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The First King – Romulus & Remus: Schlammcatchen All’Italiana

Il primo re

Von Lars Johansen

Historien-Abenteuer // Erstaunlicherweise wurde der Gründungsmythos der Ewigen Stadt Rom gar nicht so häufig verfilmt. Über die doch recht bekannte Sage der Zwillinge Romulus und Remus, die von einer Wölfin gesäugt wurden, gibt es nur zwei Filme – beide sind 1961 in Italien entstanden: zum einen „Romulus und Remus“ („Romolo e Remo“) von Sergio Corbucci mit Steve Reeves und Gordon Scott, die sich um Virna Lisi balgen. Zum anderen haben wir den jungen Roger Moore im kurzen Rock in „Der Raub der Sabinerinnen“ („Il Ratto delle Sabine“) von Richard Pottier, wo Mylène Demongeot mit ihren Gespielinnen entführt wird. Hier taucht Remus gar nicht mehr auf, weil er schon tot ist. Und das war es dann tatsächlich schon mit den beiden Figuren. Vielleicht waren sie den Römern auch einfach zu heilig, um sie in den eher ironischen Peplum-Filmen, welche nach den Schuhen der Protagonisten benannt wurden, der 60er einfach so zu verwursten.

„Schon wieder Schlammcatchen?“

Das italienische Kino feierte in den 50er- und 60er-Jahren große Erfolge mit den hierzulande Sandalenfilmen genannten Streifen. Zuerst hatten die Amerikaner Italien als preisgünstigen Drehort für ihre Historienschinken entdeckt, deren Kulissen ja tatsächlich schon Tausende von Jahren in der Gegend herumstanden und daher ausgesprochen authentisch aussehen konnten. Bald übernahmen die Italiener selbst, und, nachdem der erste Herkules-Film, „Die unglaublichen Abenteuer des Herkules“ („Le Fatiche di Ercole“, 1958) in den USA ein gigantischer Erfolg geworden war, stellten sie diese Filme jetzt am Fließband her. Einige Jahre später wurden die Peplums durch Italowestern ersetzt und irgendwann in den späten 80ern erlosch das weltweite Interesse am italienischen Genrekino. Umso besser, dass wir jetzt wieder die Möglichkeit bekommen, einen italienischen Genrefilm zu sehen.

Kein Schirm, aber zwei Beile

Romulus (Allessandro Borghi) und Remus (Alessio Lapice) arbeiten als Schafhirten und werden von einer großen Flutwelle erfasst, vor deren Auswirkungen sie sich nur durch gegenseitige Unterstützung retten können. Sie überleben die Katastrophe knapp und werden nach Alba Longa verschleppt, wo sie gezwungen werden, gegeneinander zu kämpfen. Dabei zetteln sie einen Aufstand an, mit einer Handvoll Männer gelingt ihnen die Flucht. Als Geisel nehmen sie die Priesterin mit sich, eine Vestalin (Tania Garribba). Romulus wird schwer verletzt, Remus gebärdet sich immer diktatorischer. Sie erreichen ein Dorf, dessen Männer anscheinend alle getötet wurden.

Er hat das mit der Herzensangelegenheit völlig missverstanden

Auf der deutschen Blu-ray läuft vor dem Start von „The First King – Romulus & Remus“ ein Trailer von Mel Gibsons „Die Passion Christi“ („The Passion of the Christ“, 2004), in dem ausschließlich hebräisch, aramäisch und lateinisch gesprochen wird, was die Geschichte authentischer wirken lassen soll. Das nahmen sich die Macher von „The First King“ offenbar als Vorbild. Denn auch hier wird nur lateinisch gesprochen. Es handelt sich dabei nicht um das an unseren Schulen unterrichtete Schriftlatein der Hochsprache, sondern dem Vernehmen nach um einen Dialekt jener Zeit, der so von den Menschen gesprochen wurde. Dadurch wirkt das Gezeigte noch archaischer, als es das ohnehin tut.

„Alles voller Borkenkäfer da oben!“

Wir sehen keine Hochglanzbilder, wie wir sie aus vielen, vor allem älteren Historienfilmen kennen, sondern dreckige Gegenwärtigkeit mit heruntergekommenen Gestalten, die in den Kämpfen nur das nackte Leben retten können. Da wird nicht ästhetisch gekämpft, sondern gehauen und gestochen bis der Gegner kampfunfähig ist. Eine schwere Verletzung bedeutet in so einer Umgebung normalerweise den Tod. Und so ist es Luxus, wenn Remus seinen schwerverletzten Bruder nicht zurücklässt, sondern ihn auf der Flucht mitnimmt. Mehr als einmal wollen die übrigen Männer den Hilflosen töten. Das baut natürlich eine Dramatik auf, die den Schlusskampf in einem ganz anderen Licht dastehen lässt.

„Wollmütze hatte ich gesagt, aber sie hört ja nie zu.“

Die Wälder sind dunkel und es regnet viel. Die Männer (und später auch die Frauen) laufen ungepflegt und zerlumpt weite Strecken. Die Bilder erinnern an Wikingerserien der vergangenen Jahre und greifen eine aktuelle Ästhetik historischer Filme auf, die Authentizität herstellen möchte. Dabei kann sie aber eigentlich nicht auf die Realität jener Zeit zurückgreifen, da die Überlieferungen und künstlerischen Darstellungen von damals eigentlich nur Imaginationen sind, die zusammen mit Ausgrabungsergebnissen nur eine mögliche Annäherung an eine solche, weit entfernte Epoche sein können. Man kann bestenfalls etwas behaupten und hoffen, dass es dem, was wirklich war, nahe kommt.

„Wo ist denn hier die Hüttengaudi?“

Aber da Romulus und Remus sowieso mythische Gestalten sind, wird das eigentlich unmöglich und der Versuch einer Annäherung an das, was wirklich war, ist zum Scheitern verurteilt. Dass die Vestalin tatsächlich weissagen kann und die Zukunft zu kennen scheint, macht aus dem Anspruch des Authentischen einen eher magischen Realismus, der schon an Fantasy grenzt. Das große Alba Longa besteht nur aus ein paar einfachen Strohhütten und die Gefangenen müssen vor einer Ruinenmauer aus Steinen kämpfen. Unter dem Gesichtspunkt des Realismus ist das natürlich barer Unsinn.

„Salatkopf? Sehen wir wie Veganer aus?“

Aber man kann „The First King“ auch anders interpretieren. Denn der Film greift die Tradition des italienischen Historienkinos auf. Auch dort wurde gern in den vorhandenen Ruinen gedreht, weil die Zuschauer diese mit ihrer Vorstellung der Vergangenheit abgleichen konnten, da die Menschen die Bauwerke der Antike nur als Ruinen kannten. So war das scheinbar Falsche für den Betrachter eben doch richtig. Wenn man „The First King – Romulus & Remus“ also als Auseinandersetzung mit den Filmen der 50er und 60er sieht, macht er eigentlich alles richtig. Und die Ästhetik anderer Filme aufzugreifen, also quasi zu okkupieren und in etwas spezifisch Italienisches umzuwandeln, hat auch eine gute Tradition. Gutes italienisches Genrekino war immer beides, Tradition und deren Verwandlung in etwas Eigenes, Neues und dadurch Originäres.

„Da fackel ich nicht lange.“

Das gleiche Team (Regie und Drehbuch) hatte sich übrigens 2016 mit „Veloce come il vento – Giulias großes Rennen“ („Veloce come il vento“) schon mal an großem Genrekino versucht. Der Rennfahrerfilm wirkt im großen Todesrennen ab und an wie ein gelungenes kleines Rip-off von „The Fast and the Furious“ (2001). Roveres „Drifters“ von 2011 mit Asia Argento in der Hauptrolle würde ich gern einmal sehen. Das limitierte Steelbook von capelight pictures ist eine runde Sache geworden. Die Bild- und Tonqualität der Blu-ray sind exzellent, die Extras nicht üppig, aber ausreichend. Wer sich für aktuelles Historienkino interessiert, sollte einen Blick riskieren. Und auf jeden Fall die lateinische Tonspur mit deutschen Untertiteln nutzen, denn so ist der Film gemeint.

„Wie, Wernigerode? Ich dachte alle Wege führen nach Rom.“

Veröffentlichung: 8. November 2019 als Blu-ray im Steelbook und DVD

Länge: 127 Min. (Blu-ray), 122 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Latein
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Il primo re
IT/BEL 2018
Regie: Matteo Rovere
Drehbuch: Matteo Rovere, Francesca Manieri, Filippo Gravino
Besetzung: Allessandro Borghi, Alessio Lapice, Tania Garribba, Massimiliano Rossi, Fabrizio Rongione, Michael Schermi, Max Malatesta Vincenzu Pirrotta
Zusatzmaterial: Trailer, Making-of, Featurettes (Die Kämpfe; Die Ausstattung)
Label: capelight pictures
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2020 by Lars Johansen

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2019 capelight pictures

 

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Gewinnspiel: Black 47 – 1 x auf Blu-ray, 1 x auf DVD

Verlosung

„Black 47“ spielt während der Großen Hungersnot in Irland, 1847 markiert deren schlimmstes Jahr. Die Zeit hat sich ins kollektive Gedächtnis der Iren eingebrannt. Ein Ire kehrt vom Kriegseinsatz für die Briten in Übersee zurück und findet seine Familie ausgelöscht und sein Land im Elend vor, woraufhin er einen Rachefeldzug startet. Ascot Elite Home Entertainment hat uns von dem Historiendrama eine Blu-ray und eine DVD zum Verlosen zur Verfügung gestellt. Dafür herzlichen Dank im Namen der kommenden Gewinnerinnen und Gewinner.

Teilnahmebedingungen

Zwar bringt es mir Spaß, Filme unter die Leute zu bringen, weil sich die überwältigende Mehrzahl der Gewinnerinnen und Gewinner aufrichtig freut und höflich bedankt. Dennoch geht der Versand etwas ins Geld, zumal „Die Nacht der lebenden Texte“ nach wie vor keinen Cent Ertrag abwirft (die unten ab und zu eingeblendete Werbung schaltet WordPress). Daher: Auf völlig freiwilliger Basis darf mir jede/r Gewinner/in gern anbieten, das Porto in Höhe von 1,45 Euro zu übernehmen – oder höher beim Wunsch nach versichertem Versand. Gebt mir das aber bitte nicht schon im Kommentar mit eurer Antwort bekannt, sondern erst im Gewinnfalle. Ich will nicht in Verdacht geraten, die Sieger danach zuzuteilen.

Zwecks Teilnahme am Gewinnspiel begebt Ihr euch zu meiner Rezension des Films und beantwortet dort (also nicht hier unter dem Gewinnspiel) bis Sonntag, 24. März 2019, 22 Uhr, im Kommentarfeld die Frage am Ende des Textes.

Seid Ihr dazu nicht in der Lage, so schreibt das einfach hin. Alle veröffentlichten Antworten landen im Lostopf. Nicht verzweifeln, wenn Ihr euren Kommentar nicht sogleich erblickt – aus Sicherheitsgründen schalten wir ihn erst frei. Das ist aber Formsache.

Folgt „Die Nacht der lebenden Texte“!

Wollt Ihr kein Gewinnspiel und keine Rezension verpassen? Folgt „Die Nacht der lebenden Texte“! Entweder dem Blog direkt (in der rechten Menüleiste E-Mail-Adresse eintragen und „Folgen“ anklicken) oder unserer Facebook-Seite.

Der Rechtsweg ist ausgeschlossen

Teilnahmeberechtigt sind alle, die eine Versandanschrift innerhalb Deutschlands haben oder bereit sind, die Differenz zum Inlandsporto zu übernehmen. Für Transportverlust übernehme ich keine Haftung (verschicke aber sicher verpackt und korrekt frankiert). Ich benötige obendrein die Zusage, dass die Sendung nicht von Minderjährigen entgegengenommen werden kann. Gewinnerinnen oder Gewinner, die sich drei Tage nach meiner zweiten Benachrichtigung nicht gemeldet haben, verlieren den Anspruch auf die Blu-ray oder DVD. In dem Fall lose ich unter den leer ausgegangenen Teilnehmerinnen und Teilnehmern einen neuen Namen aus.

Nur eine Teilnahme pro Haushalt. Autorinnen und Autoren von „Die Nacht der lebenden Texte“ sowie deren und meine Familienmitglieder dürfen leider nicht mitmachen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Die Gewinner werde ich im Lauf der Woche nach Ende der Frist bekanntgeben, indem ich diesen Text um einen Absatz ergänze, und sie auch per E-Mail benachrichtigen.

Die Verspätung bei der Auslosung und Bekanntgabe der Gewinnerinnen bitte ich zu entschuldigen. Gewonnen haben

– die Blu-ray: Ina Meier,
– die DVD: Heike HB.

Herzlichen Glückwunsch! Ihr werdet benachrichtigt.

Die Rezension von „Black 47“ findet Ihr auch hier.

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

 

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Black 47 – Irische Tristesse von Hunger und Vergeltung

Black ’47

Von Volker Schönenberger

Historiendrama // Als „Great Famine“ hat sich die ab 1845 grassierende Große Hungersnot in Irland ins kollektive Bewusstsein der Bevölkerung eingebrannt. Eine Million Menschen verhungerten oder starben durch Krankheiten, was zwölf Prozent der damaligen Einwohnerinnen und Einwohner entsprach. Zwei Millionen Menschen emigrierten nach Nordamerika, Großbritannien oder Australien. Wie so oft in der Geschichte der Menschheit traf die Katastrophe in erster Linie die unteren Schichten, die Armen und Hilflosen. Auslöser war eine Kartoffelfäule, die zu Missernten führte, verschärft wurde die Situation aufgrund unzureichender Gegenmaßnahmen der Regierung und der englischen Großgrundbesitzer – das Land war seinerzeit Teil des Vereinigten Königreichs Großbritannien und Irland. Die Hungersnot gilt heute als eins der zentralen und wegweisenden Ereignisse der irischen Geschichte und führte nach einer Phase der politischen Lähmung der Bevölkerung zum Erstarken des Wunsches nach Unabhängigkeit von Großbritannien – im Zweifel mit Gewalt. Dem Irischen Unabhängigkeitskrieg (1919–1921) folgten schließlich die Gründung des Irischen Freistaats (1922) und der Republik Irland (1937).

Martin Feeney geht auf Rachefeldzug …

„Black 47“ bezeichnet das schlimmste Jahr der Hungersnot – 1847. In diesem Jahr kehrt Martin Feeney (James Frecheville) in seine irische Heimat in der Region Connemara zurück. Als Freiwilliger hatte er für die Briten Soldatendienst in Übersee geleistet, was ihn in den Augen vieler Landsleute zum Verräter abstempelt. Vor seinem Elternhaus muss er feststellen, dass seine Mutter verhungert ist und sein Bruder gehängt wurde, weil er einen Gerichtsvollzieher erstochen hatte, der die Räumung des Hauses durchsetzen wollte. Die englischen Vermieter sind schnell dabei, ihre verarmten irischen Pächter hinauszuwerfen, sobald mal die Pacht nicht mehr bezahlt werden kann.

Der Rächer und sein Jäger

Als Feeney auch verbleibende Verwandte verliert, begibt er sich auf einen Rachefeldzug. Damit zieht er zügig die Aufmerksamkeit der Ordnungsmacht auf sich, die ihrerseits den Ermittler Hannah (Hugo Weaving) auf ihn ansetzt. Den erwartet an sich der Tod durch den Strang, weil er im Verhör einen Verdächtigen erwürgt hatte. Hannah reist in Begleitung des jungen Soldaten Pope (Freddie Fox) nach Connemara, um Feeney aufzuspüren.

Die Hungersnot in Irland als Rachewestern

Regisseur Lance Daly („The Good Doctor“, 2011) kleidet die Handlung in triste, artifizielle Bilder mit herabgesetzter Farbsättigung vor Matte-Painting-Hintergrund. Wenn Feeney durch die karge Landschaft reitet und auf dem Wege an ärmlichst bis spärlich bekleideten Iren vorbeikommt, verströmt das eine endzeitliche Atmosphäre, die seinerzeit unter den Betroffenen womöglich tatsächlich verspürt worden ist. In diesen Sequenzen ist der Film als Historiendrama stark und wird dem tragischen Ereignis gerecht. In der Folge wandelt sich „Black 47“ zum Duell des Protagonisten mit seinem Jäger Hannah, wobei Hugo Weaving („Matrix“) aufgrund seines Charismas die Nase vorn hat. James Frecheville („The Drop – Bargeld“) lässt es mimisch etwas eintönig angehen, selten wandelt sich sein Blick, was angesichts des Elends und der auf ihn lauernden Gefahren nicht recht passt. In Nebenrollen adeln Stephen Rea („The Crying Game“) und Oscar-Preisträger Jim Broadbent („Iris“) die Besetzung. „Black 47“ geht bei aller Bildgewalt eher als Rachewestern ins Ziel als als Historien-Epos. Das ist auch in Ordnung, dennoch bleibt der Gedanke hängen, dass mehr dringewesen wäre. Welche Historienfilme rund um die irische Geschichte könnt Ihr empfehlen?

… Hannah auf die Jagd

Veröffentlichung: 14. Dezember 2018 als Blu-ray und DVD

Länge: 100 Min. (Blu-ray), 96 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Black ’47
IRL/LUX 2018
Regie: Lance Daly
Drehbuch: Lance Daly
Besetzung: Hugo Weaving, James Frecheville, Stephen Rea, Jim Broadbent, Freddie Fox, Barry Keoghan, Moe Dunford, Sarah Greene,Ciaran Grace
Zusatzmaterial: Originaltrailer, deutscher Trailer, Wendecover
Label/Vertrieb: Ascot Elite Home Entertainment

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Trailer: © 2018 Ascot Elite Home Entertainment

 
 

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