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The Drop – Bargeld: Wunderbares Gangsterdrama

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The Drop

Von Simon Kyprianou

Krimidrama // Das 2002er-US-Remake von Jean-Pierre Melvilles „Drei Uhr nachts“ von 1956 trägt den Originaltitel „The Good Thief“. Der doch etwas plakative Titel „The Good Thief“ passt gut zu der ebenfalls plakativen, metaphorischen Herangehensweise von Michaël R. Roskam an „The Drop – Bargeld“.

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Auf den Hund gekommen: Bob

Bob Saginowski (Tom Hardy) arbeitet als Barkeeper in der Bar seines Cousins Marv (James Gandolfini). Die Bar gehört allerdings in Wirklichkeit der tschetschenischen Mafia. Alle paar Monate wählt diese eine ihrer Bars als „Drop-Bar“ aus, als Umschlagpunkt aller illegalen Geldgeschäfte des jeweiligen Tages. Eines Tages findet Bob einen verprügelten, blutenden Pitbull-Welpen in der Mülltonne der schönen Russin Nadia (Noomie Rapace). Er beschließt, sich um den Hund zu kümmern. Dabei kommt er auch Nadia näher. Gleichzeitig bahnt sich in der Bar Ärger an: Marv hat es satt, sich von der Mafia kontrollieren zu lassen und plant einen Überfall auf seine eigene Bar und zwar an besagtem Tag, an dem die Bar als „Drop-Bar“ auserkoren und damit voll mit Geld ist.

Hommage an Jean-Pierre Melville

„The Drop – Bargeld“ ist eine Hommage an Jean-Pierre Melville, speziell eine Hommage an „Bob le flambeur“, so der Originaltitel von „Drei Uhr nachts“. Bob Saginowski ist hier der gute Dieb. Der verletzte Hund, der völlig unschuldig die geballte Grausamkeit der Welt abbekommen hat und um den sich Bob aufopfernd kümmert, ist Roskams manchmal allzu offensichtliche Metapher für Bobs Charakter.

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Ein Hund – der Weg ins Herz einer Frau

Roskam erzählt seine Geschichte kontemplativ und bedrohlich ruhend. Abgeklärt untersucht er die dreckige, urbane Welt in der seine Figuren leben, die kleinen, engen Wohnungen, die schäbigen Straßen. Ebenso ruhig beobachtet er die immer fortschreitende Eskalation und die fatalistischen, schicksalsergebenen Entscheidungen seiner Figuren.

Bob in der Welt der Gangster

Bob ist ein durch und durch passiver Charakter, er ergreift nicht die Initiative, er reagiert nur auf Situationen. Er wird in die Verbrechen hineingezogen, findet sich im Chaos wieder und wird dann zum Handeln gezwungen. Er kennt die Regeln und Funktionalismen der Gangster-Welt, er kennt die Abgründe und Sünden, und obwohl er sie verabscheut, obwohl er fremd wirkt in dieser Welt, ist er doch auch ein funktionierender Teil dieser Welt.

Tom Hardy ist grandios, er spielt diesen Mann den nichts mehr erschrecken kann, der alle Abgründe seiner Welt kennt, mit großer innerer Ruhe und Abgeklärtheit. Einen so schön inszenierten und geschriebenen Gangsterfilm gab es lange nicht zu sehen.

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Marv (l.) plant einen Coup

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Tom Hardy sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 16. April 2015 als Blu-ray und DVD

Länge: 106 Min. (Blu-ray), 102 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch u. a.
Untertitel: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: The Drop
USA 2014
Regie: Michaël R. Roskam
Drehbuch: Dennis Lehane, nach seiner Kurzgeschichte „Animal Rescue“
Besetzung: Tom Hardy, Noomi Rapace, James Gandolfini, Matthias Schoenaerts, John Ortiz, Elizabeth Rodriguez, Ann Dowd, James Frecheville
Zusatzmaterial: Von der Kurzgeschichte zum Kinofilm, Hinter den Kulissen des Films, Schauplatz Brooklyn, Die Hunde im Film, James Gandolfini spielt „Marv“, Audiokommentar von Michaël R. Roskam und Dennis Lehane, Bildergalerie, Kinotrailer, nur Blu-ray: entfallene Szenen (Millie und Bob unterhalten sich in der Bar, Bob hängt den Weihnachtsbaumschmuck ab, Bob spricht mit dem Pfarrer, Bob schimpft mit Rocco)
Vertrieb: Twentieth Century Fox Home Entertainment

Copyright 2015 by Simon Kyprianou

Fotos, Packshots & Trailer: © 2015 Twentieth Century Fox Home Entertainment

 
 

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Armee im Schatten – Kühl und trostlos

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L’armée des ombres

Von Simon Kyprianou

Kriegsdrama // „Armee im Schatten“ ist in Jean-Pierre Melvilles von Gangster-, bzw. Kriminalfilmen dominierten Filmografie ein inhaltlich ungewöhnlicher Beitrag, beschäftigt sich Melville darin doch mit dem Zweiten Weltkrieg und verarbeitet auf der Grundlage eines Romans von Joseph Kessel eigene Erfahrungen aus seiner Zeit in der Résistance.

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Der grausame Alltag im Nazi-Lager

Im Gegensatz zum Inhalt fügt sich der der Film formal wunderbar ins Œuvre des Regisseurs solcher Meisterwerke wie „Der eiskalte Engel“ und „Vier im roten Kreis“ ein, seine Regie ist gewohnt distanziert und technisch perfekt, das Geschehen wird in die für Melville obligatorischen unterkühlten, tristen Bilder getaucht und von einem minimalistischen, aber dafür umso eidringlicheren Score von Éric Demarsan untermalt.

Präzise und authentisch zeigt Melville das Wirken der Résistance, ohne auch nur eine Sekunde dem Pathos zu verfallen. Er zeichnet ein enorm distanziertes und abgeklärtes Bild der Widerstandsbewegung und scheut sich nicht, auch deren Gräueltaten und deren Kaltblütigkeit offenzulegen und kritisch zu beäugen. Es werden Menschen gezeigt, die in sich selbst verloren sind, die ihre Gefühle Tag für Tag unterdrücken und betäuben müssen, die aber im Inneren ständig brodeln und überzukochen drohen. Sie sind voller Angst, Hass, Wut und Abscheu.

Melville präsentiert dem Zuschauer keine strahlenden, unnahbaren Helden, im Gegenteil: Er zeigt uns unsichere, verängstigte, und von Skrupel zerfressene Männer und Frauen die tagtäglich einen fast aussichtlosen Kampf gegen die deutsche Übermacht führen müssen – ohne eine wirkliche Chance auf Erlösung.

Lino Ventura zeigt als Résistance-Kämpfer Philippe Gerbier eine seiner besten Leistungen, er spielt seine Figur wunderbar ambivalent, innerlich leidend und äußerlich kühl und professionell. Er bleibt dabei immer geheimnisvoll und leuchtet seine Figur nie ganz aus, baut dadurch Distanz zum Zuschauer auf und nimmt ihm die Möglichkeit zur Identifikation.

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Kalte, blaue Bilder – typisch für Melville

Auch Simone Signoret brilliert in diesem Meisterwerk, ihre harte, kaltblütige Rolle der Widerstandskämpferin Mathilde spielt sie mit einer atemberaubenden Intensität und verleiht der Tragik ihres Schicksals damit eine unfassbare Wucht.

„Armee im Schatten“ ist zweifellos Melvilles persönlichster und intimster Film – vielleicht sogar auch sein bester.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Lino Ventura sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 24. April 2014 als Blu-ray, 20. Juni 2013 als Blu-ray im Digibook, 17. März 2011 als DVD

Länge: 145 Min. (Blu-ray), 138 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Französisch
Untertitel: Deutsch, nur Blu-ray: Englisch, Französisch für Hörgeschädigte
Originaltitel: L’armée des ombres
F/IT 1969
Regie: Jean-Pierre Melville
Drehbuch: Jean-Pierre Melville, nach einem Roman von Joseph Kessel
Besetzung: Lino Ventura, Simone Signoret, Paul Meurisse, Jean-Pierre Cassel, Claude Mann, Paul Crauchet, Christian Barbier, Serge Reggiani
Zusatzmaterial: Trailer, nur Blu-ray: „Armee im Schatten – Zum Hintergrund der Geschichte“ – Dokumentation von Dominique Maillet (französischer Regisseur und Filmkritiker), nur Digibook: Booklet
Vertrieb: Studiocanal Home Entertainment

Copyright 2014 by Simon Kyprianou
Fotos & Packshot: © 2014 Studiocanal Home Entertainment

 

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