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Die tödlichen Bienen – Mörderische Stachel

The Deadly Bees

Von Andreas Eckenfels

Horrorthriller // Nach dem Erfolg von Alfred Hitchcocks „Die Vögel“ (1963) setzten auch die britischen Amicus-Studios auf mörderische Schwärme aus dem Tierreich: „Die tödlichen Bienen“ gilt als erster Horrorfilm, in dem die heutzutage leider äußerst gefährdeten Insekten als Killer auftreten. Wicked-Vison Media hat das Werk von Freddie Francis („Die Todeskarten des Dr. Schreck“) erstmals europaweit auf Blu-ray und DVD im Mediabook und auch generell erstmals hierzulande als Heimkino-Premiere veröffentlicht – als „Limited Collector’s Edition #24“.

Popsängerin Vicki erholt sich auf Seagull Island

Während das Playback im Hintergrund weiterläuft, kollabiert Popsängerin Vicki Robbins (Suzanna Leigh) vor laufender Kamera. Nervenzusammenbruch, diagnostiziert der Arzt. Die letzten Wochen waren wohl zu viel Stress für die junge Frau. Deshalb soll sich Vicki auf Seagull Island ein paar Tage erholen. Sie kommt auf der Farm von Ralph Hargrove (Guy Doleman) und dessen Frau Mary (Catherine Finn) unter, die extra für ihren prominenten Gast die Wirtshaustochter Doris (Katy Wild) zur Unterstützung engagiert haben. Vicki erweist sich als frei von Starallüren und zeigt auch Interesse an Hargroves Bienenstock. Zudem freundet sie sich gleich mit Marys Hündin Tess an, streift mit der Vierbeinerin durch die Natur und trifft dabei auf den Nachbarn H. W. Manfred (Frank Finlay). Er besitzt ebenfalls einen Bienenstock, dessen Treiben er durch eine Glasscheibe sogar innerhalb seines Hauses beobachten kann. Die Ruhe wird gestört, als plötzlich ein Schwarm Bienen ihr tödliches Unwesen auf der Insel treibt. Bei ihren Nachforschungen gerät Vicki selbst in große Gefahr.

Von Elvis zu den Bienen

Wie Filmwissenschaftler Dr. Rolf Giesen in der Video-Einleitung erklärt, waren ursprünglich die Horrorveteranen Christopher Lee und Boris Karloff für die Hauptrollen vorgesehen. Doch diese Wunschkombination ließ sich aufgrund des geringen Budgets nicht realisieren. Schließlich engagierte man Suzanna Leigh als Protagonistin, die gerade mit dem Elvis-Presley-Musical „Südsee-Paradies“ (1966) ihren Durchbruch gefeiert hatte. So wurde das Drehbuch von „Psycho“-Autor Robert Bloch von Regisseur Francis und Anthony Marriott hastig umgeschrieben. An Leigh, die den Nachnamen ihres Künstlernamens von ihrer berühmten Patentante Vivien Leigh („Vom Winde verweht“) nutzte, liegt es nicht, dass der Bienen-Horror nie wirklich Fahrt aufnimmt. Sie erweist sich sogar als für die Zeit relativ unüblich kluge weibliche Hauptfigur, die sich, wie in der Badezimmerszene zu sehen, gegen die Killerbienen selbst zur Wehr setzen kann und nicht ständig vom männlichen Helden gerettet werden muss. Später war Leigh unter anderem in den Hammer-Produktionen „Bestien lauern vor Caracas“ (1968) und „Nur Vampire küssen blutig“ (1971) zu sehen.

Enttäuschende Effekte

Dass „Die tödlichen Bienen“ bei einigen Horrorfans dennoch nicht groß im Gedächtnis bleiben werden, liegt vor allem an den enttäuschenden Spezialeffekten: Die Bienenschwärme, die Jahreszeit-bedingt für die Produktion aus Australien nach England importiert werden mussten, wurden bei ihren Angriffen auf das zuvor gefilmte Material einfach lieblos einkopiert. Während sich das Opfer also im Hintergrund wild fuchtelnd gegen die Insekten zu verteidigen versucht und davonrennt, werden im Vordergrund haufenweise Bienen gezeigt, die über die Leinwand wie Schneegestöber herumwirbeln. Dazu ein verstärkendes Summen auf der Tonspur und ein paar aufgeklebte Plastikattrappen auf dem Körper des Schauspielers – fertig ist die recht lächerlich wirkende Attacke.

Ralph und Mary Hargrove haben einander nicht mehr viel zu sagen

Dabei hatte es doch ganz gut begonnen: Beim ersten menschlichen Opfer wurden zusätzlich Archivaufnahmen von Bienen eingefügt, die auf der Haut umherkrabbeln und wirklich zustechen. Hätte man mehr dieser Szenen in die folgenden Angriffe hinzugefügt, hätten diese auch wesentlich bedrohlicher, weil für den Zuschauer spürbar schmerzhafter, gewirkt. Denn wer schaut schon gern dabei zu, wie ein Bienenstachel im Fleisch stecken bleibt?

Die Honigfalle

Auch die Genrebezeichnung „Tierhorror“ erscheint nicht ganz passend, denn hier liegen die Bienenattacken nicht in einer „Rache der Natur“ begründet. Die Insekten werden vielmehr fremdgesteuert und nur vom Menschen als Mordinstrument eingesetzt – was aber auch an der Vorlage liegt: Der Film basiert auf dem Kriminalroman „A Taste for Honey“ (1941) von Henry F. Heard, erster Teil einer Trilogie um einen Detektiv namens Mr. Mycroft. Und so folgt auch „Die tödlichen Bienen“ eher dem Muster eines typischen Whodunit, bei der Sängerin Vicki als Ermittlerin fungiert und viele falsche Fährten gelegt werden – wobei die Auswahl der Verdächtigen bei der geringen Darstellerzahl doch recht klein ausfällt. Die Romanvorlage, die in Deutschland unter dem Titel „Die Honigfalle“ erschien, wurde schon 1955 in der ABC-Reihe „The Elgin Hour“ als „The Sting of Death“ fürs TV verfilmt. Ironischerweise spielte damals Boris Karloff die Hauptrolle.

Tödliche Bienenstiche

Die Frage bleibt hypothetisch, wie heftig „Die tödlichen Bienen“ gestochen hätten, wenn das Drehbuch von Bloch nicht umgeschrieben worden wäre. So bleibt der Film hinter seinen Erwartungen zurück, die der reißerische Titel unter Tierhorror-Fans schürt. Trotz genannter Ärgernisse und der Behäbigkeit der Inszenierung, kann der Horrorthriller aber dennoch durchaus unterhalten, was vor allem an den soliden Darstellerleistungen liegt. Für Amicus-Fans ist er sowieso Pflichtprogramm, weil sich das Studio hier auch mal außerhalb seiner bekannten Anthologie-Filme bewegte.

Vicki und Manfred nehmen die Bienen genauer unter die Lupe

Wer übrigens zu Beginn im Filmstudio genau hinschaut, kann einen zur damaligen Zeit noch nicht so bekannten Gaststar entdecken: Die Band, die vor Vicki auf der Bühne steht, heißt The Birds – an der Gitarre klimpert ein gewisser Ron Wood, der 1975 zu den Rolling Stones stoßen sollte. Im Bonusmaterial der wie üblich qualitativ hochwertigen Veröffentlichung von Wicked-Vision Media, begeistert besonders Suzanna Leigh (1945–2017) mit einem etwa 50-minütigen Interview, in dem sie mit sehr viel Witz ihre Karriere Revue passieren lässt. Zu den Dreharbeiten zu „Die tödlichen Bienen“ berichtet Leigh unter anderem, sie sei die einzige Person am Set gewesen, die nicht von Bienen gestochen wurde – nur weil sie die Insekten zu Drehbeginn freundlich begrüßt hatte. Also, seid nett zu Bienen!

Welchen Kleingetier-Horrorfilm könnt ihr empfehlen?

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Freddie Francis sind in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt.

Veröffentlichung: 29. März 2019 als 2-Disc Limited Collector’s Edition (Blu-ray & DVD) in drei limitierten Covervarianten (Cover A: 333 Exemplare, Cover B: 222 Exemplare, Cover C: 222 Exemplare)

Länge: 84 Min. (Blu-ray), 81 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: The Deadly Bees
GB 1966
Regie: Freddie Francis
Drehbuch: Robert Bloch, Anthony Marriott, nach dem Roman „A Taste for Honey“ von Henry Fitzgerald Heard
Besetzung: Suzanna Leigh, Frank Finlay, Guy Doleman, Catherine Finn, Katy Wild, Michael Ripper, John Harvey, Ron Wood
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Dr. Gerd Naumann und Dr. Rolf Giesen, „Hives of Horror“: Interview mit Produktionsmanager Ted Wallis und Requisiteur Peter Allchorne, „Monsterama“: Interview mit Suzanna Leigh, Bildergalerie, Originaltrailer, 24-seitiges Booklet mit einem Essay von Dr. Rolf Giesen
Label/Vertrieb: Wicked-Vision Media

Copyright 2019 by Andreas Eckenfels

Szenenfotos, Packshots & Trailer: © 2019 Wicked-Vision Media

 
 

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Ma – Kein Alkohol ist keine Lösung

Ma

Kinostart: 30. Mai 2019

Von Philipp Ludwig

Horrorthriller // Teenager Maggie (Diana Silvers) ist genervt. Nachdem die Ehe ihrer Eltern in die Brüche ging, zieht es ihre Mutter Erica (Juliette Lewis) von San Diego zurück in ihr Heimatkaff in Ohio – und Maggie muss mit, ob es ihr passt oder nicht. Einer Kleinstadt, in der so gar nichts Aufregendes passiert, wie ihr ihre neu gewonnenen Freundinnen und Freunde an der Highschool unverblümt mitteilen. Mit der Clique um Hayley (McKaley Miller) und dem potenziellen Love-Interest in spe, Andy (Corey Fogelmanis) geht Maggie daher der anscheinend einzig sinnvollen örtlichen Freizeitbeschäftigung nach – einem ordentlichen Besäufnis im zum Party-Zimmer umgestalteten Van oder in einer abgelegenen Bauruine. Frei nach Karl Dalls Gassenhauer und Sonderzug-Evergreen: „Heute schütten wir uns zu, denn wir haben ja allen Grund dazu.

An ihrer neuen Schule schließt Maggie (r.) schnell Freundschaften

An den harten Stoff zu kommen, stellt die jugendlichen Freunde allerdings immer wieder vor große Herausforderungen. Da kommt die liebevoll anmutende Sue Ann (Octavia Spencer, „Hidden Figures“) genau richtig. Die Tierarzthelferin führt gerade einen ihrer in diesem Fall nicht mehr ganz vierbeinigen Patienten Gassi, als sie von Maggie nach Unterstützung beim Alkoholkauf gebeten wird. Lehnt sie zunächst noch entrüstet ab, kommt sie dann doch den umfangreichen Wünschen der Teenies nach und kauft ihnen eine stattliche Spirituosen-Sammlung, die sich sehen lässt. Nicht lange dauert es danach, bis aus diesen wiederholten Gefälligkeitskäufen das Angebot entsteht, den Van und die örtlich bekannte Bauruine als Party-Location gegen Sue Anns geräumigen Keller in ihrem abgelegenen Haus zu tauschen. Einzige Regeln der Gastgeberin: kein Fluchen, der Fahrer bleibt nüchtern und der Rest des Hauses ist absolute Tabuzone. Nach einigen gestalterischen Anpassungen entwickelt sich der Keller innerhalb kürzester Zeit zum heißesten Party-Spot für die örtlichen Teenagermassen, die Sue Ann allesamt nur liebevoll „Ma“ nennen. Doch ist es für Maggie und ihre neuen Freunde tatsächlich ratsam, diese scheinbar so liebenswürdige wie einsame Dame in ihr Leben zu lassen? Schließlich hat diese aus eigener Schulzeit noch eine alte Rechnung mit deren Eltern offen. Und eins ist klar: So schnell wieder los wird man die beeindruckend feierfreudige Sue Ann nicht mehr.

Ein Projekt unter Freunden

Regisseur Tate Taylor und Hauptdarstellerin Octavia Spencer sind seit ihren gemeinsamen WG-Zeiten vor 25 Jahren nahezu unzertrennliche Freunde und haben bereits bei dem hochgelobten „The Help“ (2011) in dieser Konstellation zusammengearbeitet. Als Taylor über die Story-Idee zu „Ma“ von Scotty Landes (Autor bei Comedy Centrals „Workaholics“) stolperte, wusste er sofort, dass er diese zu einem Film mit seiner Freundin als Idealbesetzung in der Hauptrolle umsetzen will. Und gerade Spencer ist es dann auch zu verdanken, dass sich diese filmische Umsetzung zumindest noch gerade so einigermaßen sehen lässt.

Liebenswürdig bietet Sue Ann den trinkwütigen Teenagern ihre Hilfe an

Denn wie die populäre US-Amerikanerin (die für ihre Leistung in „The Help“ immerhin mit dem Oscar für die beste Nebenrolle ausgezeichnet wurde) die Hauptfigur Sue Ann, respektive „Ma“, darstellt, ist eine wahre Freude. Zunächst noch als knuffige und absolut liebenswerte nette Tante angelegt, merken wir schnell, dass an dieser Fassade nur wenig Wahres ist und unter der Maske Abgründe schlummern. Unterstützt durch Rückblenden wird deutlich, dass Sue Ann in ihrer eigenen Schulzeit einiges durchmachen musste und die Eltern unserer jugendlichen Protagonisten daran nicht ganz unschuldig waren. Die schauspielerische Klasse von Spencer und ihre große darstellerische Bandbreite sind wirklich beeindruckend – zudem kann sie entgegen ihres etablierten Rollenprofils hier als Darstellerin auch einmal ihre dunkelsten und mörderischsten Seiten präsentieren. Spencer selbst wollte unbedingt an dem Projekt ihres Freundes mitwirken. Nicht auszudenken, was aus „Ma“ ohne ihr Mitwirken geworden wäre.

Doch ist ihre Gastgeberin wirklich so nett, wie sie vorgibt? Maggie (l.) kommen erste Zweifel

Trotz einer netten Grundidee und einem recht vielversprechendem Beginn gelingt es dem renommierten Regisseur Taylor leider nicht, mit „Ma“ einen überzeugenden Film zu liefern. Die durch umfangreiche Werbemaßnahmen erzeugte Erwartungshaltung kann er, mit Ausnahme der Besetzung von Spencer, somit leider zu keiner Zeit gerecht werden. Stattdessen bietet die One-Woman-Show ihr größtes Unterhaltungspotenzial neben seiner irren Hauptfigur höchstens noch in den ausgiebig dargestellten Saufgelagen und Party-Sessions in Sue Anns Keller, die im Grunde wie eine nicht enden wollende 80er-Jahre-Party anmuten. Auch ist der Alkohol- und Drogenkonsum der Teenies hierbei schon beachtlich und vielleicht erklärt sich dadurch auch ihr oft idiotisches und unlogisches Verhalten, wer weiß? Denn mit der Logik nimmt es Taylor in seinem Psycho-Horrorthriller nun gewiss nicht allzu genau, wie auch Scotty Landes im Drehbuch. Dabei wurde mit dem Produktionsstudio Blumhouse Productions von Jason Blum ein Partner an die Hand genommen, die mit dem Überraschungserfolg „Get Out“ (2017) bereits gezeigt haben, zu was sie filmisch in diesem Genre fähig sind. Warum also kann „Ma“ nicht an diesen Hit anknüpfen?

Faule Drehbuchautoren?

Bereits in meiner kürzlich erschienenen Rezension zum inhaltlich recht ähnlich angelegten Thriller „Greta“ hatte ich angemerkt, dass im Sinne der „Suspension of Disbelief“ Logikschwächen und Plotholes nicht zwingend ein Ausschlusskriterium für das Gelingen eines filmischen Werkes darstellen müssen. Kritisch wird es jedoch, wenn diese ein Ausmaß annehmen, das eine Toleranz ihnen gegenüber schwermacht. Bei „Ma“ ist dies leider, zumindest bei mir, ausgiebig der Fall gewesen. Ob platte, stereotype Figuren am laufenden Band, mitunter sinnlose Schockmomente oder ein halbherziger, ziemlich aus der Luft gegriffener und überzogener Rachefeldzug der Protagonistin Sue Ann – bei „Ma“ gibt es ob des Dargebotenen viel zu oft Grund zu gelangweiltem Kopfschütteln. So haben wir es mit einer erstaunlich langen Expositionsphase als Einführung in die Geschichte zu tun, die nur halbherzig durch wahllos eingestreute Spannungs- und Schockmomente den Thriller-Charakter des Films erhalten soll. Nur, um dann zum Ende hin urplötzlich in den Wut-Modus von Sue Ann zu wechseln, wonach dann alles erstaunlich schnell vonstattengeht und ehe man sich’s versieht auch schon der Abspann über die Leinwand läuft. Die unglaubwürdigen Handlungsweisen der meisten Figuren sowie die mitunter hanebüchenen Plot-Twists erwecken den Eindruck, als seien die Drehbuchverantwortlichen ein wenig faul gewesen und hätten keine anderen Möglichkeiten gefunden, sich aus ihren vielen Story-Sackgassen auf andere Weise befreien zu können.

Ein paar Worte zum Trailer

Es ist natürlich immer schwierig, die Schwächen im Skript zu thematisieren, ohne Gefahr zu laufen, dem Spoiler-Teufel anheimzufallen. Wer sich nur ungern schon im Vorhinein vom Inhalt des Films „Ma“ zu viel verraten lassen will, sollte dringend Abstand vom Trailer halten – zeigt dieser doch nahezu den gesamten Plot sowie beinahe sämtliche interessanten Schock- und Gewaltelemente. Wer beim Kinobesuch erwartet, dass dies nur die Appetizer waren und es im Film mehr in diese Richtung geben wird, dürfte bitter enttäuscht werden. So misslingt es Taylors neuestem Werk nicht nur aufgrund uninspirierter, starrer Treue gegenüber den Genre-Konventionen, für Überraschungen zu sorgen – den Betrachtern des Trailers wird er erst recht nichts Unerwartetes oder gar Schockierendes zu bieten haben. Was zur Folge hat, dass „Ma“ als Horrorthriller natürlich noch weniger funktioniert, stellen diese Elemente doch Kernelemente des Genres dar. Leider erahnt man so aber bei einer stattlichen Zahl an Szenen bereits im Vorfeld meilenweit, was als Nächstes passieren wird. Den Sinn hinter derartigen Trailern werde ich zumindest nicht mehr verstehen.

Einmal Bully, immer Bully? Welche Rolle spielte Ben (r.) in Sue Anns Vergangenheit?

Ist Octavia Spencer als Sue Ann zwar der größte Pluspunkt, den „Ma“ zu bieten hat, so ist diese starke Fokussierung auf die Hauptfigur auch gleichzeitig eine der weiteren großen Schwächen des Films. Die übrigen Figuren bleiben dagegen leider meist blass und klischeebeladen. Viele scheinen auch nur als Baustein im Genrebaukasten oder zum Voranbringen der Story zu fungieren, anders ist ihre Existenz sowie ihr mitunter seltsam anmutendes Verhalten nicht zu erklären. Demzufolge nutzt auch der restliche Cast nur wenige Gelegenheiten, aus den schwachen Rollen groß etwas herauszuholen. Gerade die eher unbekannten jungen Gesichter hinterlassen kaum besonderen Eindruck – am ehesten noch Diana Riggs („Glass“). Diese profitiert als rehäugige Maggie vor allem davon, dass wenigstens ihrer Figur dann doch etwas mehr emotionale Tiefe gegeben wurde. Den restlichen Mitgliedern ihrer Clique ist trotz aufkommender Bedenken gegenüber Ma dagegen stets nur der nächste Suff von Bedeutung – koste es was es wolle. Auch die älteren und etablierten Gesichter sind kaum imstande, mehr aus ihren Rollen herauszuholen, als ihnen diese dünnen Vorlagen bieten; 90er-Jahre-Kultfilm-Ikone Juliette Lewis („From Dusk Til Dawn“, „Natural Born Killers“) spielt Maggies Mutter Erica als toughe Version einer Single-Mom mit Hang zur Hysterie und „Hobbit“-Haudrauf Luke Evans gibt mit Ben – Vater von Maggies Freund Andy – einen Macho zum Besten, der seit Teenie-Tagen nichts von seiner Arschlochattitüde eingebüßt hat. Allison Janney („I, Tonya“) knüpft als zynische und notorisch-griesgrämige Tierärztin nicht nur an ihre Oscar-prämierte Rolle als Tonya Hardings Rabenmutter an, sie darf sich ebenso wiederholt herrlich amüsant über Sue Anns mangelnden Arbeitseifer echauffieren – „Ma“ wirkt somit durch sie sogar ein klein wenig selbstreferenziell, spiegelten doch diese Charaktereigenschaften ihrer Rolle meine Laune mit zunehmendem Verlauf der Sichtung des Films ziemlich treffend wider.

Finger weg von „Ma“

Zum Abschluss lohnt sich der Vergleich mit dem oben bereits erwähnten, erst kürzlich im Kino erschienenen Thriller „Greta“. Teilt dieser mit „Ma“ nicht nur einen Plot um junge Menschen, die sich mit scheinbar netten und einsamen alten Menschen einlassen und diese dann nicht mehr loswerden – beide Filme vereint auch ihre ärgsten Schwächen: Obwohl von renommierten Filmemachern kreiert, bieten sie durch ihr starres Festhalten an etablierten Erzählweisen des Thriller-Genres nur wenig Überraschungspotenzial und sind nicht in der Lage, diesem neue Elemente beizusteuern. Gepaart mit der fehlenden narrativen Tiefe, blassen Figuren wie auch zahlreichen Logikschwächen dürften derartige Werke nur wenig Potenzial bieten, Besucher hinter dem Ofen hervorzulocken. Filmschaffende sollten sich dringend einmal hinterfragen, ob Filme wie „Greta“ oder „Ma“ tatsächlich die Zukunft sein sollen oder ob sie damit nicht noch mehr Zuschauerinnen und Zuschauer an häufig deutlich ansprechendere Serienproduktionen verlieren werden. Zwischen ewig gleichen Erzählmustern und dem x-ten Superheldenspektakel sollte der Kinofilm auch weiterhin versuchen, kreativ und mutig zu sein. „Ma“ ist leider weder das eine noch das andere. Kommt mein obiger Rat für die jugendlichen Helden im Film bereits zu spät, so kann ich zumindest euch Leserinnen und Leser dieser Rezension dazu anhalten, im Kino einen Bogen um diesen ziemlich lahmen Horrorthriller zu machen und euch stattdessen lieber in netter Gesellschaft ein nettes Tröpfchen zu gönnen. Aber wer weiß – vielleicht steigt mit zunehmendem Alkoholpegel auch das Unterhaltungspotenzial von „Ma“?! Zum Wohl!

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Juliette Lewis und Octavia Spencer sind in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgeführt, Filme mit Luke Evans unter Schauspieler.

„You can dance, if you want to.“ Sue Ann zeigt den Kids von heute, wie man richtig feiert

Länge: 99 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Ma
USA 2019
Regie: Tate Taylor
Drehbuch: Scotty Landes
Darsteller: Octavia Spencer, Diana Silvers, Juliette Lewis, Luke Evans, McKaley Miller, Missi Pyle, Corey Fogelmanis, Gianni Paolo, Dante Brown, Allison Janney
Verleih: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2019 by Philipp Ludwig

Filmplakat & Trailer: © 2019 Universal Pictures Germany GmbH,
Szenenfotos: © 2019 Universal Pictures Germany GmbH. All rights reserved.

 

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47 Meters Down – Unter Wasser hört dich niemand schreien

47 Meters Down

Von Andreas Eckenfels

Horrorthriller // Im Jahr 2016 wurde ich auf „In the Deep“ aufmerksam. Auf irgendeiner US-Horror-Website hatte ich eine Best-of-Jahresliste durchstöbert. Allerdings war der mit Mandy Moore („This Is Us“) und Matthew Modine („Full Metal Jacket“) prominent besetzte Hai-Schocker nirgendwo zu finden. Erst als das Programm des diesjährigen Fantasy Filmfests bekannt gegeben wurde, kam mir die Inhaltsangabe von „47 Meters Down“ bekannt vor. Und tatsächlich: Der Film von „The Other Side of the Door“-Regisseur Johannes Roberts erhielt nicht nur einen neuen Titel – er wurde auch kurzfristig aus dem Verkehr gezogen.

Die Schwestern Kate (l.) und Lisa wollen in Mexiko Haie unter Wasser beobachten

Ursprünglich hatten Dimension Films, Anchor Bay Entertainment and Starz Digital für den 2. August 2016 eine Heimkino-Veröffentlichung von „In the Deep“ auf DVD und VoD in den USA angekündigt. Doch kurz vor dem Termin kauften überraschend Freestyle Media und Entertainment Studios den fertigen Film und planten für ihn einen Kinostart in ferner Zukunft. Sicherlich hatte auch der unerklärbare Erfolg der „Sharknado“-Reihe dafür den Weg geebnet, dass auch ernstzunehmende Hai-Thriller diese Chance erhielten. Die Übernahme geschah offenbar so knapp vor dem Release, dass einige DVDs bereits an die Presse versendet waren und in einigen US-Läden standen, bevor diese aus dem Sortiment genommen werden konnten. Eine davon hatte wohl der Rezensent der US-Website noch erwischt. Die nur für wenige Tage erhältliche DVD wurde bald darauf zu Mondpreisen im Internet gehandelt.

Verwechslungsgefahr

Das Einspielergebnis von 44 Millionen US-Dollar beweist, dass es die richtige Entscheidung war, „47 Meters Down“ im Juni 2017 auf US-Leinwände zu bringen. Ein Jahr zuvor konnte schon „The Shallows – Gefahr aus der Tiefe“ mit einem weltweiten Einspielergebnis von fast 120 Millionen US-Dollar punkten. Der Sommerhit, in dem sich Blake Lively gegen einen Hai zur Wehr setzt, gilt auch als Grund für die Namensänderung zu „47 Meters Down“: „In The Deep“ war der ursprüngliche Arbeitstitel von „The Shallows“. Dies hätte durchaus zu Verwechslungen führen können.

Im rostigen Käfig geht es abwärts – tiefer, als ihnen lieb ist

Die Schwestern Lisa (Mandy Moore) und Kate (Claire Holt) verbringen ein paar entspannte Tage in Mexiko. Erst vor Ort erfährt Kate, dass sich Lisa von ihrem Langzeitfreund getrennt hat. Um auf andere Gedanken zu kommen, ziehen sie durch die Bars des Küstenorts und flirten dabei mit zwei Einheimischen. Die beiden Männer überreden die Schwestern, am nächsten Tag mit ihnen an einem aufregenden Cage-Diving-Ausflug teilzunehmen, bei dem sie Haie hautnah unter Wasser erleben können. Als Lisa und Kate den alten Kahn von Captain Taylor (Matthew Modine) und den rostigen Käfig erblicken, der sie nach unten bringen soll, kommen erste Zweifel auf, ob das Abenteuer nicht zu riskant sein könnte.

Doch nachdem ihre beiden Begleiter den ersten Tauchgang im offenen Meer wohlbehalten überstanden haben, trauen sich auch die Schwestern in die Tiefe. Gerade als die ersten Haie um den sicheren Käfig kreisen, löst sich dessen Aufhängung vom Boot. Lisa und Kate rauschen darin in die Tiefe und schlagen hart auf dem Meeresgrund auf. Der Funkverkehr zu Captain Taylor reißt ab. Von Haien umzingelt, müssen die Schwestern die rettende Oberfläche erreichen, bevor ihnen der Sauerstoff ausgeht.

Digitale Haie

Von der Klasse von „Der weiße Hai“ ist auch „47 Meters Down“ ein großes Stück weit entfernt. Der Steven-Spielberg-Meilenstein bleibt im Genre des Tierhorrors nun mal das Maß aller Dinge. Doch Roberts’ spannender Hai-Thriller bietet trotz der simplen Story etwas Besonderes: Nach der etwas überlangen Exposition, in der wir Lisa und Kate näher kennenlernen, spielt sich fast die gesamte weitere Handlung unter Wasser ab.

Da schaut auch schon der erste hungrige Hai vorbei

Obwohl das Produktionsbudget mit 5,5 Millionen US-Dollar relativ schmal ausfiel, sehen die computergenerierten Haie äußerst gelungen aus – allerdings sind sie auch relativ selten in Aktion zu sehen. Roberts legt den Fokus mehr auf den emotionalen Überlebenskampf der beiden Schwestern, die sich per Funk miteinander unterhalten können, und spielt dabei geschickt mit menschlichen Urängsten: die herrschende Dunkelheit in der Tiefe, die damit einhergehende Orientierungslosigkeit und die drohende Atemnot. Da sind die Raubfische nur die Spitze des Eisbergs der vielen Gefahren, die auf die beiden Frauen warten. Aber die ständige Bedrohung und die unberechenbaren Angriffe der tierischen Jäger verleihen „47 Meters Down“ in Verbindung mit den gelungenen Unterwasseraufnahmen den nötigen Biss.

Die Fortsetzung wartet schon

Allerdings sollte man sich nicht vom FSK-16-Sticker auf dem Cover täuschen lassen. Überaus blutig geht es nicht zu. Der Film lebt mehr von seiner Spannung und erhielt eine Freigabe ab 12 Jahren. Nur aufgrund einiger enthaltener Trailer auf der DVD beziehungsweise Blu-ray prangt die höhere Freigabe auf der Vorderseite der Amaray-Hülle.

Das Ende wartet mit einer wenig gelungenen Story-Wendung auf, die den guten Gesamteindruck etwas trübt. Dennoch sollten alle Hai-Freunde diesen aufregenden Tauchgang wagen. Roberts arbeitet bereits an der Fortsetzung „48 Meters Down“, die in Brasilien spielen soll. Zuvor startet im März 2018 aber sein Sequel zum Home-Invasion-Thriller „The Strangers“ (2008) in den US-Kinos.

Atemnot: Langsam wird Lisas Sauerstoff knapp

Veröffentlichung: 1. Dezember 2017 als Blu-ray und DVD

Länge: 101 Min. (Blu-ray), 97 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Originaltitel: 47 Meters Down
USA/GB/DOM 2017
Regie: Johannes Roberts
Drehbuch: Johannes Roberts, Ernest Riera
Besetzung: Mandy Moore, Claire Holt, Chris Johnson, Yani Gellman, Santiago Segura, Matthew Modine
Zusatzmaterial: Trailer, Trailershow
Vertrieb: Universum Film

Copyright 2017 by Andreas Eckenfels
Fotos & Packshot: © 2017 Universum Film

 

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