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Wir – Die Doppelgänger kommen!

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Von Volker Schönenberger

Horrorthriller // Wir Menschen sind Gewohnheitstiere und mögen Bewährtes. Das gilt auch und ganz besonders für Fans von Horrorfilmen, wie allein schon die Erfolge von Reihen wie „Saw“, „Wrong Turn“, „Freitag, der 13.“, „Nightmare“ und „Halloween“ belegen. Leider hat das zur Folge, dass sich viele Horrorfilm-Konsumenten kaum noch von ihren eingefahrenen Sehgewohnheiten lösen können und daher nicht in der Lage sind, eigenständige Werke von außergewöhnlicher Qualität zu würdigen. So erklärt sich die Kontroverse, die Jordan Peeles Regiedebüt „Get Out“ (2017) seinerzeit ausgelöst hat – der New Yorker Filmemacher erhielt dafür 2018 den Oscar fürs beste Originaldrehbuch und war damit der erste in dieser Kategorie prämierte Afroamerikaner. Nun ist es natürlich jedem Filmgucker selbst überlassen, was ihm gefällt oder missfällt. Besonders unter Horrorfans fiel jedoch auf, wie sehr offenbar eingefahrene Sehgewohnheiten es vielen unmöglich machten, die Qualitäten von „Get Out“ anzuerkennen. Die Kritik daran blieb meist vage, die hohen Bewertungen unter Kritikern und erfreulicherweise auch insgesamt beim Publikum wurden gekontert, indem das Werk eben als „Hype“ und „überbewertet“ abgekanzelt wurde. Wer gibt schon gern zu, zu eingefahren zu sein, um Originalität zu erkennen?

Zweite Regiearbeit nach „Get Out“

Mit der Rezeption des Nachfolgers „Wir“ hatte ich mich bislang noch nicht befasst, zumal ich Jordan Peeles zweite Regiearbeit – erneut nach eigenem Originaldrehbuch inszeniert – nicht im Kino, sondern erst jetzt anlässlich dieser Rezension geschaut habe. Die Wertungen bleiben etwas hinter „Get Out“ zurück, sind aber immer noch hoch genug für berechtigte Vorfreude auf ein erneut außergewöhnliches Horrorwerk. Und so kommt es dann auch.

Schreck im Spiegelkabinett

Unter dem Festland der Vereinigten Staaten befinden sich einer Einblendung zufolge Tausende von Meilen lange Tunnelsysteme verlassener U-Bahn-Systeme und Bergwerksschächte, von denen die meisten keinem Zweck mehr dienen. Vorerst wird dies nicht weiter aufgegriffen, im Anschluss setzt der Prolog von „Wir“ im Jahr 1986 ein: Bei einem Urlaubstrip nach Santa Cruz setzt sich die kleine Adelaide „Ada“ Thomas (Madison Curry) in einem Vergnügungspark von ihren Eltern ab und betritt ein Spiegelkabinett. Darin entdeckt sie etwas, das ihr zutiefst Angst einflößt.

Was für Leute stehen da in der Einfahrt?

Der nun einsetzende Vorspann mit einer Reihe von Kaninchenkäfigen wirft ebenfalls Fragen auf. Mit einem Zeitsprung ins Hier und Heute setzt die Haupthandlung ein. Ada (Lupita Nyong’o) ist mit Gabe Wilson (Winston Duke) verheiratet, die beiden haben mit Jason (Evan Alex) und Zora (Shahadi Wright Joseph) zwei aufgeweckte Kinder. Die Familie besucht das Ferienhaus aus Adas Kindheit in der Nähe von Santa Cruz, einen Ort, den Ada gern meiden würde, vor allem den Strand und den Vergnügungspark. Gabe überredet sie aber, am Strand das befreundete Paar Kitty und Josh Tyler (Elisabeth Moss, Tim Heidecker) zu treffen.

Attacke der Doppelgänger

Abends berichtet Ada ihrem Mann von den traumatischen Erinnerungen an jenen Tag in ihrer Kindheit. Und plötzlich stehen vier Menschen in roten Overalls auf dem Grundstück. Sie sind den Wilsons nicht nur wie aus dem Gesicht geschnitten, sondern echte Doppelgänger, die sich gewaltsam Zutritt zum Haus verschaffen. Beginn albtraumhafter Ereignisse …

Was hat es mit diesen Doppelgängern auf sich? Ein wenig erfahren wir nach dem Eindringen des Quartetts ins Ferienhaus der Wilsons, weil Adas Pendant „Red“ im Gegensatz zu den drei anderen zum Sprechen in der Lage ist. Sie bezeichnet sich als Adas „Schatten“, all die Jahre schicksalhaft mit ihr verbunden. Nun sei die Zeit gekommen, sich zu lösen. Mehr muss man nicht erfahren, weitere Erklärungen entfalten sich nach und nach mit der Eskalation der Ereignisse.

Die Wilsons bekommen es mit der Angst zu tun

Mann, ist das gruselig! Vom ersten Auftauchen der vier Doppelgänger in der Einfahrt der Wilsons hatte mich „Wir“ in seinem Bann. Zum einen interessierte mich, ob und wie die Wilsons mit der Bedrohung fertig werden, zum anderen wollte ich unbedingt wissen, was dahintersteckt. Die „Schatten“ sind stark und skrupellos, doch zum Glück erweisen sich auch die Wilson-„Originale“ als zäh und widerstandsfähig. Ein paar Mal habe ich mich gefragt, weshalb die Doppelgänger nicht einfach töten, sobald die Gelegenheit da ist, aber das sei als dramatisches Moment erlaubt.

An die Darstellerinnen und Darsteller der vier Gibsons und ihrer Doppelgänger stellte die Story schauspielerisch natürlich einige Herausforderungen. Zum einen mussten sie etliche Szenen spielen, ohne mit ihrem Gegenüber interagieren zu können, weil sie ja dieses Gegenüber selbst spielten – die Szenen wurden anschließend an Schneidetisch und Computer zusammenmontiert; zum anderen musste jede/r der vier während einer Filmproduktion zwei grundverschiedene Figuren verkörpern. Das Quartett um Oscar-Preisträgerin Lupita Nyong’o („12 Years a Slave“, 2013) löst dies bravourös.

Gabe will hinaus, Ada hat Bedenken

Ich erwähne es immer wieder gern: Nicht nur musikalische Untermalung kann Spannungsaufbau fördern, auch der Verzicht darauf eignet sich dafür. Das hat Jordan Peele ebenfalls begriffen, er setzt Score dort ein, wo es sinnvoll ist, und lässt einige Szenen völlig ohne Musik für sich wirken. Komponist Michael Abels, bereits bei „Get Out“ für den Score zuständig, schuf ungewöhnliche Klänge mit Streich- und Schlaginstrumenten, mit denen er die unterschiedlichen Persönlichkeiten der Protagonistinnen und Protagonisten und ihrer Doppelgänger betonte.

Wer oder was steckt dahinter?

Ein Fragezeichen hinterließ bei mir die gegenüber ihren Pendants an der Erdoberfläche identische familiäre Konstellation der Doppelgänger. Dies wird zwar erklärt, erscheint mir aber nicht ganz logisch. Und die gesamte Auflösung lässt zwar frösteln, aber auch einige Fragen offen. Die gigantische Logistik, die dahintersteckt, wird als gegeben vorausgesetzt, das Publikum muss sie einfach akzeptieren. Am Effekt auf uns Zuschauerinnen und Zuschauer ändert das zwar nichts, und ich gehöre auch nicht zu denen, die am Ende eines Films jede Frage bis ins Detail beantwortet haben müssen, aber fast gewinne ich den Eindruck, dass sich Jordan Peele mit der Frage der den Schatten zugrunde liegenden Organisation nicht intensiver befasst hat, weil ihn das in Erklärungsnot gebracht hätte.

Die Angst erweist sich als berechtigt

„Wir“ eröffnet mannigfaltige Möglichkeiten der Interpretation – ob in Richtung Paranoia, der Angst vor dem oder den Fremden, Klassenkampf, Verschwörungstheorien oder anderer Themen. Dualität spielt logischerweise eine große Rolle und findet sich außer in den Doppelgängern in vielen Anspielungen. Selbst Michael Jackson geistert durch den Film. Sind die Doppelgänger eine Metapher für unser unterbewusstes Selbst? Ich habe noch keine für mich abschließende Deutung gefunden, außerdem will ich Spoiler vermeiden und kann meine Gedanken dazu allein deshalb nicht weiter ausführen. Interessante, aber mit Spoilern gespickte Überlegungen zur Interpretation von „Wir“ finden sich etwa bei Rotten Tomatoes und der ehrwürdigen
New York Times.

Von „Good Vibrations“ zu „Fuck tha Police“

Den anderswo gelobten Humor von „Wir“ habe ich über weite Strecken gar nicht wahrgenommen, einmal gab es aber dann doch auch für mich Gelegenheit zum Schmunzeln – wenn „Good Vibrations“ von den Beach Boys durch „Fuck tha Police“ von NWA abgelöst wird. Klingt nicht lustig? Im Kontext schon, schaut es euch an! Jordan Peele zeichnet auch als Produzent für seine Regiearbeit verantwortlich, unter seinen Ko-Produzenten befindet sich Jason Blum, Gründer und Boss von Blumhouse Productions, die allerdings nicht als Produktionsfirma von „Wir“ gelistet sind. Die Beziehungsgeflechte der Hollywood-Produzenten und Produktionsfirmen sind für mich ohnehin ein Buch mit sieben Siegeln.

Was will „Red“?

„Wir“ bietet nach der Sichtung viel Diskussionsstoff, ob zur Deutung oder zur Frage, wie der Film denn gefallen habe. Er wird viele ratlos zurücklassen, nicht nur die oben erwähnten Horrorfans mit den eingefahrenen Sehgewohnheiten. Mir hat Peeles zweite Regiearbeit etwa ebenso gut gefallen wie sein herausragendes Debüt, ganz durchschaut habe ich „Wir“ aber noch nicht.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Lupita Nyong’o sind in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgeführt.

Auge in Auge mit der Doppelgängerin

Veröffentlichung: 25. Juli 2019 als Blu-ray im Steelbook, Blu-ray, 4K UHD Blu-ray (inkl. Blu-ray) und DVD

Länge: 116 Min. (Blu-ray), 111 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Türkisch
Untertitel: Deutsch, Englisch, Türkisch u. a.
Originaltitel: Us
USA/JAP/CHN 2019
Regie: Jordan Peele
Drehbuch: Jordan Peele
Besetzung: Lupita Nyong’o, Winston Duke, Shahadi Wright Joseph, Evan Alex, Elisabeth Moss, Tim Heidecker, Yahya Abdul-Mateen II, Anna Diop, Cali Sheldon, Noelle Sheldon, Madison Curry, Alan Frazier, Ashley McKoy, Napiera Groves, Lon Gowan
Zusatzmaterial: Die Monster in uns (4:45), Miteinander verbunden: Der Doppeldreh (7:29), Jordan Peeles ganz eigene Art von Horror (5:31), Die Dualität von „Wir“ (9:56), Eins werden mit Red (4:09), unveröffentlichte Szenen, Jeder stirbt (6:22), Wie oben, so unten: Grand Pas de deux (5:02)
Label/Vertrieb: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Szenenfotos, Packshot & Trailer: © 2019 Universal Pictures Germany GmbH

 
 

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Crawl – Stirbt der Hund?

Crawl

Kinostart: 22. August 2019

Von Volker Schönenberger

Horror // Ob Alexandre Aja weiß, dass viele Filmfans, auch Horrorfans, einiges abkönnen, es aber nicht ertragen, wenn ein Hund zu Tode kommt? Hat er deshalb einen solchen Vierbeiner eingebaut? Diese Leute werden aus „Crawl“ eine Menge zusätzliche Spannung ziehen, denn zu den beiden Hauptfiguren Vater Dave (Barry Pepper) und Tochter Haley (Kaya Scodelario) gesellt sich Daves Hund Sugar (Cso-Cso in seinem Filmdebüt). Und Hunde geben nun mal für Mississippi-Alligatoren einen willkommenen Happen für zwischendurch ab – zwischen der einen oder anderen menschlichen Hauptmahlzeit, versteht sich.

Haley hat ihren schwer verletzten Vater entdeckt

Aber der Reihe nach: Über Florida tobt der Hurrikan „Wendy“, die besonders gefährdeten Gebiete werden evakuiert. Haley jedoch fährt in die entgegengesetzte Richtung, weil sie ihren Vater nicht erreichen kann – er lebt genau dort, wo der Sturm mit seiner gewaltigsten Wucht aufschlagen wird. Im Haus ihres Vaters entdeckt sie lediglich den Familienhund Sugar, woraufhin sie ihn mitnimmt und zum Haus der Familie fährt, das Dave an sich längst verkauft haben wollte – die Eltern sind seit einiger Zeit geschieden. Sie findet ihren Vater schwer verletzt und bewusstlos im Keller vor. Leider tummeln sich dort unten auch zwei hungrige Alligatoren. Während der Hurrikan Fahrt aufnimmt und der Keller langsam voll Wasser läuft, müssen Vater und Tochter ums Überleben kämpfen.

Die junge Frau sucht nach einem Fluchtweg

Nach seinem so blutigen wie irrwitzigen Fisch-Gemetzel „Piranhas 3D“ (2010) lag der Gedanke nahe, dass Alexandre Aja auch Krokodile in einem ausgelassenen Splatter-Spektakel inszenieren würde. Doch weit gefehlt: „Crawl“ gibt sich vollständig ironiefrei, ein kurzes Augenzwinkern gibt es erst, wenn im Abspann „See You Later, Alligator“ von Bill Haley & His Comets erklingt. Gorehounds sollten sich darauf einstellen, dass der „High Tension“-Regisseur die Auswirkungen der gewaltigen Alligatoren-Kiefer nur punktuell in aller Deutlichkeit ins Bild setzt. In diesen Szenen allerdings sieht das Ganze schmerzhaft genug aus. Klaffende Wunden geben den Blick auf gebrochene Knochen frei. Die FSK-16-Freigabe geht meines Erachtens dennoch völlig in Ordnung. Obendrein sind die Reptilien technisch perfekt animiert und inszeniert. Da sich in der Crew kein Tiertrainer findet, muss es wohl CGI sein. Ist Alligatoren-Dressur überhaupt möglich? Ich habe gewisse Zweifel, würde es als Schauspieler auch nicht drauf ankommen lassen. In ein paar Einstellungen kommen Animatronics zum Einsatz, etwa ein künstlicher Alligatorenschwanz, ein Kopf und ein Gebiss, wie Alexandre Aja im Interview mit „Bloody Disgusting“ offenbarte. Auch kurz ins Bild kommende Baby-Alligatoren seien Modelle gewesen. Es sei jedoch mit praktischen Effekten nicht möglich gewesen, die heftigen Attacken und schnellen Bewegungen der Tiere nachzustellen, dafür musste der Computer ran. Jedenfalls sehen die Biester täuschend echt aus. Ob sie auf der Lauer liegend wirklich solche Geräusche machen wie in „Crawl“? Fast klingt es ein wenig knurrend, wie in etlichen Saurierfilmen. Lassen wir das als dramatischen Effekt durchgehen. Auch der Hurrikan ist im Übrigen ansprechend in Szene gesetzt.

Schwimm um dein Leben, Haley!

Haley wird zu Beginn des Films als Leistungsschwimmerin eingeführt. Das tut angesichts diverser Situationen auch Not, in denen sie zügig vor heraneilenden Alligatoren entkommen muss. Papa Dave hat Haley lange Zeit trainiert, daraus resultieren einige Konflikte zwischen den beiden, die angesichts der tödlichen Bedrohung natürlich ins Hintertreffen geraten und auszuräumen sind. Kein neues Motiv, aber einigermaßen schlüssig eingebaut. Im Horrorfilm ebenfalls häufig aus dramaturgischen Gründen anzutreffen: nicht ganz nachvollziehbares Verhalten einzelner Figuren – um das Wort „dumm“ zu vermeiden. Wenn ich versuche, schleichend ein Smartphone zu erreichen, das sich an gefährlicher Position befindet, würde ich mich jedenfalls sofort wieder in Sicherheit begeben, sobald ich das Gerät gegriffen habe, bevor ich den Notruf 911 wähle. Glücklicherweise sind derlei Leichtsinnigkeiten in diesem Fall nicht im Übermaß anzutreffen.

Mit der Schaufel gegen den Gator

Schauspielerisch stemmen die aus der „Maze Runner“-Reihe bekannte Kaya Scodelario und Barry Pepper („Der Soldat James Ryan“, „Wir waren Helden“) das Geschehen weitgehend auf ihren Schultern, das erledigen sie souverän. Die beiden kennen einander aus dem zweiten und dritten „Maze Runner“-Teil. Ein paar Nebenfiguren tauchen auf, ich verrate aber nicht zu viel, wenn ich erwähne, dass sie vornehmlich als Alligatorenfutter dienen.

Wo lauern die Biester?

Ein paar Situationen hat Aja überzogen inszeniert. Eine Badewannen-Kabine als Alligatorenfalle – Respekt, Haley! Man verzeihe mir den minimalen Spoiler. In einer spektakulären Szene kommt auch die berüchtigte Todesrolle der Alligatoren zum Einsatz. Sind das Jagdverhalten der Tiere und ihre Sinneswahrnehmung korrekt dargestellt? Schwierige Frage, die ich mit einem vorsichtigen „Ja“ beantworten möchte. Eine US-Biologin hat vor einiger Zeit entdeckt, dass Alligatoren über Hautsensoren im Gesicht schwache Wellen wahrnehmen können. Dazu passt, dass es Haley und Dave in einer Szene wagen, durchs Wasser zu waten, weil der strömende Regen ihre Bewegungen tarnt. Die Sinnesorgane der Reptilien hingegen sind laut Wikisource recht schwach ausgebildet: Dagegen sind sämtliche Reptilien schwerhörig und im höchsten Grade kurzsichtig. (…) Mit den Augen der Reptilien ist es nicht besser bestellt. Ein Krokodil kann einen Menschen, der zwanzig Meter von ihm entfernt ist, nicht mehr erkennen. Das erklärt es, dass sich Haley und Dave im Keller laut verständigen, ohne zu befürchten, die Alligatoren anzulocken. Allerdings behauptet die Seite tierdoku.com, das Gehör von Krokodilen sei hoch entwickelt. Im Bildband „Krokodile – Expeditionen zu den Erben der Saurier“ von Reinhard Radke (Bergisch Gladbach 2002) fand ich die Einschätzung: Krokodile sind gut genug, um statistisch ausreichend häufig erfolgreich zu sein. Sie sind also keine mörderisch exakten Jäger mit ausgeklügelten Strategien, schnappen auch gern mal daneben.

Alligatoren sind Krokodile, aber keine echten

Bei Krokodil handelt es sich übrigens um den Oberbegriff, die sogenannte Ordnung. Darunter fallen drei Familien: die Echten Krokodile, die Alligatoren inklusive Kaimane und die Gaviale. Auf diese drei Familien verteilen sich acht bis neun Gattungen mit insgesamt 25 Arten. Die Mississippi-Alligatoren im Film gehören logischerweise zur Familie der Alligatoren und darin zur Gattung der Echten Alligatoren, zu der auch die China-Alligatoren zählen. Etwas Nervenkitzel gefällig? Schaut euch das berühmte Video an, in welchem ein junger Alligator von einem Python verspeist wird. Der Dunkle Tigerpython ist Ende der 1970er-Jahre in Floridas Everglades illegal ausgewildert worden, hat sich dort heimisch eingerichtet und auch kleine Alligatoren zu seinen Beutetieren auserkoren. Das nur am Rande – in „Crawl“ gesellen sich die Riesenschlangen nicht dazu.

Bewegt sich da etwas?

Von der Zoologie zur Meteorologie: Während des Films fragte ich mich, ob Alexandre Aja mit „Wendy“ einen bestimmten Hurrikan eines bestimmten Jahres gemeint haben mag. Kurze Recherche ergab, dass das vermutlich nicht der Fall war: Die Namen der Stürme legt die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) in Genf fest. Es existieren sechs Namenslisten, die im jährlichen Wechsel zum Einsatz kommen. Sturmnamen wiederholen sich somit alle sechs Jahre, nur die Namen außergewöhnlich verheerender Hurrikane werden aus der Liste gestrichen, was beispielsweise nach dem 2005er-Sturm „Katrina“ der Fall war, dessen Name seitdem nicht mehr verwendet wird. „Wendy“ war zuletzt 2013 als Name vorgesehen, kam aber nicht zum Einsatz, weil die Hurrikan-Saison lediglich aus 13 Stürmen bestand und somit vor N (für „Nestor“) endete. 2019 könnte es wieder einen Hurrikan namens „Wendy“ geben. Gemäß der Trivia der IMDb ist „Crawl“ inspiriert von Ereignissen während des Hurrikans „Florence“ im Jahr 2018.

Willkommen zurück im Horror, Alexandre Aja!

„Crawl“ kommt angenehm „oldschoolig“ und alles andere als trashig daher. Mit einem permanenten – und natürlich berechtigten – Gefühl der Bedrohung dreht Alexandre Aja gekonnt an der Spannungsschraube, jederzeit muss mit einer Attacke der Alligatoren gerechnet werden. Dazu passt das reduzierte Setting, das Geschehen spielt sich über weite Strecken im Keller ab, bevor es später auch in obere Etagen und nach draußen geht. Die klaustrophobische Enge des niedrigen Kellers trägt das Ihre zur Spannung bei. Mit knapp anderthalb Stunden hat die schnörkellose Inszenierung auch genau die richtige Länge. Mit „Horns“ (2013) und „Das 9. Leben des Louis Drax“ (2016) hatte sich der französische Regisseur zuletzt etwas aus dem Horrorgenre hinausbewegt, war gleichwohl dem fantastischen Film treu geblieben. Seine Rückkehr zum Horror wird Genrefans frohlocken lassen – zu Recht. Stirbt der Hund denn nun? Lasst euch überraschen …

Eingeschlossen

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Alexandre Aja sind in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt, Filme mit Kaya Scodelario unter Schauspielerinnen, Filme mit Barry Pepper in der Rubrik Schauspieler.

Jetzt bloß nicht pupsen

Länge: 87 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Crawl
USA 2019
Regie: Alexandre Aja
Drehbuch: Michael Rasmussen, Shawn Rasmussen
Besetzung: Kaya Scodelario, Barry Pepper, Morfydd Clark, Ross Anderson, Jose Palma, George Somner, Anson Boon, Ami Metcalf, Colin McFarlane, Annamaria Serda
Verleih: Paramount Pictures Germany

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Filmplakat, Szenenfotos & Trailer: © 2019 Paramount Pictures Germany

 
2 Kommentare

Verfasst von - 2019/08/19 in Film, Kino, Rezensionen

 

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Sea of Blood – Lieber arm dran als Arm ab

Sea of Blood

Von Marco Kraus

Kurzfilm-Horror // Ein paar Dinge vorweg: „Sea of Blood“ richtet sich ausschließlich an ein volljähriges Publikum. Klingt logisch bei dem Titel, jedoch wurden alle Rezensenten im Voraus gebeten, dies auch explizit zu erwähnen. Na gut, dachte ich mir, erfülle ich den Wunsch, und vermutete eine geschickte Marketingkampagne. Aber was soll ich sagen? Nach den rund 23 Minuten Film habe selbst ich verstanden, warum ausdrücklich darauf hingewiesen werden soll – und das soll schon etwas heißen, denn ich bin einiges gewohnt.

Alles schon mal dagewesen?

„Sea of Blood“ ist ein rund 23-minütiger Kurzfilm, der sich irgendwo im Bereich Gore und Fetish Porn bewegt. Dies ist weiß Gott nichts Neues und auch alles schon einmal da gewesen, an dieser Stelle sei die „Vomit Gore“-Quadrilogie von Lucifer Valentine mal wieder als Paradebeispiel hervorgeholt. Der Vergleich mit dieser Reihe kommt auch nicht von ungefähr: Zwar verzichtet „Sea of Blood“ komplett auf das Stilmittel erbrechender Darsteller, aber man scheut sich nicht, explizite Hardcore-Szenen im Detail zu zeigen. Auch die Stimmen der Darsteller wurden hier verzerrt, was dem Ganzen einen besonderen Effekt gibt, aber auf die Dauer recht nervend wirken kann.

Zehn Minuten fast nur Porno

„Sea of Blood“ beginnt schleppend. Drei Frauen treffen sich in einem Raum, vermutlich einem Hotelzimmer, zu einem Videodreh. Ein Darstellervertrag wird unterzeichnet, das unwissende Opfer ist somit gefunden, und los geht’s mit den ersten Sexszenen. Und hier ist von Masturbation, dem Einsatz eines Dildos bis hin zum Würgen bis zur Bewusstlosigkeit für jeden etwas dabei, der auf Hardcore-Einlagen steht, denn im Gegensatz zu anderen Filmen aus diesem Genre wird hier nicht nur angedeutet, sondern die Kamera hält drauf.

Mit Spaß bei der Sache

Ab dem Zeitpunkt, an dem das bewusstlose Opfer in einer mit Folie ausgelegten Dusche erwacht, kommen Gore-Freunde auf ihre Kosten. Ohren werden mit einem Klappmesser abgeschnitten, der Unterarm des Opfers wird abgetrennt und dient zu sexuellen Aktivitäten am Opfer – weitere Details spare ich mir an dieser Stelle.

Anatomie für Anfänger

Wie soll man „Sea of Blood“ einordnen? Der Film hat seine Momente, die für mich eindeutig in der letzten Hälfte des Films liegen und aufgrund der Make-up-Spezialeffekte jeden Gorehound überzeugen müssten. Die erste Hälfte des Kurzfilms ist von Hardcore-Szenen geprägt. Diese sind durchaus ansehnlich, was nicht nur an den gut gewählten Darstellerinnen liegt, aber halt auch nicht jedermanns Sache sein werden. Hier wird der Kritikpunkt vieler wieder auf „Entweder schaue ich mir einen Porno an oder einen Horrorfilm“ liegen, was ich auch nachvollziehen kann. Das Fetish und Gore als Gesamtpaket jedoch durchaus funktionieren kann, hat jedoch schon Lucifer Valentine gezeigt und das zeigt auch „Sea of Blood“. An dieser Stellle möchte ich den Soundtrack zu „Sea of Blood“ erwähnen, der als eine Art (japanischer?) Choral beginnt, der einige Gänsehautmomente bei mir verursacht hat (hiervon würde ich gern mehr hören) und sich gen Ende zu einem düsteren Death-Metal-Sound entwickelt (falls es kein Death Metal ist, so entschuldigt meine Unwissenheit, denn ich bin in dem Bereich nicht ausreichend bewandert). Hierfür gibt’s zwei Daumen hoch von mir.

Wer denkt da nicht an Gene Simmons?

In meinen Augen ist „Sea of Blood“ ein guter Mix aus Fetish Porn und Gore. Beides hält sich die Waage, auch wenn Regisseur Akiko Janos vielleicht gut beraten gewesen wäre, schon in der ersten Hälfte des Films Gore-Elemente einzubauen. Wer mit „Vomit Gore“ oder den Fimen von Sander Cage („Rape Love“) etwas anfangen kann, darf einen Blick riskieren, für alle anderen gilt: Finger weg, denn hier gibt’s nur mögen und nicht mögen. „Sea of Blood“ kann ausschließlich über die Internetpräsenz der Produktionsfirma „A Baroque House“ geordert werden. Die DVD ist auf 300 Exemplare limitiert.

Hauptsache der Kopf ist verbunden

Veröffentlichung: 15. März 2019 als DVD

Länge: 23 Min.
Altersfreigabe: FSK ungeprüft
Sprachfassungen: Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Sea of Blood
USA 2019
Regie: Akiko Janos
Drehbuch: SamHel
Besetzung: Felicia Fisher, Torture Wolfe, Bratty Wolfie
Zusatzmaterial: keine Angabe
Label/Vertrieb: A Baroque House

Copyright 2019 by Marco Kraus
Szenenfotos & Packshot: © 2019 A Baroque House

 

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