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Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber – Bon Appétit

The Cook, the Thief, His Wife & Her Lover

Von Andreas Eckenfels

Groteske // Ich bin auch Künstler, so wie ich mein Geschäft mit meinem Vergnügen verbinde. Geld ist mein Geschäft und Essen ist mein Vergnügen. Und Georgie ist auch mein Vergnügen, allerdings auf einer viel privateren Ebene, als sich den Mund vollzustopfen und die Abwasserkanäle zu füttern. Obwohl diese Vergnügen zusammengehören, weil die unanständigen Körperteile und die schmutzigen Körperteile so nahe beieinander liegen, dass man daran sieht, wie Sex und Essen zusammengehören.

Wie jeden Abend dinieren Albert Spica und Gattin Georgina im „Le Hollandais“

Wie jeden Abend schwingt der sadistische Gangsterboss Albert Spica (Michael Gambon) während des Essens im „Le Hollandais“ vor seiner Frau Georgina (Helen Mirren) und seinen Handlangern (u. a. Tim Roth) große Reden. Da er auch der Besitzer des Edelrestaurants ist, schikaniert er die Angestellten und mitunter auch einige Gäste, wie es ihm gefällt. Nur der französische Chefkoch Richard (Richard Bohringer) genießt bei Albert aufgrund seiner kulinarischen Kunstfertigkeiten größten Respekt. Während seiner Tiraden entgeht ihm allerdings, dass die von ihrem Mann angewiderte Georgina immer wieder heimlich mit dem intellektuellen Stammgast Michael (Alan Howard) auf der Toilette verschwindet. Wie lange kann Georgina die Affäre vor ihrem Gatten geheim halten?

Viele Künste opulent vereint

Nicht nur vor der Kamera schauen wir den Künstlern bei der Arbeit zu – sei es beim Kochen oder beim kriminellen Geschäft –, auch dahinter stand ein wahrer Künstler: Bevor sich der britische Regisseur und Drehbuchautor Peter Greenaway dem Medium Film widmete, studierte er Malerei. So lässt er diese wie auch andere Kunstformen dann auch stets in sein Schaffen einfließen. Wie häufig in seinen Werken macht der Regisseur kein Hehl daraus, dass es ein Kunstprodukt ist. Er gaukelt kein filmisches Abbild der Realität vor: Die Kulisse ist eine Theaterbühne.

Es ist angerichtet!

Der kleine Küchenjunge Pup (Paul Russell) singt während des Abwaschens den Psalm 51:2 im schönsten Knabensopran. Bücherwurm Michael schwärmt seiner Geliebten über die Werke der Weltliteratur vor. Das Gemälde, welches Greenaway zum Setdesign des Films inspirierte, hängt groß an der Wand: „Festmahl der Offiziere der Schützengilde St. Georg von Haarlem“ (1616) des niederländischen Barockmalers Frans Hals. Albert Spica und seine Spießgesellen tragen wie die Herren der Schützengilde rot-schwarze Kleidung. Überhaupt gibt es weitere prunkvolle Mode zu sehen – kein Wunder: Modezar Jean-Paul Gaultier durfte sich bei den Kostümen austoben. Die Köstlichkeiten, die Richard und seine Köche zaubern, sind ebenso prunkvoll wie ein Stillleben in Szene gesetzt. Opulenz und Dekadenz liegen in „Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber“ eng beisammen.

Man kennt es schon bei den Zahlen aus Peter Greenaways „Verschwörung der Frauen“ (1988): Vom anfänglichen Öffnen des Vorhangs bis zu dessen Fallen am Ende ist auch „Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber“ komplett durchstrukturiert. Als Trennung der einzelnen Kapitel dient dabei die tägliche Speisekarte des „Le Hollandais“ – wenn ich richtig gezählt habe, sind es zehn Tage, welche die Handlung umfasst. Großartig ist auch die Verwendung der Farben der unterschiedlichen Sets: Auf dem Vorplatz des Restaurants herrschen blaue Farben vor, darauf folgt Grün in der Küche, Rot im Gastraum und Weiß auf der Toilette. Das Besondere ist dabei, dass sich auch die Farbtöne der Kleidung der Protagonisten ändern, je nachdem, in welchem Raum sie sich befinden. So trägt Georgina beim Essen ein rotes Kleid, wenn sie sich mit Michael im Waschraum trifft, ist ihr Kleid weiß. Selbst ihre Zigarette wechselt die Farbe!

Mitchel, einer von Spicas Spießgesellen

Wem bei so viel Kunst der Kopf raucht, der braucht keine Angst zu haben. Trotz aller Theatralik der Inszenierung werden nicht nur Arthouse-Liebhaber an Peter Greenaways wohl bekanntestem Werk ihre Freude haben – sofern sie auch über einen starken Magen verfügen. Leicht zu verdauen ist der Film nicht! Nach eigenen Worten diente dem Regisseur die Tragödie „Schade, dass sie eine Hure war“ des englischen Dramatikers John Ford (1586–1639) als Vorlage für das groteske Rachedrama, das Themen wie
Sex, Macht, Unterdrückung, Gewalt und Kannibalismus miteinander vereint und darüber hinaus eine der absolut abscheulichsten Hauptfiguren der Filmgeschichte zu bieten hat.

Der Dieb und seine Frau

Gleich zu Beginn lässt „der Dieb“ Spica einen säumigen Schuldner nackt ausziehen und ihn mit Hundekot beschmieren. Zum krönenden Abschluss pinkelt er auf den armen Kerl. Eine größere Demütigung gibt es wohl kaum für einen Menschen. Aufbrausend, vulgär und zerstörungswütig ist Spica. Ihn will man wahrlich nicht zum Feind haben. Und ihm widerspricht man auch nicht, weshalb er sich immer und immer wieder bei seinem Bankett in Monologen in Rage redet, dazwischen stopft er sich kurz mal die feinsten Speisen rein und säuft wie ein Loch. Dabei weiß er noch nicht mal, was er sich in den Mund steckt. Spica verschlingt einfach, was ihm vorgesetzt wird. Der Herrscher dieses Orts ist kein Gourmet, sondern ein reiner Konsument, weil er sich dieses Vergnügen leisten kann. Wer Darsteller Michael Gambon nur als sanftmütigen Professor Dumblebore mit Rauschebart aus den „Harry Potter“-Abenteuern kennt, der mag hier überrascht sein über seinen eindrucksvoll abstoßenden Auftritt.

Spicas Untertanen sind nicht nur die wechselnden Kleinganoven am Tisch und das Personal des Lokals, sondern natürlich auch „seine Frau“ Georgina. Georgina ist kultiviert, im Gegensatz zu ihrem Mann versteht sie den Unterschied zwischen „poisson“ (französisch für Fisch) und „poison“ (englisch für Gift) auf der Speisekarte des französischen Restaurants. Dass sie raucht, passt dem Gangster überhaupt nicht. Verständlich, dass sie sich zu dem ruhigen und belesenen Michael hingezogen fühlt. „Ihr Liebhaber“ ist das genaue Gegenteil von Spica. Ihm erzählt sie auch später, schon mehrmals erfolglos versucht zu haben, vor ihrem gewalttätigen Gatten zu fliehen. Wenn sie sich mit Michael auf der Toilette oder in der Küche trifft, legt sie es fast darauf an, von Spica beim Liebesspiel erwischt zu werden, um endlich herauszukommen aus dieser Beziehung, selbst wenn es ihren Tod bedeuten sollte. Es wäre ein befreiender Akt aus der Sklaverei. Die große Mirren gibt hier wie immer eine überzeugende Vorstellung ab, als verängstigte Georgina, die sich nach wahrer Liebe sehnt. Die wilden Jugendjahre der furchtlosen Gewinnerin von Oscar („Die Queen“) und Golden Globe („Die Queen“, „Abschied von Chase“) sowie etlicher weiterer wichtiger Filmpreise – etwa in Berlin, Cannes und Venedig – sind bekannt: Weder in „Das Mädchen vom Korallenriff“ (1969) noch im Skandalwerk „Caligula“ (1979) hatte sie Probleme damit, sich nackt zu zeigen, wenn es der Kunst dient. So zieht Mirren auch hier häufig blank und liebt sich offenherzig mit Michael-Darsteller Alan Howard, der ebenfalls alle Hüllen fallen lässt.

Der Koch und der Liebhaber

„Der Koch“ Richard ist in seiner Küche ein Herrscher, aber keiner wie der gewalttätige Gangsterboss Spica. Von herzensgutem Gemüt, weiß er, dass er sich auf seine Angestellten verlassen kann, sie stehen ebenso hinter ihrem Chef. Um seine Kochkunst ausüben zu können, muss er allerdings seinem Gönner gehorchen, so wie viele Künstler in der Geschichte. Ein Zwiespalt, auch ihn widert Spica an. Als einer der Wenigen kann ihn Richard mit Worten und Essen besänftigen und er teilt mit kleinen Seitenhieben aus. Der Koch serviert Georgina spezielle Köstlichkeiten, was Spica eifersüchtig macht, und wie alle Angestellten des „Le Hollandais“ weiß er über die Affäre zwischen Georgina und Michael Bescheid. Er erlaubt dem Paar auch häufig, dass es versteckt in seiner Küche seine Liebe ausleben darf.

Albert lädt Michael (l.) an seine Tafel – Chefkoch Richard (2. v. l.) weiß von der Affäre

Peter Greenaway hatte für die titelgebende Figurenkonstellation bereits die eine Schauspielerin und drei Schauspieler fest im Kopf und gab den vier Charakteren in seinem Drehbuch bereits deren Vornamen. Richard Bohringer, bekannt aus „Die letzte Metro“ (1980) und „Diva“ (1981), ist allerdings der Einzige, der es auch wirklich wie vorgesehen als Koch Richard in den Film schaffte. Die anderen Rollen hätten nach Greenaways Vorstellungen ursprünglich Albert Finney („Mord im Orient-Express“, „Tödliche Entscheidung“) und Georgina Hale („Die Teufel“, „Cockneys vs Zombies“) einnehmen sollen. Da Finney absagte, wechselte Michael Gambon kurzerhand die Rolle: Vom Liebhaber wurde er zum Gangsterboss. Für ihn sprang Alan Howard („Der Teufelskreis“) als Michael ein, der als langjähriges Mitglied der Royal Shakespeare Company in zahlreichen Stücken des englischen Dichterbarden auf der Bühne stand. Zudem sprach er in der Originalfassung von Peter Jacksons „Herr der Ringe“-Trilogie den dunklen Herrscher Sauron und lieh auch dem „Einen Ring“ seine Stimme. 2015 starb Alan Howard im Alter von 77 Jahren an den Folgen einer Lungenentzündung.

Filmischer Leckerbissen

Peter Greenaway ist ein kunstvolles Meisterwerk gelungen, in dem die Schönheit des Schreckens zelebriert wird. Mit jeder weiteren Sichtung gibt es neue Stilmittel und Einflüsse zu entdecken. Einige davon und weitere Hintergründe zu Greenaways Schaffen hat Christoph N. Kellerbach in seinem gewohnt versiert geschriebenen Booklet im Mediabook von justbridge entertainment integriert. Die Blu-ray-Qualität kann da leider nicht ganz mithalten. Die Farben sind ziemlich blass, es wurde wohl ein altes Master verwendet. Eine Restaurierung hätte der Film bitter nötig. Aber wie dem auch sei: „Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber“ bleibt ein Leckerbissen für wahre Film-Gourmets. Bon Appétit!

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Helen Mirren haben wir in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit Tim Roth unter Schauspieler.

Das Beste kommt zum Schluss!

Veröffentlichung: 28. August 2020 als limitiertes 2-Disc Mediabook (Blu-ray und DVD), 5. Juni 2020 als DVD, 30. Oktober 2003 als DVD

Länge: 119 Min. (Blu-ray), 112 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: The Cook, the Thief, His Wife & Her Lover
GB/F/NL 1989
Regie: Peter Greenaway
Drehbuch: Peter Greenaway
Besetzung: Richard Bohringer, Michael Gambon, Helen Mirren, Tim Roth, Alan Howard, Ciarán Hinds, Gary Olsen, Ron Cook, Ewan Stewart
Zusatzmaterial: Mediabook: 20-seitiges Booklet von Christoph N. Kellerbach
Label/Vertrieb 2020: justbridge entertainment GmbH
Label/Vertrieb 2003: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2021 by Andreas Eckenfels

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2020 justbridge entertainment

 

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Anna – Matroschka Nikita

Anna

Von Lars Johansen

Actionthriller // Relativ am Anfang des Films verkauft die Titelfigur Anna (Sasha Luss) Matroschkas auf einem Markt. Bekanntermaßen sind das die russischen Figuren aus Holz, die sich öffnen lassen und in denen immer neue Matroschkas stecken. Irgendwann bist du bei der letzten angelangt und wenn du sie in einer Reihe aufstellst, steht dort immer die gleiche Figur, nur eine kleiner als die andere. Vielleicht kann man so am ehesten Luc Bessons Arbeiten der vergangenen Jahre beschreiben. „Lucy“ (2014) ist eine actionorientierte und gut choreografierte Science-Fiction-Variation von „Nikita“ (1990), ohne dessen Niveau zu erreichen. Die Verfilmung einer damals 50 Jahre alten Comicserie (die bei uns als „Valerian und Veronique“ veröffentlicht wurde) „Valerian – Die Stadt der tausend Planeten“ (2017) ist die kindgerechte Fassung von „Das fünfte Element“ (1997), der von der gleichen Vorlage sehr stark beeinflusst war. Und „Anna“ ist erneut „Nikita“ mit Elementen von den nicht von Besson, aber nahezu zeitgleich gedrehten „Atomic Blonde“ (2017) und „Red Sparrow“ (2018).

„Ich bin nicht Nikita, kapiert?“

Unschwer ist zu erkennen, dass man immer wieder bei dem beinahe 30 Jahren alten „Nikita“ landet, der nicht nur ein direktes amerikanisches Remake, sondern auch mindestens zwei aus Hongkong, diverse Imitate aus aller Welt und gleich zwei Fernsehserien (1997–2001; 2010–2013) nach sich zog. Die Geschichte handelt von einer drogensüchtigen jungen Frau, die nach einem Polizistenmord im Knast landet, von einer obskuren Regierungsorganisation befreit, für tot erklärt und zu einer Auftragsmörderin ausgebildet wird. Der Film wurde damals von der Kritik verrissen, entwickelte sich aber zu einem gigantischen Publikumserfolg und tatsächlich wahren Kultfilm. Er wirkte stilbildend für das Actionkino der 90er und erzählte eine neue, unverbrauchte Geschichte, die zur Abwechslung einmal eine starke Frau in den Mittelpunkt stellte, welche als Actionheldin mit gebrochener Biografie überzeugte. Wenn dann noch eine Ikone wie Jeanne Moreau als Lehrmeisterin mitwirkt, schlägt das gleichzeitig den Bogen zur französischen Filmgeschichte.

Luc Besson und die Frauen

Seit „Nikita“ spielen häufig solche starken Frauenfiguren eine wichtige Rolle in Bessons Kino-Universum. Auffallend oft werden diese von sehr jungen Frauen gespielt, manchmal auch ehemaligen Models, die bei ihm zum ersten Mal in größeren Rollen auftreten. Oftmals werden sie dann auch noch seine Partnerinnen im Leben, sodass der Eindruck entsteht, seine Filmarbeit mit ihnen gehe weit über eine reine Arbeitsbeziehung hinaus. Dieses geradezu Obsessive vermag intensive Filmerlebnisse zu erzeugen, wie zum Beispiel bei „Johanna von Orleans“ (1999), in dem seine Ehefrau Milla Jovovich so stark spielte, wie es ihr danach nie wieder gelingen sollte. Kennengelernt hatte er die damals Elfjährige zwölf Jahre zuvor beim Dreh für einen Werbespot von L’Oréal. Mit der dreizehnjährigen Natalie Portman drehte er 1994 „Léon – Der Profi“, in dem sie zur Killerin wird. Immer wieder sind es im wahrsten Sinne des Wortes männermordende Kindfrauen, die er hier einsetzt.

Rosa Klebb

„Anna“ ist die etwas verschachtelt erzählte x-te Variation dieses Themas. Für das russische Model Sasha Luss ist es ihr zweiter Filmauftritt nach einer Minirolle in Bessons „Valerian …“. Sie ist eine drogensüchtige junge Russin, die Ende der 80er-Jahre versucht, sich in Moskau durchzuschlagen. Der KGB macht ihr ein Angebot, das sie nicht abschlagen kann und sie wird zu einem männermordenden Mannequin in Mailand, Moskau und dem Rest der Welt. Als die CIA ihr auf die Schliche kommt, muss sie in der Wendezeit von 1989 zwischen den beiden Weltmächten lavieren. Sie soll sogar den Chef des KGB ermorden. Das klingt nicht nur nikitaesk, das ist es auch, ganze Handlungsstränge werden repetiert, aus dem fehlenden Ausgang beim ersten Auftrag im Original wird eine ungeladene Waffe in „Anna“. In beiden Fällen muss die Heldin unerwartet improvisieren. Helen Mirren spielt die Jeanne-Moreau-Rolle als völlig aus der Zeit gefallene Version von Lotte Lenyas Rosa Klebb in „Liebesgrüße aus Moskau“ (1963). Man wartet fast auf eine Giftspitze im Schuh. Luke Evans auf russischer und Cillian Murphy auf amerikanischer Seite teilen sich die Ausbilderrolle, die in „Nikita“ mit Tchéky Karyo besetzt worden war. Ihr Freund und Liebhaber im Alltag ist hier zu einer Modelkollegin geworden, mit der sie eine homosexuelle Beziehung zu haben scheint, die aber keine große Rolle für die Handlung spielt, was der Dramatik nicht unbedingt bekommt.

„Ihr Auftrag, Nikita.“

Immer wieder sehen wir einer Variation des besseren Originals zu. Das beginnt schon damit, dass „Anna“ in der gleichen Zeit wie „Nikita“ spielt, ohne dass dieser Zeitbezug sich wirklich herstellt. Mobiltelefone, Laptops, mobile Datenspeicher und SUVs tauchen auf, die es so zu dieser Zeit nicht gegeben hat. Dadurch bekommt die Geschichte, die eigentlich in einem sehr konkreten historischen Kontext spielt, etwas eigenartig Zeitloses, als sei es Besson vollkommen egal, wo und wann die Geschichte verortet wird. Die verschachtelte Erzählweise, die immer wieder vor und zurück springt, nutzt sich schon nach relativ kurzer Zeit ab, denn eigentlich verläuft sie immer nach dem gleichen Schema. Wir sehen eine Handlung, die uns dann mit einer Rückblende erklärt wird. Da sind wir wieder bei der Matroschka, denn in jeder Szene steckt eine andere. Leider sind die Erklärungen eher banal und lassen sich kilometerweit vorausahnen, was die Spannung beträchtlich mindert.

Ein künftiger Kultfilm?

Aber vielleicht ist es auch hier der Kritiker, der sich irrt, und ein künftiger Kultfilm wartet auf uns. Eigentlich gefällt mir die Idee sehr gut, einen Film wieder und wieder zu drehen, bis er endlich die perfekte Version seiner selbst geworden ist. Aber das Problem ist, dass Besson es zwar versucht, dabei aber von Mal zu Mal etwas mehr nachlässt, so als seien die alten Ideen aufgebraucht und die neuen nicht zu gebrauchen. Die Actionszenen sind ordentlich choreografiert, gehen aber nicht über das hinaus, was er vor 30 Jahren gemacht hat. Da haben mittlerweile andere Regisseure größere Maßstäbe gesetzt. Die politisch brisante Situation der späten 80er wird leichtfertig verschenkt und zu kleinen Privatfehden der beteiligten Personen umgedeutet. Das nimmt dem Plot die gesamtgesellschaftliche Brisanz, die er entwickeln könnte. Nun war Gesellschaftskritik nie die Stärke oder überhaupt ein Anliegen Bessons, dem es in seinen Geschichten eigentlich fast immer eher um durchschnittliche Menschen in Ausnahmesituationen ging, die über sich hinauswachsen mussten. Der Look der Filme spielte in Bessons Karriere durchgehend eine größere Rolle als der Inhalt. Das liebt oder hasst man an seinen Werken. Wenn es einen gleichgültig lässt oder gar ein wenig langweilt wie bei „Anna“, dann ist das ein Alarmsignal. Der Luc könnte ganz gut etwas neuen Input vertragen.

„Sehe ich so etwa aus wie Nikita?“

Die Qualität der Blu-ray ist sehr gut, die Extras sind knapp gehalten, gehen aber in Ordnung. Kein Pflichtkauf, aber für Besson-Enthusiasten ein energisches „Vielleicht“.

„Sag mal, bist du jetzt eigentlich Nikita oder nicht?“

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Luc Besson haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Helen Mirren unter Schauspielerinnen, Filme mit Luke Evans und Cillian Murphy in der Rubrik Schauspieler.

„Na gut, von mir aus: Dann bin ich eben Nikita.“

Veröffentlichung: 28. November 2019 als 4K UHD Blu-ray, Blu-ray und DVD

Länge: 119 Min. (Blu-ray), 114 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Anna
F 2019
Regie: Luc Besson
Drehbuch: Luc Besson
Besetzung: Sasha Luss, Helen Mirren, Cillian Murphy, Luke Evans, Lera Abova, Alexander Petrov, Nikita Pavlenko, Anna Krippa
Zusatzmaterial: Making-of-Featurettes („Die Kostüme“, „Der Restaurant-Kampf“, „Die Produktion“, „Die Verfolgungsjagd“), Wendecover
Label/Vertrieb: Studiocanal Home Entertainment

Copyright 2019 by Lars Johansen

Felix Leiter

Szenenfotos & Packshot: © 2019 Studiocanal Home Entertainment

 

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Peter Weir (IV): Mosquito Coast – Es gibt keinen Neuanfang

Mosquito Coast

Von Leonhard Elias Lemke

Abenteuerdrama // „Mosquito Coast“ ist ein gewollt frustrierender Film – was für seine Qualität spricht. Damals, als Zwölfjähriger, als ich ihn auf Video sah, erhoffte ich mir einen Abenteuerfilm mit einem heldenhaften Harrison Ford. Ich wurde enttäuscht und kann ihn heute umso mehr schätzen.

Allie Fox – Idealist oder Egoist?

Allie Fox (Harrison Ford) ist Erfinder. Zig Patente sind bereits angemeldet, die nächsten genialen Einfälle stehen kurz bevor. Allein: Niemand fragt nach seinen Erfindungen. Für einen Farmer soll er eine einfache Kühlvorrichtung konstruieren. Fox stellt ihm sein revolutionäres und potenziell gigantisches Gefrierfach vor – nach einem derart komplexen Gebilde hat sein Auftraggeber aber gar nicht gefragt. In dieser Gesellschaft sind keine Neuerungen für die Zukunft gefragt, sondern Behelfsmittel für die Gegenwart. Eine ökologische Wende hin zum Guten und eine sinnvolle, die Lebens- und Umweltqualität verbessende Technik interessieren nicht. Der schnelle Dollar regiert, koste es, was es wolle. Fox kehrt sich ab von dieser Art der Zivilisation und will noch einmal ganz neu beginnen – im Dschungel, an der Mosquito Coast. Seine Frau (Helen Mirren) und seine vier Kinder im Schlepptau, macht er sich auf, gemeinsam mit den Eingeborenen eine neue, bessere Welt zu schaffen. Doch nach wessen Urteil handelt es sich eigentlich um eine bessere Welt? Ein fanatischer Pastor, südamerikanische Kriminelle und vor allem sein aufkommender Größenwahn und sich zunehmend trübender Blick auf den Sinn des Lebens sowie unsere (geringe) Macht über die Welt stellen sich Fox und seinem (scheinbar) idealistischen Neuanfang in den Weg.

Das Ende der Welt kommt auf leisen Sohlen

Rätselhafte, gewaltige Natur, deren Rache schleichend daher kommt. Der australische Regisseur Peter Weir ist für seine Zivilisationskritiken bekannt. Dabei bietet er in seinen Filmen nur bedingt Lösungen für eine bessere Welt an. Er hält uns einen Spiegel vor und lässt uns die Perversionen der Menschen erkennen oder konfrontiert den Zuschauer mit anscheinend übernatürlichen Phänomenen, die wir nicht verstehen können. 1975 machte er ein „Picknick am Valentinstag“, ließ Menschen an einem objektiv wunderschönen Ort verschwinden. Auf den ersten Blick mag der Film romantisch wirken, bei näherem Hinsehen ist er jedoch der blanke Horror, über allem schwebt eine Aura des Unbekannten, das nicht danach strebt, den Menschen über seine Bewandtnis aufzuklären. Mit wachsendem Unverständnis wird auch die Angst größer – alles scheint möglich. Im den die Gewohnheit liebenden Menschen macht sich Panik breit. Zwei Jahre nach seinem Picknick schickte uns Weir „Die letzte Flut“. Ein apokalyptischer Film, aber kein Katastrophenthriller. Es regnet unentwegt, Aborigines verkünden das Ende unserer schönen neuen Welt. Der Regisseur stellt die Naturvölker in seinen Filmen als überlegene Wesen dar. Sie besitzen noch den Kontakt zum Ursprünglichen, zur Natur, zu Gott oder wie auch immer man es nennen möchte. Sie verstehen noch die Prozesse unseres Planeten. 1998 zeigte er „Die Truman Show“, eine Perversion und Entlarvung wahrer Menschlichkeit. Als Unmenschlichkeit. Jim Carrey ist der Hauptdarsteller einer Sitcom – nur weiß er dies nicht. Der Mensch hat seinesgleichen zu seinem Spielball gemacht, den Respekt vor der eigenen Rasse verloren. Kein Zusammenleben mehr, ein Vorzeichen der Wachablösung auf der Erde.

Die Mosquito Coast als bessere Welt?

Paul Schrader („Katzenmenschen“) schrieb aus Paul Theroux’ Novelle das Drehbuch. Den reinen Menschen gibt es nicht. Ihn erschaffen zu wollen, ist Terror. Protagonist Fox erklärt kopfschüttelnd die Absurdität unserer Gesellschaft: Die Eingeborenen verlassen ihren Dschungel, indem sie doch so reich an Leben sind, um in unserer Welt Handlanger eines kommerziellen und selbstzerstörerischen Systems zu werden. Sie kommen, um ihre eigene Welt – für sie unbewusst – dem Beton gleich zu machen. „Mosquito Coast“, vor über 30 Jahren mäßig erfolgreich in den Kinos gelaufen, ist als Ökofilm – eine mögliche Kategorisierung – 2019 von noch größerer Aktualität. Und diese wird mit jedem Jahr weiter zunehmen.

Eis im Dschungel

Fox’ für die Menschheit potenziell wichtige Erfindungen sind nicht gewollt. Jeder denkt nur an das eigene Wohlsein und nicht an die Gemeinschaft. Und schon gar nicht an den Zustand unseres Planeten. Der Film wird damit zu einem regelrechten Fingerzeig auf das politische Geschehen – besonders unserer Tage: Hier geht es nur um Interessen, Wählerstimmen, Amtsperioden und Zahlen. Der vorausschauende Blick in die Zukunft wird nicht gewagt. Man hat Angst vor dem Kommenden, wohlwissend, dass man nichts zu dessem Wohle beigetragen hat. Daraus folgen Abkehr und Konzentration auf das ausschließlich eigene Glück.

„Wenn man über das 20. Jahrhundert nachdenkt, muss man verrückt werden.“

Auch wenn Fox den fatalen Werdegang der Dinge erkannt hat, so ist er doch weder stark, noch allwissend genug, es besser zu machen. Seine Ideale sind groß, doch auch sie sind verfärbt von der eigenen Sozialisation. Im Grunde genommen steigt er schon mit dem falschen Bein ins Boot, als er sich das Urwalddorf kauft – oder besser: einem betrunkenen Geldhai abluchst. Das Land, das er sich eigentlich wünscht, sollte nicht käuflich sein. Er will dem Dschungel das Eis – die Zivilisation – bringen (was gar nicht benötigt wird, alles wächst frisch nach), die Vorzüge der Wissenschaft installieren – und verseucht, weil niemand die Chemie kontrollieren kann, seine neue Heimat. Das von ihm erbaute Kraftwerk wirkt wie ein Schrein, ein künstlicher Gott, den Fox gebracht hat. Er wird zum Extremisten, mordet, um eine friedliche Welt zu schaffen. Das kann so nicht gelingen.

Er verliert die klare Struktur, die für einen Neuanfang vonnöten ist, durch seinen Hass auf das, was ihm zuwider spricht. Damit bleibt auch er engstirnig und für sich. Wie die Menschen, die er doch so sehr verabscheut. Auch fernab der Konsumtempel kann er keine Gemeinschaft formen, er bleibt in seinem Denken und Tun für sich. Warnende Worte anderer, nächststehender wie Frau und Kinder nimmt er nicht an, um seine Pläne anzupassen. Er wird zum Diktator. Zwar hat er Gutes im Sinn, aber Menschen können nur gemeinsam füreinander entscheiden. Das entgeht Fox.

Der älteste Sohn, Charlie, überzeugend gespielt von einem 16-jährigen River Phoenix, entdeckt seine erste Erotik – „Mosquito Coast“ ist auch ein gelungener Coming-of-Age-Film. Doch sein Vater hat keinen Blick dafür, zu sehr ist er mit sich und SEINER neuen Welt beschäftigt. Der Zuschauer erlebt den Film aus der Perspektive von Charlie, der uns auch als Erzähler führt. Trotz seines jugendlichen Alters wirkt er so viel reifer als sein Vater. Er kommentiert aus der Rückschau und uns wird schnell klar, wie dieser Film enden muss.

Es läuft aus dem Ruder

Die Kirche, die den Menschen eigentlich den wahren (?) Glauben bringen sollte, vereinnahmt die Menschen tatsächlich nur für sich. Sie sollen ihr und nicht der Welt dienen. Konsum und Dienen gehen Hand in Hand und ein gutes Mittel zur Indoktrinierung sind die Medien. Der irre Pfarrer baut im Dschungel eine scheinbar makellose Kirche – und lässt den Gottesdienst in der Kirche vom Fernseher laufen. Die Eingeborenen werden zum Opfer der Manipulation, vorbereitet auf ihren Umzug in die erschlossene Welt oder dafür bestimmt, sich dem Kirchenstaat an der Mosquito Coast zu unterwerfen.

An der Mosquito Coast sind Han Solos und Indiana Jones’ Waffen stumpf

„Mosquito Coast“ ist vielleicht der stärkste Film von Harrison Ford. Er bringt zunächst das Publikum auf seine Seite, man stimmt ihm zu, in seinem unsere Welt verachtenden Blick. Man will, dass das neue Leben seiner Familie gelingt. Man wünscht sich ein Happy End. Doch Peter Weir ist kein Märchenerzähler. Sein Protagonist, Fox, wird vom Subjekt zum Objekt. Er wird Opfer seiner eigenen Pläne, seiner Selbstüberschätzung. Ford gelingt es kongenial, tröpfchenweise den Wahnsinn seiner Figur durchscheinen zu lassen. Seine Rolle ist fatalistisch. Da Selbstaufgabe für diesen Charakter unmöglich ist, steuern wir mit ihm immer schneller auf den großen Knall zu. Der kommt im Film für die Hauptfigur. Für uns sicher auch demnächst.

Eine Blu-ray in guter Bild- und Tonqualität dieses bedeutsamen Films ist ein wichtiges Mosaikstück in einer gut sortierten Filmsammlung. Nun hätte sich aber gerade dieses vielschichtige Werk mit hochkarätigen Namen vor und hinter der Kamera für eine aufwendigere Veröffentlichung angeboten, etwa im Mediabook. So muss man hier auf jegliche Extras oder wenigstens ein Booklet verzichten und sich allein am Film selbst erfreuen. Achtung: Anders als auf dem Backcover angegeben fehlt die englische Fassung, also die Originalsprache – stattdessen findet sich eine spanische Tonspur. Das ist sehr ärgerlich und hinterlässt einen faden Beigeschmack, denn so ein Film ohne den Originalton dürstet ja schon fast wieder nach einer erneuten, erweiterten Auflage. Auf Rückfrage beim Label Pidax zu diesem Fauxpas erhielt der Autor dieser Zeilen leider keine zufriedenstellende Antwort.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Peter Weir sind in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt, Filme mit Helen Mirren unter Schauspielerinnen, Filme mit Harrison Ford in der Rubrik Schauspieler.

Gescheitert?

Veröffentlichung: 1. April 2019 als Blu-ray und DVD

Länge: 114 Min. (Blu-ray)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Spanisch
Untertitel: keine
Originaltitel: The Mosquito Coast
USA 1986
Regie: Peter Weir
Drehbuch: Paul Schrader
Besetzung: Harrison Ford, Helen Mirren, River Phoenix, Jadrien Steele, Hilary Gordon, Rebecca Gordon, Jason Alexander, Dick O’Neill, Andre Gregory Martha Plimpton
Zusatzmaterial: keins
Label: Pidax Film
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2019 by Leonhard Elias Lemke
Szenenfotos & Packshot: © 2019 Pidax Film

 
 

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