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James Stewart (VII) / Zum 100. Geburtstag von Andrew V. McLaglen: Der Mann vom großen Fluss – Wenn der Krieg vor der Haustür aufschlägt

Shenandoah

Von Volker Schönenberger

Kriegs-Western // So groß ist der Fluss gar nicht: Gerade mal 241 Kilometer beträgt die Länge des dem Film seinen Originaltitel gebenden Shenandoah River, der durch die US-Staaten Virginia und West Virginia fließt. Im Soundtrack ist zudem der amerikanische Folksong „Oh Shenandoah“ zu hören, den später unter anderem auch Van Morrison und Bruce Springsteen eingespielt haben.

Charlie Anderson will mit dem Bürgerkrieg nichts zu tun haben

Vor 16 Jahren hat Charlie Anderson (James Stewart) seine Ehefrau auf der heimischen Farm beerdigt, seine sechs Söhne und eine Tochter seitdem allein großgezogen – mehr oder minder gottesfürchtig, dafür streng pazifistisch. Pflichtbewusst besucht er mit seinem Nachwuchs jeden Sonntag die Kirche, weil dies der letzte Wunsch seiner Frau war. Sklaven hält er keinen einzigen. Den Haushalt führen seine Tochter Jennie (Rosemary Forsyth) und Schwiegertochter Ann (Katharine Ross). Die Felder bestellt er mit seinen Söhnen.

Kann man sich aus dem Krieg heraushalten?

Aus dem seit drei Jahren andauernden Sezessionskrieg hält er sich und seine Lieben konsequent heraus. Das fällt im Kriegsjahr 1864 umso schwerer, als die Kämpfe immer näher kommen und speziell sein ältester Sohn Jacob (Glenn Corbett) die Ansicht äußert, die Familie könne sich nicht mehr lange heraushalten. In der Tat ist schon gelegentlicher Kanonendonner zu hören, unaufhaltsam nähern sich die Yankees von drei Seiten. Dem Südstaaten-Lieutenant Johnson (Tom Simcox) hält er einen flammenden pazifistischen Vortrag, und kurz darauf fallen der und seine Soldaten einem Hinterhalt der Nordstaaten zum Opfer.

Sein Schwiegersohn in spe hingegen muss ins Feld ziehen

Nachdem der junge Südstaaten-Offizier Sam (Doug McClure) bei Charlie um Jennies Hand angehalten hat, kommt es kurz darauf zur Hochzeit des jungen Paars. Doch noch in der Kirche erhält der frischgebackene Ehemann den Befehl, zu seiner Einheit zurückzukehren, weil die Yankees einen Durchbruch erzielt hätten. Familie Anderson ist nun auch mitten im Bürgerkrieg angekommen und wird ihn nicht unbeschadet überstehen.

James Stewart gewohnt aufrecht

„Der Mann vom großen Fluss“ ist keiner der ganz großen James-Stewart-Western, zeigt ihn aber in einer Paraderolle als aufrechten Mann, der seinen Prinzipien um jeden Preis treu bleiben will, dies aber irgendwann nicht mehr aufrechterhalten kann. Sein Charlie Anderson ist nicht unbedingt eine warmherzige Figur, der alle Herzen zufliegen, aber er flößt Respekt ein und hat diesen auch verdient.

Ein leerer Gefangenentransport wird angezündet

Als Nordstaaten-Colonel ist der spätere Oscar-Preisträger George Kennedy („Der Unbeugsame“) zu sehen. In schönen Bildern vom zweifach oscarnominierten Kameramann William H. Clothier („Alamo“, „Cheyenne“) fotografiert, verströmt der Film zu Beginn noch eine gewisse Leichtigkeit, die sich einmal sogar in einer für einen zünftigen Western typischen Prügelei Ausdruck verleiht. Auch der Besuch eines Gottesdienstes etwas früher zeugt von Humor, wenn auch für heutige Verhältnisse etwas altbacken. Andersons Skepsis gegenüber der Kirche und der Religion kommt darin gut zum Ausdruck, auch in seinem anschließenden Dialog mit dem Priester (Denver Pyle). Der Farmer scheint geradezu demonstrativ zu jedem Gottesdienst zu spät zu kommen.

Das falsche Käppi

Das Unbeschwerte weicht beizeiten einer Ernsthaftigkeit, die die pazifistische Botschaft des Films verdeutlicht. Das geschieht auf durchaus plakative Weise, aber eine gewichtige moralische Botschaft darf ruhig auch so verkündet werden. Wenn Charlie Anderson um seinen jüngsten Sohn „Boy“ (Phillip Alford) bangen muss, der von Nordstaatlern gefangen genommen wurde, weil er eine Konföderierten-Mütze trug, wird das wohl jeder verstehen, der sich in einen liebenden Vater hineinversetzen kann.

Heimkehr

Die Sinnlosigkeit des Krieges kommt in einer Szene gut zum Ausdruck, in der zwischen gefechtsbereiten Linien eine Kuh über die Wiese stapft, die zur Erheiterung beider Seiten von einem Südstaatler gejagt wird und sich hinter die Reihen der Nordstaatler rettet. Haben die Soldaten beider Seiten in diesem Moment noch fast gemeinsam gejuchzt, beginnt einen Augenblick später das Gemetzel, bei dem niemand weiß, worum es eigentlich gerade geht.

Andrew V. McLaglen – vom Western zum Kriegsfilm

Meine erste Sichtung von „Der Mann vom großen Fluss“ liegt viele Jahre zurück, damals war mir der Regisseur Andrew V. McLaglen (1920–2014) sicher noch nicht vertraut. Mit Filmen wie „McLintock!“, „Rancho River“, „Der Weg nach Westen“, „Bandolero“, „Die Unbesiegten“ und „Chisum“ war er in den 1960er-Jahren ein Western-Spezialist. Später fühlte er sich mit „Die Wildgänse kommen“, „Steiner – Das eiserne Kreuz, 2. Teil“ und „Das dreckige Dutzend Teil 2“ auch im Kriegsfilm-Genre zu Hause. McLaglen wäre am 28. Juli 2020 100 Jahre alt geworden. Seine 1965er-Regiearbeit „Der Mann vom großen Fluss“ kann als Mischung aus beiden Sujets angesehen werden und enthält eine für seine Filmografie ungewöhnlich klare Antikriegsbotschaft. Für einen Status als herausragender Western spielt er vielleicht etwas zu sehr auf der Gefühlsklaviatur, andererseits kann und will man sich den bewegenden Szenen des Films nicht entziehen, und das ist auch etwas wert. McLaglen wirft obendrein die Frage auf, ob wir dem Krieg überhaupt den Rücken kehren können, nur weil wir damit nichts zu tun haben wollen. Und er beantwortet sie denkbar deutlich: Das funktioniert nicht. Eine ernüchternde Erkenntnis, für Mitte der 1960er-Jahre – als der Vietnamkrieg langsam eskalierte – bemerkenswert.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Andrew V. McLaglen haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit George Kennedy und James Stewart unter Schauspieler.

Veröffentlichung: 31. Juli 2020 als Blu-ray im Steelbook, 24. November 2017 als Blu-ray und DVD, 9. Februar 2009, 2. August 2007 und 22. Juli 2004 als DVD

Länge: 105 Min. (Blu-ray), 101 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Shenandoah
USA 1965
Regie: Andrew V. McLaglen
Drehbuch: James Lee Barrett
Besetzung: James Stewart, Doug McClure, Glenn Corbett, Patrick Wayne, Rosemary Forsyth, Phillip Alford, Katharine Ross, Charles Robinson, Jim McMullan, Tim McIntire, Gene Jackson, George Kennedy, James Best, Denver Pyle
Zusatzmaterial: Bildergalerie, Originaltrailer, Trailershow
Label 2020 & 2017: Spirit Media
Vertrieb 2020 & 2017: WVG Medien GmbH
Label/Vertrieb 2009, 2007 & 2004: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Steelbook-Packshot: © 2020 Spirit Media,
Packshot DVDs: © Universal Pictures Germany GmbH

 

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Alfred Hitchcock (XIV) / James Stewart (VI): Das Fenster zum Hof – Die Lust am Gaffen

Rear Window

Von Lucas Gröning

Thriller // Alfred Hitchcock ist ein Meisterregisseur und einer der größten Filmemacher, die das Kino jemals gesehen hat. Es gibt mit Sicherheit gewagtere Thesen, die ein Filmkritiker aufstellen kann. „Cocktail für eine Leiche“ (1948), „Der Fremde im Zug“ (1951), „Vertigo – Aus dem Reich der Toten“ (1958), „Psycho“ (1960), „Die Vögel“ (1963) (um nur einige zu nennen) – nur wenige Regisseure können auf eine derart hohe Zahl an Meisterwerken zurückblicken. Nur bei wenigen Filmemachern verbindet sich kommerzieller Erfolg mit intelligentem und handwerklich exzellent gemachtem Kino, wie beim „Master of Suspense“. Einen weiteren Film, welchen man zweifellos in die oben aufgezählte Reihe einordnen kann, lieferte Hitchcock 1954 unter dem Titel „Das Fenster zum Hof“ ab, welcher den Beginn seiner „Paramount-Ära“ einläutete – die kommerziell erfolgreichste Zeit des Regisseurs. In diesem grandiosen Werk geht es um einen Fotografen, der aufgrund eines verletzten und in Gips eingehüllten Beines vorrübergehend im Rollstuhl sitzt und dem daher lediglich der Blick aus seiner Wohnung heraus in den Innenhof einer Appartementanlage in Greenwich Village (Manhattan) bleibt. Der Fotograf, genannt Jefferies, wird von Hollywood-Legende James Stewart verkörpert, für den es nach „Cocktail für eine Leiche“ die zweite Zusammenarbeit mit Hitchcock war. Zwei weitere gemeinsame Filme sollten mit „Der Mann, der zu viel wusste“ (1956) und „Vertigo“ noch folgen. Vor der Zusammenarbeit mit dem britischen Meisterregisseur gewann Stewart 1941 bereits einen Oscar als bester Hauptdarsteller für seine Rolle in „Die Nacht vor der Hochzeit“, er war also bereits ein etablierter Darsteller. Darüber hinaus wurde er fünf weitere Male für den Academy Award nominiert. Neben James Stewart wirkte unter anderem auch Oscar-Preisträgerin Grace Kelly („Ein Mädchen vom Lande“, 1955) in „Das Fenster zum Hof“ mit. Kelly war außerdem in den Hitchcock-Filmen „Bei Anruf Mord“ (1954) und „Über den Dächern von Nizza“ (1955) zu sehen.

Eine ganz normale Nachbarschaft

Wie erwähnt bleibt Jefferies in seinem Appartement lediglich der Blick in den von allerlei verschiedenen Persönlichkeiten bevölkerten Innenhof. Er vertreibt sich aus Langeweile die Zeit damit, das Treiben zu beobachten und durch die verschiedenen Fenster sogar Einblicke in die Wohnungen der Nachbarn zu erhaschen. Da gibt es eine Künstlerin, die die Tage meist im Freien verbringt und an verschiedenen abstrakt gehaltenen Skulpturen arbeitet. Es gibt eine attraktive Balletttänzerin, die ihre Zeit vor allem mit dem Üben von Tanzschritten verbringt. Es gibt einen Klavierspieler, der Tag für Tag dasselbe Stück zu perfektionieren versucht. Es gibt ein junges, verliebtes, frisch vermähltes Paar, welches sein Fenster tagsüber größtenteils geschlossen hält, und es gibt eine ältere Dame, die ihr einsames Dasein mit Mahlzeiten in Gesellschaft imaginärer Männerbesuche fristet.

Darüber hinaus, exakt gegenüber von Jefferies Wohnung, findet sich ein Appartement mit einem weiteren Paar. Der Mann, sein Name lautet Lars Thorwald (Raymond Burr), ist beruflich als Schmuckhändler tätig, während er nebenbei seine bettlägrige kranke Frau pflegen muss. So verfolgt Jefferies das Treiben in der Nachbarschaft, mal amüsiert, mal verwundert, aber mit einem fortwährend steigendem Interesse am Handlungsverlauf der einzelnen Individuen, sowohl tagsüber als auch in der Nacht, wenn er keinen Schlaf finden kann. Unterbrochen wird das Beobachten lediglich durch Besuche, die Jefferies immer mal wieder bekommt, am häufigsten durch seine Pflegerin Stella (Thelma Ritter) und seine Freundin Lisa (Grace Kelly). Beide verurteilen Jefferies Verhalten. So beschimpft ihn seine Pflegerin beispielsweise als „Spanner“ und rät ihm, den Fokus mehr auf sein eigenes Leben zu legen. Lisa wiederum missbilligt sein Interesse für die anderen Bewohner hauptsächlich aus einer Form von Konkurrenzdenken. Sie möchte, dass Jefferies den Fokus auf sich selbst und auf die gemeinsame Zukunft des Paares legt. Stattdessen muss sie um jeden Funken Aufmerksamkeit kämpfen, wenn sie bei ihm ist.

Plötzlich ein Mord?

So entwickelt sich der Film eine Weile fort. Plötzlich passiert jedoch etwas, was man beim Zustand des Protagonisten schon als ein Ereignis bezeichnen kann: Die sonst immer durch ein separates Fenster sichtbare Frau des Schmuckhändlers ist plötzlich nicht mehr im Sichtfeld des Fotografen. Mit einmal ist diese separate Fenster geschlossen, während sich ihr Ehemann durch die anderen Fenster der Wohnung weiterhin gut beobachten lässt. Was mag das bedeuten? Ist irgendetwas passiert? Ist die Frau vielleicht verreist, aber falls ja, warum ohne ihren Mann? Erlag sie vielleicht ihrer bereits lang andauernden Krankheit? Aber falls ja, warum registriert Jefferies dann keine Anzeichen von Trauer bei Lars Thorwald? Als er diesen dann dabei beobachtet, wie er zwei riesige Messer in einer schwarzen Tüte einpackt, kommt dem Fotografen plötzlich ein finsterer Gedanke: Der Mann muss seine Frau ermordet haben. Jefferies zieht seinen alten Freund Detective Lieutenant Tom Doyle (Wendell Corey) zu Rate und setzt ihn auf den Fall an. Ist Jefferies zu Beginn noch der Einzige, der wirklich an einen Mord glaubt, gelingt es ihm nach und nach auch seine Pflegerin und Lisa davon überzeugen. Gemeinsam entdecken sie weitere Indizien, welche auf die Tat hindeuten, und beschließen, der Sache auf den Grund zu gehen und den Nachbarn zu überführen.

Eins mit dem Protagonisten

So steigern sich die Figuren nach und nach immer weiter in die Geschichte hinein, während dem Zuschauer bis zum Ende verborgen bleibt, ob die von Jefferies konstruierte Geschichte überhaupt der Wahrheit entspricht. Auffällig hierbei: Der Film ist komplett subjektiv gehalten und bleibt über die komplette Lauflänge, mit Ausnahme der Eröffnungs -und der Schlussszene, bei seinem Protagonisten. Wie Jefferies beobachten auch wir Zuschauer die ganze Zeit die Geschehnisse im Hof der Appartementanlage. Unser Blick verschmilzt dabei immer wieder mit dem Blick des Protagonisten und somit auch mit dem Blick der Kamera. Schweift der Blick des Fotografen über den Hof, schweift auch die Kamera. Schaut Jefferies auf ein bestimmtes Fenster, schaut auch die Kamera dorthin. Schläft Jefferies dann einmal und bekommt von den Geschehnissen der Zwischenzeit nichts mit, pausiert auch die Kamera und verschweigt so dem Zuschauer das Geschehen. Hier findet eine Verschmelzung von Zuschauer, Protagonist und Kamera, also Filmemacher, statt. Doch die Paralellen gehen weiter: Zum Teil wird der Zuschauer sogar dazu gezwungen, die gleichen Gedanken zu entwickeln wie der Fotograf. Das hat mehrere Gründe: Zum einen sind die Indizien, die auf einen Mord hinweisen, derart klar und simpel gehalten, dass sie ohne Weiteres in die Theorie des Protagonisten hineinpassen. Zwar werden hier auch Gegenargumente präsentiert, hauptsächlich von Seiten des Polizistenkumpels Tom, doch finden sich auch jeweils Erklärungen, die zu Jefferies’ Theorie passen und sich teilweise als wahr herausstellen. Zum anderen wissen wir Zuschauer ebenso wenig über die Nachbarn wie Jefferies selbst. Die Nachbarschaft wirkt zwar wie eine harmonisierende Gemeinschaft, wird jedoch auch von Anonymität geprägt. Das wird vor allem deutlich, wenn Jefferies seine Nachbarn zu bezeichnen versucht. Statt sie bei ihren Realnamen zu nennen, sucht er Zuschreibungen, die auf dem beruhen, was er von ihnen gesehen hat. So bezeichnet er die attraktive Balletttänzerin als „Miss Torso“, die einsame ältere Frau als „Miss Lonelyhearts“, und den Klavierspieler als, nun ja, „Klavierspieler“. Sein Mangel zur Fähigkeit der Subjektifizierung der einzelnen Charaktere führt also zu einer Objektifizierung.

Der voyeuristische Blick

Diese Form der Objektifizierung, verbunden mit einer Lust am Schauen, bezeichnete Siegmund Freud als Skopophilie. Er meinte damit eine erotische Schaulust als Trieb, der dem Menschen inhärent und Teil seiner natürlichen Sexualität ist. Mit diesem Trieb gehe die Objektifizierung des Beobachteten einher. Darüber hinaus ist dieses Bedürfnis voyeuristisch geprägt. Das bedeutet, dass die Lust noch viel intensiver empfunden wird, wenn das Beobachtete als privat oder verboten empfunden wird, weswegen die Beobachtung in diesen Fällen aus einem abgetrennten Raum zum Objekt geschieht. Skopophilie und Voyeurismus finden sich eben auch in „Das Fenster zum Hof“. Stets aus seinem dunklen Zimmer heraus beobachtet Jefferies das Geschehen auf dem Hof, sich jederzeit vergewissernd, dass er selbst wiederum von den anderen Nachbarn nicht beobachtet werden kann. Dieses Lustempfinden durch Beobachten, verbunden mit einer Angst vor dem „Erwischtwerden“, jedoch eine gleichzeitige Gewissheit des „Unsichtbarseins“ stellt für den Protagonisten sogar einen größeren Reiz dar als die Gesellschaft seiner Freundin Lisa. Doch müssen wir uns hinterfragen, ob es nur Jefferies und andere Figuren der fiktiven Welt aus „Das Fenster zum Hof“ sind, die diese Form der Schaulust während der Rezeption des Werkes kennzeichnet. Verhalten wir Zuschauer uns nicht auf dieselbe Weise, wenn wir uns einen Film im Kino oder vor dem Bildschirm ansehen? Blicken wir nicht ebenfalls in die Lebenswelten von uns fremden Menschen, in der ständigen Gewissheit, dass unsere voyeuristischen Motive durch die Trennung von Zuschauerraum und Leinwand nie entlarvt werden? Ist nicht der Kinobesuch selbst stets von diesem skopophilistischen Trieb geprägt? Diese Theorie geht zumindest auf Laura Mulvey zurück, eine feministische Filmtheoretikerin, die Siegmund Freuds Psychoanalyse in ihrem Essay „Visuelle Lust und Narratives Kino“ 1975 auf das Medium Film übertrug.

Ein Meisterwerk

Diese Brillanz, zum einen das Verhalten des Protagonisten zu verurteilen und hinterfragen zu lassen und uns zugleich den Spiegel vorzuhalten, ist es, was Alfred Hitchcocks „Das Fenster zum Hof“ derart großartig macht. Wie Jefferies über den gesamten Film hinweg in verschiedenste Fenster schaut, Theorien entwirft und die Grenzen von Privatheit aufgrund eines Triebes immer wieder aufbricht, so gehen auch wir ins Kino und beobachten sowohl Jefferies als auch die anderen fiktiven Personen. Der Film wird somit nicht nur zu einem überaus unterhaltsamen Thriller, sondern auch zu einer Auseinandersetzung mit dem Medium und den Motivationen der Rezipienten selbst. Dies und die handwerklich herausragende Inszenierung, machen „Das Fenster zum Hof“ zu einem absoluten Meisterstück des britischen Regie-Genies und zu einem Werk, welches selbst aus der überaus beeindruckenden Filmografie des „Master of Suspense“ herausragt. In Deutschland ist es auf Blu-ray und DVD in diversen Einzel- und kombinierten Editionen veröffentlicht worden und gut verfügbar.

1998 entstand ein modernisiertes Remake mit Christopher „Superman“ Reeve (1952–2004) in der Hauptrolle. Der Protagonist sitzt darin allerdings nicht aufgrund eines Beinbruchs im Rollstuhl, sondern aufgrund einer bei einem Verkehrsunfall erlittenen Querschnittlähmung, ein Schicksal, das Reeve drei Jahre zuvor bei einem Reitunfall tatsächlich ereilt hatte. Die fürs US-Fernsehen produzierte Neuverfilmung kann als solide bezeichnet werden, erreicht aber natürlich zu keinem Zeitpunkt die Intensität des Originals.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Alfred Hitchcock haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit James Stewart unter Schauspieler.

Veröffentlichung: 10. Oktober 2019 als Blu-ray im Steelbook, 3. Juli 2014 als DVD als Bestandteil der „Alfred Hitchcock Collection“ (14 DVDs mit 14 Filmen), 14. November 2013 als Blu-ray als Bestandteil der „Hitchcock Collection“ (16 Blu-rays mit 16 Filmen), 16. Mai 2013 als Blu-ray, 5. Juni 2008 als 2-Disc Edition DVD „Hitchcock Collection“ (mit „Vertigo – Aus dem Reich der Toten“), 31. Mai 2012 und 9. November 2006 als DVD

Länge: 112 Min. (Blu-ray), 109 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Rear Window
USA 1954
Regie: Alfred Hitchcock
Drehbuch: John Michael Hayes
Besetzung: James Stewart, Grace Kelly, Wendell Corey, Thelma Ritter, Raymond Burr, Judith Evelyn, Ross Bagdasarian, Georgine Darcy, Sara Berner
Label/Vertrieb: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2020 by Lucas Gröning
Packshots: © Universal Pictures Germany GmbH

 

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James Stewart (V): Geheimagent des FBI – Mit dem Holzhammer und doch gelungen

The FBI Story

Von Ansgar Skulme

Spionagedrama // John Michael Hardesty (James Stewart), den seine Freunde alle nur „Chip“ nennen, blickt auf eine jahrzehntelange Laufbahn als FBI-Agent zurück. Mittlerweile hat er einen Status erreicht, mit dem er Vorträge vor dem interessierten Nachwuchs halten kann. Junge Menschen blicken zu ihm auf und wollen von ihm lernen. Es gibt viel zu erzählen aus seinem Leben: von zahlreichen Begegnungen mit teils berühmten, teils weniger populären Kriminellen, von strategisch komplizierten verdeckten Ermittlungen und von im Hintergrund detailliert vorbereiteten Einsätzen. Aber auch von aufopferungsvollen Kollegen wie Sam Crandall (Murray Hamilton) oder den Entbehrungen, die der Job und die häufigen Einsatzortswechsel Hardestys Familie immer wieder abverlangten – allen voran seiner Frau Lucy (Vera Miles).

Familie Hardesty ist häufige Wohnortwechsel gewohnt

Strenggenommen ist „Geheimagent des FBI“ ein lupenreiner Propaganda-Film, der von J. Edgar Hoover höchstpersönlich vorangetrieben wurde, um Werbung für das seit 1924 von ihm geleitete FBI zu machen – das zwar bis 1935 zunächst anders hieß, aber trotzdem schon rund zehn Jahre die Handschrift von Hoover trug, ehe es schließlich den Namen FBI erhielt. Unfair allerdings wäre, Hoover vorzuwerfen, „Geheimagent des FBI“ gewissermaßen mit kühler Berechnung auf das Publikum losgelassen zu haben. Vielmehr ist durchaus glaubwürdig, dass es dem eingefleischten, stark von sich selbst eingenommenen Landesdiener Hoover tatsächlich eine durchaus emotionale Herzensangelegenheit war, einmal einen solchen Film über sein Lebenswerk zu drehen. Mag man seine Weltsicht nun teilen oder auch nicht. Beim Dreh einer Szene, in der einer der Agenten erschossen wird, soll Hoover angeblich sogar geweint haben – jedoch ist umstritten, wie sehr dies Promotionszwecken diente.

Lass das mal die Mama machen!

Betont werden muss, dass freilich versucht wurde, ein paar rückblickend sehr fragwürdige Operationen unter Hoovers Ägide in einem besseren Licht beziehungsweise als besondere Erfolge dastehen zu lassen, die sie eigentlich nicht waren. Beispielsweise ist aus heutiger Sicht kaum stichhaltig nachzuweisen, dass „Ma“ Barker wirklich das durchtriebene kriminelle Planungsgenie, dieser rücksichtslose weibliche Verbrecherleitwolf war, als der sie in die Geschichte einging. Als wahrscheinlicher gilt, dass dieses Image vom FBI um J. Edgar Hoover ersponnen wurde, um im Nachhinein die Tötung einer alten Frau rechtfertigen zu können. Die kuriose Aussage des Bankräubers Harvey Bailey, der Ma Barker gut kannte und zu ihrem Status als angebliche Drahtzieherin kommentierte, dass Ma Barker nicht einmal ein Frühstück hätte planen können, sei in diesem Zusammenhang einfach mal in den Raum gestellt. Angeblich wurde sie, wenn immer es ernst wurde, von den Kriminellen in ihrem Umfeld am besten ins Kino oder sonst irgendwie aus dem Weg geschickt. Demnach diente sie viel eher der Tarnung der Bande, als fürsorgliche Mutter im Vordergrund, die auch nicht so genau wusste, was drumherum wirklich vor sich ging, und war keineswegs das kaltherzige, durchtriebene Mannweib, das sogar die eigenen Kinder zu Verbrechen anstiftete, wie später häufig – auch in anderen Filmen – Glauben gemacht wurde. Wer weiß, in welcher Mitte genau die Wahrheit liegt.

J. Edgar First

Am Set war die Hierarchie klar geregelt: J. Edgar Hoover überwachte die Produktion des Films persönlich oder durch Mittelsmänner, wählte James Stewart persönlich für die Hauptrolle aus, veranlasste einen Nachdreh einer Szene, weil ihm ein einziger Statist nicht zusagte, schritt auch darüber hinaus wiederholt ein, wenn ihm Inhalte nicht gefielen, und stellte kontinuierlich zwei FBI-Agenten für das Set ab, die aufpassten, was vor sich ging und gegebenenfalls natürlich auch als Berater taugten. Als Vorlage diente das Buch „The FBI Story“ von Don Whitehead aus dem Jahr 1956, auf dessen Cover in den Film-Credits zudem grafisch Bezug genommen wird. Doch ein mit „FBI Story“ betitelter Roman aus dem Jahre 1950, aus der Feder eines unter dem Namen „The Gordons“ firmierenden Autoren-Ehepaares wurde schließlich Gegenstand eines Rechtsstreits, der zugunsten des Schreiberpärchens ausging. Was so eine Buchvorlage oder auch zwei oder drei am Ende des Tages noch an inhaltlicher Relevanz haben, wenn sich jemand wie J. Edgar Hoover sowieso ständig in die Produktion mischt und gewissermaßen das Druckmittel benutzt, dass ohnehin niemand noch mehr „aus erster Hand“ berichten kann als er selbst als Chef der Organisation, von der der Film handelt, ist allerdings so eine Sache. Zumal Hoover auch sehr unliebsam werden konnte, wenn man sich ihm in den Weg stellte – und als FBI-Chef natürlich über reichhaltige Möglichkeiten verfügte, jemandem das Leben schwer zu machen. Das Sammeln von Informationen über hohe Tiere, welches gegebenenfalls in Erpressung selbiger mündete, zeigte sich hierbei als erstaunlich salonfähig. Nicht einmal vor dem Regisseur des Films, Mervyn LeRoy, machte Hoover mit derartigen Mätzchen Halt. Er setzte ihn unter Druck und machte deutlich, wenn nötig mit Dreck um sich werfen zu wollen, ehe er „Geheimagent des FBI“ schließlich so gebogen hatte, dass er ihn fürs Kino abzusegnen bereit war – obwohl beide eigentlich privat befreundet waren, was auch glaubwürdig ist, da LeRoy den Vertrauensjob andernfalls wohl kaum bekommen hätte.

Auf Waffen muss das FBI eine Weile warten – aber dann …

Somit kann man letztlich im Umkehrschluss die Frage stellen, ob es nicht umso bemerkenswerter ist, dass es selbst J. Edgar Hoover nicht gelungen ist, diesen Film so richtig unfreiwillig komisch oder einfach völlig unglaubwürdig und somit schlicht kaputt zu machen? Denn „Geheimagent des FBI“ ist über mehr als zwei Stunden ein durchaus unterhaltsamer, bunter und spannender Genre-Mix mit wenigen einigermaßen großen Rollen, dafür aber sehr vielen verschiedenen Akteuren, die das Werk abwechslungsreich halten. Ein Film, bei dem das Erzähltempo und die Zahl der Schauplatzwechsel für die doch recht lange Distanz einfach sehr gut getroffen wurden. Ein Film, den ich sogar als recht kurzweilig bezeichnen würde, was bei über 140 Minuten Laufzeit kein Selbstläufer ist. Und ein Film, der visuell schön altmodisch angelegt wurde, die Vorzüge atmosphärisch ausgeleuchteter Studioaufnahmen als Ersatz für das Drehen im Freien schön zur Geltung bringt und genauso viel Spaß macht wie LeRoys wenig später, mit Frank Sinatra und Spencer Tracy in den Hauptrollen, erschienener bunter Abenteuerstreifen „Der Teufel kommt um vier“ (1961), der filmästhetisch die eine oder andere nette Gemeinsamkeit mit „Geheimagent des FBI“ aufweist.

Einmal Eintopf mit allem, bitte!

Diese „FBI Story“ mischt in episodenhafter Erzählstruktur Schauplätze und Figuren des Neo-Westerns, in dem bereits Autos fahren, aber noch von alteingesessenen Indianern berichtet wird, mit Stil- und Handlungselementen des Kriegsfilms, des exotischen Abenteuerfilms, des Familienmelodrams, des Gangsterfilms und natürlich des Spionage- und Agentenfilms. Zudem lässt James Stewart in der Hauptrolle auch den Humor beileibe nicht zu kurz kommen. J. Edgar Hoover war es bei der Besetzung besonders wichtig, einen so positiv wirkenden Star als Zugpferd zu haben. Die implizite Botschaft „Beim FBI kannst du alles machen, was du als kleiner Junge immer werden wolltest!“ bringt der Film dementsprechend recht gut an den Mann. Egal ob man nun Agenten, Soldaten, Polizisten, Dschungel-Abenteurer oder Cowboys und Indianer zum Kinderfasching oder auch später noch besonders gern mochte, dürfte „Geheimagent des FBI“ das Kind im Manne doch bei etlichen erreichen und damit auch über einen konsequenten Mangel an Objektivität in der Handlung erfolgreich hinwegtäuschen. Hier wird am Ende eben gut gemachtes Popcorn-Kino als eine Art Wochenschau-Tatsachenbericht mit Schauspielern verkauft, was natürlich albern ist, aber an den Schau- und Unterhaltungswerten des Films nichts ändert.

Chips bester Freund Sam Crandall will ihn nicht vom FBI weglassen

Nicht zuletzt beweist der Regisseur Mervyn LeRoy, der schon mit Projekten wie „Der kleine Caesar“ (1931), „Ich bin ein entflohener Kettensträfling“ (1932), „Madame Curie“ (1943) und „Quo Vadis“ (1951) Meilensteine der Filmgeschichte erschaffen hatte, einmal mehr, dass er zu den am wenigsten auf irgendein Genre festgelegten großen Hollywood-Regisseuren der damaligen Zeit zählte und ebenso episch wie spannend auch über lange Laufzeiten erzählen konnte, praktisch egal welchen Stoff man ihm vorlegte. Angefangen bei einem fesselnden Intro, das in „Geheimagent des FBI“ schon fast die halbe Miete ist, wenn es darum geht, den Zuschauer zu gewinnen – und das sehr klug mit dem Einsatz der eröffnenden Credits abgestimmt ist. Aus heutiger Sicht steht LeRoy etwas im Schatten von Namen wie William Wyler, John Ford, Cecil B. DeMille, Howard Hawks, Billy Wilder und John Huston – zu Unrecht!

Pidax schließt mal wieder Lücken

Man hätte ja fast meinen können, dass zumindest von John Wayne und James Stewart nunmehr so ziemlich jeder Film, wenigstens der 50er-Jahre, auch in Deutschland auf DVD erschienen ist. Doch diese Rechnung ist zumindest schon einmal ohne ihre Propaganda-Streifen – und ein paar andere Filme – gemacht. Ob es Zufall ist, dass dem hiesigen Publikum bisher gerade John Waynes Anti-Kommunisten-Entgleisung „Marihuana“ und James Stewarts Pro-Hoover-Statement „Geheimagent des FBI“ vorenthalten wurden? Wenn ja, dann zumindest ein großer. Beide Filme eint die Gemeinsamkeit, dass sie unterhaltsam und filmästhetisch ansehnlich sind, wenn man ihre Intentionen ausblendet, was bei Waynes „Marihuana“ durch die deutsche Synchronfassung erleichtert wird und bei Stewarts „Geheimagent des FBI“ ein Stück weit durch die Kürzungen in der deutschen, gegenüber der rund 20 Minuten längeren englischsprachigen Fassung. Wobei es auch nicht so ist, dass die in der deutschen Fassung geschnittenen Szenen allesamt besonders pathetisch sind. Doch gekürzt ist der Film automatisch weniger episch, da weniger lang, und somit fällt auch die Glorifizierung des FBI automatisch ein wenig harmloser aus.

Der Vater hat wenig Zeit, aber seine Kinder brauchen ihn trotzdem

Allerdings muss man natürlich auch sehen, dass die Lobhudelei aus heutiger Sicht ohnehin kaum noch den gewünschten Anklang finden wird. Ein eindimensionales, angestaubtes Loblied auf das FBI in den falschen Hals zu bekommen und bierernst für bare Münze zu nehmen, dürfte dem heutigen deutschen Publikum erheblich schwerer fallen als einen anti-kommunistischen Hetzfilm wie „Marihuana“ als Alternative für irgendwas aufzufassen, der mit seinen ursprünglichen Intentionen heute sicher immer noch genügend stammtischaffine Fürsprecher fände. So gesehen ist es zu begrüßen, dass Pidax diese moralisch sicher streitbare, aber künstlerisch und mit Blick auf Spannung und Unterhaltungswert vollauf sehenswerte „FBI Story“ endlich aus der Mottenkiste gekramt hat – und in der ungekürzten Version, mit untertitelten Szenen sowie den üblichen Pidax-Extras für rare Klassiker veröffentlicht.

Die Stimme in Berlin verloren

Die deutsche Synchronfassung bietet übrigens die Besonderheit, dass hier nicht Siegmar Schneider als Stimme von James Stewart zu hören ist, der vor allem in Filmen von 1953 bis 1958 beinahe exklusiv für Stewart im Einsatz war, aber auch schon vorher in berühmten Western wie „Winchester 73“ (1950) und „Meuterei am Schlangenfluss“ (1951). Von 1959 bis 1961 klafft allerdings eine kurze Lücke, ehe Schneider ab 1962 dann bis weit in die 70er-Jahre hinein wieder regelmäßig zum Einsatz kam – und vereinzelt auch noch darüber hinaus. Von den Hitchcock-Filmen „Vertigo“ (1958) und „Cocktail für eine Leiche“ (1948) gibt es sogar jeweils zwei Synchronfassungen, in denen Siegmar Schneider für James Stewart zu hören ist – die erste aus den 50ern bzw. 60ern und die letzte in beiden Fällen aus den 80ern –, wobei von „Vertigo“ heute kurioserweise die dritte Synchronfassung am bekanntesten ist, in der man nicht Siegmar Schneider, sondern Sigmar Solbach („Dr. Stefan Frank“) hört. Wie paradox Synchron manchmal sein kann, zeigt sich zudem daran, dass von dem Western „Der gebrochene Pfeil“ (1950) wiederum zwar auch zwei Synchros existieren, wobei aber nicht einmal die zweite Fassung mit Schneider für James Stewart aufwartet – was natürlich mit dem Stimmalter des Sprechers gegenüber dem Zeitpunkt des Filmdrehs begründet werden kann, das bei den verspäteten Hitchcock-Synchros allerdings auch kein Hindernis war.

Auch beim FBI wird immer Nachwuchs benötigt

Als Ersatz in der Phase, als die 50er gerade von den 60ern abgelöst wurden und Siegmar Schneider, aus mir nicht gänzlich bekannten Gründen, plötzlich mehrfach nicht für James Stewart besetzt wurde, fungierten Hans Nielsen, Wolfgang Lukschy und im vorliegenden „Geheimagent des FBI“ Friedrich Schoenfelder, der seine Sache ziemlich gut macht und sich eng an das manchmal stimmlich – nicht nur in dieser Rolle von James Stewart – durchaus schräge Original zu halten versucht. Auffällig ist, dass auch in dem kurz vorher entstandenen Warner-Film „Lindbergh – Mein Flug über den Ozean“ (1957) nicht Siegmar Schneider für James Stewart zu hören ist, sondern stattdessen Peter Pasetti, was seinerzeit gewissermaßen der erste Bruch zur Kontinuität seit Jahren war. Das lässt sich in dem Fall allerdings damit erklären, dass man „Geheimagent des FBI“ und „Lindbergh“ in München synchronisieren ließ, während die Stewart-Filme mit Siegmar Schneider standardmäßig in Berlin aufgenommen wurden – im Verlauf der 60er kam Schneider dann in Berlin auch bei Warner für James Stewart zum Einsatz. Die anderen drei Filme aus dem Fenster von 1959 bis 1961, in denen Siegmar Schneider neben „Geheimagent des FBI“ nicht zu hören ist, wurden allerdings nicht von Warner, sondern Columbia verliehen, und in Filmen dieses Verleihs hatte man Schneider auch schon zuvor durchaus für Stewart besetzt – zudem entstanden diese Synchronfassungen 1959, 1960 und 1961 alle drei in Berlin. Wodurch genau sich hier Schneiders Abwesenheit erklären lässt, bleibt für mich offen. Erfreulich, dass danach der Weg zurück gefunden wurde.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Vera Miles haben wir in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgeführt, Filme mit James Stewart unter Schauspieler.

Spaß muss sein – sonst wird der Verbrecherjäger-Alltag trist

Veröffentlichung: 11. Oktober 2019 als DVD

Länge: 142 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch für die nicht synchronisierten Szenen
Originaltitel: The FBI Story
USA 1959
Regie: Mervyn LeRoy
Drehbuch: Richard L. Breen & John Twist, nach einer Vorlage von Don Whitehead
Besetzung: James Stewart, Vera Miles, Murray Hamilton, Larry Pennell, Diane Jergens, Joyce Taylor, Buzz Martin, Nick Adams, Paul Genge, Victor Millan
Zusatzmaterial: Original-Kinotrailer, Nachdruck der Illustrierten Film-Bühne Nr. 5204
Label: Pidax Film
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2019 by Ansgar Skulme
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