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Danny Boyle (IV): T2 Trainspotting – Fast so wie damals

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T2 Trainspotting

Kinostart: 16. Februar 2017

Von Andreas Eckenfels

Drama // Choose Life. Ende der 90er-Jahre durfte es in keiner Studentenbude fehlen: ein weiß-orangenes „Trainspotting“-Plakat an der Wand. Ich selbst hatte mich nicht für das klassische Motiv der vier beziehungsweise fünf Hauptfiguren – wenn man Diane (Kelly Macdonald) mitzählt – in ihren Posen entschieden, sondern für ein Standbild der Szene, als Renton (Ewan MacGregor) aus der „dreckigsten Toilette Schottlands“ wieder auftaucht. Selbstredend lief auch der Soundtrack inklusive Iggy Pops „Lust for Life“ hoch und runter, nach durchzechter Nacht holte Lou Reeds „Perfect Day“ einen langsam wieder in den Alltag zurück. Keine Frage, Danny Boyle hat aus dem Roman von Irvine Welsh einen echten Kultfilm geschaffen, ein bitteres und dreckiges Porträt der britischen Jugend und der Generation X.

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Renton (l.) und Spud blicken über ihre Heimatstadt

21 Jahre nach „Trainspotting – Neue Helden“ ist nun doch noch die nicht mehr für möglich gehaltene Fortsetzung mit der kompletten Originalbesetzung entstanden. Danny Boyle fasste auf der Pressekonferenz während der Berlinale, wo „T2 Trainspotting“ im Wettbewerb außer Konkurrenz gezeigt wurde, die Gründe für die lange Wartezeit zusammen – schließlich war Welshs Nachfolgeroman „Porno“ bereits 2002 veröffentlicht worden. Nach vier gemeinsamen Filmen hatte es 2000 zwischen Boyle und MacGregor zum zeitwilligen Bruch geführt: Statt seinem Kumpel entschied sich der Regisseur, Leonardo DiCaprio für die Hauptrolle in „The Beach“ zu besetzen. John Hodge wurde zwar schon früh beauftragt, ein Drehbuch zu „Porno“ zu verfassen, welches aber niemanden wirklich zufriedenstellte. Wie Boyle erklärt, wurde das fertige Skript noch nicht mal an die Darsteller verschickt. So verging die Zeit. Erst 2014 reiften die Pläne, endlich das Sequel zu verwirklichen. „T2 Trainspotting“ greift dabei nur sehr minimal einige Aspekte von „Porno“ auf. Im Grunde ist es eine komplett eigenständige Handlung.

Rückkehr nach Edinburgh

20 Jahre nachdem Renton seine Freunde Sick Boy (Jonny Lee Miller), Spud (Ewen Bremner) und Begbie (Robert Carlyle) übers Ohr gehauen hat und mit einer Tasche voller Drogengeld nach Amsterdam geflüchtet ist, kehrt er nach Edinburgh zurück. Während sich die Innenstadt inzwischen für Touristen herausgeputzt hat, ist der Stadtteil Leith, in dem er aufgewachsen ist, noch immer vergammelt wie und je. Auch sonst hat sich kaum etwas verändert: Spud hängt nach wie vor an der Nadel; Sick Boy führt eine Kneipe und versucht mit der Hilfe seiner bulgarischen Freundin Veronika (Anjela Nedyalkova), zahlungskräftige Ehemänner mit Sexfotos zu erpressen.

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Anstoßen auf die alten Zeiten

Nachdem die Freunde die Friedenspfeife geraucht haben, eröffnet der geschäftstüchtige Sick Boy, dass er seine Kneipe in ein Bordell umfunktionieren will. Mit ein paar kleinen Gaunereien besorgen er und Renton das nötige Startkapital. Während die Umbauarbeiten beginnen, gelingt Begbie die Flucht aus dem Knast. Der alkoholsüchtige Schläger ist auf Renton überhaupt nicht gut zu sprechen und macht sich auf die Jagd nach seinem alten Freund.

Schwelgen in alten Zeiten

„You are a tourist in your own youth“, sagt Sick Boy einmal zu Renton. „What other moments will you be revisting?“. Ja, die Nostalgiewelle schäumt in „T2 Trainspotting“ schon fast über. Das funktioniert, wenn wir die Freunde als Kinder sehen und durch kleine Ausschnitte, die wir noch nicht kannten, mehr aus ihrem Leben erfahren. Auch durch die Musik und einige Szenen werden Erinnerungen an die großen Momente des ersten Teils wachgerufen.

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Nicht alle Gaunereien von Renton und Sick Boy sind von Erfolg gekrönt

Doch dieses Schwelgen in alten Zeiten geht sogar so weit, dass ganze Passagen aus dem Vorgänger erneut gezeigt werden. Boyle traut den Zuschauern etwas zu wenig zu. Dabei dürften die Bilder aus „Trainspotting“ im kollektiven Gedächtnis der Filmfans doch fest verankert sein. Ärgerlich ist es auch, wenn Renton der jungen Veronika die Bedeutung seines legendären „Choose Life“-Monologs haarklein erklärt. Immerhin überträgt er diese für sie auf die heutige, von sozialen Netzwerken und Medien geprägte Generation. Es bleibt einer der wenigen Bezüge zur Gegenwart. Die Figuren leben ansonsten in der Vergangenheit und müssen gleichzeitig damit klarkommen, dass sie Mitte 40 sind, aber keine Ahnung haben, was sie mit dem Rest ihres Lebens anfangen sollen. Das ist das eigentlich spannende Thema in „T2 Trainspotting“.

Irrwitzige Situationen

Die Fortsetzung wäre nach all den Jahren nicht zwingend nötig gewesen und kann dem Vorgänger auch nicht das Wasser reichen. Dennoch schauen wir beim Wiedersehen sehr gern zu. Visuell fällt Boyle wieder einiges ein, auch der Soundtrack stimmt. Die Figuren versprühen dank ihrer Darsteller noch immer die gleiche Energie. Renton und Sick Boy geraten immer wieder in irrwitzige Situationen, der schlaksige Spud scheint das Pech noch immer gepachtet zu haben – bis er seine poetische Ader entdeckt. Begbie schließlich ist noch immer der furcheinflößende Hypochonder, dem jederzeit die Sicherungen durchbrennen können. Renton muss nach einer erneut denkwürdigen Toilettenszene um sein Leben rennen und wird dabei fast von einem Auto angefahren, was er schweratmend mit seinem bekannten grinsenden Blick in die Windschutzscheibe quittiert – fast so wie damals.

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Lebensgefahr: Begbie (r.) entdeckt Renton

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Danny Boyle sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Robert Carlyle und Ewan McGregor in der Rubrik Schauspieler.

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Die Gang ist wieder vereint

Länge: 117 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: T2 Trainspotting
GB 2017
Regie: Danny Boyle
Drehbuch: John Hodge, Irvine Welsh
Besetzung: Ewan McGregor, Ewen Bremner, Jonny Lee Miller, Robert Carlyle, Anjela Nedyalkova, Kelly Macdonald, Gordon Kennedy, James Cosmo, Steven Robertson
Verleih: Sony Pictures Germany

Copyright 2017 by Andreas Eckenfels

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2017 Sony Pictures Germany

 

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Drecksau

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Filth

Kinostart: 17. Oktober 2013

Von Volker Schönenberger

Psychodrama // Gleich mit seinem Debütroman „Trainspotting“ wurde der Schotte Irvine Welsh zum Bestsellerautor und Enfant terrible der Literaturszene. Die Verfilmung des Buchs entwickelte sich gar zum Kultfilm (dieses inflationär verwendete Attribut ist in diesem Fall angebracht). Seine in der Regel in Edinburgh angesiedelten Werke handeln von Drogenkonsum, Gewalt und Kriminalität, so auch „Drecksau“, dessen Verfilmung nun ins Kino kommt.

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Auf der Weihnachtsfeier gibt Bruce den großen Zampano

Detective Sergeant Bruce Robertson (James McAvoy) ist ein korrupter und intriganter Mistkerl – eine Kokain schnupfende und misanthropische Drecksau. Die offene Position des Detective Inspector will er unbedingt ergattern, damit seine Frau zu ihm zurückkehrt. Also hetzt er die Kollegen gegeneinander auf, schmäht den einen hinter dessen Rücken als schwul, vögelt die Frau des anderen, obwohl er sie verachtet und auch so behandelt. Den jüngsten Mordfall darf Robertson immerhin schon mal kommissarisch als leitender Ermittler bearbeiten. Seine Ausfälle nehmen allerdings überhand, nach und nach wird sein Verhalten immer wahnwitziger.

„Die Hauptrolle musste mit einem Allroundtalent besetzt werden, weil sie einem Schauspieler alle Extreme zwischen Komödie, Tragödie, Gewalt, Sex und Wahnsinn abverlangen würde. Wer auch immer den Part bekommen sollte, er würde den ganzen Einsatz zeigen müssen. Denn Bruce Robertson taucht in jeder Szene auf.“ So äußert sich Regisseur John S. Baird im Presseheft zum Film. Er berichtet auch von seiner Annahme, James McAvoy sei wohlbehütet in bürgerlichen Verhältnissen aufgewachsen, bis dieser ihm beim ersten Treffen erzählt habe, dass das gar nicht der Fall gewesen ist. Tatsächlich ist McAvoy in einfachen Verhältnissen in Glasgow aufgewachsen.

Jedenfalls äußert Baird, McAvoy sei für ihn der perfekte Bruce Robertson. Nun mag das keine überraschende Aussage eines Regisseurs sein, der seinen Film vermarkten will, schon gar nicht in einem Presseheft, das letztlich nichts weiter ist als ein PR-Produkt. Es sei auch eingestanden, dass James McAvoy dem Rezensenten anfangs in erster Linie in den schauspielerisch eher anspruchslosen „Die Chroniken von Narnia – Der König von Narnia“ und „Wanted“ aufgefallen ist. Aber „Der letzte König von Schottland“, „X-Men – Erste Entscheidung“ und jüngst „Trance – Gefährliche Erinnerung“ offenbarten vielseitige Qualitäten, die der 1979 geborene Schotte nun als „Drecksau“ voll ausspielt. Seine beeindruckende Darstellung trägt den Film, obwohl auch die Nebenrollen gut besetzt und gespielt sind, u. a. mit Jamie Bell („King Kong“), Eddie Marsan („The World’s End“), Imogen Poots („28 Weeks Later“) und Oscar-Preisträger Jim Broadbent („Iris“).

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Bladesey (l.) und Bruce machen den Hamburger Kiez unsicher

„Drecksau“ ist ein schmutziger Trip ins finstere Herz einer kranken Seele und Schauspielerkino par excellence. Es gibt leise Momente der Hoffnung, etwa mit der Witwe eines Mannes, dem Robertson vergeblich das Leben zu retten versucht hat, doch sie halten nicht lange vor. Mit solchen Rollen kann sich McAvoy in Gefilde begeben, in denen man wichtige Filmpreise gewinnt.

Länge: 97 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Filth
GB 2013
Regie: John S. Baird
Drehbuch: John S. Baird, nach einem Roman von Irvine Welsh
Besetzung: James McAvoy, Jamie Bell, Imogen Poots, Jim Broadbent, David Soul, Eddie Marsan
Verleih: Ascot Elite / 24 Bilder

Copyright 2013 by Volker Schönenberger
Filmplakat & Fotos: © 2013 Ascot Elite / 24 Bilder

 

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