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Don Siegel (X): Die schwarze Windmühle – Der Spion, der seine Familie liebte

The Black Windmill

Von Tonio Klein

Agententhriller // Bauklötzchen-Credits, Kindergesang und zwei fehlende Schuluniformen – bald werden zwei Kinder fehlen, entführt. Scheinbar nichts damit zu tun hat der Auftritt eines Mannes, offenbar frisch aus dem Gefängnis entlassen, der bei einer lasziven Schönen (Delphine Seyrig) einen Mann kontaktieren will, der ihm einen Job verschaffen könne. Und scheinbar noch viel weniger zu tun hat damit, dass dieser Mann eine Sitzung von hohen Tieren des britischen Geheimdienstes besucht (wobei es „den“ Dienst ja gar nicht gibt, sondern mehrere). Und scheinbar noch viel, viel weniger mit allem, dass der dort in leitender Funktion beschäftigte ältere Sir Edward (Joseph O’Connor) so offensiv von seiner deutlich jüngeren Frau (Catherine Schell) beschmust wird, dass dem an anderer Stelle als auffällig „hygienefixiert“ gezeigten Cedric Harper (Donald Pleasence) ganz blümerant wird. „Die schwarze Windmühle“ wird oft als verwirrend beschrieben, aber die genannten Dinge werden sämtlich einen Sinn ergeben, und zwar einen erschreckend banalen. Das macht die Genialität dieses unterschätzten Filmes aus, der dadurch zugleich zu einem der damals so beliebten Paranoia-Thriller wird. Schaut her, was für gänzlich unpolitische, menschlich-allzumenschliche Schwächen es sein können, die ein Verbrechen und eine mörderische Jagd auslösen, bei der sich die Geheimdienste als wichtig gerieren, sich untereinander (MI 5 und MI 6) sowie mit Scotland Yard um Kompetenzen und Prestige streiten und irgendwelche nur angedeuteten Sicherheitsinteressen sowie ihre Macht missbrauchen – bloß wegen … Aber dies sei nicht verraten.

Ex-Knacki bei der Kontaktaufnahme …

Die Nennung der Institutionen sagt es schon: Der US-Amerikaner Don Siegel, der hier Regie führte, ist nach Großbritannien gegangen. Von den oben genannten Rändern zum Zentrum, welches den Zuschauer trotz allen Kuddelmuddels immer bei der Stange halten kann: Der vermeintliche Ex-Knacki ist ein Spion, Major John Tarrant (Michael Caine), einer der entführten Jungen ist sein Sohn David. Der Erpresser (John Vernon) scheint noch einen Hintermann zu haben, zumal er am Telefon sagt, er (genauer: sein Tarnname) sei viele, sodass der bangende Vater und die mithörenden Ermittler nicht immer dieselbe Stimme am Telefon hören. Und der große Unbekannte muss ganz oben in der Geheimdienst-Hierarchie stehen, verlangen die Bösen als Lösegeld doch genau die Summe in Rohdiamanten, die Harper schon zwecks Bezahlung eines Deals zur Infiltrierung eines Waffenschmugglerrings geordert hat.

… oder Geheimagent mit Brille?

Nach vielen Hits wurde dieser Don-Siegel-Film gemischt aufgenommen. Auch der Audiokommentator Mike Siegel (!) – bei dem Namen sei erwähnt, dass es sich um einen Deutschen handelt, der natürlich in seiner Landessprache kommentiert – ist zwar wohlwollend, aber etwas reserviert. Ich bin da anderer Ansicht, was übrigens mitnichten Kritik an Siegel, Mike, sein soll. Vielmehr hat sich dieser sehr kenntnisreich mit vor allem der Entstehungsgeschichte des Filmes auseinandergesetzt, kann glaubhaft von Schwierigkeiten bei fast allem berichten (Drehbuchentstehung, Hauptdarsteller, das englische Effektteam usw.), aber enthält sich der Interpretation des Filmes, die jeder selbst vornehmen möge. Von daher habe ich berechtigte Hoffnung, dass mein Widerspruch ihm gefallen könnte.

Stringenz und Wirrniss

Erstens: Der Film sei verwirrend und enthalte Logiklöcher. Dass Ersteres durch die konsequente Haupthandlung des väterlichen Kampfes um seinen Sohn nivelliert wird, hatte ich bereits erwähnt. Dass die Banalität der Auflösung etwas Entlarvendes hat, dito. Im Übrigen handelt es sich um Wirrnisse, die meines Erachtens stark an Hitchcock erinnern, wobei Siegel, jetzt wieder Don, genau wie der Altmeister die Kunst beherrscht, unsere Aufmerksamkeit auf ganz andere Dinge zu lenken, um Logikschwächen als Mittel zu einem ganz anderen Zweck einzusetzen und sie vergessen zu machen. Das hat jedenfalls bei mir geklappt! Der Film hat eine Art „innere Logik“, bei der trotz Unwahrscheinlichkeiten am Ende eine stimmige Aussage herauskommt.

Tempo auch ohne Action

Zweitens: Der Film sei nicht spannend und nicht temporeich. Bei Siegel-Knallern wie „Dirty Harry“ (1971) und „Charley Varrick – Der große Coup“ (1973) geht es natürlich ganz anders zur Sache. Siegel hatte seinen Ruf als Action-Regisseur gerade mit diesen beiden unmittelbar vorher entstandenen Filmen nachhaltig gefestigt, um es nun etwas ruhiger anzugehen. Die klassische Hatz beginnt erst nach mehr als der Hälfte des Films – Tarrant kann die Diamanten ergaunern, ist Jäger der Entführer und Gejagter der Geheimdienstkollegen. Aber der Streifen ist schon vorher temporeich, was das Schachern, Drohen, Täuschen und Tricksen angeht. Da erzählt er zum Beispiel, wie Tarrant bei einem Telefonanruf Harper imitiert und dadurch einen Bankier dazu bringen kann, Tarrant die Diamanten zu übergeben – und nach dem Schnitt nimmt Tarrant sie bereits entgegen. Ein schwächerer Regisseur hätte gezeigt, wie Tarrant die Bank betritt, sich ausweist, dem Direktor etwas sagt wie: „Mein Chef, Mr. Harper, hat mir gesagt, ich würde erwartet. Haben Sie seinen Anruf bekommen?“ – und nach etwas Vorgeplänkel wird der Tresor geöffnet. All dies verschwindet bei Siegel in der Ellipse (er hatte übrigens als Montagen-Gestalter bei Warner Brothers ab Ende der 1930er-Jahre das Handwerk des ökonomischen Erzählens gelernt). Wo es wichtig ist, bringt Siegel allerdings Details. Harper, der sich nicht „die Finger schmutzig machen“ will, hat eine (1974 noch extremer als heute wirkende) starke Aversion gegen Zigarettenrauch und überhaupt gegen alle Gerüche und Keime. Er wischt sich sogar noch von seinem Schnurrbart den gemutmaßten Schmutz ab (jedenfalls sieht sein Herumfingern an Selbigem so aus; das ist kein klassisches, verspieltes Zwirbeln). Alles muss seine Ordnung haben und aseptisch sein, auch wenn er die Pflanzen in seinem Wintergarten ausgiebig einsprüht. Siegel weiß sehr wohl, wo er Details bringen kann und wo er aufs Tempo drücken muss!

Der Caine war des Filmes Schicksal – und Gewinn

Drittens: Michael Caine spiele mit einem Understatement, das die Angst um den Sohn nicht auf den Zuschauer übertrage. Hier nun möchte ich am heftigsten widersprechen. Caine ist natürlich ein sehr minimalistischer Darsteller und ganz anders als Siegel-(Anti-)Helden à la Clint Eastwood. Aber nicht nur ist er hier typisch Caine, sondern es passt zur Rolle. Er hatte schon in drei Filmen den von Len Deighton erdachten Agenten Harry Palmer gespielt, der gelegentlich als Anti-Bond bezeichnet wird – wohl der erste Film-Agent mit Brille (die er gelegentlich auch in „Die schwarze Windmühle“ trägt). Und dass wir uns hier fernab von Bond befinden, zeigt schon der mehr als nur vordergründige Gag, dass ein Agent einen Maulwurf mit Vornamen Sean einmal versehentlich als „Sean Connery“ bezeichnet. Zudem fügen sich zwei Szenen zu einem wohl bewusst gesetzten Bond-Kontrast zusammen: Erst führt ein Waffenmeister einen mit Schussvorrichtung ausgestatteten Aktenkoffer an einer Puppe vor, wie wir das von „Q“ aus unzähligen Bonds kennen. Dann wird das Stück schließlich zum Einsatz kommen – aber Tarrant ist nicht Bond, es geht schief, und statt des Blutes schießt nur der Wein in Strömen aus zerstörten Fässern. Tarrant ist auch insoweit nicht Bond, als er eine Familie hat: die von ihm getrennt lebende Ehefrau Alex (Janet Suzman) und eben den entführten Sohn David. Dass Tarrant äußerlich so gefasst ist, ist Teil der Geschichte – und wir merken wirklich sehr deutlich, dass dies nur äußerlich ist, da bringt Caines Minimalismus maximale Wirkung. Die Story wird so zu einem Statement über das Wesen der Geheimdienste und vor allem des Geheimdienstlers, der als Profi kühl bleiben muss und dies in vielen Berufsjahren (zu?) sehr verinnerlicht hat. Mehr John le Carré als Ian Fleming.

Paarlauf: John und Alex

Bemerkenswerterweise wird der Plot in origineller Art zur Geschichte einer echten Partnerschaft zwischen John und Alex Tarrant. Dass ein Pärchen in der Gefahr wieder zusammenrückt, ist zugegebenermaßen ein ausgetretener Pfad, aber „Die schwarze Windmühle“ geht neue Wege. Die Wendung kommt relativ spät; der Film zeigt zunächst die typische Frau, die am Beruf ihres Mannes verzweifelt, ohne den David noch so fröhlich spielen würde wie eh und je. Er verzieht keine Miene, sie hält das Schreien des Jungen am Telefon nicht aus. Dann aber ist Rettung in Sicht, nicht, weil die Tarrants vom hochprofessionellen Wirken der Spione Abstand nehmen („Das ist was Persönliches“ – und Schuss), sondern weil sie es annehmen. Sie werden das Spiel besser spielen als die Gegner, die sich schon längst verabschiedet haben vom hehren Ethos der geheimdienstlichen Tätigkeit, so es das je gab. Und zwar beide in wirklichem, gleichberechtigtem Teamwork. So kann ich dem Film abnehmen, dass Arbeitspartner auch wieder Lebenspartner werden könnten. Es ist wirklich schön, mitanzusehen, wie Alex zu einer Stärke und Cleverness zurückfindet, die offenbar nie wirklich weg war. John trickst mit den Mitteln seiner Gegner, unter anderem mit verstellten Stimmen, die eine Entsprechung in den verschiedenen Stimmen des Erpressers finden. Alex leistet am Ende Detektivarbeit beim Auffinden der titelgebenden Windmühle, in welcher der Sohn gefangengehalten wird. Und vorher benutzen die beiden Treffpunkte und Verständigungs-Geheimcodes mit großer Versiertheit. Dies ist zunächst einmal sehr anspielungsreich: Im Kino-Treffpunkt läuft „Die Luftschlacht um England“, den Harry Saltzman als Herzensprojekt neben seinem zunehmend ungeliebten Bond-Franchise produziert hatte – The Black Windmill is beyond Bond! Und der Verständigungs-Code beruht auf Alex’ Deckname Maria von Trapp. Zum einen spricht sie dies, ihren Häschern eine Falle stellend, wie „trap“ aus. Zum anderen ist das eine auf der realen Maria von Trapp basierende Figur aus dem Musical „The Sound of Music“, in dem sie mit Chuzpe vor einer Bedrohung (nämlich den Nazis) flieht und ihre Familie zusammenhält. Dass der Barpianist in der entsprechenden Szene auch noch Marias Auftrittslied aus „The Sound of Music“ (als 1965er-Verfilmung „Meine Lieder, meine Träume“ immens populär) anspielt, rundet das Ganze ab.

Doch, die Familie lässt nicht kalt

Man hat den Eindruck, unser Pärchen reise in seine Vergangenheit, und die war offenbar sehr schön, wie die Mimik und das Schwelgen in der Erinnerung an dieses Kino uns sagen. Obwohl es um Leben und Tod des Sohnes geht, haben beide auch angenehme Gefühle, Erinnerungen, wollen beide wieder zu ihren Wurzeln zurück. Und sie könnten das auch schaffen, wie ihr tatkräftiges Ziehen an endlich demselben Strang andeutet.

Saubermann Harper – nicht mehr unangetastet

Es liegt ein gelungener Film vor, der von der Kälte der Geheimdienste und der Verkommenheit der Menschen erzählt und die aus heutiger Sicht beinahe verschwörungstheoretische Paranoia des 1970er-Kinos entmythologisiert, banalisiert, entlarvt. Er zeigt gerade gegen Ende, dass Professionalismus und emotionale Nähe nebst Wiederannäherung keine Widersprüche sein müssen, sondern dass sich beides sogar wechselseitig beflügeln kann. Bei der neuen Stärke von Alex fällt auch eher gering ins Gewicht, dass Delphine Seyrig, die doch anscheinend die weibliche Hauptrolle hat, den Zuschauer arg kaltlässt. Ich gestehe dabei höchst subjektiv: Wer die GNTM-Starlets für zu dick oder genau richtig hält, könnte die gute Dame erotisch finden; für mich ist sie ein Gerippe. Davon abgesehen hat sie schlicht eine undankbare Rolle. Sie ist das Püppchen in den Händen der Schurken, bei dem jegliche Regung, auch das Erotische, auch die Komplettnacktheit in einer Szene, nur fremdbestimmtes Mittel zum bösen Zweck ist. Sie hat kein Gesicht, keine Seele – wozu ihr nicht zu verratendes Schicksal gegen Ende passt. Schade, aber wir haben ja Alex.

Nichts an, nichts dran – Delphine Seyrig

Blu-ray und DVD bieten eine hervorragende Bild- und Tonqualität sowie zahlreiche Extras, bei denen der deutsche Audiokommentar von Mike Siegel natürlich hervorsticht. Abgesehen davon, dass der obligatorische Doppelkauf von Blu-ray und DVD so überflüssig wie preistreibend ist, hat Koch Films alles richtig gemacht. Don Siegel sowieso.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Don Siegel haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Michael Caine und Donald Pleasence unter Schauspieler.

Veröffentlichung: 11. Juni 2020 als 2-Disc Limited Edition Mediabook (Blu-ray & DVD, 2 Covermotive), 20. Juli 2006 als DVD

Länge: 106 Min. (Blu-ray), 102 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: The Black Windmill
GB/F 1974
Regie: Don Siegel
Drehbuch: Leigh Vance
Besetzung: Michael Caine, Delphine Seyrig, Donald Pleasence, John Vernon, Janet Suzman, Joseph O’Connor, Catherine Schell
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Mike Siegel, Interviews, deutscher und englischer Trailer, Radio-Spots, Bildergalerie, Booklet
Label/Vertrieb 2020: Koch Films
Label/Vertrieb 2006: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2020 by Tonio Klein

Szenenfotos & Packshot Mediabooks: © 2020 Koch Films, Packshot DVD: © 2006 Universal Pictures Germany GmbH

 

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Die Frucht des Tropenbaumes – Der Spion, den ich nicht liebte

The Tamarind Seed

Von Tonio Klein

Agenten-Abenteuer // Blake Edwards hat einen romantischen Agenten„thriller“ gedreht. Obwohl man ihn nicht nur auf den Regisseur eleganter kalifornischer Party-Albträume und slapstickartiger Komödien reduzieren sollte und er im Thrillergenre mit „Der letzte Zug“ ein feines Exemplar der Gattung ablieferte: „Die Frucht des Tropenbaumes“ ist nur halb gelungen. Unbedingter Stilwille und eine schwache Spannungsdramaturgie halten sich in etwa die Waage. Der Film enthält eine Reihe von Szenen erlesener Schönheit sowie exzellente, Bildkompositionen, Montage und Farbdramaturgie. Ein schaler Gesamteindruck bleibt dennoch. Das Ganze hätte mehr sein müssen als die Summe seiner Teile.

Die Macht der (Vor-)Bilder

Filmische Vorbilder sind im positiven Sinne wirkmächtig und im negativen Sinne übermächtig, im Wesentlichen: Hitchcock und Bond. Da verweist die DVD-Hülle auf den Filmkomponisten John Barry – hätte Edwards doch seinen Stammkomponisten Henry Mancini genommen! Barry, den ich keinesfalls geringschätze und der – was das Pidax-Cover seltsamerweise nicht erwähnt – viele Bonds vertont hat, steuerte einen sehr Bond-ähnlichen Soundtrack bei, dabei eher an die ruhigere Hintergrundmusik als an die pulsierenden Titelsongs der frühen Jahre erinnernd. Und dazu gibt’s einen sehr Bond-ähnlichen Vorspann von Bond-Titeldesigner Maurice Binder, in dem bis zum Schrifttyp und zur Anordnung der Credits vieles nach 007 aussieht. Immerhin ist dieser Vorspann nicht nur atemraubend schön, sondern bewahrt sich eine gewisse Eigenständigkeit: Ruhiger als bei Bond wird es zugehen.

Ein Fremder ruft an

Es sind klar und deutlich die beiden Hauptfiguren Judith Farrow (Julie Andrews, konnotiert mit der Farbe Blau) und der Sowjetagent Feodor Svertlov (Omar Sharif, Farbe Rot) zu erkennen, und der Vorspann konzentriert sich auf die beiden. Es scheint um ein Pärchen und die Unmöglichkeit zu gehen, in wirrer politischer und persönlicher Lage zusammenzukommen. Immer wieder gehen beide aneinander vorbei, auseinander, guckt er ihr nach, aber entschwindet sie. Und dann ist da noch Rot für eine Explosion, Blut, Schmerz und Tod: Ein Auto stürzt eine Klippe herunter. Später werden wir erfahren, dass Judith auf diese Weise Witwe geworden ist und sie dieser Unfalltod gerade deswegen nicht loslässt, weil sie meint, versäumt zu haben, der abgekühlten Ehe erneut Leben einzuhauchen. Ist sie auch deshalb – nicht zuletzt in gewohnt britisch-distinguierter Sprechweise – eine berührende Mischung aus zurückhaltend, manchmal abweisend, und sehnsuchtsvoll? Jedenfalls wird sie in eine Beziehung mit Feodor hereingezogen, bis bald niemand mehr weiß, wer wem trauen kann.

Von Bond zu Hitch …

Da passt es ganz gut, dass Edwards ausgiebig Hitchcock zitiert. Die langen Passagen gegen Ende, in denen wenig gesprochen und viel einander langsam verfolgt wird, erinnern an die dialoglosen entsprechenden Passagen aus „Vertigo – Aus dem Reich der Toten“ (1958). Dass hier niemand seinen Augen trauen kann, zeigt sich am ebenfalls aus „Vertigo“ bekannten Credit-Auge, mit dem Maurice Binder seinen Vorspann beginnt, um dann zu offenbaren, dass es zu Julie Andrews’ Gesicht gehört. Und um zu zeigen, dass man in den Mühlen des Geheimdienstes ständig zermalmt zu werden droht, läuft im Fernsehen einmal die entsprechend konnotierte Mühlenszene aus Hitchcocks „Der Auslandskorrespondent“ (1940).

… und von rot zu blau …

Na – und das alles klingt gar nicht schlecht? Nein, der Film-Detektiv und Bildanalytiker kann sich in der Tat daran erfreuen, wie Edwards mit seinen Vorbildern umgeht. Auch Hitch hat sich im Grunde fast nie für die politischen Hintergründe interessiert (siehe beispielsweise den spannenden, politisch aber lachhaften DDR-Thriller „Der zerrissene Vorhang“ von 1966, ebenfalls mit Julie Andrews). Es ging ihm darum, was Menschen wegen McGuffinesker Staatsgeheimnisse zu tun bereit sind und wie sie andere Menschen und deren Gefühle wie Schachfiguren hin- und herschieben. So ist das auch im vorliegenden Film, bei dem eine schöne, durchdachte, aber ein bisschen zu penetrante Farbdramaturgie die grobe politische Lage und nicht ganz so grobe Gefühlslage illustriert. Fast wie in den alten Bundeswehrzeiten, in denen es Manöver zwischen „Rotland“ und „Blauland“ gab, ist hier vieles rot, was die Sowjets und ihre Einflusssphäre umgibt, und der Deckname des in Wahrheit für die Sowjets spionierenden britischen Doppelagenten ist „Blau“. Judiths Wohnung ist interessanterweise eine Mischung aus Rosa und Rot, eigentlich arg gewöhnungsbedürftig, aber hübsch die Möglichkeit der Beeinflussbarkeit ihrer Bewohnerin andeutend. Auch an anderen Orten, an denen die Frage der Beeinflussbarkeit im Raum steht, dominiert rot, das Blau kommt wesentlich unauffälliger und subtiler (daher gefährlicher?) ins Bild (achtet einmal auf Einstecktücher).

… sowie von der Frucht zum Samen

Auf der Haben-Seite hervorzuheben ist schließlich der Umgang mit Metaphern, vor allem derjenigen des mal wieder falsch ins Deutsche „übertragenen“ Filmtitels. Der Samen (nicht die Frucht!) des Tropenbaumes habe nach einer Sage die Gestalt eines menschlichen Schädels, weil an ihm einst ein Unschuldiger aufgeknüpft wurde. Macht man Bäume (und Menschen) zum Objekt von Machenschaften und Ränkespielen, so tragen sie ihre Spuren davon. Das Objekt will und wird Subjekt sein und lässt nicht alles mit sich machen. So wird der „menschlich“ gewordene Samen (ohnehin ein Symbol des keimenden Lebens) zum hoffnungsvollen Zeichen, dass unser Liebespärchen mehr als nur Schachfiguren sein könnte.

Gestrandete Liebe?

Das alles ist aber nur die halbe Miete in einem Film, den die Last der filmischen Vorbilder dann doch zu oft wie Mehltau lähmt und der streckenweise arg lang und langatmig ist. Es scheint, als passe sich Edwards im Stil über Gebühr dem Inhalt an: Nur weil in der Welt der Geheimdienste ein wirres Figurengeschacher angeprangert werden soll, muss ein Film nicht selbst eine teils wirre Figurenvielfalt aufweisen. Es gab in den 1970ern packende Paranoia-Filme des New Hollywood, neben den Evergreens zum Beispiel Sidney Lumets „Der Anderson-Clan“, in dem neben einer klassischen Heist-Handlung jeder jeden bespitzelt und gar nicht mehr behauptet wird, dies ergebe einen Sinn. Bei „Die Frucht des Tropenbaumes“ warten wir hingegen immer noch auf eine Lösung. Auch wenn die am Ende kommt, drohen gelegentlich die Emotion und die Spannung in der Anstrengung unterzugehen, die der Zuschauer beim Mitverfolgen des „Wer will was von wem warum?“ aufwenden muss. Man findet immer wieder gute Einzelszenen (und Bildarrangements, wenn zum Beispiel am Ende schon im Hintergrund ganz klein die Gefahr bringende Yacht zu sehen ist), aber man wird nicht ausreichend bei der Stange gehalten. Ich konnte daher Einzelheiten des Films sehr schätzen, ihn aber insgesamt nicht mögen. Das Agenten-Abenteuer ist in Teilen intellektuell überzeugend, aber ihm fehlt, worauf es in der Geschichte doch ankommen soll: Herz und Gefühl, Romantisches wie Spannendes. Edwards hat nur Einzelheiten wie Mosaiksteinchen seiner Vorbilder kopiert, erreicht aber nie das Ganze, weder die Action von Bond noch den Suspense von Hitch. Und weil er so eklektizistisch arbeitet, auch nicht die traurig-lustig-bittersüße Eleganz eines typischen Blake-Edwards-Films.

Romanze mit Schattenseiten

Schade – Julie Andrews ist auch hier in ungewohnter Rolle einen Blick wert (und man unke mir nicht, dass Edwards die Rolle niemals seiner Ehefrau hätte geben dürfen). Der Ägypter Omar Sharif gibt mit dunklem Teint wenig glaubhaft den Russen. Vielleicht, weil der Film nicht so offenherzig Kunstwelt ist wie der in der Vergangenheit spielende „Doktor Schiwago“. Daneben ist Oscar Homolka ein alter Sowjetgeneral mit wuchernden Augenbrauen à la Breschnjew, und es gibt viele, zu viele Nebenfiguren. Auch spielt Sharif den Charmeur ein bisschen zu archetypisch, als dass Judith sich glaubhaft in ihn verliebt, zumal sie wie gesagt wegen Vergangenem versucht, sich einen Schutzpanzer anzulegen.

Ein Film, der „interessant“ ist. Das Kompliment ist mit der Prise Gift gewürzt, nach der es klingt, auch wenn das Potzenzial mein ehrliches Bedauern statt Häme hervorruft.

Pidax hat die ungekürzte Originalversion auf DVD gepresst, was verdienstvoll ist, da die 2007er-Veröffentlichung nur die kurze deutsche und die ungekürzte englische Version enthielt, statt – wie bei deutschen Kürzungen üblich und nun auch geschehen – die Langversion auf Deutsch und phasenweise mit Original-Tonspur mit Untertiteln zu präsentieren.

Hier einmal Schwarz und Weiß statt Blau und Rot

Veröffentlichung: 29. Mai 2020 als DVD, 8. November 2007 als Doppel-DVD

Länge: 120 Min. (DVD, Originalfassung), 102 Min. (DVD, gekürzte Fassung)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Originaltitel: The Tamarind Seed
GB/USA 1974
Regie: Blake Edwards
Drehbuch: Blake Edwards, nach einem Roman von Evelyn Anthony
Besetzung: Julie Andrews, Omar Sharif, Anthony Quayle, Dan O’Herlihy, Sylvia Syms, Oskar Homolka, Bryan Marshall, Celia Bannerman, David Baron, Kate O’Mara, Constantine Gregory, Roger Dann, Sharon Duce, George Mikell
Zusatzmaterial 2020: Booklet, Wendecover
Label 2020: Pidax Film
Vertrieb 2020: Al!ve AG
Label/Vertrieb 2007: KSM GmbH

Copyright 2020 by Tonio Klein
Szenenfotos & Packshot: © 2020 Pidax Film

 

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Vollmacht für Jack Clifton – Bomben und Viren sind Schnee von gestern

Agente 077 dall’oriente con furore

Von Ansgar Skulme

Agenten-Abenteuer // Der angesehene Wissenschaftler Professor Franz Kurtz (Ennio Balbo) wird entführt, sein Begleitschutz ermordet. Die Sorge ist groß, dass mit Hilfe von Kurtz’ Wissen eine gefährliche Waffe in die falschen Hände gerät. Die Zeiten, als Superschurken mit Bomben oder Viren Chaos in der Bevölkerung zu stiften versuchten, scheinen überholt, wenn man auch in den Besitz einer Strahlenkanone kommen kann. Der größenwahnsinnige Goldwyn (Franco Ressel) freut sich darauf, mit diesem leicht zu bedienenden und tragbaren Utensil schon bald alles, was ihn stört, schlichtweg vom Erdboden verschwinden lassen zu können. Die CIA schickt Agent 077, Jack Clifton (Ken Clark), auf die Reise durch Europa bis an den Bosporus. Sein Chef Heston (Philippe Hersent) weiß genau, was er an ihm hat: Dieser Clifton ist in allen Lebenslagen ein Meister im Aufspüren seiner Ziele, im Umlegen und im Flachlegen.

Heston (r.) ist der starke Mann im Hintergrund

„Vollmacht für Jack Clifton“ zählt zu den populärsten Vertretern des sogenannten Eurospy-Genres, mit dem Agentenfilme der 60er-Jahre bezeichnet werden, die im Fahrwasser der James-Bond-Reihe entstanden und sich ähnlicher Geschichten und Figuren bedienten. Einer der Gründe dafür dürfte sein, dass man bei Jack Clifton durchaus mit einem gewissen Aufwand an internationalen Schauplätzen und nicht etwa nur billig in Italien oder Spanien drehte, wenngleich es sich um hauptsächlich italienische Produktionen handelt. Aus der Masse an sichtbar kostengünstig gehaltenen italienischen Genrefilmen der 60er stechen Projekte dieser Art tatsächlich heraus – diverse niedrig budgetierte Eurospy-Agentenfilme eingeschlossen, die Jack Clifton gewissermaßen links liegenlässt. Das Unterfangen war erfolgreich genug, um eine Trilogie zu werden. Neben „Vollmacht für Jack Clifton“ erschienen binnen kurzer Zeit „Mission Bloody Mary“ (1965) und „Im Netz der goldenen Spinne“ (1966), letztgenannter sogar mit Beteiligung eines damals topaktuellen Bond-Girls: Daniela Bianchi („Liebesgrüße aus Moskau“, 1963). Pidax hat alle drei nun gemeinsam in einem Set auf DVD veröffentlicht.

Liebesgrüße an die Weltherrschaft

Die Clifton-Filme warten mit schönen, musikalisch durchaus ambitionierten Titelsongs auf, die sich gut an das fügen, was man von James Bond gewohnt ist. Zudem bieten sie abwechslungsreiche Unterhaltung im Stil von 007, mit unterschiedlichen Erzählungsschwerpunkten, ganz getreu dem Vorbild aus Großbritannien. Wenn man sich alle Bond-Filme der 60er vornimmt, wird man feststellen, dass jeder der drei Clifton-Filme seine Pendants in den Erzählungen hat, denen er hier und da am nächsten kommt oder ggf. nachempfunden ist. „Vollmacht für Jack Clifton“ ist eindeutig der reißerischste der drei Filme, der sich die beliebte Thematik Superwaffe nach allen Regeln der Kunst vornimmt, um vor allem am Ende ein paar denkwürdige Trash-Akzente zu setzen, die weit ins Lager der Science-Fiction, wenn nicht sogar der Fantasy vorpreschen. Die anderen beiden Filme sind da vergleichsweise moderat, aber genau wie bei Bond geht es eben manchmal – aber nicht immer – einfach darum, dem Fass den Boden auszuschlagen. Oder, wie man es im Englischen paraphrasieren könnte, Geschichten „over the top“ zu erzählen, bewusst absolut zu übertreiben und Obergrenzen zu sprengen. Das Finale von „Vollmacht für Jack Clifton“ hat genau diese Rolle innerhalb der Trilogie.

Clifton (M.) teilt gern aus

Und bis zu diesem Knalleffekt-Schlusspunkt gibt es spannende sowie lustige Unterhaltung mit vielen klasse Charakterdarstellern wie Ennio Balbo, Lorenzo Robledo, Luciano Pigozzi und Fernando Sancho, sehenswerten Schauplätzen, hübschen Damen und einem Ken Clark, der das, was von ihm in dieser Agentenrolle erwartet wird, sehr gut zu erfüllen wusste. Hervorgehoben werden sollte allerdings im Besonderen der für gewöhnlich außerordentlich gut aufgelegte Franco Ressel, der hier in den Credits unter ferner liefen aufgeführt wird, aber den Oberschurken spielt – später war er zum Beispiel auch der Gegenspieler von Lee Van Cleef in „Sabata“ (1969). Ressel war ein hochbegabter Schauspieler mit einem einprägsamen Gesicht, das er mimisch gekonnt zu nutzen verstand, bei dem auf ziemlich große Rollen aus unerfindlichen Gründen aber auch schnell wieder recht kleine folgten. Doch bis hin zu seinem unvergesslichen Mini-Part als steifer Snob-Kellner in „Vier Fäuste für ein Halleluja“ (1971) war bei diesem Franco Ressel Verlass auf denkwürdige Darbietungen unterschiedlicher Größenordnung. Im Übrigen dürfte „Vollmacht für Jack Clifton“ einer von wenigen, wenn nicht gar der einzige Eurospy-Film sein, in dem sowohl der Held als auch der Superschurke von Schauspielern verkörpert wurden, die privat als homosexuell galten, ohne dass dies damals natürlich großartig bekannt gemacht worden wäre. Durchaus ein sympathisches Kuriosum inmitten des dominanten Männer- und devoten Frauenbildes, das derartige Superagenten-Filme augenzwinkernd zeichnen, damit klassische Rollenbilder schon fast satirisch auf die Spitze treiben und diese gewissermaßen ebenso übertreiben wie ihre trashigen Weltherrschafts- und Weltzerstörungstheorien. Schließlich ist es das Genre der männlichen Hetero-Alphatiere schlechthin – auf der guten wie der bösen Seite. Das Genre der Männer, die sich Frauen einfach nehmen, das Genre, in dem die Frauen gehorchen – auch wenn sie das Bett mit mehreren anderen Girls teilen müssen – und zu den Möchtegern-Eroberern sowie den Rettern der Welt aufblicken, die beide vor Führungsqualitäten nur so zu strotzen scheinen. Ken Clark und Franco Ressel dürften ihren Spaß daran gehabt haben, mit dieser Fülle an Klischees und polarisiertem Begehren zu spielen.

Entwirrung im Namenswirrwarr

Die Jack-Clifton-Reihe stellt den Fan in Deutschland vor einige Herausforderungen, um den Überblick zu behalten. Zunächst einmal, weil Jack Clifton im Original gar nicht Jack Clifton heißt, sondern Dick Malloy. Der Name Clifton ist ein Produkt der deutschen Synchronfassungen. Warum man ihm hierzulande einen anderen Namen verpasste, ist mir nicht bekannt. Möglich, dass man Jack Clifton wählte, weil „Jack“ zumindest mit denselben Buchstaben wie „James“ beginnt, sich – im Klang vergleichbar – ebenfalls in einer Silbe spricht und „Clifton“ durch seine letzten beiden Buchstaben einen ähnlichen Abgang hinsichtlich des Klanges wie „Bond“ hat. Als Rückschritt gegenüber dem sonderbaren Rufnamen „Dick“ würde ich die Umbenennung in jedem Fall nicht unbedingt werten. Was das Wort „dick“ im Englischen so alles bedeutet – mag es als Rufname im englischsprachigen Raum noch so beliebt sein –, kann man im Wörterbuch ergiebig nachschlagen; zu einem coolen Superagenten wollen jedoch weder die dort greifbaren Adjektive noch die Substantive so recht passen.

Zusätzliche Verwirrung entsteht, weil der dritte Film, „Im Netz der goldenen Spinne“, in Deutschland von einem anderen Synchronstudio in einer anderen Stadt bearbeitet wurde und die Umbenennung von Malloy zu Clifton hier nicht beibehalten wurde – Synchronsprecherwechsel bei der Hauptfigur und seinem Chef Heston eingeschlossen. Somit gibt es also in Deutschland drei Dick-Malloy- bzw. Jack-Clifton-Filme, von denen zwei den Helden Jack Clifton nennen und einer ihn Dick Malloy nennt, bei dem dann auch noch die bekannten Figuren plötzlich anders klingen. Das hätte man eleganter lösen können. Besonders ärgerlich ist das zudem deswegen, weil Clifton in den ersten beiden Filmen von Gert Günther Hoffmann gesprochen wurde, der seit „Liebesgrüße aus Moskau“ auch die Stimme von Sean Connery als James Bond war und den Charme der Rolle gewissermaßen von Bond auf Clifton überträgt sowie Ken Clarks limitierte schauspielerische Möglichkeiten aufwertet – seinen Bond-Zungenschlag beim Umgang mit Frauen wie auch Schurken inbegriffen. Zumindest wird man in der deutschen Fassung des akustisch aus dem Rahmen fallenden dritten Films aber mit einer sehr attraktiven Darbietung von Ingeborg Schöner für Daniela Bianchi entschädigt, die ich wiederum auch nicht missen wollen würde.

Goldwyn (l.) hat mit der Menschheit noch ein bisschen was vor

Das komplette Durcheinander wird von dem Umstand formvollendet, dass sich in Deutschland noch ein Film mit dem Titel „Jack Clifton jagt Wostok III“ (1964), ebenfalls mit Ken Clark in der Hauptrolle, findet, den man dem Veröffentlichungsjahr nach sogar fälschlicherweise für den ersten Teil der Reihe halten könnte. Es mag tatsächlich sein, dass sich Clark mit diesem Film letztlich für die Rolle des Dick Malloy alias Jack Clifton empfahl, es handelt sich allerdings um einen Film aus der Francis Coplan-Reihe, die in den 60er-Jahren mit mehreren Beiträgen, jedoch stetig wechselnden Hauptdarstellern bestückt wurde.

Weiteres Potenzial für Durcheinander bietet der Umstand, dass Mitte der 60er-Jahre auch noch andere Agenten mit der Bond-ähnlichen Seriennummer 077 im Eurospy-Kinouniversum unterwegs waren: Brett Halsey beispielsweise spielte in „Agentenfalle Lissabon“ (1965) den Agenten 077, George Farrell. Luis Dávila wiederum ging als Agent 077 mit Namen Marc Mato bzw. Mike Murphy in „Agent 077 – Heißes Pflaster Tanger“ (1965) auf die Reise, dem mit „Mike Murphy 077 gegen Ypotron“ (1966), erneut mit Dávila, eine Quasi-Fortsetzung folgte – auch hier sind je nach Sprachfassung aber wieder unterschiedliche Namen der Hauptfigur bei beiden Filmen im Umlauf. Sogar in Indien erschien 1968 ein Film mit dem Titel „Golden Eyes Secret Agent 077“, mit überraschendem Namensvorgriff auf den späteren ersten Film mit Pierce Brosnan als James Bond.

Man lebt nur einmal – oder zweimal?

Wie sich schon jetzt erahnen lässt, gibt der Eurospy-Markt noch einiges her, was in Deutschland nach wie vor nicht zur Veröffentlichung auf DVD oder Blu-ray gekommen ist. Besonders prädestiniert für ein ähnliches Set, wie es bei Pidax nun für Jack Clifton vorliegt, erscheint die „Agent 3S3“-Reihe mit George Ardisson, aus der es zwei offizielle Filme von 1965 und 1966 („Agent 3S3 kennt kein Erbarmen“ und „Agent 3S3 pokert mit Moskau“) sowie den durch Namensveränderung der Reihe angegliederten „Agent 3S3 setzt alles auf eine Karte“ (1967) gibt. Diese ebenfalls sehr sehenswerten Genre-Beiträge sind in Deutschland bisher noch nicht komplett und auch nicht in guter Qualität auf DVD erschienen. Qualitative Maßstäbe haben ansonsten bereits die „Kommissar X“-Veröffentlichungen von Anolis Entertainment gesetzt. Filmreihen mit mehr als zwei Teilen sind im Eurospy-Bereich eher selten, wobei es einige Hauptdarsteller gibt, auf die sich ein paar Filme bündeln – mögen sie da nun unterschiedliche Rollennamen tragen oder auch nicht. Somit lassen sich theoretisch diverse schlüssig zusammenhängende Veröffentlichungsblöcke entlang der auftretenden Protagonisten und ihrer Darsteller kreieren.

Kein Superschurke ohne brutale Schergen

Den Eurospy-Film, bei dem es mich persönlich am meisten überrascht, dass er immer noch einer digitalen Veröffentlichung in der Bundesrepublik harrt, eint mit den beiden besagten offiziellen „Agent 3S3“-Filmen die Gemeinsamkeit, dass der mit seinen Italowestern wenig später sehr berühmt gewordene Sergio Sollima (Vater von „Gomorrha“-Regisseur Stefano Sollima) die Regie innehatte. Gemeint ist „Der Chef schickt seinen besten Mann“ (1966) – für mich unverständlich, dass selbst ausgerechnet dieser Film bisher noch nicht in Deutschland auf DVD herausgebracht wurde, denn auch über Sollima hinaus passt das eigentlich nicht ins Gesamtbild: Die Zahl der Filme mit Peter van Eyck aus den 60ern, die es hierzulande noch nicht auf DVD gibt, ist mittlerweile überschaubar – gefühlt erst recht mit Blick auf seine internationalen Produktionen. Obendrein Stewart Granger in der Hauptrolle – dessen Hauptrollen im europäischen Genrekino aus den 60ern ansonsten ebenfalls bereits recht gut erschlossen sind – und auch hier Bond-Girl Daniela Bianchi, wie im dritten Jack-Clifton-Film. Zweifelsohne einer aus der Kategorie „Warten viele darauf!“. Dieser als Sollima-Eurospy-Box gemeinsam mit „Agent 3S3 kennt kein Erbarmen“ und „Agent 3S3 pokert mit Moskau“ – es wäre zu wünschen, und würde als Trio sogar noch mehr Sinn ergeben als ein Paket mit dem dritten, nur durch den Titel zu einem „3S3“-Film gewordenen Streifen im Bunde, der zudem nicht von Sollima, sondern Mino Guerrini inszeniert worden ist. Sicher ist eines: Die Eurospy-Filme der 60er sind ein Kapitel der Filmgeschichte, bei dem im Bereich der digitalen Veröffentlichungen in Deutschland noch Etliches zu holen ist.

Egal, wo er hinkommt, steht Unterstützung für Jack Clifton bereit

Veröffentlichung: 31. Januar 2020 als DVD (in der „Jack Clifton – Agent 077-Collection“)

Länge: 98 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Agente 077 dall’oriente con furore
IT/F/SP 1965
Regie: Sergio Grieco
Drehbuch: Sandro Continenza, Arpad DeRiso, Leonardo Martín, Giovanni Scolaro
Besetzung: Ken Clark, Margaret Lee, Franco Ressel, Philippe Hersent, Fabienne Dali, Ennio Balbo, Evi Marandi, Mikaela, Fernando Sancho, Lorenzo Robledo
Zusatzmaterial: Englischer Kinotrailer, Bildergalerie, Werbematerial
Label: Pidax Film
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2020 by Ansgar Skulme

Szenenfotos und unterer Packshot: © 2020 Pidax Film

 

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