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We Are the Flesh – Sexualisierter Endzeit-Fiebertraum

Tenemos la carne

Von Volker Schönenberger

Horrordrama // Als Herkunftsland von Horrorfilmen steht Mexiko nicht gerade im Fokus. „Wir sind was wir sind“ (2010) kommt in den Sinn, auch „Come Out and Play – Kinder des Todes“ (2012), Remake eines spanischen 70er-Jahre-Klassikers, und „Here Comes the Devil“ (2012), aber das war es dann auch schon fast. Guillermo del Toro ist Mexikaner, seine mexikanischen Horrorfilme „Cronos“ (1993) und „Das Rückgrat des Teufels“ (2001) liegen aber schon eine Weile zurück. Wer weitere empfehlen kann – für Tipps per Kommentar bin ich dankbar. Anders als in manch anderem Produktionsland zeichnen sich die mexikanischen Genrefilme durch eine weitgehend von Hollywood-Horror-Konventionen unbeeinflusste Bildsprache und Narration aus, das macht sie zu verstörenden filmischen Erfahrungen.

Der Einsiedler verlangt …

Das gilt auch und ganz besonders für „We Are the Flesh“ von Emiliano Rocha Minter, der damit sein Langfilmdebüt vorlegt – seine beiden Kurzfilme „Dentro“ und „Videohome“ sind im Bonusmaterial der Mediabook-Veröffentlichung zu finden. Zu Beginn sehen wir den vereinsamten Mariano (Noé Hernández), der einsam in einem verfallenden Gebäude sein Dasein fristet, undefinierbare Dinge zubereitet und sich kauzig gebärdet. Bald gesellen sich Fauna (María Evoli) und ihr Bruder Lucian (Diego Gamaliel) dazu, denen Mariano Unterschlupf gewährt. Eine nicht näher erläuterte Katastrophe hat den Ort – oder die Welt? – heimgesucht. Obwohl Mariano ganz offensichtlich ein sonderbarer Zeitgenosse ist, entscheiden sich die Geschwister, bei ihm zu bleiben. Die ungewöhnliche Schicksalsgemeinschaft wird seelisch und körperlich bald an die Grenzen ihrer Existenz und des Wahnsinns geführt.

… den Geschwistern einiges ab

„Ihr solltet ficken wie die wilden Tiere, anstatt nur blöde herumzualbern.“ Mit diesen Worten gibt Mariano den Geschwistern bald die Richtung vor. In der Folge kommt es zu einem explizit gezeigten Blowjob, Inzest, Masturbation inklusive Ejakulation und anderen sehr körperlichen Ergüssen, die bisweilen die Ekelgrenze überschreiten. Genitalien in Nahaufnahme. Auch vor Nekrophilie macht der Film nicht Halt. „Wie ein pornografischer Fiebertraum David Cronenbergs“, schrieb Spiegel Online anlässlich der Deutschlandpremiere von „We Are the Flesh“ beim Fantasy Filmfest 2016 – das ist nicht übertrieben, die Analogie trifft es gut. Auch Gaspar Noé („Irreversibel“, „Enter the Void“, „Love“) sei als Referenzname herangezogen. Minter gibt selbst offen zu, von dem experimentellen argentinischen Filmemacher beeinflusst zu sein.

Nahrungsbeschaffung

Mit herkömmlichen Erzählstrukturen hat das nichts gemein, mehr mit einem sexualisierten Fiebertraum, was die durchdachte Farbgebung unterstreicht. Viele Sequenzen sind in tristen Gelb- bis Beigetönen gehalten, ab und zu durchbricht Rot das Szenario. Auch Wärmebilder gibt es zu sehen. All das dürfte einen nicht geringen Teil des hartgesottenen Fantasy-Filmfest-Publikums zweifellos sehr irritiert haben.

Master of Ceremonies: Mariano

Wie ist das zu deuten? Schwierig, sehr schwierig. Obwohl sowohl das „Ave Maria“ als auch die mexikanische Nationalhymne dargeboten werden, vermochte ich weder einen politischen noch einen religiösen Kommentar zu erkennen. „We Are the Flesh“ konzentriert sich ganz auf die Körperlichkeit. Vielleicht kommt es tatsächlich nur darauf an: Wir sind das Fleisch. In all dem Unrat, der uns umgibt, bleiben wir doch immer Fleisch. Klägliche Versuche einer Interpretation. „We Are the Flesh“ entzieht sich jeder Schublade, das von mir vergebene Genre Horrordrama ist ein unbeholfener Versuch einer Einordnung. Dass die letzte Einstellung dann auch noch alles auf den Kopf stellt: geschenkt. Ein außergewöhnlicher, zu jedem Zeitpunkt verwirrender Endzeit-Trip für Freunde filmischen Neulands – weder kann ich davon abraten, noch ihn euch ans Herz legen. Es hilft nichts: Ihr müsst da schon selbst durch. Mehr Aufschluss bringt der Booklettext des makellosen Mediabooks von Wicked-Vision Media. Den solltet Ihr aber erst nach vollendeter Sichtung des Films lesen.

Halluzinierende Masturbation

Veröffentlichung: 25. November 2016 als limitiertes 2-Disc Mediabook (Blu-ray & DVD, Cover A: 444 Exemplare, Cover B: 333 Exemplare), 12. Dezember 2016 als Blu-ray und DVD

Länge: 81 Min. (Blu-ray), 77 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Spanisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Tenemos la carne
MEX/F 2016
Regie: Emiliano Rocha Minter
Drehbuch: Emiliano Rocha Minter
Besetzung: Noé Hernández, María Evoli, Diego Gamaliel, Gabino Rodríguez, María Cid
Zusatzmaterial Mediabook: Kurzfilm „Dentro“, Kurzfilm „Videohome“, Interviews mit Cast & Crew, Originaltrailer, deutscher Trailer, Bildergalerie, Trailershow
Zusatzmaterial Softcase-Editionen: Making-of
Label: donau film
Vertrieb: Wicked-Vision Media

Copyright 2017 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshots: © 2016 Wicked-Vision Media / donau film

 

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Moebius, die Lust, das Messer – Ein stummer Schrei

Moebius-Cover

Moebius

Von Volker Schönenberger

Familiendrama // Ein kontroverser Regisseur, der dorthin geht, wo es wehtut – das ist Kim Ki-duk. Die Filme des Koreaners sind verstörend und schwer zu greifen. Für „Pieta“ erhielt er diverse Preise, darunter den Goldenen Löwen der 2013er-Filmfestspiele von Venedig.

Auch „Moebius, die Lust, das Messer“ ist so ein Bastard von einem Film, der sich zwar grob als Familiendrama einordnen, aber letztlich kaum kategorisieren lässt. Obendrein wird kaum jemand nach der Sichtung sagen: „Ja, den kann man gut schauen, den gebe ich mir sicher mal wieder.“ Man stelle sich einen wunderbaren Wohlfühlfilm vor und dann das genaue Gegenteil – dann landet man womöglich immer noch nicht bei „Moebius …“. Kim Ki-duk drehte mit Handkamera und unter völligem Verzicht auf Dialoge. Zu hören sind lediglich Laute des Schmerzes und der Lust – vorzugsweise der schmerzhaften Lust. Ein sparsamer Score untermalt die unter die Haut gehenden Bilder.

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Die verstörte Mutter tut Verstörendes

Im Fokus der Handlung – so man von einer solchen sprechen will – stehen der Vater (Cho Jae-hyun), die Mutter (Lee Eun-woo) und der Sohn (Seo Young-ju). Ein verräterischer Anruf auf dem Handy des Vaters führt zu einem Ringkampf der Eltern vor den Augen des Sohns. Für den Fehltritt des Vaters muss der Sohn büßen – auf ebenso schmerzhafte wie demütigende Weise. Weitere Demütigungen sind die Folge. Gewalt, Sex, Inzest, Verführung und Vergewaltigung münden in einen fatalen Strudel, dem niemand entrinnen kann – nicht einmal der Zuschauer: Die Bilder des Films spuken lange im Kopf herum.

Wie würden Sigmund Freud und Carl Gustav Jung nach Sichtung des Films den Regisseur analysieren? Man weiß es nicht, aber sie würden Kim Ki-duk vermutlich zu einigen Sitzungen raten. Ein anderer Rezensent hat „Moebius, die Lust, das Messer“ als entspannt und komödiantisch ausgemacht. Dem kann ich mich nicht anschließen, aber das mag daran liegen, dass meine eigenen filmischen Grenzen zu eng gesteckt sind. Da schließe ich mich eher der Rezension von The Hollywood Reporter an, die das Aussitzen des Films eine Herausforderung nennt. Es handelt sich um herausragende Filmkunst, keine Frage. Ein unbeschwertes Sehvergnügen ist Kim Ki-duks 2013er-Regiearbeit aber wahrlich nicht, dafür ein schmerzhafter Trip ins Herz der Finsternis einer Familie, die mit dysfunktional noch wohlwollend beschrieben ist.

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Der Vater sieht keinen Ausweg

Veröffentlichung:
18. Februar 2013 als Blu-ray und DVD

Länge: 88 Min.
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: entfällt
Untertitel: entfällt
Originaltitel: Moebius
KOR 2013
Regie: Kim Ki-duk
Drehbuch: Kim Ki-duk
Besetzung: Cho Jae-hyun, Lee Eun-woo, Seo Young-ju
Zusatzmaterial: Trailer, Trailershow, Wendecover
Vertrieb: MFA+ FilmDistribution e.K.

Copyright 2014 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshot: © 2014 MFA+ FilmDistribution e.K.

 

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Ostia – Drehbuchschreiben als Therapie

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Ostia

Von Florian Schneider

Drama // Pier Paolo Pasolini ist bekannt dafür, den italienischen Neorealismus auf ganz eigene Weise fortgeführt, ihm eine poetische Note verliehen zu haben. Kein Wunder also, wenn Pasolinis guter Freund, Drehbuchautor und Regieassistent Sergio Citti in seinem Regiedebüt „Ostia“ ebenfalls eine Geschichte voll poetischem Realismus erzählt. Hinzu kommt noch, dass der Meister selbst am Drehbuch von „Ostia“ mitgeschrieben hatte.

Die Geschichte einer Dreierbeziehung zwischen einer Hure und einem inzestuös und homosexuell veranlagten Brüderpaar trägt auch stark autobiografische Züge des Regisseurs. Citti verarbeitet damit traumatische Erlebnisse seiner Kindheit und Jugend. Durch Pasolini ist überliefert, dass Citti den Film nach Fertigstellung des Drehbuchs gar nicht mehr drehen wollte – der therapeutische Effekt des Schreibens war für ihn völlig ausreichend. Zum Glück wurde der Film doch realisiert und ist nun in einer Neuveröffentlichung als achter Film der Koch-Media-Reihe „Masterpieces of Cinema“ auf DVD erschienen.

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Teufel und Engel in einer Person – die Hure Monica (Anita Sanders)

Zwar reicht „Ostia“ nicht ganz an die großen Meisterwerke Pasolinis heran, doch gelingt Citti ein wunderbarer Film voll ikonografisch aufgeladener Bilder und mit einem fokussierten Blick auf die Geschichte und ihre Protagonisten. Nicht nachzuvollziehen ist die von einigen Filmkritikern aufgestellte Behauptung, Citti sei ein naiver Regisseur, es fehle ihm an Wissen über das Handwerk des Filmemachens. Die Bilder sind kunstvoll komponiert und gleichzeitig von allem Nebensächlichen befreit.

Ostia ist ein Stadtteil von Rom und befindet sich an der Mündung des Tibers zum Mittelmeer. Ostia ist aber auch der Ort, an dem am 2. November 1975 die Leiche des ermordeten Pasolini gefunden wurde.

Die Filme der Koch-Media-Reihe „Masterpieces of Cinema“:

01. Die Nacht des Jägers (The Night of the Hunter, 1955)
02. Einsam sind die Tapferen (Lonely Are the Brave, 1962)
03. Der große Treck (The Big Trail, 1930)
04. Das grüne Zimmer (La chambre verte, 1978)
05. Leben und Sterben des Colonel Blimp (The Life and Death of Colonel Blimp, 1943)
06. Rumble Fish (Rumble Fish, 1983)
07. Fahrenheit 451 (Fahrenheit 451, 1966)
08. Ostia (Ostia, 1970)
09. Außergewöhnliche Geschichten (Histoires extraordinaires, 1968)
10. Im Zeichen des Bösen (Touch of Evil, 1958)
11. Duell in den Wolken (The Tarnished Angels, 1957)
12. Ein Engel an meiner Tafel (An Angel at My Table, 1990)
13. Die Glenn Miller Story (The Glenn Miller Story, 1954)
14. Wenn die Ketten brechen (Captain Lightfoot, 1955)
15. Wie herrlich eine Frau zu sein (La fortuna di essere donna, 1956)
16. Blackout – Anatomie einer Leidenschaft (Bad Timing, 1980)
17. Stromboli (Stromboli, terra di Dio, 1950)
18. Der Trost von Fremden (The Comfort of Strangers, 1990)
19. Wem die Stunde schlägt (For Whom the Bell Tolls, 1943)
20. Der Meister und Margarita (Il maestro e Margherita, 1972)
21. Die Stimme des Mondes (La voce della luna, 1990)

Veröffentlichung: 13. September 2013 als DVD

Länge: 96 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Italienisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Ostia
IT 1970
Regie: Sergio Citti
Drehbuch: Sergio Citti, Pier Paolo Pasolini
Besetzung: Laurent Terzieff, Franco Citti, Anita Sanders, Ninetto Davoli, Lamberto Maggiorani
Zusatzmaterial: Interview mit Filippo De Masi auf der Insel Ostia, Originaltrailer
Vertrieb: Koch Media

Copyright 2013 by Florian Schneider
Foto & Packshot: © 2013 Koch Media

 

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