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Greta – Wer nett ist, verliert?

Greta

Kinostart: 16. Mai 2019

Von Philipp Ludwig

Thriller // Wer wie ich aus eher ländlichen Gefilden stammt, dem wird gern eine gewisse Grund-Naivität nachgesagt – nach dem Motto „treudoof stolpern wir durch die Welt“. Dabei sind wir in der Regel einfach nur außerordentlich nett und zuvorkommend. Kommt man im Lauf seines Lebens zunehmend mit größeren Städten in Berührung, so hält dies für uns Landeier stets immer ein erhöhtes Überraschungspotenzial parat. Nicht allzu selten scheint in diesen leider das Recht des Stärkeren zu herrschen und man sollte mitunter auch mal ordentlich die Ellenbogen auspacken können. Mir persönlich reicht Hamburg da schon voll und ganz und das Leben mit den häufig recht rücksichtslosen Menschen hier bringt mich gelegentlich nah an den Rand eines Nervenzusammenbruchs.

„This city will eat you alive!“

Gleiches gilt wohl auch für die junge Studentin Frances McCullen (Chloë Grace Moretz, „Die 5. Welle“), die vor Kurzem erst in die Millionen-Metropole New York gezogen ist. Wobei hier zur Symbolisierung ihrer provinziellen Herkunft interessanterweise eine Großstadt wie Boston herhalten muss, aber in den USA sind die Dimensionen diesbezüglich wohl etwas anders ausgeprägt. Zusammen mit ihrer besten Freundin Erica Penn (Maika Monroe, „Independence Day – Wiederkehr“) teilt sie sich ein erstaunlich komfortables Loft. Um sich das Leben im Big Apple leisten zu können, muss sie sich für einen Großteil ihrer freien Zeit als Kellnerin in einem Sternerestaurant verdingen. Viel Zeit für weitere soziale Kontakte bleibt der schüchternen Frances daher kaum. Erschwerend hinzu kommt, das sie den kürzlichen Tod ihrer geliebten Mutter verkraften muss. Auch der extrovertierten Erica gelingt es nicht, ihre Freundin aus dem Schneckenhaus zu locken, in das sich diese verstärkt zurückzuziehen scheint.

Traurig in New York City: Die introvertierte Studentin Frances fühlt sich verloren in der großen Stadt

Als Frances eines Tages eine vergessene Handtasche in der U-Bahn bemerkt, ändert sich alles. Den nachdrücklichen Warnungen ihrer Freundin Erica zum Trotz macht sich die gute Seele auf, die Tasche ihrer rechtmäßigen Besitzerin zurückzugeben. Diese stellt sich als die Klavierlehrerin Greta Hideg (Isabelle Huppert, „Elle“) heraus. Die französischstämmige und kultivierte ältere Dame wohnt einsam und zurückgezogenen in ihrem gemütlichen kleinen Häuschen in einem New Yorker Hinterhof. Nachdem ihre Tochter vor einiger Zeit zum Studieren nach Paris gegangen ist, sehnt sich Greta nach einer liebevollen Beziehung, so wie Frances dies nach dem Verlust ihrer Mutter ebenfalls tut. Die beiden einsamen Seelen finden daher schnell zueinander, eine innige Freundschaft scheint zu entstehen. Doch bald muss Frances feststellen, dass ihr Handtaschenfund weniger zufällig war als zunächst angenommen und dass sich hinter der unscheinbaren, netten Dame Greta weit mehr verbirgt. Diese lässt sich auch nicht so schnell wieder abwimmeln, wenn man ihr erst einmal die Tür ins eigene Leben geöffnet hat.

Der Fund einer damenlosen Handtasche wird Frances’ Leben nachhaltig verändern

Das der irische Regisseur Neil Jordan etwas vom Fach versteht, hat der Oscar-Gewinner (bestes Drehbuch für „The Crying Game“, 1992) hinlänglich bewiesen. Allerdings liegen die öffentlich beachteten Erfolge des mittlerweile fast 70-jährigen Filmemachers nun auch schon eine ganze Weile zurück – siehe beispielsweise auch „Interview mit einem Vampir“ (1994) und „Michael Collins“ (1996). Mit „Greta“ setzt er sich nun nach siebenjähriger Unterbrechung erstmalig wieder auf den Regiestuhl einer Filmproduktion. Und man merkt diesem Werk durchaus an, dass Jordan ein überzeugter Vertreter der alten Schule geblieben ist. Dies muss ja nun nicht zwingend ein Nachteil sein – ganz im Gegenteil –, in Bezug auf seinen Thriller um eine durchgeknallte Stalkerin im beginnenden Seniorenalter erweist es sich allerdings leider als nur bedingt förderlich.

Kaum Innovation im Thriller-Genre

So bekommen wir mit „Greta“ einen zumindest halbwegs soliden Thriller geboten, der sich etlicher etablierter Formen aus dem Genrebaukasten bedient: Mit Frances etwa einer klassischen, naiv gutherzigen wie hübschen jungen „Damsel in Distress“, in deren Alltag sich sukzessive das Grauen einschleicht, bis es zur unausweichlichen Katastrophe kommt. Ebenso vertraut Jordan auf klassische dramaturgische Inszenierungsstrategien des Suspense, indem er uns als Zuschauer stets etwas mehr wissen lässt als die bedauernswert ahnungslose junge Studentin. Wir bemerken dadurch relativ früh, dass hinter der Fassade der netten, einsamen Greta mehr lauert, und müssen fortan hilflos zusehen, wie sich unsere junge Protagonistin zunehmend in die Misere bewegt.

Wie Mutter und Tochter? Frances (l.) freundet sich mit der einsamen Greta an

Jordans neuestes Werk hat durch diese beinahe schon sklavische Bedienung der Genrekonventionen jedoch ein Problem: Es fehlt nahezu komplett an Einfallsreichtum und nachhaltigen Überraschungen. Ist der Film filmtechnisch-handwerklich zwar durchweg top, so bleiben beinahe jede charakterliche Figurenentwicklung, überraschende dramaturgische Wendung und jeder vermeintliche Schockmoment für mit dem Genre vertraute Zuschauer komplett vorhersehbar. Bei mir blieb im Nachhinein tatsächlich nur eine einzige, längere Sequenz in Erinnerung, bei der mich der Regisseur wirklich einmal überraschen und nachdrücklich begeistern konnte. Da diese ziemlich entscheidend für die Geschichte ist, verrate ich lieber nicht, worum es geht. Aber hier ist „Greta“ tatsächlich mal sowohl handwerklich als auch inszenatorisch interessant gemacht und weiß mit einem Twist ausnahmsweise zu überraschen.

Suspension of Disbelief?

Auch mit der Logik nimmt es der irische Regisseur, der zusammen mit Ray Wright auch am Drehbuch mitgewirkt hat, in seinem Plot nicht immer allzu genau. So lassen einen die Handlungen der einzelnen Figuren häufig recht ratlos zurück, manche Verhaltensweisen dienen mit ihrer mitunter schieren Dummheit wohl einzig dem Spannungsaufbau. Ein beliebtes Stilmittel etwa auch im Horrorgenre, um Spannung in erster Linie durch nicht nachvollziehbare Handlungen der einzelnen Protagonisten zu erzeugen. Da will ich gar nicht weiter ins Detail gehen. Wer sich den Film anschaut, wird erkennen, was ich meine – es ist einfach zu offensichtlich. Kleiner Tipp: Achtet mal auf die Handlungen von Frances’ Vater (Colm Feore) und des von diesem engagierten Privatdetektivs (Stephen Rea)!

Die Theorie vom „Suspension of Disbelief“ besagt jedoch, das Zuschauerinnen und Zuschauer durchaus dazu bereit sein können, über fehlende Logik in fiktionalen Werken wohlwollend hinwegzusehen und sich auf das Gezeigte emotional einzulassen. Viele Science-Fiction-, Horror- und Fantasyfilme wären anders wohl kaum vorstellbar. Ob diese stille Übereinkunft zwischen Rezipienten und einem Werk allerdings auch bei einem maximal als mittelmäßig einzustufenden Film wie „Greta“ Früchte trägt, wage ich dagegen zu bezweifeln.

Erica stößt mit ihren Warnungen bei ihrer besten Freundin und Mitbewohnerin auf taube Ohren

Das „Greta“, trotz der Überraschungsarmut sowie der oft fehlenden logischen Nachvollziehbarkeit, wenigstens im grauen cineastischen Mittelmaß anzusiedeln sein wird, verdankt der Film vor allem der tollen Besetzung seiner beiden Hauptfiguren. Die französische Schauspielerin Isabelle Huppert absolviert hier auf ihre alten Tage noch einmal einen ihrer seltenen Ausflüge in amerikanische Spielfilme. Ist ihr Charakter der Greta zwar im Großen und Ganzen dann doch ziemlich überzeichnet, so gelingt es der Thriller-erfahrenen Darstellerin dennoch auf beeindruckende Weise, deren emotionalen Facettenreichtum auf die Leinwand zu bringen – von der zunächst freundlichen Klavierlehrerin, der wir aufgrund ihres kultivierten Wesens und der traurigen Einsamkeit zunächst unsere Sympathien entgegenbringen bis hin zur kaltblütigen und durchgeknallten Psychopathin, die sie eigentlich darstellt.

Gar nicht mal so nett: Greta

Chloë Grace Moretz ist wie gewohnt eine Wucht. Die junge amerikanische Schauspielerin hat mit ihren gerade einmal 22 Jahren bereits eine beachtliche Filmografie vorzuweisen. Sie beweist auch mit „Greta“ ihren ausgeprägten Hang zu Rollen in emotional wenig erbaulichen Filmen, wie sie seit ihrem Durchbruch als 12-jähriges „Hit-Girl“ im Superhelden-Action-Splatter-Spektakel „Kick-Ass“ wiederholt bewiesen hat. Ob Action, Horor oder Thriller – Filme mit Hang zum Dramatischen scheinen auf jeden Fall ihr Ding zu sein. Auch wenn ihre Figur der Frances in „Greta“ schon arg viel durchmachen muss und nur wenig Gelegenheit bekommt, sich auch mal ohne fremde Hilfe zu behaupten, so macht Moretz schauspielerisch das Beste aus ihrer vom Drehbuch ziemlich devot angelegten Rolle.

Filme, die die Welt nicht braucht?

Das soll nun alles aber auch nicht so harsch klingen, wie es vielleicht den Eindruck macht. Aber mit „Greta“ liefert Regisseur Jordan einen Thriller ganz nach Schema F, an dem zumindest handwerklich wenig auszusetzen ist, der durch seine Überraschungsarmut und fehlendem Einfallsreichtum jedoch weder sonderlich spannend ist, noch groß zu schockieren oder gar zu überraschen vermag – mit geringfügigen Ausnahmen. Dessen Überzeichnung einzelner Figuren und mitunter gewaltige Logiklöcher werden gerade bei einem anspruchsvollen Publikum nur wenig Begeisterungsstürme entfachen. Ein höchst durchschnittlicher, beinahe schon belangloser Film also, der es wohl nur der populären Besetzung seiner beiden Hauptrollen zu verdanken hat, überhaupt ein größeres öffentliches Interesse zu rechtfertigen.

Dass darüber hinaus auch das interessante und wichtige Thema des Stalkings nur als spannungserzeugender Aufhänger für die Story dient, sei nur am Rande erwähnt. Ich werde zumindest auch weiterhin versuchen, so freundlich wie möglich zu sein. Lasst euch nach der Sichtung von „Greta“ auch weiterhin nicht davon abhalten, verlorene Gegenstände an ihre Besitzer zurückzugeben! Nur wenn es sich dabei um ältere, frankophile Klavierlehrerinnen handelt, empfehle ich ausdrücklich, lieber Abstand zu halten oder am besten direkt Reißaus zu nehmen. Gleiches gilt aber im Prinzip auch für den Thriller „Greta“. Kann man sich diesen zwar durchaus mal anschauen, ohne komplett etwas falsch zu machen, so können mit den knapp 100 Minuten Lebenszeit bestimmt auch sinnvollere Dinge angestellt werden. Socken bügeln zum Beispiel. Ihr würdet es nicht bereuen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Neil Jordan sind in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt, Filme mit Chloë Grace Moretz unter Schauspielerinnen.

Was hat Greta (l.) mit Frances vor?

Länge: 98 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Greta
IRL/USA 2018
Regie: Neil Jordan
Drehbuch: Ray Wright, Neil Jordan
Darsteller: Isabelle Huppert, Chloë Grace Moretz, Maika Monroe, Colm Feore, Stephen Rea, Jane Perry, Jeff Hiller, Thaddeus Daniels, Raven Dauda
Verleih: capelight pictures

Copyright 2019 by Philipp Ludwig


Filmplakat, Szenenfotos & Trailer: © 2018 capelight pictures. All rights reserved.

 

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Michael Cimino (III): Heaven’s Gate – Das Tor zum Himmel: What One Loves About Life Are the Things that Fade

Heaven’s Gate

Von Simon Kyprianou

Western // Am Anfang wird ausgelassen getanzt, viel getrunken und es werden idealistische Reden gehalten, wenn James Averill (Kris Kristofferson) und Billy Irvine (John Hurt) 1870 ihren Abschluss in Harvard machen. Ein Schnitt und zwanzig Jahre später, 1890, ist in ihnen nicht mehr viel vom jugendlichen Idealismus geblieben. Averill ist Sheriff von Johnson County in Wyoming, Irvine Mitglied der großen Ranchervereinigung Wyoming Stock Growers, die einen Krieg gegen die polnischen Einwanderer führt, die dort eine neue Heimat gefunden haben. Auf der Seite der Rinderbarone steht der Killer Nathan (Christopher Walken).

Averill hat als Sheriff alle Hände voll mit den Viehzüchtern zu tun

Cimino erzählt im Kern seines großen, langen, durchaus auch ausufernden Films ganz intim über eine ergreifende Dreiecks-Liebesgeschichte: Sowohl Averill als auch Nathan sind in die Bordell-Besitzerin Ella (Isabelle Huppert) verliebt. Averill bleibt, und das obwohl er die zentrale Figur ist, stets verschlossen und unerreichbar, Cimino kann ihm nicht nahekommen wie er den anderen Figuren nahekommt, und auch Ella kann nicht zu ihm durchdringen, so wie er nicht fähig ist, seine Gefühle für sie in Worte zu formen. Auf der anderen Seite steht Nathan, eine der vielen unerträglich ambivalenten Figuren in Ciminos Filmen, zärtlich in seiner Liebe zu Ella und kaltblütig als Mörder für die Viehzüchter. Und diese innere Erschütterung spielt Walken auch immer mit, da schwingt immer eine Unsicherheit bei ihm mit, eine Traurigkeit.

Die Liebe in Zeiten des Klassenkampfs

Die ganze Gigantomanie, die beeindruckenden Sets, durch die Vilmos Zsigmonds wunderbare Kamera schwebt, die detailversessne Ausstattung, all das ist zweitrangig, es bildet den Rahmen für Cimino, der darin seine Liebesgeschichte erzählt. Und diese Liebesgeschichte verzweigt Cimino mit seiner Erzählung über den Klassenkampf, sodass man ihre Zusammengehörigkeit begreift, die Versuche der Liebe und das tödliche Voranschreiten des amerikanischen Kapitalismus: „It’s getting dangerous to be poor these days.“

Er ist in Ella verliebt, die ein gut laufendes Bordell betreibt

In eben jenem Klassenkampf – den die Einwanderer natürlich verlieren – liegt das Scheitern einer ganzen Nation, das Cimino nur beobachten kann, immer auf Distanz zu den Mächtigen, immer hilflos wirkend. Es ist genau das Scheitern, das er am Anfang schon in diesem harten Schnitt ankündigt, von den tanzenden Studenten, zu desillusionierten, schweigenden, betrunken torkelnden Männern, die auch nur hilflos dabeistehen, während um sie herum das Projekt Zivilisation in sich zusammenfällt.

Porträt des Scheiterns Amerikas

Das mag auch der Grund sein, warum „Heaven’s Gate“ so groß gescheitert ist wie vielleicht kein Film jemals davor und danach, weil er so groß und ausführlich das Scheitern von Amerika porträtiert, das am Ende des Films ja auch selbst das titelgebende Himmelstor erreicht, weiterbestehen tut nur ein Schatten der einstigen Ideale, für immer entstellt durch die Verbrechen der Herrschenden und die zerstörte Liebe. Hier erweist sich Cimino wieder als Chronist der Vereinigten Staaten, von der Entstehung in „Heaven’s Gate“ bis hin zum Vietnamkrieg in „Die durch die Hölle gehen“ und dessen gesellschaftliche Nachbeben in „Die Letzten beißen die Hunde“ und „Im Jahr des Drachen“.

Auch Killer Nathan ist in Ella verliebt, steht aber auf der Seite der Viehzüchter

Sicherlich war dieses wunderbar wahnsinnige Projekt nur möglich, weil Cimino zuvor mit „Die durch die Hölle gehen“ einen so großen Erfolg hatte und daher auch einen Vertrauensvorschuss des Studios bekam. Diese Produktion, mit verlängerter Drehzeit, hohen Mehrkosten, Gerüchten, Cimino sei am Set verrückt geworden, und schließlich den hohen Verlusten an den Kinokassen – auch wenn das Gerücht, „Heaven’s Gate“ habe ein ganzes Studio in den Ruin getrieben nicht stimmt – endet auch eine Ära. „Heaven’s Gate“ markiert vielleicht den endgültigen Schlusspunkt des New Hollywood und für lange Zeit auch einen Schlusspunkt für das Westerngenre.

Mediabook mit Director’s Cut und Kinofassung

Im Mediabook von capelight pictures erscheint der Film endlich auch hierzulande in allen Ausführungen in hervorragender Bildqualität, im 219-minütigen Director’s Cut und in der stark verkürzten amerikanischen Kinofassung, die nur 154 Minuten läuft und deutsch untertitelt vorliegt. Letztgenannte ist aber ebenfalls unter der Leitung Ciminos entstanden und ebenfalls gelungen, hier findet Cimino zu einem etwas dynamischeren Erzählrhythmus. Ich habe für die Rezension die kurze Fassung geschaut, kannte die Langfassung aber ebenfalls und möchte nicht zwischen den Fassungen urteilen, sie haben beide ihre Vorzüge. Ebenfalls enthalten sind viele Extras, darunter ein sehr interessantes Interview mit Kameramann Vilmos Zsigmond.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Michael Cimino sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Jeff Bridges, Joseph Cotten, Willem Dafoe (in seinem Debüt – wer entdeckt ihn?) und Christopher Walken in der Rubrik Schauspieler.

Mit denen kommt es zum blutigen Kampf

Veröffentlichung: 23. März 2018 als 3-Disc Limited Collector’s Edition Mediabook (2 Blu-rays & DVD) und DVD, 8. Januar 2007 als DVD (Twentieth Century Fox Home Entertainment), 23. August 2001 als DVD (MGM)

Länge: 221 Min. (Blu-ray), 154 Min. (Blu-ray, Kinofassung Recut), 210 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Heaven’s Gate
USA 1980
Regie: Michael Cimino
Drehbuch: Michael Cimino
Besetzung: Kris Kristofferson, Christopher Walken, Isabelle Huppert, Jeff Bridges, John Hurt, Sam Waterston, Brad Dourif, Joseph Cotten, Ronnie Hawkins, Paul Koslo, Geoffrey Lewis, Richard Masur, Willem Dafoe
Zusatzmaterial Mediabook: US-Kinofassung (Recut, OmU), „True Gate“ (Interview mit Jeff Bridges), „Painting Johnson County“ (Interview mit Vilmos Zsigmond), Audiokommentar, Featurette „Die Filmrestauration“, Trailer, 24-seitiges Booklet
Label: capelight pictures
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2018 by Simon Kyprianou
Fotos & Packshot: © 2018 capelight pictures /Al!ve AG

 

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Elle – Oh …

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Elle

Kinostart: 16. Februar 2016

Von Simon Kyprianou

Drama // Nach jahrelanger Regieabstinenz – sein letzter Kinofilm „Black Book“ liegt zehn Jahre zurück – hat sich Paul Verhoeven in Cannes 2016 mit „Elle“ furios zurückgemeldet: Schon im Vorspann hören wir aus dem Off Schreie einer Frau, danach sehen wir, wie Michèle (Isabelle Huppert) von einem maskierten Mann vergewaltigt wird. Als sie benommen von der Vergewaltigung wieder aufwacht, nimmt sie erst einmal ein Bad. Der Badeschaum färbt sich rot, Michèle wischt ihn einfach weg, steigt aus der Badewanne, bestellt sich Essen beim Lieferdienst, geht schlafen und ist am nächsten Tag pünktlich bei der Arbeit. Beim gemeinsamen Abendessen erzählt sie ihren Freunden von der Vergewaltigung als sei es eine Nebensache, über die man gar nicht zu sprechen brauche. Der Vergewaltiger aber kann nicht von Michèle ablassen und so beginnt sie, in ihrem Umfeld nach ihm zu suchen.

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Michèle ist eine erfolgreiche Geschäftsfrau

Verhoevens Film strebt nach Uneindeutigkeit, und widersetzt sich jeder Vereinfachung seiner Thematik. Er bietet keine moralischen Sicherheitszonen, in denen es sich der Zuschauer bequem einrichten kann, die Figuren bleiben widerständig gegenüber Einordnungen und Betrachtungen. Michèle wird vergewaltigt und weigert sich, ein Opfer zu sein, weigert sich, traumatisiert zu sein – darin liegt die Provokation des Films. Es ist die Verweigerung, ein Trauma zuzulassen, die Weigerung, die Vergewaltigung als lebenszerstörenden Akt zu akzeptieren, die Hupperts Charakter zu Filmbeginn ausmacht. Abgesehen von dem Gefühl der Weigerung bliebt die Figur Michèle undurchlässig, Verhoeven und Huppert entstellen sie nicht durch Psychologisierungen und Offenlegungen, geben den Blick eben nicht frei auf ihr Inneres.

Schwierig, die richtige Schublade zu finden

Schon bei der Einordnung des Films hat man Probleme, Elle ist weder ein „Thriller“ im eigentlichen Sinn, ein Rape-and-Revenge-Film schon gar nicht, obwohl er seine Dynamik teilweise schon aus der Konfrontation zwischen Täter und Opfer schöpft. Der Film will sich Einordnungen eben bewusst entziehen. An die anfängliche Vergewaltigung schließt Verhoeven eine ebenso unerwartete wie auch waghalsig komische Familienkomödie an, blickt auf Michèles Beziehung zu ihrem chronisch unfähigen Sohn (Jonas Bloquet) und dessen cholerischer Freundin (Alice Isaaz), zu ihrem Ex-Mann (Charles Berling) und dessen jüngerer Freundin, auf ihre von ihr distanzierte Mutter und deren ebenfalls deutlich jüngeren „Liebhaber“, und auf die Beziehung zu ihrem Vater, einem im Gefängnis sitzenden Massenmörder. Die Betrachtung der brüchigen Familienverhältnisse lässt Verhoeven in einem genüsslich komischen Weihnachtsessen gipfeln, das nicht alle Beteiligten überleben werden.

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Mit dem Ehemann ihrer besten Freundin hat sie eine Affäre

Verhoeven interessiert sich ebenso dafür, wie sich Michèle als Leiterin einer erfolgreichen Computerspielefirma mühelos gegen ihre jüngeren männlichen Angestellten durchzusetzen weiß und sich nebenbei mit dem Mann ihrer besten Freundin Anna vergnügt. Am Ende macht Michèle die Vergewaltigung zu einem Teil ihres Lebens, verwandelt sie in ein erotisches Spiel, erlangt die Kontrolle darüber und beendet es, wenn es ihr beliebt. Nicholas Winding Refn hat zu seinem letzten Film „The Neon Demon“ gesagt, es sei ein Film über Frauen, die Männer würden den Status gesichtsloser „Girlfriends“ einnehmen, wie es in vielen Filmen gang und gäbe sei. Eben das trifft auf „Elle“ in jedem Fall zu: Die Männer sind Nebensache, sie sind teilweise jämmerlich, teilweise gesichtlos, teilweise Lustobjekte. Das Bild des aus dem Fenster spannenden Mannes, der Frauen beobachtet, wie man es aus unzähligen Filmen kennt, codiert Verhoeven um, hier ist es Huppert die aus dem Fenster beobachtet, ein Mann ist ihr Lustobjekt.

Wunderbares Schlussbild

Es ist auch wunderbar zu sehen, wie sehr Verhoeven seine Geschichte auf der visuellen Ebene erzählt – das tut er ja in all seinen Filmen: Anders als im Roman ist Michèle im Film Chefin einer Videospielefirma. Verhoeven erzählte in einem Interview, dass er für den Film eine Tätigkeit für sie finden wollte, die sich filmisch darstellen lässt. Die Verbrechen ihres Vaters werden als wunderbar montierter Fernsehbericht dargestellt, nicht als öder Dialog, bei dem man Drehbuchseiten rascheln hören kann. Generell ist „Elle“ ein wunderbar elegant inszenierter Film, mit dem schönsten und komischsten Schlussbild, das ich seit langem gesehen habe.

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Auch mit ihrem Nachbarn bandelt sie an

Ohne Isabelle Huppert wäre dieser Film nicht denkbar, keine andere Schauspielerin fällt einem ein, die eine solche Rolle hätte meistern können, die sich so sehr aus Leerstellen und Uneindeutigkeiten zusammensetzt. Zu Recht fragt John Waters in seinem Kommentar zum Film „Isn’t she the best actress in the whole wide world?“ Der Golden Globe ist hochverdient, auch der Oscar wäre keine Überraschung. Einen zweiten Globe gab’s als bester fremdsprachiger Film.

Tipp: Double Feature

Mia Hansen-Løves ebenfalls 2016 in Cannes gezeigter Film „Alles was kommt“ fällt einem als Vergleich ein, in dem Isabelle Huppert ebenfalls eine Figur spielt, deren Leben plötzlich ins Wanken gerät. Vielleicht ergeben beide Dramen ja ein schönes Double Feature.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Paul Verhoeven sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

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Im Umgang mit den hauptsächlich männlichen Mitarbeitern ihrer Firma hat sie keine Probleme

Länge: 130 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Elle
F/D/BEL 2016
Regie: Paul Verhoeven
Drehbuch: David Birke, nach dem Roman „Oh …“ von Philippe Dijan
Besetzung: Isabelle Huppert, Laurent Lafitte, Anne Consigny, Christian Berkel, Charles Berling, Virginie Efira, Judith Magre, Jonas Bloquet, Alice Isaaz, Vimala Pons
Verleih: MFA/Filmagentinnen

Copyright 2017 by Simon Kyprianou
Filmplakat: © 2017 MFA/Filmagentinnen, Fotos: © 2016 SBS Productions, Twenty Twenty Vision Filmproduktion, France 2 Cinéma & Entre Chien et Loup

 

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