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Maria Stuart, Königin von Schottland – Eine Klage über vergebene Möglichkeiten

Mary Queen of Scots

Kinostart: 17. Januar 2019

Von Philipp Ludwig

Historiendrama // Einsam wartet Maria Stuart (Saoirse Ronan) in einer mit schummrigem Licht erfüllten Zelle auf ihr unausweichliches Schicksal. Eine Stundenkerze zittert in ihren letzten Zügen auf ihrem abgebrannten Stummel, da kommt auch schon ein Wärter und informiert die ehemalige Monarchin, für sie sei es nun „an der Zeit“. Erhobenen Hauptes und gefasst macht sie sich, ganz in Schwarz gekleidet, auf den Weg zu ihrer Hinrichtung. Dort angekommen, wirkt es, als würde sie den mit Menschen dicht gefüllten Saal wie durch die Hintertür betreten – die ihr den Rücken zuwendenden Schaulustigen bemerken ihre Ankunft zunächst kaum. Über allem thront die leicht erhobene Bühne samt Henker und Schafott, die Maria unweigerlich vor Augen führt, dass sie nun tatsächlich am Ende ihres so kurzen wie ereignisreichen Lebens angekommen ist.

Die 18-jährige Maria Stuart erreicht die Küste Schottlands …

Für mit latenter Spoiler-Phobie ausgestattete Filmgucker startet „Maria Stuart, Königin von Schottland“ als hartes Brett – beginnt der neueste Historienfilm zum Leben der ehemaligen schottischen Königin doch direkt mit seinem beziehungsweise ihrem Ende. Aber bei Filmen über tatsächliche Ereignisse sind Zuschauerinnen und Zuschauer mit Kenntnissen der Materie natürlich zwangsläufig gespoilert. Bevor auch diese ihr endgültiges Ende aber tatsächlich bezeugen können, werden wir zunächst zurückgeworfen an die Strände Schottlands. Dort beobachten wir die Ankunft der damals achtzehnjährigen Maria in ihrer Heimat, in der sie ihren rechtmäßig angestammten Platz auf dem Thron einnehmen will.

… doch was erwartet die junge Monarchin in ihrer Heimat?

Als überaus geschichtsinteressierter Mensch und weiterhin begeisterter Liebhaber der britischen Inseln – das tragische Brexit-Desaster mal außen vor gelassen – stellt die historische Figur der „Mary, Queen of Scots“ (1542–1587) für mich persönlich seit langer Zeit eine besonders faszinierende und hochinteressante Persönlichkeit der Menschheitsgeschichte dar. So war ich beispielsweise erst im vergangenen Oktober im wahrlich beeindruckenden Stirling Castle, wo sie im Alter von wenigen Monaten zur Königin von Schottland gekrönt wurde, sodass mich die Pressevorführung der neuesten Verfilmung ihrer spannenden Lebensgeschichte natürlich besonders interessierte. Vor allem, wenn man sich zudem auch noch dessen hervorragende Besetzungsliste anschaut. Warum mich der Film trotz all dieser guten Vorzeichen meinerseits dennoch nicht richtig überzeugen konnte? Lest selbst!

Ein wenig Geschichtskunde

Im Säuglingsalter von gerade einmal sechs Tagen als Thronfolgerin ihres verstorbenen Vaters Jakob/James V. bereits zur Königin von Schottland ernannt, wird sie zu ihrem eigenen Schutz schon bald nach Frankreich gebracht – zu groß ist vor allem die Gefahr durch den großen Nachbarn England. Dessen König Heinrich/Henry VIII. weiß um den Anspruch der Stuarts auch auf den englischen Thron und will deren Schwäche nun ausnutzen, um diesen ein für allemal zu beenden. Ihre Kindheit und den Großteil ihrer Jugend verbringt Maria daher am Hof des französischen Königs. Nach der Heirat mit dessen Erben, dem Dauphin, mit 16 Jahren ebenfalls Königin von Frankreich und dessen plötzlichen Ableben drei Tage vor ihrem 18. Geburtstag schon verwitwet, kehrt sie schließlich in ihr Heimatland zurück, um dort ihre rechtmäßige Rolle als Herrscherin anzutreten.

Marias Cousine: Elisabeth I., Königin von England

Mit ihrer Ankunft an den Stränden Schottlands setzt nun auch „Maria Stuart, Königin von Schottland“ als Erzählung von Marias Lebensgeschichte ein. Hier sieht sich diese im Zentrum einer außerordentlich undurchschaubaren politischen Lage, gespickt mit Intrigen, fragwürdigen Loyalitäten und teils purer Ablehnung. Insbesondere der protestantischen schottischen Kirche unter Führung des wortgewaltigen John Knox (David Tennant, „Broadchurch“) ist sie als Katholikin und Frau ein Dorn im Auge. Und auch die Loyalitäten ihrer engsten Verbündeten, wie etwa ihrem Halbbruder, dem Earl of Moray (James McArdle), der als Regent in Marias Abwesenheit über Schottland herrschte, wie auch ihrem Leibwächter, dem Earl of Bothwell (Martin Compston), sind mehr als fraglich. Ebenso wie die zahlreichen Heiratsgesuche an die heißbegehrte, mächtige Witwe, sodass die junge Königin von Beginn an um den Erhalt ihrer Macht und ihre Krone kämpfen muss und dafür auch vor einem Bürgerkrieg nicht zurückschreckt.

Hat stets das Ohr der mächtigen englischen Herrscherin: William Cecil

Auch in England regt sich zunehmend Widerstand gegen die junge Monarchin. Denn den Beratern der protestantischen Machthaberin Königin Elisabeth/Elizabeth I. (Margot Robbie) ist deren Cousine Maria als Katholikin ebenfalls nicht geheuer – hat Elizabeth doch zu Hause schon genug Ärger im nach der Reformation stetig drohenden Bürgerkrieg mit den dortigen Katholiken am Hals. Ebenso wirkt der weiterhin bestehende rechtmäßige Anspruchs der Stuarts auf die englische Krone angesichts der Kinderlosigkeit Elizabeths in den Augen der machtvollsten Mitglieder des englischen Adels umso bedrohlicher – allen voran ihrem engsten Vertrauten, William Cecil (Guy Pearce, „Brimstone – Erlöse uns von dem Bösen“).

Nachdem Maria mit ihrem zweiten Ehemann, dem undurchschaubaren Wendehals Lord Darnley (Jack Lowden, „Dunkirk“) ihren Sohn Jakob/James zur Welt gebracht hat, wird sie nach einer Reihe weiterer, mitunter erneut durch England gelenkter Intrigen und Aufstände schlussendlich zum Verzicht ihrer Krone zugunsten ihres Sohns gezwungen. Maria muss aus Schottland fliehen und steht als Gefangene Englands fortan unter dem Schutz Elizabeths, die ihrer Cousine prinzipiell mit Respekt und Wohlwollen gegenübersteht – auch wenn sich die beiden Monarchinnen wohl niemals persönlich begegnet sind und ihre Kommunikation allein auf umfangreichen Briefwechseln beruht. Nach etwa 18 Jahren kann Elizabeth dem Druck ihres Adels jedoch nicht mehr länger widerstehen, da die unter Hausarrest stehende Maria vermutlich zum wiederholten Male in ein Mordkomplott gegen sie verwickelt war. Am 9. Februar 1587 wird sie daher schließlich doch hingerichtet, nach Ablegen ihres schwarzen Überkleides ganz in Rot gekleidet, der Farbe der Märtyrer. Nachdem auch Elizabeth einige Jahre später kinderlos stirbt, wird Marias Sohn James VI. als erster Monarch rechtmäßig gleichzeitig sowohl zum König von England als auch von Schottland gekrönt – das Vereinigte Königreich ward geboren.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann reden sie noch heute

Wie man sieht, im Leben Maria Stuarts war einiges los. Aufgrund der hohen Bekanntheit ihrer Lebensgeschichte und vor allem ihres uns gewissen Endes ist die Herausforderung, einen spannenden wie auch interessanten Film zu erzählen, daher umso gewaltiger. Insbesondere, da diese bereits in der Vergangenheit zahlreich verfilmt wurde – genannt seien beispielhaft John Fords „Maria von Schottland“ (1936) mit Katharine Hepburn in der Titelrolle, „Das Herz der Königin“ (1940) von Carl Froelich mit Zarah Leander in der Rolle der Regentin und Charles Jarrots „Maria Stuart, Königin von Schottland“ (1971) mit Vanessa Redgrave. Eine der größten Schwächen des ambitionierten Historiendramas liegt im sperrigen Skript von Beau Willimon begründet. Als Showrunner und Mitentwickler der Netflix-Erfolgsserie „House of Cards“ ist dieser kein unbeschriebenes Blatt und hat sein Talent bereits eindrucksvoll bewiesen. Leider hat er sich für sein Drehbuch zu „Maria Stuart, Königin von Schottland“ dazu entschlossen, die umfangreichen und höchst undurchschaubaren, mehrere Jahre umfassenden historischen Ereignisse größtenteils durch schier unzählige Dialoge erklären zu wollen.

Komprimiertes „House of Cards“ vor historischer Kulisse – kann das gutgehen?

Vergleichbar mit „House of Cards“, haben wir es zudem nicht nur mit einer Fülle an Figuren, sondern ebenso mit einer noch größeren Portion an Intrigen, Verschwörungen und wechselnden Loyalitäten zu tun. Was bei einer Serie mit einem Umfang mehrerer Staffeln natürlich super funktionieren kann, ist bei einer auf knappe zwei Stunden gepressten Filmhandlung jedoch äußerst riskant. Und selbst wenn man mit den historischen Ereignissen einigermaßen vertraut ist, fällt es mitunter doch schwer, bei der Vielzahl an handelnden Figuren und der unübersichtlichen, permanent wechselnden politischen Lage sowie der großen Zeitspanne stets den Überblick zu behalten. Den langatmigen und zu oft einfach sperrig geschriebenen Dialogen daher immer mit dem nötigen Interesse zu folgen, fällt mit zunehmender Dauer des Films leider enorm schwer.

Trotz vieler Widerstände gibt sich Maria kämpferisch …

Dies liegt nicht zuletzt an der Inszenierung von Regisseurin Josie Rourke – seit 2012 vor allem als künstlerische Leiterin des Donmar Warehouse in London bekannt. Die renommierte englische Theaterregisseurin gibt hier ihr Spielfilmdebüt. Ihre Herkunft aus dem Theater schimmert durch die Dialoglastigkeit des Drehbuchs daher besonders oft hervor, was ja kein Nachteil sein muss. Aufgrund der Komplexität des Stoffes und all den damit verbundenen Problemen des schwächelnden Skripts macht die häufig starre, theaterlastige Inszenierung das Seherlebnis dann zusätzlich aber bedauerlicherweise auch nicht wirklich besser. Trotz immer wieder durchscheinender, guter Ansätze und toller Momentaufnahmen kommt der Film somit leider nur selten wirklich in Fahrt. Dass Rourke auch in der Lage ist, tolle Filmbilder und -szenen zu entwickeln, beweist sie dennoch wiederholt eindrucksvoll. Vor allem den heimlichen Star des Films, die beeindruckenden Landschaften Schottlands und Nordenglands setzt sie gleich mehrfach wundervoll in Szene – ein Kompliment gilt hier auch der tollen Kameraarbeit von John Mathieson („Gladiator“).

… und schreckt auch vor kriegerischen Auseinandersetzungen nicht zurück

Auf die mittlerweile von einigen Historikern als Kritikpunkte geäußerten, mitunter bestehenden historischen Ungereimtheiten will ich an dieser Stelle nicht näher eingehen. Sollte doch Historiendramen, als Gratwanderer zwischen Wirklichkeit und Fiktion ein gewisses Maß an künstlerischer Freiheit zugestanden werden, sofern zumindest die Essenz der Vergangenheitsdarstellung stimmt. Bezogen auf zwei Dinge will ich dennoch mein Unverständnis äußern: Bei gegenwärtigen Historienfilmen nehme ich einen Trend wahr, allzu oft krampfhaft unseren gegenwärtigen Zeitgeist auf frühere Epochen übertragen zu wollen. „Maria Stuart, Königin von Schottland“ treibt dies mitunter nahezu auf die Spitze, ist doch beispielsweise Lord Randolph, Elisabeths Botschafter in Schottland, mit dem dunkelhäutigen Darsteller Adrian Lester besetzt worden. Man verstehe mich bitte nicht falsch, ich stehe mit ganzem Herzen für eine moderne, offene, gleichberechtigte, freie und vor allem von Diversität geprägte Gesellschaft ein. Ich verstehe aber nicht den Ansatz, dieses Konzept auch dem England des 16. Jahrhunderts unbedingt aufstülpen zu müssen, wo die Welt nun einmal leider noch gänzlich anders aussah. Rourke macht dies übrigens ganz bewusst, da sie, wie sie selbst sagt, einen weiteren von „Weißen dominierten“ Historienfilm vermeiden wollte. Finde ich ihren Grundgedanken natürlich an sich nicht verkehrt, so sollte man meiner Meinung nach doch bei den grundlegenden historischen Begebenheiten bleiben. Die Vergangenheit war nun einmal, wie sie war – ob es einem nun gefällt oder nicht. Es mag aber natürlich sein, dass ich hier ein wenig zu kleinlich bin. Was meint ihr? Hinterlasst gern eure Meinungen dazu in den Kommentaren.

Königinnen in einer männerdominierten Welt

Gleiches gilt für die Bewerbung von „Maria Stuart, Königin von Schottland“ als ein Werk über zwei starke Frauen, die ihrer Zeit in einer patriarchalen Gesellschaft voraus waren – so beeindruckend die Tatsache weiblicher Herrscherinnen in einer von Männern absolut dominierten Welt auch sein mag. Sie waren weder feministische Aktivistinnen, die sich dieses Recht mühevoll erkämpft haben, da sie dies in erster Linie durch Thronfolge erhielten, noch jemals in der Lage, sich wirklich aus der Umklammerung der zeitgenössischen männlichen Dominanz zu befreien. Im Gegenteil, diese waren stets darauf aus, die Monarchinnen schnellstmöglich zu verehelichen und auf männlichen Nachwuchs eben dieser zu hoffen, damit sich wieder die „Normalität“ einstellen würde. Dennoch haben beide Herrscherrinnen es natürlich auf imposante Weise geschafft, ihre Duftmarken in der Geschichte zu hinterlassen. Gerade Elisabeths lange Herrschaft gilt bis heute als eines der Goldensten Zeitalter Englands. Umso erstaunlicher wirken auf mich dann auch die dieser bis heute ungemein populären wie geachteten Monarchin im Film mitunter in den Mund gelegten Worte. Begründet sie hier, bei einem einzigen fiktiven Zusammentreffen der beiden Cousinen, ihre Bewunderung gegenüber Maria doch vor allem in deren Schönheit sowie ihrer Rolle als Mutter und Ehefrau. Und nicht etwa mit deren Vehemenz, ihre Position trotz aller Widerstände behaupten zu wollen – auch wenn Maria da zugegebenermaßen natürlich leider nicht sonderlich erfolgreich war.

Saoirse Ronan – einfach königlich

Genug der Kritik, denn „Maria Stuart, Königin von Schottland“ hat auch einiges an positiven Aspekten zu bieten. Neben den tollen Landschaften ist ein weiteres Prunkstück des Films natürlich eine absolut beeindruckende schauspielerische Besetzungsliste. Überstrahlt wird der namhafte Cast insbesondere durch die wunderbare Saoirse Ronan als Maria Stuart. Nicht nur durch die optische Ähnlichkeit stellt sie eine absolute Traumbesetzung dar, denn wie die irisch-amerikanische Schauspielerin diese Rolle mit Leben ausfüllt und mit ihrer Präsenz jede Szene förmlich an sich reißt, ist wahrlich phänomenal – eine wirklich tolle Leistung und ein wahrer Hochgenuss, dabei zusehen zu dürfen. Nach „Lady Bird“ dürfte sie damit innerhalb kürzester Zeit erneut Hoffnungen auf den einen oder anderen renommierten Preis haben. Einfach toll!

Die ebenfalls großartige Margot Robbie („I, Tonya“) steht ihr in nichts nach – auch wenn das Drehbuch ihrer Elisabeth leider nur wenige Szenen zugesteht und sie statt einer Neben- schon fast zu einer Randfigur sowie Stichwortgeberin degradiert wird. Die Momente, die wir mit der berühmten englischen Monarchin im Film verbringen dürfen, meistert Robbie mit außerordentlicher Bravour. Ebenso lässt sich der restliche, eher männlich dominierte Cast mehr als sehen. Seien es die bekannten Gesichter Guy Pearce, David Tennant und Jack Lowden oder eher unbekannte Darsteller, von denen vor allem James McArdle als wiederholt die Seiten wechselnder Halbbruder der schottischen Königin Eindruck hinterlässt. An dieser Stelle weise ich darauf hin, dass in der Pressevorführung dankenswerterweise die Originalfassung des Films gezeigt wurde und die schauspielerischen Leistungen insbesondere durch die hier präsentierte, wundervolle dialektische Vielfalt der englischen Sprache nochmals profitieren konnten. Wie das in der deutschen Fassung den gleichen Effekt erzeugen soll, kann ich daher über den unten verlinkten Trailer hinaus nicht erahnen. Wie soll man einen sprachlich so gesegneten Darsteller wie David Tennant synchronisieren?

Zwei Königinnen zum Trotz – die Geschicke werden in erster Linie von Männern gelenkt

Wer meine bisherigen Texte verfolgt hat, mag das eine oder andere Mal meine ausgeprägte Liebe zur Filmmusik bemerkt haben. Auch in „Maria Stuart, Königin von Schottland“ stellt diese ein wahres Highlight dar. Komponiert von niemand geringerem als Max Richter („Shutter Island“) für mich persönlich vielleicht sogar eines der zentralen Highlights dieses Films, das neben der Hauptdarstellerin am meisten Eindruck bei mir hinterlassen hat – habe ich mich doch über die vergangenen Monate zu einem Fan des Stils des deutschen Komponisten entwickelt, der in jüngster Vergangenheit etwa auch bei „Werk ohne Autor“ zu überzeugen wusste. Insbesondere beim variationsreichen musikalischen Thema für die Hauptfigur Maria gelingt es ihm auf beeindruckende Weise, sowohl majestätische, jugendlich-leichte als auch verletzliche Töne zu einer musikalischen Untermalung zu kombinieren, die dieser tragischen Figur in all ihren Facetten gerecht wird. So ist es neben Ronan und Robbie insbesondere Max Richter zu verdanken, dass der Film auch immer mal wieder den Rahmen bekommt, den er eigentlich verdient. Dazu muss ich anmerken, dass ich erst beim Abspann erfahren habe, dass es sich bei dem Komponisten um Richter handelt, sodass ich den Soundtrack zuvor vollkommen unvoreingenommen als herausragend empfunden habe.

Wie lange kann Elisabeth ihre geachtete Kontrahentin vor dem Lauf der Geschichte schützen?

An kaum einer anderen Stelle des Films verbinden sich dessen positive Aspekte dann auch so gekonnt wie in der imposanten Einstiegssequenz. Nachdem bereits der Start mit dem bedrückend dargestellten Gang Marias zum Richtblock außerordentlich gelungen ist, übertrifft Regisseurin Rourke dies mit der anschließenden Inszenierung von deren erstmaliger Ankunft an der Küste Schottlands sogar. Hier verbinden sich alle positiven Einzelstücke zu einem beeindruckenden Seh- und Hörerlebnis: die Präsenz und die schauspielerische Kraft von Saoirse Ronan, der Ritt samt ihres Gefolges durch die imposante Landschaft der Berge Schottlands, getragen von der majestätischen musikalischen Untermalung Max Richters – nach diesen ersten Minuten saß ich beeindruckt, erwartungsvoll und beinahe schon frohlockend in meinem Kinosessel und erfreute mich ein ums andere Mal an meinem Kritikerdasein.

Da war mehr drin

Leider werden diese filmischen Lichtblicke in „Maria Stuart, Königin von Schottland“ danach nur noch viel zu selten erreicht. Stattdessen verlor ich aufgrund der Vielzahl an zähen Dialogstafetten irgendwann tatsächlich häufig einfach das Interesse daran, was denn nun eigentlich auf der Leinwand passiert. So muss ich leider konstatieren, dass Josie Rourke mit ihrem Werk bei mir keinen sonderlich bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Auch wenn er seine tollen Momente hat und daher auch trotz viel Leerlauf immer noch sehenswert ist – bei den herausragenden Möglichkeiten kann man daher leider nur von einer vertanen Chance auf großes Kino sprechen. Schade.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Guy Pearce sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Das Schicksal meint es nicht gut mit der schottischen Monarchin

Länge: 124 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Mary Queen of Scots
GB 2018
Regie: Josie Rourke
Drehbuch: Beau Willimon, nach einer Vorlage von John Guy
Musik: Max Richter
Besetzung: Saoirse Ronan, Margot Robbie, Guy Pearce, David Tennant, James McArdle, Jack Lowden, Gemma Chan, Adrian Lester, Brendan Coyle, Joe Alwyn, Martin Compston, Maria-Victoria Dragus, Ismael Cruz Cordova
Verleih: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2019 by Philipp Ludwig

Filmplakat & Trailer: © 2018 Universal Pictures Germany GmbH,
Szenenfotos: © 2018 Focus Features LLC. All rights reserved.

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Ein Kommentar

Verfasst von - 2019/01/14 in Film, Kino, Rezensionen

 

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Brimstone – Erlöse uns von dem Bösen: Lasst alle Hoffnung fahren!

Brimstone

Von Volker Schönenberger

Westerndrama // Episch, brutal, finster, mit religiösen Motiven durchsetzt und mehr Horrormotiven, als manchem Genre-Fan lieb sein dürfte – „Brimstone – Erlöse uns von dem Bösen“ ist ein harter Brocken von einem Western. Der niederländische Drehbuchautor und Regisseur Martin Koolhoven hat mit seiner ersten englischsprachigen Arbeit Publikum und Kritiker gleichermaßen verstört und begeistert, aber auch abgestoßen.

Das nur scheinbar ruhige Familienleben von Liz wird bald enden

„Brimstone“ ist das englische Wort für Schwefel, und Schwefel ist essenzieller Bestandteil der Hölle, wie wir aus der Offenbarung erfahren – danach werden die Furchtsamen und Ungläubigen in einem See aus Feuer und Schwefel brennen. Der liebe Gott – von wegen lieb! – ließ im ersten Buch Mose Schwefel und Feuer auf die sündigen Städte Sodom und Gomorra regnen. Das bisweilen üblen Gestank auslösende Element genießt in der Christenheit somit keinen besonders guten Ruf. Den religiösen Beigeschmack für den deutschen Markt mit dem plakativen Titelzusatz „Erlöse uns von dem Bösen“ zu betonen, hätte gar nicht Not getan. Die Thematik wird allein schon durch die Benennung der vier Kapitel deutlich, in die „Brimstone“ aufgeteilt ist: „Revelation“ (Offenbarung), „Exodus“ (Auszug), „Genesis“ (Schöpfung) und „Retribution“ (Vergeltung).

Auftritt Reverend

Im ersten Kapitel lernen wir Liz (Dakota Fanning) kennen, die irgendwann im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts mit ihrer Familie im Mittleren Western der USA lebt. Sie kann nicht sprechen, verständigt sich mit Gebärdensprache. Bei ihrer Arbeit als Hebamme hilft ihr ihre Tochter, sich mit ihrer Kundschaft zu verständigen. Eines Trages tritt mit dem neuen Reverend (Guy Pearce) der Gemeinde eine alte Nemesis wieder in ihr Leben, der sie entkommen zu sein hoffte.

Saloon oder Freudenhaus – macht das einen Unterschied?

Viel mehr will ich hier nicht über die Handlung verraten. Martin Koolhoven erzählt seine Geschichte nicht chronologisch, das zweite Kapitel von „Brimstone“ ist zeitlich vor dem ersten angesiedelt, das dritte vor dem zweiten. Erst das vierte und letzte Kapitel knüpft unmittelbar an das erste an. Der Regisseur mutet seiner Protagonistin Leid zu – enorm viel Leid. Die Fronten zwischen den Geschlechtern sind dabei klar abgesteckt. Fast könnte man meinen, es mit einem Männerhasser-Film zu tun zu haben. Sind mit Ausnahme von Liz’ Gemahl Eli (William Houston) doch alle bedeutsamen Männer eher unsympathische bis widerliche Zeitgenossen. Getoppt wird das vom Reverend, der an abgrundtiefer Bösartigkeit nicht zu überbieten ist. Guy Pearce („Memento“) spielt das mit diabolischer Ausstrahlung und vernarbtem Gesicht. Der von ihm verkörperte Prediger findet für seine Missetaten immer eine biblische Rechtfertigung, wie absurd sie auch erscheinen mag. In der Rückschau kann man den Geistlichen im ersten und vierten Kapitel sogar anders interpretieren als in den beiden dazwischen liegenden Abschnitten – aber das auszuführen, würde an dieser Stelle in zu dichte Spoiler-Gefilde abgleiten. Wer den Prediger beim Filmgucken nicht zu verabscheuen lernt, sollte jedenfalls dringend sein ethisch-moralisches Weltbild untersuchen. Die Frauen von „Brimstone“ hingegen sind bei all dem Elend, in welchem sie leben, doch von reiner Gesinnung. Machen sie sich einmal schuldig, so geschieht das aus lauteren Motiven – und es wird zuverlässig drastisch bestraft.

Starke Frau, drastische Gewalt

Insofern haben wir es am Ende mit einem feministischen Western im besten Sinne zu tun. Liz ist stark genug, vieles zu ertragen, was sie und die Menschen, die ihr lieb sind, erleiden müssen. Unfair ist es, „Brimstone“ Exploitation vorzuwerfen und den Western in die Trash-Ecke zu rücken, nur weil die Gewalt drastisch und explizit daherkommt. Die FSK-16-Freigabe der ungeschnittenen Fassung überrascht zwar etwas – über das rote 18er-Logo hätten sich die deutschen Vermarkter nicht beschweren dürfen. Da wird ein Mann mit seinen eigenen Gedärmen gefesselt, Zungen werden aus Mündern herausgeschnitten und Kopfschüsse inklusive Einschuss- oder Austrittswunden sind zu betrachten. Gleichwohl dient die Gewalt keinem Selbstzweck, sondern unterstreicht das Geschehen, wenn auch auf derbe Weise. Sie stößt uns übel auf, aber das soll so sein und ist auch genau richtig so.

Ein Bordellbesitzer schreitet zum Duell

Die Entstehung des Films gestaltete sich schwierig – bis hin zu einer stressbedingten Panikattacke für Martin Koolhoven, die sogar für einen Herzanfall gehalten wurde. Insgesamt arbeitete er wohl sieben Jahre lang an dem Western. Und wenn ein Filmemacher fürchten muss, sein Baby kurz vor Drehbeginn zu verlieren, kann das sicherlich Angst auslösen. Die als Hauptdarstellerin vorgesehene Mia Wasikowska („Only Lovers Left Alive“) stieg mitten in der heißen Vorproduktionsphase aus, ein Geldgeber ebenfalls, sodass das Projekt phasenweise zu scheitern drohte. Wasikowskas Ausstieg ist allerdings kein Verlust, da Dakota Fanning („Ich bin Sam“) die Rolle der des Sprechens nicht mächtigen Liz überzeugend ausfüllt. Carla Juri („Feuchtgebiete“) ist als Prostituierte Elizabeth zu sehen. Diese freundet sich im zweiten Kapitel des Films mit der jungen Joanna (Emilia Jones, „High-Rise“) an, über die ich nichts weiter schreiben will, um spoilerfrei zu bleiben. Für eine Nebenrolle war Robert Pattinson vorgesehen, der sich langsam aus dem „Twilight“-Schatten löst. Doch auch er stieg aus – was er heute bereut. Ihn ersetzte Kit Harington, der aus „Game of Thrones“ Carice van Houten („Black Book“) noch kennt – die beiden treten im dritten „Brimstone“-Kapitel in Erscheinung. Etwas Klatsch und Tratsch gibt es zu vermelden: Carice van Houten und Guy Pearce verliebten sich bei den Dreharbeiten ineinander, sind seitdem ein Paar und haben mittlerweile einen gemeinsamen Sohn.

Sechs Goldene Kälber für „Brimstone“

Ab Spätsommer 2016 lief „Brimstone“ auf diversen internationalen Festivals. In Deutschland hatte das Westerndrama im Spätherbst 2017 sogar einen regulären Kinostart. Beim Niederländischen Filmfestival des Jahres räumte Koolhovens Werk ab: Neunmal für das Goldene Kalb nominiert, gewann das Epos schließlich sechs Kategorien dieses wichtigsten niederländischen Filmpreises, darunter die als bester Film sowie für Regie und Kamera. Völlig zu Recht: „Brimstone – Erlöse uns von dem Bösen“ ist meisterhaftes, außergewöhnliches Westernkino, das Aufmerksamkeit abverlangt, großartig fotografiert, großartig gespielt, großartig erzählt. Quentin Tarantino und Paul Verhoeven müssten daran ihre helle Freude haben – ich hatte jedenfalls meine.

Der Reverend – alles andere als ein guter Christ

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Carice van Houten sind in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit Filme mit Kit Harington und Guy Pearce unter Schauspieler. Lesenswerte Texte zu „Brimstone – Erlöse uns von dem Bösen“ finden sich auch bei den Kollegen von Evil Ed und auf dem „Fluxkompensator“.

Veröffentlichung: 7. Juni 2018 als Blu-ray und DVD

Länge: 148 Min. (Blu-ray), 142 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Brimstone
NL/F/D/BEL/SWE/GB/USA 2016
Regie: Martin Koolhoven
Drehbuch: Martin Koolhoven
Besetzung: Dakota Fanning, Kit Harington, Paul Anderson, Guy Pearce, Carice van Houten, Carla Juri, Emilia Jones, William Houston, Jack Roth, Ivy George, Vera Vitali, Justin Salinger, Jakc Hollington
Zusatzmaterial: Kinotrailer, Interviews mit Cast & Crew
Label/Vertrieb: Koch Films

Copyright 2018 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshot: © 2018 Koch Films

 

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Ridley Scott (VII): Alien – Covenant: Geldmaschine mit Konstruktionsfehlern

Alien – Covenant

Kinostart: 18. Mai 2017

Von Kay Sokolowsky

SF-Horror // Drehen schlechte Regisseure schlechte Filme, ist das weder eine Überraschung noch ein Grund zum Ärger. Wenn aber einer, der’s draufhat, einen Murks abliefert, für den sich sogar Zack Snyder schämen würde, darf der Kritiker die Fassung verlieren und schimpfen. Gerade weil Ridley Scott mehrere Klassiker des modernen Unterhaltungskinos verantwortet hat, ist es eine Riesenenttäuschung, wie er sein Talent und seine Erfahrung an etwas wie „Alien – Covenant“ verschwendet.

Aber durfte man nach dem ebenso wirren wie platten „Prometheus – Dunkle Zeichen“ (2012) mehr erwarten? Natürlich. Der Kinomagier, der „Blade Runner“ und „Gladiator“ zauberte, hätte vieles wiedergutmachen können. Aber in „Alien – Covenant“ macht er es genauso schlecht wie in „Prometheus“, vielleicht sogar schlechter. Er wiederholt die dümmsten Fehler, als wären sie ihm egal. Oder als gäbe es in seinem Team niemand, der es wagt, dem Maestro zu widersprechen. Ich weiß nicht, was schlimmer ist.

Guy Pearce (l.) und Michael Fassbender simulieren ein philosophisches Gespräch

Dies wird, wie Sie wohl ahnen, ein Verriss, und ich zögere nicht, beim Schimpfen eine Menge zu verraten. Wenn Ihnen Spoiler egal sind, kann ich versprechen, es so kurz und schmerzhaft wie möglich zu machen.

In space no one can hear you honk

Das Raumschiff „Covenant“ ist unterwegs zu einem fernen Sternsystem. Auf dem Planeten Origae-6 wollen sich 2.000 Kolonisten eine neue Welt erobern. Während sie und die Schiffscrew im Tiefkühlschlaf liegen, wacht der Android Walter (in einer Doppelrolle: Michael Fassbender) über die Mission. Am 5. Dezember 2104 gerät die „Covenant“ in die Ausläufer einer Sternexplosion und kann nur knapp vor der Vernichtung bewahrt werden. Der Kapitän (bloß in Rückblenden zu sehen und heute wahrscheinlich froh drum: James Franco) verbrennt (sic!) in seiner Kühlbox, Dutzende andere Menschen werden gleichfalls Opfer der Havarie.

Während der Reparaturarbeiten erreicht ein verrauschtes Funksignal die „Covenant“: Um eine Sonne, die nur wenige Wochen Flugzeit entfernt ist, scheint ein wahrer Garten Eden zu kreisen. Gegen den energischen Rat der Ersten Offizierin Daniels (schwer erträglich: Katherine Waterston) beschließt der neue Käptn Oram (stark überfordert: Billy Crudup), die Quelle des Signals anzusteuern.

Ein schöner Platz zum Sterben

Der fremde Planet sieht aus wie der Milford Sound in Neuseeland, also sehr romantisch und grün. Allerdings gibt es dort kein tierisches Leben, allein der Wind sorgt für Geräusche. Wie es bei jahrelang gedrillten Astronauten üblich ist, die außerdem akademische Kenntnisse in Biologie, Chemie, Medizin und dergleichen Zeug haben, kommt der Expeditionstrupp der „Covenant“ gar nicht auf die Idee, das Terrain in Schutzanzügen zu erkunden. Wie jedem guten Ami genügen ihnen fette Wummen als Lebensversicherung.

Und so kommt, was in einem „Alien“-Film kommen muss: Befruchtung (in der neuesten Variante eher eine Bestäubung), rasend schnelle Schwangerschaft, Kaiserschnitt von innen. Es entspringt ein seltsam Mittelding aus Mensch und Alien, der „Neomorph“, nicht unähnlich der Kreatur, die in Jean-Pierre Jeunets „Alien – Die Wiedergeburt“ so albern wirkte. Mehrere Metzgereieffekte und viele unfassbar dumme Entscheidungen später werden die Trottel der „Covenant“ von einem mysteriösen Kapuzenkuttenträger – scheinbar – gerettet.

„Black Hawk Down“, Weltraumversion

Er führt sie in eine Stadt der Toten. Jene Außerirdischen, die ihren ersten Auftritt in „Prometheus“ hatten, waren einst dort zu Hause, doch überdauert haben von ihnen nur verkohlte Kadaver. Derweil versuchen die auf der „Covenant“ verbliebenen Raumfahrer vergebens, Kontakt mit den Kameraden aufzunehmen. Wie es im Handbuch für miese SF-Filme steht, ist das Expeditionsteam während eines schweren Ionensturms losgezogen. Nur so lassen sich Funk- und dramaturgische Löcher rechtfertigen.

Der Kuttenmann gibt sich als David zu erkennen, als jener Android also, der in „Prometheus“ damit nervte, für Lawrence of Arabia in der Rolle des Peter O’Toole zu schwärmen. Oder war es umgekehrt? Jedenfalls lüftet Offizierin Daniels, wiederum einige Tote und manch hirnrissige Handlung später, das Geheimnis um die Nekropole – anschließend muss sie alles geben, um die sinistren Pläne von David zu durchkreuzen.

Horror vacui

Den Rest sollten Sie selbst sehen, es ist der Teil mit den besten Actionszenen. Die leider nicht rausreißen können, was insgesamt in den zähen zwei Stunden von „Alien – Covenant“ an Schmierentheater, Heckmeck und Bedeutungshuberei veranstaltet wird. Die Fallhöhe vom ersten „Alien“-Spielfilm hinab zu dieser Nullnummer ist astronomisch. Ridley Scott brauchte 38 Jahre, um sie zurückzulegen. Über sein geniales Horrorstück von 1979 sagt der Regisseur heute: „Ich habe ‚Alien‘ in gewisser Weise immer für ein B-Movie gehalten, ein richtig gut gemachtes.“ O ja, das war es! „Alien – Covenant“ hingegen ist bloß Trash, obschon kein billiger. Die Produktionskosten sollen sich auf 111 Millionen Dollar belaufen. So viel kann es kosten, ein Nichts herzustellen.

Ziemlich spektakulär: die Stadt der Toten

Immerhin sieht man, wo das Geld geblieben ist. Die Sets und Artefakte, die Chris Seagers designt hat, sind von atemberaubender Größe und Exotik. Das Riesenraumschiff „Covenant“ gleichwie die Nekropole auf dem Alien-Planeten zählen zum Besten an erfundener Welt, was seit „Avatar“ in SF-Filmen bestaunt werden konnte. Die CGI ist solide gefertigt, die Make-up-Abteilung darf bei den Splatter-Einlagen zünftig die Sau rauslassen, und Ridley Scotts Hauskameramann Dariusz Wolski gelingt es, die düsteren Szenen so auszuleuchten, dass noch in den Schatten der Schatten etwas zu erkennen bleibt.

Nicht alle Brustschmerzen sind ein Herzinfarkt. Leider

Die enorme Könnerschaft des Regisseurs erweist sich in den technischen Aspekten von „Alien – Covenant“ allemal. Umso frustrierender wirkt die Fahrlässigkeit, mit der Scott den großen Rest behandelt – das Drehbuch, die Logik, die Schauspielerei, den Sinn vons Janze. Der erschließt sich nämlich bloß den härtesten „Alien“-Fans, also jenen Geeks, denen ein Facehugger hier und ein platzender Brustkorb da für die Illusion genügen, einem Gruselfilm (mit SF-Dekor) beizuwohnen. Wenn denn in diesem Streifen irgendwas gruselig wäre!

„Ridleys Motto lautete: ‚Wir werden einen harten Film mit R-Rating machen und viel Rotwein brauchen‘ – Rotwein ist ein anderes Wort für Filmblut.“ Das berichtet Mark Huffam, einer der Produzenten, und er fährt fort: „Wir wollen, dass den Leuten die Hosen schlottern.“ Aber den Leuten dreht sich allenfalls der Magen um vor all dem verspritzten Vino. Ridley Scott verwechselt Horror mit Ekel, physischen Terror mit psychologischem Grauen, und diese Verwechslung ist unter der Würde und dem Format eines Meisters seiner Klasse. Ein R-Rating ist leicht zu haben, viel schwerer jedoch, einen filmischen Albtraum zu inszenieren, in dem die Angst der Protagonisten zu unserer Angst wird. Und genau das gelingt Scott in „Alien – Covenant“ nicht.

Letzte im Sigourney-Weaver-Ähnlichkeitswettbewerb: Katherine Waterston

Denn seine Figuren sind von geradezu empörender Flachheit – am Reißbrett skizziert, durch die Klischeemühle gedreht, in Schablonen verpackt. Es wird grässlich viel geheult und gebrüllt, aber diesen hyperhysterischen Typen, zumal der „Heldin“ Daniels, diesem Hybridklon aus Warrant Officer Ripley und G. I. Jane, nimmt der mündige Zuschauer kein einziges Gefühl ab. Diese Schreihälse erregen kein Mitleid, sondern nerven bloß mit ihrem Geflenn und Augenrollen. Egal wie qualvoll sie enden (Scott lässt dem sadistischen Teil seiner Fantasie viel zu freien Lauf) – eine Identifikation findet nicht statt, weil diese Figuren im Kälteschlaf menschlicher und lebendiger wirken als aufgetaut.

Mein Gott, ist das beziehungsreich

Offensichtlich gab es für die Herstellung von „Alien – Covenant“ keinen einzigen Grund als den, aus einem höchst erfolgreichen „Franchise“ noch die letzten Taler zu wringen. Ridley Scott behauptet zwar, von anderen Dingen bewogen worden zu sein. Er will eine Erklärung liefern, woher die unbezwingbaren Aliens stammen, wie sie sich im Kosmos verbreiten konnten, usw. Doch ein „wissenschaftlich“ erklärtes Ungeheuer ist schon keins mehr, und die Genealogie, die hier vorgelegt wird, passt nur mit halb zugedrückten Augen zu dem, was wir aus den frühen „Alien“-Filmen kennen.

Scott tappt in die gleiche narrative Falle, in die George Lucas bei den „Star Wars“-Prequels geriet: Ein fiktiver Kosmos muss sich organisch entwickeln und wachsen wie ein Baum. Die erfundene Welt retrograd zu verändern bedeutet, an den Wurzeln herumzusägen und die besten Früchte verfaulen zu lassen (man verzeihe die Metapher).

Gollums großer Bruder? Nein, der Neomorph

Weil Ridley Scott besser als jeder Kritiker weiß, dass „Alien – Covenant“ keinen künstlerischen Wert hat, versteckt er die Banalität und Schludrigkeit der Story hinter jeder Menge Anspielungen. Scott bedient sich bei allem, was gut und teuer ist im großen SF-Film – in der Eingangssequenz zum Beispiel bei „2001“, in einigen Szenen auf der „Covenant“ bei Tarkowskis „Solaris“, außerdem finden sich Travestien auf „Matrix“, „Dr. Seltsam“, „Gravity“, „Ex Machina“ und „Terminator 2“, to name a few.

Übers blanke Namedropping kommt Ridley Scott in diesen Bildern mit Fußnote leider nicht hinaus: Er zeigt, wie geschickt er kopieren kann, doch nicht, warum er es tut. Vielleicht will er den Kollegen auf die Schultern klopfen, sich als ebenbürtig in die Brust werfen? Obwohl er das nicht nötig hat, er zählt ja längst zu den Großen. Vielleicht, wer weiß, sollen diese Hinweise auf ältere Meisterwerke bloß eine ironische Verfremdung ins Spiel bringen. Dafür freilich hatte Mr. Scott nie ein Händchen, so was sollte er besser den Kollegen Tarantino und Whedon überlassen.

Die meisten Zitate und Anspielungen – es sind Aberdutzende – beziehen sich allerdings auf die „Alien“-Serie selbst. Für bedingungslose Fans dieses „Franchises“ dürfte es ein Fest sein, die Szenen zu identifizieren, die Ridley Scott originalgetreu nachgestellt hat. Schon dafür werden sie den Film mindestens dreimal gucken und Scott hochjubeln. Er hat für all die Innuendi aber auch einen erzählerischen Grund. Da Scott mit „Alien – Covenant“ die allgemein verbindliche Schlüsselstory zum „Alien“-Kosmos liefern will, sind seine, wenn man mag, Neuinterpretationen älterer Szenen recht hilfreich, um der gesamten Reihe zumindest den Schein innerer Geschlossenheit zu verleihen.

Kein Szenenbild aus „Aliens“

Die nicht eben subtil vorgetragene Selbstreferentialität geht jedoch selbst einem alten Bewunderer Scotts wie mir schnell auf den Senkel. Sie wirkt auch, neudeutsch zu labern, kontraproduktiv. Vor lauter halben und doppelten Zitaten vergisst der Regisseur völlig, eine originelle, packende Geschichte zu erzählen. Zweimal wird aus dem mitreißenden Score zitiert, den Jerry Goldsmith einst für „Alien“ schuf. Beim Erklingen dieser großartigen Musik, der suggestivsten, die Goldsmith je komponiert hat, wird besonders deutlich, wie lichtjahrweit der alte und der neue Film voneinander entfernt sind, wie unnötig und peinlich „Alien – Covenant“ neben dem alten Meisterstück wirkt.

Als ich 2014 „Exodus – Götter und Könige“ sah, meinte ich, dass Scott diese eitle Routine, dass er so viel Lustlosigkeit, Brutalität und Zynismus niemals überbieten könne. Dies war ein Irrtum. Nichts an „Alien – Covenant“ ist berührend, nichts an diesem Film beängstigend außer der Vorstellung, Ridley Scott könnte fortan nur mehr seelen- und, trotz aller Rotweinkleckerei, blutlose Geldmaschinen zusammenschrauben. Davor graut mir wahrlich.

Ahnen bereits die Reaktion der Kritiker: Michael Fassbender und Carmen Ejogo

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Ridley Scott sind in unserer Rubrik Regisseure zu finden, Filme mit Michael Fassbender, James Franco und Guy Pearce in der Rubrik Schauspieler.

Länge: 122 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Alien – Covenant
USA/AUS/NZ/GB 2017
Regie: Ridley Scott
Drehbuch: John Logan, Dante Harper
Besetzung: Michael Fassbender, Katherine Waterston, Billy Crudup, Danny McBride, Demián Bichir, Carmen Ejogo, Jussie Smollett, Callie Hernandez, Nathaniel Dean, James Franco, Guy Pearce, Noomi Rapace
Verleih: Twentieth Century Fox

Copyright 2017 by Kay Sokolowsky

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2017 Twentieth Century Fox

 
2 Kommentare

Verfasst von - 2017/05/17 in Film, Kino, Rezensionen

 

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