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David Cronenberg (IX): Crash – Verkehrsunfall als Sex-Fetisch

Crash

Von Volker Schönenberger

Psychodrama // In einem Kleinflugzeug-Hangar steht Catherine Ballard (Deborah Kara Unger), entblößt sich, berührt sich in erotischer Verzückung. Ein Mann tritt hinter sie, beginnt sie zu liebkosen …

In einem Filmstudio wird der Produzent James Ballard (James Spader) gesucht. Der treibt es gerade in einem Nebenraum mit einer Kameraassistentin. Abends berichten die Ballards einander von ihren erotischen Eskapaden, die offenbar nur leidlich befriedigend ausfielen.

James und Helen überkommt die Lust

Als James des Abends allein im Auto unterwegs ist, studiert er leichtsinnigerweise während der Fahrt ein paar Unterlagen. Es kommt, wie es kommen muss: Er verliert die Kontrolle über sein Fahrzeug, gerät auf die Gegenfahrbahn und verursacht einen Frontalzusammenstoß. Der Beifahrer des anderen Autos wird durch beide Windschutzscheiben geschleudert. Schwer verletzt und benommen, bemerkt James die Fahrerin (Holly Hunter), die beim Versuch, sich aus dem Fahrzeug zu befreien, versehentlich eine Brust entblößt.

Begegnungen im Krankenhaus

Im Krankenhaus trifft James nicht nur auf die Fahrerin Helen Remington – Witwe des Mannes, den er auf dem Gewissen hat –, sondern auch auf Vaughan (Elias Koteas), der sich auffällig für seine Verletzungen interessiert, nachdem er erfahren hat, dass James ein Unfallopfer ist. Nachdem seine Verletzungen einigermaßen verheilt sind, sucht James den Abstellplatz für Unfallfahrzeuge auf, wo auch sein Auto steht. Dort begegnet er erneut Helen Remington. Die beiden kommen ins Gespräch, und er bietet an, sie zum Flughafen zu fahren. Ein Beinahe-Unfall auf der Fahrt dorthin löst in beiden sonderbare erotische Wallungen aus …

Von der Lust am Auto zur Lust am Schrottauto

Faszinosum Auto – wer kann sich schon dem Reiz glänzender Karosserien und röhrender Motoren entziehen? Viele moderne Fahrzeuge langweilen zwar eher, aber wenn ein schnittiger Wagen den Weg kreuzt, schauen viele hinterher. Und wenn wir an einem Verkehrsunfall vorbeifahren, sind wir versucht, anzuhalten und uns die Szenerie genau zu betrachten (die anständigen Menschen fahren weiter, die Gaffer zücken ihr Smartphone, um zu fotografieren oder zu filmen). Der britische Schriftsteller J. G. Ballard ging in seinem 1973 erstveröffentlichten Roman „Crash“ eine Stufe weiter, ersann aus der Faszination für Autos und besonders Unfallautos einen sexuellen Fetisch, der gar nicht mal weit hergeholt erscheint (besonders nicht bei uns im Autoland Deutschland).

James (hi.) fährt Vaughan durch die Nacht

Der stets sehr körperbetont filmende kanadische Ausnahmeregisseur David Cronenberg („Die Fliege“, „Shivers – Parasiten-Mörder“) setzte Ballards literarische Vison in ausgesprochen kühlen Motiven städtischer Straßenansichten um, untermalt von Howard Shores zurückhaltenden Elektro-Klängen, die ebenfalls keine Wärme verströmen. Die Eheleute Ballard scheinen einander zugetan zu sein, gehen miteinander aber ausgesprochen cool um. Was sie außer dem Sexualtrieb verbindet, erfahren wir nicht. Dass beide außerehelichen Sex suchen, wirkte auf mich nicht wie das Resultat einer Entfremdung, sondern als Teil ihres Lebens, für den sie sich gleichberechtigt entschieden haben. Womöglich verbindet sie eine Leere in ihrem Leben, die zu groß ist, als dass sie sie als Paar zu zweit ausfüllen können. So wirkt ihr stylisher Sex zwar erotisch, hat jedoch wenig von behaglicher Zärtlichkeit. Das gilt generell für jede Sexszene des Films, auch für die außerehelichen Sexualkontakte des Paars. Diese inszeniert Cronenberg erwartungsgemäß körperbetont, jedoch ohne plumpen Voyeurismus zu bedienen. Ein paar Mal scheint mir die Kamera geradezu die weiblichen Kurven mit den eleganten Linien von Karosserien zu vergleichen.

Sich von Autounfällen antörnen zu lassen, bringt zwar neuen Reiz und neuen Sex ins Leben der Ballards, nach Erfüllung oder Erlösung sieht das aber bis zum Ende nicht aus. Viel Hoffnung gibt uns David Cronenberg somit nicht mit, sein Fazit fällt eher deprimierend aus. Brauchen die Eheleute und die anderen Verkehrsunfall-Fetischisten diese extremen Reize, um überhaupt etwas zu spüren?

Der Gaffer

Auch wenn ich nicht glaube, dass Cronenberg das beabsichtigte, schlägt eine Szene doch einen Bogen zur besonders hier in Deutschland laufenden Debatte um das Wesen der Gaffer: Die Eheleute Ballard fahren abends in Begleitung von Vaughan umher und gelangen zum Ort eines schweren Verkehrsunfalls mit diversen beteiligten Fahrzeugen. Besonders Vaughan tut sich besonders schäbig hervor, indem er völlig hemmungslos so viele Details inklusive noch im Auto befindlicher Unfallopfer fotografiert, wie es ihm möglich ist. Cronenberg geht es allerdings gar nicht darum, dieses Verhalten anzuprangern, da es darauf keinerlei Reaktion von anderen gibt. Weder ein Feuerwehrmann noch ein Polizist weisen ihn zurecht, und die solcherart belästigten Unfallopfer sind viel zu benommen, um irgendeinen Ausdruck des Protests zu formulieren oder Vaughan abzuwehren.

Auf dem Rücksitz geht es heiß her

Hier sind wir wieder bei der Leere in manchen Menschen oder unserer Gesellschaft: Wie groß muss sie sein, dass wir sie mit derart absurder „Unterhaltung“ füllen wollen? Womöglich meinte der ehemalige „Die Nacht der lebenden Texte“-Autor Simon Kyprianou dies, als er in seiner Rezension von Cronenbergs Regiearbeit schrieb: „Crash“ ist ein abstrakter Film, weg von direkten Objekten wie Fernsehen, Videospielen oder Drogen. Er wirkt durch diese Abstraktheit wie eine Essenz aus Conenbergs Schaffen. David Cronenberg hätte vielleicht auch etwas über tatsächliche „Zerstreuungen“ zu sagen, die in unserer Gesellschaft zu bemerken und die ebenfalls körperbetont und mit Lebensgefahr verbunden sind – etwa Freiklettern, Wingsuitsprünge von Berggraten und -gipfeln und andere Tollkühnheiten ihres leeren Lebens anscheinend Überdrüssiger.

Die Romanvorlage in der „Edition Phantasia“

J. G. Ballards Roman erschien 1985 als deutsche Erstausgabe in auf 1.000 nummerierte Exemplare limitierter und illustrierter Vorzugsausgabe der „Edition Phantasia“, übersetzt von Verleger Joachim Körber persönlich. Die ersten 300 Ausgaben mit von J. G. Ballard signiertem Foto sind lange vergriffen, ohne Foto ist die Edition noch lieferbar.

Referenz-Mediabook von Turbine

Die bisherigen drei deutschen DVD-Veröffentlichungen kamen allesamt etwas schmalbrüstig daher, da wurde es Zeit für eine Referenz-Edition – und die liefert Turbine definitiv ab. 2018 auf der Berlinale angekündigt, hat sich das Label ausgiebig Zeit genommen, das bestmögliche Material des original 35mm-Kameranegativs aufzuspüren und für eine 4K-Abtastung zu restaurieren – stets überwacht von David Cronenberg selbst sowie seinem Stamm-Kameramann Peter Suschitzky. Ein paar Details des aufwendigen Projekts können im Booklet der Turbine-Mediabooks nachgelesen werden.

Bonusbombe: drei Cronenberg-Kurzfilme

Das Bonusmaterial auf den Discs enthält etliche neue und alte Interviews sowie als besonderes Schmankerl drei Kurzfilme von Cronenberg: „The Nest“ (2013), „At the Suicide of the Last Jew in the World in the Last Cinema in the World“ (2007) und „Camera“ (2000).

Für das üppige und fein bebilderte Booklet hat sich Turbine gleich zwei Autoren gegönnt, die auf 40 Seiten kaum Fragen zu David Cronenberg im Allgemeinen und „Crash“ im Besonderen offen lassen (okay, das ist übertrieben, weil man über einen so außergewöhnlichen Regisseur wie den Kanadier immer noch mehr schreiben kann, aber Ihr wisst, was ich meine). Erst lässt sich Christoph N. Kellerbach so ausführlich wie versiert über David Cronenberg und J. G. Ballard aus, geht dann auf die Entstehung des Films ein und beleuchtet auch die seinerzeitige Rezeption von „Crash“ bei Kritikern und Zensoren.

Die Unfall-Forschung von Paul Virilio

In einem weiteren Abschnitt mit dem Titel Der formale Crash – etwas unpassend mit der selbstreferenziellen Unterzeile Von Christoph N. Kellerbach zu Stefan Jung versehen – geht es um den französischen Philosophen Paul Virilio (1932–2018) und dessen Gedanken zu und Kritik an der modernen, vom technologischen Fortschritt geprägten Gesellschaft. Im Anschluss daran geht der zweite Autor Stefan Jung im Text Der soziale Crash – Grundlegende Analysen von Virilios Unfall-Forschung bezogen auf „Crash“ tiefer auf Virilios Analysen ein und setzt sie in einen Kontext zu Cronenbergs Film. Das hat hohes analytisches Niveau, sehr schön, auch mal so etwas in einem Booklet zu finden, bei diesem Film allemal angebracht.

Auch Catherine gibt sich Vaughan hin

Ein Haar habe ich aber doch in dieser gehaltvollen Booklet-Suppe gefunden, das ich allerdings nicht Kellerbach und Jung anlasten möchte: Leider wurde es versäumt, beide Autoren vor Ablieferung ihrer Texte auf einheitliche Standards zu briefen. Das beginnt schon bei der Autorennennung – bei Kellerbach am Ende seines Textes inklusive Kurzvorstellung seiner Person, bei Jung über seinem Text ohne jedes Wort über ihn selbst. Die Unterschiede setzen sich fort bei der Nennung von Filmtiteln bis hin zu Fußnoten-Formaten, wo es besonders ins Auge sticht, weil sich diese kumuliert auf einer Doppelseite befinden. Das mögen kleine Makel sein, die den meisten Booklet-Lesern nicht auffallen oder gleichgültig sein werden; angesichts der ansonsten in jedem Aspekt hochwertigen Qualität der gesamten Veröffentlichung habe ich mich aber gefragt, weshalb es hierfür offenbar keine Textchef- oder Chef-vom-Dienst-Instanz gab. Meiner Gesamtbewertung tut das keinen Abbruch – das „Crash“-Mediabook müsste am Jahresende in Ranglisten der besten deutschen 2020er-Film-Veröffentlichungen auf vorderen Rängen zu finden sein und hält auch dem Vergleich mit Editionen internationaler Top-Labels stand.

Cronenberg-Fan: Martin Scorsese

Cronenbergs filmische Umsetzung ist alles andere als leichte Kost und wurde folgerichtig überaus kontrovers aufgenommen, dafür aber auch mehrfach prämiert. So gab es 1996 in Cannes den Spezialpreis der Jury, obendrein gewann das Werk die Genie Awards – der damalige kanadische Filmpreis – in den Kategorien Regie, adaptiertes Drehbuch, Kamera, Ton und Tonschnitt. Ebenso erhielt „Crash“ als erfolgreichster Film an kanadischen Kinokassen 1996 den Golden Reel Award. Für den bekennenden Cronenberg-Fan Martin Scorsese gilt das Werk als einer der besten Filme der 90er-Jahre, eine Einordnung, die auch die renommierte französische Filmzeitschrift „Cahiers du cinéma“ vertritt. Das kann so stehen bleiben.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von David Cronenberg haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Veröffentlichung: 22. Mai 2020 als Limited 2-Disc Edition Mediabook (Blu-ray & DVD, Cover Classic: 500 Exemplare, Cover modern: 2.000 Exemplare) und Limited 2-Disc Edition Mediabook (UHD Blu-ray & Blu-ray, 1.000 Exemplare), 23. August 2012, 30. Oktober 2003 und 5. Oktober 1999 als DVD

Länge: 100 Min. (Blu-ray), 96 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Crash
KAN 1996
Regie: David Cronenberg
Drehbuch: David Cronenberg, nach einem Roman von J. G. Ballard
Besetzung: James Spader, Holly Hunter, Elias Koteas, Deborah Kara Unger, Rosanna Arquette, Peter MacNeill, Cheryl Swarts, Yolande Julian, Judah Katz, Nicky Guadagni
Zusatzmaterial Mediabooks: neue Interviews in HD: Talk mit Viggo Mortensen & David Cronenberg (52 Min.), Kameramann Peter Suschitzky (20 Min.), Produzent Jeremy Thomas (17 Min.), Komponist Howard Shore (23. Min.), Casting Director Deirdre Bowen (27 Min.), Archiv-Interviews zum Kinostart mit den Machern & Stars (22 Min.), Hinter den Kulissen (11 Min.), Kurzfilme von David Cronenberg: „The Nest“ (9 Min.), „Camera“ (6 Min.), „At the Suicide of the Last Jew in the World in the Last Cinema in the World“ (4 Min.), US-NC-17-Trailer, Trailer, 40-seitiges Booklet mit Texten von Christoph N. Kellerbach und Stefan Jung
Label/Vertrieb 2020: Turbine Medien
Label/Vertrieb 2012: Studiocanal Home Entertainment
Label/Vertrieb 2003: MCP Sound & Media AG
Label/Vertrieb 1999: Kinowelt

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Packshots Mediabooks: © 2020 Turbine Medien,
Packshots DVD: Studiocanal Home Entertainment bzw. MCP Sound & Media AG

 
 

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High-Rise – Im Luxus-Hochhaus in die Barbarei

High-Rise-Plakat

High-Rise

Kinostart: 30. Juni 2016

Von Volker Schönenberger

SF-Drama // Dr. Robert Laing (Tom Hiddleston) haust in seiner heruntergekommenen und vermüllten Wohnung wie ein Messie, seine Nachbarn im Hochhaus scheinen ähnlich drauf zu sein. Den Schäferhund, der seine Gesellschaft gesucht hat, tötet und schlachtet er, um ihn in Teilen am Spieß zu grillen.

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Dr. Robert Laing zieht ins …

Soweit der Prolog von „High-Rise“, der sich im Übrigen am Einstieg des zugrunde liegenden Romans von J. G. Ballard orientiert. Die Handlung springt drei Monate zurück. Laing bezieht 1975 sein neues Appartement in dem luxuriösen, vom exzentrischen Architekten Anthony Royal (Jeremy Irons) errichteten Hochhaus. Der lebt mit seiner Frau Ann (Keeley Hawes) ganz oben im größten Penthouse des 40-stöckigen Gebäudes; die Dachterrasse hat er zum Park ausgebaut, in dem Ann mit ihrem Pferd (!) ausreiten kann.

Gesellschaftlicher Aufstieg – im Hochhaus nicht einfach

Das Gebäude bietet alle denkbaren Annehmlichkeiten, vom Supermarkt bis zu Swimming-Pool und Fitnessstudio. Theoretisch müssten seine Bewohner es gar nicht mehr verlassen, was einige auch so zu handhaben scheinen. Bald kristallisiert sich bei all dem Wohlstand eine strenge dreistufige Hierachie heraus: Wer oben lebt, gehört zur Oberschicht, der gesellschaftliche Aufstieg dorthin ist schwierig bis unmöglich. Das missfällt beispielsweise dem Dokumentarfilmer Richard Wilder (Luke Evans), der es mit seiner schwangeren Frau Helen (Elisabeth Moss) nur in den zweiten Stock geschafft hat. Nach und nach blättert bei vielen Bewohnern der Zivilisationslack ab. Die Außenwelt scheint fern, in der Abgeschlossenheit des Hochhauses gewinnen Barbarei und vertiertes Gebaren die Oberhand.

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… von Stararchitekt Anthony Royal errichtete Hochhaus

Mit dem Horrorthriller „Kill List“ und der Thriller-Groteske „Sightseers – Killers on Tour!“ machte Regisseur Ben Wheatley 2011 und 2012 nachhaltig auf sich aufmerksam. Das Historiendrama „A Field in England“ erregte ein Jahr später nicht ganz so viel Interesse, doch nun hat Wheatley mit „High-Rise“ Gelegenheit, sich nachhaltig für große Produktionen ins Gespräch zu bringen – das nicht zuletzt dank der erlesenen Besetzung: Mit dem als kommender Bond-Darsteller im Gespräch befindlichen Tom „Loki“ Hiddleston („Only Lovers Left Alive“, „Crimson Peak“) und Luke Evans („Dracula Untold“, „Fast & Furious 6“) hat er zwei attraktive und aufstrebende Schauspieler im Cast, die das Zeug haben, in den Superstar-Olymp aufzusteigen. Oscar-Preisträger Jeremy Irons („Die Affäre der Sunny von B.“) adelt sowieso jede Besetzungsliste, hinzu kommt Sienna Miller („Foxcatcher“, „The Girl“) als alleinerziehende Mutter Charlotte Melville.

Anarchie!

Kurz schoss mir bei der Sichtung von „High-Rise“ die französische Groteske „Themroc“ durch den Kopf, die ich einige Zeit zuvor geschaut hatte. Die dort gelebte und zur Schau gestellte Anarchie ist jedoch mehr Aufbegehren gegen die Ödnis des gesellschaftlichen Alltags. In „High-Rise“ gleiten die Bewohner unbewusst oder zumindest ohne Ziel in anarchistische Zustände ab. Sie vertieren, weil es ihnen an Kontakt zur Außenwelt mangelt. Auch Parallelen zum formidablen Endzeit-Drama „Snowpiercer“ sind zu bemerken – dort erstreckt sich die gesellschaftliche Hierarchie von der Spitze eines überdimensionalen Eisenbahn-Zuges nach hinten, während es in „High-Rise“ von oben nach unten geht. Der Architekt Anthony Royal wollte ein Refugium erschaffen, in dem es allen Bewohnern besser geht, quasi ein Biotop als Nische in der Großstadt. Doch Royals soziales Experiment ist zum Scheitern verurteilt.

Regisseur Ben Wheatley inszeniert das in erlesener Bildsprache, die die Dekadenz im Hochhaus und auch den Rückfall in die Steinzeit angemessen visualisiert. Die Filmmusik von Clint Mansell („Requiem for a Dream“) mit ihren mal elektronischen, mal klassischen Klängen untermalt das trefflich. Schön auch das zweimal zu hörende „SOS“, einmal von Portishead (im Original von Abba). Das ist Hochglanzkino, etwas – aber nicht viel – glatter als die literarische Vorlage. Sex und Gewalt werden nicht im Übermaß plakativ ausgewalzt, sondern punktuell eingesetzt. „High-Rise“ wurde bereits bei den Fantasy Filmfest Nights im April 2016 gezeigt, hat sich den regulären Kinostart aber redlich verdient – es ist kein Blockbuster, aber eine intelligente dystopische Vision.

In Deutschland unterschätzter Autor: J. G. Ballard

Zum Roman und zum Autor: „High Rise“ des britischen Schriftstellers James Graham Ballard (1930–2009) ist im Original 1975 veröffentlicht worden und in Deutschland erstmals 1982 unter dem Titel „Der Block“ als Heyne-Taschenbuch in der Reihe „Science-Fiction“ erschienen, zehn Jahre später unter dem Titel „Hochhaus“ in der Phantastischen Bibliothek von Suhrkamp. Beide Veröffentlichungen sind vergriffen, anlässlich des Kinostarts erscheint der Roman unter dem Filmtitel „High-Rise“ nun aber endlich erneut.

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Apart: die neue Nachbarin Charlotte Melville

Generell wird J. G. Ballard in Deutschland leider etwas stiefmütterlich behandelt. Einige seiner Romane und Erzählungen sind seinerzeit in der mittlerweile leider eingestellten „Phantastischen Bibliothek“ von Suhrkamp erschienen. Für den Verleger Joachim Körber gehört der Autor nicht nur zu den wichtigsten Science-Fiction-Autoren, sondern zu den wichtigsten Autoren des 20. Jahrhunderts überhaupt, da sein Werk weit über die Science-Fiction hinausgehe. Körber hat in seinem Kleinverlag „Edition Phantasia“ einige Ballard-Werke herausgegeben, zum Teil in limitierten Liebhaberausgaben.

Lektüretipp: Ballards Urbane Trilogie

Körber empfiehlt auf meine Frage nachdrücklich die Lektüre von Ballards „Urbaner Trilogie“, bestehend aus „Crash“ (erschienen in der Edition Phantasia und trotz Limitierung auf 1.000 Exemplare nach wie vor lieferbar), „High Rise“ und „Concrete Island“, das bei uns unter dem Titel „Betoninsel“ auch als Heyne- und Suhrkamp-Taschenbuch erschienen ist – beide Veröffentlichungen sind vergriffen. Alle drei Romane sind 2004 auch in gebundener Form in einem Band erschienen – auch die Ausgabe ist nicht mehr lieferbar.

„High Rise“ und „Concrete Island“ sind Körber zufolge in gewisser Hinsicht Abwandlungen von William Goldings „Herr der Fliegen“ weil sie zeigen, wie schnell Menschen in die Barbarei zurücksinken, wenn sie von der Zivilisation abgeschnitten werden. Als zusätzliche Empfehlung nennt der Verleger das sehr experimentelle „The Atrocity Exhibition“, das die gesamte Psychopathologie des 20. Jahrhunderts auf den Punkt bringe. Es ist in Deutschland unter dem Titel „Liebe & Napalm: Export USA“ erschienen und – was sonst? – vergriffen. Immerhin ist in Österreich eine Ausgabe unter dem Titel „Liebe & Napalm – The Atrocity Exhibition“ lieferbar.

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Richard Wilder will aufsteigen …

Steven Spielberg verfilmte 1987 Ballards autobiografisch gefärbten Roman „Das Reich der Sonne“ mit dem jungen Christian Bale in der Hauptrolle. 1996 adaptierte David Cronenberg mit „Crash“ ebenfalls einen Ballard-Roman. „The Atrocity Exhibition“ ist 2000 als einzige Arbeit eines Regisseurs namens Jonathan Weiss mit kaum bekannten Darstellern verfilmt worden.

 

„Der Untergang ist verlockend und sinnlich“

In seiner Rezension von „Crash“ bei „Die Nacht der lebenden Texte“ schreibt Simon Kyprianou: Der Untergang ist verlockend und sinnlich. Genau das ist es, was Science-Fiction-Fans Ballard nach Einschätzung von Joachim Körber anfangs immer vorgeworfen haben – bei ihnen sei der Autor in den 1960er- und 1970er-Jahren auf teils vehemente Ablehnung gestoßen. Seine Helden würden nicht wacker gegen die Katastrophen angehen, die in seinen ersten vier Romanen „Der Sturm aus dem Nichts“ („The Wind from Nowhere“), „Paradiese der Sonne“ (auch „Karneval der Alligatoren“, Originaltitel: „The Drowned World“), „Welt in Flammen“ (auch „Die Dürre“, Originaltitel: „The Burning World / The Drought“) und „Kristallwelt“ („The Crystal World“) in Form der vier alchemistischen Elemente Luft, Wasser, Feuer und Erde über die Welt kommen; statt das Unheil wacker zu bekämpfen, würden sie sich regelrecht im Untergang suhlen.

Bleibt zu hoffen, dass dieser wunderbare Schriftsteller mit der gelungenen und zum Nachdenken anregenden Verfilmung „High-Rise“ in Deutschland endlich breite Aufmerksamkeit erlangt.

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… verfällt aber doch nur der Dekadenz

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Luke Evans, Tom Hiddleston und Jeremy Irons sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet. Ein lesenswerter Text über „High-Rise“ findet sich auch bei den Kollegen von Evil Ed.

Länge: 119 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: High-Rise
GB/BEL 2015
Regie: Ben Wheatley
Drehbuch: Amy Jump, nach einem Roman von J. G. Ballard
Besetzung: Tom Hiddleston, Jeremy Irons, Sienna Miller, Luke Evans, Elisabeth Moss, James Purefoy, Keeley Hawes, Peter Ferdinando, Sienna Guillory, Tony Way
Verleih: DCM Film Distribution GmbH

Copyright 2016 by Volker Schönenberger

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2016 DCM Film Distribution GmbH

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 2016/06/28 in Film, Kino, Rezensionen

 

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