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Mario Bava (VI): Baron Blood – Der Blutbaron geht um

Gli orrori del castello di Norimberga

Von Volker Schönenberger

Horror // Peter Kleist (Antonio Cantafore) besucht in Österreich seinen Onkel Karl Hummel (Massimo Girott), um mehr über seine Vorfahren zu erfahren. Otto von Kleist, Urahn der beiden, war als „Blutbaron“ gefürchtet. Das alte Schloss der Familie soll in ein Hotel umgewandelt werden. Schnell wirft Peter ein Auge auf Eva (Elke Sommer), die Assistentin des Investors. Bei einem nächtlichen Ausflug in das Gemäuer spricht der junge Mann einen Fluch aus, der den Blutbaron zurück ins Leben holen soll.

Peter (3. v. l.) wirft ein Auge auf Eva

Gedreht wurde „on location“ in Österreich, darunter auf Burg Kreuzenstein, die bis heute als Kulisse für Film- und Fernsehproduktionen gern genommen wird. Regisseur Mario Bava fungierte für „Baron Blood“ auch als Kameramann. Sein Gespür für Perspektiven und beispielsweise auch der Einsatz von Zoom bringt die herrlichen Kulissen zu schauriger Geltung. Das und einige im positiven Sinne brutale Szenen überdecken ein wenig, dass wir es mit einem der schwächeren Werke des italienischen Filmemachers zu tun haben.

Keine „Scream Queen“: Elke Sommer

Leider trübt ausgerechnet Elke Sommer das Sehvergnügen beträchtlich. Ihre albern wirkenden Angstausbrüche und Schreckensschreie sind nicht gerade angetan, sie zu einer frühen „Scream Queen“ zu adeln. Szenen, in denen sie wiederholt vor der Schreckensgestalt des auferstandenen Barons flieht, erscheinen eher unfreiwillig komisch als gruselig. Ihr Schauspielpartner Antonio Cantafore agiert farblos, und auch Joseph Cotten haben wir schon deutlich besser gesehen – er spielt den im Rollstuhl sitzenden Millionär Alfred Becker, der das Schloss bei einer Auktion ersteigert.

Das junge Paar erlebt Grauenhaftes

Übernatürlicher Horror bedingt zwangsläufig, dass wir als Filmgucker in der realen Welt unmögliche Phänomene und Erscheinungen hinnehmen. Sie sollten jedoch ihrer inneren Logik folgen. „Baron Blood“ übertreibt es mit den fantastischen Absurditäten etwas. Das genauer zu thematisieren, würde aber zu viel verraten. Lasst euch überraschen, vielleicht stört Ihr euch nicht so sehr daran wie ich!

US-Fassung ebenfalls enthalten

Die 2005 erschienene DVD ist lange vergriffen, mit dem vierten Teil der Mario Bava Collection schließt Koch Films die nächste Lücke. Für Bava-Fans ist „Baron Blood“ trotz seiner Mängel natürlich unverzichtbar, umso besser, dass der Film nun in einer prima Veröffentlichung und guter Bild- und Tonqualität vorliegt. Sie enthält außer einigen Interviews auch die um einige Gewaltszenen und Dialoge gekürzte und mit alternativem Score versehene Schnittfassung für die US-Kinos.

Keine schöne Ruhestätte

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Mario Bava sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Joseph Cotten in der Rubrik Schauspieler.

Der auferstandene Blutbaron jagt Eva

Veröffentlichung: 22. Juni 2017 als Mario Bava Collection #4 (Blu-ray & 2 DVDs), 27. Oktober 2005 als DVD (E-M-S)

Länge: 98 Min. (Blu-ray, europäische Fassung), 91 Min. (Blu-ray, US-Fassung), 94 Min. (DVD, europäische Fassung), 87 Min. (DVD, US-Fassung)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Italienisch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Gli orrori del castello di Norimberga
Alternativer US-Titel: The Torture Chamber of Baron Blood
IT/BRD 1972
Regie: Mario Bava
Drehbuch: Vincent Fotre
Besetzung: Joseph Cotten, Elke Sommer, Massimo Girotti, Antonio Cantafora, Luciano Pigozzi, Umberto Raho, Rada Rassimov, Dieter Tressler
Zusatzmaterial: Interviews mit Elke Sommer, Antonio Cantafora, Stelvio Cipriani, Lamberto Bava und Pilar Castel, Audiokommentar mit Tim Lucas, Doku „Schloss des Grauens“, alternative Anfänge und Enden, amerikanische Schnittfassung, englischer und italienischer Trailer
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2017 by Volker Schönenberger

Fotos, Packshot & Trailer: © 2017 Koch Films

 
 

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Suburra – 7 Tage bis zur Apokalypse: Meisterhaftes Mafia-Epos

Suburra

Von Volker Schönenberger

Mafia-Thriller // Eine Debatte im italienischen Parlament endet. Filippo Malgradi (Pierfrancesco Favino), Abgeordneter einer der Regierungsparteien, gönnt sich eine Auszeit und vergnügt sich in einem edlen Hotel mit zwei Prostituierten und ein wenig Rauschgift. Doch dann liegt die jüngere der beiden Frauen – eine Minderjährige – tot auf dem Bett. Malgradi zieht von dannen und überlässt es Sabrina (Giulia Gorietti), ihre tote Kollegin zu „entsorgen“.

Korrupt und gierig – Filippo Malgradi ist der Inbegriff des italienischen Parlamentariers

Der Auftakt von „Suburra – 7 Tage bis zur Apokalypse“ gibt mit hypnotischem Score des französischen Dreampop-Duos M83 die Stimmung vor, die sich bis zum Ende durch den Film ziehen wird. Während sich Malgradi in Rom noch vergnügt und im Drogenrausch im Regen vom Balkon strullert, wird anderswo ein Mann von einem Auto totgefahren – ein brutaler Mord. Am Strand von Roms Küstenstadtteil Ostia brennt ein Gebäude ab, direkt daneben prügelt der als Numero 8 bekannte Gangster Aureliano Adami (Alessandro Borghi) einen Gefesselten zusammen, dem er eine Unterschrift abringen will.

Wer nicht spurt, dem wird gezeigt, wo der Hammer hängt

 

Der Upper-Class-Zuhälter Sebastiano (Elio Germano) trifft abends seinen Vater. Er wimmelt ihn ab, und kurz darauf springt der alte Herr von einer Brücke in den Tiber. Er war bei der Anacleti-Familie hoch verschuldet. Patriarch Manfredi Anacleti (Adamo Dionisi) überträgt kurzerhand die Schulden des Vaters auf den Sohn und verlangt von Sebastiano dessen gesamten Besitz. Und dann ist da noch der Mafioso Samurai (Claudio Amendola), eine graue Eminenz mit großem Einfluss. Es geht um Geld, viel Geld – ein Projekt zur Uferbebauung in Ostia steht an, das aus dem Bezirk ein zweites Las Vegas machen soll. Dafür soll der korrupte Malgradi im Auftrag von Samurai ein Gesetz durchboxen, bevor eine dräuende Regierungskrise eskaliert.

Eine tote Prostituierte wird beiseitegeschafft

Der Titel „Suburra“ bezieht sich auf Subura, den Namen eines Stadtviertels im antiken Rom. Die Story des Films spielt sich an sieben Tagen des Jahres 2011 ab, aufgefangen wird das mit einem Texttafel-Countdown, der die einzelnen Handlungsabschnitte einleitet. Stefano Sollima saß auch für die hochgelobte Mafia-Serie „Gomorrha“ sowie zuvor „Romanzo Criminale – Der Pate von Rom“ auf dem Regiestuhl. Mit „Suburra – 7 Tage bis zur Apokalypse“ beweist er erneut, wie meisterhaft er das organisierte Verbrechen zu inszenieren vermag. Sogar der Vatikan mischt mit, wenn sich Korruption und Gewalt Bahn brechen und ein Geflecht des Verbrechens auftut. Dabei weiß man als Zuschauer gar nicht, wen man mehr verabscheuen soll – die so brutalen wie hemmungslosen Mafiosi oder die käuflichen Politiker.

Numero 8 hat eine Schwäche für die drogensüchtige Viola

Helden oder irgendwie geartete Figuren mit Identifikationspotenzial gibt es keine. Das erschwert gemeinhin den Zugang zu einem Film, bei „Suburra“ ist das aber nicht der Fall. Schnell entfaltet die Story eine Sogwirkung. Das zu Beginn einigermaßen zügig eingeführte Figurenensemble verwirrt gar nicht mal, der geübte Filmgucker bringt die Fäden problemlos zusammen. Dabei ist „Suburra“ weitaus stylischer als beispielsweise Matteo Garrones trister und niederdrückender „Gomorrha – Reise in das Reich der Camorra“, 2008 nach Roberto Savianos Vorlage gedreht.

Geht es für Malgradi nur noch aufwärts?

2015 hat Netflix für 2017 eine Serien-Umsetzung von „Suburra“ angekündigt. Die Dreharbeiten begannen im Herbst 2016. Angesichts der Qualität der Kinoadaption des Romans dürfen wir uns drauf freuen. „Throw in a glacially cool M83 score and you have a Mafia thriller of which even Scorsese would be proud.“ So schrieb es Phil De Semlyen, der Rezensent der englischen Filmzeitschrift „Empire“. Nun hat Martin Scorsese mit „Casino“ (1995) und vor allem „GoodFellas – Drei Jahrzehnte in der Mafia“ (1990) natürlich zwei der ganz großen Mafia-Epen der Filmgeschichte vorgelegt, die Latte hängt unermesslich hoch. Aber sollte der Gute „Suburra“ bislang noch nicht geschaut haben, dann wird es höchste Zeit, dass ihm jemand den italienischen Mafia-Thriller empfiehlt. Es würde mich sehr wundern, wäre Scorsese nicht äußerst angetan.

Samurai zieht im Hintergrund die Fäden

Veröffentlichung: 8. Juni 2017 als Blu-ray und DVD

Länge: 130 Min. (Blu-ray), 125 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Italienisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Suburra
IT/F 2015
Regie: Stefano Sollima
Drehbuch: Sandro Petraglia, Stefano Rulli, Giancarlo De Cataldo, Carlo Bonini, nach einem Roman von Giancarlo De Cataldo und Carlo Bonini
Besetzung: Pierfrancesco Favino, Greta Scarano, Alessandro Borghi, Jean-Hugues Anglade, Elio Germano, Giulia Gorietti, Claudio Amendola, Marco Quaglia, Lidia Vitale, Adamo Dionisi
Zusatzmaterial: Hinter den Kulissen, deutsche Kinotrailer (FSK 12 & FSK 16), deutscher Kurztrailer, italienischer Trailer, Bildergalerie
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2017 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshot: © 2017 Koch Films

 

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Robert Siodmak (VII): Abgeschoben – Zurück in Europa

abgeschoben-plakat

Deported

Von Ansgar Skulme

Krimidrama // Die Ordnungsbehörden in den USA haben von Vic Smith (Jeff Chandler) die Nase voll und setzen ihn ins nächste Schiff gen Heimat. Smith hat mit der Situation seinen Frieden gemacht, kaum in Italien angekommen, gerät er jedoch an einen früheren Partner (Richard Rober), der darauf besteht, dass Smith ihm noch Geld schuldet. Auch der gewiefte Bulle Vito Bucelli (Claude Dauphin) weiß darum, dass Smith eine große Summe unter Verschluss hält, doch wie bekommt der Kriminelle das Geld nach Europa und Zugriff darauf? Die Spur führt zu der verwitweten Gräfin di Lorenzi (Märta Torén), an der Smith sowohl persönliches als auch geschäftliches Interesse hat. Gemeinsam mit ihr bemüht er sich, der vom Krieg gebeutelten Bevölkerung zu helfen, zu der auch einige Verwandte von Smith gehören, die nicht nach Amerika ausgewandert waren und deren Lebensart er zu schätzen lernt.

Robert Siodmaks letzter Film für Universal – einem der acht größten, einflussreichsten Hollywood-Studios seit Beginn des Studiosystems, bei dem Siodmak seit 1943 gearbeitet hatte – war gleichzeitig sein erster in Europa gedrehter Film, seitdem er vor dem Krieg in die USA geflohen war. Realisiert wurde das Projekt in Siena, Neapel, der Toskana, aber auch in den berühmten Cinecittà-Studios in Rom und einige weitere Innenaufnahmen in den USA, direkt auf dem Universal-Gelände. Siodmak war damit einer der ersten europäischen Regisseure, die nach dem Zweiten Weltkrieg zurück nach Europa kamen, um dort eine amerikanische Produktion zu drehen.

Auf ungewöhnlichen Wegen

Normalerweise drehte Robert Siodmak lieber im Studio als unter freiem Himmel, bei diesem Film wollte er aber einmal etwas anderes machen. Die Bilder sollten eher an den in Frankreich damals immer noch angesagten poetischen Realismus sowie den in Italien gerade zur Blüte gelangenden Neorealismus anschließen, als an die im Hollywood der 40er üblichen visuellen Ausdrucksformen. Siodmak sah im Neorealismus eine Art Weiterentwicklung des poetischen Realismus, der in Frankreich bereits in den 30er-Jahren zu großer Bekanntheit gelangt war, als auch Siodmak selbst dort gearbeitet hatte. Passend dazu wurde mit William H. Daniels ein Kameramann engagiert, der für Universal unter anderem bereits an „Stadt ohne Maske“ (1948) tätig gewesen war – dem Film noir, der berühmt dafür wurde, viele Szenen direkt in den Straßen New Yorks zu zeigen, die man teils ohne Wissen der Passanten gedreht hatte. Mit diesem Film wurde der Noir als Genre, der sich zuvor vor allem durch im Studio aufwändig inszenierte Licht-Schatten-Spannungen ausgezeichnet hatte, wobei man für die präzise ausgeleuchteten Szenen sogar ganze Straßenzüge in den Hollywood-Studios aufbaute, nun um eine realitätsnahe Komponente reicher, die dem ästhetisierten Stil anderer Noirs erstaunlicherweise sehr konträr gegenüber steht. Daniels gewann für seine Verdienste um „Stadt ohne Maske“ seinen einzigen, aber hochverdienten Oscar. Ferner arbeitete Siodmak für „Abgeschoben“ überwiegend mit italienischen Schauspielern, teils auch mit Laien zusammen, was die Wirkung umso authentischer macht. Daneben engagierte man den Franzosen Claude Dauphin für die Rolle des Ermittlers, der den Sprung nach Hollywood schaffen wollte und sich daher bereit erklärte für eine relativ geringe Gage aufzutreten, statt dem US-Publikum bekanntere Darsteller aus Hollywood mit nach Italien zu nehmen.

Drei Stars mit traurigem Schicksal in einem Film vereint

Die beiden einzigen gebürtigen US-Amerikaner im Ensemble sind die Darsteller der beiden kriminellen Widersacher, Jeff Chandler und Richard Rober. Märta Torén hingegen war gebürtige Schwedin, hatte dort aber nie eine namentlich genannte Filmrolle gespielt, ehe sie 1948 in Hollywood den Durchbruch schaffte. Leider eint alle drei das Schicksal, dass sie zu jung starben. Rober verlor sein Leben im Mai 1952, kurz nach seinem 42. Geburtstag in Folge eines Autounfalls, Torén erlag im Februar 1957 mit nur 30 Jahren in ihrer Geburtsstadt Stockholm einer Hirnblutung. Chandler schließlich starb im Juni 1961, wie Rober mit nur 42 Jahren, durch Ärztepfusch – in Folge einer notwendig gewordenen Operation, nachdem er sich am Set seines letzten Films „Durchbruch auf Befehl“ (1962), einer Regiearbeit von Samuel Fuller, verletzt hatte. Der Todesfall Chandler war seinerzeit ein großer Skandal in den USA, der zu rechtlichen Auseinandersetzungen zwischen Chandlers Familie und dem verantwortlichen Krankenhaus führte, da bei der ursprünglichen Operation eine Arterie verletzt worden war, worauf über einen Monat hinweg mehrere operative Rettungsversuche folgten, die Chandler trotz umfangreicher Bluttransfusionen aber nicht mehr retten konnten. Die mediale Aufmerksamkeit war entsprechend groß.

Torén, Chandler und Rober in diesem Film vereint zu sehen, kann einen als Freund des klassischen Hollywood-Kinos durchaus wehmütig stimmen, zugleich wird man sich aber auch der Wunderbarkeit des Mediums Film bewusst, das seine Schauspieler, zumindest in deren Rollen, auf ewig am Leben erhält. Jeff Chandler gehört schon seit Kindheitstagen zu meinen Lieblingsschauspielern und war mir selbst in seiner genialen, für damalige Hollywoodverhältnisse ungewöhnlich differenziert angelegten Schurkenrolle in „Der Herrscher von Kansas“ (1959) so sympathisch, dass ich am Ende des Films, Kind wie ich war, ziemlich mitgenommen gewesen bin. Ich erinnere mich nicht mehr, ob es der erste Film mit ihm war, den ich gesehen habe, aber noch recht gut an die Situation, wann und wo ich ihn gesehen habe. Wenn mich die Erinnerung nicht trügt, war er sogar Teil des am Sonntag damals üblichen Western-Vormittagsprogramms von Sat.1, das ich oft frequentierte, obwohl ich eigentlich noch viel zu klein dafür war – andererseits war es ja nicht meine Schuld als kleiner Bube, wenn solche Filme tagsüber, sogar vormittags, ausgestrahlt wurden. Aus heutiger Sicht kann ich dafür nur „Danke!“ sagen. Früh übt sich und mein Interesse an alten Hollywood-Filmen erwuchs aus solchen Erlebnissen. Später begann ich, Jeff Chandlers Filme zu sammeln, stieß schließlich auch auf „Abgeschoben“, einen von Robert Siodmaks unbekanntesten Universal-Filmen. Während Siodmak in der Folge das Studio und bald darauf auch die USA verließ, hatte Chandler gerade erst einen langfristigen Vertrag mit Universal unterzeichnet und diese beiden für das Studio rückblickend sehr wichtigen Persönlichkeiten begegneten sich bei den Dreharbeiten zu „Abgeschoben“ gewissermaßen am Scheideweg.

Für Märta Torén und Jeff Chandler war es nach „Schwert in der Wüste“ (1949) sogar die zweite Zusammenarbeit – dieser wiederum war Chandlers erster Universal-Film, gut sechs Jahre nach dem Drehstart von Siodmaks Universal-Debüt „Draculas Sohn“. Ursprünglich sollte der Hauptdarsteller aus „Schwert in der Wüste“, Dana Andrews, auch die Hauptrolle in „Abgeschoben“ spielen; er erwies sich aber schließlich als nicht verfügbar. John Garfield und Victor Mature wurden als Alternativen diskutiert – mit letztgenanntem hatte Siodmak bereits an „Schrei der Großstadt“, für 20th Century Fox, gearbeitet. Beide hätten zweifelsohne besser als Andrews, vielleicht sogar besser als Jeff Chandler in die Rolle gepasst, ehe dann aber der vertraglich frisch ans Studio gebundene Chandler schließlich den Zuschlag bekam. Chandler selbst sagte in einem Interview scherzhaft, er glaube, die Rolle womöglich nur bekommen zu haben, weil das Studio damit Geld spare.

Ein Flop in schwierigen Zeiten

Auch wenn man es aus heutiger Sicht nicht unbedingt erwarten würde, war „Abgeschoben“ grundsätzlich als Prestige-Projekt von Universal konzipiert. Mit anderen Worten: Der Film war einer der wenigen, für die das Studio 1949 größere Beträge freimachte, obwohl man sich gemeinhin gerade auf Sparkurs befand, da man jüngst Millioneneinbußen erlitten hatte. Den beteiligten Namen nach und hinsichtlich der Realisierung in Europa erfüllt der Film den Anspruch auf Größe sicherlich, inhaltlich allerdings nicht. Die im September 1949 gestarteten Dreharbeiten kennzeichneten sich durch einige Improvisationen. So schrieb Siodmak gemeinsam mit dem Produzenten, Robert Buckner, der von Haus aus Drehbuchautor war, noch während der Produktion in Italien das Drehbuch um. Unter anderem wurden spontan gesichtete Schauplätze, die dem Regisseur gefielen, eingearbeitet und notfalls Szenen mehr oder minder improvisiert ergänzt, um sehenswerte Drehorte in die Handlung zu integrieren. Bei Universal machte er sich damit keine Freunde, denn auf diese Weise zog Zeit ins Land, die Geld kostete. Kurioser Höhepunkt der Improvisationen: Für eine Szene wurden spontan zwei wirkliche Hafenpolizisten als Kleindarsteller eingebunden, die für diese Nebentätigkeit aber keine Erlaubnis hatten und deswegen von Vater Staat ins Gefängnis gesteckt wurden. Hätte all dieser Aufwand zu einem wirklich spannenden Film geführt, könnte man gut darüber hinwegsehen und würde Siodmak wohl sogar für seinen Einsatz hochleben lassen, de facto jedoch hatte der Film schon damals Schwierigkeiten beim Publikum und ist auch aus heutiger Sicht vor allem wegen der für einen Hollywood-Film von 1949/50 recht naturalistischen Kameraarbeit sowie aufgrund der heute natürlich brandaktuellen Abschiebungsthematik interessant. Zudem ist speziell Märta Torén in ihrer zwischen mysteriöser Dame in Schwarz und engagierter Mutter Teresa driftenden Rolle, die noch um ihren toten Mann trauert, aber bereits nach neuem Sinn sucht, eine durchaus ansehnliche Darbietung mit Profil gelungen.

Schwerer Stand bis heute

„Abgeschoben“ ist Robert Siodmaks einziger Universal-Film neben „Time Out of Mind“ (1947), von dem es weltweit offenbar noch keine DVD-Veröffentlichung gibt, während etliche seiner Hollywood-Filme in den Vereinigten Staaten mittlerweile sogar auf Blu-ray erschienen sind. Schon damals zeichnete er gewissermaßen Siodmaks Abgang aus Hollywood vor. Zwar hatte Siodmak bereits vor seinem Vertrag mit Universal für andere Studios in Hollywood gearbeitet und war auch während seiner Universal-Zeit ein paar Mal an die Konkurrenz verliehen worden, drehte nach „Abgeschoben“ aber nur noch „The Whistle at Eaton Falls“ (1951) für Columbia Pictures und „Der rote Korsar“ für die Warner Brothers, ehe er zunächst zurück nach Frankreich und dann nach Deutschland ging – die beiden Länder, in denen er vor dem Krieg ausgiebig gearbeitet hatte. In Deutschland gehörte „Abgeschoben“ zu den Siodmak-Filmen aus Hollywood, die nicht einmal einen Kinostart erhielten – womit er zwar nicht der einzige war, aber eine der aufwändigsten, finanziell prestigeträchtigsten US-Produktionen unter den betroffenen Filmen des Regisseurs. Erst im Dezember 1993 kam das Werk zu seiner Premiere und wurde dafür mit einer atmosphärisch leider schwachen TV-Synchronisation versehen.

Schon allein, weil der Film ästhetisch so ungewöhnlich für Siodmak ist, bleibt eine Veröffentlichung trotz der narrativen Mängel wünschenswert. Er mag zwar nicht die Größe und Spannung einiger anderer Siodmak-Noirs vorweisen, ist aber ein interessantes Genreexperiment mit europäischer Anbindung und inhaltlich zumindest ambitioniert. Ambitionierter als etwa „Gewagtes Alibi“, da „Abgeschoben“ sicherlich vieles ist, aber ganz sicher kein Abklatsch anderer US-Vorbilder im Noir-Genre geschweige denn anderer, früherer Siodmak-Filme. Der Film verfolgt eine recht individuelle Gangart, was ihn in gewisser Weise sympathisch und Siodmaks Gesamtwerk noch komplexer macht. Sehenswert ist „Abgeschoben“ nicht zuletzt auch deswegen, weil es Siodmaks letzter Film noir bleiben sollte, zumindest was sein Schaffen für Hollywood anbelangt, und der Film somit eine kurze, aber prägnante Ära abschließt, da dieses Genre Siodmak von Amerika aus Weltruhm eingebracht hatte. Umstritten ist übrigens, inwieweit die Geschichte der Hauptfigur auf der tatsächlichen Abschiebung des berüchtigten Gangsters Lucky Luciano nach Italien basiert. Parallelen sind nicht von der Hand zu weisen, zumal der Film Smiths Vergangenheit und die Tragweite seiner kriminellen Aktivitäten in den USA recht offen lässt, mag er in Italien zum Zeitpunkt der Handlung noch so harmlos wirken. Immerhin ein zusätzlicher interessanter Aspekt an diesem insgesamt leider etwas schwerfälligen Streifen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Robert Siodmak sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Länge: 89 Min. (Kino)
Altersfreigabe: FSK unbekannt
Originaltitel: Deported
USA 1950
Regie: Robert Siodmak
Drehbuch: Robert Buckner, nach der Erzählung „Paradise Lost“ von Lionel Shapiro
Besetzung: Märta Torén, Jeff Chandler, Claude Dauphin, Marina Berti, Richard Rober, Silvio Minciotti, Carlo Rizzo, Mimi Aguglia, Adriano Ambrogi, Michael Tor
Verleih: Universal International Pictures

Copyright 2017 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use (User: Croscher)

 

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