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Torso – Die Säge des Teufels: Billig-Giallo von der Stange

I corpi presentano tracce di violenza carnale

Von Volker Schönenberger

Horrorthriller // In einer italienischen Universitätsstadt vergnügt sich spätabends ein Pärchen im Auto. Im Anschluss an den Höhepunkt bemerken die beiden, dass sie von einem Maskierten beobachtet worden sind. Wutentbrannt springt der Liebhaber aus dem Auto und stürmt dem Voyeur hinterher. Ein Fehler, der das Paar das Leben kostet. Der Serienmörder hat es auf Studentinnen der Kunstgeschichte abgesehen, die er vorzugsweise mit einem Halstuch stranguliert, um sie anschließend fachmännisch mit Messer oder Säge zu zerlegen. Sie alle besuchten auch Vorlesungen des attraktiven Professors Franz (John Richardson).

Der sonderbare Kommilitone

Die US-Gaststudentin Dani (Tina Aumont) verdächtigt bald ihren schrägen Kommilitonen Stefano (Roberto Bisacco). Um sich in Sicherheit zu bringen, reist sie mit ihrer Freundin Jane (Suzy Kendall) und zwei weiteren Studentinnen in eine Villa hoch über der Stadt. Eine trügerische Sicherheit.

Italienisches Exploitationkino mit schönen Frauen, grausamen Morden, eindringenden Klingen und kunstvollen Bildern – das zeichnet im Groben den Giallo aus. „Torso – Die Säge des Teufels“ hat davon reichlich zu bieten – von den kunstvollen Bildern allerdings nicht ganz so sehr. Der Horrorthriller von 1973 gehört zu den billigen Vertretern dieses an billigen Vertretern wohl nicht armen Genres. Mit seinem italienischen Setting und dem Easy-Listening-Soundtrack entfaltet er sogar einen gewissen Reiz, der in Verbindung mit dem reißerischen deutschen Verleihtitel wohl dazu beigetragen hat, dass er es in unserem Sprachraum zu einigen Veröffentlichungen gebracht hat. Allzu oft sieht man die Säge allerdings nicht im Einsatz, blutig genug ist der Streifen dennoch geraten. In ungeschnittener Fassung indiziert, erhielt „Torso – Die Säge des Teufels“ für den regulären Handel eine übel verstümmelte FSK-16-Fassung, von der nur abgeraten werden kann – siehe den Schnittbericht.

Mal wieder nackige Frauen

Es gibt reichlich nackte Haut zu betrachten, natürlich vornehmlich weiblichen Geschlechts. Auch eine lesbische Szene darf nicht fehlen, um die vornehmlich männliche Giallo-Zielgruppe zu vergrößern. Immerhin werden auch einige Kerle dahingemeuchelt. Da ist zum Beispiel der Knilch, der so bescheuert ist, doch tatsächlich einen Mann, den er zu Recht für den Mörder hält, nicht nur zu erpressen, sondern ihn obendrein zur Übergabe des Geldes spätabends an eine einsame Stelle zu beordern. Das gibt Regisseur Sergio Martino („Die weiße Göttin der Kannibalen“, 1978) immerhin Gelegenheit zu einer schönen Mordszene mit einem Auto als Tatwerkzeug. Aber müssen sich Opfer wirklich unbedingt so selten dämlich verhalten?

Die Figuren sind durchweg reißbrettartig entworfen, psychologische Tiefe wird weder beim Täter noch bei den Opfern geboten. Das wäre auch der Erwartungshaltung zu viel gewesen. Ein Erinnerungsfetzen mit einer Puppenmaske muss als Andeutung eines kruden kindlichen Traumas herhalten, das den Killer im Menschen hervorgerufen hat und am Ende auch gezeigt wird, das war es dann aber auch schon. Wer der Mörder ist, kann man sich an den fünf Fingern einer Hand ausrechnen. Dass sein Gesicht während seiner Taten nicht zu sehen ist, ändert daran auch nichts. Für Giallo-Komplettisten mag „Torso – Die Säge des Teufels“ Pflichtprogramm sein, allen anderen Horrorfans dürfte die einmalige Sichtung tunlichst reichen.

Veröffentlichung (geschnitten): 14. Juni 2013 als Blu-ray und DVD

Länge: 77 Min. (Blu-ray), 74 Min. (DVD)
Länge der Uncut-Versionen: 97 Min. (Blu-ray), 90 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16 (Uncut-Version: FSK ungeprüft, juristisch geprüft – strafrechtlich unbedenklich)
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Italienisch
Untertitel: keine
Originaltitel: I corpi presentano tracce di violenza carnale
Internationaler Titel: Carnal Violence
IT 1973
Regie: Sergio Martino
Drehbuch: Ernesto Gastaldi, Sergio Martino
Besetzung: Suzy Kendall, Tina Aumont, Luc Merenda, John Richardson, Roberto Bisacco, Patrizia Adiutori, Luciano Bartoli, Ernesto Colli, Angela Covello, Carla Brait
Zusatzmaterial: keine Angabe
Vertrieb: VZ-Handelsgesellschaft mbH

Copyright 2017 by Volker Schönenberger
Packshot Blu-ray: © 2013 VZ-Handelsgesellschaft mbH

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Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauert – Die Gangster des Staates

Confessione di un commissario di polizia al procuratore della repubblica

Von Simon Kyprianou

Gangsterdrama // „Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauert“ ist Teil einer ganzen Serie italienischer Polizeifilme aus den 70ern und 80ern, die aus der dynamischen Erzählweise ihres Genres heraus beobachten und analysieren, wie die Gesellschaft an der Korruption ihrer politischen Führer krankt; wie diese – viele von ihnen Überbleibsel aus der Zeit des Faschismus – sich ihren Allmachtsfantasien hemmungslos hingeben.

Franco Nero als Staatsanwalt

Dabei folgt Damiano Damianis Krimi aber nicht nur einer vertikalen Struktur, in der sich Polizisten oder Staatsanwälte gegen den korrupten Staatsapparat zur Wehr setzen, sondern der Regisseur fügt dieser vertikalen Struktur noch eine horizontale hinzu: Ein Staatsanwalt (Franco Nero) und ein Polizist (Martin Balsam), die zusammen den Anschlag auf einen in Korruption der Regierung verstrickten Bauunternehmer (Luciano Catenacci) aufklären sollen, misstrauen sich auch gegenseitig: Jeder glaubt vom anderen, er sei bestechlich. Und es wird dieses Klima des unüberwindbaren gegenseitigen Misstrauens sein, das ihre Bemühungen am Ende zu Fall bringt, obwohl sie beide eigentlich dasselbe Ziel verfolgen.

Damiani findet einen enorm dynamischen Rhythmus in dem er seinen Film erzählt, der sich zum Teil aus dem Klima des Misstrauens, hauptsächlich aber aus den getriebenen Figuren entwickelt: zum einen dem älteren, desillusionierten, abgeklärten Polizeiinspektor, seinem Gegenüber dem jungen, ambitionierten Staatsanwalt und insbesondere der tragischen Figur der Ex-Freundin (Marilù Tolo) des Bauunternehmers, die aus ihrer Leidenschaft für ihn große Schuld auf sich geladen hat. Dominik Graf beschreibt in einem Beitrag über „Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauert“ eine der schönsten Szenen des Films – die, in der die Ex-Freundin nach Jahren des Schweigens und der Schuld, die in ihr gearbeitet hat, gegen den Bauunternehmer und seine Komplizen aussagt: „Dann steht sie auf und geht. Keine Musik. Keine Zufahrt. Ende der Szene. So viele Untiefen der Seele sang- und klanglos in einen einzigen profanen Schnitt-Gegenschnitt zu legen – das macht heute so keiner mehr.“ Und das ist die große Stärke Damianis Gangsterdramas: die Mühelosigkeit und Eleganz mit der er ganz unsentimental die Geschichte, mit der er vor allem aber über seine Figuren erzählt. So inszeniert Damiani am Ende auch einen der schönsten Filmtode überhaupt: Inmitten einer Filmvorführung im Gefängnis sinkt der Sterbende – vollkommen allein zwischen den Zuschauern – auf einen Stuhl und stirbt – um ihn herum tobt das tosende Gelächter der Insassen über den Film.

Das Individuum und der Staat

Wenn Dominik Graf schreibt „das macht heute so keiner mehr“, kann man das auf das gesamte Genre der italienischen Polizeithriller der 70er und 80er beziehen, viele von ihnen Geschichten über das Spannungsfeld zwischen Individuum und Staat. In die Reihe eingliedern lassen sich Filme wie „Das Geheimnis der grünen Stecknadel“ und der wunderbare „Der Tod trägt schwarzes Leder“, beide von Massimo Dallamano oder auch „Der Tag der Eule“, der von Damiani stammt und natürlich auch „Ermittlungen gegen einen über jeden Verdacht erhabenen Bürger“.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Franco Nero sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 30. Juni 2009 und 12. Mai 2005 als DVD

Länge: 101 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Italienisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Confessione di un commissario di polizia al procuratore della repubblica
Internationaler Titel: Confessions of a Police Captain
IT 1971
Regie: Damiano Damiani
Drehbuch: Damiano Damiani, Salvatore Laurani
Besetzung: Franco Nero, Martin Balsam, Marilù Tolo, Claudio Gora, Luciano Catenacci, Giancarlo Prete, Arturo Dominici, Michele Gammino, Adolfo Lastretti
Zusatzmaterial: Bildergalerie, Kinotrailer Featurette über Franco Nero, italienischer Vorspann, Credits
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2017 by Simon Kyprianou

Packshots: © 2005/2009 Koch Films, Filmplakat: Fair Use

 

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Mario Bava (VI): Baron Blood – Der Blutbaron geht um

Gli orrori del castello di Norimberga

Von Volker Schönenberger

Horror // Peter Kleist (Antonio Cantafore) besucht in Österreich seinen Onkel Karl Hummel (Massimo Girott), um mehr über seine Vorfahren zu erfahren. Otto von Kleist, Urahn der beiden, war als „Blutbaron“ gefürchtet. Das alte Schloss der Familie soll in ein Hotel umgewandelt werden. Schnell wirft Peter ein Auge auf Eva (Elke Sommer), die Assistentin des Investors. Bei einem nächtlichen Ausflug in das Gemäuer spricht der junge Mann einen Fluch aus, der den Blutbaron zurück ins Leben holen soll.

Peter (3. v. l.) wirft ein Auge auf Eva

Gedreht wurde „on location“ in Österreich, darunter auf Burg Kreuzenstein, die bis heute als Kulisse für Film- und Fernsehproduktionen gern genommen wird. Regisseur Mario Bava fungierte für „Baron Blood“ auch als Kameramann. Sein Gespür für Perspektiven und beispielsweise auch der Einsatz von Zoom bringt die herrlichen Kulissen zu schauriger Geltung. Das und einige im positiven Sinne brutale Szenen überdecken ein wenig, dass wir es mit einem der schwächeren Werke des italienischen Filmemachers zu tun haben.

Keine „Scream Queen“: Elke Sommer

Leider trübt ausgerechnet Elke Sommer das Sehvergnügen beträchtlich. Ihre albern wirkenden Angstausbrüche und Schreckensschreie sind nicht gerade angetan, sie zu einer frühen „Scream Queen“ zu adeln. Szenen, in denen sie wiederholt vor der Schreckensgestalt des auferstandenen Barons flieht, erscheinen eher unfreiwillig komisch als gruselig. Ihr Schauspielpartner Antonio Cantafore agiert farblos, und auch Joseph Cotten haben wir schon deutlich besser gesehen – er spielt den im Rollstuhl sitzenden Millionär Alfred Becker, der das Schloss bei einer Auktion ersteigert.

Das junge Paar erlebt Grauenhaftes

Übernatürlicher Horror bedingt zwangsläufig, dass wir als Filmgucker in der realen Welt unmögliche Phänomene und Erscheinungen hinnehmen. Sie sollten jedoch ihrer inneren Logik folgen. „Baron Blood“ übertreibt es mit den fantastischen Absurditäten etwas. Das genauer zu thematisieren, würde aber zu viel verraten. Lasst euch überraschen, vielleicht stört Ihr euch nicht so sehr daran wie ich!

US-Fassung ebenfalls enthalten

Die 2005 erschienene DVD ist lange vergriffen, mit dem vierten Teil der Mario Bava Collection schließt Koch Films die nächste Lücke. Für Bava-Fans ist „Baron Blood“ trotz seiner Mängel natürlich unverzichtbar, umso besser, dass der Film nun in einer prima Veröffentlichung und guter Bild- und Tonqualität vorliegt. Sie enthält außer einigen Interviews auch die um einige Gewaltszenen und Dialoge gekürzte und mit alternativem Score versehene Schnittfassung für die US-Kinos.

Keine schöne Ruhestätte

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Mario Bava sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Joseph Cotten in der Rubrik Schauspieler.

Der auferstandene Blutbaron jagt Eva

Veröffentlichung: 22. Juni 2017 als Mario Bava Collection #4 (Blu-ray & 2 DVDs), 27. Oktober 2005 als DVD (E-M-S)

Länge: 98 Min. (Blu-ray, europäische Fassung), 91 Min. (Blu-ray, US-Fassung), 94 Min. (DVD, europäische Fassung), 87 Min. (DVD, US-Fassung)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Italienisch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Gli orrori del castello di Norimberga
Alternativer US-Titel: The Torture Chamber of Baron Blood
IT/BRD 1972
Regie: Mario Bava
Drehbuch: Vincent Fotre
Besetzung: Joseph Cotten, Elke Sommer, Massimo Girotti, Antonio Cantafora, Luciano Pigozzi, Umberto Raho, Rada Rassimov, Dieter Tressler
Zusatzmaterial: Interviews mit Elke Sommer, Antonio Cantafora, Stelvio Cipriani, Lamberto Bava und Pilar Castel, Audiokommentar mit Tim Lucas, Doku „Schloss des Grauens“, alternative Anfänge und Enden, amerikanische Schnittfassung, englischer und italienischer Trailer
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2017 by Volker Schönenberger

Fotos, Packshot & Trailer: © 2017 Koch Films

 
 

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