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Dämonen und Wunder – Dheepan: Flucht in ein besseres Leben

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Dheepan

Von Andreas Eckenfels

Drama // Die Flüchtlingskrise bewegt derzeit die ganze Welt. Längst haben sich auch zahlreiche Filmemacher dem hochaktuellen Thema angenommen. Auf den internationalen Filmfestivals sorgen die realen Geschichten menschlicher Schicksale für Aufsehen und ernten dort reihenweise Preise. Auf der Berlinale 2016 wurde die starke Dokumentation „Seefeuer“ mit dem Goldenen Bären prämiert. Darin schildert Regisseur Gianfranco Rosi das Leben der Bewohner der italienischen Insel Lampedusa, auf der täglich Hunderte von Flüchtlingen stranden. Auf den Filmfestspielen von Cannes gewann 2015 zudem Jacques Audiards Drama „Dämonen und Wunder – Dheepan“ die Goldene Palme. Der Regisseur erzählt die Geschichte von drei Flüchtlingen aus Sri Lanka, die in Frankreich ein neues Leben beginnen wollen.

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Dheepan will in Frankreich ein neues Leben beginnen

„Jetzt seid ihr diese Familie“: Der ehemalige Tamil-Tigers-Soldat Dheepan (Jesuthasan Antonythasan), die junge Frau Yalini (Kalieaswari Srinivasan) und das Waisenmädchen Illayaal (Claudine Vinasithamby) kennen einander nicht. Nur der blutige Bürgerkrieg in Sri Lanka hat sie zusammengeführt. Um nach ihrer Flucht bessere Chancen beim Asylantrag in Frankreich zu haben, geben sie sich mit gefälschten Pässen als Familie aus. Der Plan geht auf: Das Trio kommt in einer Sozialbausiedlung in den Pariser Banlieues unter. Dheepan bekommt einen Job als Hausmeister, Yalini betreut den dementen Vater eines Drogendealers (Vincent Rottiers), Illayaal besucht die Schule. Doch das neue Leben hat seine Tücken. Nicht nur die Sprache und die kulturellen Unterschiede bereiten den Neuankömmlingen Probleme. Auch die Gewalt, vor der sie eigentlich geflohen sind, ist hier allgegenwärtig.

In der Sache vereint

Wie schon Simon in seiner Rezension zu Jacques Audiards („Der Geschmack von Rost und Knochen“, „Ein Prophet“) Frühwerk „Tödliche Bekenntnisse“ richtig bemerkt, zieht sich das Thema Zweckbeziehungen und Ersatzfamilien wie ein roter Faden durch das Werk des französischen Filmemachers. Das tamilische Flüchtlings-Trio ist einander fremd, nur in der Sache vereint. Der traumatisierte Dheepan kämpft mit seinen inneren Dämonen. Wie in seiner Zeit als Soldat verhält er sich ebenso unterwürfig gegenüber den Anforderungen des Gastlandes. Yalini fühlt sich in Frankreich nicht wohl, anfangs schottet sie sich von ihren französischen Mitmenschen komplett ab. Am liebsten würde sie ihrer Cousine nach England weiterreisen. Illayaal hat nie die Liebe und Geborgenheit einer Familie genossen und sucht diese erfolglos bei ihren Ersatzeltern.

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Yalini hält es in Frankreich nicht aus

Audiard beschreibt die existenziellen Nöte seiner drei Protagonisten recht distanziert im halbdokumentarischen Stil. Dafür findet er kraftvolle Bilder. Sie haben kaum Habseligkeiten, schlafen auf dem Boden. Nur sehr langsam wächst diese Zweckgemeinschaft zu einer Familie zusammen. Dheepan rät seiner Pflegetochter dazu, ihr Essen mit dem Löffel statt wie in der Heimat mit den Händen zu sich zu nehmen. Sonst würde sie es nie lernen. Illayaal bringt ihm im Gegenzug die französische Sprache bei. Auch Dheepan und Yalini kommen einander langsam näher.

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Illayaal bringt Dheepan die französische Sprache bei

Doch mit laufender Handlung verliert Audiard seinen Kommentar zur Flüchtlingskrise etwas aus den Augen. „Dämonen und Wunder – Dheepan“ wandelt sich zum Sozialdrama, bei dem die katastrophalen Zustände in den französischen Vorstädten zu stark in den Vordergrund gerückt werden. Einerseits ist dies als Kritik auf die Integrationspolitik Frankreichs zu verstehen. Die sowieso schon traumatisierten Asylbewerber werden auch noch in die sozialen Brennpunkte abgeschoben. Andererseits wirkt der heftige Gewaltausbruch am Ende selbstzweckhaft und aufgesetzt. Dabei schoss mir schon der reißerische Titel „Hausmeister aus der Hölle“ durch den Kopf.

Reise in die dunkle Vergangenheit

Für Hauptdarsteller Jesuthasan Antonythasan war der Film eine Reise zurück in seine dunkle Vergangenheit. Wie er als Gast auf dem Hamburger Filmfest im Herbst 2015 berichtete, wurde er mit 16 Jahren von den Liberation Tigers of Tamil Eelam eingezogen, für die er als Kindersoldat bis zu seinem 19. Lebensjahr kämpfte. Danach floh er von Sri Lanka für vier Jahre nach Thailand. 1993 emigriert er nach Frankreich, wo er Asyl als politisch Verfolgter erhält. Mit Gelegenheitsjobs als Koch, als Hotelpage im Disneyland Paris und auch – wie Dheepan – als Hausmeister schlägt er sich durch.

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Auch in den Pariser Banlieues regiert die Gewalt

Antonythasan ist inzwischen erfolgreich als Autor tätig. Seine Theaterstücke, Essays und Literaturkritiken werden in diversen Zeitungen veröffentlicht. Sein Buch „Gorilla“ ist 2008 auch auf Englisch erschienen – darin berichtet er von seiner Zeit als Kindersoldat. Seine Darstellung und jene der ebenfalls noch wenig erfahrenen Schauspieler Kalieaswari Srinivasa und Claudine Vinasithamby gemeinsam mit der tamilischen Sprache tragen viel zur Authentizität von „Dämonen und Wunder – Dheepan“ bei. Der deutsche Titel geht übrigens auf Jaques Préverts Gedicht „Treibsand“ aus seinem Werk „Paroles“ zurück, welches im Film eine tragende Rolle spielt.

Veröffentlichung: 24. Juni 2016 als Blu-ray und DVD

Länge: 115 Min. (Blu-ray), 110 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch-Französisch, Tamil-Französisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Dheepan
F 2015
Regie: Jacques Audiard
Drehbuch: Jacques Audiard, Thomas Bidegain, Noé Debré
Besetzung: Jesuthasan Antonythasan, Kalieaswari Srinivasan, Claudine Vinasithamby, Vincent Rottiers, Faouzi Bensaïdi, Marc Zinga
Zusatzmaterial: Unveröffentlichte Szenen, Entstehung des Artworks, Trailer, Trailershow
Vertrieb: Weltkino Filmverleih GmbH / Universum Film

Copyright 2016 by Andreas Eckenfels

Fotos, Packshot & Trailer: © 2016 Weltkino Filmverleih GmbH / Universum Film

 
 

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Tödliche Bekenntnisse – Mit Lippenlesen an die Beute

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Sur mes lèvres

Gastrezension von Simon Kyprianou

Krimidrama // Jacques Audiards jüngstes Werk „Dheepan“ hat kürzlich in Cannes überraschend die Goldene Palme gewonnen. Überraschend daher, da das politisch tagesaktuelle Drama im Vorfeld keineswegs als Favorit gehandelt wurde. Das nehmen wir uns bei „Die Nacht der lebenden Texte“ zum Anlass, einen frühen Film von Jacques Audiard unter die Lupe zu nehmen, den Thriller „Tödliche Bekenntnisse“ aus dem Jahr 2001.

Die Gehörlose und der Ganove

Die gehörlose Carla ist Sekretärin in einem großen Büro, wird von ihren größenteils männlichen Kollegen weder beachtet noch ernst genommen. Ihr Chef hält sie für überfordert und lässt sie einen Assistenten einstellen, den Ex-Knacki Paul Angeli (Vincent Cassel). Anfangs lässt sich das gut an, doch dann wird Paul von seiner Vergangenheit eingeholt: Er hat 70.000 Franc Schulden beim Club-Besitzer Marchand (Olivier Gourmet). Also muss er bei Carla kündigen, um in Marchands Club seine Schulden abzuarbeiten. Marchand plant indes einen Überfall mit zwei Komplizen. Als Paul davon erfährt, will er Marchand die Beute abjagen. Dazu benötigt er Carla und ihre Fähigkeit, von den Lippen zu lesen.

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Ihre Schwerhörigkeit grenzt Carla aus der Gesellschaft aus

„Tödliche Bekenntnisse“ hat große Ähnlichkeit zu Jacques Audiards 2012er-Film „Der Geschmack von Rost und Knochen“, dem Vorgänger von „Dheepan“: Eine körperlich beeinträchtigte Frau trifft auf einen rohen männlichen Charakter der Unterschicht, dem sie intellektuell und emotional überlegen ist, und verfällt ihm.

Vom Sozial- zum Krimidrama

Audiards Filme sind oft ein Zusammenspiel von nüchterner Sozialstudie und Genrefilm. „Tödliche Bekenntnisse“ beginnt als Sozialdrama und kippt dann in der zweiten Hälfte zum brutalen Heist-Krimi. Dabei wirkt der Übergang bei Audiard nie künstlich oder störend, sondern er vollzieht sich natürlich und fließend. Den Figuren, Außenseitern, Randgruppen, allein schon wegen ihrer körperlichen Beeinträchtigung aus der Gesellschaft ausgegrenzt, bleibt anscheinend gar nichts anderes übrig, als sich der Kriminalität hinzugeben, um sich in der kalten Welt zu behaupten.

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Sie verfällt Paul zusehens

Audiards enorm präzises Drehbuch lässt den Film ganz langsam eskalieren, vom kritischen Überprüfen der gesellschaftlichen Realitäten und vom nüchternen Realismus hin zum abgründigen Film noir, der am Ende in ein wahres Inferno mündet. Gleichzeitig zeichnet er feinsinnige Psychogramme seiner Protagonisten.

Die Gehörlosigkeit von Carla schlägt sich dabei wirkungsvoll auf die Tonspur nieder und die Kamera ist in extremen, ruckelnden Nahaufnahmen pulsierend unmittelbar dran am Geschehen. Im Fokus von Audiards Interesse stehen dabei die gegensätzlichen Figuren und die fragile Verbindung, die zwischen ihnen entsteht. Zweckbeziehungen und Ersatzfamilien ziehen sich ja durch Audiards Werk.

Man darf also gespannt sein auf Audiards Flüchtlingsdrama „Dheepan“, das bislang gemischte Kritiken erhalten hat. Ein deutscher Kinostart steht noch nicht fest.

Veröffentlichung: 18. November 2011 als Blu-ray und DVD

Länge: 118 Min. (Blu-ray), 115 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachen: Deutsch, Französisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Sur mes lèvres
F 2001
Regie: Jacques Audiard
Drehbuch: Jacques Audiard, Tonino Benacquista
Besetzung: Vincent Cassel, Emmanuelle Devos, Olivier Gourmet, Olivier Perrier, Olivia Bonamy, Bernard Alane, Céline Samie, Pierre Diot, François Loriquet, Serge Onteniente, David Saracino, Christophe Vandevelde
Zusatzmaterial: Deleted Scenes (kommentiert von Jacques Audiard), Interviews mit Drehbuchautor Tonino Benacquista und Komponist Alexandre Desplat, Trailer, Wendecover, nur Blu-ray: Audiokommentar von Jacques Audiard, Audiokommentar von Vincent Cassel und Emmanuelle Devos
Vertrieb: Al!ve AG

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Der plant derweil einen Überfall

Copyright 2015 by Simon Kyprianou
Fotos & Packshots: © 2011 Al!ve AG / Neue Pierrot le Fou

 

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