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Zum 100. Geburtstag von Jeff Chandler: Gefangene des Dschungels – Schick-bunte Abenteuer-Exotik mit guten Ansätzen

East of Sumatra

Von Ansgar Skulme

Abenteuer // Duke Mullane (Jeff Chandler) wird mit seinem Team auf eine Insel östlich von Sumatra geschickt, um die reichen Zinn-Vorkommen abzubauen. Der König des dort lebenden Volkes, Kiang (Anthony Quinn), lässt sich auf den Kontakt mit den Amerikanern zaghaft, aber wohlwollend ein. Auch Kiangs Auserkorene, Minyora (Suzan Ball), mag den Neuling gern. Mullane versucht zu erwirken, dass die Eingeborenen ebenfalls von dem Projekt profitieren, zumal dies die Arbeit vor Ort wesentlich vereinfachen würde, und ist von der Rückendeckung seiner Arbeitgeber überzeugt. Ihm wird jedoch von seinem Vorgesetzten Catlin (John Sutton) das Leben schwer gemacht, der alle Risiken ignoriert, mit aller Macht so viel Geld wie möglich bei dem Projekt zu sparen versucht und dabei jegliches Fingerspitzengefühl im Umgang mit fremden Kulturen vermissen lässt.

Es gibt Filme, denen man nachsagt, dass noch viel Luft nach oben war, und damit meint, dass sie nicht gelungen sind – und es gibt Filme, die ihr Potenzial zwar ebenfalls bei weitem nicht ausschöpfen, aber dennoch sehenswert sind. Im Ansatz quasi schon allein so stabil, dass sie selbst im Scheitern immer noch besser sind als ein sich auf die Hinterbeine stellender belangloser Film. „Gefangene des Dschungels“ ist ein Film ebendieser „dennoch sehenswert“-Kategorie. Ein Film, der sich ein wenig anfühlt wie ein halbvoll über den Tresen gereichtes Halbliter-Bierglas, das neidisch auf das nebenan stehende prallgefüllte 0,3-Wasserglas schielt.

Es geht immer auch anders

Dass ich ihn trotzdem als denjenigen Film ausgewählt habe, der genau am Tag des 100. Geburtstages von Jeff Chandler (1918–1961) auf „Die Nacht der lebenden Texte“ erscheint, obwohl es locker mehr als zehn unter dem Strich überzeugendere, bessere Filme mit Jeff Chandler in der Hauptrolle gibt, hat seine Gründe. Einer der triftigsten darunter ist, dass „Gefangene des Dschungels“ durch seinen hinsichtlich der geografischen Lage eher ungewöhnlichen Handlungsort selbst unter Chandlers doch zahlreichen Abenteuerfilmen und Western in punkto Exotik am meisten aus dem Rahmen damaliger Hollywood-Abenteuergewohnheiten fällt. Dass dem Südsee-Film sehr ähnliche Thema vom Landen und Erkunden bzw. Erschließen einer Insel und ihrer Bewohner war damals zwar durchaus beliebt, Filme dieser Art aber im Regelfall in anderen Ländern angesiedelt. Infolgedessen laufen die Männer hier zum Beispiel ungewöhnlicherweise auch mal nicht alle mit freiem Oberkörper und in knappen „Hosen“ umher, wie man es in solchen Geschichten sonst häufig vorfindet.

Ein weiterer Grund, warum ich den Film auf seine Art für besonders halte, findet sich in dem Aspekt, dass „Gefangene des Dschungels“ im Grunde keinen wirklichen Bösewicht hat und dadurch erst recht auf Konfrontationskurs mit Hollywood-Klischees ist. Eine Weile macht es zwar den Anschein, dass Catlin die Rolle des fiesen Drahtziehers zukommt, der sich am Ende nur selbst bereichern will, stattdessen aber spart sich die Geschichte das Stilisieren einer Figur zum großen Unheilstifter schließlich doch und findet zum Finale hin andere Lösungswege. Es gibt Dutzende Filme dieser Art, in denen sich Figuren wie Catlin oder Kiang letztlich als reaktionäre oder völlig gewissenlose Egomanen entpuppen, die es aufzuhalten gilt – was der Held dann übernimmt. „Gefangene des Dschungels“ aber hat also sogar zwei Figuren im Boot, die dahingehend wie auf dem Antagonisten-Präsentierteller liegen, dennoch widerstand man der Versuchung, eingleisig auf ein eben doch nicht so ganz unvermeidliches „Held gegen Fiesling/Brutalo“-Finale zuzusteuern. Das ist auch insofern interessant, als sich der Autor der Skript-Vorlage, Louis L’Amour, später beklagte, der Film kümmere sich nicht genug um die Anliegen des Eingeborenenkönigs, der sich eigentlich ein Krankenhaus, Medizin und einen Doktor für sein Volk erhofft und sich deswegen den ankommenden Amerikanern öffnet. L’Amour, der bald darauf durch Western bekannt wurde und hier erstmals fürs Kino arbeitete, hielt den finalen Film für viel zu oberflächlich, zu sehr auf reines Dschungel-Abenteuer und den Sex-Appeal des Eingeborenenmädchens Minyora fokussiert. Aber ist „Gefangene des Dschungels“ wirklich so sehr Einheitsbrei? Ich persönlich habe König Kiang durchaus in einer Form wahrgenommen, wie L’Amour sich dies auch gewünscht zu haben scheint, nur geht der Film, der aus der Vorlage gemacht wurde, nicht die erzählerischen Wege eines Dramas, sondern versucht gleichzeitig trotzdem das Abenteuer-Publikum zu begeistern, das von Universal damals sehr vielfältig und gelungen bedient wurde – mit sehenswertem, fast jede Story rettendem Technicolor als Kernstück des bunten, exotischen Konzepts. Diesen narrativen Weg kann man jetzt „Fehler“ nennen oder aber auch „interessante Mischung“. Recht hat L’Amour so oder so zumindest dahingehend, dass mit den fähigen Schauspielern, die zur Verfügung standen, viel mehr zu machen gewesen wäre.

Treffpunkt der kommenden Stars

Genau genommen versammelt dieser Film eine ganze Reihe an Schauspielern, denen eine große beziehungsweise noch größere Zukunft bevorstand. Von ihnen war Jeff Chandler zum damaligen Zeitpunkt am weitesten mit seiner Karriere fortgeschritten, dennoch hatte er eigentlich Größeres vor sich als lediglich Vertragsstar bei Universal zu sein – was er in den letzten Jahren vor seinem Tod schließlich auch mehr denn je bewies. Dieser Weg hätte noch viel weiter gehen können und wohl nur sein frühes Ableben mit 42 Jahren, rund achteinhalb Jahre nach den Dreharbeiten zu „Gefangene des Dschungels“, verhinderte nachhaltigen Ruhm auf Höhe desselben Bekanntheitsgrades, den Stars wie Cary Grant, Gregory Peck, Robert Mitchum, Gary Cooper oder Humphrey Bogart heute noch genießen. Man nehme beispielsweise Rock Hudson oder Tony Curtis – auch sie machten, wie Chandler, bei Universal ihre Anfänge, bekamen dort recht bald eine richtungsweisende Handvoll Hauptrollen, und wurden wenig später zu Topstars.

Suzan Ball in der Rolle der angehenden Königin Minyora, die die Hälfte ihrer letztlich nur sechs namentlich in den Credits genannten Kinorollen in Filmen mit Jeff Chandler absolvierte, wurde damals eine große Karriere vorausgesagt. Sie steckte aber noch in der Frühphase ihrer Laufbahn und starb bereits 1955 mit nur 21 Jahren an den Folgen von Krebs, ohne bis dahin eine Hauptrolle vor der Kamera gespielt zu haben. Wenn man sie in „Gefangene des Dschungels“ – unter anderem in einer feurigen Solo-Tanzszene – sieht, ist es kaum vorstellbar, dass sie sich, wenig mehr als ein Jahr nach den Dreharbeiten, Anfang 1954 einer Beinamputation unterziehen musste. Auch dieser Eingriff konnte ihren Tod gut eineinhalb Jahre später jedoch nicht mehr verhindern. Der Sommer und Frühherbst 1955 waren beispiellos dramatisch für den Hollywood-Nachwuchs: Binnen nur zwei Monaten, zwischen Ende Juli und Ende September, starben mit Robert Francis, Suzan Ball und James Dean drei der wohl verheißungsvollsten aufgehenden Stars aus der Altersklasse bis 25.

Gewissermaßen am Vorabend seines großen Durchbruchs befand sich Anthony Quinn, der wenige Monate nach Abschluss der Dreharbeiten zu „Gefangene des Dschungels“ den Oscar als bester Nebendarsteller für „Viva Zapata!“ gewann. Ob man ihn dann so schnell noch einmal für eine Nebenrolle in einem solchen Abenteuer bei Universal hätte gewinnen können, ist fraglich. Er wertet den Film mit seiner für eine solche Figur damals ungewöhnlich nachdenklichen Verkörperung in jedem Fall auf und gibt ihm eine besondere Note. Über die Zusammenarbeit mit Jeff Chandler äußerte er sich sehr positiv, lobte dabei im Besonderen Chandlers bodenständige Art.

Zwischen Schauspielerei und Textaufsagen

Etwas sonderbar ist, dass die Nebenfiguren innerhalb von Duke Mullanes Team sehr oberflächlich gestaltet sind. Normalerweise werden in klassischen Hollywood-Filmen mit vergleichbarer Figurenkonstellation prägnante, lustige oder sonstig bemerkenswerte Eigenschaften der Mannen aus dem Gefolge des Helden genutzt, um einige schöne Szenen oder zumindest Begebenheiten daraus zu machen. Kriegs- oder Kavalleriefilme leben beispielsweise oft stark vom bunten Charakter des Haufens, der sich gemeinsam durch den Film schlägt und sind meist umso besser, umso klüger dieser Haufen ausdifferenziert ist. Aus unerklärlichen Gründen bleibt „Gefangene des Dschungels“ dahingehend aber sehr pappig. Mit Ausnahme des stets vor sich hinsingenden Scatman Crothers fehlen dem auf der Insel landenden Team schlicht die Besonderheiten und erinnerungswürdigen Momente. Eugene Iglesias lässt gegen Ende erahnen, dass er einiges mehr an Potenzial hatte als es der Film zulässt. Peter Graves, der später als Vorgänger von Tom Cruise Teamleiter in der ursprünglichen „Mission: Impossible“-Serie wurde, stand hier noch am Anfang seiner Karriere, hatte aber schon vor „Gefangene des Dschungels“ Rollen in Hollywood gespielt, in denen er weitaus weniger beliebig wirkte als im vorliegenden Film. Selbst ohne Szenen, die ihm wirklich Gelegenheit gaben, sein Können zu zeigen, soll sein Auftreten in „Gefangene des Dschungels“ aber dazu geführt haben, dass sich danach erkundigt wurde, wer denn dieser junge Mann sei. Erstaunlich ist auch, dass sogar ein Jay C. Flippen, der nun wirklich ein alter Hase war und – soweit mir sein Schaffen bekannt ist – nie enttäuschte, hier ziemlich unter Wert verkauft erscheint. Flippen war, meiner Erinnerung nach, so ziemlich der erste Nebendarsteller des klassischen Hollywoods, den ich als Kind namentlich kannte und dementsprechend lange habe ich ihn im Blick. Er erweckt in „Gefangene des Dschungels“ manchmal den Eindruck, bestellt und nicht abgeholt worden zu sein, ist auf Stichwort aber doch immer zur Stelle und weiß zu überzeugen.

All dies führt zu dem Schluss, dass Budd Boetticher heute nicht umsonst eher mit seinen Western assoziiert wird, wobei er grundsätzlich durchaus auch andere Genres draufhatte, wenn denn eben alles passte. Mit einem anderen Regisseur wäre vielleicht mehr aus „Gefangene des Dschungels“ geworden. Boetticher soll über den Film später gesagt haben, das Projekt habe hauptsächlich dem Zweck gedient, einigen befreundeten Beteiligten eine Beschäftigung beziehungsweise die dazugehörige Vergütung zu verschaffen, und betonte in diesem Zusammenhang, es sei ein Unterhaltungsfilm gewesen – gewissermaßen aus Spaß an der Freude produziert. Vielleicht eine Erklärung dafür, warum der Film nicht so geworden ist, wie ihn sich der Autor Louis L’Amour gewünscht hatte. Auch andere Faktoren, wie etwa, dass eigentlich die sehr prägnante Gloria Grahame die Rolle der von John Sutton und Jeff Chandler umworbenen Frau spielen sollte, die dann der eher fehlbesetzten Marilyn Maxwell zufiel, da Gloria Grahame ablehnte, sind aber nicht zu unterschätzen. Nicht umsonst ist Suzan Ball hier die auffälligere der beiden Damen auf der Insel, obwohl sie die kleinere Rolle hat. Ball und Grahame im Duo – das wäre schon eine Hausnummer gewesen und wohlgemerkt nicht nur rein oberflächlich.

Unternehmen: DVD

Budd Boetticher sprach rückblickend mit Hochachtung von Jeff Chandler, den er als engen Freund bezeichnete, und äußerte sein Bedauern, nicht weitere Filme mit ihm gedreht zu haben. „Gefangene des Dschungels“ war die zweite und blieb die letzte Zusammenarbeit der beiden. Der vorausgegangene, schwarz-weiß gedrehte Kriegsfilm „Unternehmen ‚Rote Teufel‘“ (1952) wird seit ein paar Jahren international auf DVD verbreitet, ist in Deutschland aber noch nicht erschienen – möglicherweise, weil die deutsche Kinosynchronisation dieses Films eine der am schwersten zu bekommenden aus Jeff Chandlers gesamtem Schaffen als Hauptdarsteller ist. Schon allein weil Budd Boetticher durch seine Western doch einen gewissen Namen hat, sollte man hoffen dürfen, dass auch sein zweiter Film mit Jeff Chandler, wenigstens in den USA, offiziell auf DVD nachgereicht werden wird, damit „Unternehmen ‚Rote Teufel‘“ im Regal endlich angemessene Gesellschaft bekommt. Derzeit teilt „Gefangene des Dschungels“ aber noch das Schicksal von „Kreuzverhör“, der ebenfalls trotz Chandler und trotz Jack Arnold – einem der neben Boetticher namhaftesten sogenannten „B-Regisseure“ des 50er-Hollywoods – und ebenfalls trotz der Tatsache, dass es eine andere Zusammenarbeit der beiden in den USA und darüber hinaus bereits auf DVD gibt, weltweit offenbar noch nicht offiziell auf DVD veröffentlicht worden ist. Die deutsche Synchronfassung von „Gefangene des Dschungels“ ist zumindest sicher greifbar und trumpft wie üblich mit Curt Ackermann auf, der sich damals gerade als Chandlers Stammsprecher etablierte und viele, viele weitere Auftritte folgen ließ. Ferner überrascht die Synchro mit dem sehr ungewöhnlich besetzten Alfred Balthoff als Sprecher von Anthony Quinn und ist bis in kleine Nebenrollen mit beliebten Stimmen mit Wiedererkennungswert gefüllt.

Wenn man sich die Vorfälle auf North Sentinel Island von Mitte November 2018 vor Augen führt, wirkt ein Film wie „Gefangene des Dschungels“, mag man ihn als noch so banal und altmodisch abtun wollen, plötzlich auf recht bizarre Weise aktueller denn je. Und gerade angesichts dessen kann man die Tatsache, dass „Gefangene des Dschungels“ seine Eingeborenen eben nicht zu Wilden stilisiert, obwohl das damals in Hollywood nicht unüblich war (allerdings auch nicht so massiv verbreitet, wie es von der Filmwissenschaft gern pauschalisiert behauptet wird), eigentlich gar nicht hoch genug einstufen. Die Landnahme im Angesicht fremder Kulturen ist ein hochsensibles Thema, dem sich der vorliegende Film für einen als Abenteuer vermarkteten Stoff in durchaus anständiger Art und Weise nähert.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Budd Boetticher sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Jeff Chandler und Anthony Quinn in der Rubrik Schauspieler.

Länge: 82 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: East of Sumatra
USA 1953
Regie: Budd Boetticher
Drehbuch: Frank Gill Jr., Louis L’Amour, Jack Natteford
Besetzung: Jeff Chandler, Marilyn Maxwell, Anthony Quinn, Suzan Ball, John Sutton, Jay C. Flippen, Scatman Crothers, Eugene Iglesias, Peter Graves, Earl Holliman
Verleih: Universal International Pictures

Copyright 2018 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use

 

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In den Kerkern von Marokko – Interessante Genre-Kreuzung

Yankee Pasha

Von Ansgar Skulme

Abenteuer // Der Trapper Jason Starbuck (Jeff Chandler) hat genug vom Wildwest-Leben und willigt in eine Wette mit dem Geschäftsmann Elias Derby (Tudor Owen) ein, die ihm das Geld für eine Schifffahrt in die Ferne sichern soll. Als Starbucks neue Flamme Roxana Reil (Rhonda Fleming) kurz darauf entführt und nach Marokko verschleppt wird, muss er nicht mehr lange überlegen, wohin die Reise gehen soll. Am Hofe des Sultans (Lee J. Cobb) kann der eine oder andere von einem gewieften Gewehrschützen aus dem amerikanischen Westen womöglich sogar noch etwas lernen – und in den Harems wartet nicht nur Roxana.

„In den Kerkern von Marokko“ ist ein kurzweiliger Abenteuerfilm mit guter Mischung aus Exotik und Humor, der vor allem deswegen sehenswert ist, da man die Kombination aus Western und Tausendundeine-Nacht-Film durchaus als äußerst seltenes Vergnügen bezeichnen kann – zudem verknüpft mit einem kurzen Piratenfilm-Intermezzo. Unterhaltsam und sehenswert, nicht nur aufgrund der kuriosen Idee, diverse Miss-Wahl-Gewinnerinnen als echte Hingucker im Harem zu besetzen. Hinwegsehen muss man hier lediglich über den banalen, ziemlich albernen Originaltitel „Yankee Pasha“. Der geht zwar auf die Romanvorlage von Edison Marshall aus dem Jahr 1947 zurück, jedoch muss dazu gesagt werden, dass Universal 1952 schon einen anderen Abenteuerfilm mit Jeff Chandler unter dem Titel „Yankee Buccaneer“ (deutscher Titel: „Unter falscher Flagge“) veröffentlicht hatte – und mit diesem Piratenfilm hatte Edison Marshall an sich nichts zu tun, mutmaßliche Beeinflussungen jedweder Art hin oder her. Marshalls bekannteste Kino-Partizipation dürfte die Romanvorlage zu dem unter der Regie von Richard Fleischer mit Kirk Douglas verfilmten Epos „Die Wikinger“ (1958) sein. Ein sehenswerter, auf einem Marshall-Roman basierender Film ist zudem Delmer Daves’ „Im Reiche des goldenen Condor“ (1953) – hierzulande trotz des namhaften Regisseurs aber kaum bekannt, was unter anderem darauf zurückgehen dürfte, dass die deutsche Synchronfassung vergleichsweise selten und kaum zu bekommen ist. „Im Reiche des goldenen Condor“ ist wiederum ein Remake mit abgewandelten Handlungsorten/-ländern des Tyrone-Power-Klassikers „Abenteuer in der Südsee“ (1942). Damit ist das Feld der Edison-Marshall-Adaptionen im Hollywood-Tonfilm dann auch weitestgehend umrissen. Wenige, aber durchaus denkwürdige Stoffe und Filme.

Jeff Chandler unter dem Einfluss Dritter

Die Titel „Yankee Buccaneer“ und „Yankee Pasha“ sind auch insofern recht bezeichnend, als sie ziemlich plastisch verdeutlichen, in welches Rollenbild man Jeff Chandler im Hause Universal in den 50ern hineinzupressen versuchte. Chandler machte sich zugegebenermaßen sehr gut in derartigen Filmen, aber diese Besetzungspraxis hatte zur Folge, dass er irgendwann schlicht dankbar war, auch wieder einmal eine differenziertere Rolle wie in „Kreuzverhör“ (1957), anstelle des reinen Western- oder Abenteuerhelden gehobenen Groschenheft-Niveaus, spielen zu dürfen. Rollen der Art wie in „Yankee Pasha“ ließen in ihm den Gedanken wachsen, sich langsam aus seinem langfristigen Kontrakt mit Universal zu lösen, um mehr Chancen auf andere Arten von Filmen und Figuren zu bekommen.

Im Juni 1961 starb Jeff Chandler mit nur 42 Jahren. Während der Arbeit an seinem letzten Film, „Durchbruch auf Befehl“ (1962), zog er sich beim Baseballspielen in einer Drehpause eine unglückliche Rückenverletzung zu, die operiert werden musste. Bei dem Eingriff wurde in einem Krankenhaus in Culver City, Los Angeles versehentlich eine Arterie verletzt, was zu massivem Blutverlust führte. Man versuchte, ihm in Folgeoperationen wieder Blut in großen Mengen zuzuführen, dennoch erlag Chandler den Komplikationen nach etwas mehr als einem Monat. Den von ihm anvisierten Wechsel – weg von Universal und hin zu einer abwechslungsreicheren Rollenauswahl – hatte er bis dato aber bereits erfolgreich vollzogen. Zudem war er als Sänger beliebt, war unter anderem im ganz großen Rahmen in Las Vegas aufgetreten. In Jeff Chandler steckte enormes Potenzial, das durch einen einzigen medizinischen Eingriff, irgendwo zwischen dramatischer Tragik, menschlichem Versagen und Ärztepfusch, jäh zerstört wurde. Sein Ableben wurde Gegenstand eines großen Gerichtsverfahrens.

Die Kinowelt um Joseph Pevney

Die Karrieren von Joseph Pevney und Jeff Chandler sind eng miteinander verbunden. Insgesamt sieben Filme mit Chandler in einer Hauptrolle wurden von Pevney inszeniert. Für einen weiteren – „Seine letzte Chance“ (1955) – war Chandler ursprünglich vorgesehen, wirkte dann aber nur hinter den Kulissen mit und wurde vor der Kamera vom späteren Jerry-Cotton-Darsteller George Nader ersetzt. Hinzu kommt ein Cameo von Chandler in Pevneys „Zu allem entschlossen“ (1952). Vom romantischen Drama über den Western und Abenteuerfilm bis hin zum Film noir, zum Sportdrama und zum Kriegsfilm deckten Pevney und Chandler als Gespann eine nennenswerte Bandbreite an Genres ab. Die Zusammenarbeit funktionierte so gut, dass Pevney auch „Die Plünderer“ (1960) inszenieren durfte, der bereits abseits von Universal entstand, nachdem beide dieses Studio vorher über die 50er-Jahre hinweg maßgeblich geprägt hatten. Es sollte, dem Schicksal geschuldet, Jeff Chandlers letzter Western werden. Eine weitere der Kollaborationen von Pevney und Chandler, ihren ersten gemeinsamen Film „Ausgezählt“ (1951), habe ich bereits zu einem früheren Zeitpunkt auf „Die Nacht der lebenden Texte“ besprochen. Übrigens soll es Joseph Pevney gewesen sein, der Clint Eastwood bei seinem ersten richtigen Vorsprechen für einen Hollywood-Film ablehnte – während der Vorbereitungen des Drehs von besagtem „Seine letzte Chance“.

Joseph Pevney war als Regisseur eine verdammt sichere Bank. Einer, bei dem man einfach weiß, wenn man seinen Namen im Vorspann liest, dass es absolut keinen Grund zur Sorge gibt und der zudem nicht einmal ansatzweise auf ein Genre festgelegt war. Ein absoluter Allrounder des 50er-Genrekinos aus Hollywood. Einer von dem man mindestens ein halbes Dutzend Filme gesehen haben sollte, ehe man über das damalige US-Kino und seine Genrelandschaft urteilt. Selbiges gilt etwa auf Augenhöhe unter anderem auch für Joseph M. Newman („Die Welt der Sensationen“), Lesley Selander („Pfeile in der Dämmerung“), Jerry Hopper („Pony Express“), Frederick de Cordova („Die Piratenbraut“), Charles Marquis Warren („Die Bestie der Wildnis“), Edward Ludwig („Marihuana“) und Lewis R. Foster („Gold in Neuguinea“). Gemeint sind Vorzeige-Regisseure aus der zweiten oder dritten Reihe, die dem 50er-Genrefilm einen richtig guten Stempel aufgedrückt, aber nicht die Bekanntheit von Budd Boetticher („Gefangene des Dschungels“), Jack Arnold („Kreuzverhör“), George Sherman („Rebellen der Steppe“) oder Jacques Tourneur („The Leopard Man“) erlangt haben beziehungsweise erheblich seltener analytisch besprochen oder gewürdigt worden sind. Dann sind da noch Regisseure wie beispielsweise André De Toth, Gordon Douglas oder Phil Karlson, die trotz Anschluss an den A-Film-Sektor in etwa zwischen den beiden Lagern schweben – bei Licht betrachtet eigentlich weniger beachtet als Boetticher oder Tourneur, dennoch große Könner. Dann gibt es noch die, die handwerklich nicht unbedingt das Niveau von beispielsweise Pevney oder Foster hatten, als solide Abenteuergeschichtenerzähler für das 50er-Hollywood dennoch verlässlich und wichtig waren – nehmen wir etwa Joseph Kane bei Republic Pictures, Fred F. Sears bei Columbia oder den gebürtigen Wiener Reginald Le Borg. Es gibt in diesem Feld noch sehr viel aufzuarbeiten!

Wonach wird eigentlich entschieden?

Bis heute sind in Bahnhofsbuchhandlungen Heftchen mit Westerngeschichten sehr beliebt, die nicht viel kosten, aber gut unterhalten. Das US-Kino der 50er-Jahre hat eine Vielzahl an Filmen parat, die dazu gewissermaßen das Leinwand-Pendant bilden. Nicht nur Western, sondern auch sonstige Abenteuergeschichten. Der Fundus an netten kleinen Hollywood-Abenteuerfilmen ist, gerade aus den 30er- bis 50er-Jahren, enorm groß und filmwissenschaftlich eher wenig beleuchtet. „In den Kerkern von Marokko“ ist einer aus dieser Kategorie und nur einer von etlichen, die Jeff Chandler und Joseph Pevney zu dem Sektor beigetragen haben. Auch dieser Film hat es allerdings selbst in den USA bis heute noch nicht zu einer DVD-Veröffentlichung gebracht. Jeff Chandler wäre im Dezember dieses Jahres 100 Jahre alt geworden. So langsam wird es Zeit für einen DVD- oder Blu-ray-Start!

Seinen beiden weiblichen Co-Stars Rhonda Fleming und Mamie Van Doren könnte man damit vermutlich eine Freude machen. Sie sind mittlerweile stolze 95 und 87 Jahre alt. Neben ihnen lohnt der Film aber auch wegen Lee J. Cobb, der als orientalischer Sultan, zudem in einem Film recht trivialer Dramaturgie, ziemlich überraschend besetzt ist, aber mit dem man eigentlich nie etwas verkehrt macht. Unter den sonstigen Nebenrollen möchte ich besonders Philip Van Zandt und Tudor Owen hervorheben – zwei Charakterdarsteller mit Wiedererkennungswert, über deren vertraute Gesichter man sich immer freut und denen man den Spaß an ihrem Beruf stets anmerkt. Lediglich der in Berlin geborene Rex Reason, der damals auch als Heldendarsteller durchzustarten versuchte, hier aber den fiesen Antagonisten spielt, enttäuscht mit einer recht hölzernen Allerweltsdarbietung. In der deutschen Fassung irritiert zudem, dass Rex Reason die Stimme von Wolf Martini hat, der sich wenig später als Lee J. Cobbs Stammsprecher zu etablieren begann und dies wahrscheinlich auch geblieben wäre, wäre er nicht bereits 1959 verstorben. Zum Zeitpunkt der Synchronisation von „In den Kerkern von Marokko“ war Martini für Cobb aber noch nicht manifestiert, somit ist den Verantwortlichen hier kein Vorwurf zu machen. Eine Problematik, die sich im Synchron rückwirkend des Öfteren ergibt, sobald man ältere Filme mit Schauspielern schaut, bei denen sich erst später eine reguläre Stimme herauskristallisiert hat. Eine Problematik, die allerdings auch nicht wirklich zu verhindern ist. Ein wenig schade ist es trotzdem, da Martini verdammt gut für Cobb funktioniert – und nicht nur für den, sondern zum Beispiel auch Anthony Quinn, Ward Bond und Ted de Corsia. Aber Curt Ackermann als deutsche Stimme von Jeff Chandler ist so oder so die halbe Miete und stets eine Lehrstunde zum Thema Synchronisation.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Jeff Chandler und Lee J. Cobb sind in der Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Länge: 84 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Yankee Pasha
USA 1954
Regie: Joseph Pevney
Drehbuch: Joseph Hoffman, nach einem Roman von Edison Marshall
Besetzung: Jeff Chandler, Rhonda Fleming, Mamie Van Doren, Lee J. Cobb, Hal March, Rex Reason, Philip Van Zandt, Benny Rubin, Tudor Owen, Harry Lauter
Verleih: Universal International Pictures

Copyright 2018 by Ansgar Skulme

 

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Kreuzverhör – Trotz Jack Arnold vergessen? Übersehen? Ignoriert?

The Tattered Dress

Von Ansgar Skulme

Krimidrama // Der erfolgreiche New Yorker Anwalt James Gordon Blane (Jeff Chandler) wird nach Kalifornien geholt, um einen reichen Mörder (Phillip Reed) vor der Verurteilung zu retten. Verbrechern dabei zu helfen, vor Gericht davonzukommen, ist Blanes Spezialgebiet. Auch in der Unterwelt ist er deswegen beliebt. Ihn interessieren die hohen Honorare und das Prestige. Sheriff Hoak (Jack Carson) war allerdings mit dem Mordopfer befreundet und will unter keinen Umständen zulassen, dass der Täter davonkommt. Schon bald sieht sich Blane einer Verleumdung ausgesetzt, die ihn selbst zum Angeklagten macht. Sein Ruf, seine Karriere und mehr sind gefährdet. Nun, da er selbst mit dem Rücken zur Wand steht, beginnt er, das Wesen von Recht und Unrecht zu hinterfragen. Diesmal muss er jemanden verteidigen, der wirklich unschuldig ist: sich selbst.

„Kreuzverhör“ ist ein ambitionierter Film noir um zwei Männer, die beide auf ihre Art das Gesetz in die eigene Hand nehmen. Da ist der Anwalt Blane, der Schuldigen absichtlich dabei hilft, zu Unrecht freigesprochen zu werden, um so an besonders hohe Honorare zu gelangen. Ihm gegenüber: Sheriff Hoak, der eigentlich nur die gerechte Verurteilung eines Mörders will, dem allerdings jedes Mittel recht ist, dieses Ziel zu erreichen und den Anwalt zu bestrafen, der sich für den Täter einsetzt. Auf dieser Grundlage eröffnet das Krimidrama eine anspruchsvolle Auseinandersetzung mit dem Rechtsstaat und seinen Bürgern. Es entwickelt sich ein Diskurs, der die Grenzzonen zwischen persönlicher Freiheit und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen auslotet, die es in einer Demokratie zu achten gilt. Gegenstand der Kritik werden insbesondere die Freiräume, die vor allem Anwälten, aber auch polizeilichen Gesetzeshütern bleiben und diesen hilfreich sind, wenn sie das Recht zu verdrehen versuchen. Wenn ausgerechnet die, die eigentlich besonders viel Verantwortung bezüglich des Schutzes der Demokratie tragen – ein Strafverteidiger und ein Sheriff – ihre Rollen verantwortungslos für die eigenen Zwecke ausnutzen, stehen Grundwerte wie Gerechtigkeit und mit ihnen die Gesellschaft, in teils sogar offiziellen sowie öffentlichen Vorgängen, auf dem Spiel.

Schlau besetzt und umgesetzt

In der Rolle des James Gordon Blane einen sympathischen und als Held beliebten Schauspieler wie Jeff Chandler zu besetzen, erweist sich als kluger Schachzug. Es ist eine Art Ritterschlag, wenn Schauspieler auserkoren werden, einen Anwalt in einer Hauptrolle zu verkörpern, denn dies weist in der Regel hohe schauspielerische Kompetenzen nach. An einen Hollywood-Klassiker, in dem ein Anwalt von einem wenig talentierten Star verkörpert wurde, kann ich mich persönlich nicht erinnern. Es mag sie geben, aber viele werden es nicht sein. „Kreuzverhör“ zeichnet vor, was „Der Herrscher von Kansas“ auf die Spitze trieb: Chandlers Image aus seinen positiven Heldenrollen wird genutzt, um eine komplexe Figur zu hinterfragen. Eigentlich traut man ihm die Kaltherzigkeit überhaupt nicht zu, Mörder für Geld vor Gericht zu retten, aber genau das macht dieser James Gordon Blane – und er tut es mit einer völligen Selbstverständlichkeit. Dieser Anwalt ist eben kein fieser, durchtriebener Schurke, sondern Chandlers Blane ist nicht mehr und nicht weniger als ein guter Geschäftsmann, der das System für seine Zwecke nutzt und den daraus entstehenden Schaden einfach ignoriert. Von der Sorte gibt es im Kapitalismus Abertausende Menschen – in den verschiedensten Feldern. Und genau derartiges, egozentrisches Handeln setzt immer wieder die Demokratie im Kapitalismus aufs Spiel – wenn das eigene Kapital über das Wohl der Gesellschaft gestellt wird und Freiheiten missbraucht werden, um sich zu bereichern. Wie gut die Demokratie am Ende des Tages ausgerechnet mit dem Kapitalismus kompatibel ist, ist eine spannende Frage, die man stundenlang erörtern kann.

Wichtig ist, sich solchen Charakteren im Film möglichst komplex anzunähern, denn nicht alle Eigenbrötler haben es verdient, als Schurken mit niederen Motiven gebrandmarkt zu werden (manche allerdings schon, denn bei manchen ist es schlicht die Wahrheit); die Gründe für ihr Verhalten können vielfältig sein. Dieser Anwalt Blane in „Kreuzverhör“ kann hervorragend kombinieren, reden und klare Ansagen machen – Jeff Chandler trägt dies mit den von ihm gewohnten sprachlichen Nuancen erstklassig vor. Blane ist in seinem Job souverän, und als liebevoller Familienmensch bleibt er von Anfang an glaubwürdig, das Verdrehen von Zusammenhängen ist nur einfach etwas Alltägliches in seinem Berufsleben geworden. Sein Geschäft als prominenter Strafverteidiger findet gewissermaßen losgelöst vom Privatmenschen statt. Somit bleibt er irgendwie sympathisch und menschlich nachfühlbar, obwohl er sich als ignorant gegenüber wirklichem Recht, ehrlicher Wahrheitsfindung und moralischem Verantwortungsbewusstsein in einem einflussreichen Beruf erweist. Man empfindet schließlich ein gewisses Mitleid mit ihm, als er selbst an den Pranger gerät. Wie überzeugend die Rolle gespielt und wie intelligent sie mit Jeff Chandler besetzt ist, merkt man spätestens, wenn man sich fragt, warum man Blane den Schaden eigentlich nicht gönnt – denn man könnte auch sagen, es geschehe ihm schließlich recht, dass ausgerechnet er auch einmal das Opfer von Wahrheitsverdreherei wird. Die Los Angeles Times befand seine Performance in „Kreuzverhör“ in einer zeitgenössischen Kritik als Jeff Chandlers bis dato beste schauspielerische Leistung. Nachvollziehbar, wenn man im Hinterkopf behält, dass „Der Herrscher von Kansas“ erst später entstand. Bemerkenswert allerdings auch, wenn man sich vor Augen führt, dass Chandler bereits zuvor für seine Leistung in „Der gebrochene Pfeil“ (1950) für einen Oscar nominiert worden war, die Times seine in „Kreuzverhör“ sichtbare Arbeit aber offenbar noch höher einstufte.

Unaufdringlicher Stil, prägnante Darsteller

Der Regisseur Jack Arnold („Tarantula“) beweist mit „Kreuzverhör“ ein Kino, bei dem die Geschichte und die Figuren ganz im Mittelpunkt der Handlung stehen. Das Krimidrama ist noir-typisch in Schwarz-Weiß gedreht, zählt aber nicht zu den Genreexemplaren, bei denen Bildkomposition und -ästhetik vordergründig für das Vermitteln der Handlung sind. Licht und Schatten spielen ebenso wie die Tiefe des Raumes nur eine eher kleine Rolle. Leider haben es Filme, die bildästhetisch unauffällig sind, bei der Betrachtung durch die Filmwissenschaft seit langem schwer, da ihnen oft oberflächlich der künstlerische Gehalt abgesprochen wird und dies dann auch als Argument dient, sie in ihrer Gesamtheit niedrig einzuordnen. Als ob ein guter Film automatisch auch eine besondere Bildkomposition vorweisen muss und als ob dieser Faktor für die Glaubwürdigkeit der Handlung beziehungsweise glaubwürdige Umsetzung des Drehbuchs unabdingbar maßgeblich wäre.

Ärgerlich ist das unter anderem, weil selbst Filme, die ziemlich aufdringlich mit pseudo-künstlerischer Attitüde gefilmt sind und darüber den Faden der Story verlieren, weil die Regisseure merklichen Wert darauf legten, sich abzuheben und mit ihrer Handschrift zu profilieren, in der filmwissenschaftlichen Betrachtung manchmal besser wegkommen als ein Film mit einem guten Drehbuch aber eher unauffälliger Bildästhetik. Ich spreche an dieser Stelle allgemein und nicht vom Film noir oder vom Hollywood-Kino im Speziellen. Ein Film ist nicht automatisch gut, weil man an der Bildsprache oder den Einstellungslängen schnell erkennt, von welchem Regisseur er ist oder weil diese schlicht auffällig sind – und eine Geschichte braucht auch nicht zwangsläufig eine besonders kunstvolle Bildgestaltung, um als Film zu überzeugen. Letzten Endes ist es nicht die Aufgabe des Regisseurs, sich gegenüber der Geschichte mit Hilfe artifiziell bemühter Ästhetik in den Vordergrund zu spielen. Es sollte eher darum gehen, entweder Inhalt und Form korrespondierend kunstvoll zu gestalten – was im Noir wohlgemerkt überdurchschnittlich oft gelungen ist – oder aber den Fokus auf die Geschichte zu legen. „Kreuzverhör“ zählt zu letztgenannter Kategorie. Ob die Bezeichnung „B-Film“ da gleich gerechtfertigt ist, sei dahingestellt, vor allem wenn inhaltlich nicht überzeugende, lediglich visuell auffällige oder in dieser Hinsicht in gewisser Weise sicherlich „innovative“ Filme gleichzeitig zuweilen als „A-Filme“ gelten.

Im Großen und Ganzen halte ich die Bedeutung der Bildästhetik gegenüber der inhaltlich fokussierten Narration in der Filmwissenschaft für deutlich überschätzt. Es wird zu häufig verkannt, dass die Erzählung bzw. das Drehbuch, die Auswahl der Schauspieler und deren Führung durch den Regisseur – um nur ein paar Beispiele zu nennen – mindestens gleichwertige Rollen spielen. Bei einer filmwissenschaftlichen Analyse eines Films dessen Bildästhetik als Hauptkriterium ins Feld zu führen, ist oberflächlich – geradezu ein Aufruf, Äußerlichkeiten stärker zu gewichten als den Kern. Natürlich spricht nichts dagegen, sich bei einer Analyse auf diesen Faktor zu konzentrieren, ihn also herauszugreifen. In dem Fall sollte man allerdings keine Gütesiegel wie „A-Film“ oder „B-Film“ vergeben oder sich gar zu sonstigen Schlüssen über gesamte Filme oder Genres hinreißen lassen. Das Filmische zeigt sich nicht primär dadurch, wie gefilmt wird, sondern gleichwertig darin, was gefilmt wird und wer.

Es ergibt keinen Sinn, hier einer Ränkeordnung folgen zu wollen. Filme, die zwar besonders, die ungewöhnlich aussehen, es aber nicht schaffen mit ihrer Erzählung zu fesseln, sind keine guten Filme, sondern eher eine Art Selbstdarstellung des Regisseurs, der in seinem Bestreben, auffällige und „eigene“ Bilder zu kreieren, vergessen hat, dass es im Film auch noch um andere Dinge geht. Die Präsenz von hervorragend aufgelegten, charismatischen Schauspielern wie Edward Platt, George Tobias, Edward Andrews und dem gewissermaßen „wiederentdeckten“ 30er/40er-Jahre-Star Jack Carson ist für einen Film wie „Kreuzverhör“ beispielsweise zentral und produktiv – das sollte man nicht unterbewerten, auch wenn es weniger ins Auge sticht als der ständige Einsatz auffälliger bildinhaltlich-ästhetischer Stilmittel (Verkantungen, Licht/Schatten, Tiefenschärfe, künstliches Anordnen von Gegenständen im Raum und zur Kamera usw.) oder beispielsweise auffällig langer Kameraeinstellungen. Dass Jack Arnold zu den Regisseuren gehörte, die in der Lage waren, sich ganz dem Dienst der Handlung unterzuordnen, macht ihn sympathisch. Man muss dazu aber natürlich anführen, dass das klassische Hollywood dahingehend generell recht bodenständig war und die Zahl an Regisseuren, die Probleme mit der Unterscheidung zwischen „kunstvoll“ und „verkünstelt“ hatten, in diesem Sektor zum Glück überschaubar ist, denn bei den renommierten Studios kam man mit derlei Eigenheiten eher schlecht an – und das nicht ohne Grund. Regisseure im klassischen Hollywood, die mit ihren Kameramännern künstlerisch auffällige Bilder erschufen, fallen meist in die Kategorie „kunstvoll“ und nicht in die Kategorie „verkünstelt“. Dennoch wäre es ungerechtfertigt, „Kreuzverhör“ – mit jenen auf diese Art besonderen Regisseuren im Hinterkopf – als eher schwachen Noir einzuordnen, nur weil er hinsichtlich Bildgestaltung und Ausleuchtung weitestgehend auf die typischen visuellen Versatzstücke verzichtet und bildästhetisch, wenn man so will, recht unspektakulär ist. Selbst obwohl die Noirs, die den Stil geprägt haben, überwiegend bestens gelungen sind, geht es eben auch anders, gibt es eben auch alternative Wege – daher kann auch ein Jack Arnold als großer Kino-Versteher und -Erzähler gelten, der zudem viele Genres zu inszenieren wusste.

Was ist da denn los?

Jack Arnold gehört ferner immerhin zu den „B-Regisseuren“, die sich wenigstens als solche einen gewissen Ruf und Anerkennung erworben haben, obwohl sie eigentlich mehr als das verdient hätten. Viele andere fristen ein Schattendasein, aber sein Name ist zumindest relativ bekannt, spielt in etwa derselben Liga wie beispielsweise Budd Boetticher und Jacques Tourneur. Daher überrascht es absolut, dass „Kreuzverhör“ bisher weltweit noch nicht auf DVD erschienen ist – nicht einmal in den USA. Diverse Arnold-Filme aus den 50ern gibt es sogar in der Bundesrepublik schon lange auf DVD, aber „Kreuzverhör“ ist einer derer, die international quasi komplett unter den Tisch gefallen sind. Das ist nicht nur insofern schade, als der Film inhaltlich doch recht eng mit „Des Teufels Lohn“ korrespondiert – einem hierzulande deutlich bekannteren Film, der auch auf DVD verfügbar ist. In diesem wenig später gedrehten Noir geht es ebenfalls um einen Bürger, der sich über das Gesetz hinwegzusetzen versucht und dabei Rückendeckung aus einem sich wenig um geltendes Recht scherenden Umfeld erhält. Jeff Chandler spielt in „Des Teufels Lohn“ allerdings den Sheriff – einen ambitionierten, keinen korrupten – und Orson Welles den angeblichen Saubermann. Die Gut/Böse-Rollen sind eindeutiger verteilt, aber hinsichtlich des Themas vom Bürger, der über dem Gesetz zu stehen versucht, schließt „Des Teufels Lohn“ eindeutig an „Kreuzverhör“ an. Die Filme bilden eine Art Sinneinheit und ein gemeinsames, großes Projekt von Jack Arnold und Jeff Chandler.

Vielleicht hat auch der 8. Juli 1959 einen kleinen Anteil daran, dass „Kreuzverhör“ bisher im Giftschrank verschwunden zu sein scheint: An diesem Tag wurden im vietnamesischen Bien Hoa die ersten amerikanischen Soldaten während des Vietnam-Krieges, einheimische Wachen und ein vietnamesisches Kind getötet, als ein Soldat während einer Filmvorführung das Licht anschaltete, um die Filmrollen im Projektor zu wechseln. Dieser Moment wurde von Vietcong-Guerillas genutzt, um das Feuer auf die Menschen zu eröffnen. Der Film, den sie gerade schauten, war „Kreuzverhör“. Ich gehe allerdings eher nicht davon aus, dass ein solcher Vorfall, selbst in patriotisch geprägtem Umfeld, bis heute noch so negativ auf den währenddessen gezeigten Film projiziert werden würde, dass man deswegen von einer Veröffentlichung Abstand nimmt. Unter welchen Umständen die ersten amerikanischen Soldaten während des Vietnam-Krieges gestorben sind, dürfte sich in den USA allerdings herumgesprochen haben.

An mangelnder Verfügbarkeit geeigneten Materials zur Abtastung kann das bisherige Ausbleiben einer DVD-Veröffentlichung in jedem Fall nicht liegen, da „Kreuzverhör“ selbst in Deutschland auf dem früheren Pay-TV-Sender „Studio Universal“ im richtigen Breitwand-Bildformat gesendet wurde, das auch einen recht ansehnlichen Eindruck machte. In der US-TV-Aufnahme, die mir außerdem vorliegt, springt das Bild nach dem Vorspann – während dem das Scope-Format für die Lesbarkeit der Credits notwendig ist – leider ins 4:3-Vollbildformat. Für Fernsehausstrahlungen solche aufgezoomten, „bildfüllenden“ Fassungen zu erstellen, war früher leider üblich. So gehen rechts und links viele Bildinhalte verloren, was man wiederum oft zu kaschieren versuchte, indem man sich gewissermaßen mit dem Vollbildformat von links nach rechts oder umgekehrt durch das Scope-Bild bewegte, als würde der Bildschirm mit Schwenks abgefilmt werden, oder zusätzliche Schnitte zwischen eigentlich gemeinsam im Bild sichtbaren Personen einbaute, damit man die miteinander sprechenden Personen im Dialog stets sieht und nicht nur hört. Die deutsche Fassung ist für mich daher momentan das größere Sehvergnügen, zumal sie auch ein Hörvergnügen ist. Natürlich mit Curt Ackermann, der Jeff Chandler wohl häufiger als jeden anderen Schauspieler in Spielfilmen sprach. Überraschend ist nur, dass man im Intro der deutschen Fassung den Dialog zwischen der heimkehrenden Blondine und ihrem kurz darauf zum Mörder werdenden Mann deutlich hört, während er in der Originalfassung nur erahnt werden kann, da er durch die Scheiben des Hauses kaum zu verstehen ist. In der US-Version ist der Film bis zum ersten Auftritt von Jeff Chandler also quasi dialogfrei beziehungsweise kein verständlicher Dialog zu hören, was das Intro tatsächlich noch packender macht als in der deutschen Fassung. Solche – zudem recht unnötigen – Eingriffe ins Original sollten von einer Synchronisation natürlich möglichst unterlassen werden. Dennoch ist die Fassung insgesamt aber ein weiteres Beispiel für die vielen, vielen wunderbaren Synchronisationen der 50er-Jahre – vielen gut aufgelegten, motiviert und talentiert herüberkommenden Sprechern mit interessanten Stimmen sei Dank.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Jack Arnold sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Jeff Chandler in der Rubrik Schauspieler.

Länge: 93 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: The Tattered Dress
USA 1957
Regie: Jack Arnold
Drehbuch: George Zuckerman
Besetzung: Jeff Chandler, Jeanne Crain, Jack Carson, Gail Russell, Elaine Stewart, Edward Platt, George Tobias, Edward Andrews, Phillip Reed, Paul Birch
Verleih: Universal International Pictures

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