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Zombie Self Defense Force – Das UFO und die Untoten

Zonbi jieitai

Von Volker Schönenberger

Horror-Actionkomödie // The best zombie horror comedy since „Shaun of the Dead“ – so prangt es auf dem Cover von „Zombie Self Defense Force“ von 2006. Nun ist „Shaun of the Dead“ lediglich zwei Jahre älter als der japanische Untotenspaß, allzu viele Zombiekomödien hat es dazwischen vermutlich nicht gegeben. Dennoch nimmt das Label den Mund da ganz schön voll.

Im Hotel sind die Soldaten …

Viel zu voll, das zeigt sich gleich in den ersten Einstellungen des Streifens: Ein ganz mies getrickstes UFO taucht über Japan auf und schreckt eine Reihe von Menschen auf, darunter eine Schulklasse auf Busausflug, zwei Yakuza, die in einem Wald unterhalb des Fujiyama gerade einen Gangster-Kumpanen per Kopfschuss abgemurkst haben und die Militär-Einheit „Self Defense Force“, die in diesem Wald soeben eine erhängte Frauenleiche entdeckt hat. Das unbekannte Flugobjekt zerschellt unweit der genannten Personen (sieht ebenfalls mies aus), vom Ort der Detonation geht kurz ein sonderbares grünes Glühen aus.

Illegaler Friedhof erhebt sich

Noch während die Soldaten darüber beraten, was zu tun ist, erwacht die Selbstmörderin zum untoten Leben und fällt über einen der Uniformierten her. Desgleichen der tote Gangster, der seinem Mörder kurzerhand ein paar Finger abbeißt. Da der japanische Mob die Gegend offenbar schon vor geraumer Zeit zur Stamm-Begräbnisstätte seiner Opfer auserkoren hat, erheben sich obendrein etliche Tote aus dem Waldboden.

… alles andere als sicher

Immerhin: Der Splattergehalt ist nicht von schlechten Eltern. Eine durchgebissene Kehle hier, ein erst gebrochener und dann abgerissener Arm dort, gefolgt von einem herzhaften Aststoß in den Mund der Untoten, bis das Holzstück am Hinterkopf herauskommt – schon die erste heftige Szene hat es in sich. Womöglich war es die übersteigerte, ins Humorige gehende Darstellung der Bluttaten, die die FSK bewogen, der ungeschnittenen Fassung von „Zombie Self Defense Force“ eine Freigabe ab 18 Jahren zu erteilen.

Im Wald allerdings auch nicht

Ebenfalls im Wald: das Model Hitomi (Mihiro Taniguchi), das bei einem Fotoshooting von den Zombies überrascht wurde – Fotograf und Betreuer fielen der Attacke zum Opfer. Hitomi trifft auf den Yakuza Hiroshi (Shinji Suzuki), kurz darauf schließen sich die beiden den Soldaten an. Der Trupp erreicht ein kleines Hotel, in welchem zuvor der Eigentümer Yamada (Yûya Takayama) einen Disput mit seiner schwangeren Angestellten und Geliebten Akemi (Yuka Kojima) hatte, die aber ausrutschte und sich an einer Tischkante das Genick brach. Bald tritt auch ein zombifiziertes Neugeborenes auf den Plan.

Von Selwyn zu Captain Rhodes

Das Baby erinnert frappierend an Selwyn aus Peter Jacksons schreiend komischer Blutorgie „Braindead“ (1992), an die „Zombie Self Defense Force“ selbstverständlich auch nicht heranreicht. Aber Spaß bringt die Komödie dann doch, der billigen deutschen Synchronisation zum Trotz. Eine besondere Rolle kommt der Soldatin Yuri (Miyû Watase) zu, die von Kopfschmerzen und Visionen gepeinigt wird und schließlich erfährt, dass sie zu einem höheren Zweck bestimmt ist. Schließlich erwacht in einer Höhle sogar ein sagenumwobener alter Soldat wieder zum Leben. Und eine besonders deftige und eingeweidelastige Splattersequenz kurz vor dem Finale geht sogar als nette Hommage an den Tod von Captain Rhodes in George A. Romeros „Zombie 2 – Das letzte Kapitel“ (1985)

Der tote Offizier erhält seine Chance

Bei billigen Blutspektakeln wie diesem lohnt sich immer der Blick ins Lexikon des internationalen Films. In der dortigen Kurzrezension findet sich das Urteil geschmacklos-kruder Horrorfilm, dessen Hysterie ebenso abstößt wie das Ausmaß des angerichteten Blutbades. Das Attribut geschmacklos-krude trifft es gut, aber abstoßend?! Die billige Machart meint der Rezensent sicher nicht, obwohl sie angetan ist, viele Filminteressierte abzuschrecken. Aber wer sich sowieso gern den nächsten und übernächsten Zombiefilm zu Gemüte führt, ist abgehärtet. Dass die skurrilen Ideen mit Logik nicht viel zu tun haben und das Spiel der Darstellerinnen und Darstellern auch keine Begeisterungsstürme auslöst, muss man Kennern nicht erklären. Aber „Zombie Self Defense Force“ strahlt bis zum bizarren Ende die Freude aus, die Regisseur und Ko-Drehbuchautor Naoyuki Tomomatsu bei der Arbeit hatte. Außerdem macht der Film Lust, sich ein Double Feature aus „Braindead“ und „Shaun of the Dead“ zu gönnen.

Yuri ist alles andere als wehrlos

Veröffentlichung: 9. November 2007 als DVD im Star MetalPak, 19. Oktober 2007 als DVD

Länge: 75 Min.
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Japanisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Zonbi jieitai
JAP 2006
Regie: Naoyuki Tomomatsu
Drehbuch: Naoyuki Tomomatsu, Chisato Ôgawara
Besetzung: Miyû Watase, Kenji Arai, Dai Asaki, Mihiro Taniguchi, Shinji Suzuki, Norman England, Masayuki Hase, Hiroshi Hatayama, Kawabata Hosei, Yuka Kojima, Yû Machimura, Yûsuke Miura, Kaoru Nagato, Yûya Takayama
Zusatzmaterial: Making-of, Trailer
Label/Vertrieb: I-On New Media

Copyright 2021 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2007 I-On New Media

 

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Weathering with You – Das Mädchen, das die Sonne berührte: Das neueste Werk des „neuen Miyazaki“

Tenki no ko

Von Lucas Gröning

Anime-Fantasy-Drama // Makoto Shinkai zählt ohne Frage zu den aufregensten Anime-Regisseuren unserer Gegenwart. Bereits seit 1999 ist der Filmemacher im Geschäft tätig, er bereicherte die Filmlandschaft mit Werken wie „The Place Promised in Our Early Days“ (2004) und „The Garden of Words“ (2013). Das führte dazu, dass ihm in Anlehnung an den legendären Anime-Regisseur zahlreicher Studio-Ghibli-Filme bereits des Öfteren die Zuschreibung verliehen wurde, er sei „der neue Hayao Miyazaki“. Ob sich Shinkai tatsächlich bereits auf einem Niveau mit dem Schöpfer von beispielsweise „“Mein Nachbar Totoro“ (1988) und „Prinzessin Mononoke“ (1997) bewegt, ist eine müßige Diskussion, zumal die Filme stilistisch und thematisch doch enorme Unterschiede aufweisen. Begnügen wir uns daher zunächst mit der Feststellung, dass Shinkais Werke wichtig, intelligent sowie aktuell sind und ästhetisch herausragendes Kino bieten. Vor allem seine Regiearbeit „Your Name“ (2016) kann dabei ohne Umschwünge zu den modernen Meisterwerken dieser Form des Mediums Film gezählt werden und hat sich bereits den Status eines modernen Klassikers erarbeitet. Bezeichnend für den in Deutschland ab sechs Jahren freigegebenen Film war vor allem der zunächst kindliche Anschein, welcher jedoch mit voranschreitender Handlung einer emotionalisierenden Ernsthaftigkeit wich, die mit der Thematisierung hochphilosophischer und tiefenpsychologischer Aspekte einherging. Wer „Your Name“ gesehen hatte, musste zu dem Schluss kommen, dass hier heranwachsenden Zuschauenden bereits, im positivsten Sinne, enorm viel zugemutet und abverlangt wurde, nicht zuletzt begründet durch den hohen Anteil von Negativität und Ambivalenz. Es ging eben nicht alles einfach nur gut aus und war moralisch eindeutig, viel mehr wurde das Publikum zum Reflektieren über das Wahrgenommene angehalten. Shinkais neuester Film, „Weathering with You – Das Mädchen, das die Sonne berührte“, welcher 2019 ins Kino und vor Kurzem in verschiedenen Heimkino-Veröffentlichungen auf den deutschen Markt kam, setzte diesen Stil fort. Wie sich das ausdrückt, soll Gegenstand der vorliegenden Betrachtung sein.

Hodaka reißt aus und findet den Weg ins trübe Tokio

Zunächst zur Handlung: Diese dreht sich um den 16-jährigen Hodaka Morishima, der von zu Hause ausreißt, um in die große Stadt zu gehen – nach Tokio. Dort hat er aufgrund seines Alters Schwierigkeiten, einen Job zu finden, und droht, auf der Straße, umgeben von teils zwielichtigen kriminellen Gestalten, zugrunde zu gehen. Schlussendlich findet Hodaka Unterschlupf in der kleinen Redaktion von Keisuke und Natsomi Suga, die mysteriösen, scheinbar übernatürlichen bis okkulten Vorkommnissen auf den Grund gehen. Die Bezahlung ist zwar alles andere als gut, jedoch bieten die beiden Hodaka eine Bleibe und Verpflegung. Im Zuge der Recherche zu einer interessant anmutenden Story treffen Hodaka und Natsumi auf Hina Amano, ein gemeinsam mit seinem kleinen Bruder Nagisa in ärmlichen Verhältnissen lebendes und auf sich allein gestelltes Mädchen, das jedoch eine besondere Fähigkeit hat: Sie kann durch ein bestimmtes Gebet die Sonne hervorrufen. Hadoka schlägt ihr vor, dass sie ihre Gabe im stets verregneten Tokio vermarkten und gegen Geld als Dienstleistung anbieten könne. Der so anvisierte Weg aus der Armut stellt sich zunächst als fruchtbar heraus, geht jedoch mit einem furchtbaren Malus einher, den die Protagonisten erst viel später registrieren sollen.

Die Montagesequenz als Referenz

Bereits aus dieser kurzen Inhaltsangabe lässt sich vermutlich eine Dramaturgie herauslesen, die derer von Shinkais vorherigem Film „Your Name“ auf den ersten Blick ähnelt. Auch in diesem beginnt die Geschichte durchaus fröhlich, kindlich und transportiert eine wunderbare Naivität, wandelt sich jedoch zu einem ernsten Anliegen und bietet großes Schockpotenzial für jene, die glaubten, die wahrgenommene Heiterkeit würde sich bis zum Ende durchziehen. „Weathering with You“ bietet hierbei eine angenehme Weiterentwicklung seines Vorläufers und präsentiert sich insgesamt noch ambivalenter. So startet der Film durchaus düster und schlägt durch die verzweifelte Jobsuche seiner Hauptfigur, einhergehend mit der Angst zu verhungern, bereits sehr ernste Töne an, orientiert sich jedoch an der Oberfläche, vor allem anhand der Dialoge, immer noch am Stil von „Your Name“. Höhepunkt der angesprochenen Ernsthaftigkeit stellt sicherlich der Einsatz eines zufällig gefundenen Gegenstandes dar, der so gar nicht in die kindlich anmutende Welt des Films hereinpassen will und somit als Markierung innerhalb der Diegese zu verstehen ist, dass das Gezeigte den jüngeren Zusehern ähnlich viel abverlangt, wie „Your Name“ es das bereits tat, wenn nicht mehr. Diese Ernsthaftigkeit weicht mit Hodakas Eintreffen in der Redaktion und der damit einhergehenen vorläufigen Existenzsicherung. Ab diesem Zeitpunkt scheint sich alles in Wohlgefallen aufzulösen – eine Vermutung, die sich auf den ersten Blick auch stilistisch durch eine Parallele zum nun bereits mehrfach, jedoch gerade aufgrund seiner hohen Bedeutung notwendigerweise erwähnten „Your Name“ transportiert.

Nach einiger Zeit trifft der Junge auf Keisuke und Natsomi

Gemeint ist das Stilmittel der Montagesequenz, um, begleitet von japanischer Popmusik, möglichst viele Informationen in möglichst wenig Zeit zu übermitteln oder anders formuliert: innerhalb weniger Minuten viel Zeit innerhalb der Geschichte vergehen zu lassen. Ein bekanntes Beispiel für diese Form der Montage findet sich in Brian De Palmas „Scarface“ (1983), in welchem der Aufstieg des Protagonisten Tony Montana, begleitet von Paul Engemanns extra für den Film aufgenommenen Song „Push It to the Limit“, innerhalb weniger Minuten gezeigt wird, obwohl der dargestellte zeitliche Rahmen mehrere Monate umspannt. In „Your Name“ wird dieses Mittel kurz vor der Hälfte des Films eingesetzt, um den Briefverkehr zwischen den Protagonisten darzustellen und deren reales Treffen vorzubereiten. Alles erscheint dabei schön und harmonisch und eigentlich warten wir als Zuschauende nur noch auf das glückliche Zusammentreffen der beiden Figuren, müssen jedoch, ohne zu viel zu verraten, bald darauf einen großen Schock hinnehmen. „Weathering with You“ wiederum setzt die Montagesequenz an zwei essenziellen Stellen ein, beide zeigen die Reife, die Makoto Shinkai seither als Filmemacher durchgemacht hat. Ich möchte beide Sequenzen und ihre potenzielle Wirkung auf verschiedene Zuschauerschaften an dieser Stelle kurz erläutern um klarzustellen, was ich mit Reife meine. Die erste hier erwähnte Sequenz findet sich in der Darstellung von Hodakas Arbeit in der Redaktion, die von ähnlich poppigen Klängen begleitet wird, wie das in „Your Name“ der Fall ist. Als Zuschauer, der Shinkais vorheriges Werk noch nicht gesehen hat, stellt dies ebenfalls ein „Ankommen“ in jenem Sinne dar, wie Hodaka es im Rahmen seiner Anstellung erfährt. Leicht verfällt man dem Glauben, dass nun alles gut wird, gerade nach den zuvor sehr ernsten und im Ansatz durchaus bereits schockierenden Szenen.

Zwei Formen der Zuschauerschaft

Gleiches gilt für die zweite Sequenz in dieser Form, welche zeigt, wie Hina ihre Fähigkeit, begleitet von Hodaka, gegen Geld zur Unterstützung verschiedener Menschen einsetzt. Sahen wir zuvor bereits, wie Hodakas Geschichte scheinbar zu einem positiven Ende gekommen ist, geht es nun lediglich darum, Hina und ihren Bruder in gewisser Weise zu erretten – eine Schicksalswendung, die sich durch den Einsatz der Montage zu bestätigen scheint. Sieht man diese Sequenzen jedoch mit den Augen von jemandem, der über ein gewisses Vorwissen bezüglich der Werke Makoto Shinkais verfügt, so erlischt diese Illusion von einem Auflösen der Geschichte. Vielmehr fungieren sie als Markierung für den mit Vorwissen Zuschauenden, dass der große Knall gerade trotz des schönen und harmonischen Scheins noch kommen könnte und sehr wahrscheinlich kommen wird. Shinkai bereitet seinen Film also in gewisser Weise für zwei verschiedene Zuschauerschaften auf: zum einen für den unwissenden, nicht mit seinem Werk vertrauten Zuschauer, für den die Katastrophe nach der Harmonie einen Schlag in die Magengrube bedeutet. Zum anderen für jenes Publikum, welches ein gewisses Vorwissen mitbringt und somit die Katastrophe bereits erahnen kann – oder anders formuliert: jenes Publikum, welches gerade aufgrund seiner Vorkenntnis in die Lage gebracht wird, die Macht des Regisseurs, die sich durch die Wendungen bezüglich des Narrativs ausdrückt, außer Kraft zu setzen und sich stattdessen auf die Form und ästhetische Schönhet des Films zu konzentrieren.

Bei seinen Recherchen findet Hodaka die junge Hina …

Für das zweite Exemplar des Zuschauenden stünde demnach die Form von „Weathering with You“ viel mehr im Vordergrund als das bloße Narrativ. Erst so entfaltet der Film tatsächlich das volle Potenzial seines Daseins als ästhetische Erfahrung. Man kann also sagen, dass Shinkai hier zeigt, dass er sich seines Stellenwertes als Filmemacher spätestens seit „Your Name“ durchaus bewusst ist und bei seinem aktuellen Film speziell darauf geachtet haben mag, verschiedene Zuschauerschaften gleichermaßen zu adressieren. Dieses Bewusstsein für die eigene öffentliche Persona, das Spiel mit dieser und die Tatsache, dass ein Film aus beiden Publikumsperspektiven funktioniert, stellt eine klare Weiterentwicklung des Regisseurs dar und zeigt jene Reife, über die er mittlerweile zu verfügen scheint. Dahingehend drehte Shinkai also nicht bloß einen Film mit einer spannenden und ansprechenden Geschichte, die ästhetisch dazu noch hervoragend aufbereitet wurde, vielmehr ging er mit „Weathering with You“, wie die ganz großen Regisseure es irgendwann ebenfalls taten, dazu über, Film auch als metaphysische, selbstreflexive Erfahrung zu begreifen und den Platz des Regisseurs innerhalb der Publikumsrezeption ebenfalls zu hinterfragen, einzuordnen und sich dieses Bewusstsein zunutze zu machen.

Ein Film mit politischer Sprengkraft

„Weathering with You“ stellt auch in anderer Hinsicht eine Weiterentwicklung des Regisseurs dar, nämlich bezüglich der gesellschaftlichen Relevanz. Sein neuestes Werk zeichnet sich vor allem durch eine enorme politische Schärfe aus, die man in Shinkais bisherigen Filmen nur unter der Oberfläche vorfindet. „Your Name“ beispielsweise thematisierte, vor allem in der ersten Hälfte, besonders stark die Unterschiede zwischen dem japanischen Stadt- und Landleben, flüchtete sich in der Folge jedoch vermehrt in die Darstellung überzeitlicher Fantasy-Aspekte und die Psychologisierung seiner Figuren. Zwar verfügt auch die zweite Hälfte über einige klar politisch konnotierte Themen, beispielsweise die gleichsam langsame wie naive Arbeit von Beamtenstrukturen, einhergehend mit dem tendenziell autoritären Charakter von Führungspersonal, wirklich im Vordergrund stehen diese Aspekte allerdings nicht. „Weathering with You“ gibt sich dahingehend wesentlich radikaler und bearbeitet durchaus präzise, und trotzdem kindgerecht, aktuelle, relevante Diskussionen, beispielsweise rund um die negativen Auswirkungen des Kapitalismus auf die Möglichkeit eines sozialen Aufstiegs und die Lösung der Klimakrise, das generelle Verhältnis zwischen Gesellschaft und Individuum sowie die Auflösung bürgerlicher Familienstrukturen zur Entfaltung des selbstbestimmten Subjekts. Hinsichtlich dessen wird beispielsweise auch die Möglichkeit einer Ersatzfamilie diskutiert, die in keinem unmittelbaren Verwandtschaftsverhältnis zum Individuum steht. Der Film liefert somit auf mehreren Ebenen durchaus plausible, wenn auch nicht wirklich neue Diskussionsbeiträge, die aber gerade durch die mittlerweile gewonnenen Popularität des Regisseurs von enormer Relevanz und Wichtigkeit sein können.

… welche die Fähigkeit hat, die Sonne scheinen zu lassen

Final sei erwähnt, dass „Weathering with You“ ein wirklich fantastischer Film ist, dessen Sichtung in jedem Fall lohnenswert ist. Er erreicht hinsichtlich der emotionalen Tragweite nicht die Qualitäten des herausragenden Vorgängers „Your Name“, und auch ästhetisch stellen die großartigsten Momente eher Zitate aus dem Meisterwerk von 2016 dar. Makoto Shinkais aktuelles Werk ist aber in mehrerer Hinsicht eine Weiterentwicklung. Das fängt bei einem präsenten Bewusstsein hinsichtlich der Rolle des Regisseurs, seiner Popularität und seiner Verbindung zum Publikum an und kulminiert in der politischen Sprengkraft, die „Weathering with You“ potenziell zu bieten hat. Zwar dürfte der Film für den Großteil der jüngeren Zuschauerinnen und Zuschauer eine spannende, wunderschöne, wenn auch herausfordernde Fantasy-Geschichte bleiben, doch Shinkai bietet hier auch für den erwachsenen Zuschauer noch mehr Fleisch und Auseinandersetzungspotenzial als in seinen bisherigen Filmen. In jedem Fall handelt es sich hier um einen Anime, den man gesehen haben sollte und somit wohl den nächsten Schritt von Makoto Shinkai, um möglicherweise die Fußstapfen von Altmeister Hayao Miyazaki tatsächlich auszufüllen.

Hodaka und Hina beschließen, Hinas Gabe einzusetzen, um anderen zu helfen

Veröffentlichung: 25. September 2020 als 2-Disc Limited Collector’s White Edition (Blu-ray & DVD), 2-Disc Limited Collector’s Edition exklusiv bei einem Online-Händler (Blu-ray & DVD), 4K UHD Blu-ray Limited Steelbook Edition, Blu-ray und als DVD

Länge: 113 Min. (Blu-ray), 108 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 6
Sprachfassungen: Deutsch, Japanisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Tenki no ko
JAP/CHN 2019
Regie: Makoto Shinkai
Drehbuch: Makoto Shinkai
Zusatzmaterial: Special zur Filmographie von Makoto Shinkai, Making-of-Dokumentation, Special zum japanischen Kinostart, Special-Talk mit Makoto Shinkai, und Yumiko Udo, Original-Soundtrack, 108-seitiges Booklet, Artcards, Clear-Sticker-Fensterbild
Label/Vertrieb: Leonine Distribution

Copyright 2020 by Lucas Gröning

Szenenbilder & Packshots: © 2020 Leonine

 

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The Grudge (2020) – Und Jump! Und Scare!

The Grudge

Kinostart: 9. Januar 2020

Von Volker Schönenberger

Horror // Remake, Reboot, Sequel – womit haben wir es bei „The Grudge“ zu tun? Allerorten ist über den 2020er-Film von einem Reboot die Rede, mir drängte sich beim Besuch der Hamburger Pressevorführung aber auch der Eindruck auf, dass die Handlung durchaus an „Der Fluch – The Grudge“ von 2004 andockt und daher als Fortsetzung angesehen werden kann. Aber was ist mit dessen eigentlicher Fortsetzung „Der Fluch – The Grudge 2“ von 2006? Fällt die dann hinten herunter? Was soll das Ganze überhaupt? War doch schon „Der Fluch – The Grudge“ ein US-Remake des J-Horror-Klassikers „Ju-on – The Grudge“ von 2002, der seinerzeit auch nur den ersten Kinofilm einer Direct-to-Video-Reihe darstellte. Über Sinn und Unsinn des zwanghaften Wiederkäuens bewährter Storys kann man sich natürlich nach Herzenslust echauffieren, es ändert aber nichts daran, dass dieses Phänomen uns Filmguckern im Allgemeinen und Horrorfans im Besonderen schon oft begegnet ist und immer wieder begegnen wird. Hat sich die Filmindustrie ihr Publikum zu innovationsfeindlich erzogen? Oder folgt sie nur dem Drang des gemeinen Filmfreunds, Produktionen nach bewährtem Muster gegenüber originären und außergewöhnlichen Werken den Vorzug zu geben? Vielleicht ein Ping-Pong beider Seiten. Und es ist ja beileibe nicht alles schlecht, was schon mal dagewesen war.

Detective Muldoon untersucht eine stark verweste Leiche

Die Handlung des neuesten Beitrags zu diesem japanischen Filmuniversum setzt 2004 in Tokio ein. Fiona Landers (Tara Westwood) verlässt ein Haus, das sie so sehr in Furcht versetzt hat, dass sie beschließt, umgehend das Land zu verlassen und in ihre US-Heimat zu ihrem Ehemann Sam (David Lawrence Brown) und der gemeinsamen Tochter Melinda (Zoe Fish) in einer Kleinstadt in Pennsylvania zurückzukehren.

Leichenfund im Wald

Zwei Jahre später tritt Detective Muldoon (Andrea Riseborough) in der Gegend eine neue Stelle an. Drei Monate zuvor war ihr Ehemann gestorben, mit ihrem Sohn Burke (John J. Hansen) will sie per Wohnortwechsel der Erinnerung entkommen und neu anfangen. Ihr erster Einsatz führt sie und ihren neuen Partner Detective Goodman (Demián Bichir) zu einem Autowrack in einem Waldstück, das dort schon eine Weile unentdeckt gestanden hat. Die Leiche auf dem Fahrersitz befindet sich bereits in fortgeschrittenem Verwesungszustand. Bei der Toten handelt es sich um eine Frau, die anscheinend von einer Anschrift abgefahren ist, die Goodman in Unruhe versetzt. Ein zurückliegender Fall hatte ihn und seinen damaligen Partner Detective Wilson (William Sadler) dorthin geführt, doch Goodman wollte partout keinen Fuß in das Haus setzen und verweigert dies nun wieder (das Publikum sieht sofort: es ist das Sanders-Haus). Muldoon lässt sich jedoch nicht davon abhalten, den alten Fall zu studieren und das Gebäude aufzusuchen …

Auch Detective Goodman erlebt Furchtbares

Zurück in die Vergangenheit: Die miteinander verheirateten Immobilienmakler Nina und Peter Spencer (Betty Gilpin, John Cho) erfahren, dass ihr ungeborenes Baby erblich bedingt mit hoher Wahrscheinlichkeit an ALD erkranken wird. Trotz des Schocks fährt das Paar zu einem Haus, für dessen Verkauf nur noch die Unterschriften der Eigentümer erforderlich sind – es handelt sich um das Haus der Landers’. Weil die beiden niemanden antreffen, fährt Peter bald darauf erneut dorthin. An der Tür begegnet ihm Melinda, die kein Wort spricht und aus der Nase zu bluten beginnt.

Detective Wilson hat es fast hinter sich

Ein weiterer Handlungsstrang setzt zeitlich in der Mitte ein: 2005 trifft die Suizidbetreuerin Lorna Moody (Jacki Weaver) in besagtem Haus ein. Dort leben mittlerweile die älteren Eheleute Faith und William Matheson (Lin Shaye, Frankie Faison). Die sterbenskranke Faith hat ihren Wunsch bekräftigt, freiwillig aus dem Leben zu scheiden. Doch sie wirkt dement, scheint mit einem unsichtbaren Mädchen zu reden, weshalb Lorna es verweigert, den Selbstmord zu begleiten. Sie bleibt aber vorerst zu Gast. Ein Fehler …

Nach beachtlichem Regiedebüt zum Einerlei

Der aus New York City stammende Nicolas Pesce gab 2016 mit dem außergewöhnlichen, in Schwarz-Weiß gedrehten Horrordrama „The Eyes of my Mother“ seinen Einstand auf dem Regiestuhl. „The Grudge“ stellt nach „Piercing“ (2018) seine dritte Regiearbeit dar. Im Gegensatz zu seinem Debüt begibt er sich mit „The Grudge“ leider auf ausgetretene Pfade. Die Verzahnung der drei Zeitebenen darf dabei noch als Positivum gewertet werden, auch wenn dieses Hin und Her schon bei den Vorgängern zu beobachten war. Immerhin: Wann wir uns 2004, wann 2005 und wann 2006 befinden, ist jederzeit nachvollziehbar, und die Sprünge erfolgen schlüssig.

Unter der Dusche gut die Kopfhaut massieren!

Enttäuschend gerät das Ganze von Anfang an bei den Horrorelementen des Geisterfilms: Eine still ausharrende junge Frau mit gesenktem Kopf und langen schwarzen Haaren, dazu ein sonderbar knarrend-knarzendes Geräusch – das stellt kein Novum mehr dar, sondern lediglich ein altbekanntes Motiv des J-Horrors. Das gilt ebenso für Momente, in denen ein Protagonist oder eine Protagonistin aus dem Augenwinkel vage eine Erscheinung wahrnimmt, die im nächsten Moment sogleich wieder verschwunden ist. Eine gespenstische Berührung hier, ein Jump-Scare dort, noch ein Jump-Scare bald darauf, dann zur Abwechslung mal wieder ein Jump-Scare. Ein wenig stand das zu befürchten, schade, dass es auch so generisch eingetreten ist.

Feines Ensemble reißt es auch nicht raus

Angesichts dessen, dass sowohl der 2002er- als auch der 2004er-Film inklusive beider Fortsetzungen bislang hierzulande und auch in diversen anderen Märkten lediglich auf DVD erschienen sind, ist durchaus denkbar, dass das Franchise bei nachgewachsenen Horrorfans aus dem Blickfeld geraten ist, was als Rechtfertigung für den Neuaufguss ausreichen mag. Aber weshalb so einfallslos? Wenn man schon mit so versierten Darstellerinnen und Darstellern wie Andrea Riseborough („Mandy“), Demián Bichir („The Hateful Eight“), Lin Shaye („Insidious – Chapter 2“, „Abattoir – Er erwartet dich!“) und John Cho („Star Trek – Beyond“) Sorgfalt beim Casting beweist, muss man doch beim Storytelling und dem Horror nicht derart nachlässig vorgehen. Da nützt es wenig, dass das Ensemble seine Sache vorzüglich macht und die versammelte Tragik der Figuren ansprechend in Szene setzt. „The Grudge“ wird die mal berechtigten, mal unberechtigten Ressentiments gegen Remakes und Reboots weiter schüren.

Kuckuck!

Demián Bichir musste noch vor Fertigstellung des Films den Tod seiner Ehefrau Stefanie Sherk verkraften. Sie starb im April 2019 im Alter von 37 Jahren. In „The Grudge“ hatte Sherk eine kleine Nebenrolle als Therapeutin – ihr letzter Filmauftritt. Sie ruhe in Frieden.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Andrea Riseborough und Lin Shaye haben wir in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit Demián Bichir und John Cho unter Schauspieler.

Halb zog sie ihn, halb sank er hin

Länge: 94 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: The Grudge
USA/KAN 2020
Regie: Nicolas Pesce
Drehbuch: Nicolas Pesce
Besetzung: Andrea Riseborough, Demián Bichir, Lin Shaye, John Cho, Tara Westwood, Junko Bailey, David Lawrence Brown, Zoe Fish, John J. Hansen, Joel Marsh Garland, Bradley Sawatzky, Betty Gilpin
Verleih: Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Copyright 2020 by Volker Schönenberger
Filmplakat & Szenenfotos: © 2019 Sony Pictures Entertainment
Deutschland GmbH, Szenenfotos auch: © Allen Fraser

 

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