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Gesprengte Ketten – Drei Tunnel bis zur Freiheit

The Great Escape

Von Ansgar Skulme, der damit seinen 125. Beitrag für „Die Nacht der lebenden Texte“ abliefert. Respekt! Wir freuen uns aufs nächste Jubiläum.

Kriegs-Action // Um ständige Ausbruchsversuche von Luftstreitkräfte-Soldaten in diversen Gefangenenlagern zu unterbinden, hat sich Hitler-Deutschland nach einigen Kriegsjahren eine gewagte Strategie überlegt: Zahlreiche der bisher auffälligsten Ausbrecher auf alliierter Seite werden in einem besonders ausgeklügelt bewachten Lager zusammengefasst. Akt der Verzweiflung oder genialer Plan? Heikel nur, dass bei den Besten der Besten auch der Drang, das Unmögliche zu schaffen, naturgemäß unberechenbar ist. Lieber nichts noch so halsbrecherisch Erscheinendes unversucht lassen, um auszubrechen, als die Zeit sinnlos zu verschwenden. Zumal es die Pflicht eines jeden gefangenen Soldaten ist, beim Feind zumindest so viel Unruhe wie möglich zu stiften. Gemeinschaftlich wird angepackt, um rekordverdächtige 250 Menschen frei zu bekommen. Dafür werden, geschickt durch scheinbare Alltagsroutinen kaschiert, drei mögliche Fluchttunnel vorbereitet, die die Rufnamen „Tom“, „Dick“ und „Harry“ erhalten, was auf Deutsch so viel wie „Hinz & Kunz“ bedeutet.

John Sturges hatte schon eine ganze Weile vor, die wahre Geschichte dieses großen Ausbruchsversuchs aus dem Stalag Luft III filmisch aufzuarbeiten. Acht Jahre soll er die Idee mit sich herumgetragen haben, aber erst nach dem Erfolg seines Kultwesterns „Die glorreichen Sieben“ (1960) erteilte man ihm den Zuschlag für das Projekt – in angemessener Budget-Größe mitsamt namhafter britisch-amerikanisch-deutscher Besetzung. Gedreht wurde in der Nähe von München, als Vorlage diente ein Tatsachenbericht von Paul Brickhill. Der Autor des Buches wurde allerdings nicht ans Set eingeladen. Stattdessen setzte man über viele Monate auf die Dienste des Kanadiers Wally Floody, eines erfahrenen Ausbrechers, der ebenfalls im Camp bei den Vorbereitungen mitgearbeitet hatte, kurz vor der Realisierung des Ausbruchs allerdings verlegt worden war. Einer der zentralen Unterschiede zur wahren Geschichte ist, dass die Amerikaner im echten Leben offenbar alle um die Chance gebracht wurden, an dem von ihnen mit in die Wege geleiteten Massenausbruch teilzunehmen, da sie das Lager infolge von Verdächtigungen schon vorher verlassen mussten – in dieser oder ähnlicher Weise dürfte auch Floody betroffen gewesen sein.

Eine der Definitionsmöglichkeiten des „Männerfilms“

Die Figuren im Film wurden teils lose, teils eng an tatsächlich im Lager internierte Personen angelehnt. Unter anderem war Roger Bushell Vorlage für den von Richard Attenborough verkörperten Kopf der Mission, Roger Bartlett. Teilweise sind die Charaktere im Film auch Kombinationen aus mehreren Menschen, die für den Film gewissermaßen in einer Figur vereint wurden. Zumal es thematisch absolut Sinn ergab, brachte Sturges drei seiner sieben Glorreichen auch gleich mit in diese Produktion: Steve McQueen, Charles Bronson und James Coburn, deren größte Erfolge als Hauptdarsteller noch bevorstanden – vor allem bei Bronson und Coburn, die hier nach wie vor Nebendarsteller-Charakter haben und erst in der zweiten Hälfte der 60er-Jahre den Durchbruch an die Spitze schafften.

Aus den glorreichen Sieben sind in dieser Geschichte, wenn man so will, nun mehrere Dutzend geworden; in einem anderen Genre versammelt. Erneut steht eine schier unmögliche Mission bevor. Die gesamte Handlung von „Gesprengte Ketten“ kommt, allenfalls abgesehen von kaum ins Auge fallenden Statistenrollen, ohne weibliche Figuren aus, da die Erzählung das Gefangenenlager erst mit Beginn des Ausbruchs verlässt und auch nicht mit Bewegtbildern in der Vergangenheit der Figuren gräbt. Der Verleih versuchte, John Sturges davon zu überzeugen, dass der Film finanziell erfolgreicher werden würde, sofern man Frauenrollen – selbst wenn notdürftig – hineinschrieb, doch Sturges blieb eisern. Ein „Männerfilm“ in Reinkultur also, wenn man so will, allerdings auch mit geschichtlicher Fundierung – maßgeblich geprägt von Schauplätzen, an denen es einfach keine Frauen gab – und nicht nur eines Selbstzwecks wegen. „Gesprengte Ketten“ ist darüber hinaus vor allem einer der handwerklich komplettesten Filme, die ich jemals gesehen habe. Ein absolutes Meisterwerk, das relativ viele Sparten – Action, Humor, Spannung, Coolness, Dynamik, prägnante Musik, Realitätsbezug usw. – bedient, in jeder einzelnen Kategorie funktioniert, dabei über die gesamte Länge von fast drei Stunden sämtliche Zügel beisammen hält und einfach wunderbar miteinander harmonieren lässt.

Wenn’s mal wieder schnell gehen muss …

Bevor ich einige dieser zahlreichen Vorzüge etwas näher beschreibe, nehme ich meinen einzigen einigermaßen gewichtigen Kritikpunkt gleich vorweg. Im Großen und Ganzen reißt mich dieser Film selbst nach mehrfacher Sichtung immer noch fast genauso mit wie beim ersten Mal und zieht mich mit seiner Spannung und der klugen Erzählweise so in seinen Bann, dass die rund 170 Minuten wie im Fluge vergehen. Einzig empfand ich bei den letzten Sichtungen als geringfügig störend, dass der Bau der Tunnel von innen nur ziemlich sprunghaft gezeigt wird. Die Gründe hierfür liegen aus meiner Sicht auf der Hand, da der Film ansonsten zum Beispiel noch länger als ohnehin schon geworden wäre. Wenn von einem Moment zum nächsten aber bereits das halbe Innenleben eines Tunnels geräumig ausgebaut ist, praktisch ohne dass man irgendjemanden so wirklich beim aktiven, beschwerlichen Befestigen und Abstützen des ja doch recht langen Fluchtwegs gesehen hat – schon eher beim Reagieren auf zwischenzeitliche Einstürze –, läuft „Gesprengte Ketten“ Gefahr, als hochgegriffen abgetan zu werden, hätte er die konkrete historische Anbindung eben nicht, die er hat. In dem Moment, in dem man hochnäsig belehrend einwenden könnte „Ja ja, erzählt nur! Drei Tunnel, warum nicht gleich fünf oder sechs, aber wie der Bau so schnell gehen soll, zeigt ihr kaum! Ist halt ein Film … in Wirklichkeit hätte das so niemals funktioniert!“, legt einem die wahre Begebenheit hinter dem Film glücklicherweise automatisch das Handwerk, aber dennoch bleibt das, was unter der Erde passiert, im Film aus meiner Sicht leider etwas zu abstrakt und komprimiert. Man wird den Eindruck nicht ganz los, dass die den Bereich unter der Erde simulierenden Sets etwas zu klein waren. Aber insbesondere bei der Erstsichtung wird dieser Aspekt von der Dynamik und Spannung der Handlung regelrecht aufgefressen. „Gesprengte Ketten“ überzeugt narrativ und emotional auf ganzer Linie fesselnd.

Wir sind alle „nur“ Menschen

Ein Faktor, der wohl maßgeblich dazu beiträgt, dass dieser Film dermaßen stark unter die Haut geht, ist die Menschlichkeit der Figuren, die hier in einer sehr nah gehenden, respektvollen Form bei wirklich jedem, der im Lager sein Dasein fristet, auf die eine oder andere Weise untermauert wird. Selbst die deutschen Soldaten, die die Gefangenen bewachen, werden relativ deutlich von Gestapo und SS abgegrenzt, was sich vor allem in Hannes Messemers großartiger Verkörperung des kriegsmüden Lagerkommandanten manifestiert, dessen letzte Szene selbst Steve McQueen mehr oder minder sprachlos zurücklässt. Der nachsichtige Blick auf das deutsche Volk zeigt sich aber auch in allen weiteren Bewacher-Rollen. All sie sind Deutsche, ihre Nation hat in diesem Krieg Schuld auf sich geladen, aber sie sind eben auch Menschen. Menschen, die sich mit den Gefangenen arrangieren, ohne dass es innerhalb des Lagers zu zur Schau gestellter brutaler Gewalt oder Hasstiraden kommt. Vielmehr wird die Zwangslage vieler Deutscher klargemacht, vor allem durch Robert Graf in der Rolle des Werner, der sein Leid klagt, solange es nur ja keiner mithört. Dabei wird aber auch – mit einem Augenzwinkern – nicht vergessen, dass das ständige Abducken sowie schlichte Feigheit nun wiederum auch keine Lösungen sein können, und dass die Wahrheit irgendwo in der Mitte zwischen Dämonisierung und Freispruch liegen muss, wenn man die Rolle solcher Mitläufer bewertet. Der leider recht jung verstorbene Robert Graf war der Vater des renommierten Regisseurs Dominik Graf („Im Angesicht des Verbrechens“) und hatte zweifelsohne das Potenzial, in weiteren Hollywood-Filmen, in größeren Rollen als hier aufzutreten. Leider endete sein Leben schon Anfang 1966.

Hollywood-Luft für beliebte deutsche Schauspieler

Wie der Film die Deutschen einzuordnen versucht, weist aus meiner Sicht aber auch eine kleine, vielleicht im ersten Moment recht nebensächlich wirkende Szene sehr eindrücklich nach, in welcher der von Harry Riebauer gespielte, von den Gefangenen durchaus mit einer gewissen Furcht beäugte Hauptfeldwebel Strachwitz mit einer Mistgabel ins auf Lastwagen gestapelte Geäst sticht, um zu prüfen, ob sich darunter jemand versteckt, der fliehen will. Nicht etwa wird Riebauer hier zu einem Dämon mit Fleischerwerkzeug stilisiert, sondern stattdessen mit Hilfe der Musik ganz bewusst ein eher spaßiger Unterton in das Geschehen gemischt. Freud und Leid, Spaß und Ernst, Soldateneid und Menschlichkeit zeigen sich in diesem Film in einem stetigen Wechselspiel. Konsequenterweise endet die Handlung dann auch mit einer der Szenen im Bunker; ein Ort, der gewissermaßen zum Running Gag innerhalb dieser ebenso tragischen wie aber eben auch cool, spannend und actiongeladen inszenierten Geschichte wird. Nebst Harry Riebauer, der im Jahr 1963 unter anderem noch in einer Hauptrolle als Inspektor in dem Bryan-Edgar-Wallace-Film „Der Würger von Schloss Blackmoor“ zu sehen war – und sich dort gut im Fahrwasser von Vorbildern wie Joachim Fuchsberger und Heinz Drache verkaufte – kommt mit Heinz Weiss ein weiterer durch führende Rollen in deutschen 60er-Kriminalfilmen und später als „Traumschiff“-Kapitän bekannt gewordener Schauspieler zum Einsatz. Bei Weiss ist diesbezüglich allerdings nicht der Name Wallace ausschlaggebend, sondern seine Hauptrolle als Phil Decker in der Jerry-Cotton-Reihe.

Aber auch die dreckige, heimtückische Fratze des 40er-Deutschlands bekommt, besonders durch die Rollen der auf sehr unangenehm wirkende Fieslinge spezialisierten Charakterdarsteller Karl-Otto Alberty und Ulrich Beiger eindrückliche Gesichter und Stimmen. Wobei der Film auch hier sehr differenziert vorgeht: So wird dem aalglatt und überaus bösartig wirkenden, provokant aufgelegten, von Beiger gespielten Gestapo-Mann, der ziemlich ruhig agierende Hans Reiser vornan gestellt (beide ebenfalls sehr bekannte Gesichter für 60er-Deutsch-Krimi-Fans), und dem positive Emotionen zeigenden Lagerkommandanten, den Hannes Messemer spielt, mit Robert Freitag ein sehr ruhiger, fast schon profillos wirkender potenzieller Nachfolger auf die Nase gebunden. Ein klarer Fingerzeig dahingehend, dass auch die ganz normal und unscheinbar Wirkenden durchaus ihren Anteil am Desaster zu haben vermochten und nicht nur die, die jedes Schurkenklischee zu erfüllen scheinen.

Die sich für nichts zu schade sind …

Wie sich die Alliierten zusammenraufen und als verschworene Truppe präsentiert werden, beschert dem Film zunehmend Gänsehaut-Momente. Man hat das Gefühl, jeder würde sich für jeden opfern, obwohl Roger Bartlett (Richard Attenborough) und der invalide Ramsey (James Donald) beispielsweise ein deutlich anderes, strengeres Soldatenbild verkörpern als vor allem der freche Virgil Hilts (Steve McQueen). Der an Klaustrophobie leidende Danny (Charles Bronson) hat seinen Kumpel Willie (John Leyton), der ihn mit aller Macht – dabei sein eigenes Leben riskierend – davon abzuhalten versucht, aus Angst vor dem beengten Tunnel mit vielen Menschen, halsbrecherisch doch noch kurz vor Torschluss allein abzuhauen. Der allein kaum noch reisefähige Blythe (Donald Pleasence) muss um seine Teilnahme am Ausbruch fürchten, bis sich Hendley (James Garner) schützend vor ihn stellt. Ashley-Pitt (David McCallum) riskiert sein Leben im Handgemenge für Roger Bartlett, Hilts in einer ähnlichen Situation für den Maulwurf „Ives“ (Angus Lennie). Sogar einen Ausbruch mit freiwilliger Rückkehr – zwecks Einholung von dringend benötigten Informationen über die Lage außerhalb der Zäune – gibt es. Nicht jede Rettungsaktion, bei der ein Mensch aufopferungsvoll für den anderen in die Bresche springt – und das manchmal im wahrsten Sinne des Wortes – gelingt wie erhofft, aber der Überlebenswillen dieser Männer und dazu vor allem ihr unbändiger gegenseitiger Respekt vor der Bedeutung dieser Flucht für jeden Einzelnen bringen einen mehrfach zum Staunen und womöglich auch mal den Tränen nahe.

Neben den vielen sympathischen Figuren auf der Gefangenenseite und ihrem so oder so beispiellosen, äußerst ambitionierten Vorhaben, komplettieren ihre vielen schlauen Einfälle, ihr teils schlicht dreistes, nimmermüdes und gewitztes Vorgehen sowie die Musik von Elmer Bernstein den überragenden Spannungsaufbau in „Gesprengte Ketten“. Aus Bernsteins Kompositionen sticht besonders die ursprünglich rein instrumentale Titelmelodie hervor, die weltberühmt geworden ist und von Fußball-Fans in Großbritannien noch heute in Stadien nachgesungen wird. Der Nebendarsteller John Leyton, damals ein bekannter Sänger, brachte in Anbindung an den Kinostart außerdem eine um Text erweiterte Single heraus, dazu eine weitere Version mit deutschem Text („Eine kann meine nur sein“). Elmer Bernstein deckt von tragisch, ruhig und gruselig-düster über lustig und beschwingt bis hin zu furiosen Passagen das komplette Portfolio der Emotionen mit seinen Orchesterklängen, über die volle Distanz des Films, einfach großartig ab. Vom tragischen Tod eines Fliehenden, der das drohende Unheil nicht einmal kommen sieht, bis hin zu den lässigen Szenen mit Steve McQueen und seinem Baseball sowie den rasantesten Momenten des Films, in denen McQueen mit dem Motorrad der Schweiz entgegenprescht – Elmer Bernsteins Ideenreichtum und Musikgenie sind hier ein genauso starkes Statement wie zuvor bei seiner Arbeit an „Die glorreichen Sieben“. Gut und schön, dass mit John Sturges der Regisseur und drei der glorreichen sieben Darsteller hier wieder zusammenfanden, aber erst dadurch, dass auch Elmer Bernstein wieder mit dabei ist, entsteht wirklich der Effekt, dass „Gesprengte Ketten“ durchweg den ebenso aufopferungsvollen wie stilbildend coolen Esprit des vorausgegangenen, heute legendären Westerns atmet.

Cool, cooler, Bunker!

Dass Steve McQueen auch heute immer noch mit dem Spitznamen „The King of Cool“ tituliert wird, dürfte entscheidend seiner Rolle in „Gesprengte Ketten“ geschuldet sein, obwohl er diese nur unter der Bedingung angenommen haben soll, die spektakulären Motorrad-Szenen in die Story einbinden zu dürfen und am Set immer wieder Abstand zu den anderen Mitwirkenden hielt. Er wollte der Held sein und zeigte daher des Öfteren seinen Unmut über Handlungsabläufe, die ihm nicht gefielen. Vor allem Richard Attenborough machte er sich damit nicht zum Freund, wobei die Meinungsverschiedenheiten wohl auf Diskussionsebene blieben. Recht viele Diskussionen allerdings, wie es scheint. Offenbar wurde McQueens Part auch erweitert, nachdem er, aufgrund zu weniger Präsenz innerhalb der Handlung, komplett abzuspringen drohte. Die geringen zeitlichen Spielräume beim Unterbringen so vieler Figuren in einer Filmhandlung bilden eine Problematik, die wegen der Vielzahl an ambitionierten Schauspielern, von denen etliche schon bald Stars wurden, wenn sie es nicht ohnehin schon waren, vor allem in einem Film wie „Gesprengte Ketten“ nur schwer zu vermeiden war, da schließlich keiner von ihnen unter den Tisch fallen durfte, nicht nur Steve McQueen. Kurios ist das insofern, als einer der Gründe, weshalb sich Richard Harris vorab aus dem Projekt zurückzog, war, dass ihm die Verkleinerung seines Parts nicht gefiel – er hatte ursprünglich die Rolle des Roger Bartlett spielen sollen. Änderungen, die vermutlich vor allem zugunsten von Steve McQueen gemacht worden sind. Unklar bleibt, ob Harris’ Nachfolger Richard Attenborough in dem Film also überhaupt zu sehen wäre, hätte Steve McQueen keine Unruhe bezüglich der Filmhandlung und der Gewichtung der Figuren gestiftet – so fordernd die Zusammenarbeit mit McQueen am Set für Attenborough dann auch gewesen sein mag.

Im Abspann des Films werden die Figuren allesamt mit ihren Namen und Spitznamen genannt. Dabei kommt McQueen die Bezeichnung „The Cooler King“ zu, was man zwar als „Der coolere König“ lesen kann, wobei es aber eigentlich „Bunkerkönig“ bedeutet. In der Originalfassung sagen die Deutschen im Lager anstelle des prägnanten „Bunker!“ stets „Cooler!“ zu ihm. Ganz offensichtlich wurde aus „The Cooler King“, dem König des Bunkers, dann später „The King of Cool“, der König der Coolness – wofür er ja gewissermaßen auch mit jedem seiner Filme, spätestens seit „Die glorreichen Sieben“, zunehmend Anlass gab. Ein als solcher bereits angekommener Topstar war Steve McQueen zum Zeitpunkt der Produktion von „Gesprengte Ketten“ aber in jedem Fall noch nicht, was unter anderem an dem Aspekt deutlich wird, dass James Garner – der neben McQueen die mit Abstand größte US-amerikanische Rolle im Film spielt – eine deutlich höhere Gage erhielt. Zumindest seinen Ansprüchen an die von ihm ersehnten Motorrad-Szenen dürfte McQueen, unabhängig vom teils enttäuschten Blick auf den Umfang seiner Rolle, in jedem Fall gerecht geworden sein. Nur an einem besonders spektakulären Sprung gen Ende scheiterte er beim Versuch und ließ sich hierbei deswegen schließlich von Bud Ekins doubeln. Stattdessen doubelte McQueen selbst wiederum einen der Verfolger, jagte sich also – dem Schnitt und unterschiedlicher Kostümierung sei Dank – kurze Zeit praktisch selbst über die Leinwand. Unter dem Strich stieg Steve McQueen durch „Gesprengte Ketten“ schließlich zum Superstar auf und blieb bis zu seinem überraschend frühen Tod 1980 in dieser Liga. Kein Wunder also, dass Leonardo DiCaprios Rick Dalton dieser Rolle aktuell in Quentin Tarantinos „Once Upon a Time in Hollywood“ nachtrauert – inklusive einer Szene, in der man DiCaprio an McQueens Stelle in einer Dialogsituation mit Hannes Messemer und Harry Riebauer sieht. Die modernste Tricktechnik macht es möglich – und lässt sogar einen Steve McQueen verschwinden, damit Rick Dalton wenigstens für einen kurzen Moment sein „Was wäre gewesen, wenn …“ innerhalb des Originalmaterials von „Gesprengte Ketten“ imaginieren kann. Natürlich eine „Bunker!“-Szene – und spätestens durch Tarantino und DiCaprio jetzt endgültig als Kult geadelt.

Er ist wieder da?!

Abgesehen von den besagten Ränkespielchen, die die Gesamtstimmung aber nicht wirklich gefährdet haben dürften, sind einige nette Details vom Set überliefert. So etwa, dass eine Art Gemeinschaftsevent daraus gemacht wurde, dass jeder Mensch, der sich vor Ort aufhielt, immer wieder ein kleines Stück zu einem sehr langen Stacheldraht für eine Szene beisteuern sollte, der aus Gummi gemacht wurde, damit man vor der Kamera gefahrlos hineinstürzen und sich darin verfangen konnte, ohne sich zu verletzen. Man ging also immer wieder zu diesem Gummi-Stacheldraht und knotete ein weiteres kleines Einzelteil daran. Eine andere Anekdote berichtet von einer Radarfalle unweit der Dreharbeiten. Bei dieser Verkehrskontrolle handelten sich viele Cast- und Crew-Mitglieder eine Strafe ein, wobei – wie konnte es anders sein – Steve McQueen mit der höchsten Geschwindigkeitsübertretung gemessen wurde. Zweifelsohne eine clevere Idee, allerdings auch nicht wirklich gastfreundlich, ausgerechnet im Umfeld einer solchen, die deutsche Geschichte aufarbeitenden Produktion zu blitzen – mit ungewöhnlich großen Männermengen am Set, bei denen man wohl auf Raser hoffte.

Zumal das Lager nicht am früheren Standort neu errichtet wurde, sondern man den Nachbau des im heutigen Polen gelegen gewesenen Stalag Luft III für diesen Film nahe der bayrischen Landeshauptstadt platzierte, wo für den Normalbürger erst recht nicht damit zu rechnen war, soll es ferner zu einem Vorfall mit einem verängstigten Passanten gekommen sein. Der Mann entwickelte, angesichts der eindeutig ausschauenden Kulisse, die er da beim Spazierengehen mit seinem Hund urplötzlich entdeckte, wohl ein schockiertes Gefühl von „Jetzt geht es wieder los …“ und zeigte sich enorm erleichtert, als er darauf hingewiesen wurde, es handle sich nur um ein Filmset. Wie tief der Rückgriff auf die Vergangenheit zu greifen vermochte, zeigt sich auch daran, dass die Schauspieler teils ihre eigenen Kriegserfahrungen in ihre Rollen und die Produktion einbringen konnten. So hatte James Garner während des Korea-Krieges ähnliche Aufgaben wie auch hier im Film übernommen. Donald Pleasence wurde offenbar phasenweise im Stalag Luft I gefangen gehalten – natürlich eng verwandt mit dem Stalag Luft III, von dem der Film handelt – und in Kriegsgefangenschaft Opfer von Folter. Seine Erlebnisse als Gefangener bei den Deutschen im Zweiten Weltkrieg führten, nach anfänglicher Skepsis seitens John Sturges, schließlich zu einer Art von beratender Tätigkeit am Set. Hannes Messemer gelang die Flucht aus sowjetischer Gefangenschaft, woraufhin er eine enorme Fußstrecke zurück nach Deutschland hinter sich brachte. Das, um nur drei Beispiele zu nennen.

Was zählt, ist die Mission!

Als Erfolg wird der Ausbruchsversuch in der historischen Rückbetrachtung eher nicht gewertet. Manchmal jedoch ist es erst die entstehende Legende, die das volle Potenzial einer Begebenheit entfaltet. 1986 und 2003 transformierte man „Gesprengte Ketten“ sogar in zwei Videospiele, von denen das zweite bereits kompatibel mit den heute noch gängigen Konsolenanbietern war. 1988 erschien außerdem eine zweiteilig angelegte Quasi-Fortsetzung des Films unter dem Titel „The Great Escape II: The Untold Story“, die in Deutschland „Gesprengte Ketten – Die Rache der Opfer“ genannt wurde – und die Legende noch weiter zu erzählen versuchte. Diese Produktion thematisiert allerdings auch den Ausbruch selbst und ist daher im Grunde weniger ein Sequel als eine Erweiterung und Ergänzung zum Film von 1963. An der Laufzeit von knapp drei Stunden kann man schon erkennen, dass es sich nicht um einen typischen Aufguss handelt, dem man plumpe Geldmacherei vorwerfen sollte. Mit Christopher Reeve, Judd Hirsch und Ian McShane konnten außerdem einige noch heute bekannte Schauspieler verpflichtet werden. Auch wurde bezüglich Glaubwürdigkeit vor der Kamera erneut Wert auf mehrere deutsche Schauspieler in der Besetzung gelegt, darunter Manfred Andrae, der mir vor allem aus früheren Zeiten als Synchronsprecher bekannt ist (unter anderem in „Gesprengte Ketten“ als Stimme von Gordon Jackson zu hören), und Martin Umbach, der wiederum erst später rege im Synchron aktiv wurde und noch bis heute sehr gefragt in dieser Branche ist – zum Beispiel als derzeit reguläre Stimme von Russell Crowe, Kenneth Branagh und anderen. Einer der Initiatoren der Wiederaufnahme des Stoffs für den Zweiteiler von 1988 war offenbar Jud Taylor, ein Schauspieler aus der 60er-Version, der sich mittlerweile aufs Regiefach verlegt hatte. Taylor hatte in „Gesprengte Ketten“ den dritten Amerikaner gespielt, der beispielsweise gemeinsam mit James Garner und Steve McQueen die Feier des Unabhängigkeitstages im Lager vorbereitet – in der 1988 erschienenen Neuverfilmung agierte er nun als Produzent und Regisseur der zweiten Hälfte der Geschichte, während Paul Wendkos („Die Rache der glorreichen Sieben“) den ersten Teil inszenierte. Als einziger weiterer Schauspieler aus der Besetzung von 1963 – neben Taylor, der aber hinter den Kulissen tätig war – wurde Donald Pleasence reaktiviert, diesmal allerdings in einer anderen Rolle.

Die i-Tüpfelchen

Dass man die deutsche Synchronfassung von „Gesprengte Ketten“ in München und nicht Berlin erstellen ließ, ist angesichts der Drehorte und angesichts der Tatsache naheliegend, dass man auch vor der Kamera auf in der Nähe ansässige deutsche Schauspieler zurückzugreifen versuchte, die sich schließlich auch für die deutsche Fassung selbst synchronisieren sollten. Die Besetzung von Klaus Kindler für Steve McQueen in diesem Film war zwar keine Premiere, bildete aber sicher den Grundstein dafür, dass er sich schließlich später als McQueens Stammstimme durchsetzen konnte, auch wenn es bis dahin leider noch etwas dauerte. Ein Grundstein für eine sehr populäre Figur wurde hier außerdem gelegt: Wolfgang Büttner sprach Donald Pleasence in „Gesprengte Ketten“ offenbar erstmalig. Es folgten ein weiterer Einsatz für Pleasence in München und nur ein einziger in Berlin – dieser aber in keiner geringeren Rolle als der des damals von Film zu Film immer wieder grundlegend anders aussehenden, von wechselnden Schauspielern verkörperten Superschurken Ernst Stavro Blofeld. Donald Pleasence spielte in „James Bond 007 – Man lebt nur zweimal“ den Blofeld mit Glatze und der berühmten Narbe im Gesicht, der als Vorbild für Dr. Evil in den späteren Austin-Powers-Persiflagen diente – und hatte in der deutschen Fassung die Stimme von Wolfgang Büttner, wie in „Gesprengte Ketten“. Der dem TV-Publikum in den 90ern als „Bergdoktor“ bekannt gewordene Gerhart Lippert ist in „Gesprengte Ketten“ darüber hinaus als Stimme von David McCallum zu hören. Heimliches Highlight der Synchronfassung ist für mich allerdings Paul Klinger, der zwar über 15 Jahre älter als Richard Attenborough war, aber wirklich fantastisch mit seiner Rolle und dem namhaften britischen Schauspieler vor der Kamera verschmilzt. Bedauerlich, dass Klinger ihn nur dieses eine Mal synchronisierte.

DVD-Veröffentlichungen des Films in Deutschland gibt es mittlerweile etliche, denn dass dieser Meilenstein allgemein einen sehr guten Ruf genießt, spiegelte sich unter anderem darin wider, dass man recht zeitig mit digitalen Veröffentlichungen begann – und schließlich gesellte sich dann auch eine Blu-ray dazu. Alles versehen mit reichhaltigem Bonusmaterial. Nichtsdestotrotz kann man im Ausland sogar noch lohnende Erweiterungen finden.

Enttäuschend erstaunlich bleibt am Ende des Tages nur, warum „Gesprengte Ketten“, trotz dass er auch kommerziell schon im Kino ein großer Erfolg war, bei den großen Preisverleihungen – ungeachtet des breit gefächerten Darsteller-Ensembles sowie mehrerer herausragender Leistungen auch hinter der Kamera – nahezu komplett ignoriert wurde. Beim Golden Globe 1964 gab es zumindest noch eine Nominierung als bester Film in der Kategorie Drama, bei den Oscars wurde lediglich der Schnitt nominiert. Wirkt alles sehr stiefmütterlich. Umso kurioser ist, dass der einzige wirkliche Sieg von Steve McQueen errungen wurde. Kurios aber natürlich nicht, weil McQueen für seine Darbietung in diesem Film keine Ehrung verdient gehabt hätte, sondern weil er den Preis ausgerechnet beim Internationalen Film-Festival in Moskau gewann – ausgerechnet für diese Rolle, für sein Porträt dieses immer wieder Regeln brechenden und frech seine Gegner provozierenden US-Amerikaners. Gerade aus McQueens Rolle kann man nun wirklich eine gewisse Attitüde nach dem Motto „Mir ist alles egal, außer Amerika und seinen Freunden!“ herauslesen. Und damit gewinnt man dann einen Schauspieler-Preis an solch einem Ort. In der Rolle eines selbstherrlichen Amerikaners, noch dazu in einem Kriegsfilm, den Pott und Respekt für die eigene Leistung aus Moskau erobern – das kann man mal gemacht haben! Das erscheint fast schon wie ein Zeichen der Versöhnung und Verbrüderung im Geiste, wenn es sich am Ende auf solch eine Weise fügt.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von John Sturges sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Charles Bronson, Steve McQueen und Donald Pleasence unter Schauspieler.

Veröffentlichung: 12. Juli 2013 als Blu-ray und DVD, 14. März 2008 als DVD („90 Jahre United Artists“-Sammeledition, Nr. 30), 30. April 2007 als „Cinema Premium“-Edition DVD, 27. April 2004 als „Gold Edition“ DVD, 17. Juni 2002 als 2-Disc Special Edition DVD, 1. Februar 2000 als DVD

Länge: 172 Min. (Blu-ray), 165 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Polnisch
Untertitel: Deutsch, Englisch, Englisch für Hörgeschädigte u. a.
Originaltitel: The Great Escape
USA 1963
Regie: John Sturges
Drehbuch: James Clavell, W. R. Burnett, nach einer Vorlage von Paul Brickhill
Besetzung: Steve McQueen, Richard Attenborough, James Garner, Donald Pleasence, Charles Bronson, James Donald, James Coburn, Hannes Messemer, David McCallum, Gordon Jackson
Zusatzmaterial: Audiokommentar, Hintergrund-Dokumentationen, Interviews, Original-Trailer
Label/Vertrieb: MGM / United Artists / 20th Century Fox (versionsabhängig, ggf. in Kooperation)

Copyright 2019 by Ansgar Skulme
Packshot Blu-ray: © 2013 MGM

 

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36 Stunden – Ein halbes Dutzend Jahre Filmriss!

36 Hours

Von Ansgar Skulme

Kriegs-Spionagethriller // Der Zweite Weltkrieg steuert auf entscheidende Schlachten zu. Wenige Tage vor der geplanten Landung in der Normandie wird Major Jefferson Pike (James Garner) nach Lissabon geschickt, um sich dort über einen Informanten zu versichern, dass die Deutschen die Invasion nach wie vor anderenorts erwarten. Dieser Plan geht jedoch gewaltig nach hinten los: Der in das Vorhaben Normandie genauestens eingeweihte Pike wird im bewusstlosen Zustand von den Deutschen entführt. Ziel: aus ihm herauszubekommen, was die Alliierten vorhaben. Major Walter Gerber (Rod Taylor) hat eine Methode entwickelt, mit der man an solche Informationen sogar gewaltfrei kommen kann, denn wer sich sicher fühlt und glaubt, dass nichts mehr passieren kann, redet durchaus bereitwillig. Seitens der SS hat man allerdings Probleme mit dem intellektuellen Gerber, der gezwungen ist, seine Wissenschaft zweckentfremdet einzusetzen, und stellt ihm den Standartenführer Otto Schack (Werner Peters) zur Seite. Schack traut weder Gerber noch der ehemaligen Konzentrationslagerinsassin Anna Hedler (Eva Marie Saint), die beim bösen Spiel mit Pike nur mitmacht, um nach langen, schlimmen Qualen ihr eigenes Leben zu retten.

Dass „36 Stunden“ nachgewiesenermaßen als Inspirationsquelle für eine frühe Episode der 1966 gestarteten ersten „Mission: Impossible“-Serie (hierzulande auch bekannt als „Kobra, übernehmen Sie!“) diente, glaubt man gern. Denkbar sogar, dass der Film einen gewissen Einfluss auf die Entwicklung des Gesamtkonzepts für die Serie hatte. Die erste „Mission: Impossible“-Episode lief in den USA etwa eineinhalb Jahre nach dem US-Kinostart von „36 Stunden“. George Seaton ist hier mit einer seiner letzten Regiearbeiten einer der bemerkenswertesten psychologisch hochambitionierten, jedoch nicht von Alfred Hitchcock inszenierten US-Thriller der 60er-Jahre gelungen, der als solcher in einem Atemzug mit beispielsweise „Mitternachtsspitzen“ (1960) oder „Die 27. Etage“ (1965) zu nennen ist.

Wendungen und doppelte Böden

Da man als Zuschauer in die Pläne der Deutschen schon unmittelbar nach deren Auftauchen in der Geschichte eingeweiht wird und somit von vornherein transparent ist, wie sie mit Pike verfahren wollen, könnte man meinen, dass dies der Spannung schadet. Aber weit gefehlt! Seaton spielt stattdessen die triumphale Karte aus, dass man wahrhaft händeringend mit Pike zu fiebern beginnt, ob er noch rechtzeitig herausfinden wird, was mit ihm getrieben wird. Dazu kommt der Faktor, dass Major Gerber verdammt überzeugend und fundiert agiert – eine faszinierende Figur, obwohl sie gezwungenermaßen auf Seiten der Deutschen arbeitet. Diesem Gerber – zumal er von dem damals in Heldenrollen erprobten Rod Taylor gespielt wird –, traut man es mehr und mehr wirklich zu, dass er Erfolg auf ganzer Linie haben könnte. Wann findet Pike heraus, was los ist? Ist es, selbst falls es ihm gelingt, dann aber vielleicht längst zu spät? Welche Konsequenzen und für wen wird all die Zeit haben, die er im Irrglauben verliert, mögen es Stunden, Jahre oder ein ganzes Leben sein – und wie viele Informationen wird er preisgeben? Wird er sich zumindest selbst retten können oder aber vielleicht opfern müssen? Fühlt man sich einmal sicher, wird der Teppich nochmals unter den Füßen weggerissen. Von mehreren Figuren wird mit gemeinen Tricks und Finten gearbeitet.

Beflügelte Leistungen, interessante Zusammentreffen

Werner Peters wird gern einmal auf seine Hauptrolle in dem DEFA-Film „Der Untertan“ (1951) reduziert – in dem Sinne, dass in Verbindung mit seinem Namen meist dieser Film genannt wird –, konstante Erfolge hatte er aber auch noch, wenn nicht sogar vor allem als Charakterdarsteller in den 60er-Jahren. Er gehört zu den prägnantesten Erscheinungen des 60er-Genrekinos der Bundesrepublik und war zudem schon seit den 50ern ein recht gefragter Synchronsprecher. In „36 Stunden“ spielte er seine vielleicht wichtigste internationale Rolle, seine größte in einem Hollywood-Film. Sie beweist, dass in ihm ähnliches Potenzial wie in Gert Fröbe schlummerte. Spannend an dieser Besetzung ist neben seiner schauspielerischen Qualität, dass Peters als seinerzeit nach wie vor in Deutschland ansässiger Schauspieler für diese Rolle engagiert und über den großen Teich geholt wurde. Dass man für eine Nebenrolle in einem damaligen Hollywood-Film einen Schauspieler aus Übersee verpflichtete, ist – von nicht-amerikanischen Darstellern mit Englisch als Muttersprache einmal abgesehen – eher ungewöhnlich. Kein Einzelfall natürlich, aber schon einer mit einem gewissen Seltenheitswert; zumindest für eine Hollywood-Produktion, die auch tatsächlich in den USA gedreht wurde. Eher war so etwas im damaligen Hollywood-Kino anzutreffen, wenn die Szenen der entsprechenden Schauspieler in beispielsweise deren Heimatländern gedreht wurden. Das war hier aber nicht der Fall. Werner Peters drehte vor Ort in den Vereinigten Staaten und synchronisierte sich für die deutsche Fassung später, zurück in Deutschland, dann selbst.

Interessant auch, dass sich hier ansonsten Jahrzehnte zuvor aus Deutschland, Österreich und Ungarn ausgewanderte deutschsprachige Schauspieler die Klinke in die Hand geben und mit Peters direkt und indirekt zusammentreffen. Celia Lovsky, Martin Kosleck, Oscar Beregi Jr., John Banner und Sig Ruman – sie alle hört man hier in der Originalfassung Deutsch sprechen. Die deutsche Synchronfassung wurde allerdings komplett synchronisiert, es wurden also auch die Szenen neu aufgenommen, die nur aus deutschen Dialogen bestehen. Das mag sich absurd anhören, ist aufgrund der Klangunterschiede zwischen Original- und Studioton aber ein aus handwerklicher und künstlerischer Sicht nachvollziehbarer Vorgang. Somit hört man die eigenen Stimmen der Emigrierten in der deutschen Fassung also leider nicht, da die Synchronfassung natürlich vollständig in Deutschland aufgenommen wurde. Verfahrensweisen wie heute, die ermöglichen, dass Dialoge einzelner Personen für eine Synchronisation durchaus auch einfach in den USA aufgenommen werden können und der Rest in Deutschland, waren damals noch nicht realisierbar. So entsteht ein Kuriosum: Während manche der deutschsprachigen Schauspieler auch englischsprachige Dialoge im Film haben, sprechen andere in der Originalfassung komplett nur Deutsch – da sie nur mit deutschen Figuren interagieren und/oder ihre Figuren des Englischen gar nicht mächtig sind –, haben in der deutschen Fassung aber dennoch eine andere Stimme. Noch kurioser allerdings ist die Originalfassung selbst – und zwar in den Momenten, wenn inmitten all der Deutschen plötzlich Schauspieler Deutsch sprechend auftauchen, denen man sofort anmerkt, dass es nicht ihre Muttersprache ist. Warum man hier nicht konsequent blieb und Deutsche oder Österreicher besetzte, ist schwer nachvollziehbar. Die amerikanischen Akzente im Deutsch stören die Glaubwürdigkeit des Films in der Originalfassung und sorgen für unfreiwillige Komik an Stellen, wo sie nicht hinpasst – nur bei Rod Taylor ist das Vorhandensein des Akzents sehr geschickt gelöst und der Wechsel zum Englischen zudem gut begründet.

Apropos Rod Taylor: Der Film glänzt, wie eingangs angedeutet, nicht nur durch seine Nebenrollen, sondern auch das Zusammentreffen zweier vorheriger Hitchcock-Stars. Rod Taylor („Die Vögel“), dem hier zweifelsohne eine der besten Darbietungen seiner Karriere gelang, merkt man in der Rolle des Majors Gerber an, dass er Freude an den darstellerischen Möglichkeiten hatte, die sich durch diese komplexe, sehr intelligente Figur eröffneten. Er spielt Gerber ausgesprochen glaubwürdig, dabei immer wieder in extremen Situationen agierend, in denen der Figur kein Fehler unterlaufen darf. Man beginnt diesen Gerber zu mögen, immer mehr treten seine Seele und Menschlichkeit zutage, aber selbst dann noch kann man ihm nicht völlig trauen. Er scheint oft allen einen Schritt voraus zu sein – Major Pike, der SS und dem Zuschauer. Und da ist zudem die sehr würdevolle Darbietung von Eva Marie Saint („Der unsichtbare Dritte“) als im KZ gepeinigte und nun zur Lüge gezwungene starke Frau, die immer wieder neue Schläge einstecken muss und angibt, das Weinen verlernt zu haben. Angenehm auch, dass zwischen ihr und Pike keine unangemessen übertriebene Liebesgeschichte übers Knie gebrochen wird. Sie kommen sich näher, aber eher emotional, nicht körperlich – keine kitschigen Kussszenen oder dergleichen.

Unnötige Kleinigkeiten

Frei von Spoilern ist dieser Abschnitt nicht. Daher in Unkenntnis des Films bitte erst ab dem nächsten Absatz weiterlesen! Im Gegensatz zu Eva Marie Saint und Rod Taylor gibt es für den dritten großen Star im Bunde, den Hauptdarsteller James Garner, der hier auch zum Produzentengespann gehörte, leichte Punktabzüge, da er, trotz sehr guter Darbietung bis über die Hälfte der Geschichte hinaus, im letzten Drittel des Films überraschend blass wird. Gen Ende wirkt „36 Stunden“ – nachdem alle Karten auf dem Tisch liegen und der Film in Folge der langen Phase der Täuschungen die Ebene hin zur Flucht wechselt – bedauerlicherweise etwas einfallslos, Pike verliert merkwürdig an Gewicht im Rahmen des Geschehens. Stattdessen gewinnt John Banner zu einem Zeitpunkt, wo es auch richtig spannend und dramatisch hätte werden können, mit seiner auf komisch gebürsteten Rolle ein wenig zu sehr die Oberhand – noch dazu gewissermaßen aus dem Nichts. Dass hier nach allen ausgelegten Fährten, den vielen Lügen und schlau gestrickten Wendungen plötzlich ein herumalbernder Wiener mit einem lockeren Zeigefinger am Abzug im Schnellverfahren Probleme zu lösen beginnt, erscheint deplatziert. Auf der Zielgeraden gehen gewisse Vorgänge in der Geschichte dann auf einmal ein gutes Stück zu einfach. Unter anderem ist es alles andere als glaubhaft, wie sich der SS-Mann zum Abschluss leichtsinnig als Zielscheibe präsentiert, da er nur noch auf die beiden Flüchtigen achtet. Sich so fahrlässig von einem permanent herumblödelnden alten Mann abknallen zu lassen, der zudem den Eindruck macht, nicht mehr ganz bei Verstand zu sein, passt nicht zu einer solchen SS-Figur – und das dann noch als Finale des Films. Aber wenigstens gibt es in der Folge eine versöhnliche, elegant und berührend gelöste Schlussszene mit Eva Marie Saint und James Garner, die diese „36 Stunden“ abrundet und verhindert, dass der Film sich, wegen einiger schier unerklärlicher Momente, nach über einer Stunde ziemlich großartigem Kino am Ende in Banalitäten verliert.

Als filmisches Bewerbungsschreiben für seine populär gewordene, ähnlich geartete Rolle in der Comedyserie „Ein Käfig voller Helden“, die auch im Jahr 1965 startete, hat „36 Stunden“ John Banner, der eigentlich Johann Banner hieß, aber vermutlich gute Dienste erwiesen, auch wenn sein Part im Gesamtbild dieses Films diskutabel ist. Es hat etwas Bemerkenswertes, dass er in der Serie, wie auch Werner Klemperer in der Rolle seines Vorgesetzten, als Mensch aus einer jüdischen Familie in einer Nazirolle auftrat und beide somit ihrer eigenen Vergangenheit Woche für Woche und Drehtag für Drehtag mit ausgesprochen viel Humor begegneten. „Ein Käfig voller Helden“ entwickelte sich in den Staaten zu einem großen Erfolg und bescherte Banner gegen Ende seines Lebens ein spätes Höchstmaß an Aufmerksamkeit, dazu Auftritte in TV-Shows und nachhaltige Bekanntheit. Leider wird der Spaßfaktor der Serie aus heutiger Sicht arg von dem hinterhältigen und besonders brutalen, noch immer erstaunlicherweise nicht abschließend geklärten Mord an dem, aufgrund seines Privatlebens sehr kontrovers diskutierten, Hauptdarsteller Bob Crane im Jahre 1978 überschattet. Sich diese Serie anzusehen, die gewissermaßen John Banners größtes Vermächtnis als Schauspieler darstellt – nachdem er sich mit „36 Stunden“ für die Rolle des Feldwebels Schultz empfohlen hatte –, hat daher einen bitteren Beigeschmack, wenn man um die Hintergründe weiß, der schwer mit der lockeren Gangart des Humors kompatibel ist. Banner, der 1973 am Tage seines 63. Geburtstages bei einem Heimatbesuch in Wiens starb, das er im Zuge seiner Flucht vor den Nazis lange Zeit nicht hatte besuchen können, erlebte das finstere Drama um Bob Crane nicht mehr.

Wir sind wieder zu langsam

In den USA wurde „36 Stunden“ schon vor mehr als zehn Jahren erstmals auf DVD herausgebracht, was Veröffentlichungen in Europa, allerdings nicht in Deutschland, zur Folge hatte. Dies ist auch insofern ärgerlich, als die Warner Brothers, bei denen die Rechte für den DVD- und Blu-ray-Vertrieb des Films liegen, zum damaligen Zeitpunkt durchaus noch aktiv darin waren, ihren Klassikern in Deutschland DVD-Veröffentlichungen zukommen zu lassen. 2017 folgte in den Staaten eine DVD-on-Demand-Neuauflage, nun gekoppelt mit einer Blu-ray, mittlerweile ist eine Direktveröffentlichung eines solchen Klassikers über Warner in Deutschland aber recht unwahrscheinlich. Man kann daher eigentlich nur hoffen, dass ein nach wie vor um Klassiker bemühtes Label irgendwann einmal Erfolg damit haben wird, die Rechte an sich zu bringen, um diesen besonderen Film wieder einem großen deutschen Publikum zugänglich zu machen. Schon allein aufgrund seiner Bedeutsamkeit hinsichtlich der vielen deutschsprachigen Schauspieler im Ensemble und aufgrund von deren denkwürdigen Lebens- und gegebenenfalls Fluchtgeschichten, nicht zuletzt weil man in diesem Film auch ungewöhnlich viele von ihnen Deutsch (miteinander) sprechen hört und weil es sich um einen recht späten Film handelt, der diverse deutschsprachige Exil-Schauspieler noch einmal versammelt. Hollywood-Produktionen mit vielen Deutschen in Nebenrollen findet man ansonsten eher im Fundus der 40er-Jahre. Diese Schauspieler aus dem Exil kennt in Deutschland heute kaum noch jemand, Anerkennung und ein kleines Denkmal haben sie aber zweifelsohne verdient. Ein solches könnte beispielsweise eine DVD-Veröffentlichung von „36 Stunden“ hierzulande sein. Dass mit dem Film schon bei seiner Produktion ähnliche Ansinnen verfolgt wurden, kann man dadurch bestätigt sehen, dass man jemanden wie Sig Ruman, der beispielsweise in „Stalag 17“ (1953) und „Sein oder Nichtsein“ (1942) deutlich größere Parts gespielt hatte, hier zumindest in einer sehr kleinen Rolle auftauchen ließ, die im Grunde jeder hätte spielen können.

Veröffentlichung (USA): 11. April 2017 als Blu-ray und DVD, 5. Juni 2007 als DVD

Länge: 115 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: 36 Hours
USA 1964
Regie: George Seaton
Drehbuch: George Seaton, nach einer Kurzgeschichte von Roald Dahl sowie einer für die Leinwand geschriebenen Geschichte von Carl K. Hittleman und Luis H. Vance
Besetzung: James Garner, Eva Marie Saint, Rod Taylor, Werner Peters, John Banner, Russell Thorson, Alan Napier, Martin Kosleck, Oscar Beregi Jr., Sig Ruman
Verleih: Metro-Goldwyn-Mayer / Warner Bros.

Copyright 2018 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use

 

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Latigo – Unterstützt euren örtlichen Revolverhelden!

Support Your Local Gunfighter

Von Volker Schönenberger

Westernkomödie // „Support Your Local Sheriff“ und „Support Your Local Gunfighter“ – schon die ähnlichen Originaltitel von „Auch ein Sheriff braucht mal Hilfe“ (1969) und „Latigo“ (1971) legen die Verbindung zwischen ihnen nahe. Regisseur und Hauptdarsteller sind zudem in beiden Filmen dieselben. Letztgenannte Westernkomödie verfolgt dann auch das gleiche Erfolgsrezept wie der Vorgänger. Verkörperte James Garner in „Auch ein Sheriff braucht mal Hilfe“ einen Durchreisenden, der in einem Westernstädtchen den Posten des Sheriffs übernimmt, so spielt er in „Latigo“ den Glücksspieler Latigo Smith, der im Örtchen Purgatory strandet – Garners Titelrolle in der Fernsehserie „Maverick“ lässt grüßen.

In Purgatory kämpfen die beiden Minenbesitzer Taylor Barton (Harry Morgan) und Colonel Ames (John Dehner) um die Vorherrschaft – und um eine unter der Stadt befindliche Goldader. Barton hält Latigo für den berüchtigten Revolverhelden Swifty Morgan und will ihn anwerben. Derweil muss sich der Zocker auch mit Morgans nicht auf den Mund gefallener Tochter Patience (Suzanne Pleshette) herumplagen. Im abgehalfterten, aber gutmütigen Jug May (Jack Elam) findet Latigo einen treuen Gefährten.

Jack Elam als komischer Sidekick

12 Uhr mittags“ (1952), „Zwei rechnen ab“ (1957), „Spiel mir das Lied vom Tod“ (1968) – Jack Elam hat in einigen Klassikern des Westerngenres schurkische Nebenrollen eingenommen und ist uns nicht zuletzt aufgrund seines Sehfehlers – er schielt – markant in Erinnerung. In „Latigo“ hat er eine ähnliche Rolle wie in „Auch ein Sheriff braucht mal Hilfe“, und er stiehlt Garner in ein paar Szenen die komische Schau. Über ein paar Absurditäten sei hinweggesehen. Dass die aufbrausende Patience gern mal mit dem Gewehr in der Gegend herumballert, wenn ihr etwas nicht passt, erscheint ebenso sinnlos wie der Running Gag, dass Latigo ab und zu wie aus heiterem Himmel dem Zwang erliegt, am Roulettetisch all sein Geld auf die 23 zu setzen.

Ein Pärchen wie Hans und Klärchen: Latigo Smith (l.) und Jug May

„Latigo“ bietet harmlose, amüsante Unterhaltung ohne Ecken oder Kanten und kommt gänzlich ohne Tote aus. Der Humor wirkt etwas altbacken, die satirische Zeichnung einiger ikonischer Westernfiguren – der Nichtsnutz der Stadt, der Glücksspieler, der Revolverheld – funktioniert nicht immer perfekt. Dennoch hat „Latigo“ seine Momente und geht als gepflegte Westernkomödie ins Ziel. Die erneute Sichtung nach vielen Jahren anlässlich der deutschen Erstveröffentlichung als Blu-ray in solider Qualität, wenn auch leider ohne Untertitel, hat immerhin Lust gemacht, „Auch ein Sheriff braucht mal Hilfe“ mal wieder zu sichten. Vielleicht erscheint der Vorgänger von „Latigo“ ja in absehbarer Zeit auch auf Blu-ray.

Veröffentlichung: 27. Juli 2018 als Blu-ray und DVD, 13. März 2009 als DVD (Twentieth Century Fox Home Entertainment), 2. April 2007 als DVD (MGM)

Länge: 91 Min. (Blu-ray), 88 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Support Your Local Gunfighter
USA 1971
Regie: Burt Kennedy
Drehbuch: James Edward Grant
Besetzung: James Garner, Suzanne Pleshette, Jack Elam, Harry Morgan, Joan Blondell, Marie Windsor, John Dehner, Henry Jones Dub Taylor, Kathleen Freeman
Zusatzmaterial: Originaltrailer, Bildergalerie, Biografien von Burt Kennedy,Suzanne Pleshette und James Garner, Trailershow, Wendecover
Label: Black Hill Pictures GmbH
Vertrieb: WVG Medien GmbH

Copyright 2018 by Volker Schönenberger
Szenenfotos: © 2018 Black Hill Pictures GmbH / WVG Medien GmbH

 

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