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Extremity – Geh an deine Grenzen: Terror im Spukhaus

Extremity

Von Lucas Knabe

Horror // Der Besuch einer Geisterbahn oder eines Spukhauses kann zeitweilig ein aufregendes und amüsantes Unterfangen darstellen. Man begibt sich meist zu Fuß oder auf Schienen auf den Weg durch die Attraktionen, während links und rechts mehr oder minder unliebsame Schockeffekte warten, die so manch zartbesaitetes Gemüt gehörig erschrecken. Für diejenigen, die nach solch einer Attraktion blaue Augen, Platzwunden, Knochenbrüche und ein adrenalingeladenes Zittern des eigenen Körpers verlangen, bietet das sogenannte „Haunted Entertainment“ die passende Gelegenheit, um seine Grenzen und Ängste auszuloten – kein Ort für die Therapie einer psychisch labilen Frau, sollte man meinen. Doch genau dieses Experiment wagte der begabte Regisseur Anthony DiBlasi („Her Last Will“) in seinem neuen Film „Extremity – Geh an deine Grenzen“: Er stellt die psychologischen und gewaltsamen Erfahrungen einer bereits stark traumatisierten Frau in voyeuristischer und weiterführender Weise in den Kontext.

Die „perfekte“ Kandidatin

Die junge Allison (Dana Christina) entschließt sich, den ultimativen Horror am eigenen Leib zu erfahren. Nachdem sie sich als geeignete Bewerberin erweist, fährt sie zum abgelegenen Ort des Höllen-Erlebnisses. Gemeinsam mit dem ihr bis dahin fremden Teilnehmer Zachary (Dylan Sloane) soll sie in den kommenden Stunden eine Tortur zwischen Folter und Terror bestreiten. Schnell finden sich die beiden Halb-Masochisten in einem präparierten Gebäudekomplex umringt von Dreck, Dunkelheit, beklemmender Atmosphäre und grobschlächtigen Peinigern wieder. Während das alternative Wellnessprogramm seine Register zieht, merkt man allerdings, dass die Motive Allisons, einer solchen Pein beizuwohnen, tiefgreifender sind als eine bloße Grenzerfahrung des psychisch und physisch Ertragbaren. Die sogenannte „Perdition“ versetzt die suizidale Allison zurück in die Lage des hilflosen Opfers und soll ihr im Angesicht des erlebten Terrors und der Qualen einen Kampf gegen ihre inneren Dämonen ermöglichen, welche sie seit Kindheitstagen verfolgen. Dieses selbstgewählte Behandlungsverfahren der psychischen Entgiftung bringt an Allison jedoch ungeahnte Facetten zum Vorschein, welche das Projekt ins Wanken bringen.

Ob Allison ihren Aufenthalt bereuen wird?

Der Regisseur nimmt sich dabei das reale und in Südkalifornien ansässige „McKamey Manor“ zum Vorbild. Ein Horrorhaus, das nach dem Unterschreiben einer 40-seitigen Verzichtserklärung alles bietet, was man sich unter käuflicher Folter vorstellen kann. Die kursierenden Vorher-Nachher-Selfies der Besucher sind erschreckend und stellen die tatsächliche Sinnhaftigkeit solch einer Erfahrung beträchtlich in Frage.

„Saw“ für Freiwillige

Isolation, zuckendes grelles Licht in den ansonsten dunklen und dreckigen Themen-Räumen, grobe Griffe und Schläge maskierter Personen, individuelle Foltermethoden und der eine oder andere Blutspritzer bestimmen die Schauplätze von „Extremity – Geh an deine Grenzen“. Optisch macht der Schocker einen sehr soliden Eindruck: Das Zusammenspiel von verschiedenen Lichtquellen und größtenteils guter Kameraarbeit zwischen Nahaufnahmen, Unschärfe und Handkamera erzeugt in den authentisch präparierten Schauplätzen des Films eine kuriose B-Movie-Atmosphäre, welche sich aus bekannten Elementen in unerwarteter Kombination zusammensetzt. Der künstlerischen Fantasie sind in solchen Häusern kaum Grenzen gesetzt, auch wenn der erfahrene Horrorfan schnell Anleihen aus gestandenen „Torture Porns“ erkennen kann, sei es die roboterähnliche Stimme aus dem Off der Folter-Regie, Kameraüberwachung in den einzelnen Räumen oder der maskierte Guru (Chad Rook) des Unternehmens – ein kleines rotes Dreirad konnte ich glücklicherweise nicht entdecken.

Die schauspielerischen Höhepunkte beschränken sich auf die Hauptdarstellerin Dana Christina, welche sich getrieben von Folter und ihren Dämonen zwischen Verzweiflung, Angst, Schmerz und Wut aufhält. Der restliche Cast wirkt recht ersetzbar, auch wenn mit Chad Rook („Planet der Affen – Survival“) ein erfahrener Schauspieler installiert wurde, welcher jedoch als suspekter Anführer keinen bleibenden Eindruck hinterlässt. Ebenso misslingt der Stilbruch, welcher nach circa 75 Minuten eher schlecht als recht innerhalb des Horrorgenre von Psycho zu Splatter umschlägt. Zwar wird Gore-Fans im Finale mittels handgemachter Effekte eine Prise Entschädigung gegönnt, doch abseits dessen verspielt der Film durch ungeschickte Inszenierung und einem an den Haaren herbeigezogenen Twist die psychoanalytische Konstruktion seiner Hauptdarstellerin, welche den Höhepunkt des Films darstellt.

Dramaturgisches Understatment

Durch das Setting und die versatzstückartige Aufklärung der Beweggründe und Ziele Allisons, gelingt es „Extremity – Geh an deine Grenzen“ ansatzweise, die Tür zu einer Metaebene und dekonstruierenden Selbstreferenzialität zu öffnen, indem er selbst die Fragen „Warum tut man sich sowas an?“, „Was steckt hinter den ,Perditions‘ in Film und Realität?“ und „Wie kann Horror entstehen?“ aufwirft und partiell beantwortet. Ein bisher von mir nicht genanntes und cleveres Element des Regisseurs leistet zur Beantwortung dieser Fragen einen wichtigen Beitrag: Während Allisons Aufenthalt ist auch ein unabhängiges japanisches Reporterteam (Ami Tomite, Yoshihiro Nishimura) vor Ort, das einen Blick hinter die Kulissen werfen darf. Dieses Reporterteam trägt durch investigativen Journalismus dazu bei, die Wirren des Horrorhauses und die Motive der Mitarbeiter zu erhellen. Inwieweit man diese Erkenntnisse allerdings auf die Realität übertragen kann, ist fragwürdig. Ferner besteht immer wieder reger Kontakt zwischen Allison und Chad. Die Dialoge ergründen die inzestuöse Vergangenheit Allisons und bestätigen durch schemenhafte Rückblenden ihre wahren Ängste. Parallel dazu gelingt es dem Film, selbstreferenziell die aktuellen Ängste und Methoden des Horrorgenres am eigenen Werk skizzenhaft darzustellen, ähnlich den „Scream“-Filmen der 90er-Jahre.

Vertauschte Rollen: Allison ist am Drücker

Trotz dieser interessanten Denkansätze, fern des Mainstreams, verzettelt sich der Film in den Untiefen der Horror-Subgenres und ist weder ein echter Psycho-Horrorfilm, knallharter Splatterstreifen oder Terrorfilm noch ein gelungenes Konglomerat aus jenen. Es fehlen außer dem atmosphärischen Setting auch Spannung, Brutalität und Stringenz, die Filme wie „Martyrs“, „Hostel“, „Saw“ und „High Tension“ brillant ausreizen, denn genau zwischen diesen Filmen versucht sich „Extremity – Geh an deine Grenzen“ mit seinem kritischen Plot einzuordnen. Rob Zombies „Haus der 1000 Leichen“ sei als Referenz ebenfalls genannt. Mutige Bestrebungen und die Aktualität der darin verflochtenen Thematik reichen allerdings nicht aus, um bei diesem experimentellen und hierzulande ungeschnitten mit FSK-18-Freigabe versehenen Film von einem echten Geheimtipp zu sprechen.

Veröffentlichung: 2. Mai 2019 als Blu-ray und DVD

Länge: 98 Min. (Blu-ray), 94 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Extremity
KAN 2018
Regie: Anthony DiBlasi
Drehbuch: David Bond, Rebecca Swan (als Scott Swan)
Besetzung: Chad Rook, Dana Christina, J. LaRose, Dylan Sloane, Ashley Smith, Chantal Perron, Paul Braaten, Mark Kandborg, Kensely Andries, Cam Damage
Zusatzmaterial: Trailer, Trailershow, Wendecover
Label: Tiberius Film
Vertrieb: Sony Pictures Home Entertainment

Copyright 2019 by Lucas Knabe
Szenenfotos & Packshot: © 2019 Tiberius Film

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Friedhof der Kuscheltiere 2 – Das Grauen ist zurück in Ludlow

Pet Sematary II

Von Andreas Eckenfels

Horror // Some stories just won’t stay dead. Mit diesem Slogan hätte man auch die Neuverfilmung des Stephen-King-Bestsellers bewerben können, doch der Spruch war bereits für die 1992 entstandene Fortsetzung verwendet worden. Mit einem US-Einspielergebnis von inflationsunbereinigten 57 Millionen US-Dollar rangiert „Friedhof der Kuscheltiere“ in den USA noch heute auf Platz 5 der erfolgreichsten Adaptionen nach Werken des Horrormeisters. In Deutschland gruselten sich mehr als 1,7 Millionen Kinozuschauer vor dem Schrecken, welcher Familie Creed widerfuhr. Somit war es nur eine Frage der Zeit, bis Hollywood der unsterblichen Geschichte ein zweites Kapitel hinzufügen würde. Es dauerte dann auch nur drei Jahre.

Begräbnis mit Folgen

Der 13-jährige Jeff (Edward Furlong) muss mit eigenen Augen mit ansehen, wie seine Mutter (Darlanne Fluegel) bei einem Unfall am Set zu Tode kommt. Das Begräbnis der berühmten Schauspielerin findet in ihrem Heimatort Ludlow im US-Bundesstaat Maine statt, wo auch Jeff mit seinem Vater Chase (Anthony Edwards) ihr Sommerhaus frisch bezieht. Der Tierarzt will mit dem Umzug seinem traumatisierten Sohn einen Neustart ermöglichen. Doch der Junge hat es schwer in der Schule. Besonders von Rabauke Clyde (Jared Rushton) und seinen Kumpels wird er immer wieder tyrannisiert. Dafür freundet sich Jeff mit Außenseiter Drew (Jason McGuire) an, der von seinem verhassten Stiefvater Gus (Clancy Brown), dem Sheriff des Örtchens, regelmäßig schikaniert wird. Als Gus eines Nachts Drews geliebten Hund Zowie erschießt, hilft Jeff seinem trauernden Freund dabei, das Tier auf einem mystischen Indianerfriedhof zu begraben. Tatsächlich bewahrheitet sich die Legende, die in der Kleinstadt herumspukt: Zowie kehrt aus dem Reich der Toten zurück. Der Beginn grausamer Ereignisse …

Stephen King wendet sich ab

Nach dem Erfolg des Erstlings wurde Mary Lambert auch für den zweiten Teil mit der Regie betraut. Sie sprach sich dafür aus, dass sich die Fortsetzung auf Ellie, die Tochter der Familie Creed, konzentriert. Doch im fertigen Film ist nur kurz das verbarrikadierte Creed-Haus zu sehen und wird ebenfalls nur kurz über das Schicksal der Familie gesprochen. Paramount wollte lieber einen männlichen Protagonisten und fand ihn in Newcomer Edward Furlong, der gerade durch sein Debüt in „Terminator 2 – Tag der Abrechnung“ Bekanntheit erlangt hatte. Laut Produzent Ralph S. Singleton wollte Stephen King diesmal nicht, dass sein Name im Zusammenhang mit dem Film genannt wird.

Ob die Abstinenz des Horrorautors der Grund dafür war, dass „Friedhof der Kuscheltiere 2“ schwächer als sein Vorgänger ist, sei dahingestellt. Dafür hat King auch schon einige miesere Machwerke in Drehbuchform oder „Rhea M. – Es begann ohne Warnung“ (1986) als Regisseur abgeliefert. Der Film belegt vielmehr das Klischee von Horror-Fortsetzungen, die wenige Jahre später von Wes Cravens „Scream“-Reihe clever offengelegt wurden: mehr Blut, weniger Story. Überhaupt variiert die Geschichte nur leicht, lässt aber Spannung, Atmosphäre und die emotionale Wucht des Erstlings größtenteils vermissen. Auch das Mysterium um den Indianerfriedhof wird nicht näher beleuchtet. Zudem sorgen einige Drehbuchentscheidungen für Stirnrunzeln: Warum nimmt Jeff sein Kätzchen mit in die Schule? Warum sucht sich Clyde ausgerechnet Jeff als Prügelknabe aus und warum feiern später die Gepeinigten Jeff und Drew dennoch gemeinsam mit Clyde und dessen Clique Halloween am Lagerfeuer? Das sind nur einige von vielen Fragen, die sich während der Sichtung stellen. Furlong gibt dabei mit gewohnt grimmig-traurigem Gesichtsausdruck den vom Schicksal gebeutelten Teenager. Edwards erhält wenig zu tun. 1994 nahm seine Karriere mit der Arztserie „E.R. – Emergency Room“ endgültig Fahrt auf.

Zombiepersiflage ohne Schrecken

Clancy Browns Darstellung als wiederkehrender Gus bleibt dagegen positiv wie auch negativ am stärksten im Gedächtnis. Als hünenhafter Schwertschwinger in „Highlander – Es kann nur einen geben!“ (1986) wollte er Christopher Lambert einen Kopf kürzer machen, in „Friedhof der Kuscheltiere 2“ muss Brown dagegen komplett aberwitzig und übertrieben agieren. Nach seiner Rückkehr von den Toten vergewaltigt er unnötigerweise erst mal seine Frau, bevor er am Abendbrottisch vor Jeff und Drew mit dem Essen spielt und später seinen geliebten Hasen den Hals umdreht, um sie anschließend zu häuten und roh zu verspeisen. Schrecken versprüht dieser sadistische Freak in keiner Weise. Verfügte Teil eins noch über einen ernsten Unterton, der sich einigermaßen tiefgründig mit den Themen Verlust, Trauer und Schuld auseinandersetzte, verkommt der zweite Teil zu einer relativ sinnfreien Zombiepersiflage.

Zugegebenermaßen ist Browns Gus ebenso wie einige der handgemachten Goreszenen aber auch nicht ohne Unterhaltungswert. Verbrannte Gesichter, ausgerissene Hautfetzen und eine laufende Bohrmaschine, die ins Fleisch eindringt. Da geht es für 90er-Jahre-Verhältnisse ordentlich zur Sache – und dies nach Meinung der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien so heftig, dass die VHS des Films bereits 1993 indiziert wurde. Zuvor hatten sich ordentliche 529.000 Zuschauer in die deutschen Kinos gewagt. In den USA spielte die Fortsetzung 17 Millionen US-Dollar ein. Wohl zu wenig für einen dritten Aufguss. Erst mit der Neuverfilmung wurde die Geschichte 2019 wiederbelebt.

Warten auf die Blu-ray – und den Workprint

Die Indizierung hatte bis Ende 2016 Bestand. Die deutsche DVD ist nicht mehr erhältlich, laut den Angaben bei der ofdb verfügt die UK-DVD allerdings über deutschen Ton. Laut dem „X-Rated“-Magazin konnte sich 84 Entertainment bereits 2015 die Rechte für beide „Friedhof der Kuscheltiere“-Teile sichern. Teil eins wurde 2016 auf Blu-ray veröffentlicht, Teil 2 lässt leider noch immer auf sich warten. Weltweit ist bis dato keine HD-Fassung von „Friedhof der Kuscheltiere 2“ erschienen. Hoffen wir für Liebhaber des Films darauf, dass diese Lücke bald geschlossen wird und dann auch die etwa acht Minuten längere Workprint-Fassung in bestmöglicher Qualität mit an Bord ist.

Veröffentlichung: 9. Oktober 2002 als DVD

Länge: 96 Min.
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch u. a.
Untertitel: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: Pet Sematary II
USA 1992
Regie: Mary Lambert
Drehbuch: Richard Outten
Besetzung: Edward Furlong, Anthony Edwards, Clancy Brown, Jared Rushton, Darlanne Fluegel, Jason McGuire, Sarah Trigger, Lisa Waltz
Zusatzmaterial: Trailer
Vertrieb: Paramount Home Entertainment

Copyright 2019 by Andreas Eckenfels

 

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November – Faszinierende Horrormärchen aus Estland

November

Von Andreas Eckenfels

Fantasy-Horror // Es ist wohl eine der kuriosesten Eröffnungssequenzen der Filmgeschichte: Ein dreibeiniges Gestell mit einem Tierskelettkopf in der Mitte wandert durch eine karge, herbstliche Landschaft. An seinen Enden befinden sich scharfe Sicheln. Es begibt sich quietschend zu einem Stall und schnappt sich das Kalb, dass darin sein Dasein fristet. Das Tier wird an der Kette ins Freie gezogen. Dann beginnen die drei Beine zu rotieren. Wie ein Helikopter erhebt sich das Gestell in die Lüfte – das Kalb weiterhin im Schlepptau. Schließlich wird es vor einem kleinen Hof abgeladen. Ein Bauer tritt aus dem Haus, hoch erfreut darüber, dass das Kalb heil eingetroffen ist, schließt er es in seine Arme.

Der Kratt geht um

Wie wir erfahren, handelt es sich bei diesem grotesken, dreibeinigen Wesen um einen sogenannten Kratt, ein magisches Geschöpf aus der estnischen Mythologie, welches für seinen Besitzer auf Raubzüge geht. Vorher muss dieser aber einen Bund mit dem Teufel eingehen. „Die Idee ist, dass man durch das Blutopfer seine Habseligkeiten zum Leben erwecken kann. Dies kann alles sein: Äste, Gartengeräte, altes Eisen; man benennt es. Wer sein Blut gibt, bläst eine Seele in das Material. Die Kreatur, die daraus hervorgeht, arbeitet dann für einen. Obwohl es nie so läuft wie geplant“, erklärt der estnische Regisseur Rainer Sarnet im Interview, welches im beiliegenden Booklet zusammen mit einem lesenswerten Essay von Falk Straub über den Film in der Heimkino-Veröffentlichung von „November“ abgedruckt ist. Wer „The Witch“ (2016) und „Hagazussa – Der Hexenfluch“ (2017) etwas abgewinnen konnte, sollte auch hier einen Blick riskieren.

Der Kratt macht sich auf den Weg

Sarnet verfilmte mit seinem dritten Langfilm den Roman „Rehepapp ehk November“ seines langjährigen Freunds Andrus Kivirähk, der in Estland zum Bestseller avancierte. Ich habe keine deutsche Übersetzung für den Titel gefunden. Aber anders als das Backcover des Blu-ray-Schubers behauptet, reden alle anderen Quellen nicht von „Der Scheunenvogel“, sondern von „Der Tennenwart“, was die gleiche Bedeutung wie die am häufigsten genannte Übersetzung „Der Scheunenvogt“ hätte. Wohl ein kleiner Schönheitsfehler, einer sonst wunderbaren Veröffentlichung dieser kleinen Filmperle. Dem estnischen Wikipedia-Eintrag zum Roman zufolge handelt es sich beim „Rehepapp“ um einen vom Gutshof angeheuerten Bauern oder einfachen Arbeiter, dessen Aufgabe es war, das Getreide zu dreschen, den Dreschstall zu heizen, das Getreide dort zu trocknen und auf das Getreide aufzupassen. Der „Rehepapp“ kam aus dem Dorf und hat im Dreschstall gearbeitet. „Rehepapp“ waren meisten schmutzig und staubig von der Arbeit, hatten zottelige Haare, waren eher tollpatschig, aber auch ein bisschen unheimlich, waren ungläubige Heiden und wurden wegen ihres Äußeren oft als Teufel bezeichnet. In dem Kontext sei auch der „Vanapagan“ erwähnt, eine Figur aus der estnischen Mythologie. Für diese Erläuterungen bedanke ich mich bei einem mit Blogger Volker befreundeten deutsch-estnischen Ehepaar. Wie dem auch sei: In „Rehepapp ekh November“ verknüpft Kivirähk zahlreiche Märchen, Folklore, und Mythen aus seiner Heimat zu einer fantastischen Geschichte, die im 19. Jahrhundert angesiedelt ist und an einem 1. November ihren Anfang nimmt.

Liebe, Hunger und Tod

Der Herbst legt sich wie ein trister Schleier über ein kleines estnisches Dorf, in dem die Armut regiert. Die Bewohner versuchen die spärlichen Essensvorräte vor den nahenden Wintermonaten noch zu füllen. Doch viel Nahrhaftes findet sich nicht, weder auf den abgewirtschafteten Feldern noch im Wald mit seinen dürren Bäumen. Sie müssen wohl doch wieder mit Weidenrinde und Schlick vorliebnehmen. Zum Sattwerden reicht dies nicht aus. Vielleicht wissen die Toten, die an Allerseelen durch die Landschaft wandeln, wo der legendäre Silberschatz einer reichen Familie vergraben ist?! Die Pest geht um und nimmt verschiedene Formen an – zunächst als schöne Frau. Als sie von einem Mann übers Wasser getragen wird, erhält er dafür zum Dank den Todeskuss. Die Seuche nimmt auch die Gestalt einer Ziege und eines Schweines an. Die Dorfbewohner wissen jedoch, wie man die Krankheit täuscht und mit ihr verhandeln kann. Auch wenn ihre Gier und Lust sie manchmal übermütig werden lässt.

Aus Eifersucht will Liina (r.) die Tochter …

Eine tragische Liebesgeschichte verbindet die episodenhaften Erzählungen, die wie fremdartige Träume wirken. Das Bauernmädchen Liina (Rea Lest) ist in den Bauernjungen Hans (Jörgen Liik) verliebt. Doch der hat nur Augen für die hübsche Tochter (Jette Loona Hermanis) des deutschen Barons (Dieter Laser), die nachts schlafwandelnd auf dem Dach ihres prunkvollen Hauses herumbalanciert. Um Hans für sich zu gewinnen, vollzieht Liina ein Hexenritual, nach dem sie ihre Rivalin umbringen soll. Doch bringt sie die Tat auch übers Herz?

Expressionistische Gesichter in Schwarz-Weiß

Regisseur Rainer Sarnet dienten Fotografien von Johannes Pääsuke (1892–1918) als Inspiration für seine beeindruckend-poetischen Schwarz-Weiß-Bilder, die er mit einem stimmungsvollen Sounddesign verbindet. Mal erklingen bedrohliche, mal ruhige Chöre, verzerrte Streicher oder sphärische Ambient-Musik. Mit Dieter Laser („Human Centipede – Der menschliche Tausendfüßler“, 2009) findet sich immerhin ein hierzulande bekanntes Gesicht unter den Darstellern – sein Auftritt fällt allerdings kurz aus. Seine markante Physiognomie fügt sich bestens ins Ensemble ein, die meisten Schauspieler wurden wohl genau wegen ihrer expressionistischen Gesichtszüge ausgewählt, die allein schon Bände sprechen. Somit ist „November“ trotz aller märchenhaft-verstörender Elemente und der symbolisch aufgeladenen Bildsprache auch eine authentisch wirkende Zeitreise ins 19. Jahrhundert, in der das einfache, mit einem großen Sack voller Aberglaube beladene Volk sich gegenseitig faszinierende Geschichten erzählt hat, um die dunklen, kalten und hungrigen Zeiten zu überstehen.

… des Barons töten

Veröffentlichung: 22. Februar 2019 als Blu-ray und DVD

Länge: 115 Min. (Blu-ray), 111 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Estnisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: November
EST/NL/IT 2017
Regie: Rainer Sarnet
Drehbuch: Rainer Sarnet, nach einem Roman von Andrus Kivirähk
Besetzung: Rea Lest, Jörgen Liik, Arvo Kukumägi, Jette Loona Hermanis, Dieter Laser, Meelis Rämmeld, Taavi Eelmaa, Heino Kalm
Zusatzmaterial: Der Kratt-Testdreh, deutscher Trailer, Originaltrailer, Bildergalerie, Kurzfilm „Eine Reise durch Setomaa“ (1913), Booklet
Label: donau film
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2019 by Andreas Eckenfels

Zwischen Leben und Tod: Seltsame Gestalten bevölkern das estnische Dorf

Szenenfotos: © 2019 donau film

 

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