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Das Geheimnis von Marrowbone – Die Geister der Vergangenheit

Marrowbone

Von Andreas Eckenfels

Horrordrama // Jedes Jahr verleiht das Fantasy Filmfest den „Fresh Blood“-Award, mit dem das Festival das beste Erstlingswerk würdigt. Da nicht die Veranstalter oder eine handverlesene Jury, sondern das Publikum darüber entscheidet, wer den Preis erhält, hat diese Auszeichnung durchaus Gewicht. Denn man muss ja nicht Kritiker begeistern, sondern den Geschmack der Zuschauer treffen. Kein einfaches Unterfangen. 2018 ging der Hauptpreis an die finnische Komödie „Heavy Trip“, auf Platz zwei landete der anarchische „Bomb City“, den dritten Rang belegte „Das Geheimnis von Marrowbone“, der nun seinen Weg in unsere Heimkinos sucht.

Flucht in die USA

Ende der 60er-Jahre: Rose (Nicola Harrison) flüchtet mit ihren vier Kindern Jack (George MacKay), Jane (Mia Goth), Billy (Charlie Heaton) und Sam (Matthew Stagg) von Großbritannien in die USA. In Marrowbone, dem Haus ihrer Kindheit, will sie einen Neustart wagen – sie hofft, dass ihr gewalttätiger Ehemann seine Familie dort niemals finden wird. Allerdings erkrankt Rose schwer, kurz vor ihrem Tod muss ihr ihr ältester Sohn Jack versprechen, dass er die Nachricht ihres Ablebens vor der Außenwelt geheimhalten wird. Sie fürchtet, dass die Kinder ansonsten voneinander getrennt werden. Sobald er in einigen Monaten 21 Jahre alt wird, soll Jack das Sorgerecht für seine Geschwister beantragen.

Die Geschwister kommen in ihrem neuen Zuhause an

So kommt es, dass die Geschwister sich meist nur noch in dem abgelegenen Anwesen aufhalten. Nur Jack geht hinaus in die Stadt, um Besorgungen zu machen oder seine Freundin Allie (Anya Taylor-Joy) zu treffen. Sie hatte die Familie bereits am Tag ihrer Ankunft kennengelernt. Doch Jack lässt auch sie nicht mehr ins Haus, aus Sorge, sie könne die Wahrheit über seine angeblich kranke Mutter und die dunkle Vergangenheit der Familie herausfinden. Für reichlich Ärger sorgt der neugierige Anwalt Porter (Kyle Soller), der ebenfalls ein Auge auf Allie geworfen hat und deswegen seinem Rivalen das Leben schwer macht. Doch nicht nur außerhalb, auch innerhalb von Marrowbone gehen seltsame Dinge vor. Langsam legt sich ein unheilvoller Schleier über das geheimnisvolle Anwesen.

Vom Autor von „Das Waisenhaus“

„Das Geheimnis von Marrowbone“ mag zwar das Regiedebüt von Sergio G. Sánchez darstellen, dennoch ist der Spanier kein Neuling im Filmgeschäft. Außer den Drehbüchern zu „Ende“ (2012) und „The Impossible – Nichts ist stärker als der Wille, zu überleben“ (2012) schrieb er ebenfalls das Skript zum schaurig-schönen „Das Waisenhaus“ (2007). Der damalige Regisseur J. A. Bayona („Jurassic Park – Das gefallene Königreich“) tauschte mit Sánchez sozusagen die Seiten und war bei dessen Erstling nun als ausführender Produzent tätig. Sicherlich trug auch seine filmische Expertise dazu bei, dass sich die angesagten Jungstars George MacKay („Captain Fantastic – Einmal Wildnis und zurück“), Anya Taylor-Joy („Split“), Charlie Heaton („Stranger Things“) und Mia Goth („A Cure for Wellness“) für das Projekt gewinnen ließen. Aufgrund der internationalen Besetzung ist es dann auch nicht verwunderlich, dass die spanische Produktion komplett in englischer Sprache gedreht wurde.

Während Jack in der Stadt heimlich Freundin Allie trifft …

Zwar bietet „Das Geheimnis von Marrowbone“ im Grunde nicht viel Innovatives, für einige Passagen ließen sich Referenzfilme aufzählen, aber es ist die meisterhafte Art und Weise, wie Sànchez seine Geschichte erzählt, die fasziniert. Sein Debüt strahlt eine einzigartige Mischung aus Melancholie und Unbehagen aus. Gleichzeitig fiebert man auch mit dem hervorragenden, zurückhaltend agierenden Darsteller-Ensemble unweigerlich mit – auch ohne Geistererscheinungen.

Die Geister der Vergangenheit

Wer einen ähnlichen Haunted-House-Grusler wie „Das Waisenhaus“ erwartet, der liegt zwar aufgrund der bedrückenden Atmosphäre, die das marode Anwesen ausstrahlt, nicht ganz falsch, dennoch halten sich die Gänsehautmomente bei „Das Geheimnis von Marrowbone“ im bescheidenen Rahmen. Das soll nicht negativ klingen, denn Sànchez hat gar nicht die Absicht, einen Horrorfilm mit Dämonen abzuliefern, wie es vielleicht der Trailer suggeriert. Wenn überhaupt, geht es ihm um die inneren Dämonen, die Geister der Vergangenheit, mit denen sich die Figuren auseinandersetzen müssen und welche sie niemals ruhen lassen.

… müssen Jane, Sam (v.) und Billy (r.) in dem maroden Anwesen verharren

Sein Werk, für welches er auch das Drehbuch schrieb, ist eher ein Familiendrama mit mysteriösen Untertönen, welches sich ausgiebig und sehr emotional mit den Auswirkungen von Trauer und Verlust beschäftigt. Dabei spielt natürlich die rätselhafte Vorgeschichte der Familie eine große Rolle, die Sànchez mithilfe von Zeitsprüngen innerhalb der Handlung lange im Unklaren lässt. Nur zaghaft entschlüsselt er dieses Geheimnis, bis die Geschichte mit einem traurigen Knalleffekt endet. Je nachdem, wie man diesen aufnimmt, wird man sich darüber ärgern oder „Das Geheimnis von Marrowbone“ ein weiteres Mal ergründen wollen.

Langsam liegen die Nerven im Haus blank

Veröffentlichung: 26. Oktober 2018 als Blu-ray und DVD

Länge: 110 Min. (Blu-ray), 105 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Marrowbone
SP/USA 2017
Regie: Sergio G. Sánchez
Drehbuch: Sergio G. Sánchez
Besetzung: George MacKay, Anya Taylor-Joy, Charlie Heaton, Mia Goth, Matthew Stagg, Nicola Harrison, Kyle Soller
Zusatzmaterial: Trailer, Trailershow
Vertrieb: Universum Film

Copyright 2018 by Andreas Eckenfels

Szenenfotos, Packshot & Trailer: © 2018 Universum Film

 

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Ben – Ode an eine Ratte

Ben

Von Andreas Eckenfels

Horrordrama // Ben, the two of us need look no more. We both found what we were looking for. With a friend to call my own. I’ll never be alone, and you, my friend, will see. You’ve got a friend in me. Ben, you’re always running here and there. You feel you’re not wanted anywhere. If you ever look behind and don’t like what you find. There’s something you should know, you’ve got a place to go.
I used to say “I” and “Me”, now it’s “Us”, now it’s “We”. I used to say “I” and “Me”, now it’s “Us”, now it’s “We”. Ben most people would turn you away. I don’t listen to a word they say. They don’t see you as I do. I wish they would try to. I’m sure they’d think again if they had a friend like Ben. A friend like Ben. Like Ben.

Mit Ratte Ben hat Danny endlich einen Freund

Naive und kitschige Songzeilen? Allerdings. Doch immerhin entspringen sie schnell zusammengereimt aus dem Kopf eines Kindes, dem Jungen Danny (Lee Montgomery). Er besingt damit seine innige Freundschaft zu Ben, jener Ratte die im Vorgänger „Willard“ allerhand bösen Schabernack anrichtete. Auch ansonsten wundert man sich nicht wirklich, warum niemand mit dem kränklichen Danny spielen will. In seinem Hobbyraum lässt er Marionetten tanzen, bläst fröhlich auf der Mundharmonika und klimpert auf dem Klavier – eigentlich könnte der nervige Junge gemeinsam mit Ben bei „Das Supertalent“ auftreten.

Ein Herz für Außenseiter

Immerhin beweist Ben ein weiteres Mal sein Herz für Außenseiter, in deren Leben er sich einschleichen kann. Denn allzu loyal ist die Oberratte seinem vermeintlichen Herrchen nicht gesinnt, wie uns die Eröffnungssequenz von „Ben“ noch einmal schmerzhaft ins Gedächtnis ruft. Diese zeigt die dramatischen Ereignisse des Finals von „Willard“, um anschließend die Geschichte nahtlos weiterzuerzählen. Eine Praxis, die später auch etwa in der „Halloween“-Reihe zelebriert wurde. Bevor Ben und ein Großteil seiner Artgenossen sich in die Freiheit retten können, knabbern sie kurz noch einen Polizisten an, der gerade Willards Keller untersucht. Die Nahaufnahmen und das Quieken von Ben suggerieren dabei geschickt, dass die Ratte den anderen Vierbeinern die richtige Angriffstaktik gegen den zweibeinigen Feind entgegenpiept.

Am Klavier spielt Danny auch gleich ein Lied für Ben

Der Polizist wird nicht das einzige Opfer der Rattenschar bleiben. Die Hysterie unter den Einwohnern gegen die Eindringlinge steigt und erreicht ihren Höhepunkt, als die Nager einen Supermarkt überfallen – man muss ja auch mal fressen. Und während sich Ben von Danny verwöhnen lässt, verziehen sich die anderen Ratten zurück in die Kanalisation, wo sie geduldig warten, welchen nächsten Coup ihr Anführer ausgeheckt hat.

Mitleid statt Schrecken

Nach dem Überraschungserfolg von „Willard“, der mit einem Einspielergebnis von knapp 20 Millionen US-Dollar auf Platz sieben der erfolgreichsten Kinofilme in den USA im Jahr 1971 landete, wurde schnell ein zweiter Teil in Auftrag gegeben. Erneut betraute man Gilbert Ralston mit den Arbeiten am Drehbuch, diesmal hatte er allerdings keine Buchvorlage als Anlaufstelle zur Verfügung. Ralston und Regisseur Phil Karlson („Harte Fäuste, heiße Liebe“) können diese seltsame Beziehung zwischen Mensch und Tier zwar erneut glaubhaft entwickeln, aber es fehlt dennoch an der psychologischen Tiefe des Erstlings, wie etwa der herzensgute Willard immer mehr in die Enge getrieben wurde, um dann mithilfe von Ben und Co. zurückzuschlagen. Auch an interessanten Nebenfiguren fehlt es völlig. Stattdessen wird mit allen Mitteln versucht, Mitleid für den kleinen Danny hervorzurufen. Gerade durch die erwähnten Musizier-Einlagen im Hobbyraum und das ständige Kuscheln mit der Ratte werden die Zuschauer, die einen Horrorfilm erwarten, auf eine harte Geduldsprobe gestellt. Dafür dürften zartbesaitete Gemüter vielleicht sogar mal ein Tränchen verdrücken.

Angriff in der Kanalisation

Komplett enttäuscht lässt Karlson das Horrorpublikum natürlich dennoch nicht zurück, der Regisseur liefert den Zuschauern ebenfalls, was es erwartet. Die wenigen Rattenangriffe nehmen größere Ausmaße als im ersten Teil an, wirken aber auch häufig unfreiwillig komisch, wenn die menschlichen Opfer Zeter und Mordio schreien und wild umherzappeln. Dabei sitzen die possierlichen Tierchen doch nur ganz ruhig auf den Schultern – teils handelt es sich auch um optische Effekte, bei denen die Ratten aufgemalt und ins Filmmaterial einkopiert wurden. Nein, Schrecken will sich hier keiner einstellen. Immerhin lässt es Karlson im Finale etwas krachen, indem die Polizei den Ratten in der Kanalisation mit Schrotgewehren und Flammenwerfern hinterherjagt. Etwas Spektakel also, aber mehr auch nicht.

Feuer frei gegen die Rattenplage

Die Zahl der dressierten Ratten wurde im Vergleich zu „Willard“ von 600 auf 4.000 Exemplare erhöht. Wie David Renske in seinem Text „Rattentheater“ im Anolis-Mediabook schreibt, war für 1973 ein dritter Teil geplant, in welchem sich laut Werbematerialien stolze 10.000 Nager um die Position als Mitarbeiter des Monats beworben hätten. Bekanntermaßen kam es dazu nie. Den Rekord für die meisten Ratten in einem Film hält dem Vernehmen nach bis heute Werner Herzogs „Nosferatu – Phantom der Nacht“ (1979) mit 11.000 Tieren.

Ein Hit für Michael Jackson

So ist das Einzige, was von „Ben“ am Ende im Gedächtnis bleibt, das unsägliche, gleichnamige Liedchen. Geschrieben wurde es von William Scharf und Don Black, die für den Song sogar einen Golden Globe gewannen und eine Oscar-Nominierung erhielten. Berühmtheit für die Ewigkeit erlangte er aber, da kein Geringerer als der damals 13-jährige Michael Jackson die Ode an die Ratte über dem Abspann trällerte. Für den jungen Jackson war es die erste Nummer-1-Solo-Single in den USA, sogar sein zweites Album, auf dem der Song vertreten ist, erhielt den Titel „Ben“. Wie viele Hörer kannten wohl den Film und wussten, dass es sich bei Ben um ein kleines, mörderisches Biest handelte, welches da mit herzzerreißender Stimme besungen wurde?

Kann Danny seinen vierbeinigen Freunden helfen?

Die Anolis-Entertainment-Reihe „Phantastische Filmklassiker“ haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgeführt. Ein lesenswerter Text zu „Ben“ findet sich auch bei den Kollegen von Evil Ed, und auch das „Filmforum Bremen“ hat Lektüre darüber zu bieten.

Veröffentlichung: 17. August 2018 als Blu-ray im limitierten Mediabook (in zwei Covervarianten)

Länge: 92 Min. (Blu-ray)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Ben
USA 1972
Regie: Phil Karlson
Drehbuch: Gilbert Ralston
Besetzung: Lee Montgomery, Joseph Campanella, Arthur O’Connell, Rosemary Murphy, Meredith Baxter, Kaz Garas, Richard Van Vleet
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Lee Montgomery, deutsche Kinofassung, Interview mit Lee Montgomery, amerikanischer Kinotrailer, US TV-Spots, US Radio-Spots, Double Feature TV.Spots, Werberatschlag, Presseheft, Filmprogramm, Bildergalerie
Label/Vertrieb: Anolis Entertainment GmbH

 

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Ernest Borgnine (VI): Willard – Herr der Ratten

Willard

Von Andreas Eckenfels

Horrordrama // Seinen 27. Geburtstag hatte sich Willard (Bruce Davison) sicherlich anders vorgestellt. Doch nun sitzt er in dem langsam renovierungsbedürftigen Anwesen, in dem der schüchterne junge Mann mit seiner bettlägerigen Mutter Henrietta (Elsa Lanchester) lebt. Frau Mama erinnert ihn auch gleich daran, dass sie während seiner Geburt höllische Schmerzen durchleiden musste. Jaja, die Geschichte hat Willard wahrscheinlich schon zigfach gehört. Am Geburtstagstisch nehmen keine Freunde von Willard Platz, nur Menschen, die einige Jahrzehnte älter sind als er. Alte Bekannte seiner Eltern, die ihn in die Wange kneifen und ihm zu allem Überfluss ein albernes Partyhütchen aufsetzen. Wann endlich ein echter Mann aus ihm wird, fragen sie ihn. Dann würde er auch endlich eine Freundin abbekommen. Willard hat darauf nichts zu erwidern.

Außenseiter Willard hat sehr spezielle Freunde gefunden

Eigentlich hätte er es besser wissen müssen. Aber er will ja seine arme Mutter nicht enttäuschen. Sie kann auch nichts dafür, dass sein Vater viel zu früh starb und danach alles den Bach herunterging. Jetzt fristet Willard sein Dasein in der einstigen Firma seines Vaters, die vom aufbrausenden Mr. Martin (Ernest Borgnine) geleitet wird. Willard ist dort nur geduldet, aufgrund eines alten Versprechens darf er auf seinem Posten verharren. Immerhin sitzt er mit der sympathischen Joan (Sondra Locke) an einem Schreibtisch. Da fallen die Überstunden, die Schikanierungen durch seinen Chef und die miese Entlohnung etwas leichter.

Willards Leben ändert sich schlagartig, als Henrietta ihrem Sohn befiehlt, die Ratten aus dem wild wuchernden Garten zu vertreiben. Statt die Tiere zu ertränken, gibt er ihnen zu fressen und lässt sie im Keller des Hauses wohnen. Es entwickelt sich eine Art Freundschaft zwischen den Nagetieren und Willard. Besonders zu der Albinoratte Socrates und zu Ben, wie er sie genannt hat, fühlt er eine enge Bindung. Bald wird das Untergeschoss von einem Heer aus Ratten bevölkert, die ihm aufs Wort gehorchen. Willard wird zum Herrn der Ratten. Erstmals verspürt er ein Gefühl von Macht. Und diese wird er gemeinsam mit den Vierbeinern zur Frustbewältigung nutzen. Nach einem weiteren Schicksalsschlag will Willard an jenen Menschen Rache üben, die ihm Zeit seines Lebens übel mitgespielt haben.

Aufstand der Unterdrückten

Basierend auf dem Roman „Willard oder Aufstand der Ratten“ von Stephen Gilbert, der die Geschichte des Titelhelden in Tagebuchform erzählt, entwirft Regisseur David Mann („Telefon Butterfield 8“, 1960) ein sensibles Psychogramm eines Außenseiters, welches sich im letzten Drittel zu einem wahren Horrorstück entwickelt. Von Anfang an ist klar, dass Willards Leben in Trümmern liegt, aus dem es kein Entrinnen gibt. Seine Mutter als auch sein Chef haben ihn komplett unter Kontrolle. Ihnen kann der liebenswürdige Willard keinen Wunsch abschlagen.

Schmieriger Chef: Mr. Martin drangsaliert Willard

Erst als Willard merkt, dass er selbst ebenfalls Macht über andere ausüben kann – kurz vor dem Ertrinken, befreit er doch noch die Rattenfamilie, die er töten sollte – dreht er den Spieß um. Die Ratten geben keine Widerworte, werten seine Taten nicht und stellen keine Fragen. Sie wollen nur versorgt werden, was die Tiere wiederum in ein Abhängigkeitsverhältnis zu Willard treibt. Dass dies keine Grundlage für eine gesunde Freundschaft ist, wird sich am Ende zeigen. „Willard“ demonstriert auf intelligente Weise, dass jeder Unterdrückte, und sei er noch so klein, einmal gegen seinen Meister aufbegehren wird, wenn dieser ihm den Rücken zudreht.

Echte Ratten im Einsatz

Nach Alfred Hitchcocks „Die Vögel“ (1963) gilt „Willard“ als einer der ersten Filme, die dem Subgenre des Tierhorrors zuzuordnen sind. Die Tatsache, dass David Mann mit etwa 600 lebenden, trainierten Ratten drehte, verleiht „Willard“ einen hohen Grad von Glaubwürdigkeit. Wenn der überzeugende Hauptdarsteller Bruce Davison („Freundschaft fürs Leben“, 1989) zupackt, hat er echte Ratten in der Hand, mit denen er mitunter auch mal kuscheln darf. Wer vor diesen Nagetieren eine natürliche Abneigung verspürt, wird zusätzlichen Ekel empfinden. Zudem wirken die Tiere mit ihren kleinen Schneidezähnen in extremer Nahaufnahme äußerst bedrohlich. Dabei kann einem durchaus ein Schauer über den Rücken laufen – und man schaut umher, ob nicht doch so ein Viech im eigenen Wohnzimmer sein Zuhause eingerichtet hat. Die Müsli-Packung war so seltsam schnell geleert die letzten Tage …

Immer mehr Ratten machen sich im Keller breit

Überhaupt ist die Besetzung von „Willard“ wirklich außerordentlich. Neben Davison gibt Ernest Borgnine einen wunderbar schmierigen Auftritt ab. Fieser war der Charaktermime selten – vielleicht 1953 in „Verdammt in alle Ewigkeit“. Daneben freut man sich auf ein Wiedersehen mit der Frau mit den grotesken Gesichtszügen Jody Gilbert („Butch Cassidy und Sundance Kid“, 1969), Clint Eastwoods langjähriger Lebensgefährtin Sondra Locke („Der Texaner“) und keiner Geringeren als „Frankensteins Braut“ persönlich: Elsa Lanchester, die sich als Willards Mutter in Selbstmitleid ergeht. Regisseur Mann ist es obendrein hoch anzurechnen, dass es sich so anfühlt, als seien selbst die Ratten Ben und Socrates eigenständige Figuren. Als Zaubermittel für die Vierbeiner mit dem langen Schwanz erwies sich übrigens Erdnussbutter. War jemand damit eingeschmiert, fielen die Tiere gleich in Scharen über ihr Opfer her.

Extra-Kohle für Borgnine

Für Ernest Borgnine erwies es sich als cleverer Schachzug, statt einer höheren Gage eine Beteiligung am Einspielergebnis zu fordern. „Willard“ erwies sich 1971 als Überraschungserfolg, der knapp 20 Millionen US-Dollar einspielte. Ein Remake mit Crispin Glover („Die Legende von Beowulf“) in der Hauptrolle entstand im Jahr 2003.

Mit der hierzulande ersten offiziellen Veröffentlichung des Tierhorror-Klassikers startet Anolis nun die neue Reihe „Phantastische Filmklassiker – Die 70er“. Auch der zweite Titel der Reihe wurde bereits bekanntgegeben: Es ist „Ben“ (1972), die direkte Fortsetzung von „Willard“. Baut also besser schon mal die Mausefallen auf!

Keine gute Idee: Aus Mitleid will Joan Willard eine Katze schenken

Die Anolis-Entertainment-Reihe „Phantastische Filmklassiker“ haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgeführt. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Ernest Borgnine sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet. Ein lesenswerter Text zu „Willard“ findet sich auch bei den Kollegen von Evil Ed, und auch das „Filmforum Bremen“ hat Lektüre darüber zu bieten.

Ratte Ben schwingt sich zum Anführer seiner Artgenossen auf

Veröffentlichung: 30. Mai 2018 als Blu-ray im limitierten Mediabook mit zwei Covervarianten

Länge: 95 Min. (Blu-ray)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Willard
USA 1971
Regie: David Mann
Drehbuch: Gilbert Ralston, nach dem Roman „Willard oder Aufstand der Ratten“ von Stephen Gilbert
Besetzung: Bruce Davison, Elsa Lanchester, Sondra Locke, Ernest Borgnine, Michael Dante, Jody Gilbert, Alan Baxter, Joan Shawlee
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Bruce Davison, Interview mit Bruce Davison, amerikanischer Trailer, Radiospots, Super-8-Fassung, Werberatschlag, Bildergalerie, Booklet mit Texten von Ingo Strecker und David Renske
Label/Vertrieb: Anolis Entertainment GmbH

Copyright 2018 by Andreas Eckenfels
Szenenfotos & Packshots: © 2018 Anolis Entertainment GmbH

 

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