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Peter Weir (IV): Mosquito Coast – Es gibt keinen Neuanfang

Mosquito Coast

Von Leonhard Elias Lemke

Abenteuerdrama // „Mosquito Coast“ ist ein gewollt frustrierender Film – was für seine Qualität spricht. Damals, als Zwölfjähriger, als ich ihn auf Video sah, erhoffte ich mir einen Abenteuerfilm mit einem heldenhaften Harrison Ford. Ich wurde enttäuscht und kann ihn heute umso mehr schätzen.

Allie Fox – Idealist oder Egoist?

Allie Fox (Harrison Ford) ist Erfinder. Zig Patente sind bereits angemeldet, die nächsten genialen Einfälle stehen kurz bevor. Allein: Niemand fragt nach seinen Erfindungen. Für einen Farmer soll er eine einfache Kühlvorrichtung konstruieren. Fox stellt ihm sein revolutionäres und potenziell gigantisches Gefrierfach vor – nach einem derart komplexen Gebilde hat sein Auftraggeber aber gar nicht gefragt. In dieser Gesellschaft sind keine Neuerungen für die Zukunft gefragt, sondern Behelfsmittel für die Gegenwart. Eine ökologische Wende hin zum Guten und eine sinnvolle, die Lebens- und Umweltqualität verbessende Technik interessieren nicht. Der schnelle Dollar regiert, koste es, was es wolle. Fox kehrt sich ab von dieser Art der Zivilisation und will noch einmal ganz neu beginnen – im Dschungel, an der Mosquito Coast. Seine Frau (Helen Mirren) und seine vier Kinder im Schlepptau, macht er sich auf, gemeinsam mit den Eingeborenen eine neue, bessere Welt zu schaffen. Doch nach wessen Urteil handelt es sich eigentlich um eine bessere Welt? Ein fanatischer Pastor, südamerikanische Kriminelle und vor allem sein aufkommender Größenwahn und sich zunehmend trübender Blick auf den Sinn des Lebens sowie unsere (geringe) Macht über die Welt stellen sich Fox und seinem (scheinbar) idealistischen Neuanfang in den Weg.

Das Ende der Welt kommt auf leisen Sohlen

Rätselhafte, gewaltige Natur, deren Rache schleichend daher kommt. Der australische Regisseur Peter Weir ist für seine Zivilisationskritiken bekannt. Dabei bietet er in seinen Filmen nur bedingt Lösungen für eine bessere Welt an. Er hält uns einen Spiegel vor und lässt uns die Perversionen der Menschen erkennen oder konfrontiert den Zuschauer mit anscheinend übernatürlichen Phänomenen, die wir nicht verstehen können. 1975 machte er ein „Picknick am Valentinstag“, ließ Menschen an einem objektiv wunderschönen Ort verschwinden. Auf den ersten Blick mag der Film romantisch wirken, bei näherem Hinsehen ist er jedoch der blanke Horror, über allem schwebt eine Aura des Unbekannten, das nicht danach strebt, den Menschen über seine Bewandtnis aufzuklären. Mit wachsendem Unverständnis wird auch die Angst größer – alles scheint möglich. Im den die Gewohnheit liebenden Menschen macht sich Panik breit. Zwei Jahre nach seinem Picknick schickte uns Weir „Die letzte Flut“. Ein apokalyptischer Film, aber kein Katastrophenthriller. Es regnet unentwegt, Aborigines verkünden das Ende unserer schönen neuen Welt. Der Regisseur stellt die Naturvölker in seinen Filmen als überlegene Wesen dar. Sie besitzen noch den Kontakt zum Ursprünglichen, zur Natur, zu Gott oder wie auch immer man es nennen möchte. Sie verstehen noch die Prozesse unseres Planeten. 1998 zeigte er „Die Truman Show“, eine Perversion und Entlarvung wahrer Menschlichkeit. Als Unmenschlichkeit. Jim Carrey ist der Hauptdarsteller einer Sitcom – nur weiß er dies nicht. Der Mensch hat seinesgleichen zu seinem Spielball gemacht, den Respekt vor der eigenen Rasse verloren. Kein Zusammenleben mehr, ein Vorzeichen der Wachablösung auf der Erde.

Die Mosquito Coast als bessere Welt?

Paul Schrader („Katzenmenschen“) schrieb aus Paul Theroux’ Novelle das Drehbuch. Den reinen Menschen gibt es nicht. Ihn erschaffen zu wollen, ist Terror. Protagonist Fox erklärt kopfschüttelnd die Absurdität unserer Gesellschaft: Die Eingeborenen verlassen ihren Dschungel, indem sie doch so reich an Leben sind, um in unserer Welt Handlanger eines kommerziellen und selbstzerstörerischen Systems zu werden. Sie kommen, um ihre eigene Welt – für sie unbewusst – dem Beton gleich zu machen. „Mosquito Coast“, vor über 30 Jahren mäßig erfolgreich in den Kinos gelaufen, ist als Ökofilm – eine mögliche Kategorisierung – 2019 von noch größerer Aktualität. Und diese wird mit jedem Jahr weiter zunehmen.

Eis im Dschungel

Fox’ für die Menschheit potenziell wichtige Erfindungen sind nicht gewollt. Jeder denkt nur an das eigene Wohlsein und nicht an die Gemeinschaft. Und schon gar nicht an den Zustand unseres Planeten. Der Film wird damit zu einem regelrechten Fingerzeig auf das politische Geschehen – besonders unserer Tage: Hier geht es nur um Interessen, Wählerstimmen, Amtsperioden und Zahlen. Der vorausschauende Blick in die Zukunft wird nicht gewagt. Man hat Angst vor dem Kommenden, wohlwissend, dass man nichts zu dessem Wohle beigetragen hat. Daraus folgen Abkehr und Konzentration auf das ausschließlich eigene Glück.

„Wenn man über das 20. Jahrhundert nachdenkt, muss man verrückt werden.“

Auch wenn Fox den fatalen Werdegang der Dinge erkannt hat, so ist er doch weder stark, noch allwissend genug, es besser zu machen. Seine Ideale sind groß, doch auch sie sind verfärbt von der eigenen Sozialisation. Im Grunde genommen steigt er schon mit dem falschen Bein ins Boot, als er sich das Urwalddorf kauft – oder besser: einem betrunkenen Geldhai abluchst. Das Land, das er sich eigentlich wünscht, sollte nicht käuflich sein. Er will dem Dschungel das Eis – die Zivilisation – bringen (was gar nicht benötigt wird, alles wächst frisch nach), die Vorzüge der Wissenschaft installieren – und verseucht, weil niemand die Chemie kontrollieren kann, seine neue Heimat. Das von ihm erbaute Kraftwerk wirkt wie ein Schrein, ein künstlicher Gott, den Fox gebracht hat. Er wird zum Extremisten, mordet, um eine friedliche Welt zu schaffen. Das kann so nicht gelingen.

Er verliert die klare Struktur, die für einen Neuanfang vonnöten ist, durch seinen Hass auf das, was ihm zuwider spricht. Damit bleibt auch er engstirnig und für sich. Wie die Menschen, die er doch so sehr verabscheut. Auch fernab der Konsumtempel kann er keine Gemeinschaft formen, er bleibt in seinem Denken und Tun für sich. Warnende Worte anderer, nächststehender wie Frau und Kinder nimmt er nicht an, um seine Pläne anzupassen. Er wird zum Diktator. Zwar hat er Gutes im Sinn, aber Menschen können nur gemeinsam füreinander entscheiden. Das entgeht Fox.

Der älteste Sohn, Charlie, überzeugend gespielt von einem 16-jährigen River Phoenix, entdeckt seine erste Erotik – „Mosquito Coast“ ist auch ein gelungener Coming-of-Age-Film. Doch sein Vater hat keinen Blick dafür, zu sehr ist er mit sich und SEINER neuen Welt beschäftigt. Der Zuschauer erlebt den Film aus der Perspektive von Charlie, der uns auch als Erzähler führt. Trotz seines jugendlichen Alters wirkt er so viel reifer als sein Vater. Er kommentiert aus der Rückschau und uns wird schnell klar, wie dieser Film enden muss.

Es läuft aus dem Ruder

Die Kirche, die den Menschen eigentlich den wahren (?) Glauben bringen sollte, vereinnahmt die Menschen tatsächlich nur für sich. Sie sollen ihr und nicht der Welt dienen. Konsum und Dienen gehen Hand in Hand und ein gutes Mittel zur Indoktrinierung sind die Medien. Der irre Pfarrer baut im Dschungel eine scheinbar makellose Kirche – und lässt den Gottesdienst in der Kirche vom Fernseher laufen. Die Eingeborenen werden zum Opfer der Manipulation, vorbereitet auf ihren Umzug in die erschlossene Welt oder dafür bestimmt, sich dem Kirchenstaat an der Mosquito Coast zu unterwerfen.

An der Mosquito Coast sind Han Solos und Indiana Jones’ Waffen stumpf

„Mosquito Coast“ ist vielleicht der stärkste Film von Harrison Ford. Er bringt zunächst das Publikum auf seine Seite, man stimmt ihm zu, in seinem unsere Welt verachtenden Blick. Man will, dass das neue Leben seiner Familie gelingt. Man wünscht sich ein Happy End. Doch Peter Weir ist kein Märchenerzähler. Sein Protagonist, Fox, wird vom Subjekt zum Objekt. Er wird Opfer seiner eigenen Pläne, seiner Selbstüberschätzung. Ford gelingt es kongenial, tröpfchenweise den Wahnsinn seiner Figur durchscheinen zu lassen. Seine Rolle ist fatalistisch. Da Selbstaufgabe für diesen Charakter unmöglich ist, steuern wir mit ihm immer schneller auf den großen Knall zu. Der kommt im Film für die Hauptfigur. Für uns sicher auch demnächst.

Eine Blu-ray in guter Bild- und Tonqualität dieses bedeutsamen Films ist ein wichtiges Mosaikstück in einer gut sortierten Filmsammlung. Nun hätte sich aber gerade dieses vielschichtige Werk mit hochkarätigen Namen vor und hinter der Kamera für eine aufwendigere Veröffentlichung angeboten, etwa im Mediabook. So muss man hier auf jegliche Extras oder wenigstens ein Booklet verzichten und sich allein am Film selbst erfreuen. Achtung: Anders als auf dem Backcover angegeben fehlt die englische Fassung, also die Originalsprache – stattdessen findet sich eine spanische Tonspur. Das ist sehr ärgerlich und hinterlässt einen faden Beigeschmack, denn so ein Film ohne den Originalton dürstet ja schon fast wieder nach einer erneuten, erweiterten Auflage. Auf Rückfrage beim Label Pidax zu diesem Fauxpas erhielt der Autor dieser Zeilen leider keine zufriedenstellende Antwort.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Peter Weir sind in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt, Filme mit Helen Mirren unter Schauspielerinnen, Filme mit Harrison Ford in der Rubrik Schauspieler.

Gescheitert?

Veröffentlichung: 1. April 2019 als Blu-ray und DVD

Länge: 114 Min. (Blu-ray)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Spanisch
Untertitel: keine
Originaltitel: The Mosquito Coast
USA 1986
Regie: Peter Weir
Drehbuch: Paul Schrader
Besetzung: Harrison Ford, Helen Mirren, River Phoenix, Jadrien Steele, Hilary Gordon, Rebecca Gordon, Jason Alexander, Dick O’Neill, Andre Gregory Martha Plimpton
Zusatzmaterial: keins
Label: Pidax Film
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2019 by Leonhard Elias Lemke
Szenenfotos & Packshot: © 2019 Pidax Film

 
 

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Blade Runner 2049 – Villeneuves Flehen

Blade Runner 2049

Kinostart: 5. Oktober 2017

Von Kay Sokolowsky

Science-Fiction // Bevor die Pressevorführung von „Blade Runner 2049“ begann, war auf der Leinwand in mannshohen Lettern eine Botschaft des Regisseurs Denis Villeneuve an uns Kritiker zu lesen: Er wisse zwar nicht, was wir von seinem neuen Spielfilm halten werden. „Doch ich möchte Sie bitten, dem Publikum das Erlebnis zu bewahren, das Sie haben, wenn Sie den Film heute sehen – also ohne irgendein Detail der Handlung zu kennen. Ich weiß, dass ich viel verlange, aber ich hoffe, dass Sie meinen Wunsch respektieren. Beste Grüße, Denis.“

City of nightmares: K in den Gassen von Greater Los Angeles

Diese Bitte ist eine Zumutung und eigentlich nicht zu erfüllen. Denn wie soll der Kritiker begründen, was ihm an einem Kinostück ge- oder missfällt, wenn er sich bei den Details bedeckt halten soll? Pointen nicht zu verraten, versteht sich von selbst, und ellenlange Inhaltsbeschreibungen sind was für Dilettanten, die nichts zu sagen haben. Aber wenn die Kritik sich nur vage zur Story äußern darf, muss sie oberflächlich bleiben, und das kann am Ende auch dem Regisseur nicht recht sein. Dabei sind die überraschenden Wendungen von „Blade Runner 2049“ nicht mal überraschend, und nur selten steckt im Drehbuch von Hampton Fancher die düstere Poesie, die sein Skript zum ersten „Blade Runner“ auszeichnet. Andererseits hat Villeneuve sichtbar viel Energie und Kreativität an diese Fortsetzung des Klassikers von 1982 verwandt, und weil das Achtung verdient, werde ich seinen Wunsch erfüllen und nichts ausplaudern, was nicht schon in den Trailern und Shorts zu sehen war, die in den vergangenen Monaten veröffentlicht wurden.

Die Geschichte spielt 30 Jahre nach Rick Deckards großer Jagd auf meuternde Nexus-6-Replikanten. Das Desaster mit den synthetischen Menschen hat die Tyrell-Corporation in die Pleite getrieben, aber der superreiche Elon-Musk-Typ Niander Wallace (Jared Leto) bringt jetzt eine neue Serie von Androiden auf den Markt. Das Modell Nexus 8 ist noch leistungsfähiger als seine Vorgänger, doch auf bedingungslosen Gehorsam programmiert. Behauptet jedenfalls Wallace. Störende Replikanten werden derweil von ihresgleichen ausgeschaltet. Konstanter K (Ryan Gosling) erledigt für das Los Angeles Police Department die „Skin jobs“ und macht sich über den blutigen Job in seinem genoptimierten Schädel nicht allzu viele Gedanken. Bis er auf die Spur des verschollenen Detektivs Deckard (Harrison Ford) gerät und an eine Entdeckung rührt, die die ganze Welt umstürzen könnte. Ende der Nacherzählung.

In der Achselhöhle des Orion

Es gehört Mumm dazu, ein Meisterwerk wie Ridley Scotts „Blade Runner“ fortzusetzen. Man braucht Selbstvertrauen, um dieser genialen Mixtur aus Werbe- und Film-noir-Ästhetik etwas Eigenes gegenüberzustellen. Denis Villeneuve setzt sich enormen Erwartungen aus, die niemand erfüllen könnte, nicht mal Ridley Scott. Der es vielleicht auch deshalb vorzog, sich als Produzent im Hintergrund zu halten, statt die Sache selbst zu inszenieren. Es stellt sich allerdings die Frage, ob ein Sequel nicht nur unmöglich, sondern schlicht überflüssig ist. Mir fällt es schwer, hier nicht mit einem Ja zu antworten.

Schwefelgelb des Hades: K erkundet die trostlose Umgebung

Denn die große Magie des alten Films bestand vor allem darin, dass in ihm so vieles rätselhaft, vieldeutig, unergründlich war. Einige dieser Mysterien klärt Villeneuve nun auf – was die Fangemeinde übrigens seit Jahrzehnten verlangt hat. Doch wie es immer ist bei Zauberei: Wer hinter den Trick kommt, fühlt eher Enttäuschung als Befriedigung. Worüber sich früher trefflich spekulieren ließ, das wirkt plötzlich matt und fad. „Blade Runner 2049“ versucht, dieser Falle zu entkommen, indem einige neue Scharaden ins Spiel gebracht werden. Doch keine von ihnen hat das Zeug, den Zuschauer nachhaltig zu beschäftigen. Mir ist es jedenfalls herzlich egal, warum der Hi-Tech-Gott Wallace es vorzieht, mit grauem Star in beiden Augen durch die Gegend zu stolpern, statt sich Ersatzorgane klonen zu lassen.

Wie es einer ordentlichen Fortsetzung ziemt, pflastert Villeneuve die Szenen mit Reminiszenzen an den alten „Blade Runner“. Ein anderer Klassiker des dystopischen Science-Fiction-Films wird gleichfalls zitiert, Richard Fleischers „Jahr 2022 … die überleben wollen“ („Soylent Green“) von 1973. Das Name- und Image-dropping ist meistens unterhaltsam, weil durchdacht und stilvoll, doch reichen all die schlauen Anspielungen nicht hin, um den Film zu einer ähnlich berauschenden Erfahrung zu machen, wie sein Vorgänger es bis heute ist. Irgendwann öden die Querverweise und Hommagen nurmehr, weil sie wie ausschweifende Fußnoten unter einem etwas dürftigen Text wirken.

Will unbedingt ein noch größeres Arschloch als Steve Jobs sein: Niander Wallace

Das größte Manko von „Blade Runner 2049“ liegt in eben dieser Aufgeblasenheit. Die 163 Minuten des Films ließen sich ohne Verlust auf 90 kürzen; die Erzählung hat Längen, an denen bloß die härtesten Fans Vergnügen finden. Die – vorzüglich inszenierten – Actionszenen rütteln das Publikum alle Viertelstunde aus einem Halbschlaf, von dem auch Ryan Gosling erfasst scheint, so dröge, wie er sich durch die Szenen bewegt.

Kann der Schöpfer reparieren, was er schuf?

„Blade Runner 2049“ ist genauso gut geworden, wie eine überflüssige Fortsetzung im besten Fall werden konnte. Das verdankt sich der Kunstfertigkeit Villeneuves und seiner Crew. Der Film hat prächtige Schauwerte, ohne Zweifel. Wir bekommen zum Beispiel eine Müllkippe zu sehen, groß wie eine Millionenstadt. Oder eine „Proteinfarm“, die sich mit ihren Solarspiegeln und Gewächshäusern von Horizont zu Horizont erstreckt. Oder einen gewaltigen Damm, der „Greater Los Angeles“ vor den Auswirkungen des Klimawandels schützt. Oder ein Las Vegas, das von der Wüste zurückerobert wurde und in einem schwefelgelben Licht wie aus der Hölle schwelt. Die CGI ist State-of-the-art, wenn nicht gar besser. Das wird besonders deutlich in einer Szene, die vorführt, wie sich mit einem Hologramm, also mit einer Figur aus nichts als Licht, Sex machen lässt. Für diesen visuellen Effekt sollte, müsste es einen Oscar geben. Vielleicht gebe ich eine Wette darauf ab.

Ein Fall für Dr. Freud: „Blade Runner“ K und das gigantische Lust-Hologramm

Die Farbdramaturgie hält sich geflissentlich an die düsteren Vorgaben des Ur-Films. Altmeister Roger Deakins (u. a. „Kundun“ und „Fargo“) leuchtet die Szenen aus wie manieristische Gemälde von Caravaggio oder Tizian. Hans Zimmer und Benjamin Wallfisch ahmen den großartigen Score, den Vangelis für den ersten „Blade Runner“, komponierte, kongenial nach. Was die Set-Designer hingestellt haben, ist bis zum kleinsten Kratzer überlegt. Sogar im Product-Placement kann „Blade Runner 2049“ mit dem Klassiker mithalten – jedes Stück Technik trägt hier ein Schild mit Markennamen.

Wofür dieses Raffinement, diese höchst liebevolle Gestaltung aber gut sind außer für sich selbst, kann ich nicht sagen. Ich könnte es nicht mal sagen, würde ich hemmungslos spoilern. „Blade Runner 2049“ ist eine ungeheure Verschwendung von Zeit und Potenzial, sieht dabei freilich großartig aus. Ich möchte Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, das Erlebnis nicht verderben, indem ich Einzelheiten offenbare. Doch ich möchte Sie warnen: Hier gibt’s wenig Interessantes, bloß Spektakuläres. Eventuell weiß das auch Denis Villeneuve, und möglicherweise hat er deshalb vor die Preview den peinlichen Aufruf an uns Pressehansel plaziert. „Blade Runner 2049“ handelt, äußerst einfallsreich, mit nichts als heißer (und miefiger) Luft. Aber auch so was muss man erst mal können.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Denis Villeneuve sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Harrison Ford, Ryan Gosling und/oder Jared Leto in der Rubrik Schauspieler.

Länge: 163 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Blade Runner 2049
GB/USA/KAN 2017
Regie: Denis Villeneuve
Drehbuch: Hampton Fancher, Michael Green, nach Motiven von Philip K. Dicks Roman „Träumen Androiden von elektrischen Schafen?“ („Do Androids Dream of Electric Sheep?“)
Besetzung: Ryan Gosling, Ana de Armas, Jared Leto, Dave Bautista, Harrison Ford, Mark Arnold, Wood Harris, Sylvia Hoeks, Edward James Olmos, Mackenzie Davis
Verleih: Sony Pictures Releasing GmbH

Copyright 2017 by Kay Sokolowsky

Filmplakate, Fotos & Trailer: © 2017 Sony Pictures Releasing GmbH

 

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Star Wars: Episode VII – Das Erwachen der Macht: Zu Gast in J. J. Abrams‘ Hobbykeller

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Star Wars: Episode VII – The Force Awakens

Kinostart: 17. Dezember 2015

Gastrezension von Kay Sokolowsky, der am Donnerstag, 17. Dezember, als Fachkraft für Science-Fiction im Allgemeinen und „Krieg der Sterne“ im Besonderen beim Radiosender NDR Info zu Gast sein wird – in der Call-in-Show „Redezeit“. Die Sendung beginnt um 21.05 Uhr.

SF-Abenteuer // „Star Wars“-Fans werden diesen Film vermutlich feiern, auf jeden Fall sehr zufrieden mit ihm sein. Leute, denen die Märchenwelt von George Lucas bislang egal war, könnten durch das Spektakel, das Jeffrey Jacob Abrams inszeniert hat, zu Addicts werden oder wenigstens eine Ahnung bekommen, warum alle Welt solch ein Bohei um „Das Erwachen der Macht“ aufführt. Den Charme und die makellose Dramaturgie des besten aller „Krieg der Sterne“-Filme, „Das Imperium schlägt zurück“, vermag Abrams nicht zu erreichen. Aber er bemüht sich gut bis hervorragend und mit intimer Kenntnis darum, Lucas‘ Fantasy-Saga fortzuschreiben. Abrams‘ Verehrung schlägt zum Glück nie ins Sklavische um. Vielmehr setzt er hie und da ironische Spitzen gegen Klischees der sechs früheren Filme, wie sie sich nur einer ausdenken kann, der die Sache liebt, die er neckt.

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They’re home: Chewbacca und Han Solo

Wer zum Beispiel in der ersten Begegnung der würdig ergrauten Helden Han und Leia bloß Anspielungen auf die „alte“ Trilogie sieht und hört, wer nicht mitkriegt, dass simultan das reife Alter der ersten Fan-Generation verhandelt wird und natürlich die Biografien der Darsteller Carrie Fisher und Harrison Ford durchschimmern –: Dem muss „Two and a Half Man“ wie eine Doku-Soap aus einem typischen New Yorker Männerhaushalt vorkommen.

Nicht zuletzt dank der klugen Balance von Spannung und Lachen, Pathos und Augenzwinkern, Nostalgie und Bilderstürmerei sind peinliche Szenen in „The Force Awakens“ rar und vielleicht niemandem außer mir peinlich. So leichtfüßig wie Abrams‘ Film sollten wohl auch die Prequel-Folgen werden; doch dafür nahm George Lucas betrüblicherweise seine Trivial-Mythologie um die Macht, die Jedi und all den Hokuspokus zu ernst. J. J. Abrams hantiert maßvoller, distanzierter mit dem mystischen Kram als dessen Erfinder. Und das kommt besonders den neuen Helden im „Star Wars“-Personal zugute.

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Fast wie neu: C-3PO und R2-D2

32 Jahre sind vergangen, seit „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ zum ersten Mal in die Kinos kam. Etwa genauso viel Zeit liegt zwischen den Ereignissen in „Episode VI“ und der Geschichte, die J. J. Abrams in „Das Erwachen der Macht“ erzählt. Der Regisseur und sein Drehbuch-Chefautor Lawrence Kasdan spielen so gekonnt mit dieser Spiegelung realer Zeit in der fiktiven des „Star Wars“-Universums, dass es den Kritiker juckt, ein paar besonders gelungene Beispiele zu beschreiben. Doch gerade sie würden zu viel enthüllen, und dies soll ja eine spoilerfreie Besprechung werden.

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Gruß aus alten Zeiten: imperiales Altmetall

Immerhin das hier ist längst bekannt: Obwohl das Imperium in Trümmern liegt (die man im Film überall herumliegen und verrotten sieht), hat sich eine neue Diktatur erhoben: Sie nennt sich „First Order“ und gehorcht einem mysteriösen „Supreme Leader“. Anders als das gefallene Imperium und seine lebensfeindliche Technokratie ist die neue Organisation aus Prinzip mörderisch und offen faschistisch: In einer etwas zu platten Travestie lässt Abrams die Truppen der „First Order“ antreten wie weiland Hitler seine Deutschen zum Reichsparteitag in Nürnberg.

Man darf diese Verwandlung einer bösen Diktatur in eine bösere durchaus als Reflektion auf die gewandelten Verhältnisse in der echten Welt und die Renaissance des Nazismus verstehen. Ich kann dies hier nicht weiter erläutern, ohne zu viel auszuplaudern. Aber überprüfen Sie selbst einmal, welche Analogien die „First Order“ zum „Dritten Reich“ hat. Und möglicherweise lässt sich der SA-mäßige „First Order“-Aufmarsch auch als eine leise Kritik an der berüchtigten Schlussszene von „Episode IV“ verstehen, dieser widerlichen Reminiszenz an „Triumph des Willens“. (Ach, folgendes ist schon bekannt, deshalb erwähne ich es gern: Die „Rebellion“ heißt jetzt „Résistance“.)

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Hätte Leni Riefenstahl gefallen: Parade der „First Order“-Soldaten

Um so etwas mitzukriegen, müssen Sie kurz weggucken von der fantastischen Ausstattung, den großartigen 3D-Illusionen und dem aparten, leider nur selten, doch dann umwerfend lächelnden Gesicht Daisy Ridleys. Und gerade das fällt schwer. Denn die von Ridley verkörperte Schrottsammlerin Rey gibt eine Heldin ab, wie Padmé in den Prequel-Episoden es nie sein durfte: tough, emanzipiert und schlagkräftig. Ohnehin hat sich Abrams‘ „Star Wars“-Galaxis ordentlich emanzipiert: Sogar in den Truppen der „New Order“ gibt es weibliche Offiziere. Dass Prinzessin Leia (Carrie Fisher) zur Generalin befördert wurde, wissen Sie vermutlich schon. Für wessen Armee, bleibt hier geheim.

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Der Weg zum Heldentum ist beschwerlich: Rey mit Finn

Selbstverständlich ist nicht alles Gold am neuen „Sternenkrieg“. Abrams‘ abgegriffene „Lost“-Tricksereien mit Wackelkamera und Blitz-Zoom nerven allmählich, und sie passen auch nicht so recht zu den monumentalen Szenerien. Eventuell wollte Abrams eine Duftmarke setzen; sie riecht ein bisschen aufdringlich. Auch die Filmmusik überzeugt nicht immer. Die gewaltig vibrierenden Soundeffekte sind nur zum Teil schuld, dass der Score des „Star Wars“-Hofkomponisten John Williams sich weniger vernehmbar macht als in allen anderen Episoden. Nur wenn er die berühmten Leitmotive der frühen Jahre zitiert, horcht man auf. Die Uninspiriertheit kann an Williams‘ Gesundheitszustand gelegen haben. Ich vermute einen anderen Grund.

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Reliquienverehrung mit Laserschwert

J. J. Abrams versucht nämlich in „Das Erwachen der Macht“, die ziemlich alt gewordenen, dann die vor zehn Jahren mit dem Prequel aufgewachsenen und schließlich die ganz jungen „Star Wars“-Verehrer zufriedenzustellen. Das ist, wie man weiß, eine Kunst, die keiner kann. Zwar beweisen Regisseur und Crew beträchtlichen Einfallsreichtum, um die vielen Variationen archetypischer „Star Wars“-Elemente – Dogfights, Laserschwert-Duelle, Technobombast, drollige Roboter, exotische Planeten mit entsprechenden Bewohnern – so innovativ wie möglich zu gestalten. Für Szenen dieser Art musste Williams bereits so oft dramatische Töne erfinden, dass eine gewisse Routine kaum ausbleiben kann. Übrigens scheinen mir die Anspielungen auf die Prequels etwas weniger herzwarm auszufallen als die Verweise auf die alten Filme. Oder bilde ich mir das vor lauter Nostalgie nur ein? Beim zweiten oder dritten Gucken werd‘ ich es genauer wissen.

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So sieht man sich wieder: „Millennium Falcon“ mit TIE-Fightern

Dies ist, mit 200 Millionen Dollar Produktionskosten, der teuerste und, trotz einigen Mängeln, der beste Fan-Film, der je gedreht wurde. In gewisser Weise war J. J. Abrams‘ exzellenter „Super 8“ (2011) eine Fingerübung für „The Force Awakens“. Der Regisseur bekam von Disney den herrlichsten Hobbykeller der Welt geschenkt, und er war da unten vergnügt und selig am Werk. Der Relaunch des „Star Wars“-Franchises ist mit sichtlich größerer Empathie angegangen worden als der von „Star Trek“, wo Abrams das Pimping geradezu heiliger Figuren etwas übertrieb.

Ich will nichts verraten, aber folgendes dürfen Sie heute schon wissen: Die Überraschungen im neuen „Star Wars“-Film sind nicht ganz so gewagt wie die Spekulationen im Vorfeld. Und die drei Erzählstränge, die Abrams und Kasdan in „Episode VII“ anlegen, werden gewiss zu endlosen Debatten unter uns Nerds führen. Angesichts der mindestens zwei Jahre, die bis zur Premiere der nächsten Nummer verstreichen werden, ist der finale Cliffhanger übrigens eine Zumutung. Ich hätte nicht übel Lust, ihn zu spoilern, nur damit Sie einen Eindruck bekommen, wie ich mich, mehrere Stunden nach der Pressevorführung, immer noch fühle: gepestet!

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Natural born party crashers: Sturmtruppler mit Chef

Nun … Das ist, genau besehen, keine Kritik. Sondern das hübscheste Kompliment, das einem für Abrams‘ Spielfilm einfallen kann. Und hier mein zweitschönstes: Seit „A New Hope“ gab es keine grandiosere Eröffnungsszene in einem „Krieg der Sterne“-Film; nie zuvor warf die Dunkle Seite der Macht einen ähnlich imposanten Schatten.

Kryptisch? Das will ich hoffen!

Den „Krieg der Sterne“ haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgelistet. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Lupita Nyong’o sind unter Schauspielerinnen aufgeführt, Filme mit Adam Driver, Harrison Ford, Domhnall Gleeson und Oscar Isaac in der Rubrik Schauspieler.

Länge: 136 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Star Wars: Episode VII – The Force Awakens
USA 2015
Regie: J. J. Abrams
Drehbuch: Lawrence Kasdan, J. J. Abrams, Michael Arndt
Besetzung: Daisy Ridley, John Boyega, Domhnall Gleeson, Oscar Isaac, Adam Driver, Harrison Ford, Mark Hamill, Carrie Fisher, Simon Pegg, Gwendoline Christie, Peter Mayhew, Andy Serkis, Kenny Baker, Anthony Daniels, Max von Sydow, Lupita Nyong’o, Tim Rose, Jessica Henwick
Verleih: Walt Disney Studios Motion Picture Germany

Copyright 2015 by Kay Sokolowsky
Filmplakat & Fotos: © 2015 Walt Disney Studios Motion Picture Germany & TM Lucasfilm Ltd. All rights reserved.

 
7 Kommentare

Verfasst von - 2015/12/16 in Film, Kino, Rezensionen

 

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