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Der Unsichtbare – Ist das der Atem des Stalkers?

The Invisible Man

Kinostart: 27. Februar 2020

Von Philipp Ludwig

Horrorthriller // Adrian Griffin (Oliver Jackson-Cohen, „The Haunting of Hill House“) hat im Prinzip alles, was ihn zu einem begehrenswerten Lebenspartner macht. Der geniale Physiker ist jung, sieht bestens aus und scheint ein echter Charmeur zu sein. Darüber hinaus ist er als Wissenschaftler eine wahre Koryphäe auf dem Feld der Optik (Forschungsschwerpunkt: Unsichtbarkeit), was ihn zu einem beachtlichen Vermögen samt schnieker Hightech-Villa am Strand verhalf. Es könnte also schlimmere Optionen bei der Partnerwahl geben. Sollte man meinen.

Cecilia flieht vor ihrem tyrannischen Lebenspartner

Seine Freundin Cecilia Kass (Elisabeth Moss) kennt das wahre Gesicht hinter der schönen Fassade. Adrian ist in Wahrheit nicht nur ein narzisstischer Soziopath und Kontrollfreak, nach ihren Erzählungen scheint er auch vor häuslicher Gewalt nicht zurückzuschrecken. So beginnt „Der Unsichtbare“ auch mit der minutiös geplanten, nervenaufreibenden nächtlichen Flucht Cecilias aus ihrem „goldenen Käfig“. Nachdem sie anschließend bei ihrem besten Freund, dem Polizisten James (Aldis Hodge, „Straight Outta Compton“) und dessen Tochter Sydney (Storm Reid, „When They See Us“), untergetaucht ist, erhält sie nach zwei Wochen die erlösende Nachricht: Adrian hat sich, vermeintlich aus Liebeskummer, umgebracht. Seine Drohung, sie könne ihn niemals verlassen, scheint er somit nicht mehr einlösen zu können. Doch das Gefühl der Befreiung währt für Cecilia nur kurz. Schon bald beginnen ihr mysteriöse Ereignisse das Gefühl zu geben, dass Adrian immer noch da ist. Konnte er seine Forschungen zur Verwirklichung von Unsichtbarkeit etwa doch zu Ende bringen? Zunehmend sieht sie sich und ihre Lieben in Gefahr. Doch ist diese Gefahr real? Und falls ja, wer wird ihr glauben?

Alter Stoff in neuem Gewand

Der Australier Leigh Whannell ist bislang vor allem als Drehbuchautor bekannter Horrorfilme wie der „Insidious“-Reihe und den ersten drei „Saw“-Teilen in Erscheinung getreten, in denen er mitunter auch als Schauspieler mitwirkte. Für die Blumhouse-Produktion „Der Unsichtbare“ nahm er zusätzlich zum Drehbuchschreiben zum dritten Mal nach „Insidious – Chapter 3: Jede Geschichte hat einen Anfang“ und „Upgrade“ auch auf dem Regiestuhl Platz. Whannell bedient sich dabei mit dem Roman „The Invisible Man“ von H. G. Wells aus dem 19. Jahrhundert bei einer populären Vorlage und einem echten Klassiker der Literaturgeschichte. Ebenso beruft er sich auf die bereits 1933 durch James Whale erfolgte Verfilmung mit dem gleichen Titel. Der australische Experte für Horror- und Thrillerstoffe transportiert die klassische Handlung nicht nur in unsere Zeit – er erlaubt sich zudem einige Freiheiten in seiner ganz eigenen Interpretation der Vorlage, indem er etwa den ominösen Unsichtbaren zu einem bedrohlichen Stalker der Protagonistin umfunktioniert.

Sie fühlt sich verfolgt und bedroht

Leigh Whannell bedient sich zudem gleich bei einer ganzen Reihe an klassischen Inszenierungsstrategien des Thrillergenres. Trotz der offiziellen Deklarierung als Horrorfilm und der Anlehnungen an den bedrohlichen und spannungsreichen Erzählstil des Psychohorrors hat „Der Unsichtbare“ für mich persönlich somit viel mehr den Charakter eines Thrillers inne. Dies wird umso offensichtlicher, da es sich der Regisseur und Drehbuchautor in Personalunion erlaubt, diverse Genreklassiker zu zitieren. Hervorzuheben seien hier beispielsweise wiederholte Anspielungen auf großartige Werke des Altmeisters Alfred Hitchcock wie „Psycho“ (1960) oder „Das Fenster zum Hof“ (1954). Ebenso lassen sich Ähnlichkeiten zu anderen „Unsichtbarkeits“-Thrillern wie „Hollow Man“ (2000) natürlich kaum vermeiden. Auch scheint das Stalker-Thema derzeit eine Art Hochkultur in Film und Fernsehen zu erleben, betrachtet man neuere Werke wie den Thriller „Greta“ (2018) oder die populäre Netflix-Serie „You“ (seit 2018).

Filmtechnisch top

Trotz der zahlreichen Anspielungen auf bekannte wie beliebte Genreklassiker zeigt Regisseur Whannell in seiner Neuinterpretation der popkulturellen Vorlagen durchaus auch innovative Ansätze. Insbesondere auf technischer Ebene weiß „Der Unsichtbare“ zu überzeugen; visuell etwa durch eine einfallsreiche und spannungsfördernde Kameraarbeit, mit der mittels langsamer Schwenks immer wieder dunkle Ecken und Winkel abgefahren werden, in denen die Protagonistin Cecilia ihren vermeintlich verstorbenen Ex vermutet. Zudem funktioniert in den stilleren Momenten das Sounddesign sehr gut – jedes Knarzen von Treppenstufen oder Quietschen von Türangeln fungiert als wirksames Werkzeug des Suspense. Ähnlich wie bei anderen „Stille“-Horrorthrillern wie „A Quiet Place“ (2018) erwischt man sich als Kinozuschauer dabei, wie durch diese gelungene Inszenierung „angespannter Stille“ auch jedes Geräusch im Kinosaal wie das bei anderen Gästen erfolgte Zurechtrücken im Kinosessel, deren Schniefen oder Räuspern die eigene Anspannung steigert. Man guckt zumindest zweimal auf den eventuell leeren Platz neben sich oder zum Notausgang neben der Leinwand, in der Vermutung, auch dort könnte eventuell eine unsichtbare Bedrohung lauern.

Cecilia gerät in Bedrängnis

Auch die häufig vorkommenden lauten Momente von „Der Unsichtbare“ funktionieren durchweg gut. In erster Linie ebenfalls dank technischer Aspekte wie die innovativen visuellen Effekte, die die Auseinandersetzungen zwischen Cecilia und ihrem unsichtbaren Stalker atemberaubend in Szene setzen und allgemein die Möglichkeit einer menschlichen Unsichtbarkeit glaubhaft vermitteln. Getoppt wird das Ganze noch durch den tollen Sundtrack von Benjamin Wallfisch. Der Komponist wirkte bereits an innovativen Hans-Zimmer-Soundtracks wie „Blade Runner 2049“ oder „Dunkirk“ (beide 2017) mit und bewies schon mit seinen Scores zu den beiden Stephen-King-Neuverfilmungen „Es“ (2017) und „Es – Kapitel 2“ (2019), dass ihm das spannungs- und schockgeladene Kino liegt. In „Der Unsichtbare“ vermag er es nun mit seiner stets passenden musikalischen Untermalung durch zarte Pianoklänge, melancholische Streicher und bedrohliche Synthesizer, der wechselhaften Spannung zwischen der traurigen Geschichte um die traumatisierte Cecilia mit der Konfrontation einer unsichtbaren und mitunter akuten Bedrohung eine ganz eigene Qualität zu verleihen.

Wird sie jemals ihrer Vergangenheit entkommen?

Als Glücksfall stellt sich darüber hinaus die Besetzung der Hauptfigur Cecilia mit Elisabeth Moss heraus. Der Fernsehserienstar („Mad Men“, „The Handmaid’s Tale“) fährt hier die volle Bandbreite einer weiblichen Thrillerdarstellerin auf – von der anfänglichen Damsel in Distress, die sich schüchtern in ihr Schneckenhaus zurückzieht, über die verzweifelte, missverstandene Verfolgte bis hin zur taffen Widersacherin gegen ihren Peiniger – Moss füllt jede dieser Rollen mit großer schauspielerischer Verve aus. Ihre Interpretation der emotionalen Tour de Force einer mehr und mehr alleingelassenen Protagonistin trägt den gesamten Film von Anfang bis Ende.

Grundsolide Thrillerkost

Aufgrund der fast schon sklavischen Orientierung an etablierten Erzählstrategien und Zitation bekannter Werke des Thrillergenres kann Leigh Whannell mit seinem neuesten Werk dagegen nur selten mal für wirklich überraschende Momente sorgen. Gerade für genreerprobte Zuschauer dürften die meisten Wendungen und Jumpscares nur wenig Potenzial für Überraschungen bieten. Ebenso bleibt in seinem Drehbuch mitunter leider auch die Logik auf der Strecke. Ohne nun zum Abschluss zu viel verraten zu wollen – die Tatsache, dass beispielsweise auch engste Vertraute Cecilias wie ihr Freund James, als gewissenhafter Polizist, so überhaupt keinen Gedanken daran verschwenden, dass Adrian Griffin als der weltweit führende Wissenschaftler auf seinem Gebiet tatsächlich sein Ziel der Unsichtbarkeit erreicht haben könnte, hat mich, ebenso wie Cecilia, beinahe wahnsinnig gemacht. Nichtsdestotrotz bietet „Der Unsichtbare“ durch seine ansprechende Inszenierung, den guten Cast um Hauptdarstellerin Moss sowie den rasanten Anstieg im Erzähltempo insbesondere in der zweiten Hälfte ein durchweg befriedigendes Kinoerlebnis. Gerade Genrefans dürften also, trotz der mitunter herrschenden Überraschungsarmut, auf ihre Kosten kommen. Begeisterungsstürme wird Leigh Wannell mit seinem neuesten Werk jedoch kaum auslösen.

Länge: 124 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: The Invisible Man
AUS/USA 2020
Regie: Leigh Whannell
Drehbuch: Leigh Whannell, nach einem Roman von H. G. Wells
Musik: Benjamin Wallfisch
Besetzung: Elisabeth Moss, Oliver Jackson-Cohen, Aldis Hodge, Michael Dorman, Storm Reid, Harriet Dyer, Amali Golden, Zara Michales, Nash Edgerton, Sam Smith
Verleih: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2020 by Philipp Ludwig

Filmplakat, Szenenfotos & Trailer: © 2020 Universal Pictures Germany GmbH

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 2020/02/25 in Film, Kino, Rezensionen

 

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Horror für Halloween (XXXIII): Insel der verlorenen Seelen – Verstörendes im „Haus des Schmerzes“

Island of Lost Souls

Von Volker Schönenberger

SF-Horror // Aus dem Hochsee-Nebel taucht der Frachter „Covena“ auf. Ein Schiffbrüchiger wird gerettet und an Bord geholt. Edward Parker (Richard Arlen) hatte sich an Bord eines anderen Schiffs befunden, das gesunken ist. Sein vermeintliches Glück im Unglück: Die „Covena“ steuert die Südee-Insel Apia an, auch sein Ziel. Dort will Parker seine Verlobte Ruth Thomas (Leila Hyams) heiraten. Das Schiff transportiert im Auftrag des geheimnisumwitterten Dr. Moreau (Charles Laughton) etliche wilde Tiere verschiedener Arten, die dem Doktor bei einem Zwischenstopp mitten auf See übergeben werden sollen. Per Schiffskran werden die Tiere von der „Covena“ auf Moreaus Schoner gehievt. Weil sich Parker kurz zuvor mit Kapitän Davies (Stanley Fields) angelegt hatte, wirft der ihn kurzerhand über Bord auf das andere Schiff.

Edward Parker trifft auf fremdartige Kreaturen

Widerwillig, aber freundlich nimmt Dr. Moreau seinen neuen Passagier mit auf seine eigene Insel und gewährt ihm dort Gastfreundschaft in seiner Privatklinik. Der Wissenschaftler stellt seinem Gast die schöne Lota (Kathleen Burke) vor, deren freundliches Wesen mit einer merkwürdigen geistigen Schlichtheit einhergeht. Als Parker schließlich bemerkt, dass die Forschungsarbeit seines Gastgebers aus ethisch höchst fragwürdigen Experimenten besteht und er offenbar Menschen und Tiere gleichermaßen als Versuchskaninchen für grausame Zwecke missbraucht, flieht er aus der Klinik. Kurz darauf findet er sich unter fremdartigen Kreaturen wieder, menschenähnlichen Wesen mit animalischen Charakteristika. Was geht auf der Insel vor? Und was hat es mit Dr. Moreaus „House of Pain“ auf sich?

Bela Lugosi ganz haarig als Verkünder der Gesetze

Bela Lugosi! Jawohl auch der „Dracula“-Darsteller tritt prominent in Erscheinung. Allerdings ist er kaum zu erkennen, da sich sein Gesicht hinter starker Behaarung verbirgt. Die Make-up-Crew hat nicht nur bei ihm ganze Arbeit geleistet, die auch heute noch Respekt abringt. Lugosi gibt den „Sayer of the Law“ („Verkünder der Gesetze“), einen Affenmenschen, der die wilde Horde von „Beast Men“ („Tiermenschen“) führt, die allesamt unter der strengen Knute von Dr. Moreau stehen. Charles Laughton verkörpert diesen frühen filmischen „Mad Scientist“ mit Inbrunst und in blasierter Kultiviertheit. Sein Dr. Moreau ist geradezu die Personifizierung des verrückten Wissenschaftlers, wobei Verrücktheit gar nicht mal seine hervorstechendste Eigenschaft darstellt. Viel nachhaltiger wirkt auf uns Zuschauerinnen und Zuschauer seine Skrupellosigkeit, die tatsächlich heute noch fassungslos macht. Do you know what it feels to feel like god? Die Frage, wie es sich anfühle, sich wie Gott zu fühlen, stellt er seinem Gast Edward Parker in voller Ernsthaftigkeit; und in der Tat gebärdet er sich gegenüber den Kreaturen auf der Insel wie ein Gott. Der „liebe“ Gott des Alten Testaments war ja ebenfalls mit großer Skrupellosigkeit gesegnet, aber das nur am Rande. Ob Gott oder nicht, gegenüber Laughtons Schauspielkunst verblassen zwangsläufig alle anderen Darstellerinnen und Darsteller.

Grausliche Experimente

Fragen nach Verantwortung und Hybris der Wissenschaft stellen sich bei „Insel der verlorenen Seelen“ nicht, gar zu monströs ist Moreaus Wirken. Wie genau seine Operationen und Vivisektionen zu Resultaten führen, erfahren wir nicht, das erscheint auch als richtige Entscheidung, da die Ergebnisse allzu absurd anmuten – was aber der Wirkung keinen Abbruch tut. Ob damalige Kinogängerinnen und -gänger das Gezeigte für machbar gehalten haben? Die Ergebnisse von Moreaus Experimenten und Operationen sind auch nach heutigen Maßstäben grauslich. Und mögen sie auch unrealistisch sein, ganz und gar nicht weltfremd ist es, uns Menschen grausamste Versuche mit unseresgleichen zuzutrauen, wie etwa die Menschenversuche in nationalsozialistischen Konzentrationslagern und das Wüten der Einheit 731 der Kaiserlich Japanischen Armee in der Mandschurei nachdrücklich belegen.

„Freaks“ und „Graf Zaroff“ lassen grüßen

In Verbindung mit der formidablen Ausleuchtung und dem damit einhergehenden Licht-und-Schattenspiel entfaltet sich wahrer Horror in dem Panoptikum mutierter Wesen, die bisweilen aus dem Gehölz auftauchen und dem nichts Böses ahnenden Zuschauer direkt ins Gesicht starren. Tod Brownings „Freaks“ aus demselben Jahr kam mir während der Sichtung von „Insel der verlorenen Seelen“ in den Sinn. Beide Werke dürften auf das Kinopublikum der 1930er-Jahre eine vergleichbar verstörende Wirkung gehabt haben. Mit seinem auf eine Insel begrenzten Setting und dem sinistren Herrn der Insel erinnert der Film auch an „Graf Zaroff – Genie des Bösen“, ebenfalls aus dem Produktionsjahr 1932.

Bilder vom „Sunrise“-Kamerapionier Karl Struss

In den Bildern verschwimmen die Grenzen zwischen Studiokulissen und Außen-Drehorten. Kein Wunder, denn mit Karl Struss findet sich dann auch ein echter Könner als Kameramann, der als einer der Wegbereiter der Technik und Handhabung von Filmkameras in Hollywood gilt und nicht umsonst 1929 für seine Arbeit an F. W. Murnaus „Sonnenaufgang“ mit dem Oscar prämiert wurde – bei der ersten Oscar-Verleihung überhaupt. Bis 1942 war Struss drei weitere Male nominiert: 1932 für „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“, 1934 für „Im Zeichen des Kreuzes“ und 1942 für „Aloma, die Tochter der Südsee“.

Drehort Santa Catalina Island

Die Außenaufnahmen entstanden auf Santa Catalina Island vor der kalifornischen Küste. Die Insel diente ein paar Jahre später auch als Drehort für „Meuterei auf der Bounty“ (1935), bei dem Charles Laughton ebenfalls in tragender Rolle zu sehen ist. Auch Teile des Horror-Trashfilms „Sand Sharks“ (2012) sind dort entstanden.

Pre-Code in Reinkultur

1932 existierte der Hays-Code zwar schon, die darin gelisteten Vorgaben zur Produktion von Filmen, die dem vermeintlichen sittlichen Empfinden der Gesellschaft nicht schaden sollten, waren für die Hollywood-Studios aber noch nicht verbindlich, eher als freiwillige Selbstverpflichtung zu verstehen. Demzufolge ließ sich die Traumfabrik in der Zeit bis zur Verbindlichwerdung dieses Zensurwerks in den sogenannten Pre-Code-Filmen häufig zu etwas deutlicheren Andeutungen und Darstellungen von Sexualität und Gewalt hinreißen, auch wenn viele Szenen nach heutigen Maßstäben harmlos erscheinen mögen. „Insel der verlorenen Seelen“ wartet mit einigen Motiven auf, die in Zeiten des Hays-Codes nicht mehr durchgegangen wären, etwa die Andeutung sexueller Verlockungen zwischen Edward Parker und Lota, die nach 30er-Jahre-Maßstäben umso skandalöser wirkt, da es sich um einen Weißen und eine Polynesierin handelt und Lota zudem gar … aber ich will nicht spoilern. Zum Finale werden wir Zeuge einer versuchten Vergewaltigung durch eine animalische, nur halb menschliche Kreatur, und Dr. Moreaus Grausamkeit mit der Peitsche und am OP-Tisch ist natürlich alles andere als Hays-kompatibel, von seinem blasphemischen Auftreten als „Gott der Insel“ ganz zu schweigen. Mit der Zensur durch empörte Moralwächter hatte „Insel der verlorenen Seelen“ dann auch ordentlich zu kämpfen. In Schweden beispielsweise wurde die Aufführung 1933 untersagt, desgleichen im Vereinigten Königreich, dort sogar mehrfach bis in die 1950er-Jahre hinein. Auch in Nazi-Deutschland verhinderte die Obrigkeit, dass das Kinopublikum den Film zu sehen bekam. Wurde er in Deutschland überhaupt je irgendwann gezeigt, etwa im Fernsehen? Hinweise dazu nehme ich gern per Kommentar entgegen.

Nach dem Roman von H. G. Wells

„Insel der verlorenen Seelen“ bildet die erste Verfilmung des 1896 veröffentlichten Romans von H. G. Wells („Die Zeitmaschine“). Zwei weitere folgten ihr deutlich später: 1977 mit „Die Insel des Dr. Moreau“ mit Burt Lancaster in der Titelrolle, 1996 mit John Frankenheimers „D.N.A. – Experiment des Wahnsinns“ mit Marlon Brando als Dr. Moreau. Beide Adaptionen tragen im Original denselben Titel wie die Romanvorlage: „The Island of Dr. Moreau“.

Gibt es eine Rettung von der Insel?

Den Trivia der IMDb zufolge mochte Wells „Island of Lost Souls“ nicht, weil der Horror zu sehr über die philosophischen Aspekte seiner Geschichte dominierte. Die Filmhandlung unterschlägt auch bedeutsame Aspekte des Romans, etwa zur gesellschaftlichen Struktur der Kreaturen. Eine kritische Meinung steht dem Romanautor natürlich zu, wir hingegen können konstatieren: Regisseur Erle C. Kenton („Frankenstein kehrt wieder“, „Draculas Haus“) hat mit „Insel der verlorenen Seelen“ ein Meisterwerk des frühen Tonfilm-Horrorgenres geschaffen.

Erst 2019 in deutsche Heimkinos

Der Film hat es in Deutschland erst im August 2019 im Rahmen der „Classic Chiller Collection“ des Labels Ostalgica ins Heimkino geschafft. Da mir die Edition nicht vorliegt, kann ich darüber nichts äußern. Referenz-Veröffentlichungen kommen einmal mehr vom US-Label The Criterion Collection sowie in der „The Masters of Cinema Series“ des englischen Labels Eureka Entertainment. Eureka hat den Titel nicht nur im herkömmlichen Softcase veröffentlicht, sondern auch als überaus attraktiv aufgemachtes Steelbook. Beide Varianten enthalten den Film auf Blu-ray und DVD, ein 32-seitiges Booklet mit vielen Fotos und einem lesenswerten Text des englischen Publizisten Kim Newman rundet das Gesamtpaket vorzüglich ab.

Dass sich nur wenige deutschsprachige Texte zu „Insel der verlorenen Seelen“ im Netz finden, lässt vermuten, dass der Film hierzulande weniger bekannt ist, als er es verdient hat. An sich nehme ich genug Filmfreunde mit Interesse an uralten Horror- und Science-Fiction-Stoffen wahr, diese müssten sich die Finger nach dem Werk lecken. Vielleicht gelingt es der Ostalgica-Veröffentlichung, „Insel der verlorenen Seelen“ die gebührende Aufmerksamkeit zu verschaffen.

Unser Autor Ansgar Skulme hat im befreundeten Filmforum Bremen eine lesenswerte Rezension von „Insel der verlorenen Seelen“ platziert. Die „Classic Chiller Collection“ von Ostalgica haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgeführt. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Charles Laughton und Bela Lugosi sind unter Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 9. August 2019 als 3-Disc Classic Chiller Collection (Blu-ray & 2 DVDs)

Länge: 73 Min. (Blu-ray), 70 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Island of Lost Souls
USA 1932
Regie: Erle C. Kenton
Drehbuch: Waldemar Young, Philip Wylie, nach dem Roman „Die Insel des Dr. Moreau“ von H. G. Wells
Besetzung: Charles Laughton, Bela Lugosi, Richard Arlen, Leila Hyams, Kathleen Burke, Arthur Hohl, Stanley Fields, Paul Hurst, Hans Steinke, Tetsu Komai, George Irving
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Bodo Traber, Matthias Künnecke & Gerd Naumann, „Trailers from Hell“ mit John Landis, englischer Originaltrailer, Bildergalerie, Audio-CD mit Hörspiel nach H. G. Wells: „Die Insel des Dr. Moreau“
Label: Ostalgica
Vertrieb: Media Target Distribution GmbH

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Szenenfotos, Aushangmotive & Packshot Classic Chiller Collection: © 2019 Ostalgica

 

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In der Gewalt der Riesenameisen – Es kribbelt und krabbelt überall

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Empire of the Ants

Von Volker Schönenberger

SF-Horror // Schön, dass Koch Films die Reihe „Creature Feature“ nach der Veröffentlichung von „Mörderspinnen“ mit William Shatner und Joe Dantes „Piranhas“ fortsetzt. Im vergangenen Sommer hatte das Label auf Nachfrage noch keinen weiteren Titel in Aussicht gestellt. Lassen wir uns überraschen, was uns nach dem dritten Teil der Reihe künftig ins Haus steht.

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Beute

Angeblich beruht „In der Gewalt der Riesenameisen“ auf H. G. Wells‘ 1905 erstmals veröffentlichter Kurzgeschichte „Empire of the Ants“, aber die Handlung unterscheidet sich doch arg. Sie folgt einer Gruppe von potenziellen Käufern, die von an einem malerischen Grundstück an der See träumen – oder auch nur gratis einen angenehmen Trip mitnehmen wollen und dafür bereit sind, sich in Kaufgespräche verwickeln zu lassen. Die windige Maklerin Marilyn (Joan Collins) von „Dreamland Shores“ lotst ihre Kunden in spe auf eine Insel im Sumpfgebiet von Florida. Dort sind allerdings kurz zuvor Fässer mit radioaktivem Giftmüll angeschwemmt worden – mit fatalen Folgen: Heimische Ameisen mutieren zu Riesenviechern, größer als Menschen.

Sogar eine Wendung vor dem Finale

Die Handlung könnte nun weiter mit dem Bedrohungsszenario fortfahren und als Survival-Horror ins Ziel gehen, schlägt aber im letzten Drittel ein paar wundersame Kapriolen. Eine kuriose Wendung bringt etwas Komik ins Spiel, wenn auch womöglich unfreiwillige Komik. Macht aber nichts, unterhaltsam ist das allemal.

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Noch mehr Beute – aus der Perspektive des Jägers

Wenn Menschen und Riesenameisen in Nahaufnahmen in den Infight gehen, kommen Modelle der Kreaturen zum Einsatz. In anderen Einstellungen schnitt Regisseur Bert I. Gordon („Die Insel der Ungeheuer“) vergrößerte Aufnahmen echter Ameisen hinein, auch sind Ameisen auf Modellen von Gebäuden zu sehen. All das erkennt man zwar, aber da es sich um einen Film aus dem B-Horror-Segment handelt, winken wir diese Effekte als ansprechend durch.

Saturn-Award-Nominierung für Joan Collins

Schauspielerisch bewegt sich das auf unterdurchschnittlichem Niveau. Dass die an sich recht angesehene Academy of Science Fiction, Fantasy & Horror Films das spätere „Denver Clan“-Biest Joan Collins 1978 für einen Saturn Award nominierte, lässt ratlos zurück.

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Die Tiere sind heiß auf eine Zuckerraffinerie

Der weit bessere Ameisen-Horrorfilm ist „Formicula“ von 1954, aber als Teil 3 der Koch-Films-Reihe „Creature Feature“ hat sich „In der Gewalt der Riesenameisen“ seinen Platz in den Regalen der Tierhorror-Freunde verdient. Das Bild hätte eine etwas sorgfältigere Aufpolierung vertragen, aber ein Hochglanzprodukt ist der Film ohnehin nicht. Trotz einiger Schwächen: Kruder Tierhorror ist immer wieder schön.

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Die Maklerin und die Königin

Die Reihe „Creature Feature“ haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgelistet.

Veröffentlichung: 28. Januar 2016 als Blu-ray und DVD

Länge: 90 Min. (Blu-ray), 86 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Empire of the Ants
USA 1977
Regie: Bert I. Gordon
Drehbuch: Jack Turley, Bert I. Gordon, nach einer Story von H. G. Wells
Besetzung: Joan Collins, Robert Lansing, John David Carson, Albert Salmi, Robert Pine, Jacqueline Scott, Pamela Shoop, Tom Fadden
Zusatzmaterial: Vollbild-Fassung, Super-8-Fassung, deutscher & englischer Trailer, Bildergalerie
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2016 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshot: © 2016 Koch Films

 
 

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