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Es – Kapitel 2: Pennywise wütet wieder

It – Chapter Two

Kinostart: 5. September 2019

Von Volker Schönenberger

Horror // Trauen die Verantwortlichen von Warner ihrem eigenen Werk nicht? Anfangs galt für uns Besucherinnen und Besucher der deutschen Pressevorführungen von „Es – Kapitel 2“ ein sogenanntes Embargo bis einschließlich 29. August. Mit der Teilnahme an einer Pressevorführung erklärten wir uns demnach damit einverstanden, unsere Filmkritiken erst nach dem Datum zu veröffentlichen. Als sei das nicht genug, verlängerte Warner das Embargo am 28. August sogar bis Dienstag, 3. September, 18 Uhr. Der Gedanke liegt nahe, dass der Verleih fürchtet, zu viele kritische Rezensionen könnten den Publikumszuspruch am wichtigen Startwochenende verringern. Am Rande bemerkt: Ich habe keine Ahnung, ob die Missachtung eines solchen Embargos durch einen Rezensenten justiziabel wäre, aber er liefe natürlich mindestens Gefahr, aus dem Verteiler der zuständigen Agentur gestrichen und künftig nicht mehr zu Warner-Pressevorführungen eingeladen zu werden. Und wenn ich schon eingeladen werde, gratis die neuesten Filme zu schauen, bricht mir kein Zacken aus der Krone, mich ein paar Vorgaben zu unterwerfen. Ohne das verlängerte Embargo hätte ich diesen Text am Montag vor Kinostart veröffentlicht, nun ist es der Dienstagabend geworden, davon hängt das Wohl oder Wehe von „Die Nacht der lebenden Texte“ sicher nicht ab.

Kann Teil 2 den Vorgänger an den Kinokassen toppen?

So oder so gibt der Erfolg des Vorgängers jedenfalls keinen Anlass zu Befürchtungen, gelang es „Es“ 2017 doch fast aus dem Stand, mit einem weltweiten Einspielergebnis von mehr als 700 Millionen US-Dollar zum erfolgreichsten Horrorfilm an den Kinokassen überhaupt zu werden. Respektabel vor allem angesichts des vergleichsweise schmalen Budgets von 35 Millionen Dollar. Ob Teil 2 nennenswert mehr gekostet hat, habe ich noch nicht herausgefunden, aber da bereits fürs Startwochenende Einnahmen von mehr als 100 Millionen Dollar prognostiziert werden, ist wohl nicht zu befürchten, dass die Fortsetzung floppt.

Nach 27 Jahren wieder vereint

Aufgrund des Prologs werden einige Kinogänger den Produzenten von „Es – Kapitel 2“ wohl vorwerfen, zwanghaft Diversität im Film untergebracht zu haben. Lernen wir doch zu Beginn ein schwules Paar kennen, das am Rande einer Kirmes in Derry (Maine) auf eine Gruppe homophober Halbstarker trifft. Die Konfrontation ruft alsbald den Clown Pennywise (Bill Skarsgård) auf den Plan. Ein gelungener Auftakt, auch wenn es etwas klischeehaft wirkt, dass junge Provinzler etwas gegen Schwule in ihrer Hood haben. Das Szenario stammt aber aus der Vorlage und wirkt nun mal nicht aus der Welt gegriffen – Klischees greifen ja oft reale Szenarien auf. Zwanghaft wirkt das hier keinesfalls, vielmehr bieten die Homosexualität des Paars und die feindselige Haltung ihrer Kontrahenten Gelegenheit, auf schlüssige Weise eine frühe Eskalation herbeizuführen.

Rückkehr nach Derry nach 27 Jahren

Wir befinden uns 27 Jahre nach den Ereignissen des Ende der 1980er-Jahre angesiedelten ersten Kapitels. Mike Hanlon (Isaiah Mustafa) ist als einziges Mitglied des „Clubs der Verlierer“ in Derry geblieben – er arbeitet als Bibliothekar. Weil erneut Kinder und junge Leute verschwinden, vermutet er völlig zu Recht, dass das Böse in Gestalt von Pennywise erwacht ist und wieder sein Unheil treibt. Also greift Mike zum Telefon und ruft nach und nach seine ehemaligen Freunde Bill (James McAvoy), Eddie (James Ransone), Stanley (Andy Bean), Richie (Bill Hader) und Ben (Jay Ryan) sowie Beverly (Jessica Chastain) an und erinnert sie an den Schwur, den sie einst mit Blut geleistet haben: Falls das Böse zurückkehrt, werden sie sich ihm noch einmal gemeinsam entgegenstellen. Alle sagen zu, ihrem Eid Folge zu leisten, wenn auch bei dem einen oder anderen das Zähneknirschen deutlich zu vernehmen ist.

Der Club der Verlierer ist erwachsen geworden

Da alle Mitglieder des Clubs der Verlierer zu ihrem Recht kommen und gebührend ausgeleuchtet werden, geht die Länge von gut zweidreiviertel Stunden völlig in Ordnung, und es kommt bei all den Hintergründen in meinen Augen nicht zu Längen. Regisseur Andy Muschietti zollt in „Es – Kapitel 2“ nun auch Stephen Kings Erzählstruktur des Romans seinen Respekt, indem er ein paar Rückblenden zum Geschehen des Vorgängers einbaut – neue Szenen, die wir seinerzeit nicht zu sehen bekommen haben. Im Roman hat King die beiden Zeitleisten Kindheit und Erwachsenenalter ja parallel ablaufen lassen, damit hatte Teil 1 völlig gebrochen, indem er sich ausschließlich auf den Kindheits-Erzählstrang stürzte.

Starpower mit Jessica Chastain und James McAvoy

Mit dem Auftreten unserer Helden inklusive einer Heldin sind nun auch positiv besetzte Erwachsenenfiguren zu bemerken – daran mangelte es dem Vorgänger ja komplett, wohl nicht von ungefähr. Dank Jessica Chastain („Interstellar“) und James McAvoy („X-Men“-Reihe), die bereits bei „Das Verschwinden der Eleanor Rigby“ (2013/2014) und „X-Men – Dark Phoenix“ (2019) gemeinsam vor der Kamera standen, bietet die Besetzung große Starpower auf. An der Schauspielkunst gibt es demnach auch nichts zu mäkeln. Als Szenendieb erweist sich ab und zu Bill Hader, der als Komiker unter anderem bei „Saturday Night Live“ natürlich auch gelernt hat, mit viel Witz im Vordergrund zu stehen. An Bill Skarsgårds Interpretation des Pennywise werden sich die Geister wieder scheiden: Viele beinharte Fans von Tim Currys Verkörperung des Clowns ließen kein gutes Haar an Skarsgård, wer sich von derlei nostalgischen Erwägungen freimachen kann oder diese gegenüber der 1990er-Miniserie nie entwickelt hat, wird anerkennen, dass der neue Pennywise einfach zum Fürchten ist – und eine gelungene Kombination von Skarsgårds darstellerischem Können, dem vermeintlich lustigen Make-up und einigen am Computer entstandenen verzerrenden Effekten.

Doch Pennywise lauert schon wieder

Das Finale verkommt in meinen Augen ein wenig zum Effektspektakel. An der technischen Umsetzung will ich gar nicht herummäkeln, am CGI ist nichts auszusetzen. Pennywise wird sich monströs verändern, damit kann sowieso jeder Kinogänger rechnen, insofern verrate ich nicht zu viel. Bis ins Letzte zufrieden bin ich aber nicht, die finale Konfrontation wirkt etwas unrund. Daran krankte bereits die 1990er-Verfilmung, wenn ich mich recht entsinne. Lag es am Ende am Finale von Stephen Kings Romanvorlage? Ich will gar nicht in Anspruch nehmen, meine Kritik für allgemeingültig zu halten – vielen anderen wird der große Endkampf zwischen dem Club der Verlierer und Pennywise sicher gefallen. Viel Zeit zum Atemholen bleibt dabei nicht.

Die Ruhe vor dem Sturm

Die Aufteilung auf zwei Kinofilme von jeweils schon stattlicher Länge ergibt angesichts der mehr als 1.000 Seiten von Stephen Kings Romanvorlage natürlich Sinn und bietet den Produzenten obendrein Gelegenheit, noch mehr Geld zu scheffeln: Für beide Teile sind Langfassungen angekündigt, wobei der Extended Cut des ersten Teils auf sich warten lässt – Andy Muschietti hatte ihn Ende 2017 bereits für 2018 angekündigt. Es wäre nicht verwunderlich, wenn auch der zweite Teil ein paar Monate nach der Kinoauswertung vorerst nur in der Kinofassung auf Blu-ray und DVD sowie online veröffentlicht wird. Dann kann man Käuferinnen und Käufern Einzel-Editionen beider Filme und auch Doppelpacks anbieten. Wenn dann die Langfassungen kommen, werden viele erneut zuschlagen. Ich fasse mich in Geduld, die reinen Kinofassungen werde ich mir für daheim jedenfalls bei aller Qualität nicht zulegen. In meinen Augen sind beide Teile rund, Handlungsstränge oder tiefere Enthüllungen habe ich nicht vermisst.

Beverly in Bedrängnis

Da wir gerade bei „Money Talks“ sind: Der zweite Teil ist noch nicht mal angelaufen, schon kursieren in Hollywood Gerüchte von „It – Chapter Three“. Wer glaubt, das sei unmöglich, weil Stephen Kings Roman mit den beiden Neuverfilmungen inklusive möglicher Extended Cuts doch zu Ende erzählt worden ist, wird sich womöglich in wenigen Jahren eines Besseren belehren lassen müssen – erst recht, sollte Teil 2 annähernd das Einspielergebnis des Vorgängers erreichen oder es sogar übertreffen. In der Vergangenheit ist es der Filmindustrie ein Leichtes gewesen, ein vermeintlich endgültig getötetes Monster wieder zum Leben zu erwecken. Außerdem geben gewisse Andeutungen über die Vergangenheit der sich in Gestalt des Clowns Pennywise manifestierten bösartigen Lebensform Gelegenheit zu dem einen oder anderen Prequel, zumal es im Film bei kurzen Einsprengseln bleibt. „It – Chapter Zero“ ist daher gut denkbar. Einstweilen bleibt zu konstatieren, dass „Es – Kapitel 2“ das hohe Niveau des Vorgängers mit ein paar Abstrichen weitgehend hält. Wer 2017 an „Es“ Gefallen fand, kann völlig unbesorgt das Kinoticket des Sequels lösen.

Stephen King – für Kino und Puschenkino gesetzt

Fans des Horror-Großmeisters können ohnehin frohlocken: Ein Blick auf den IMDb-Eintrag von Stephen King verrät, dass massig Verfilmungen in Vorbereitung sind, darunter eine neue Serien-Umsetzung von „The Stand – Das letzte Gefecht“, eine Serie zu „Der dunkle Turm“ (dem Kinofilm „Der dunkle Turm“ war 2017 ja nur wenig Erfolg beschieden) sowie Adaptionen von „The Tommyknockers“, „The Talisman“ und „Cujo“. Im Kino können wir in Kürze mit der Quasi-„Shining“-Fortsetzung „Doctor Sleep“ rechnen, in welcher immerhin Ewan McGregor den Part des übersinnlich begabten Danny Torrance übernimmt. Die Deutschlandpremiere ist für den 21. November angesetzt.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Stephen-King-Adaptionen haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgelistet. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Jessica Chastain sind in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgeführt, Filme mit James McAvoy unter Schauspieler.

Zum Showdown geht es in den Untergrund

Länge: 169 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: It – Chapter Two
KAN/USA 2019
Regie: Andy Muschietti
Drehbuch: Gary Dauberman, nach dem Roman von Stephen King
Besetzung: Bill Skarsgård, Jessica Chastain, James McAvoy, Bill Hader, Isaiah Mustafa, Jay Ryan, James Ransone, Finn Wolfhard, Sophia Lillis, Jack Dylan Grazer, Jaeden Martell, Nicholas Hamilton, Teach Grant, Jake Weary, Xavier Dolan, Javier Botet, Jess Weixler, Andy Bean
Verleih: Warner Bros. Entertainment GmbH

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Filmplakat, Szenenfotos & Trailer: © 2019 Warner Bros. Entertainment Inc.

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 2019/09/03 in Film, Kino, Rezensionen

 

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X-Men – Dark Phoenix: Die Tragik der Jean Grey

Dark Phoenix

Kinostart: 6. Juni 2019

Von Volker Schönenberger

Fantasy-Action // Das Überangebot an Kino-Superhelden aus Gelddruckmaschinen wie dem Marvel Cinematic Universe und dem DC Extended Universe hat mich zuletzt so genervt, dass ich sogar meiner Lieblingshelden „X-Men“ überdrüssig geworden bin und sowohl „X-Men – Apocalypse“ (2016) als auch „Logan“ (2017) bis dato nicht geschaut habe. Erstgenannten Film habe ich immerhin kürzlich nachgeholt. So kam die Einladung zur Pressevorführung von „X-Men – Dark Phoenix“ recht überraschend, weil ich den Film gar nicht auf dem Zettel hatte, und plötzlich verspürte ich auch wieder Lust dazu.

Heikler Einsatz im Weltraum

Im Presseheft ist vom „bis dato radikalsten ,X-Men‘-Film“ die Rede, von „diesem Höhepunkt der Superheldensaga“ und der „Krönung von fast zwanzig Jahren Superheldenfilmen“. Große Worte, die „X-Men – Dark Phoenix“ trotz unbestrittener Qualitäten nicht einlösen kann. In einem Prolog erhalten wir einen Einblick in ein tragisches Ereignis aus der Kindheit von Jean Grey (Summer Fontana). Die Haupthandlung setzt 1992 ein, vielleicht knapp zehn Jahre nach den Ereignissen von „X-Men – Apocalypse“. Menschen und Mutanten haben sich arrangiert und leben friedlich miteinander – doch es ist eine brüchige Gemeinschaft, wie sich später zeigen wird. Als Weltenretter genießen die X-Men den Status von Stars, sind beinahe schon im Boulevard angekommen. Als einer Raumfähre der NASA im Weltall Unheil durch ein außergewöhnliches Phänomen droht, schickt Professor Xavier (James McAvoy) ein Rettungsteam hinterher, dem unter anderen Hank McCoy alias Beast (Nicholas Hoult), Ororo Munroe alias Storm (Alexandra Shipp), Kurt Wagner alias Nightcrawler (Kodi Smit-McPhee) und Raven alias Mystique (Jennifer Lawrence) angehören. Auch Jean Grey (Sophie Turner) ist dabei, und nicht zuletzt ihren besonderen Fähigkeiten ist es zu verdanken, dass alle Astronauten der Raumfähre mit dem Leben davonkommen. Dabei jedoch wird sie der Wirkung des Phänomens voll ausgesetzt, was in der jungen Mutantin etwas auslöst, das ihre Gabe der Telepathie und Telekinese ins Unermessliche verstärkt. Nach und nach mutiert sie zu Dark Phoenix …

Eine außerirdische Bedrohung

Bald darauf erfährt Jean von Professor Xavier ein Detail ihrer familiären Vergangenheit, das dieser ihr bislang vorenthalten hatte und das sie bis ins Mark erschüttert. Sie verlässt die X-Men, um neue Erkenntnisse zu gewinnen, während ihr Zorn mehr und mehr wächst. Parallel erwächst Menschen wie Mutanten weiteres Ungemach: Außerirdische sind auf der Erde gelandet und haben sich der Körper einiger Menschen (u. a. Jessica Chastain) bemächtigt.

Auch Mystique ist mit von der Partie

Gleich im nächsten Teil nach „X-Men – Apocalypse“ droht also erneut das Ende der Menschheit inklusive der Mutanten. Das Endzeit-Szenario des Vorgängers war wuchtig und beeindruckend genug geraten, damit kann „X-Men – Dark Phoenix“ nicht mithalten. So mächtig die Außerirdischen auch sind, ihr Erscheinen scheint mir in erster Linie als eine Art Katalysator zu dienen, um den Fokus auf Jean Grey alias Phoenix zu legen – denn deren Fähigkeiten wecken bei den Aliens Begehrlichkeiten. Und daher kommt es auch keineswegs erneut zu Szenen, in denen die Welt am Abgrund steht, dafür aber zu einigen atemraubenden Begegnungen von Mutanten und Aliens in Menschengestalt. Speziell eine Sequenz in und auf einem auf den Gleisen dahinrasenden Militär-Zug hat es in sich. Angesichts der Größe der Bedrohung durch die Außerirdischen wäre es angebracht gewesen, dem mehr Raum oder zumindest den extraterrestrischen Wesen mehr Profil zu verleihen, das war aber aufgrund der Konzentration der Geschichte auf Jean Grey wohl nicht gewollt. So ganz überzeugt mich das nicht, eine Lösung kann ich dafür aber auch nicht anbieten – ich bin ja kein Drehbuchautor.

The Dark Phoenix Saga

Grundzüge der Handlung basieren auf der Comicvorlage „The Dark Phoenix Saga“. „Game of Thrones“-Star Sophie Turner verleiht Jean Grey das nötige Profil, um die schwierige Entwicklung der Figur glaubhaft zu machen. Da sich die erste Jean-Grey-Darstellerin Famke Jansen großer Beliebtheit erfreut, hat Sophie Turner mit ihrem nunmehr zweiten Auftritt in der Rolle kein leichtes Erbe angetreten, aber sie macht ihre Sache gut. Das gilt für auch für alle übrigen Schauspielerinnen und Schauspieler, Turners Leistung ist aber natürlich die bedeutsamste, da der Film mit ihrer Figur steht und fällt.

Jean Grey mutiert zu Dark Phoenix

Professor Charles Xavier wird gewohnt souverän von James McAvoy verkörpert, der ohnehin problemlos in die Fußstapfen des ersten Xavier-Darstellers Patrick „Captain Picard“ Stewart getreten und längst aus dessen Schatten herausgewachsen ist. Xaviers Heiligenschein bekommt diesmal ein paar trübe Flecken, welche die Figur interessanter machen, als sie sowieso ist. Er gefällt sich in der Rolle des Weltenretters und schickt seine Schützlinge in riskante Einsätze, ohne selbst etwas zu riskieren. Auch Erik Lehnsherr alias Magneto (Michael Fassbender) kommt zum Einsatz – einem „X-Men“-Film ohne ihn würde auch etwas fehlen. Bedauerlich genug, dass wir auf Wolverine verzichten müssen. Die Mutationen beziehungsweise besonderen Fähigkeiten der X-Men sind erwartungsgemäß technisch perfekt inszeniert.

Keine Pause von Hans Zimmer

Auch wenn ich mich damit für manche meiner Leserinnen und Leser zum Soundtrack-Banausen mache: Ich kann die typischen Hans-Zimmer-Scores langsam nicht mehr hören, die nahezu jede Szene bedeutungsschwanger aufladen. Vor allem nervt mich, dass es in Hollywood-Blockbustern wie diesem kaum noch Momente zu geben scheint, die ohne musikalische Untermalung auskommen. In den großen Actionszenen funktionieren Zimmers Klänge sehr gut, tragen zur Wirkung des Gezeigten wesentlich bei. In vielen anderen Sequenzen von „X-Men – Dark Phoenix“ hätte ich gern darauf verzichtet. Aber auf mich hört ja keiner. Ich gönne dem Deutschen Hans Zimmer seine zehn Oscar-Nominierungen und den Oscar für „Der König der Löwen“ (1994) sowie all seine weiteren Auszeichnungen, darunter zwei Golden Globes, habe davon aber mittlerweile mehr als genug.

Die junge Mutantin weckt außerirdische Begehrlichkeiten

Letztlich ist es mir aber gelungen, den in manchen Szenen übertrieben eingesetzten Score auszublenden und mich einmal mehr mit Vergnügen ins „X-Men“-Universum zu begeben. Simon Kinberg ist als Produzent und Drehbuchautor schon lange Teil des Teams, für „X-Men – Dark Phoenix“ hat er sich nun erstmals auf den Regiestuhl gesetzt. Es sei ihm gegönnt, grobe Regieschnitzer habe ich nicht bemerkt. Zu meinen Favoriten der Reihe schließt sein Debüt zwar nicht auf, das sind nach aktuellem Stand „Wolverine – Weg des Kriegers“ (2013) und „X-Men – Zukunft ist Vergangenheit“ (2014); Kinbergs Arbeit reiht sich insgesamt aber gut in den „X-Men“-Kosmos ein und bietet außer massig Action auch Tragik und charakterliche Tiefe.

Keine Post-Credit-Szene

Die Post-Credit-Szene von „X-Men – Apocalypse“ konnte ich übrigens nicht mit dem Geschehen in „X-Men – Dark Phoenix“ in Einklang bringen, sie verwies wohl eher auf „Logan“ (2017), den ich noch schauen muss. Wie bei der Pressevorführung von „Godzilla II – King of the Monsters“ habe ich es – selbstlos, wie ich bin – für die Leserinnen und Leser von „Die Nacht der lebenden Texte“ auf mich genommen, den Abspann bis zum Ende auszusitzen, doch diesmal erfolglos: Es folgte überhaupt keine Szene, somit gibt es auch keinen Ausblick auf einen nächsten Teil.

Doch die X-Men haben etwas dagegen

Damit ist es aber natürlich nicht getan: Zum Kino-Universum der „X-Men“ gehören bekanntermaßen auch „Deadpool“ (2016) und „Deadpool 2“ (2018). Als sei das nicht genug, wird es 2020 einen weiteren Ableger geben: den bereits 2017 abgedrehten „New Mutants“, dessen mehrfache Verschiebung jedoch die Hoffnung trübt, dass wir es mit einem herausragenden Beitrag zum Franchise zu tun bekommen werden. Wie der Titel bereits andeutet, stehen neue Mutanten im Fokus der Story – tatsächlich wohl einige der ersten Schülerinnen und Schüler von Professor Xaviers Schule. Die uns wohlbekannten Figuren der bisherigen „X-Men“-Filme kommen offenbar nicht vor. Allerdings steht hinter dem US-Starttermin im April ein großes Fragezeichen in Form der kürzlichen Übernahme von Fox durch den Disney-Konzern für satte 71 Milliarden Dollar. Unter dem Micky-Maus-Dach befinden sich auch Marvel und damit das Marvel Cinematic Universe. Wer will ausschließen, dass sich die Mutanten auf Disney-Geheiß künftig mit den Avengers zusammentun? Mir würde das womöglich endgültig den Superheldenrest geben. Auch „X-Men – Dark Phoenix“ wurde übrigens bereits 2017 gedreht, etwa zum gleichen Zeitpunkt wie „Deadpool 2“ und „New Mutants“. Für mich war der zwölfte Film des „X-Men“-Franchises ein schönes Wiedersehen mit den Mutanten, das Lust gemacht hat, mir die gesamte Reihe erneut anzuschauen. Und wer weiß, welche Filme dann meine Favoriten bilden?

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Jessica Chastain, Jennifer Lawrence und Sophie Turner sind in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgeführt, Filme mit Michael Fassbender, Nicholas Hoult und James McAvoy unter Schauspieler.

Länge: 114 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Dark Phoenix
USA 2019
Regie: Simon Kinberg
Drehbuch: Simon Kinberg, nach der Comic-Story „The Dark Phonix Saga“ von John Byrne, Chris Claremont und Dave Cockrum
Besetzung: Sophie Turner, Jessica Chastain, James McAvoy, Nicholas Hoult, Jennifer Lawrence, Michael Fassbender, Evan Peters, Tye Sheridan, Kodi Smit-McPhee, Alexandra Shipp, Evan Jonigkeit
Verleih: Twentieth Century Fox

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Filmplakate, Szenenfotos & Trailer: © 2019 Twentieth Century Fox

 

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Atomic Blonde – Das coolste 80er-Jahre-Berlin-Musikvideo

Atomic Blonde

Kinostart: 24. August 2017

Von Matthias Holm

Actionthriller // Der Action-Film scheint sich in letzter Zeit in eine äußerst interessante Richtung zu entwickeln. Ja, es gibt die stupiden „Transformers“-Filme oder die „Fast & Furious“-Reihe, aber es scheinen sich immer mehr Filmemacher dem Genre aus einer anderen Richtung zu nähern. So war „Mad Max – Fury Road“ ein energetischer Wahnsinns-Trip, und jüngst verschmolz Edgar Wright mit „Baby Driver“ Musik und Bild zu einem einzigartigen Cocktail. Auch die Trailer zu „Atomic Blonde“ ließen vermuten, dass man es mit einem ähnlichen Feuerwerk an Action zu tun hat. Doch auch wenn Regisseur David Leitch fantastische Faustkämpfe und Schusswechsel auf die Leinwand zaubert, liegt der Fokus eigentlich woanders.

Willkommen in Berlin

Im Kalten Krieg wird sich absolut nichts geschenkt. Dann taucht plötzlich in Berlin eine Liste auf, die sämtliche Identitäten von Spionen beinhalten soll – sogar mancher Doppelagenten. Natürlich beginnt ein Wettrennen der Geheimdienste um diese Liste und so landet die Agentin Lorraine Broughton (Charlize Theron) in einer Stadt, die 1989 so kurz vor einem historischen Umbruch einem Pulverfass gleicht.

Berlin in den 80ern

„Atomic Blonde“ stellt seinen Stil vor alles andere. Wer bei schon bei der aus Graffiti und Neon bestehenden Titeleinblendung zu viel vom gewollten 80er-Jahre-Flair hat, sollte lieber das Weite suchen. Hier gibt es Punks und Stasi-Agenten, die zu Nenas „99 Luftballons“ durch ein graues Berlin ziehen. Der Film könnte auch problemlos in der Gegenwart einer beliebigen Stadt spielen, doch die Macher zwängen alles ins Korsett der gewählten Zeitperiode. Dadurch entsteht zwar manchmal der Eindruck eines sehr langen Musikvideos, zum Rest passt das aber allemal.

Lorraine und David Percival müssen einander vertrauen

Dabei achtet der Film deutlich mehr auf die Erzählung, als es die Trailer vermuten lassen. Wie in „Codename U.N.L.C.E.“ wird gelogen und betrogen, was das Agenten-Repertoir hergibt – nur ohne die Ironie eines Guy Ritchies. Alles ist bitterernst, der Informationskrieg wird an mehreren Fronten geführt und bei keiner Figur weiß man, ob man ihr auch wirklich trauen kann. So ergibt es sich allerdings auch, dass manche Szenen erst nach dem Abspann ihre volle Tragweite entfalten – vorher wirken sie im Filmkonstrukt eher zufällig und führen zu der einen oder anderen Länge.

Gleich wird es schmerzhaft

Doch zum Glück gibt es Charlize Theron. Bereits in „Mad Max – Fury Road“ bewies die Südafrikanierin, dass sie mit vollem Körpereinsatz bei der Action ist. „Atomic Blonde“ ist nun vollkommen auf seine Hauptdarstellerin zugeschnitten, sämtliche Bilder wurden komponiert, um Theron gut aussehen zu lassen. Das wirkt allerdings nie zu plump, auch wenn manche Posen und Outfits von normalen Personen in den 80ern wohl eher selten bemüht worden sind. Seinen Höhepunkt findet das Ganze, wenn Lorraine in einem augenscheinlichen One-Take mehrere russische Agenten niedermacht. Das ist intensiv, hart, beeindruckend – und sicherlich eine der besten Actionszenen des Jahres. Durch diesen Fokus auf die Hauptfigur geraten die durchaus namenhaften Nebendarsteller, wie James McAvoy, John Goodman oder die interessante Newcomerin Sofia Boutella („Die Mumie“, „Kingsman – The Secret Service“), etwas ins Hintertreffen, aber einen Komplettausfall gibt es nicht zu berichten. Selbst Til Schweiger bewältigt seinen kurzen Gastauftritt als zwielichtiger Uhrmacher überzeugend.

Fesselnde Agentinnen-Action

„Atomic Blonde“ ist spannendes Agentinnen-Kino mit enorm physischen Action-Einlagen. Dass die Geschichte dabei komplexer wirkt, als sie eigentlich ist und bestimmte Wendungen bereits meilenweit gegen den Wind zu riechen sind, wird durch ein unbändiges Stil-Bewusstsein und eine famose Hauptdarstellerin aufgefangen. Ganz so unterhaltsam-kreativ wie Wrights „Baby Driver“ ist David Leitchs Ausflug nach Berlin zwar nicht geworden, dennoch sollte man sich auch mal auf diesen Trip begeben.

Lorraine und die Französin kommen einander näher

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Charlize Theron sind in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit James McAvoy und/oder John Goodman in der Rubrik Schauspieler.

Länge: 115 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Atomic Blonde
D/USA/SWE 2017
Regie: David Leitch
Drehbuch: Kurt Johnstad, basierend auf den Comic „The Coldest City“ von Antony Johnson und Sam Hart
Besetzung: Charlize Theron, James McAvoy, Eddie Marsan, John Goodman, Toby Jones, James Faulkner, Sofia Boutella
Verleih: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2017 by Matthias Holm

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2017 Universal Pictures Germany GmbH</p

 

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