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47 Meters Down – Uncaged: Tödlicher Tauchgang mit Haien

47 Meters Down – Uncaged

Von Andreas Eckenfels

Horrorthriller // Knapp zwei Jahre nach ihrem Überraschungserfolg „47 Meters Down“ lassen Regisseur Johannes Roberts und Drehbuchautor Ernest Riera erneut die Haie los. Es handelt sich dabei um keine direkte Fortsetzung, sondern mehr oder weniger um eine Variation des Erstlings mit neuen Figuren, die ebenfalls einen aussichtslos erscheinenden Überlebenskampf gegen die gefräßigen Biester führen. Wie der Untertitel bereits verrät, sind die Protagonisten diesmal allerdings nicht in einem Käfig eingesperrt. Roberts und Riera haben sich ein interessantes neues Szenario für den zweiten Teil ausgedacht. „47 Meters Down – Uncaged“ feierte seine Deutschland-Premiere auf dem Fantasy Filmfest 2019.

Maya-Gräber unter Wasser

Yucatán, Mexiko: Wohnen, wo andere Leute Urlaub machen. Klingt gut, ist es aber zumindest für Mia (Sophie Nélisse) nicht, denn in der neuen Schule wird sie von ihren Mitschülerinnen nicht wirklich freundlich aufgenommen. Nach dem Tod ihrer Mutter hat Vater Grant (John Corbett) neu geheiratet. Jennifer (Nia Long) hat ebenfalls eine Tochter mit in die Ehe gebracht: Sasha (Corinne Foxx) ist aber in der Schule um einiges beliebter als die jüngere Mia. Damit sich die zwei Stiefschwestern ein bisschen besser vertragen lernen, macht Grant den Mädchen ein Geschenk: Eine Ausflugsfahrt in einem Boot mit Glasboden im Rumpf, durch den man Weiße Haie in ihrer natürlichen Umgebung beobachten kann, soll die Patchwork-Stiefschwestern wider Willen enger zusammenschweißen.

Die vier Freundinnen machen sich auf dem Weg zu einem abgelegenen See

Mia und Sasha machen sich auf den Weg. Doch am Hafen bringen sie ihre Freundinnen Alexa (Brianne Tju) und Nicole (Sistine Stallone) kurz vor der Abfahrt auf eine bessere Idee: Ein abgelegener, traumhafter See lädt nicht nur zum Plantschen ein. Nebenbei befindet sich dort der Eingang zu dem Ort, an dem Mias Vater gerade arbeitet: Unter Wasser wurde eine Begräbnishöhle der Mayas entdeckt. Die vier Mädchen schnappen sich die Taucherausrüstung, die für die Archäologen bereitgestellt wurde, die in den nächsten Tagen die antike Anlange genauer unter die Lupe nehmen wollen, und begeben sich in die Tiefen …

Gefundenes Fressen für Haifreunde

Gerade mal etwa 30 Minuten dauert es, bis der erste Weiße Hai dem Quartett begegnet. Zuvor gelang es mittels einer kleinen, bekannten Mobbing-Geschichte, zu den Hauptfiguren einigermaßen eine Verbindung aufzubauen, sodass man bei der nun anstehenden Jagd einigermaßen mitfiebern kann. Auch, wenn es schwer vorstellbar erscheint, dass die jungen Frauen so versiert mit den Tauchgerätschaften umgehen können, erweist es sich wie schon im Vorgänger als großer Vorteil, dass die im Londoner Studio entstandenen Unterwassersequenzen sehr authentisch aussehen. Aufgrund des trüben Wassers und des fehlenden Lichts müssen die computeranimierten Haie nicht so detailreich dargestellt werden, sie erfüllen dennoch voll und ganz ihren Zweck: Sie sollen den Protagonisten und dem Publikum gleichermaßen Angst einjagen – und die Tiere erweisen sich als echte Killer. Hier zeigt sich ein rares Talent von Johannes Roberts, welches anderen Regisseuren im Horrorgenre häufig abgeht: Obwohl er mit Jump-Scares arbeitet, verkommen sie in „47 Meters Down – Uncaged“ nicht zum billigen Mittel, um schnelle Schocks zu erzeugen, sondern funktionieren hier überraschend gut.

Ein abenteuerlicher Tauchgang beginnt

Ebenso entpuppt sich die labyrinthartige Maya-Begräbnisstätte als interessantes Jagdrevier. Wenn die Taucherinnen in den verwinkelten und engen Gängen panisch umherschwimmen, werden fast Erinnerungen an „The Descent – Abgrund des Grauens“ wach. Als mögliche Beute schwimmen vier Jungdarstellerinnen um ihr Leben. Von ihnen ist bislang nur Sophie Nélisse durch ihre Hauptrolle in „Die Bücherdiebin“ („The Book Thief“, 2013) einem größeren Publikum bekannt. Sylvester Stallones Tochter Sistine feiert mit „47 Meters Down – Uncaged“ ihr Filmdebüt. Da die meisten Szenen unter Wasser spielen und die Darstellerinnen fast nur ihre Taucherausrüstung tragen, bleibt hier wenig Raum für große schauspielerische Entfaltungsmöglichkeiten.

Mia hat in der Tiefe ein ungutes Gefühl

Regisseur Johannes Roberts versteht sein Handwerk, zieht gegen Ende noch einmal ordentlich die Spannungsschraube an, lässt allerdings dann zugunsten eines Over-the-Top-Finals die vorherrschende Ernsthaftigkeit der Geschichte fallen, was den Gesamteindruck etwas trübt. Dennoch ist „47 Meters Down – Uncaged“ für den schnellen Haihunger für zwischendurch auf jeden Fall ein gefundenes Fressen. Roberts bleibt dem Horrorgenre treu: Als Nächstes wird er dem „Resident Evil“-Franchise mit einem Serien-Reboot für Netflix neues Leben einhauchen.

Die Rettungsaktion geht schief

Veröffentlichung: 20. Februar 2020 als Blu-ray und DVD

Länge: 91 Min. (Blu-ray), 87 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Originaltitel: 47 Meters Down – Uncaged
GB/USA 2019
Regie: Johannes Roberts
Drehbuch: Ernest Riera, Johannes Roberts
Besetzung: Sophie Nélisse, Corinne Foxx, Brianne Tju, Sistine Rose Stallone, John Corbett, Nia Long, Brec Bassinger, Davi Santos, Khylin Rhambo
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Regisseur Johannes Roberts, Produzent James Harris und Autor Ernest Riera, Featurette: „Diving Deeper: Uncaging 47 Meters Down”, Trailer, Programmtipps
Label/Vertrieb: Concorde Home Entertainment

Copyright 2020 by Andreas Eckenfels

Szenenfotos, Packshot & Trailer: © 2020 Concorde Home Entertainment

 

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Horror für Halloween (XXIV): Luz – Experimentelles Debüt für alle Sinne

Luz

Von Andreas Eckenfels

Horrorthriller // Wie in Trance betritt die verletzte Taxifahrerin Luz (Luana Velis) eine heruntergekommene Polizeistation. Wortlos geht sie zu einem Getränkeautomaten, holt sich eine Dose heraus, öffnet sie und nimmt einen großen Schluck. Bevor die junge Frau von den Beamten Bertillon (Nadja Stübiger) und Olarte (Johannes Benecke) in den Verhörsaal gebeten wird, fängt sie an, Flüche in spanischer Sprache auszustoßen: „Lasst uns heute den Sohn der Maria ficken!“

Taxifahrerin Luz ist ohne Erinnerung

Am gleichen Abend lernt Polizeipsychologe Dr. Rossini (Jan Bluthardt) in einer Bar die geheimnisvolle Nora (Julia Riedler) kennen. Bei ein paar Drinks erzählt sie ihm von ihrer Freundin Luz, die gerade aus einem fahrenden Taxi gesprungen sei, und von ihrer Zeit auf einer chilenischen Klosterschule mit ihr. Die rebellische Mitschülerin habe dort Teufelsbeschwörungen ausgeübt. Während Dr. Rossini angetrunken der Geschichte lauscht, summt sein Piepser. Er soll zur Polizei kommen und bei der Befragung einer Frau helfen, die ohne Erinnerung ist. Bevor er die Bar verlässt, drückt Nora dem Arzt in der Toilette einen dämonischen Kuss auf die Lippen.

Diplomarbeit auf der Berlinale

Eigentlich war der Debütfilm von Tilman Singer „nur“ als Diplomprojekt von der Kunsthochschule für Medien Köln gedacht. Dazu gabs von der Abschlussfilmförderung der Film- und Medienstiftung NRW ein Budget von 18.500 Euro. Doch was danach folgte, hätte der 1988 in Leipzig geborene Regisseur samt seiner kleinen Cast und Crew wohl selbst nie zu träumen gewagt: „Luz“ wurde 2018 auf die Berlinale eingeladen und feierte dort in der Sektion „Perspektive deutsches Kino“ seine Weltpremiere. Es folgten zahlreiche internationale Festivalvorführungen, wo der Horrorthriller einem breiteren Publikum gezeigt werden konnte – das deutsche Fantasy Filmfest durfte natürlich auch nicht fehlen. Unter anderem konnte Singer in Austin, Brooklyn und Mailand Preise entgegennehmen. Schließlich erhielt das Erstlingswerk am 21. März 2019 auch einen Start in ausgewählten Kinos in Deutschland.

Sog in zeitlose Parallelwelt

Das besondere bei „Luz“ ist, dass er sofort einen unglaublichen, mysteriösen Sog entwickelt. Die Zuschauer werden in eine Art Parallelwelt eingesaugt, die völlig zeitlos erscheint, sei es durch die unterschiedlichen Kleidungsstile der Darsteller, durch die krisseligen 16-Milimeter-Cinemascope-Bilder oder der Einrichtung der Schauplätze. So wirkt allein schon der Eingangsbereich der Polizeiwache wie eine Flughafen-Wartehalle – und wenn man in der Toilettentür der Bar einen Hinweis in asiatischen Schriftzeichen hängen sieht, bleibt auch der Ort, an dem das Geschehen stattfindet, rätselhaft. Für Verwirrung sorgt auch immer wieder die Tonebene: Wenn Nora dem Therapeuten eine Frage stellt, hört man zunächst nur den Ton des Fernsehers der Bar „sprechen“ – und dies in Spanisch, bevor Dr. Rossini ganz normal antwortet. Ähnliches geschieht in der Verhörszene, wenn Olarte die Aussagen von Luz für seine Kollegen ins Deutsche übersetzt.

Dr. Rossini lernt in einer Bar die geheimnisvolle Nora kennen

Die Geschichte wird recht fragmentarisch präsentiert. Doch nach und nach setzt sie sich zu einem Ganzen zusammen: Im Grunde geht es nach meinem Verständnis um einen Dämon, der sich in seine Beschwörerin verliebt hat. Damals konnte Luz fliehen – nach Jahren treffen sie zufällig wieder aufeinander. Wie Singer berichtet, wollte er ursprünglich einen Film über einen Phantombild-Zeichner erzählen, er konnte aber keine ordentliche Geschichte finden. So kam er auf die für den Film zentrale Verhörszene im Polizeipräsidium, wo Dr. Rossini Hypnose als Verhörtechnik nutzt. Unter Hypnose tut man Dinge, die einem befohlen werden – als sei die Person eben von einem inneren Dämon besessen.

Theatralische Taxifahrt

Unter Hypnose erinnert sich Luz an die vergangene Taxifahrt. Rund um die junge Chilenin haben die Polizisten wie auf einer Theaterbühne mehrere Stühle platziert, an deren Front – sozusagen auf dem „Fahrersitz“ – Luz Platz genommen hat. Sie spielt die Szene nach, die sich wenige Stunden zuvor ereignet hat. Sie hupt, sie gibt Gas, faucht andere Verkehrsteilnehmer an, speit zum nicht vorhandenen Fenster hinaus, bis schließlich offenbar Nora bei ihr einsteigt. Gerade als man denkt, dieses theatralische Treiben ist nun mal kostenbedingt aus der Not geboren worden, gelingt Singer ein inszenatorischer Kniff: Nun wird völlig überraschend doch die gleiche Sequenz in einem Taxi gezeigt. Der filmische Rückblick, in dem die beiden Frauen erstmals wieder aufeinandertrafen, wird also doch noch gezeigt.

Teufelsbeschwörung in einer chilenischen Klosterschule

Dabei erkennt auch jeder Horrorfan gleich, welchen Klassiker Singer hier mit der roten Beleuchtung nachzuahmen versucht: Dario Argentos „Suspiria“. Wie er offen zugibt, sei es bei „Luz“ seine Herangehensweise gewesen, Einstellungen aus verschiedenen Filmen zu übernehmen, die dort seiner Ansicht nach sehr gut funktioniert haben, um in seinem Werk eine ähnliche Stimmung zu erzeugen. Das ist sicherlich auch der Grund, warum dem Zuschauer bei der Sichtung so viele Filme bekannter Meister in den Sinn kommen, von denen Singer inspiriert wurde: Von Argento und Fulci über Lynch und Żuławski bis hin zu Fassbinder – dies sind nur ein paar der Einflüsse, die sich erkennen lassen.

Sensuous Thriller

Gegen Ende fließen die erzählerischen Ebenen aus Gegenwart und Vergangenheit zunehmend surreal ineinander, der Nebel wird immer dichter und zusammen mit dem atmosphärischen Soundtrack und der Beleuchtung wird dieser mysteriöse kleine Horrorthriller zum audiovisuellen Erlebnis, der alle Sinne anspricht. Singer nennt dieses Genre selbst „Sensuous Thriller“.

Im Verhörraum spielt Luz unter Hypnose die Taxifahrt erneut durch

Wer sich vom experimentellen Charakter und von der teils absichtlich theatralischen Inszenierung und dem ebensolchen Spiel der Darsteller nicht abschrecken lässt, sollte Tilman Singers Debüt auf jeden Fall eine Chance geben. Die 70 sehr intensiven Minuten sind leider zu schnell vorbei. Alles ist noch lange nicht perfekt, aber man merkt, dass sich hier jemand wirklich Gedanken gemacht hat, um nicht einen weiteren 08/15-Horror zu erschaffen. Man darf gespannt sein, was Singer und sein Team mit einem größeren Budget in Zukunft auf die Beine stellen.

Mit zwei Kurzfilmen

Das Label Bildstörung hat „Luz“ als Nummer 34 seiner „Drop-Out“-Reihe auf DVD und Blu-ray veröffentlicht. Auf dem Cover prangt das FSK-16-Logo, der Film ist allerdings bereits ab 12 Jahren freigegeben. Wahrscheinlich sind die enthaltenen Trailer der Grund für die höhere Freigabe. Für Sammler gibt es auch wieder eine limitierte Edition inklusive der Filmmusik auf CD. Das Bonusmaterial bietet nicht nur ein ausführliches Making-of, bei dem die gesamte Cast und Crew zu Wort kommen, sondern auch zwei zuvor entstandene Kurzfilme von Tilman Singer.

Dr. Rossini leidet auf dem Rücksitz mit

Die Filme der „Drop Out“-Reihe von Bildstörung haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgeführt. Ein weiterer lesenswerter Text zu „Luz“ findet sich im Filmforum Bremen, und auch Evil Ed hat sich dem Film gewidmet.

Veröffentlichung: 27. September 2019 als auf 300 Exemplare limitierte Sonderedition (Blu-ray, DVD & Soundtrack-CD), Blu-ray und DVD

Länge: 70 Min. (Blu-ray), 68 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Luz
D 2018
Regie: Tilman Singer
Drehbuch: Tilman Singer
Besetzung: Luana Velis, Johannes Benecke, Jan Bluthardt, Lilli Lorenz, Julia Riedler, Nadja Stübiger
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Regisseur Tilman Singer & Produktionsdesigner Dario Méndez Acosta, Kurzfilm „The Events at Mr. Yamamoto’s Alpine Residence“ (2014, 9 Min.), Kurzfilm „El Fin del Mundo“ (2016, 16 Min.), Making-of-Featurette mit Interviews von Cast & Crew (60 Min.), Trailer, Booklet mit Drehbuchauszügen und einem Text von Ariel Esteban Cayer
Label: Bildstörung
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2019 by Andreas Eckenfels

Szenenfotos © KHM | MÉNDEZ | SINGER, Packshot & Trailer: © 2019 Bildstörung & Drop Out Cinema

 

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Die tödlichen Bienen – Mörderische Stachel

The Deadly Bees

Von Andreas Eckenfels

Horrorthriller // Nach dem Erfolg von Alfred Hitchcocks „Die Vögel“ (1963) setzten auch die britischen Amicus-Studios auf mörderische Schwärme aus dem Tierreich: „Die tödlichen Bienen“ gilt als erster Horrorfilm, in dem die heutzutage leider äußerst gefährdeten Insekten als Killer auftreten. Wicked-Vison Media hat das Werk von Freddie Francis („Die Todeskarten des Dr. Schreck“) erstmals europaweit auf Blu-ray und DVD im Mediabook und auch generell erstmals hierzulande als Heimkino-Premiere veröffentlicht – als „Limited Collector’s Edition #24“.

Popsängerin Vicki erholt sich auf Seagull Island

Während das Playback im Hintergrund weiterläuft, kollabiert Popsängerin Vicki Robbins (Suzanna Leigh) vor laufender Kamera. Nervenzusammenbruch, diagnostiziert der Arzt. Die letzten Wochen waren wohl zu viel Stress für die junge Frau. Deshalb soll sich Vicki auf Seagull Island ein paar Tage erholen. Sie kommt auf der Farm von Ralph Hargrove (Guy Doleman) und dessen Frau Mary (Catherine Finn) unter, die extra für ihren prominenten Gast die Wirtshaustochter Doris (Katy Wild) zur Unterstützung engagiert haben. Vicki erweist sich als frei von Starallüren und zeigt auch Interesse an Hargroves Bienenstock. Zudem freundet sie sich gleich mit Marys Hündin Tess an, streift mit der Vierbeinerin durch die Natur und trifft dabei auf den Nachbarn H. W. Manfred (Frank Finlay). Er besitzt ebenfalls einen Bienenstock, dessen Treiben er durch eine Glasscheibe sogar innerhalb seines Hauses beobachten kann. Die Ruhe wird gestört, als plötzlich ein Schwarm Bienen ihr tödliches Unwesen auf der Insel treibt. Bei ihren Nachforschungen gerät Vicki selbst in große Gefahr.

Von Elvis zu den Bienen

Wie Filmwissenschaftler Dr. Rolf Giesen in der Video-Einleitung erklärt, waren ursprünglich die Horrorveteranen Christopher Lee und Boris Karloff für die Hauptrollen vorgesehen. Doch diese Wunschkombination ließ sich aufgrund des geringen Budgets nicht realisieren. Schließlich engagierte man Suzanna Leigh als Protagonistin, die gerade mit dem Elvis-Presley-Musical „Südsee-Paradies“ (1966) ihren Durchbruch gefeiert hatte. So wurde das Drehbuch von „Psycho“-Autor Robert Bloch von Regisseur Francis und Anthony Marriott hastig umgeschrieben. An Leigh, die den Nachnamen ihres Künstlernamens von ihrer berühmten Patentante Vivien Leigh („Vom Winde verweht“) nutzte, liegt es nicht, dass der Bienen-Horror nie wirklich Fahrt aufnimmt. Sie erweist sich sogar als für die Zeit relativ unüblich kluge weibliche Hauptfigur, die sich, wie in der Badezimmerszene zu sehen, gegen die Killerbienen selbst zur Wehr setzen kann und nicht ständig vom männlichen Helden gerettet werden muss. Später war Leigh unter anderem in den Hammer-Produktionen „Bestien lauern vor Caracas“ (1968) und „Nur Vampire küssen blutig“ (1971) zu sehen.

Enttäuschende Effekte

Dass „Die tödlichen Bienen“ bei einigen Horrorfans dennoch nicht groß im Gedächtnis bleiben werden, liegt vor allem an den enttäuschenden Spezialeffekten: Die Bienenschwärme, die Jahreszeit-bedingt für die Produktion aus Australien nach England importiert werden mussten, wurden bei ihren Angriffen auf das zuvor gefilmte Material einfach lieblos einkopiert. Während sich das Opfer also im Hintergrund wild fuchtelnd gegen die Insekten zu verteidigen versucht und davonrennt, werden im Vordergrund haufenweise Bienen gezeigt, die über die Leinwand wie Schneegestöber herumwirbeln. Dazu ein verstärkendes Summen auf der Tonspur und ein paar aufgeklebte Plastikattrappen auf dem Körper des Schauspielers – fertig ist die recht lächerlich wirkende Attacke.

Ralph und Mary Hargrove haben einander nicht mehr viel zu sagen

Dabei hatte es doch ganz gut begonnen: Beim ersten menschlichen Opfer wurden zusätzlich Archivaufnahmen von Bienen eingefügt, die auf der Haut umherkrabbeln und wirklich zustechen. Hätte man mehr dieser Szenen in die folgenden Angriffe hinzugefügt, hätten diese auch wesentlich bedrohlicher, weil für den Zuschauer spürbar schmerzhafter, gewirkt. Denn wer schaut schon gern dabei zu, wie ein Bienenstachel im Fleisch stecken bleibt?

Die Honigfalle

Auch die Genrebezeichnung „Tierhorror“ erscheint nicht ganz passend, denn hier liegen die Bienenattacken nicht in einer „Rache der Natur“ begründet. Die Insekten werden vielmehr fremdgesteuert und nur vom Menschen als Mordinstrument eingesetzt – was aber auch an der Vorlage liegt: Der Film basiert auf dem Kriminalroman „A Taste for Honey“ (1941) von Henry F. Heard, erster Teil einer Trilogie um einen Detektiv namens Mr. Mycroft. Und so folgt auch „Die tödlichen Bienen“ eher dem Muster eines typischen Whodunit, bei der Sängerin Vicki als Ermittlerin fungiert und viele falsche Fährten gelegt werden – wobei die Auswahl der Verdächtigen bei der geringen Darstellerzahl doch recht klein ausfällt. Die Romanvorlage, die in Deutschland unter dem Titel „Die Honigfalle“ erschien, wurde schon 1955 in der ABC-Reihe „The Elgin Hour“ als „The Sting of Death“ fürs TV verfilmt. Ironischerweise spielte damals Boris Karloff die Hauptrolle.

Tödliche Bienenstiche

Die Frage bleibt hypothetisch, wie heftig „Die tödlichen Bienen“ gestochen hätten, wenn das Drehbuch von Bloch nicht umgeschrieben worden wäre. So bleibt der Film hinter seinen Erwartungen zurück, die der reißerische Titel unter Tierhorror-Fans schürt. Trotz genannter Ärgernisse und der Behäbigkeit der Inszenierung, kann der Horrorthriller aber dennoch durchaus unterhalten, was vor allem an den soliden Darstellerleistungen liegt. Für Amicus-Fans ist er sowieso Pflichtprogramm, weil sich das Studio hier auch mal außerhalb seiner bekannten Anthologie-Filme bewegte.

Vicki und Manfred nehmen die Bienen genauer unter die Lupe

Wer übrigens zu Beginn im Filmstudio genau hinschaut, kann einen zur damaligen Zeit noch nicht so bekannten Gaststar entdecken: Die Band, die vor Vicki auf der Bühne steht, heißt The Birds – an der Gitarre klimpert ein gewisser Ron Wood, der 1975 zu den Rolling Stones stoßen sollte. Im Bonusmaterial der wie üblich qualitativ hochwertigen Veröffentlichung von Wicked-Vision Media, begeistert besonders Suzanna Leigh (1945–2017) mit einem etwa 50-minütigen Interview, in dem sie mit sehr viel Witz ihre Karriere Revue passieren lässt. Zu den Dreharbeiten zu „Die tödlichen Bienen“ berichtet Leigh unter anderem, sie sei die einzige Person am Set gewesen, die nicht von Bienen gestochen wurde – nur weil sie die Insekten zu Drehbeginn freundlich begrüßt hatte. Also, seid nett zu Bienen!

Welchen Kleingetier-Horrorfilm könnt ihr empfehlen?

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Freddie Francis sind in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt.

Veröffentlichung: 29. März 2019 als 2-Disc Limited Collector’s Edition (Blu-ray & DVD) in drei limitierten Covervarianten (Cover A: 333 Exemplare, Cover B: 222 Exemplare, Cover C: 222 Exemplare)

Länge: 84 Min. (Blu-ray), 81 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: The Deadly Bees
GB 1966
Regie: Freddie Francis
Drehbuch: Robert Bloch, Anthony Marriott, nach dem Roman „A Taste for Honey“ von Henry Fitzgerald Heard
Besetzung: Suzanna Leigh, Frank Finlay, Guy Doleman, Catherine Finn, Katy Wild, Michael Ripper, John Harvey, Ron Wood
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Dr. Gerd Naumann und Dr. Rolf Giesen, „Hives of Horror“: Interview mit Produktionsmanager Ted Wallis und Requisiteur Peter Allchorne, „Monsterama“: Interview mit Suzanna Leigh, Bildergalerie, Originaltrailer, 24-seitiges Booklet mit einem Essay von Dr. Rolf Giesen
Label/Vertrieb: Wicked-Vision Media

Copyright 2019 by Andreas Eckenfels

Szenenfotos, Packshots & Trailer: © 2019 Wicked-Vision Media

 
 

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