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Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauert – Die Gangster des Staates

Confessione di un commissario di polizia al procuratore della repubblica

Von Simon Kyprianou

Gangsterdrama // „Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauert“ ist Teil einer ganzen Serie italienischer Polizeifilme aus den 70ern und 80ern, die aus der dynamischen Erzählweise ihres Genres heraus beobachten und analysieren, wie die Gesellschaft an der Korruption ihrer politischen Führer krankt; wie diese – viele von ihnen Überbleibsel aus der Zeit des Faschismus – sich ihren Allmachtsfantasien hemmungslos hingeben.

Franco Nero als Staatsanwalt

Dabei folgt Damiano Damianis Krimi aber nicht nur einer vertikalen Struktur, in der sich Polizisten oder Staatsanwälte gegen den korrupten Staatsapparat zur Wehr setzen, sondern der Regisseur fügt dieser vertikalen Struktur noch eine horizontale hinzu: Ein Staatsanwalt (Franco Nero) und ein Polizist (Martin Balsam), die zusammen den Anschlag auf einen in Korruption der Regierung verstrickten Bauunternehmer (Luciano Catenacci) aufklären sollen, misstrauen sich auch gegenseitig: Jeder glaubt vom anderen, er sei bestechlich. Und es wird dieses Klima des unüberwindbaren gegenseitigen Misstrauens sein, das ihre Bemühungen am Ende zu Fall bringt, obwohl sie beide eigentlich dasselbe Ziel verfolgen.

Damiani findet einen enorm dynamischen Rhythmus in dem er seinen Film erzählt, der sich zum Teil aus dem Klima des Misstrauens, hauptsächlich aber aus den getriebenen Figuren entwickelt: zum einen dem älteren, desillusionierten, abgeklärten Polizeiinspektor, seinem Gegenüber dem jungen, ambitionierten Staatsanwalt und insbesondere der tragischen Figur der Ex-Freundin (Marilù Tolo) des Bauunternehmers, die aus ihrer Leidenschaft für ihn große Schuld auf sich geladen hat. Dominik Graf beschreibt in einem Beitrag über „Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauert“ eine der schönsten Szenen des Films – die, in der die Ex-Freundin nach Jahren des Schweigens und der Schuld, die in ihr gearbeitet hat, gegen den Bauunternehmer und seine Komplizen aussagt: „Dann steht sie auf und geht. Keine Musik. Keine Zufahrt. Ende der Szene. So viele Untiefen der Seele sang- und klanglos in einen einzigen profanen Schnitt-Gegenschnitt zu legen – das macht heute so keiner mehr.“ Und das ist die große Stärke Damianis Gangsterdramas: die Mühelosigkeit und Eleganz mit der er ganz unsentimental die Geschichte, mit der er vor allem aber über seine Figuren erzählt. So inszeniert Damiani am Ende auch einen der schönsten Filmtode überhaupt: Inmitten einer Filmvorführung im Gefängnis sinkt der Sterbende – vollkommen allein zwischen den Zuschauern – auf einen Stuhl und stirbt – um ihn herum tobt das tosende Gelächter der Insassen über den Film.

Das Individuum und der Staat

Wenn Dominik Graf schreibt „das macht heute so keiner mehr“, kann man das auf das gesamte Genre der italienischen Polizeithriller der 70er und 80er beziehen, viele von ihnen Geschichten über das Spannungsfeld zwischen Individuum und Staat. In die Reihe eingliedern lassen sich Filme wie „Das Geheimnis der grünen Stecknadel“ und der wunderbare „Der Tod trägt schwarzes Leder“, beide von Massimo Dallamano oder auch „Der Tag der Eule“, der von Damiani stammt und natürlich auch „Ermittlungen gegen einen über jeden Verdacht erhabenen Bürger“.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Franco Nero sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 30. Juni 2009 und 12. Mai 2005 als DVD

Länge: 101 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Italienisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Confessione di un commissario di polizia al procuratore della repubblica
Internationaler Titel: Confessions of a Police Captain
IT 1971
Regie: Damiano Damiani
Drehbuch: Damiano Damiani, Salvatore Laurani
Besetzung: Franco Nero, Martin Balsam, Marilù Tolo, Claudio Gora, Luciano Catenacci, Giancarlo Prete, Arturo Dominici, Michele Gammino, Adolfo Lastretti
Zusatzmaterial: Bildergalerie, Kinotrailer Featurette über Franco Nero, italienischer Vorspann, Credits
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2017 by Simon Kyprianou

Packshots: © 2005/2009 Koch Films, Filmplakat: Fair Use

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Mario Bava (VI): Baron Blood – Der Blutbaron geht um

Gli orrori del castello di Norimberga

Von Volker Schönenberger

Horror // Peter Kleist (Antonio Cantafore) besucht in Österreich seinen Onkel Karl Hummel (Massimo Girott), um mehr über seine Vorfahren zu erfahren. Otto von Kleist, Urahn der beiden, war als „Blutbaron“ gefürchtet. Das alte Schloss der Familie soll in ein Hotel umgewandelt werden. Schnell wirft Peter ein Auge auf Eva (Elke Sommer), die Assistentin des Investors. Bei einem nächtlichen Ausflug in das Gemäuer spricht der junge Mann einen Fluch aus, der den Blutbaron zurück ins Leben holen soll.

Peter (3. v. l.) wirft ein Auge auf Eva

Gedreht wurde „on location“ in Österreich, darunter auf Burg Kreuzenstein, die bis heute als Kulisse für Film- und Fernsehproduktionen gern genommen wird. Regisseur Mario Bava fungierte für „Baron Blood“ auch als Kameramann. Sein Gespür für Perspektiven und beispielsweise auch der Einsatz von Zoom bringt die herrlichen Kulissen zu schauriger Geltung. Das und einige im positiven Sinne brutale Szenen überdecken ein wenig, dass wir es mit einem der schwächeren Werke des italienischen Filmemachers zu tun haben.

Keine „Scream Queen“: Elke Sommer

Leider trübt ausgerechnet Elke Sommer das Sehvergnügen beträchtlich. Ihre albern wirkenden Angstausbrüche und Schreckensschreie sind nicht gerade angetan, sie zu einer frühen „Scream Queen“ zu adeln. Szenen, in denen sie wiederholt vor der Schreckensgestalt des auferstandenen Barons flieht, erscheinen eher unfreiwillig komisch als gruselig. Ihr Schauspielpartner Antonio Cantafore agiert farblos, und auch Joseph Cotten haben wir schon deutlich besser gesehen – er spielt den im Rollstuhl sitzenden Millionär Alfred Becker, der das Schloss bei einer Auktion ersteigert.

Das junge Paar erlebt Grauenhaftes

Übernatürlicher Horror bedingt zwangsläufig, dass wir als Filmgucker in der realen Welt unmögliche Phänomene und Erscheinungen hinnehmen. Sie sollten jedoch ihrer inneren Logik folgen. „Baron Blood“ übertreibt es mit den fantastischen Absurditäten etwas. Das genauer zu thematisieren, würde aber zu viel verraten. Lasst euch überraschen, vielleicht stört Ihr euch nicht so sehr daran wie ich!

US-Fassung ebenfalls enthalten

Die 2005 erschienene DVD ist lange vergriffen, mit dem vierten Teil der Mario Bava Collection schließt Koch Films die nächste Lücke. Für Bava-Fans ist „Baron Blood“ trotz seiner Mängel natürlich unverzichtbar, umso besser, dass der Film nun in einer prima Veröffentlichung und guter Bild- und Tonqualität vorliegt. Sie enthält außer einigen Interviews auch die um einige Gewaltszenen und Dialoge gekürzte und mit alternativem Score versehene Schnittfassung für die US-Kinos.

Keine schöne Ruhestätte

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Mario Bava sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Joseph Cotten in der Rubrik Schauspieler.

Der auferstandene Blutbaron jagt Eva

Veröffentlichung: 22. Juni 2017 als Mario Bava Collection #4 (Blu-ray & 2 DVDs), 27. Oktober 2005 als DVD (E-M-S)

Länge: 98 Min. (Blu-ray, europäische Fassung), 91 Min. (Blu-ray, US-Fassung), 94 Min. (DVD, europäische Fassung), 87 Min. (DVD, US-Fassung)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Italienisch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Gli orrori del castello di Norimberga
Alternativer US-Titel: The Torture Chamber of Baron Blood
IT/BRD 1972
Regie: Mario Bava
Drehbuch: Vincent Fotre
Besetzung: Joseph Cotten, Elke Sommer, Massimo Girotti, Antonio Cantafora, Luciano Pigozzi, Umberto Raho, Rada Rassimov, Dieter Tressler
Zusatzmaterial: Interviews mit Elke Sommer, Antonio Cantafora, Stelvio Cipriani, Lamberto Bava und Pilar Castel, Audiokommentar mit Tim Lucas, Doku „Schloss des Grauens“, alternative Anfänge und Enden, amerikanische Schnittfassung, englischer und italienischer Trailer
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2017 by Volker Schönenberger

Fotos, Packshot & Trailer: © 2017 Koch Films

 
 

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Suburra – 7 Tage bis zur Apokalypse: Meisterhaftes Mafia-Epos

Suburra

Von Volker Schönenberger

Mafia-Thriller // Eine Debatte im italienischen Parlament endet. Filippo Malgradi (Pierfrancesco Favino), Abgeordneter einer der Regierungsparteien, gönnt sich eine Auszeit und vergnügt sich in einem edlen Hotel mit zwei Prostituierten und ein wenig Rauschgift. Doch dann liegt die jüngere der beiden Frauen – eine Minderjährige – tot auf dem Bett. Malgradi zieht von dannen und überlässt es Sabrina (Giulia Gorietti), ihre tote Kollegin zu „entsorgen“.

Korrupt und gierig – Filippo Malgradi ist der Inbegriff des italienischen Parlamentariers

Der Auftakt von „Suburra – 7 Tage bis zur Apokalypse“ gibt mit hypnotischem Score des französischen Dreampop-Duos M83 die Stimmung vor, die sich bis zum Ende durch den Film ziehen wird. Während sich Malgradi in Rom noch vergnügt und im Drogenrausch im Regen vom Balkon strullert, wird anderswo ein Mann von einem Auto totgefahren – ein brutaler Mord. Am Strand von Roms Küstenstadtteil Ostia brennt ein Gebäude ab, direkt daneben prügelt der als Numero 8 bekannte Gangster Aureliano Adami (Alessandro Borghi) einen Gefesselten zusammen, dem er eine Unterschrift abringen will.

Wer nicht spurt, dem wird gezeigt, wo der Hammer hängt

 

Der Upper-Class-Zuhälter Sebastiano (Elio Germano) trifft abends seinen Vater. Er wimmelt ihn ab, und kurz darauf springt der alte Herr von einer Brücke in den Tiber. Er war bei der Anacleti-Familie hoch verschuldet. Patriarch Manfredi Anacleti (Adamo Dionisi) überträgt kurzerhand die Schulden des Vaters auf den Sohn und verlangt von Sebastiano dessen gesamten Besitz. Und dann ist da noch der Mafioso Samurai (Claudio Amendola), eine graue Eminenz mit großem Einfluss. Es geht um Geld, viel Geld – ein Projekt zur Uferbebauung in Ostia steht an, das aus dem Bezirk ein zweites Las Vegas machen soll. Dafür soll der korrupte Malgradi im Auftrag von Samurai ein Gesetz durchboxen, bevor eine dräuende Regierungskrise eskaliert.

Eine tote Prostituierte wird beiseitegeschafft

Der Titel „Suburra“ bezieht sich auf Subura, den Namen eines Stadtviertels im antiken Rom. Die Story des Films spielt sich an sieben Tagen des Jahres 2011 ab, aufgefangen wird das mit einem Texttafel-Countdown, der die einzelnen Handlungsabschnitte einleitet. Stefano Sollima saß auch für die hochgelobte Mafia-Serie „Gomorrha“ sowie zuvor „Romanzo Criminale – Der Pate von Rom“ auf dem Regiestuhl. Mit „Suburra – 7 Tage bis zur Apokalypse“ beweist er erneut, wie meisterhaft er das organisierte Verbrechen zu inszenieren vermag. Sogar der Vatikan mischt mit, wenn sich Korruption und Gewalt Bahn brechen und ein Geflecht des Verbrechens auftut. Dabei weiß man als Zuschauer gar nicht, wen man mehr verabscheuen soll – die so brutalen wie hemmungslosen Mafiosi oder die käuflichen Politiker.

Numero 8 hat eine Schwäche für die drogensüchtige Viola

Helden oder irgendwie geartete Figuren mit Identifikationspotenzial gibt es keine. Das erschwert gemeinhin den Zugang zu einem Film, bei „Suburra“ ist das aber nicht der Fall. Schnell entfaltet die Story eine Sogwirkung. Das zu Beginn einigermaßen zügig eingeführte Figurenensemble verwirrt gar nicht mal, der geübte Filmgucker bringt die Fäden problemlos zusammen. Dabei ist „Suburra“ weitaus stylischer als beispielsweise Matteo Garrones trister und niederdrückender „Gomorrha – Reise in das Reich der Camorra“, 2008 nach Roberto Savianos Vorlage gedreht.

Geht es für Malgradi nur noch aufwärts?

2015 hat Netflix für 2017 eine Serien-Umsetzung von „Suburra“ angekündigt. Die Dreharbeiten begannen im Herbst 2016. Angesichts der Qualität der Kinoadaption des Romans dürfen wir uns drauf freuen. „Throw in a glacially cool M83 score and you have a Mafia thriller of which even Scorsese would be proud.“ So schrieb es Phil De Semlyen, der Rezensent der englischen Filmzeitschrift „Empire“. Nun hat Martin Scorsese mit „Casino“ (1995) und vor allem „GoodFellas – Drei Jahrzehnte in der Mafia“ (1990) natürlich zwei der ganz großen Mafia-Epen der Filmgeschichte vorgelegt, die Latte hängt unermesslich hoch. Aber sollte der Gute „Suburra“ bislang noch nicht geschaut haben, dann wird es höchste Zeit, dass ihm jemand den italienischen Mafia-Thriller empfiehlt. Es würde mich sehr wundern, wäre Scorsese nicht äußerst angetan.

Samurai zieht im Hintergrund die Fäden

Veröffentlichung: 8. Juni 2017 als Blu-ray und DVD

Länge: 130 Min. (Blu-ray), 125 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Italienisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Suburra
IT/F 2015
Regie: Stefano Sollima
Drehbuch: Sandro Petraglia, Stefano Rulli, Giancarlo De Cataldo, Carlo Bonini, nach einem Roman von Giancarlo De Cataldo und Carlo Bonini
Besetzung: Pierfrancesco Favino, Greta Scarano, Alessandro Borghi, Jean-Hugues Anglade, Elio Germano, Giulia Gorietti, Claudio Amendola, Marco Quaglia, Lidia Vitale, Adamo Dionisi
Zusatzmaterial: Hinter den Kulissen, deutsche Kinotrailer (FSK 12 & FSK 16), deutscher Kurztrailer, italienischer Trailer, Bildergalerie
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2017 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshot: © 2017 Koch Films

 

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