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The Boys from Brazil – Träumen Nazis von Hitler-Klonen?

The Boys from Brazil

Von Leonhard Elias Lemke

Thriller // „The Boys from Brazil“ ist eine fulminante Doku über die Kicker vom Zuckerhut: Pelé, Ronaldo, Ronaldinho, Kakà und Co. Natürlich nicht! „The Boys from Brazil“ ist ein dreifach Oscar-nominierter, zu keinem Zeitpunkt zimperlicher Thriller mit Horror- und Science-Fiction-Anleihen aus dem Jahr 1978 von Franklin J. Schaffner („Papillon“, „Planet der Affen“), mit einer bizarren Nazi-Thematik und Starbesetzung – basierend auf dem Bestseller von Ira Levin, von dem auch die Vorlage zu Roman Polanskis „Rosemaries Baby“ stammt.

Wiederholt sich die Geschichte?

Anfang der 70er-Jahre treffen sich einige im Exil lebende ehemalige SS-Offiziere unter der Führung von Dr. Josef Mengele (Gregory Peck) in Paraguay, um ein geheimes Projekt in Gang zu bringen. Der junge Nazi-Forscher Barry Kohler (Steve Guttenberg) macht den in Wien ansässigen Nazi-Jäger Ezra Lieberman (Laurence Olivier) auf diese Zusammenkunft aufmerksam. Nach einigem Zögern stellt Lieberman eigene Nachforschungen an. Er begreift den diabolischen Plan der Alt-Nazis: Mit Hilfe moderner Gentechnik ist es ihnen gelungen, aus biologischen Überresten Adolf Hitlers 94 Jungen zu klonen und diese in Adoptivfamilien unterzubringen, um so ein „Viertes Reich“ zu erschaffen.

Der Nazi-Arzt Josef Mengele plant Ungeheuerliches

Damit aus den Hitler-Klonen auch möglichst genaue Ebenbilder des Schreckensherrschers werden, sollen die Kinder genauso sozialisiert werden, wie einst Hitler. Beruf, Alter, Lebensumstände etc. der Adoptivfamilien müssen genau denen aus Hitlers Kindheit entsprechen. Nächste Schwierigkeit für die SS-Schergen ist nun, dass Hitlers Vater mit 65 Jahren starb. Folglich müssen in allen 94 Adoptivfamilien die Väter pünktlich getötet werden, was sich zu einem schwierigen Unterfangen entwickelt – zumal Lieberman und Justiz immer näher rücken.

Big Budget Exploitation mit drei Oscar-Preisträgern

„The Boys from Brazil“, hierzulande seinerzeit mit dem deutschen Titelzusatz „Geheimakte Viertes Reich“ in den Kinos gelaufen, besticht vor allem durch seine bizarre, durchkonstruierte Geschichte, die aber funktioniert. Man nimmt sich einer hoch exploitativen Storyline ernsthaft an, hat keine Angst, Weltstars ins Genrebecken zu werfen. Freilich wirkt schon der Begriff „Nazi-Klon“ nicht sonderlich glaubwürdig, und man denkt unweigerlich an Filme wie „Zombies – Die aus der Tiefe kamen“ (1977) mit immerhin Peter Cushing, doch versteht es Regisseur Franklin J. Schaffner (Oscar 1971 für „Patton – Rebell in Uniform“), die Story glaubwürdig voranzubringen.

Journalist Barry Kohler erfährt davon und kontaktiert …

Das ist auch ein Verdienst der starken Schauspieler, welche die plakativen Figuren nicht der Lächerlichkeit preisgeben, sondern gar bierernst nehmen, wobei vor allem Peck zum Overacting neigt – der Zuschauer kann sich hier gewiss nicht immer ein Lächeln verkneifen. Auch die jungen Hitler-Klone mit ihrem auffallenden Seitenscheitel und herrischem Wesen sind herrlich augenzwinkernd in Szene gesetzt. Diese komödiantische Note des Films scheint allerdings der deutschen Zensurbehörde damals entgangen zu sein, denn sie kürzte ihn um 25 Minuten und beraubte ihn so seiner besten Szenen.

… den Nazi-Jäger Ezra Lieberman

Die Oscar-Preisträger Peck (1963 für seine Hauptrolle in „Wer die Nachtigall stört“) und Olivier (1949 für die Titelrolle in „Hamlet“) liefern sich ein spannendes Gefecht auf Distanz – Olivier erhielt dafür eine weitere Oscar-Nominierung. Schließlich kommt es zum finalen Showdown mit Herzschlagfinale. Bis in die Nebenrollen besitzt der Film geballte Starpower: Bruno Ganz, James Mason, Lilli Palmer, Uta Hagen, Steve „Police Academy“ Guttenberg und Sky du Mont sind unter anderen zu sehen. Die Musik von Jerry Goldsmith unterstreicht hervorragend die einzelnen Passagen des Films und passt sehr gut zu den Originalschauplätzen, an denen gedreht wurde. Auch der Komponist reiht sich in die Riege der an dieser Produktion beteiligten Oscar-Preisträger ein: Er wurde 1977 für seinen Score des Horrorfilms „Das Omen“ prämiert – sein einziger Academy Award bei satten 18 Nominierungen, eine davon für „The Boys from Brazil“. Zu guter Letzt wurde 1979 nach Olivier und Goldsmith auch Robert Swink für einen Oscar nominiert – für seinen Schnitt.

Esther Lieberman hat Angst um ihren Mann

„The Boys from Bazil“ sollte nicht als tiefgründige Geschichtslehrstunde verstanden werden, sondern als eine (hoffentlich für immer) rein fiktive Geschichte, die unterhält, überzeugt und einen auch ab und an zum Lächeln bringt. Übrigens lebte der echte Josef Mengele zum Zeitpunkt des Erscheinens des Films unbehelligt in Südamerika und könnte ihn im Kino gesehen haben …

The Boys are finally back – in HD!

Koch Films hat den Thriller erstmals auf Blu-ray in Deutschland veröffentlicht – eine verdiente Ehre – und lässt seine Figuren, tollen Schauplätze und Sets so in schärfstem Schwarz-Weiß-Rot erstrahlen. Neben der (zu ignorierenden) deutschen Kurzfassung gibt es die Super-8-Fassung, beide deutsche Synchronfassungen, den tollen Soundtrack Goldsmiths, obligatorische Trailer und Bildergalerie sowie ein Promo-Featurette.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit James Mason, Laurence Olivier und Gregory Peck sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Eduard Seibert (r.) ist Mengeles Mann im Hintergrund

Veröffentlichung: 8. November 2018 als Blu-ray und DVD

Länge: 125 Min. (Blu-ray), 120 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: The Boys from Brazil
Alter deutscher Titelzusatz: Geheimakte Viertes Reich
GB/USA 1978
Regie: Franklin J. Schaffner
Drehbuch: Heywood Gould, nach einem Roman von Ira Levin
Besetzung: Gregory Peck, Laurence Olivier, James Mason, Lilli Palmer, Uta Hagen, Steve Guttenberg, Denholm Elliott, Rosemary Harris, John Dehner, John Rubinstein, Bruno Ganz, Michael Gough, Sky du Mont, Carl Duering, Linda Hayden
Zusatzmaterial: 2 Synchronfassungen, Trailer, Featurette, Bildergalerie
Label/Vertrieb: Koch Films

Copyright 2019 by Leonhard Elias Lemke
Senenfotos & Packshot: © 2018 Koch Films

 

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Brennen muss Salem – Vampirisches Unheil über der Kleinstadt

Salem’s Lot

Von Volker Schönenberger

Horror // 76 Minuten! Mit einer um so viel kürzeren Version müssen hierzulande Filmgucker ohne Blu-ray-Player vorliebnehmen. Für den europäischen Markt war die US-Miniserie seinerzeit zu einem Spielfilm zurechtgestutzt worden, und Warner hat 2006 diese Kurzfassung auf DVD veröffentlicht. Erst zehn Jahre später erschien die lange Version in Deutschland – und das auch nur als Blu-ray. Angesichts des Umfangs von Stephen Kings 700-Seiten-Roman fällt die Entscheidung zugunsten der Blu-ray nicht schwer. Ich schenke es mir auch, etwas über die Unterschiede beider Fassungen zu schreiben, das haben die Kollegen von Schnittberichte bereits ausführlich erledigt.

Das Leuchten des Weihwassers

In einer Kirche in Guatemala füllen ein Mann (David Soul) und ein Junge (Lance Kerwin) Weihwasser in kleine Flaschen. Plötzlich beginnt die Flüssigkeit in einer der Flaschen hell zu leuchten. „Sie haben uns gefunden“, sagt der Mann. „Ein anderer hat uns wiedergefunden.“ Nach diesem kurzen Prolog und dem folgenden Vorspann springt die Handlung zwei Jahre zurück – in den kleinen Ort Jerusalem’s Lot, kurz auch Salem’s Lot genannt. Der Mann, es handelt sich um den Schriftsteller Ben Mears, trifft per Auto in seiner Geburtsstadt ein. Ihn fasziniert das auf dem Pabscuitti Hill gelegene Marsten-Haus, doch er kommt zu spät, es zu mieten. Der örtliche Makler Larry Crockett (Fred Willard) hat es kurz zuvor an den Antiquitätenhändler Richard K. Straker (James Mason) vermietet, der sich zusammen mit seinem noch abwesenden Partner Kurt Barlow (Reggie Nalder) dort ansiedeln will. 20 Jahre lang hatte es leergestanden.

Mears lernt die aparte Susan Norton (Bonnie Bedelia) kennen und nimmt Kontakt zu seinem alten Lehrer Jason Burke (Lew Ayres) auf. Das Marsten-Haus zieht ihn auf beklemmende Weise an. Er offenbart Burke seine Überzeugung, das Haus verkörpere das Böse an sich. Dann wird eine große Kiste ins Marsten-Haus geliefert – und bald darauf verschwinden die ersten Menschen …

Vom Regisseur von „The Texas Chainsaw Massacre“

Seine TV-Herkunft kann „Salem’s Lot“ nicht verleugnen, was Bildgestaltung und Effekte angeht. Der Dauer und dem Alter sowie veränderten Sehgewohnheiten geschuldet werden manche heutigen Filmgucker vielleicht über die eine oder andere Länge hinwegsehen müssen. Dafür erhalten sie sich langsam, aber stetig aufbauende Spannung mit einigen sehr intensiven Szenen. Gegenüber seinem bahnbrechenden „The Texas Chainsaw Massacre“ (1974) wirkt Tobe Hoopers Miniserie um den Vampir, der das Unheil in eine kleine Stadt bringt, zwar handzahm, gleichwohl ist es mehr als ansehnlich, wie sich unerbittlich das Grauen auf Salem’s Lot legt. James Mason als menschlicher Unterstützer des obersten Blutsaugers und Reggie Nalder in seiner fiesen blutarmen Maske stehlen den Protagonisten um David Soul dabei die Schau.

Das vampirische 1979er-Trio

1979 war ein gutes Jahr für Fans von Vampirfilmen: Während sich Werner Herzogs „Nosferatu – Phantom der Nacht“ mit Klaus Kinski in der Titelrolle an F. W. Murnaus „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ (1922) orientierte, zeigte John Badhams „Dracula“ mit Frank Langella als kultivierter Vampirfürst eine romantischere Seite der Blutsauger. Barlow aus „Brennen muss Salem“ ist optisch näher an Kinskis Verkörperung, spricht aber nicht und gibt sich gemeinhin deutlich dämonischer als seine beiden „Artgenossen“ jenes Jahres. In puncto Gewaltdarstellung nimmt sich die TV-Adaption gegenüber einigen Szenen im Roman deutlich zurück – das Geschehen sollte immerhin in heimischen Wohnzimmern aus der Röhre flimmern können, ohne arglose Zuschauer zu verstören.

Stephen Kings zweite Romanveröffentlichung

Stephen Kings Vorlage bildet die zweite Roman-Veröffentlichung des Horror-Großmeisters nach „Carrie“, entstand aber früher und zählt zweifelsohne zu den Glanzstücken in seiner Bibliografie. Der Autor hat das fiktive Jerusalem’s Lot in seinem Heimatstaat Maine platziert und mehrfach als Handlungsort genutzt. Tobe Hoopers filmische Adaption nimmt sich ein paar Freiheiten, beispielsweise bei der Charakterisierung des Obervampirs, das steht der Miniserie aber gut zu Gesicht. Sie sollte zu einer vollwertigen Serie ausgebaut werden, dazu kam es aber nicht. Larry Cohens Fortsetzung „Salem 2 – Die Rückkehr“ („A Return to Salem’s Lot“) kann das Niveau nicht halten. Die zweiteilige TV-Neuverfilmung „Salem’s Lot – Brennen muss Salem“ von 2004 mit Rob Lowe, Donald Sutherland und Rutger Hauer hingegen ist ansehnlich geraten. Und Hoopers Version hat den fast 40-jährigen Alterungsprozess gut überstanden.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Stephen-King-Adaptionen sind in unserer Rubrik Filmreihen aufgelistet, Filme von Tobe Hooper in der Rubrik Regisseure, Filme mit James Mason unter Schauspieler.

Veröffentlichung: 22. September 2016 als Blu-ray, 13. Januar 2006 als DVD

Länge: 183 Min. (Blu-ray), 103 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch
Untertitel: Deutsch und Englisch für Hörgeschädigte, Französisch, Spanisch. Portugiesisch, Dänisch, Schwedisch, Norwegisch, Finnisch
Originaltitel: Salem’s Lot
USA 1979
Regie: Tobe Hooper
Drehbuch: Paul Monash, nach dem Roman von Stephen King
Besetzung: James Mason, David Soul, Lance Kerwin, Bonnie Bedelia, Lew Ayres, Reggie Nalder, Julie Cobb, Elisha Cook Jr., George Dzundza, Ed Flanders
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Tobe Hooper, Trailer
Label/Vertrieb: Warner Home Video

Copyright 2018 by Volker Schönenberger

 

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Flucht aus Zahrain – Mit wenig Sprit ab durch die Wüste

Escape from Zahrain

Von Ansgar Skulme

Abenteuer // Der Machthaber von Zahrain (Joseph Ruskin) will den Widerstandskämpfer Sharif (Yul Brynner) aus dem Wege räumen lassen. Da Sharif sowieso bereits in Gefangenschaft ist, scheint das kein großes Problem zu sein, doch ehe sich die Verschwörung realisieren lässt, wird der politische Querdenker von studentisch organisierten Rebellen unter Führung des Teenagers Ahmed (Sal Mineo) befreit – und mit ihm einige andere Männer, die im selben Gefangenentransporter sitzen. Die so durch Zufall entstandene kleine Gruppe, der neben Sharif auch noch der amerikanische Betrüger Huston (Jack Warden), der wegen Mordes verurteilte Hassan (Jay Novello) und der brutale Tahar (Anthony Caruso) – der mit seinen schlimmsten Verbrechen prahlt – angehören, hat das gemeinsame Ziel, es außer Landes zu schaffen. Allerdings liegen Hunderte Kilometer und kompliziertes Terrain in brütender Hitze vor ihnen. Die – spätestens jetzt – Todgeweihten stehlen einen Krankenwagen und nehmen notgedrungen gleich die Krankenschwester Laila (Madlyn Rhue) und den Fahrer (Leonard Strong) mit. Eine waghalsige Flucht beginnt.

„Flucht aus Zahrain“ sollte ursprünglich unter der Regie von Edward Dmytryk entstehen – mit Clark Gable in der Hauptrolle. Als der im November 1960 starb, befand sich das Projekt gerade in der Vorbereitungsphase. Ersatzweise engagierte man den fast 20 Jahre jüngeren Yul Brynner, für den es die erste Hauptrolle nach dem großen Erfolg mit „Die glorreichen Sieben“ (1960) war. Brynner konnte bei den Dreharbeiten gleich mehrere Wiedersehen feiern: Mit Sal Mineo hatte er zuvor jahrelang am Broadway in „The King and I“ gespielt, Jack Warden hatte in „Fluch des Südens“ (1959) seinen Stiefbruder verkörpert und Vladimir Sokoloff übernahm eine ähnliche Rolle wie zuvor in „Die glorreichen Sieben“. Inwiefern Edward Dmytryks Ausscheiden aus dem Projekt, der mit Clark Gable zuvor bereits „Treffpunkt Hongkong“ (1955) gedreht hatte, unmittelbar mit Gables Tod zu tun hatte, ist nicht genau zu klären. Der Brite Ronald Neame kam stattdessen ins Boot; er fungierte gleichzeitig als Regisseur und Produzent.

Cleveres, mitreißendes Konzept

Der Film bezieht seinen besonderen Reiz daraus, dass die Flüchtigen ab ihrer Befreiung in jeder Szene zu sehen sind – mit anderen Worten: in allen Szenen des Films mit Ausnahme der einleitenden, in der die Verschwörung gegen Sharif geplant wird. Dadurch bleibt der Zuschauer pausenlos sehr nah an der Perspektive der Fliehenden, und diese Flucht wird zu einer mitreißenden Odyssee. Hierbei erweist sich auch als vorteilhaft, dass Ronald Neame das Ganze schnörkellos, ohne Umwege inszeniert. Das zeigt sich am eindrücklichsten daran, dass Sharif und alle sonstigen Beteiligten das erste Mal genau dann zu sehen sind, als sie bereits aus dem Gefangenentransporter befreit werden. Man hätte diese Befreiung selbstverständlich auch mit einem Vorlauf versehen und die Figuren in aller Ruhe vor Besteigen des Transporters oder zumindest während der Fahrt, bevor sie befreit werden, einführen können – man hätte auch die Befreier bei der Vorbereitung des Coups zeigen können. Stattdessen übergibt Neame die Gefangenen dem Zuschauer in voller Dynamik – bei ihrem Ausbruch, mit dem die Szene sofort beginnt, buchstäblich aus dem Wagen in die Freiheit springend. Sie sind somit von Anfang bis Ende konsequent auf der Flucht – in einem anderen Zustand erlebt man keine der Figuren. Das macht im Ergebnis einen der spannendsten, energischsten Hollywood-Abenteuerfilme der 60er-Jahre.

Es liegt in der Natur der Sache, dass ein solches Konzept mit der Besetzung steht und fällt. Mag die Inszenierung noch so rasant sein, hat dieser Film keine Chance, wenn die Figuren, die nun einmal in jeder Szene auftauchen, uninteressant wirken. Selbst obwohl das Drehbuch bei manchen Wendungen und glücklichen Fügungen nicht überzeugt, funktioniert der Film – was die Leistung der Schauspieler umso bedeutender erscheinen lässt. Die fünf zentralen Charaktere sind so ziemlich das, was man „perfekt besetzt“ nennen möchte: Yul Brynner spielt den Rebellenführer, der aus Überzeugung tut, was er tun muss, mit bemerkenswert glaubhafter Ruhe und Entschlossenheit – und man kauft ihm die arabische Herkunft ab. Sal Mineo ist eine kluge Wahl als blutjunger, in manchen Belangen noch recht unreifer Idealist, der viel Wut über die Ausbeutung seines Landes sowie der Menschen angestaut hat und seine berechtigten Argumente wie Pfeile um sich schießt. Madlyn Rhue behauptet sich als starke Frau inmitten der Männergruppe in einer interessanten Rolle – eine europäisch geprägte Araberin, die sinnvolle Diskussionen über das Verhältnis von Rebellion und Gewalt anregt. Anthony Caruso beweist, dass er nicht nur vom Gentleman-Gangster im Mafia-Stil bis hin zum weisen, in sich ruhenden Indianer überzeugen konnte, sondern auch als grobschlächtiges, ungebildetes Raubein.

Der verkannte Jack Warden

Besonders hervorheben will ich an dieser Stelle aber einmal den genialen Jack Warden. Am bekanntesten ist dieser wahrscheinlich durch seine Rolle als „Juror 7“ in der ersten Hollywood-Verfilmung von „Die 12 Geschworenen“ aus dem Jahr 1957, spielte darüber hinaus aber natürlich diverse weitere Nebenrollen in klassischen Hollywood-Spielfilmen und zahlreiche Gastrollen in TV-Serien. „Flucht aus Zahrain“ entstand zu einer Zeit, als Warden gerade auf dem Sprung vom Nebendarsteller zum Hauptdarsteller vor der Kamera war. Es war sein erster 60er-Kinofilm, nachdem er das Jahrzehnt mit seiner ersten Serienhauptrolle gestartet hatte – als Polizeikommissar Matt Gower in der auf John Hustons gleichnamigem Film-noir-Klassiker basierenden Serie „Asphaltdschungel“ (1961); seinerzeit eine der ersten US-Polizeiserien mit rund 50 Minuten langen Episoden, statt der bis dato üblichen rund 25 Minuten. Von einer Folge dieser Serie existiert auch eine extra lange Spielfilm-Version, die in Deutschland unter dem Titel „Großstadthyänen“ im Kino lief. Trotz toller Gaststars und aufwendiger Produktion von MGM wurde die Serie bedauerlicherweise schon nach 13 Folgen eingestellt. Allen, die es lieber gehabt hätten, wenn sich „Gnadenlose Stadt“ nicht so weit von der Filmvorlage „Stadt ohne Maske“ (1948) entfernen würde, weil sie Noirs am liebsten taff und düster mögen, sei „Asphaltdschungel“ wärmstens empfohlen – die Serie erfüllt so einige Ansprüche an kernige, klassische Noirs, ohne dabei aber eine gewisse düster-melancholische Grundstimmung aus den Augen zu verlieren. Ende der 60er kehrte Warden mit „Heiße Spuren“ – diesmal in Farbe – in eine ähnliche Rolle zurück. Eine richtungsweisende Serie, vor allem aufgrund der sehr beweglichen Kameraarbeit. Diese ziemlich rasante Produktion schaffte es, wenn auch mit kürzerer Episodenlaufzeit als „Asphaltdschungel“, immerhin auf fast 50 Episoden. Beide Serien wären starke Entdeckungen für den deutschen DVD-Markt! Jack Warden spielte in weiteren Serien die Hauptrolle, hatte aber immer wieder Pech mit relativ frühen Absetzungen. So blieben dem wandlungsfähigen Schauspieler, der vom tragischen Verlierer bis zum Leitwolf das komplette Rollenportfolio drauf hatte, der ganz große Durchbruch und die Popularität, die er verdient gehabt hätte, letztlich verwehrt.

Unterhalb der Oberfläche

Sein Part in „Flucht aus Zahrain“ war also Jack Wardens erste Kinorolle, nachdem er sich dem Publikum in „Asphaltdschungel“ erstmalig als Hauptdarsteller und Identifikationsfigur vor der Kamera präsentiert hatte und insofern sicherlich ein kleiner Meilenstein in seiner Karriere. Er spielt die Rolle genauso dynamisch und stringent, wie man es anhand seiner Polizistenfiguren erwarten kann, funktioniert neben dem hier sehr ruhig und besonnen agierenden Yul Brynner wirklich gut. Warden schafft es, seinen Huston aufbrausend und energisch, aber trotzdem mit Tiefgang zu vermitteln, obwohl neben ihm eine Figur vorangeht, hinter der sich ganze Heerscharen an Menschen vereinigen. Brynners Sharif ist ein hochgebildeter Anführer, neben dem man schnell einmal wie ein Tölpel aussehen könnte, vor allem wenn man hitzköpfig agiert und dadurch Fehler macht, doch bis zum Schluss bleibt Huston dennoch eine gleichermaßen ansprechende Figur wie Sharif, mit eigenen Idealen und eigenem, auf seine Weise ebenfalls mitreißenden Charisma. Dies ist Jack Warden zu danken. Nur die Kollegen in der Maske ließen Warden etwas im Stich, da man anhand der Länge bzw. des Vorhandenseins seines Bartes oft erkennen kann, dass aufeinander folgende Aufnahmen zu unterschiedlichen Zeitpunkten gedreht wurden – mehrfach kommt es hier zu Sprüngen, da Wardens einem Gefangenen entsprechend wüst gewachsener Tage-Bart plötzlich einfach verschwunden ist und dann wieder auftaucht. So etwas sollte möglichst vermieden werden. Kleine Punktabzüge für den Film gibt es außerdem, weil man aus den Figuren von Jay Novello und Leonard Strong – zwei gefragte Charakterdarsteller mit sehr prägnanten Gesichtern, die öfters relativ kleine Rollen spielten – nicht mehr gemacht hat. Ansonsten ist das Werk aber bis zum Ende konsequent inszeniert und bleibt sich auch dann im Finale treu, indem ein weiterer, abschließender Akt, der durchaus möglich gewesen wäre, einfach ungezeigt bleibt.

Was wird nur aus den Paramount-Klassikern?

Die deutsche Synchronfassung erfreut mit der Rückkehr von Yul Brynners damaligem Stammsprecher Klaus Miedel, der zuletzt für „Die glorreichen Sieben“ von Heinz Giese ersetzt worden war. Giese kam dem Originalton zwar recht nahe, Miedel jedoch verleiht Brynner besonderen charismatischen Wiedererkennungswert und passt gerade in dieser exotischen Rolle in „Flucht aus Zahrain“ ganz besonders gut, wie auch zuvor beispielsweise schon bei einem seiner ersten Einsätze in „Die zehn Gebote“ (1956). Etwas überraschend kommt die Besetzung von Carl Raddatz als Stimme von Jack Warden. Raddatz gehört zu den wenigen deutschen Schauspielern der klassischen Ära, die sowohl als Hauptdarsteller vor der Kamera wie auch als Synchronsprecher Erfolg hatten. Er synchronisierte meist Hauptfiguren, wodurch seine Synchronfilmografie – soweit man das anhand von eigenen Hörerfahrungen und der Quellenlage beurteilen kann – auch nicht die enormen Ausmaße anderer Kollegen erreichte, machte sich zudem etwa ab Mitte der 50er in den Synchronstudios zwischenzeitlich rar, startete in der ersten 60er-Hälfte aber noch einmal mit einigen Rollen durch. Sein Einsatz in „Flucht aus Zahrain“ ist eine der vergleichsweise wenigen Nebenrollen, die er synchronisierte, aber da die Figuren sowieso gemeinsam fliehen und sich die Szenen dementsprechend teilen, muss man die Trennung zwischen Haupt- und Nebendarstellern hier sowieso relativ sehen. Es ist anzunehmen, dass Raddatz wirkliche Nebenrollen vermied, da ihm die Zeit dafür zu schade war, wenn er stattdessen auch andere Angebote wahrnehmen konnte – zuweilen konnte man ihn aber trotzdem auch für Nebenparts ins Synchronstudio bewegen. Er war sicherlich nicht Jack Wardens passendster Sprecher, aber funktioniert annehmbar gut.

Lohnend ist der Film letztlich nicht nur wegen der spannenden, temporeichen Inszenierung, der durchweg sehr guten Schauspieler, der politisch-gesellschaftskritischen Komponenten und der guten Synchronisation, sondern auch wegen eines sehr überraschenden, witzigen Cameos von James Mason – inmitten einer Handlung, die ansonsten sehr sparsam mit Figuren umgeht. Cameos von als Hauptdarsteller bewährten Stars sind im damaligen US-Kino eher selten zu finden – erst recht in Form einer solchen Rolle. In den USA hat sich Olive Films, wie auch bei einigen anderen Paramount-Produktionen, um die DVD- und Blu-ray-Auswertung des Films gekümmert, da es dort mit Sublizenzen für Paramount-Filme scheinbar doch etwas besser läuft als hierzulande. Man kann nur hoffen, dass dieses Werk irgendwann auch in deutschen DVD-Regalen den Platz in guter Qualität bekommt, der ihm gebührt.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Yul Brynner und James Mason sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung (USA): 17. September 2013 als Blu-ray, 7. Dezember 2010 als DVD

Länge: 93 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Escape from Zahrain
USA 1962
Regie: Ronald Neame
Drehbuch: Robin Estridge, Dudley Nichols, nach einem Roman von Michael Barrett
Besetzung: Yul Brynner, Sal Mineo, Jack Warden, Madlyn Rhue, Anthony Caruso, James Mason, Joseph Ruskin, Leonard Strong, Vladimir Sokoloff, Jay Novello
Verleih: Paramount Pictures

Copyright 2018 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use

 

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