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Horror für Halloween (XIX): Dark Waters – Blind, blass und blutig

Dark Waters

Von Lars Johansen

Das ist nicht tot, was ewig liegt, bis dass die Zeit den Tod besiegt. (H. P. Lovecraft)

Horror // Es war 1997, als ich in Christian Kesslers Buch „Das wilde Auge“ von „Dark Waters“ erfuhr. Zwölf Jahre später fiel mir zufällig die US-DVD mit eher schlechtem Bild in die Hände, aber ich war glücklich, den legendären Film endlich gesehen zu haben. Ganz so legendär fand ich ihn dann doch nicht, aber in Ordnung. Und jetzt habe ich ihn wieder gesehen. Er hat mir auf jeden Fall besser gefallen.

Auf der Fähre von Dunwich nach Innsmouth

Die junge Elizabeth (Louise Salter) fährt zu einem abgelegenen Landstrich in Russland und lässt sich bei stürmischem Wetter auf eine Insel übersetzen, auf welcher sich ein Nonnenkloster befindet, welches ihr Vater offenbar über viele Jahre finanziert hat. Er ist mittlerweile gestorben und sie will, gegen den ausdrücklichen Willen ihres Erzeugers, dorthin – auch um zu erkunden, was mit einer Freundin von ihr geschehen ist, die sich hier umgesehen hatte und irgendwann nichts mehr von sich hören ließ. Die Zuschauer wissen bereits, dass sie getötet worden ist. Elizabeth findet das und noch viel mehr heraus, unterstützt von einer jungen Nonne (Venera Simmons). Es geht um einen seltsamen Maler, ein geheimnisvolles altes Buch, dunkle Riten, ein großes steinernes Amulett (dessen Bruchstücke wieder zusammengefügt werden müssen) und schließlich um die Beschwörung einer uralten Kreatur aus dem Wasser. Nichts ist, wie es scheint.

Feuchte Erkenntnisse

Der 1967 in Neapel geborene Regisseur Mariano Baino dreht Filme, laut eigener Aussage, seitdem er acht Jahre alt ist, und hat neben diesem, seinem einzigen Langfilm, eine Handvoll Kurzfilme und ein paar Musikvideos geschaffen. Außerdem gestaltet er CD-Cover und hat seine Arbeiten aus dem Bereich der bildenden Kunst unter anderem in England, Italien und New York ausgestellt. Den Film „Dark Waters“, der mit englischen und russischen Geldern unter großen Problemen auf der Krim gedreht wurde, dem italienischen Kino zuzuschlagen, ist zwar rein formal falsch, aber inhaltlich richtig. Denn er steht ganz in der Tradition des italienischen Gothic-Horror-Kinos eines Mario Bava oder Antonio Margheriti zum Beispiel.

Geschwister: einst …

Außerdem klingt der berühmte fantastische US-Autor H. P. Lovecraft an, wenn der Film auch nicht konkret auf einer seiner Erzählungen beruht, sondern eher den von ihm ersonnenen Cthulhu-Mythos variiert. Aber zwei seiner bekanntesten Werke, nämlich die Erzählung „Schatten über Innsmouth“ und die Kurzgeschichte „Das Grauen von Dunwich“ haben ziemlich offensichtlich großen Einfluss auf den Film gehabt – sehr viele Elemente aus beiden tauchen auf und werden nicht ungeschickt miteinander verknüpft. Der Maler, welcher in einem verborgenen Raum unter dem Kloster die geradezu monströsen Ereignisse auf Papier bannt, erinnert an eine weitere Erzählung, nämlich „Pickmans Modell“. Das Buch schließlich, welches eine nicht unwichtige Rolle spielt, sieht dem aus „Tanz der Teufel“ („The Evil Dead“, USA 1982) sehr ähnlich, und natürlich ist damit das von Lovecraft erfundene Necronomicon gemeint. Der Regisseur und Drehbuchautor Mariano Baino räumt seine Inspiration durch diesen Autoren auch unumwunden ein. Natürlich kennt er sein Werk sichtbar sehr gut und es gelingt ihm exzellent, Lovecrafts Geist zu erfassen und filmisch geschickt umzusetzen.

… und jetzt

Gleichzeitig gibt es auf jeden Fall eine weitere Inspiration, nämlich Michael Winners „Hexensabbat“ („The Sentinel“, 1977), dessen grundsätzliches Handlungsgerüst von Baino einfach übernommen wurde. Vor allem der Plot-Twist am Ende ist nahezu identisch, nur dass die blinde Nonne aus „Dark Waters“ bei Winner ein ebenso blinder Priester und das Kloster auf einer abgelegenen Insel hier eben ein Mietshaus im nicht ganz so abgelegenen New York und gleichzeitig das Tor zur Hölle ist. Aber die Heldin befindet sich am Ende in der gleichen Situation.

Blinde Nonne

Man sieht „Dark Waters“ sein sehr beschränktes Budget eigentlich nur am Ende an, wenn das unnennbare Grauen dann doch gezeigt wird, was zwar ziemlich geschickt inszeniert ist, aber in der Sichtbarkeit doch weit hinter die Imagination zurückfällt. Die Hauptdarstellerin hat hernach keine großen Hauptrollen mehr gespielt und macht einen ordentlichen Job, aber auch nicht mehr. Die Nebenfiguren leben von ihrem teils skurrilen Äußeren und werden effizient eingesetzt. Das ist besonders bei einer Szene relativ am Anfang der Fall, wo die Mitfahrer in dem merkwürdigen kleinen Bus, mit dem die Heldin zum Kloster fährt, durch ihre pure Präsenz eine Atmosphäre des Fernen und Fremden erzeugen. Dem Regisseur gelingen immer wieder wunderbare Aufnahmen, die, fast schwarz-weiß mit ein paar bunten Tupfern, den Geist des Unheimlichen sehr gut abbilden. Lange bleibt im Dunkeln, worum es eigentlich geht, und für Momente ist man verwirrt, aber gerade das sind die Qualitäten eines Films, der immer wieder überraschende Auflösungen anbietet, die zu weiteren Rätseln führen, welche erst am Ende aufgelöst werden. Auch nach der fast zu klaren Auflösung bleibt eine leichte Unsicherheit, die Realität des Gezeigten betreffend. Trotz dieser deutlichen Qualitäten in vielen einzelnen Szenen des Films ist das Gesamtergebnis doch ein wenig disparat geraten. Wundervolle Bilder stehen unvermittelt neben Banalitäten und kleinen Längen. Aber da Erstgenanntes dominiert, kann man darüber hinwegsehen und diesen kleinen, etwas verspäteten Genrebeitrag zum italienischen Horrorkino genießen.

Pickmans Monstermalereien

Beim Mediabook hat Wicked-Vision Media wieder ganze Arbeit geleistet. Bild und Ton sind tadellos und die Extras fast schon unüberschaubar, aber sinnvoll. Das gilt sowohl für den Audiokommentar mit Mariano Baino und Filmemacher, Produzent und Festivalleiter Michele De Angelis als auch den unbedingt sehenswerten Video-Essay mit Genrekenner Pelle Felsch. Dazu kommen ein paar Featurettes, immerhin drei Kurzfilme des Regisseurs und das informative, zweisprachige Booklet. Für Fans des italienischen Kinos lohnt sich die Anschaffung sicher, aber auch Horror- oder Lovecraft-Aficionados werden daran Gefallen finden. Und dazu wird natürlich ein Klosterfrau Melissengeist gereicht. Der beruhigt unheimlich.

Blutige Erkenntnisse

Veröffentlichung: 25. Mai 2019 als 3-Disc Limited Collector’s Edition Mediabook (Blu-ray & 2 DVDs, 3 Covervarianten à 333, 444 und 333 Exemplaren)

Länge: 92 Min. (Blu-ray), 88 Min. (DVD)
Altersfreigabe: Ungeprüft
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Temnye vody
RUS/GB 1993
Regie: Mariano Baino
Drehbuch: Mariano Baino, Andy Bark
Besetzung: Louise Salter, Venera Simmons, Mariya Kapnist, Lubov Snegur
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Regisseur Mariano Baino und Michele De Angelis, Vorwort von Mariano Baino, Video-Essay von Pelle Felsch („Beneath Dark Waters“), 6 Featurettes, Dokumentation („Deep into the Dark Waters“), Kurzfilme mit Regie-Kommentar („Dream Car“, „Caruncula“, „Never Ever After“), Making of „Never Ever After“, Musik-Video („Face and the Body“), 4 Promoclips (2019), geschnittene Szenen, deutscher und englischer Trailer, Bildergalerien, 48-seitiges Booklet mit Texten von David Renske und Michele De Angelis (in Deutsch und Englisch)
Label/Vertrieb: Wicked-Vision Media

Copyright 2019 by Lars Johansen

Szenenfotos & Packshots: © Wicked-Vision Media 2019

 

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After Midnight – Horror-Anthologie aus Italien

17 a mezzanotte

Von Volker Schönenberger

Episoden-Horror // Ach ja – der italienische Horrorfilm. Was hat er für Glanztaten hervorgebracht, von Regisseuren wie Mario Bava („Die Stunde wenn Dracula kommt“), Dario Argento („Suspiria“) und Lucio Fulci („Über dem Jenseits“) inszeniert. Lang ist’s her, auch jenseits des Horrorgenres befand sich der italienische Film schon mal in besserem Zustand, immerhin ist seit einiger Zeit mit Filmen wie „La Grande Belleza – Die Große Schönheit“ (2013) von Paolo Sorrentino, Stefano Sollimas „Suburra“ (2015), „Call Me by Your Name“ (2017) von Luca Guadagnino („Suspiria“) und Alice Rohrwachers „Glücklich wie Lazzaro“ (2018) Genesung in Aussicht. Aber begeben wir uns einstweilen einmal in die Niederungen des Undergrounds. Der Anthologiefilm „17 a mezzanotte“ etwa hat es unter dem Titel „After Midnight“ sogar nach Deutschland geschafft. Zusammengestellt von Davide Pesca und Francesco Longo, präsentiert das Werk acht Episoden, die in Qualität und Intensität schwanken, denen aber die Leidenschaft ihrer Macher jederzeit anzusehen ist. Also vorwärts, ihr italienischen Nachwuchsregisseurinnen und -regisseure – kommt aus euren Löchern und bringt euer Filmland voran!

Acht Episoden des Grauens

„Vlog l’ultimo video di Sara“: In der ersten Episode dreht die Vloggerin Sara Cerami ein Video. Darin lässt sie sich über Hater aus, die ihren YouTube-Kanal mit üblen Kommentaren verschmutzen und die sie deshalb blockieren muss. Derweil dringt einer dieser Hater in ihre Wohnung ein. Dass das für Sara nicht gut ausgeht, deutet schon der Titel an, in dem von ihrem letzten Video die Rede ist.

„The Taste of Survival“

Das folgende Segment „The Taste of Survival“ spielt in einer nach einer nuklearen Apokalypse verwüsteten Welt. Eine junge Frau wird von drei aggressiven Knilchen mit üblen Absichten gejagt. Hey! Einer von ihnen trägt ein „Wacken“-T-Shirt – Respekt! Ein netter Kerl ist er aber nicht gerade. Ein vierter Mann schaltet das aggressive Trio aus, aber ob der Dame damit wirklich geholfen ist? Nicht nur aufgrund des Episodentitels ahnt der geneigte Endzeit-Horrorfreund schnell, was die Stunde geschlagen hat.

„Nyctophobia“

In „Nyctophobia“ wird ein von unruhigem Schlaf Geplagter des Nachts heimgesucht. Während andere Episoden recht simpel gestrickt und vorhersehbar geraten sind, ist diese nicht ganz einfach zu entschlüsseln. „Nel Buio“ („Im Dunkeln“) thematisiert Schuld und Sühne rund um eine junge Frau, die ein Jahr zuvor Opfer eines Verkehrsunfalls geworden war. „Io non le credo“ bedeutet „Ich glaube nicht“. In dieser Episode bittet ein Mann einen Priester um Hilfe – er werde des Nachts von einer Schreckgestalt heimgesucht. Der Geistliche ist skeptisch.

„Io non le credo“

„Escape from Madness“: Eine junge Frau wird spätabends von einem Parkplatz verschleppt. Mit einem schönen Gruß von „The Texas Chainsaw Massacre“. Im Anschluss gerät eine Hommage an den Zombiefilm sogar komödiantisch: In „Che serata di merda!“ („Was für ein beschissener Abend!“) wankt ein Toter durch die Gegend. Sein Ziel: ein junges Paar, das einen ruhigen Abend daheim verbringt. Am Ende trifft der Zombie auf einen von Regisseur Roberto Albanesi verkörperten Besucher, was einen sehr schönen und überraschend daherkommenden Schlussgag zur Folge hat. In der letzten Episode, die den ominösen Titel „Haselwurm“ trägt, treibt sich ein Pärchen in einer Bergwildnis herum, in der offenbar etwas Infektiöses lauert. Ansprechend fotografiert, muss die junge Frau in der düsteren Fantasy-Story bald eine Entscheidung treffen.

Dritte DVD von Dirt ’n Dust Films

Vom wohligen Grusel bis zum handfesten Splatter ist alles vertreten. Prima, dass es dieser Horror-Cocktail in tödlichen Dosen als dritte Veröffentlichung des so jungen wie kleinen fränkischen Labels Dirt ’n Dust Films zu uns geschafft hat. Einige Episoden sind sogar angetan, über die Schar der Underground-Unterstützer hinaus Filmfans zu überzeugen, bei anderen habe ich nach dem Abspann eher mit den Achseln gezuckt. „Nyctophobia“ und „Haselwurm“ gehen als meine Favoriten durch, aufgrund des skurrilen Finales schließt „Che serata di merda!“ zu beiden auf.

„Escape from Madness“

„17 a mezzanotte“ atmet den Geist des 80er-Jahre-Horrorkinos, orientiert sich beim Gewaltgrad aber weniger an den ultrabrutalen Exzessen einiger italienischer Filmemacher. In den vielen lichten Momenten erkennt man die Ursprünge, Inspirationen und Vorbilder. Sind die beiden ersten Episoden noch arg generisch geraten, wird es ab „Nyctophobia“ deutlich origineller. Dabei ist es David Pesca und Francesco Longo hoch anzurechnen, dass sie den Filmemachern abgesehen von der Vorgabe „Horror“ keine Einschränkungen gemacht haben – Vielfalt ist somit garantiert. Klar, auf Amateurniveau muss sich der Filmgucker schon einlassen können, aber wer das tut, bekommt Einblick in eine Filmlandschaft, die lebendiger ist, als wir manchmal glauben, und sei es im Bereich niedrigster Budgets. „After Midnight“ hat es verdient, vom Stiefel über die Alpen zu uns gelangt zu sein.

„Che serata di merda!“

Veröffentlichung: 13. November 2018 als Blu-ray und DVD

Länge: 86 Min.
Altersfreigabe: FSK ungeprüft
Sprachfassungen: Italienisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: 17 a mezzanotte
IT 2014
Regie: Roberto Albanesi, Simone Chiesa, Giacomo Gabrielli, Francesco Longo, Daniele Misischia, Davide Pesca, Federico Scargiali, Edo Tagliavini, Luca Bertossi, Eugenio Villani, Davide Cancila, Nicola Pegg, Roberto Albanesi u. a.
Drehbuch: Roberto Albanesi, Roberto Bravi, Davide Cazzulani, Simone Chiesa, Nadia Cipolla, Samuele Deiana, Giacomo Gabrielli, Francesco Longo, Daniele Misischia, Davide Pesca, Federico Scargiali, Edo Tagliavini, Luca Bertossi, Eugenio Villani, Davide Cancila, Nicola Pegg, Roberto Albanesi u. a.
Besetzung: Rimi Beqiri, Erika Kamese, Sara Ardizzoni, Sara Ardizzoni, Lorenzo Bianchini, Maurizio Bussolon, Mariaclaudia Chiocchetti, Mariarosa Dagostin, Marisca Farné, Federica Gabrielli, Pino La Rocca, Gerardo Lamattina, Cristiano Mescia, Fabio Nobili, Martina Pellizer
Zusatzmaterial: Musikvideo, Kurzfilm, Trailer
Label/Vertrieb: Dirt ’n Dust Films

Copyright 2018 by Volker Schönenberger
Szenenfotos & Plakat: © 2018 Dirt ’n Dust Films

 

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Cannibal Ferox – Die Rache der Kannibalen: Umberto Lenzis notorischer Klassiker

Cannibal Ferox

Von Volker Schönenberger

Horror // Potzblitz! Da läuft uns doch gleich in der ersten Szene Dominic Raacke über den Weg. Credits hat er für „Cannibal Ferox – Die Rache der Kannibalen“ nicht erhalten. Der als „Tatort“-Kommissar Bekannte hat eine kurze Szene als soeben aus der Entzugsklinik entlassener Junkie, der in die New Yorker Wohnung seines Dealers kommt, wo er allerdings nur zwei andere Gangster trifft, die den Dealer suchen. Was mag Raacke in einen italienischen Kannibalenfilm verschlagen haben? Der Auftritt markierte 1981 seinen ersten oder zweiten Film – die deutsche Groteske „Total vereist“ mit Rio Reiser entstand im selben Jahr.

Zusammenprall der Kulturen

Genug von Raacke: Die US-Geschwister Gloria (Lorraine De Selle) und Rudy (Danilo Mattei) dringen mit ihrer Freundin Pat (Zora Kerova) in den Regenwald von Paraguay vor. Ziel: Anthropologin Gloria schreibt an ihrer Doktorarbeit und will beweisen, dass Kannibalismus lediglich ein Mythos ist, im Westen mit dem Ziel aufgekommen, eingeborene Völker in kolonialisierten Gebieten unterdrücken und auslöschen zu können. Mitten im Dschungel begegnen ihnen die zwielichtigen Mike (Giovanni Lombardo Radice) und Joe (Walter Lucchini), die eigenen Angaben zufolge auf der Flucht vor einem kannibalistischen Stamm sind. Dina will das natürlich nicht glauben, würde es doch ihre Dissertation über den Haufen werfen. Sie wird bald eines Besseren belehrt werden.

Der Kannibalenfilm

Exploitation in ultrabrutaler Reinkultur! „Cannibal Ferox – Die Rache der Kannibalen“ ist Teil eines berüchtigten Horror-Subgenres, das es in den späten 70er- und frühen 80er-Jahren zu zweifelhafter Blüte brachte. Umberto Lenzi gab bereits 1972 mit „Mondo Cannibale“ („Il paese del sesso selvaggio“) den Startschuss und lieferte 1980 mit „Lebendig gefressen“ („Mangiati vivi!“) und ein Jahr später mit dem hier vorgestellten „Cannibal Ferox“ weitere sogenannte Klassiker ab. Einen „Höhepunkt“ lieferte 1980 Ruggero Deodato mit „Nackt und zerfleischt“ („Cannibal Holocaust“) ab. Weitere Regisseure des Kannibalenfilms sind Joe D’Amato („Nackt unter Kannibalen“), Marino Girolami („Zombies unter Kannibalen“) und Jess Franco („Jungfrau unter Kannibalen“). Umberto Lenzi selbst hielt seine Ausflüge ins Kannibalengenre später für wenig bedeutsam und reagierte auch mal ungehalten, wenn er mal wieder in erster Linie dazu befragt wurde. In einem im Mai 1997 geführten Interview äußerte er, „Cannibal Ferox“ nicht besonders zu mögen und bessere Filme gemacht zu haben. „I don’t like it so much … in my opinion, I made other movies that were much better.“ Auch für die Fans des Kannibalengenres fand der Regisseur kritische Worte, sprach ihnen die Liebe zum Film ab und befand, sie seien wohl eher an Zynismus und Sadismus interessiert. „I think the interest shown in these movies is not about love of motion pictures, rather about cynicism and sadism.“

Diese Burschen besser nicht reizen!

„Cannibal Ferox – Die Rache der Kannibalen“ zeigt ansprechende Dschungelaufnahmen und hat einen stimmungsvollen Synthie-Score, nicht untypisch für den italienischen Exploitationfilm. Die Handlung dient aber in erster Linie dem Zweck, vor schöner Kulisse grausame Scheußlichkeiten in aller Ausführlichkeit zur Schau zu stellen. Die Splattersequenzen sind handwerklich gut gemacht und originell, Gorehounds wird das Herz höher schlagen. Ein paar animalische Tötungsszenen gibt es obendrauf. Mal drückt eine Anaconda ein Tier zu Tode, mal schlachten Eingeborene eine Schildkröte, am Ende wird gar ein Krokodil ausgeweidet und verspeist. Dem Vernehmen nach handelte es sich um Tötungen echter Tiere. Da kann man sich nur fragen: Was soll das? Kalkül, um mit dem Skandal Zuschauer ins Kino zu locken? Auch die Darstellung des eingeborenen Stamms erscheint kritikabel. Die Menschen nehmen Mikes brutales Treiben erst eine Weile recht lethargisch hin, um dann ihrerseits aufs Grausamste zurückzuschlagen.

Nebenhandlung in New York City

Der in der ersten Szene mit Dominic Raacke begonnene New Yorker Handlungsfaden wird im Verlauf weitergesponnen, wenn auch ohne Raacke – seine Figur ist mausetot, man verzeihe mir den Spoiler. Bei erwähntem Dealer handelt es sich um Mike, der sich natürlich gerade im Dschungel aufhält. Eine wichtige Funktion dieses Erzählstrangs ist nicht erkennbar. Vielleicht dient er lediglich dem Zweck, den Film an die Anderthalbstunden-Grenze zu bringen.

Mike hat sie leider gereizt

Vordergründig verbreitet Umberto Lenzi sogar die moralische Botschaft, erst die westliche Zivilisation bringe das Böse über die Naturvölker: Es ist Mike, der die Gewaltspirale beginnt. Zivilisationskritik hin oder her – dieses Feigenblatt täuscht nicht darüber hinweg, dass es hier nur um die Zurschaustellung extremer Gewalt geht. Um für den englischsprachigen Markt Internationalität vorzugaukeln, erhielten einige der italienischen Darsteller Pseudonyme verpasst – siehe Auflistung unten. In der deutschen Synchronisation wurden die Geschwister Gloria und Rudy zu Dina und Gary, warum auch immer.

Zensiert und beschlagnahmt

Wie etliche Kannibalenfilme hatte auch „Cannibal Ferox – Die Rache der Kannibalen“ seine liebe Not mit der Obrigkeit, und das beileibe nicht nur in Deutschland, wo diverse VHS- und DVD-Versionen des Films indiziert und nach § 131 StGB beschlagnahmt worden sind. Diese Bevormundung Erwachsener ist scharf zu kritisieren, gleichwohl handelt es sich um einen Film, der auf keinen Fall Jugendlichen zugänglich gemacht werden sollte. Zwar ist seit einigen Jahren das Phänomen zu beobachten, dass zahlreiche vormals berüchtigte Horrorfilme vom Index der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien und den Beschlagnahmungslisten gestrichen werden; ich hege aber gewisse Zweifel, ob das bei „Cannibal Ferox“ in naher Zukunft der Fall sein wird. Verharmlost oder verherrlicht der Film Gewalt? Einige Richter bejahen das jedenfalls.

Das bekommt ihm nicht gut

Als passionierter Filmgucker und am Horrorgenre Interessierter kann ich den Reiz dieser vielleicht derbsten Spielart des Exploitationfilms sogar nachvollziehen, zieht es mich doch selbst gern zu den extremen Horror-Auswüchsen. Unverständlich bleibt mir allerdings das kritiklose Abfeiern dieser Filme unter manchen Horrorfans. Kann extreme Gewalt schon alles sein, um einen Film zum Klassiker hochzustilisieren? Ebenso unverständlich ist allerdings die Haltung anderer, Filmen wie diesem die Daseinsform als Kunstwerk abzusprechen. Film ist eine Kunstform, und Kunst dient nicht allein dem Zweck der Freude an schöngeistiger Erbauung. Nein, die Bandbreite von Kunst ist enorm, sie darf auch abstoßend geraten, auch und gerade Provokation ist legitimer Bestandteil. Völlig verstehen hingegen kann ich Personen, welche angesichts der Darstellung von Kastrationen, einer mit Eisenhaken an den Brüsten aufgehängten Frau, vom Abtrennen einer Schädeldecke mittels eines Lochs im Tisch (nebst anschließendem Naschen vom Hirn) und anderen Bluttaten verstört das Weite suchen und solchen, die seelenruhig sitzen bleiben und sich bisweilen fröhlich auf die Schenkel klopfen, fortan mit Misstrauen begegnen. Meine für diesen Text erfolgte zweite Sichtung von „Cannibal Ferox – Die Rache der Kannibalen“ – oder war es gar die dritte? – wird wohl die letzte bleiben.

Die Eingeborenen bitten zu Tisch

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Umberto Lenzi sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Länge: 93 Min. (Blu-ray), 89 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK ungeprüft
Originaltitel: Cannibal Ferox
US-Titel: Make Them Die Slowly
IT 1981
Regie: Umberto Lenzi
Drehbuch: Umberto Lenzi
Besetzung: Giovanni Lombardo Radice (als John Morghen), Lorraine De Selle, Danilo Mattei (als Bryan Redford), Zora Kerova (als Zora Kerowa), Walter Lucchini (als Walter Lloyd), Fiamma Maglione (als Meg Fleming), Dominic Raacke

Copyright 2018 by Volker Schönenberger

 
 

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