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A Tale of Two Sisters – Grandios-merkwürdiges Horror-Meisterwerk

Janghwa, Hongryeon

Von Lucas Gröning

Horrordrama // „Das ist alles merkwürdig. Das Haus ist merkwürdig und auch diese Frau ist merkwürdig.“ Es sind Sätze, die die junge Soo-mi Bae (Lim Soo-jung) zu ihrer jüngeren Schwester Soo-yeon Bae (Moon Geun-young) sagt und die die Situation der beiden in Kim Jee-wons Horrorfilm „A Tale of Two Sisters“ zum einen passend zusammenfassen und zum anderen nicht einmal im Ansatz dessen gerecht werden, wohin sich dieses Meisterwerk des koreanischen Kinos mit fortlaufender Spielzeit hin entwickelt. Im Jahr 2003 erschienen, war dieser Film der erste koreanische Horrorfilm, der es in die US-amerikanischen Kinos schaffte. Zahlreiche Lobpreisungen seitens der Journaille sowie Auszeichnungen folgten. So gewann das Horrordrama beim Filmfestival Fantasporto im Jahr 2004 den Preis für den besten Film. Regisseur Kim Jee-woo, der auch das Drehbuch schrieb und später unter anderem mit „A Bittersweet Life“ (2005) und „I Saw the Devil“ (2009) sowie seinem US-Ausflug „The Last Stand (2013) mit Arnold Schwarzenegger für Aufsehen sorgen sollte, wurde für seine Regiearbeit ausgezeichnet. Auch seine Darsteller, die in ihren folgenden Filmen wohl nie wieder so gut waren und im Anschluss an „A Tale of Two Sisters“ lediglich in weitgehend kleineren Produktionen auftraten, räumten fleißig Preise ab. Lim Soo-jung bekam beim Fantasporto Filmfestival für ihre Darstellung den Preis als beste Nebendarstellerin. Darüber hinaus gewann Soo-jung beim Pusan International Film Festival 2003, sowie bei den Blue Dragons Awards desselben Jahres den Preis als beste Nachwuchsdarstellerin. Yum Jung-ah wiederum gewann für ihre Darstellung beim Brussels International Fantastic Film Festival 2004 den Silbernen Raben. Jede Menge toller Schauspielleistungen sehen wir also in diesem Film, doch diese sollen bei Weitem nicht alles gewesen sein, was „A Tale of Two Sisters“ großartig macht.

Das Unausgesprochene

Kommen wir nur kurz zur Story, denn viel sollte man tatsächlich nicht wissen, bevor man sich entschließt, „A Tale of Two Sisters“ anzusehen: Die Geschwister Soo-mi Bae und Soo-yeon Bae kehren nach einem längeren Aufenthalt in einer psychiatrischen Anstalt zurück in ihr altes Zuhause. Neben den Geschwistern leben dort ihr Vater (Kim Kap-soo) und ihre Stiefmutter (Yum Jung-ah). Schnell kommt es zu Spannungen innerhalb der Familie, besonders die Beziehung der autoritären, auf Ordnung bedachten Stiefmutter zu den Kindern gestaltet sich als schwierig und bietet Nährboden für Konflikte. Der Vater indes wirkt seltsam abwesend und hat es schwer, eine Beziehung zu seinen Mitmenschen aufzubauen. Es wird schnell klar: Irgendetwas Unangenehmes, Unausgesprochenenes trennt die verschiedenen Parteien voneinander, und nur langsam wird dem Zuschauer offenbart, welch dunkle Geheimnisse die Familie umgeben.

Zwei Schwestern kehren nach langer Zeit nach Hause zurück

Fortan werden wir auf eine unheimliche Reise mitgenommen, deren Ende, so viel sei vorweggenommen, bis zum letzten Frame des Filmes und darüber hinaus ungewiss bleibt. Kim Jee-woons Regiearbeit führt uns quer durch die Geschichte des Horrorfilms und zitiert fleißig einige der größten Werke des Genres. So finden wir unter anderem Anleihen von „Der Exorzist“ (1973), „Shining“ (1980), „Poltergeist“ (1982) und „Ju-On“ (2002). Diese Referenzen verkommen jedoch nicht zum reinen Selbstzweck, vielmehr entsteht in „A Tale of Two Sisters“ etwas vollkommen Neues und Eigenständiges, das auch 16 Jahre nach seinem Release immer noch zu fesseln weiß und über die komplette Laufzeit von fast zwei Stunden eine ungeheure Spannung aufrechterhält. Hinzu beeinflusste der Film auch spätere Horrortrips wie „Hereditary – Das Vermächtnis“ (2018) oder „Ich seh, ich seh“ (2014) merklich und schaffte es so selbst in den erlesenen Kreis zitierwürdiger Werke.

Ein Meisterwerk

Auch abseits der Referenzen auf andere Filme bietet „A Tale of Two Sisters“ genügend Eigenständigkeit, um auch ohne Kenntnis der großen Vorbilder ein Erlebnis zu bieten. Wie bereits erwähnt ist es die unglaubliche Spannung, die den Film ausmacht und dem Zuschauer kaum Raum zum Durchatmen lässt. Eine omnipräsente Bedrohung umkreist die Protagonisten und nie kann man sicher sein, dass die Gefahr nicht einige Meter weiter um die Ecke wartet. Doch wer sind überhaupt die Protagonisten? Mehrmals schlägt der Film Haken in verschiedene Richtungen, lässt uns unsere Auffassung und unsere Sehgewohnheiten hinterfragen, und immer wieder fühlen wir dadurch mit Figuren der Geschichte mit, die wir wenige Minuten zuvor noch abgrundtief gehasst haben. Wer ist hier gut und wer ist böse? Wer ist hier eigentlich in Gefahr? Von wem oder was geht die Gefahr überhaupt aus? War diese Szene überhaupt Teil der Wirklichkeit? Was ist überhaupt wahr und was ist Fiktion? Wenn es real ist, wessen Realität folge ich gerade? Und wenn es Fiktion ist, wessen Fiktion bin ich gerade gefolgt? All diese Fragen stellt der Film und lässt uns am Ende mit nur wenigen Antworten, aber sehr vielen Gedanken zurück. All das zeigt Kim Jee-won zudem in unglaublich schönen, bis ins Detail perfekt komponierten Bildern, die durch ihre Anordnung zum einen ästhetisch wertvoll wirken, zugleich aber extrem unterkühlt und oftmals übertrieben artifiziell, sodass ihnen stets etwas überidisch Unheimliches innewohnt. All dies wird mit einem äußerst beklemmenden Soundtrack garniert und heraus kommt einer der besten Horrorfilme seit der Jahrtausendwende.

Dort kommt es zu Spannungen mit der Stiefmutter

Ich kann mich nur wiederholen: „A Tale of Two Sisters“ ist ein Meisterwerk und eine Sichtung, am besten jedoch mehrere, soll an dieser Stelle dringendst empfohlen werden. Welch ein Glück dass capelight pictures den Film kürzlich im Mediabook-Format veröffentlicht hat. Die gewohnt sorgfältig produzierte Edition enthält den Film als Blu-ray und DVD. Im 24-seitigen Booklet selbst findet sich der großartige Text „Hakenschlagen – Der bekannte Fremde Kim Jee-woon“ von Lucas Barwenczik, in dem die Biografie, die Ideologie hinter der Auswahl der Filme des Regisseurs und dessen Filmografie allgemein beleuchtet wird. Darüber hinaus bietet der Text eine Themenanalyse der bisherigen Werke von Kim Jee-woon und gibt Einblick in dessen Arbeitsweise. Zusätzlich finden sich auf den Datenträgern zahlreiche Extras. So kann man den Film mit Audiokommentaren des Regisseurs und der Darstellerinnen anschauen. Außerdem finden sich dort ein Making-of, entfallene Szenen, Interviews mit den Darstellern, eine Analyse der Erzählstruktur des Films durch den Regisseur, ein Interview mit selbigem, in dem er über die Faszination Horrorfilm ganz im Allgemeinen spricht, ein Kommentar eines Psychiaters zu den Vorkommnissen im Film, ein Video in denen die Beteiligten Erinnerungen an die Dreharbeiten preisgeben und zu guter Letzt ein Trailer zum Film. Bemerkenswert, dass „A Tale of Two Sisters“ hierzulande erst jetzt auf DVD erscheint – sowohl als Teil der Mediabook-Edition als auch als Einzel-DVD. Die deutsche Erstveröffentlichung von 2014 beschränkte sich auf die Blu-ray. Seinerzeit hat übrigens „Die Nacht der lebenden Texte“-Autor Matthias Holm dem Werk bereits eine Rezension angedeihen lassen.

Die Situation droht allmählich zu eskalieren

29. November 2019 als Limited 2-Disc Collector’s Edition Mediabook (Blu-ray & DVD) und DVD, 23. Januar 2014 als Blu-ray

Länge: 115 Min. (Blu-ray), 110 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Koreanisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Janghwa, Hongryeon
KOR 2003
Regie: Kim Jee-won
Drehbuch: Kim Jee-won
Besetzung: Lim Soo-jung, Moon Geun-young, Yum Jung-ah, Kim Kap-su, Lee Seung-bi, Park Mi-Hyun
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Regisseur und Darstellerinnen, entfallene Szenen, Making-of, Interviews mit den Darstellern, Analyse der Erzählstruktur von Regisseur Kim Jee-won, Kim Jee-won über die Faszination des Horrorfilms, Erinnerungen an die Dreharbeiten, Der Film aus der Sicht eines Psychiaters
Label 2019: capelight pictures
Vertrieb 2019: Al!ve AG
Label/Vertrieb 2014: 3L Vertriebs GmbH & Co. KG

Copyright 2019 by Lucas Gröning

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2019 capelight pictures

 

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Subconscious Cruelty – Morbide Anthologie getreu dem Motto: „If It Bleeds, It Leads.“

Subconscious Cruelty

Von Lucas Knabe

Horror // Mitch Davis’ und Karim Hussains Vision vom Kino ist jene einer bewussten Grenzüberschreitung, die eine „innere Erfahrung“ im Zuschauer hervorrufen möchte. So Prof. Dr. Marcus Stiglegger über die Maximen des Produzenten und Regisseurs, die „Subconscious Cruelty“ bereits während der 1990er-Jahre im jungen Erwachsenenalter produzierten und zu Beginn des aktuellen Millenniums veröffentlichten. Doch kann die angepriesene Grenzüberschreitung in „Subconscious Cruelty“ fast 20 Jahre nach der Veröffentlichung tatsächlich die innere Erfahrung und die damit verbundene Tiefenpsychologie seines Publikums in exzentrischer Weise aufarbeiten oder handelt es sich dabei lediglich um einen mit Kunstblut aufgeblasenen Popanz, der allein durch reißerische Gedanken und abstrakte Bilder schocken möchte?

Experimentierfreudiger Exploitation-Film an den Grenzen des Menschseins

Erst einmal will ich erneut hervorheben und honorieren, dass Regisseur Karim Hussain und Produzent Mitch Davis zu Beginn der Produktion 18 beziehungsweise 19 Jahre alt sind, was in jedem und ganz besonders in diesem Fall eine beneidenswerte und bravouröse Leistung darstellt, die meine persönliche Wertung des Films vorerst in die Schranken weist. Erst recht, wenn man betrachtet, mit welchem Budget und unter welchen Faktoren ein 80-minütiger Film entstand, der auf der inszenatorischen Ebene lediglich durch seine sehr intensive Darstellung abschrecken kann. Daher möchte ich in dieser kurzen Besprechung überwiegend auf die künstlerischen Prozesse und Wirkungen eingehen, die in ihrer technischen Darstellung der Visualität und Tonalität dem lobenden Wort perfektionistisch nahekommen. Aber die, wie schon in der Teilüberschrift signalisiert, in ihrer moralischen Methodik durchaus Grenzen überschreiten, ja sogar Kunst und Tabu in die Nähe eines Konflikts treiben können.

Schwere Kost

Bereits die Struktur der Erzählung offeriert, dass man mit stereotypischen Sehgewohnten populärer Filme nicht weit kommen wird. „Subconscious Cruelty“ ist in drei autonome Kapitel untergliedert: „Human Larvae“, „Rebirth“ sowie „Rightbrain/Martyrdom“, die nach einer kurzen, aber skurrilen Exposition ihren Hass in die Welt senden. Zu Anfang des Films wird auf eine bereits veraltete medizinische Ansicht rekurriert, die besagt, die linke Hirnhälfte sei für rationales und analytisches Denken verantwortlich, wogegen die rechte Hälfte der Sitz des Instinkts sei. Um den Erkenntnissen des Films zu folgen, solle man die linke Hirnhälfte „abschalten“ – ein interessanter Schachzug. Vor Beginn der eigentlichen Handlungen greift der Film also in die Wahrnehmung seiner Zuschauer ein und versucht somit für das geeignete Mindset zu sorgen. Das Sujet der Kapitel besteht, wie Hussain selbst äußert, aus Themen, die ihn zu jener Zeit stark beschäftigten und emotionalisierten. Daher handelt es sich, wie er selbst sagt, bei „Subconscious Cruelty“ um einen von Hass erfüllten und naiven Film, der in der heißblütigen Aversion seiner selbst Probleme wie Frauenhass, Religion und Umwelt in einem eigenwilligen Narrativ verbalisiert und visualisiert.

Im Zentrum von Hussains Regiearbeit steht dabei erwartungsgemäß der Mensch selbst. Nach seiner einführenden Äußerung bieten sich nun zig Herangehensweisen an, um sein Werk inhaltlich, moralisch, ethisch, philosophisch oder symbolisch aufzudröseln und zu interpretieren, wovon ich allerdings Abstand nehmen möchte, da gerade bei diesem Film eine inhaltliche Nüchternheit wichtig ist, da man sonst schnell in einen unendlichen Strudel aberwitziger Sinnfragen hineingeraten könnte, deren jetzige Artikulierung nur unnötig einnorden, beeinflussen oder verwirren würde. Wichtiger und als Schlüssel zum Film erachte ich ohnehin dessen unbedarfte Erstsichtung, da krampfhaftes Deuten und Orakeln das Seherlebnis entscheidend mindern kann.

Zurück zum Mensch im Film: Das menschliche Individuum dient lediglich als fleischgewordener Gedanke und führt die Gedanken auf einen nicht immer greifbaren, aber immerhin kunstvoll visualisierten Sachverhalt. Ungewöhnlich ist dies insofern, als die Figuren keinerlei Worte nutzen. Man könnte sagen, dass Hussain lebendige Gemälde zeichnet und zusammenfügt, sodass Szene für Szene, also Gemälde für Gemälde, als sinnstiftende und symbolkräftige Arrangements ineinandergreifen, die mit Figurenzeichnungen sowie Charakter- und Kommunikationsmodellen konventioneller Filme nichts gemein haben.

Kultstatus im Underground

Das aufreibende Moment daran ist dabei die Verarbeitung und Darstellung von Hussains Gedanken und Intentionen. Hierbei werden zutiefst menschliche Motive durch eine selten gesehene filmische Exzentrik visualisiert, die über das Gros durchschnittlicher Sehgewohnheiten hinaus gehen dürfte – eine Visualisierung, die dem Film sehr wahrscheinlich seinen Kult-Status im Underground-Segment eingebracht hat. Andersrum könnte man mit Schärfe behaupten, dass ohne die Form der enttabuisierten menschlichen Gewalt und Brutalität, die auf ein destruktives und auflösendes Niveau gehoben wird, sich wohl weitaus weniger Menschen für die wilden und rebellierenden Gedanken eines 18- oder 19-Jährigen interessieren würden, was die künstlerische Leistung dieses Films keinesfalls schmälern soll. Die Intensität des Films und explizit der Gore-Effekte sind aber wahrscheinlich die Qualitäten, die ihn auszeichnen und die womöglich viele Interessierte letztlich zum Kauf anregen, in der Hoffnung, eine cineastische Grenzerfahrung zu erleben, die die wenigsten Filme bieten können. Der Erfolg von „Subconscious Cruelty“ scheint dies zu bestätigen.

Aus persönlicher Sicht teile ich die Lobeshymnen um den Film nur bedingt, obgleich ich den Mut und die äußerst anspruchsvolle künstlerische und audiovisuelle Verarbeitung sowie Erschließung des Inhalts zu großen Teilen beeindruckend finde, was ich mit allem Nachdruck betone. Die minutenlangen und eskalierenden Folter-Orgien, die sich Kapitel für Kapitel in anderen Gewändern mit gleicher Roheit zeigen, sodass Liter um Liter Kunstblut aus den sich windenden Opfern rausschießen, überspannen den Bogen jedoch. Was im ersten Kapitel noch atemstockend und abscheulich wirkt, verliert in in der Folge an Sprengkraft. Extreme Gore-Effekte als inszenatorischer Brandbeschleuniger funktionieren hier nur bedingt, da diese in hohem Maße inflationär genutzt werden, um ein eigentlich längst auf den Punkt gebrachtes Thema durch kannibalische Gewalt nochmals zu illustrieren, sodass man etwa verekelt oder gelangweilt fragen kann: „War das nötig?“ Gore mit noch mehr Gore zu steigern, das erweist sich hier leider als wirkungslos und wenn man keine Faszination an den morbiden Gedankenspielen Hussains findet, kann es passieren, dass man nach den ersten 40 Minuten gleichgültig und empathielos dreinschaut. Weniger flapsig formuliert: Hussains bewusst herbeigeführte Grenzüberschreitung ist Fluch und Segen zugleich.

Drei Cover der „Cinestrange Extreme Edition“

Das Mediabook der „Cinestrange Extreme Edition“ ist ansprechend aufgemacht und kommt in drei Covervarianten mit unterschiedlicher Auflagenhöhe daher, von denen Cover C dank nur 222 Exemplaren bereits vergriffen ist und auf dem Sammlermarkt im Preis steigt. 888 (Cover A) und 444 (B) Exemplare der beiden anderen Motive erscheinen üppig bemessen und auch noch lieferbar sind. Der Film ist von der FSK nicht geprüft worden, wird also im Handel so behandelt wie ein indizierter: mit Bewerbungsverbot inklusive Verbot öffentlicher Auslage. Sammler von Uncut-Filmen werden die einschlägigen Händler kennen.

Booklettext von Prof. Dr. Marcus Stiglegger

Das Bonusmaterial ist üppig ausgefallen: Außer einem viertelstündigen Intro von Regisseur Karim Hussain und einem 77-minütigen Making-of finden sich Davis’ und Hussains Kurzfilme „Divided into Zero“ (34 Minuten lang) von 1999 und „God’s Little Girl“ (16 Minuten) von 2004. Transgressives Kino der Grausamkeit nennt Prof. Dr. Marcus Stiglegger das Werk der beiden in seinem Essay „Film als Kunst der Überschreitung – Anmerkungen zum transgressiven Kino von Mitch Davis und Karim Hussain“ im Booklet des Cinestrange-Mediabooks, aus dem ich auch das diesen Text einleitende Zitat entnommen habe. Ein inhaltlich identischer, aber anders strukturierter Essay mit dem Titel „Überschreitung und Erlösung? Anmerkungen zum transgressiven Kino von Mitch Davis und Karim Hussain“ findet sich im Übrigen auch in Stigleggers 2018 veröffentlichten Buch „Grenzüberschreitungen – Exkursionen in den Abgrund der Filmgeschichte“, dem zweiten Band seiner „Grenz-Trilogie“ – nach „Grenzkontakte – Exkursionen ins Abseits der Filmgeschichte“ (2016) und vor „Jenseits der Grenze – „Im Abseits der Filmgeschichte“ (2019). Die drei Taschenbücher sind im Martin Schmitz Verlag erschienen und versammeln zahlreiche essayistische Gedanken des profilierten Film- und Kulturwissenschaftlers. Wer sich mit dem Verständnis filmischer Randerscheinungen wie „Subconscious Cruelty“ schwertut, erhält von Stiglegger einige lesenswerte Hilfestellungen mit auf den Weg.

Veröffentlichung: 21. Oktober 2019 als Blu-ray, 21. Dezember 2018 als Limited 2-Disc Edition Mediabook (Blu-ray & DVD, 3 Covermotive à 888, 444 und 222 Exemplare)

Länge: 80 Min. (Blu-ray), 77 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Subconscious Cruelty
KAN 2000
Regie: Karim Hussain
Drehbuch: Karim Hussain
Besetzung: Sophie Lauzière, Anne-Marie Belley, Brea Asher, Ivaylo Founev, Eric Levasseur, Janis Higgins, Nadia Simaani, Anna Berlyn, Nancy Simard, Sean Spuruey, Scott Noonan, Mitch Davis, Christopher Piggins, Martin Sauvageau, Annette Pankrac
Zusatzmaterial: Kurzfilm „Divided Into Zero“ (Englisch mit deutschen Untertiteln, 34 Min.); Kurzfilm „Gods Litte Girl“ (Englisch mit deutschen Untertiteln, 16 Min.), exklusives Intro von Regisseur Karim Hussain (Englisch mit deutschen Untertiteln, 16 Min.), Bildergalerie, Trailer; Making-of (Englisch, 77 Min.), 12-seitiges Booklet mit dem Essay „Film als Kunst der Überschreitung – Anmerkungen zum transgressiven Kino von Mitch Davis und Karim Hussain“ von Prof. Dr. Marcus Stiglegger
Label/Vertrieb: Cinestrange Extreme

Copyright 2019 by Lucas Knabe
Packshot Blu-ray & Mediabook-Covervariante C: © Cinestrange Extreme

 

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The Silence – Angriff der augenlosen Höhlenmonster

The Silence

Von Volker Schönenberger

Horrordrama // In einen unerforschten Höhlensystem in Pennsylvania, 800 Meter unter dem Appalachian Trail, meißelt ein Team von Höhlenforschern den Einlass zu einem bis dato unentdeckten Bereich auf. Unvermittelt steigt daraus ein gewaltiger Schwarm Kreaturen auf, kleinen Flugsauriern ähnlich. Die Biester machen sich über die Forscher her und entschwinden in die Lüfte.

Das Auto bietet nur kurzzeitig Schutz

In der Kleinstadt Montclair in New Jersey, nicht weit von New York City entfernt, lebt das gehörlose Teenager-Mädchen Ally Andrews (Kiernan Shipka) mit ihrer Familie, bestehend aus den Eltern Hugh und Kelly (Stanley Tucci, Miranda Otto), ihrem zwölfjährigen Bruder Jude (Kyle Harrison Breitkopf) und Kellys Mutter Lynn (Kate Trotter). Ein paar Halbstarke machen ihre Späße über Ally, aber ihr Mitschüler Rob (Dempsey Bryk) interessiert sich offenkundig für sie, hat sogar Gebärdensprache gelernt. Ally ist erst seit drei Jahren gehörlos, weshalb sie normal sprechen kann. Ein Autounfall kostete damals ihre Großeltern väterlicherseits das Leben und das Mädchen ihr Gehör.

Gehör kompensiert fehlendes Augenlicht

Das Leben der Familie ebenso wie aller anderen Nordamerikaner gerät unvermittelt aus den Fugen, als die Nachrichtensendungen erste Berichte von mysteriösen Attacken auf US-Großstädte liefern. Es handelt sich um die Flugwesen aus der Höhle, und sie werden von Geräuschen angelockt. Die Evolution hat ihnen im Lauf der Jahrtausende oder gar -millionen zwar aufgrund des Daseins in den stockdunklen Höhlen die Augen genommen, sie aber mit einem scharfen Gehör ausgestattet. Die oberste Devise lautet somit, Ruhe zu bewahren und jeden Laut zu vermeiden. Ally merkt zügig an: In Städten ist es am lautesten. Und so verlässt die Familie in Begleitung von Hughs Kumpel Glenn (John Corbett) das heimatliche Montclair, um einen sicheren Unterschlupf zu finden, während in Nordamerika und womöglich darüber hinaus der Notstand um sich greift und apokalyptische Ausmaße annimmt. Wird die Menschheit als dominierende Spezies abgelöst?

Ruhe bewahren!

Ein endzeitliches Szenario um blinde Monster mit scharfem Gehör, dazu eine gehörlose Tochter als Mitglied der im Mittelpunkt stehenden Familie – war da nicht was? Genau: 2018 erst lief John Krasinskis „A Quiet Place“ mit Emily Blunt in unseren Kinos. Bei den in der Story ihr Unwesen treibenden Kreaturen handelt es sich um Außerirdische, während es die Menschheit in „The Silence“ mit Urzeitwesen zu tun bekommt, die die Äonen überdauert haben. Gedreht wurden beide Filme 2017, es handelt sich somit eher um Zufall, zumal „The Silence“ auf einem 2015 veröffentlichten Roman basiert. „A Quiet Place“ ist obendrein deutlich begrenzter angelegt. Obwohl sich die Familie Andrews klugerweise eine Weile wie ihre Pendants in „The Quiet Place“ in eine abgelegene Gegend zurückzieht, kehrt sie doch beizeiten in die Zivilisation zurück. Dort nimmt die Story einen vollends eigenständigen Lauf, wobei das neue Handlungselement um einen mysteriösen Priester (Billy MacLellan) recht unvermittelt daherkommt, aber immerhin eingebunden wirkt. Ich nenne als Stichwort „Zunge“, lasst euch überraschen. Etwas krude zusammengeschustert haben die fürs Drehbuch verantwortlichen Brüder Carey und Shane Van Dyke die neue Entwicklung zwar schon, effektvoll genug ist sie aber inszeniert.

Ally und ihr Vater suchen einen Ausweg

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben: „The Silence“ erhielt sowohl in den USA als auch in den meisten anderen Ländern keinen Kinostart, sondern wurde Interessierten ab April 2019 via Netflix zugänglich gemacht. In Deutschland lief das Endzeit-Horrordrama immerhin ab Mai kurzzeitig in den Lichtspielhäusern.

Was führen der Priester und seine Gefolgschaft im Schilde?

Angesichts der großen Zahl an Exemplaren, die da aus der Höhle entfleucht, und ihrer zügigen Attacken auf etliche Metropolen stellt sich die Frage nach der biologischen/zoologischen Glaubwürdigkeit des Szenarios, an der ich als Laie meine Zweifel habe. Können die Biester – im Film „vesps“ (Original) und Wespen (deutsche Synchro) genannt – in ihrer begrenzten Höhlenwelt in all der Zeit so viel Nahrung gefunden haben, um eine dermaßen große Population heranzubilden? Sie wirken recht gefräßig, daher erscheint das unwahrscheinlich. Aber wer sich damit nicht allzu lange befasst, kann an der Prämisse dennoch Gefallen finden. Die gute Besetzung hebt den Film über den Durchschnitt, die am Computer entstandenen, etwa einen halben Meter großen Flugmonster sind annehmbar getrickst, ohne zu beeindrucken.

Eine Hörende spielt eine Gehörlose

Kritik kam aus der Gemeinschaft der Gehörlosen, weil mit Kiernan Shipka („Carriers – Flucht vor der tödlichen Seuche“, „Mad Men“) eine hörende Schauspielerin für die Rolle einer Gehörlosen gecastet worden war. Es entzieht sich meiner Kenntnis, ob im Vorfeld versucht worden war, eine gehörlose junge Frau für den Part zu finden, die aber nicht gehörlos geboren wurde und noch als Hörende sprechen gelernt hat. Unabhängig davon macht Shipka ihre Sache sehr gut, obgleich Allys Gehörlosigkeit in erster Linie dem Zweck zu dienen scheint, dass sich die Familie lautlos oder leise verständigt und das Publikum dennoch alles mitbekommt.

Hugh will es lieber nicht herausfinden

John R. Leonetti hat bei mehr Filmen die Kamera bedient als auf dem Regiestuhl gesessen. James Wan („Saw“) bucht ihn gern als Kameramann, so für „Dead Silence“ (2007), „Insidious“ (2010), „Insidious – Chapter 2“ (2013) und „Conjuring – Die Heimsuchung“ (2013). Zu Leonettis eigenen Regiearbeiten gehören „Annabelle“ (2014) und „Wish Upon“ (2019), die ihn klar im leicht zugänglichen und vergleichsweise harmlosen Mainstream-Horror verorten. „The Silence“ gehört ebenfalls in diese Kategorie, ist trotz des apokalyptischen Themas nicht verstörend genug, um extremeren Schocker-Ansprüchen zu genügen. Wer Geschichten um den drohenden Untergang der Menschheit mag, kann aber ein Auge riskieren.

Nach einem Roman von Tim Lebbon

Zur Romanvorlage: Der britische Horror- und Dark-Fantasy-Schriftsteller Tim Lebbon hat „The Silence“ erstmals 2015 veröffentlicht. Hierzulande hat der Buchheim-Verlag das Werk 2019 in einer wunderschönen illustrierten, auf 777 Exemplare limitierten und vom Autor sowie vom Illustrator Daniele Serra signierten Vorzugsausgabe herausgebracht. Sie ist noch lieferbar und kann beim Festa-Verlag bestellt werden. Wer auf solche Luxuseditionen keinen Wert legt, kann sich auch an eine herkömmliche Ausgabe halten.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Stanley Tucci haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 7. November 2019 als Blu-ray und DVD

Länge: 91 Min. (Blu-ray), 87 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Originaltitel: The Silence
D/USA 2019
Regie: John R. Leonetti
Drehbuch: Carey Van Dyke, Shane Van Dyke, nach dem Roman von Tim Lebbon
Besetzung: Stanley Tucci, Kiernan Shipka, Miranda Otto, John Corbett, Kate Trotter, Kyle Breitkopf, Dempsey Bryk, Billy MacLellan, Chris Whitby, Zoe Doyle
Zusatzmaterial: Making-of, Interviews, Wendecover
Label: Constantin Film
Vertrieb: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Szenenfotos: © 2019 Constantin Film

 

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