau, das Testen und den Einsatz von Atomwaffen – zum Anlass nimmt, um daraus eine fiktive Story zu spinnen. Hier macht Science-Fiction durchaus recht komplexen Sinn. „Formicula“ ist ein ansprechend kritischer Film – aus US-Sicht sogar selbstkritisch –, der engagiert vor den unkontrollierbaren Folgen atomarer Tests und Kriege warnt und die reale Bedrohung mittels infolge der Waffentests gigantisch herangewachsener Ameisen unterhaltsam zuspitzt. Wer Wind sät, wird Sturm ernten. Wer mit Gewalt experimentiert, vermag ungeahntes Unheil zu schaffen, wie auch immer es nun geartet sei. Klare Botschaften, verständlich und nicht von der Hand zu weisen.

Terror, Horror, Excitement, Mystery = Them!

Freilich wird der Originaltitel „Them!“ im Trailer aus den Schlagworten „Terror, Horror, Excitement, Mystery“ zusammengesetzt, aber so reißerisch ist der Film gar nicht einmal. Es dauert fast eine halbe Stunde, bis man die ersten riesigen Ameisen zu Gesicht bekommt und prinzipiell wird mit Szenen in denen die Ameisen attackieren sehr sparsam umgegangen. So behält sich der Film bis zum Schluss ein hohes Maß an Spannung vor. Selbst auf ein Happy End wurde verzichtet und gen Ende zeigt sich auch, warum anstelle eines einzelnen strahlenden Helden mit James Whitmore und James Arness (als FBI-Agent) zwei Schauspieler gleichzeitig als Protagonisten aufgebaut wurden. Man kann durchaus davon sprechen, dass dieser Film im Finale mit Hollywood-Erzählkonventionen der damaligen Zeit bricht – zugunsten einer weiteren, tragischen Pointe.

Schlagartig Kult

„Formicula“ hatte einen derart revolutionären Einfluss auf das Science-Fiction-Genre, dass er schon im Folgejahr bemerkenswert schnell und auffällig von Universal adaptiert wurde. Der Dreh zu „Tarantula“ startete ziemlich genau ein Jahr nach dem Kinostart von „Formicula“. Binnen weniger Monate war also die Idee einer eigenen Version konkretisiert und in ein Drehbuch umgesetzt worden. In „Tarantula“ wurden aus Ameisen nun Spinnen und leichtfertige Labor-Experimente anstelle von Atom-Tests zur Wurzel allen Übels, aber das störte ganz und gar nicht: Das Konzept war nach wie vor zu gut und ambitioniert, um „Tarantula“ als plumpen Abklatsch abzutun. Auch dieser Universal-Film war international erfolgreich, und da er in Deutschland vor dem eigenen Vorbild aus dem Hause Warner Bros. ins Kino kam, orientierte man sich hierzulande wiederum bei der Titelvergabe für „Formicula“ an der Universal-Produktion. Dies beweist wohl auch die ursprüngliche Skepsis dahingehend, einen solchen Reißer bei uns überhaupt zu zeigen, doch den Zeichen der Zeit konnte man sich nicht lange entgegenstellen.

Hallo, hier spricht Gordon Douglas!

Der Regisseur von „Tarantula“ Jack Arnold gilt mit Filmen wie „Gefahr aus dem Weltall“, „Die Rache des Ungeheuers“ und „Die unglaubliche Geschichte des Mr. C“ aus heutiger Sicht als recht großer Name des Horror- und Science-Fiction-Kinos im 50er-Hollywood. Gordon Douglas hingegen gehört eher zu der Kategorie Regisseur, die einige durchaus bekannte und viele wirklich gute Filme gedreht haben, ohne dass ihre Anteile daran angemessen besprochen und gewürdigt werden. Douglas legte in diversen Genres Werke ausgesprochen guter Qualität vor, „Formicula“ war unter all diesen Filmen womöglich der einflussreichste. Nicht nur, weil der Streifen 1954 die kommerziell erfolgreichste Produktion der Warner Brothers wurde – und das obwohl entgegen ursprünglicher Pläne nicht nur auf 3D verzichtet wurde, sondern auch auf Farbfotografie. Lediglich der Titel des Films wurde in Farbe belassen. Ein interessanter Effekt allerdings, die filmische Überschrift somit besonders deutlich auf schwarz-weißem Grund hervorzuheben, der hier gewissermaßen erfunden worden zu sein scheint. Ähnliche Variationen findet man später beispielsweise in den deutschen Edgar-Wallace-Filmen, wo die Schrift, die parallel zum Ausspruch „Hallo, hier spricht Edgar Wallace!“ zu sehen ist, stets farbig war, auch wenn die Filme ansonsten in Schwarz/Weiß gedreht wurden, was in „Der unheimliche Mönch“ (1965) schließlich sogar zu einer komplett farbigen Titelsequenz inmitten eines ansonsten schwarz-weißen Films führte.

Auf zu neuen Ufern

Neben einem kleinen Auftritt des späteren Mr. Spock, Leonard Nimoy, ist bemerkenswert, dass dieser Film auch die Ursache war, dass Fess Parker seine populäre Rolle als Davy Crockett bei Walt Disney erhielt. Disney liebäugelte eigentlich mit James Arness und sichtete den Film unter diesem Aspekt, stieß so aber auf Parker, der einen Piloten spielt, welcher aufgrund vermeintlich wirrer Berichte über einen Angriff von UFOs in Ameisengestalt in der Psychiatrie landet. Für ihn bedeutete „Formicula“ somit den Durchbruch. Arness hingegen dürfte es kaum gestört haben, er wechselte ein Jahr später ins Fernsehen und wurde zum Star von „Rauchende Colts“, der neben „Law & Order“ bis heute langlebigsten US-Fernsehserie überhaupt (ausgenommen Soaps). Beide Serien brachten es auf stattliche 20 Staffeln, wobei „Rauchende Colts“ wesentlich mehr Episoden zählt, deren Laufzeit bis 1961 allerdings auch kürzer war. Für Edmund Gwenn war „Formicula“ einer der letzten großen Hits, während James Whitmore noch über Jahrzehnte durch hervorragende Leistungen in Nebenrollen auf sich aufmerksam machte, hier aber mit einer seiner seltenen Hauptrollen glänzte.

Fusion von Science-Fiction und Horror

Dass die Spezial-Effekte bahnbrechend waren und demzufolge für den Oscar nominiert wurden, bedarf kaum weiterer Worte. „Formicula“ ist der Film, der Tierhorror, wie es ihn vorher beispielsweise schon in „Der Wolfsmensch“ (1941) und den King-Kong-Filmen gab, nachhaltig mit Science-Fiction zusammenführte und die Kreaturen zudem erstmals in unüberschaubaren regelrechten Heerscharen angreifen ließ. Der Film definierte mitsamt seiner Effekte somit ein ganzes Subgenre. Überdimensionale Tiere sind aus heutiger Sicht ein Markenzeichen von Science-Fiction und Horror und aus diesen Genres nicht mehr wegzudenken. „Formicula“ begründete die dafür nötigen Superlative: Größer, gefährlicher, mörderischer, mehr. Them! Höchste Zeit für eine anständige Wiederveröffentlichung bei uns.

Mehr zum klassischen Science-Fiction-Film

Angst vor dem Atomkrieg, Kalter-Krieg-Metaphorik, riesige Kreaturen – nur einige Facetten, die der klassische Science-Fiction-Film zu bieten hat. All jenen, die tiefer in die Materie einsteigen wollen, sei „35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin“ ans Herz gelegt: Ausgabe #11 der Zeitschrift widmet sich dem Science-Fiction-Film mit einer Titelgeschichte. Ich habe dazu einen Beitrag mit dem Titel „ALIENS! ROBOTER! KREATUREN! – Die Invasoren-Filme der 50er“ beigesteuert. Eine Ausgabe später wird es übrigens um Horror gehen.

Veröffentlichung: 16. Januar 2003 als DVD

Länge: 89 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Spanisch
Untertitel: Deutsch, Englisch (beide auch für Hörgeschädigte) u. a.
Originaltitel: Them!
USA 1954
Regie: Gordon Douglas
Drehbuch: Ted Sherdeman
Besetzung: James Whitmore, Edmund Gwenn, Joan Weldon, James Arness, Onslow Stevens, Sean McClory, Fess Parker, Willis Bouchey, Lawrence Dobkin, Leonard Nimoy
Zusatzmaterial: Originaltrailer, Behind-the-Scenes-Filmmaterial von den Riesen-Ameisen, Bildergalerie
Vertrieb: Warner Bros.

Copyright 2015 by Ansgar Skulme
Packshot: © Warner Bros.

 
 

Schlagwörter: , , , , , , , , , , ,

 
%d Bloggern gefällt das: