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Frauen als Köder für CD 7 – Null-Null-Nutter im Angesicht des Todes

Un colpo da mille miliardi

Von Ansgar Skulme

Agenten-Abenteuer // Bei einem Unfall in einer Kernkraftanlage werden einige Männer während ihrer Arbeit radioaktiver Gammastrahlung ausgesetzt. Im Krankenhaus stellt man schnell fest, dass sie nicht zu retten sind und in überschaubarer Zeit nacheinander verenden werden. Plötzlich aber werden zwei der Überlebenden gekidnappt und nach Istanbul verschleppt; als einer der beiden wieder auftaucht und Kontakt mit der Heimat herzustellen versucht, scheint er völlig genesen zu sein, wird jedoch wenig später umgebracht. Offenbar befindet sich ein medizinisches Konzept, radioaktiv verstrahlte Patienten bei dauerhafter Behandlung in guter Verfassung am Leben zu erhalten, in den Händen eines Schurken, der als Gegenleistung die Mitarbeit an seinen Plänen verlangt. Während der sich Verweigernde diesen Entschluss mit dem Leben bezahlen musste, kooperiert der andere wohl mit den Verbrechern. Der Spezialagent Ted Fraser (Rik Van Nutter), Codename CD 7, erhält daraufhin von seinem Boss (Tom Felleghy) den Auftrag, an den Bosporus zu fliegen, um aufzuklären, welche Pläne die Kriminellen haben und wer dahinter steckt sowie jeden zu stoppen, der gestoppt werden muss. Radioaktive Waffen in den Händen größenwahnsinniger Schufte, mit einem Experten, der sich mit Strahlung bestens auskennt an ihrer Seite, könnten den Weltfrieden schnell altmodisch erscheinen lassen und die falschen Köpfe schwerreich machen. Nur ein einziger Kontaktmann (José Jaspe) steht CD 7 vor Ort als Hilfe zur Verfügung – niemandem ist zu trauen! Mögen die Umstände auch noch so gemeingefährlich sein, führen ihn seine Ermittlungen immerhin gleich zum Auftakt in ein Bordell, das man das „Paradies auf Erden“ nennt; berauschende Drogen und leicht bekleidete Mädchen sind jedoch eine verdammt tückische Kombination, wenn man professionell zu arbeiten versucht. Die attraktive Prinzi (Marilù Tolo) scheint ein gutes Herz zu haben, aber warum reißt ihr der eigene Vater die Kleider vom Leibe?

Rik Van Nutter sagt man nach, er habe vor allem durch seine von 1963 bis 1975 währende Ehe mit Anita Ekberg („Das süße Leben“) Bekanntheit erlangt. Als Schauspieler war der US-Amerikaner aber auch schon vorher tätig und konnte bereits in dem 1960 veröffentlichten, von Antonio Margheriti („Sieben Tote in den Augen der Katze“) inszenierten Science-Fiction-Film „Space Men“ eine erste Kinohauptrolle ergattern. Nach einer letzten Hauptrolle in dem ebenfalls von Margheriti inszenierten Italowestern „Vier Halleluja für Dynamit-Joe“ (1967) zog er sich jedoch weitestgehend von der Schauspielerei zurück und kehrte erst in der zweiten Hälfte der 70er noch einmal für zwei Nebenrollen vor die Kamera zurück. Seine umfangreichsten Rollen spielte Van Nutter allesamt in Italien, einige davon unter dem Pseudonym Clyde Rogers – wohingegen der weitaus spektakulärere Künstlername Rik Van Nutter, der nicht nur von deutschsprachigen Filmfreunden als kurios empfunden wird, tatsächlich auf seinem bürgerlichen Namen Frederick Allen Nutter fußt. Sein wichtigster Film war zweifelsohne „James Bond 007 – Feuerball“ (1965), wo er die Rolle des mit Bond zusammenarbeitenden CIA-Agenten Felix Leiter übernahm. Er war bereits der dritte Schauspieler, der an der Seite von Sean Connery als James Bond in diese Rolle schlüpfte. Dass Felix Leiter in den meisten Filmen, in denen er auftauchte, von unterschiedlichen Schauspielern verkörpert wurde, blieb fortan Tradition. Zuweilen durchlief die Rolle dadurch auch signifikante Alterungs- und Verjüngungsprozesse binnen kurzer Zeit, aber Kunst darf ja bekanntlich so gut wie alles.

Wenn das Unvermeidliche geschieht

Es ist kaum verwunderlich, dass die Italiener Rik Van Nutter im Zuge seines Bond-Abstechers unmittelbar einen eigenen Agentenfilm spendierten, denn Mitte der 60er-Jahre florierte der Markt an „Eurospy“-Filmen bereits. Als solche werden europäische Agentenfilme bezeichnet, die hinsichtlich ihrer Handlung und Machart darauf abzielten, im Fahrwasser der James-Bond-Reihe – mit anderen Agenten als Protagonisten – Geld in die Kassen zu bringen. Manch einer nennt die Filme daher stattdessen auch schlicht „Bond-Kopien“. Viele dieser Filme waren italienische Produktionen oder Ko-Produktionen unter italienischer Federführung. Zu Beginn der zweiten Hälfte der 60er war die Eurospy-Welle im Grunde gerade auf ihrem Höhepunkt; da kam die ungewöhnliche Konstellation, dass ein bereits im italienischen Genrekino der 60er in Hauptrollen aktiv gewesener Schauspieler eine Rolle in einem Bond-Film ergattert hatte, natürlich wie gerufen. Letzten Endes war Van Nutter, soweit ich den relativ schwierig überschaubaren Corpus an Eurospy-Filmen der 60er überblicke, wohl der einzige Schauspieler überhaupt, der nach einer Rolle in einem Bond-Film die Hauptrolle in einem Eurospy-Film annahm. Es ist zu vermuten, dass die italienischen Produzenten diese Kuh gern noch weiter gemolken hätten. Einige Eurospy-Agenten brachten es auf mehr als einen Film, wenn nicht gar eigene Reihen, aber auch der Fall, dass bestimmte Schauspieler in verschiedenen Eurospy-Hauptrollen besetzt wurden, war keine Seltenheit. Manchmal wurden auch durch die deutschen Synchronfassungen Filme zu Reihen vermengt, die ursprünglich gar nicht zusammengehörten, indem man die Namen der Figuren änderte. Da Van Nutter allerdings wenig später seine Filmkarriere vorerst beendete und auch die Eurospy-Welle über ihren Zenit kletterte, blieb „Frauen als Köder für CD 7“ ein Unikat – hierzulande aber im Kino gelaufen und auf VHS unter dem Titel „Turkish Connections“ veröffentlicht, wobei im Vorspann beide Titel zu lesen sind.

Unter Wert verkauft

Wenn nun ein Film mit einem Hauptdarsteller namens Rik Van Nutter in Deutschland auch noch den Kinotitel „Frauen als Köder für CD 7“ erhält, könnte man schnell auf den Gedanken kommen, es hier mit einem Erotikstreifen zu tun zu haben, der das Austin-Powers-Motto „Spion in geheimer Missionarsstellung“ ungemein wörtlich nimmt, zumindest aber mit einer besonders überdrehten Bond-Kopie. Da die Eurospy-Filme die Markenzeichen der James-Bond-Reihe gern einmal übersteigerten, was etwa das Frauenbild oder auch die Superschurken und Superwaffen anbelangt, wäre das auch nicht weiter überraschend. „Frauen als Köder für CD 7“ entpuppt sich jedoch als erstaunlich ernst angelegter, zudem mit relativ wenig Action versehener Film; diese Action ist obendrein kaum übertrieben in Szene gesetzt, sondern fällt eher dadurch auf, dass die Menschen teils doch recht emotionslos der Reihe nach erschossen werden – der Tod ganz trocken, wie er eben ist. Auch der Unfall im Kernkraftwerk zu Beginn des Films hat etwas Verstörendes – wie sich die Männer in dem Raum quälen, erinnert an Szenarien in einer Gaskammer. Ferner ist die Zahl der Frauenrollen überschaubar und auch bei weitem keineswegs davon zu sprechen, dass die Ladys hier nur mit dem Zweck über die Leinwand flanieren, Agent Fraser alias CD 7 zu ködern. Klar ist: Für den deutschen Kinotitel kann man die Italiener nicht in die Verantwortung ziehen.

Der Film ist vor allem in der ersten Hälfte recht gut, in jedem Falle zumindest sehr stilsicher inszeniert und die Kameraarbeit besser als in diversen anderen italienischen Genrekino-Beiträgen der 60er. Besonders erwähnenswert ist die Szene, in der CD 7 erstmals zu sehen ist und die ihn zeigt, wie er bei einer Übung am Schießstand auf einem sich schnell drehenden Stuhl die Orientierung behalten und danach auf ein Ziel feuern muss. Diese zählt sicherlich zu den besten und prägnantesten Szenen, mit denen jemals ein Protagonist im Windschatten des James Bond in einem derartigen Agententhriller in die Handlung eingeführt wurde. Eine schöne Idee, aber leider flacht das Drehbuch vor allem in der zweiten Hälfte des Films deutlich ab. Während in einem guten Bond-Film gerade zum Ende hin noch einmal alle Register gezogen werden, wird dieser Film auf der Zielgerade merkwürdig belanglos und spendiert dem reichen Geldhai, der die Übeltaten finanziert hat, ein bemerkenswert nichtssagendes, geradezu beiläufiges Ende. Dass in einem Bond-Film und in Filmen, die gern so sein wollen, der Schurke am Ende eliminiert wird, weiß man vorher – und häufig, so auch in diesem Fall, ist bereits beim ersten Auftauchen der Figur klar, wer der Schurke ist. Genau deswegen sind die Arten und Weisen des Todes dieser Figuren dann meistens besonders spektakulär. Das bedeutet auch, dass man im Grunde beinahe alles machen kann, um den Schuft irgendwie ins Jenseits zu befördern – unter diesen Voraussetzungen eine derart langweilige und beliebige Variante zu wählen, ist erstaunlich. Ein Kunststück, sowas zu vermasseln – sowohl dem Drehbuch als auch der Regie anzukreiden. Zumindest hätte man das Ganze ein bisschen besser ins Bild setzen können. Dem Film dürfte es seines schwachen Abgangs wegen eher schwerfallen, die Zuschauer mit dem Gefühl zu entlassen, ihn gern ein zweites Mal sehen zu wollen, aber dennoch taugt er über weite Strecken als gutes Beispiel für einen angenehm wenig übertriebenen Eurospy.

Wer A sagt, sollte B sagen

Etwas mehr Tempo und mehr Action hätten „Frauen als Köder für CD 7“ dennoch gutgetan. Die Abkehr vom völlig eskalierenden Superschurken/Superwaffen-Konzept, wie es einige andere Eurospy-Filme zelebrieren, ist einerseits sympathisch, aber ich kann das Urteil von Matt Blake in dem empfehlenswerten Buch „The Eurospy Guide“ nachvollziehen, der attestiert, dass sich der Film angesichts der erzählten Geschichte viel zu ernst nimmt. Wohlgemerkt geht es in „Frauen als Köder für CD 7“ letztlich immer noch darum, dass verstrahlte Menschen dem Anschein nach völlig geheilt werden und bei kontinuierlicher Behandlung gesund bleiben, als sei nichts gewesen – auch wenn die Inszenierung und die Figuren vergleichsweise bodenständig sind, die Schurken keine großen Narben im Gesicht oder sonstige Verstümmelungen erlitten haben und/oder mit riesigen Waffen hantieren. Eine solche wissenschaftlich abstruse Geschichte um eine Wunderheilung von Verstrahlten ist wahrlich nur schwer bierernst zu verkaufen, aber sie könnte vielleicht sogar funktionieren, wäre nicht die Einfallslosigkeit gen Ende und hätte die Regie mehr aus dem Umstand gemacht, dass Rik Van Nutter die Rolle fast durchweg mit einem angenehm arroganten, grimmig-entschlossenen Gesichtsausdruck spielt, während bei vielen seiner Eurospy-Kollegen das Augenmerk stärker darauf lag, in den Rollen gut als smarter Playboy zu funktionieren. Man hätte das Ganze dann eben einfach knallhart bis zum bitteren Ende durch inszenieren müssen, mit Rik Van Nutter in der Hauptrolle und dem fantastischen Eduardo Fajardo als Gegenpart, der im selben Veröffentlichungsjahr unter anderem den Gegenspieler von „Django“ im gleichnamigen Italowestern-Klassiker spielte, waren die notwendigen Voraussetzungen gegeben. Leider machen Drehbuch und Regie aus beiden Akteuren in „Frauen als Köder für CD 7“ viel zu wenig – Fajardos großes Schauspieltalent kommt kaum zur Geltung und Van Nutters Potenzial als kantiger Haudrauf-Held wird ebenfalls nicht genutzt.

Dass ein Film trotz fragwürdiger Geschichte mit einer großartig konsequenten, handwerklich blitzsauberen Inszenierung und top choreografierter Action brillant funktionieren kann, beweisen Produktionen wie insbesondere „96 Hours – Taken“ (2008) bis heute und in diesem Geiste kann auch so ein Eurospy-Film glücken, selbst wenn er sich bitterernst nimmt und dies im Widerspruch zur absurden Story steht. Dem Film mangelt es schlussendlich einfach an mitreißenden Elementen. Dazu kommen unglücklich inszenierte Momente, wie etwa eine Passage, als CD 7 einen Leichnam entdeckt und die Person, nachdem sein Geigerzähler ausgeschlagen hat, als erstes ganz einfach mal direkt mit seinen bloßen Händen berührt, um den toten Körper und die Wunden zu prüfen – sowas kann man Mut nennen oder Dummheit, aber wenn schon der Geigerzähler ausschlägt, sollte man mit unmittelbarem Kontakt im Normalfall zunächst einmal vorsichtig sein, um erst einmal zu klären, was hier eigentlich passiert ist, würde ich behaupten. Falls es tatsächlich völlig ungefährlich gewesen sein sollte, diesen Leichnam zu berühren oder ich die Szene sonst irgendwie falsch gesehen habe, lasse ich mich aber gern eines Besseren belehren. Etwas merkwürdig ist zudem auch, dass Van Nutter in mehreren Szenen aussieht, als hätte er es im Sonnenstudio etwas zu arg mit der Bräune übertrieben, was vor allem in Kontrast zu seinem mit Mitte 30 bereits recht stark ergrauten Kopfhaar manchmal doch ein wenig unfreiwillig komisch wirkt.

Schon allein der Vollständigkeit halber

Rik Van Nutter hat zwar nicht viele Filme gedreht, was allerdings seine erfolgreichste Phase von 1965 bis 1967 anbelangt, sind selbst in Deutschland bereits alle Filme auf DVD erschienen – mit nur einer Ausnahme: „Frauen als Köder für CD 7“. Es wird Zeit, dass man das Eurospy-Subgenre des Agentenfilms allgemein besser für den Heimkino-Markt auswertet. Das bereits besagte Buch „The Eurospy Guide“ kann hierbei gut als Leitfaden dienen, um den Überblick nicht zu verlieren, was die Vielzahl an Filmen und ihre Titel sowie Alternativtitel anbelangt. Ferner erschließt das Buch auch die im Eurospy-Bereich entstandenen Reihen recht gut. Agenten wie Jack Clifton oder Francis Coplan hätten zweifelsohne sogar eigene Boxen verdient. Stattdessen jedoch gibt es die Jack-Clifton-Filme hierzulande noch gar nicht auf DVD, die Agent-3S3-Filme beispielsweise nur in schlechter videoähnlicher Qualität und auch was Coplan anbelangt, warten fast alle Filme immer noch darauf, überhaupt einmal in Deutschland auf DVD veröffentlicht zu werden. Ich erinnere mich gern an die Zeit zurück als das Label Anolis nach und nach die „Kommissar X“-Filme veröffentlichte – auch eine Eurospy-Reihe, von dem Wort „Kommissar“ sollte man sich nicht irritieren lassen. Die einzelnen Veröffentlichungen waren zwar angemessen teuer, aber schon am Anfang war eine Box dabei, die der geneigte Sammler dann Stück für Stück befüllen konnte. Projekte dieser Art bräuchte der Eurospy-Markt mehr. Apropos „Kommissar X“: Diese Reihe steht beispielhaft für das Phänomen, dass Gert Günther Hoffmann, der ab „Liebesgrüße aus Moskau“ der Stammsprecher von Sean Connery als James Bond war, auch häufig als Stimme von Eurospy-Agenten besetzt wurde, um die Parallelen zum Vorbild noch deutlicher zu machen. Eine Option, die das Synchronisieren mit sich bringt – ob man es nun als Vorteil sehen will oder aber findet, dass es die Filme beliebiger macht, wenn die Hauptfiguren salopp gesagt immer „gleich“ klingen. „Frauen als Köder für CD 7“ bildet hierzu einen witzigen Gegenentwurf, da als Stimme von Rik Van Nutter ein gewisser Niels Clausnitzer besetzt wurde. Jener wurde später als Synchronsprecher von Roger Moore ausgewählt, als dieser die Rolle des James Bond von Connery übernahm. Ob Clausnitzer auch in weiteren Eurospy-Filmen als Protagonist fungierte, ist mir nicht bekannt. Ich erinnere mich allerdings gern an eine sehr gute Performance als Stimme von Frank Wolff in „Agent 3S3 pokert mit Moskau“ (1966) – zwar nicht als Hauptfigur, aber in einer Rolle, die man als Pendant zu Felix Leiter verstehen kann, der Figur, mit der Rik Van Nutter international bekannt wurde und ohne die es „Frauen als Köder für CD 7“ in der Form nie gegeben hätte.

Länge: 91 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Un colpo da mille miliardi
Alternativtitel: Turkish Connections
Internationaler Titel: A Stroke of 1000 Millions
IT/SP/F 1966
Regie: Paolo Heusch
Drehbuch: Fulvio Gicca Palli, José Luis Jerez Aloza, Pierre Lévy
Besetzung: Rik Van Nutter, Marilù Tolo, Eduardo Fajardo, Philippe Hersent, José Jaspe, Massimo Pietrobon, Tom Felleghy, Jacques Stany, Alberto Dalbés, Rita Berger
Verleih: Gloria-Filmverleih GmbH, Ibérica

Copyright 2018 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use

 

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Brennender Sand – Ein echter Göthe

Brennender Sand

Von Ansgar Skulme

Abenteuer // Die israelische Tänzerin Dina (Daliah Lavi) versammelt vier Männer für eine riskante Rettungsaktion um sich. Ziel ist die jordanische Wüstenstadt Citra: Dort sind nicht nur wertvolle biblische Schriftrollen aus der Ära König Salomons zu finden, sondern auch Dinas Freund Marco, der beim Versuch, die historischen Funde zu bergen, schwer verletzt zurückgelassen werden musste. Die Wüste birgt tausend Gefahren und der politisch bedingte Konflikt zwischen Israel und Jordanien ist gerade im Grenzgebiet ein hohes Risiko, doch die fünf haben alle ihre persönlichen Gründe, warum sie trotzdem an der Mission unter Zeitdruck teilnehmen. Wie lange Marco durchhalten wird, ist ungewiss.

Die Frau, die zu allem entschlossen ist

„Brennender Sand“ war die erste von insgesamt acht Spielfilm-Regiearbeiten, die der in Deutschland geborene Regisseur Raphael Nussbaum realisieren durfte. Obwohl Nussbaum zudem in aller Regel auch selbst die Drehbücher zu seinen Filmen schrieb, braucht man allerdings keinen verkünstelten Autorenfilm vor selten gewählter Kulisse zu befürchten. Die Erzählung ist narrativ wie inszenatorisch auffällig konventionell für die Arbeit eines so jungen Regisseurs und der Film für Freunde des Abenteuer-Kinos der 50er-Jahre, wie es sich etwa in britischen Produktionen zeigte, über weite Strecken gut geeignet. Dazu der Vorzug, dass Israel und Jordanien im damaligen westeuropäischen und amerikanischen Abenteuerkino als Handlungsorte sonst kaum Berücksichtigung fanden – allein das macht den Film schon sehenswert.

Das Gesicht zu einer Stimme von Welt

Die darüber hinaus filmhistorisch sicherlich interessantesten Aspekte sind die Beteiligungen von Daliah Lavi und Gert Günther Hoffmann. Für Lavi war es ihre erste Hauptrolle; die Rolle, die ihr zum Durchbruch verhalf. Für Hoffmann, der hier den Wissenschaftler Rosen spielt, war es seine auch rückblickend wahrscheinlich größte und wichtigste Kinorolle vor der Kamera, obendrein in einer internationalen Produktion, wenngleich seine Rolle sich schließlich als zumindest nicht ganz so umfangreich erweist, wie es die Nennung an zweiter Stelle des Vorspanns verspricht.

Spätestens jetzt fragen sich vermutlich einige, wer bitteschön denn Gert Günther Hoffmann ist: Gemeinhin ist Hoffmann das, was man als eine „Stimme, mit der man groß geworden ist“ bezeichnen könnte, allerdings nicht nur irgendeine davon, sondern eine der absoluten Vorreiter. Hoffmann war im Deutschland der 60er-Jahre unter anderem die reguläre Synchronstimme von Lex Barker als Old Shatterhand und von Sean Connery als James Bond – auch wenn sie bei ihren ersten Auftritten in „Der Schatz im Silbersee“ (1962) beziehungsweise „James Bond jagt Dr. No“ (1962) zunächst andere Sprecher hatten. Barker synchronisierte er darüber hinaus auch als Kara Ben Nemsi in den im Orient angesiedelten Karl-May-Abenteuern sowie in den Dr.-Mabuse-Filmen und Connery blieb er bis in die 90er-Jahre hinein, mit wenigen Unterbrechungen, als Stammsprecher treu. Diese beiden Beispiele sind allerdings nur die Spitze des Eisberges in einer wahnsinnig umfangreichen Synchronfilmografie, die 1950 ihren Lauf genommen hatte und bis zu seinem Tod 1997 stetig weiter wuchs.

Die Jagd durch die Wüste ist gnadenlos

Besonders bemerkenswert ist der enorm hohe Anteil an Hauptrollen, die Hoffmann synchronisierte, wobei er in den 60er-Jahren auch als Stimme zahlreicher James-Bond-Kopien, die beispielsweise aus Italien auf den Kinomarkt drangen, gewählt wurde. Hoffmanns Stimme vermochte den Kopien punktuell den Charakter eines Originals zu geben, auch wenn der Darsteller, dem die Stimme nun gehörte, nicht Sean Connery war. Sein Einfluss auf die Synchronbranche ist damit recht gut umrissen. Gert Günther Hoffmann war in den 60er-Jahren der wahrscheinlich populärste Heldensprecher in der deutschen Synchronisation und insofern gewissermaßen der Nachfolger von Heinz Engelmann in den 50er-Jahren. Nichtsdestotrotz hatte Hoffmann schon mitten in den 50ern viele Hauptrollen am Mikrofon erhalten und entwickelte sich neben Arnold Marquis binnen nur weniger Jahre zum Nonplusultra in der Branche. Da er im Gegensatz zu Marquis auch praktisch niemals dem Overacting verfiel – was auch im Synchronfach kein unwesentliches Problem darstellt und Figuren schnell einmal zur Farce verkommen lässt –, kann man Hoffmanns Vermächtnis eigentlich nur in den höchsten Tönen loben.

„Brennender Sand“ gibt diesem großen Synchronsprecher nun sein Gesicht wieder. Endlich – da dieser Film lange nur schwerlich zu bekommen war und Hoffmann sonst, wenn er denn einmal vor der Kamera agierte, oft nur kleinere Rollen als hier spielte. Interessant und, wenn man so will, einmalig ist am vorliegenden Film zudem, dass er aufgrund der Tatsache, dass Hoffmann der einzige deutsche Schauspieler im Ensemble war, komplett synchronisiert wurde und sich auch Hoffmann also selbst synchronisieren musste. Man sieht hier somit Gert Günther Hoffmann vor der Kamera agieren, hört gleichzeitig aber auch seine wohlbekannte Mikrofon-Stimme und nicht etwa nur den Live-Ton vom Set. Gerade das macht dieses Kino-Erlebnis umso bemerkenswerter, denn die Stimmen wirken selbstverständlich noch einmal anders, wenn sie direkt beim Dreh mitgeschnitten worden sind. So allerdings erkennt man seine Stimme natürlich recht eindeutig. Ein Glück, dass man es Hoffmann hier auch tatsächlich selbst überließ, sich zu synchronisieren, da es damals auch etliche Filme gab, in denen deutsche Schauspieler in der Synchronfassung von jemand anderem synchronisiert wurden.

Guter Start, doch dann Probleme

Größter Schwachpunkt des Films ist, dass die Kameramänner Wolf Göthe und Yitzhak Herbst nur im gemeinhin besser als „Vollbild“ bekannten 1,37:1-Format drehen konnten. Dies mag den Produktionsumständen geschuldet gewesen sein, da man in einem Krisengebiet und zudem in der Wüste filmte, wenngleich natürlich Drehgenehmigungen vorlagen. Mit kleineren Kameras lässt es sich flexibler arbeiten als bei einer Produktion in CinemaScope oder wenigstens annähernd so bombastischen Formaten. Abgesehen davon hätte ein Breitbild-Abenteuer womöglich auch den finanziellen Rahmen gesprengt. Jedoch wird man bei den Aufnahmen in der Wüste nie das Gefühl los, dass sie mehr Volumen gebraucht hätten, als es das Vollbild zu bieten hat. Bevor die Reise wirklich beginnt, während Dina ihre Mitstreiter rekrutiert, ist der Film ansehnlich und kann mit seinen Vorbildern aus Großbritannien und Hollywood konkurrieren, doch als es schließlich in die Wüste geht, verfällt das Werk zunehmend einer TV-Film-Ästhetik und Einfallslosigkeit, die den Spannungsbogen arg hemmen. Die nur mäßig geglückte Musik steuerte außerdem ihren Teil dazu bei, dass der Film zunächst relativ plötzlich, dann aber unbeirrt in einem Strudel von Einerlei zu versinken scheint. In der Wüste passiert gemeinhin relativ wenig – viel Sand, wenig Wasser, viel Langsamkeit, wenig Action. Daher sind Bilder sinnvoll, die die Naturgewalt in voller Gänze wiedergeben, und pompöse Musik wie in „Lawrence von Arabien“ (1962) tut den Rest. In Vollbild und ohne die Hilfe mitreißender Melodien ist es einem klassischen Film hingegen beinahe unmöglich, Wüstengeschehnisse spannungsgeladen zu präsentieren – es sei denn, im Studio mit aufwendiger Ausleuchtung konstruiert. So hat man nun zwar seltene Aufnahmen, die direkt im Krisengebiet gedreht wurden, die aber nicht wirklich nach etwas aussehen. Eine große Absurdität – und sehr schade. Wenn weder die Handlung vorankommt noch die Bilder fesseln, wird es problematisch, aber genau dieses Schicksal ereilt „Brennender Sand“ mit zunehmender Dauer des Films. Dass Wolf Göthe im Vorspann, ebenso wie einige andere Beteiligte, falsch geschrieben wurde und sein Name daher zunächst wirkt, als hätte Johann Wolfgang von Goethe unter einem Kosenamen persönlich am Film mitgearbeitet, spiegelt sich in der zunehmend unterdurchschnittlichen Bildsprache leider nicht, sorgt aber immerhin schon frühzeitig für einen Lacher.

Eine schöne Ausgrabung

Dass Pidax diesen Film zurück an die Oberfläche befördert hat, erscheint wie eine Parallele zur Handlung, in der die seltenen Schriftrollen mühsam geborgen werden. Kaum einer dürfte sich noch an das Werk erinnert haben – ausgenommen viele Fans von Daliah Lavi natürlich. Da man das israelische Kino hierzulande bis heute kaum zu Gesicht bekommt, lohnt sich der Blick auf alle Fälle. Der einheimischen Schauspieler und der Schauplätze wegen, aber auch als Beispiel für eine in den wichtigsten organisatorischen und handwerklichen Punkten zumindest absolut professionell gelungene Koproduktion, die zudem zur Geburtsstunde eines großen Gesangs- und Schauspielstars avancierte. Die am 3. Mai dieses Jahres verstorbene Lavi macht ihre Sache als alle um den Finger wickelnde, blutjunge, übereifrige und schließlich auch überforderte Femme-fatale-Variante übrigens ziemlich gut, ihre männlichen Mitstreiter hingehen scheitern überwiegend daran, ihren Figuren eine mitreißende Note zu geben. Der Knackpunkt: Am Ende des Tages ist einem das Schicksal der Gruppe recht egal. Auch und vielleicht sogar gerade dieser Faktor schadet „Brennender Sand“ sehr grundlegend. Es bräuchte eindeutig mehr Möglichkeiten, sich mit den Protagonisten zu identifizieren. Hier wäre das Drehbuch gefragt gewesen, aber auch ein Mehr an Alpha-Qualitäten der Schauspieler.

Moderne Technik abseits jeder Zivilisation

Als Bonus zum Film auf der DVD gibt es lediglich einen Nachdruck des Programmhefts, das als Teil der Illustrierten Film-Bühne veröffentlicht wurde. Bei der deutschen Synchronfassung dürfte es sich gewissermaßen um die Originalfassung handeln; das Fehlen weiterer Sprachfassungen ist daher legitim. Eine offizielle Version des Films mit dem Live-Ton vom Set existiert wahrscheinlich nicht – ähnlich verhält es sich beispielsweise mit den „Winnetou“-Filmen. Das Werk wurde auch international vertrieben, hierfür allerdings vermutlich englisch synchronisiert oder mit Untertiteln gezeigt. Gedreht wurde der Film offenbar zumindest anteilig auf Hebräisch. Es mag sein, dass er in Israel mit Passagen des Live-Tons gezeigt wurde, jedoch müsste zumindest Gert Günther Hoffmann für diese Fassung dann von einem anderen Schauspieler synchronisiert worden sein.

Am Ende der Reise ist der Reichtum zum Greifen nah

Veröffentlichung: 30. Juni 2017 als DVD

Länge: 94 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: keine
Originaltitel: Brennender Sand
ISR/BRD 1960
Regie: Raphael Nussbaum
Drehbuch: Raphael Nussbaum
Besetzung: Daliah Lavi, Gert Günther Hoffmann, Abraham Eisenberg, Uri Zohar, Oded Kotler, Gila Almagor, Natan Cogan, Abraham Barzilai, Hillel Ne’eman, Abraham Ronai
Zusatzmaterial: Nachdruck der Illustrierten Film-Bühne Nr. 5344
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2017 by Ansgar Skulme
Fotos & Packshot: © 2017 Al!ve AG / Pidax Film

 

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Geheimnisse in goldenen Nylons – Warum so hektisch?

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Geheimnisse in goldenen Nylons

Von Ansgar Skulme

Agenten-Abenteuer // Der professionelle Taschendieb Charles (Georges Géret), der unter dem Künstlernamen Carlos firmiert, beobachtet zufällig den Diebstahl eines Aktenkoffers und entschließt sich kurzerhand, die Diebe zu bestehlen – und das in dreistester, spontaner Weise, direkt vor dem Fluchtauto seiner Opfer. Als er das Objekt der Begierde bald darauf in Sicherheit öffnet, staunen er und sein Freund Adelgate (Jean Tissier) nicht schlecht über den Inhalt. Die Carlos in die Hände gefallenen Dokumente interessieren sowohl CIA als auch KGB und urplötzlich befindet sich der kleine Gauner zwischen den Fronten. Der Sowjet Bardieff (Werner Peters) macht sich gemeinsam mit einem eiskalten Killer (Horst Frank) auf die Jagd, während die Amerikaner den smarten Womanizer Stephen Daine (Peter Lawford) schicken. Ein Katz-und-Maus-Spiel von Berlin über Paris nach Wien beginnt.

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Sie wittern den Braten – die Beute ist heiß!

„Geheimnisse in goldenen Nylons“ hat im Großen und Ganzen alles, was ein toller Agentenfilm braucht: einen mysteriösen Aktenkoffer als MacGuffin, risikofreudige Helden, schöne Frauen, fiese Schurken, Verfolgungsjagden, wortgewandte Flirts, Schießereien, eine internationale Besetzung mit vielen Stars und bekannten Gesichtern sowie oben drauf Metropolen als Schauplätze – dazu als Vorlage einen Roman („Dead Run“ von Robert Sheckley), ein arriviertes Produzententeam um Artur Brauner und einen erfahrenen Regisseur in der Verantwortung, der sogar selbst das Drehbuch verfasste.

Geschüttelt, nicht gerührt

Um eines gleich vorweg zu nehmen: Zu viele Klischees kann es in einem Agentenfilm der 60er-Jahre gar nicht geben, denn Klischees waren gerade zum damaligen Zeitpunkt fest verankerter Teil dieses Genres, das sowieso von Übertreibungen lebt. Dies gilt ganz besonders für die vielen von James Bond inspirierten europäischen Produktionen, zu denen auch der vorliegende Film gehört. Daran scheitert dieser Film also auch nicht. Es wäre obendrein zu viel gesagt, dass der Film enttäuscht, allerdings verheizt er sein Potenzial in fast schon beispielloser Art und Weise. Frauenrollen kommen recht gut weg: Ira von Fürstenberg ist witzig und voller Selbstironie als Daines Angebetete und die bildhübsche Maria Grazia Buccella macht neben Georges Géret nicht nur eine gute Figur, sondern gefällt vor allem durch ihre eher unaufdringliche Darstellung, die sie sich konsequent bewahrte, egal ob man sie nun gerade in den titelgebenden goldenen Nylons sieht oder etwas dezenter bekleidet. Eva Pflugs Job als Geheimagentin war hingegen resoluter – sie durfte nicht auf Männerfang gehen, überzeugte aber gleichsam. Soweit die Damen. Wolfgang Kieling allerdings hat beispielsweise nur eine einzige Szene, der „Dr.Mabuse“ der 60er-Jahre Wolfgang Preiss ist auch nicht viel länger zu sehen, dafür folgt das Werk im Mittelteil relativ lange nur dem Taschendieb und scheint die anderen Darsteller phasenweise beinahe zu vergessen, statt die Besetzung bestmöglich zu nutzen. Zudem wirken viele Szenen sehr überhastet. Der Schnitt und die Kameraarbeit sind gar nicht das Problem, sogar durchaus modern für die damalige Zeit, aber man merkt dem Film durchweg an, dass man versuchte, zu viele Stars und die großen Namen mehrerer Schauplätze in weniger als 90 Minuten unterzubringen, obwohl der Fokus der Erzählung eigentlich auf dem eher unbekannten Georges Géret als Carlos liegt. Der Film bricht mit dem Credo „Qualität statt Quantität“ auf ganzer Linie – Hauptsache viel! Man versäumte es, die Wahrzeichen der großen Städte in die Handlung einzubauen, wie es ein guter James-Bond-Film gemacht hätte, und zu guten Figuren in einem Agentenfilm gehört auch der eine oder andere gute Abgang bzw. Tod – dahingehend bleibt hier aber jegliche Besonderheit aus. Selbst wirklich wichtige Figuren sterben so unspektakulär als seien sie Statisten, in einfallslosen Allerweltsbildern ohne jeglichen Wiedererkennungswert. Bei einem guten Bond-Film erinnert man sich noch nach langer Zeit an den Tod so mancher Figur – wie oft wurde von Goldfingers Abgang durch das Flugzeugfenster geschrieben! Dass Wolfgang Preiss und Horst Frank dann auch noch mit den Stimmen von Martin Hirthe und Klaus Kindler zu hören sind, macht die Verwirrung komplett. Alle vorhandenen Zutaten des Films hätten ein perfektes Menü ergeben können, doch stattdessen wurden sie kräftig geschüttelt bis kein Stein mehr auf dem anderen stand. Rühren wäre in dem Fall wohl besser gewesen.

Null-Null-Lawford: Ein Quantum Trost

Mittendrin Peter Lawford als eigentlicher Hauptdarsteller – mochte der französische Regisseur den französischen Taschendieb noch so sehr in den Vordergrund inszenieren. Dieser Lawford überrascht! Er musste eine unglaublich stereotype Heldenfigur darstellen, die mit der deutschen Stimme des Vielsprechers Arnold Marquis nicht gerade individueller wird, und spielt sie erstaunlich einsatzfreudig – keine Spur von einem Star aus Hollywood, der wirkt, als hätte er diesen Film nur für das Geld und die Möglichkeit, mal wieder eine Hauptrolle in einem Kinofilm zu spielen, gemacht. Bei der hektischen Inszenierung eine durchaus bemerkenswerte Leistung. Hut ab! Als Mitglied des sogenannten „Rat Packs“ hatte der auch im Privatleben sehr flirtfreudige Lawford zwar Rollen in Filmen wie „Ocean’s Eleven“ aka „Frankie und seine Spießgesellen“ (1960) ergattert und es in Las Vegas nicht nur auf der Bühne bunt getrieben, dafür jedoch den Preis gezahlt, dass er gemeinsam mit Joey Bishop im Schatten der anderen Mitglieder des Rat Packs stand – Frank Sinatra, Dean Martin und Sammy Davis Jr. Dadurch spielte Lawford im Hollywood-Kino Ende der 50er / Anfang der 60er nur noch Nebenrollen und wirkte manchmal gelangweilt, obwohl er zehn Jahre zuvor durchaus noch einige Hauptrollen innegehabt hatte, wenn auch oft im Schatten eines bekannteren weiblichen Stars. Seine an erster Stelle des Vorspanns genannten Rollen waren seit jeher rar gesät und in „Geheimnisse in goldenen Nylons“ bot sich ihm eine gute Chance, sich als der große Star aus Hollywood zu geben. Diese nutzte der gebürtige Londoner prächtig. Sogar die zeitgenössische Kritik erwähnte ihn positiv und stellte ihn als eine Art Lichtblick heraus, während der Film ansonsten weitgehend verrissen wurde.

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Mitleid zählt nicht zu den Stärken des blonden Totmachers

Große Spielfreude merkt man allerdings auch Werner Peters an, einem Schauspieler, der selbst in eher unglücklichen Inszenierungen immer positiv dadurch auffällt, wie ernst er seine Rollen nahm, mochten sie noch so stereotyp sein, und sich, wenn angebracht, immer wieder lustige Feinheiten einfallen ließ, die inmitten allen Durcheinanders trotzdem bestehen. Als er nach der von ihm veranlassten Ermordung einer Figur spontan seinen Hut absetzt und für einen kurzen Moment eine sarkastisch-demütige Trauerpose einnimmt, gewinnt der Film für genau diesen kurzen Moment an Charisma, wenn nicht sogar Größe. Solche Details machen den Spaß bei einem Agentenstreifen letztlich aus. Und genau das ist eben auch der Unterschied zwischen der Darstellung eines Werner Peters und der Darstellung des ihm zur Seite gestellten Horst Frank, der den eiskalten Killer natürlich gut kann, ihn aber spielt als hätte man den Autopilot eingeschaltet und für mehrere Filme einfach durchlaufen lassen. Selbstverständlich ist die von Frank verkörperte Figur insofern teilnahmslos, dass sie kein Mitleid empfindet, trotzdem wirkt die Darstellung in einer Weise teilnahmslos, die damit nicht gleichzusetzen ist.

Bitte mehr Eurospy-Filme!

Dadurch, dass der Film viel zu hektisch in Szene gesetzt wurde, kann man ihm zumindest nicht absprechen, einigermaßen kurzweilig zu sein. Langeweile kommt nicht wirklich auf und um den Film im eigentlichen Wortsinn schlecht zu finden, ist er außerdem einfach zu gut besetzt. Das Nebeneinander von Schauspielern aus Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Italien und Österreich gibt ihm als Koproduktion auch eine angenehm bunte Note. Pidax hat hier eine wirklich recht seltene Produktion ausgegraben, die man als Fan des 60er-Genrekinos durchaus einmal gesehen haben sollte – und dafür braucht es diese DVD! Das Bonusmaterial lässt sich relativ spärlich an, allerdings gilt es, das als PDF auf der Disc enthaltene Booklet nicht zu übersehen, welches der Ausgabe des Internationalen Film-Kuriers entspricht, die dem Film bei Kinostart gewidmet wurde. Das PDF findet sich, wenn man die DVD in den Computer einlegt und die Ordner-Ansicht öffnet.

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Verstecken oder getötet werden

Etwas schade ist, dass die Veröffentlichung nur die deutsche Sprachfassung enthält. Zwar ist der Film letztlich eine deutsche Produktion mit einem deutschen Originaltitel, er wurde aber nicht auf Deutsch gedreht, sondern offenbar mehrsprachig – ähnlich den „Winnetou“-Filmen. Eine Fassung mit dem „Live-Ton“ vom Set dürfte somit leider nicht existieren. Es ist allerdings anzunehmen, dass sich in der englischsprachigen und der französischen Fassung einige Darsteller selbst synchronisiert haben, was in der deutschen Version zumindest für Eva Pflug, Werner Peters, Wolfgang Kieling und Siegfried Wischnewski gilt. Interessant wäre auch zu wissen, ob nur in der deutschen Version dieselbe Titelmelodie erklingt, die auch schon in „Die Todesstrahlen des Dr. Mabuse“ (1964) – ebenfalls eine Artur-Brauner-Produktion – verwendet wurde. Der Film wäre nicht das erste Beispiel dafür, dass in verschiedenen Sprachfassungen unterschiedliche Musik zu hören ist – und seien es nur verschiedene Titelmelodien. Zu hoffen bleibt, dass in Zukunft noch viele weitere sogenannte „Eurospy“-Filme in Deutschland auf DVD erscheinen, da dieses Genre der europäischen Bond-Kopien bisher leider nur äußerst spärlich ausgewertet wurde. Noch nicht einmal die Jack-Clifton-Filme gibt es hierzulande als DVDs und von den Agent-3S3-Filmen bisher keine remasterte Version. Von vielen weiteren auf sich allein gestellten Filmen ohne Fortsetzung ganz zu schweigen, unter denen sich der eine oder andere durchaus gelungene, unterhaltsame Streifen befindet. Zuweilen finden sich in diesen oft international besetzten Produktionen auch Stars aus Hollywood – wie etwa in „Der Chef schickt seinen besten Mann“, den Sergio Sollima mit Stewart Granger, dem Original-Bond-Girl Daniela Bianchi („Liebesgrüße aus Moskau“) und Peter van Eyck inszenierte. Vor allem aber sind diese Filme voll von charismatischen Charakterdarstellern aus aller Herren Länder und präsentieren einige schöne Schauplätze bis hin zu wirklich exotischen Handlungsorten.

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Der Chef schickt seine beste Frau

Veröffentlichung: 9. September 2016 als DVD

Länge: 85 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: keine
BRD/F/IT/USA 1967
Regie: Christian-Jaque
Drehbuch: Christian-Jaque, Michel Lévine, nach einem Roman von Robert Sheckley
Besetzung: Peter Lawford, Ira von Fürstenberg, Georges Géret, Maria Grazia Buccella, Horst Frank, Werner Peters, Wolfgang Preiss, Siegfried Wischnewski, Jean Tissier, Wolfgang Kieling
Zusatzmaterial: Illustrierter Film-Kurier (Nr. 203) als PDF, Bildergalerie
Vertrieb: Al!ve AG

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Fotos & Packshot: © Al!ve AG / Pidax Film

 
 

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