RSS

Schlagwort-Archive: Jennifer Connelly

Horror für Halloween (XXXII) / Dario Argento (III): Phenomena – Die Herrin der Fliegen

Phenomena

Von Volker Schönenberger

Horror // An einer Haltestelle an einer Passstraße in der Schweizer Provinz nimmt ein Postbus eine Ausflugsgruppe auf. Ein Teenager-Mädchen (Fiore Argento) hat getrödelt und bleibt zurück. Es betritt ein abgelegenes Haus, um um Hilfe zu bitten, doch dann wird die junge Frau von einem Unbekannten attackiert. Zwar gelingt es ihr, aus dem Gebäude zu fliehen, doch der Täter verfolgt sie bis zu einem Wasserfall …

Im Anschluss an diesen Prolog erfahren wir, dass ein Serienmörder in der Gegend wütet. Er bevorzugt Teenagerinnen, die er köpft. Die Köpfe werden gefunden, die Körper bleiben verschwunden. Der leitende Ermittler Inspektor Rudolf Geiger (Patrick Bauchau) und sein Assistent Kurt (Michele Soavi) ziehen den im Rollstuhl sitzenden Insektenkundler Professor John McGregor (Donald Pleasence) zu Rate. Von ihm erhoffen sie sich Aufschluss über die Todeszeitpunkte der Opfer anhand des Wachstums und Zustands der Maden und Fliegen an den verwesenden Schädeln.

Auftritt der Insektenflüsterin

Die junge Jennifer Corvino (Jennifer Connelly) trifft im „Richard Wagner“-Internat von Zürich ein. Sie liebt Insekten, wird nie von Bienen gestochen. Gleich in der ersten Nacht beginnt sie zu schlafwandeln, verlässt ihr Zimmer und wird in einem abgelegenen Trakt Zeugin eines grausamen Mordes. Ihr gelingt die Flucht in ein Waldstück, wo sie von der Schimpansin Inga gefunden wird, dem Haustier von Professor McGregor. Der zeigt sich fasziniert von Jennifers Gabe, mit den Insekten zu kommunizieren.

Dass die blutjunge Jennifer Connelly („Alita – Battle Angel“) in Dario Argentos „Phenomena“ als Protagonistin in Erscheinung tritt, hatte ich gar nicht mehr in Erinnerung. Die spätere Oscar- und Golden-Globe-Gewinnerin („A Beautiful Mind – Genie und Wahnsinn“) war ein Jahr zuvor in Sergio Leones „Es war einmal in Amerika“ (1984) erstmals auf der Kinoleinwand zu sehen gewesen. Beim Dreh der finalen Szenen von „Phenomena“ biss ihr ein Schimpanse eine Fingerkuppe ab, sie wurde angenäht. Dario Argentos Regiearbeiten sind selten Schauspieler-Filme, aber Jennifer Connelly macht ihre Sache trotz ihrer Unerfahrenheit anständig, auch wenn man ihr damals sicher nicht prophezeit hätte, sie werde später zwei der wichtigsten Filmpreise der Welt gewinnen. Der Regisseur ist ja nicht unbedingt bekannt dafür, seine Darstellerinnen und Darsteller zu Höchstleistungen zu führen, da macht „Phenomena“ keine Ausnahme. Als Jennifers Schweizer Betreuerin Frau Brückner ist Daria Nicolodi zu sehen. Die jahrelange Lebensgefährtin des Regisseurs ist die Mutter von Asia Argento und tritt in ein paar seiner Filme als Nebenfigur auf, darunter „Rosso – Die Farbe des Todes“ („Profondo rosso“, 1975), „Suspiria“ (1977) und „Tenebre – Der kalte Hauch des Todes“ (1982). Die Dreharbeiten gestalteten sich für die beiden überaus konfliktträchtig, die Beziehung endete bald darauf (nachzulesen in „Dario Argento’s Phenomena“ von Alan Jones, Booklet-Text der Blu-ray von Arrow Video). Als erstes Mordopfer des Films hatte der Regisseur seine Tochter Fiore aus erster Ehe verpflichtet, die ihr Debüt als Schauspielerin aber wenig genoss und folgerichtig andere Wege einschlug.

Lieblingsarbeit von Dario Argento

Argento befand sich Mitte der 1980er-Jahre auf der Höhe seiner Filmkunst. Qualitätsschwankungen sind kaum zu bemerken, erst ein paar Jahre nach der Jahrtausendwende sank die Leistungskurve rapide nach unten. Manchen Fans gilt „Phenomena“ als ihre liebste Argento-Regiearbeit, auch Argento nennt den Film seinen Favoriten, und dafür gibt es gute Gründe. Ob Landschaftsaufnamen oder Motive im Innern, Kameramann Romano Albani findet schaurig-schöne Bilder und Einstellungen für die grausame Mär um Insekten und Serienmorde. Es verwundert, dass er danach nie wieder für Argento die Kamera geführt und dies auch vorher nur einmal getan hat – 1980 für „Horror Infernal“ („Inferno“). Die rausch- und albtraumhaften Geschehnisse um das Internatsgebäude scheren sich nicht um Fragen der Glaubwürdigkeit, es ist völlig gleichgültig, ob und wie der Täter auf realistische Weise Gelegenheit gefunden hätte, seine Morde zu verüben, die Opfer zu köpfen und ihre Leichen abzutransportieren. Das verleiht der Story eine unwirkliche Qualität, die ihr eher guttut als zu schaden. Auch Argentos Spiel mit Farben kommt gut zur Geltung.

Für die Filmmusik entschied sich Argento für ein interessantes Gemisch aus Stücken seiner Haus- und Hof-Formation Goblin, des Soundtrack-Debütanten Simon Boswell und des Rolling-Stones-Bassisten Bill Wyman. Zusätzlich bekommen wir „Flash of the Blade“ von Iron Maiden und „Locomotive“ von Motörhead auf die Ohren. In dem Kontext ist das unfreiwillig komische Fazit im „Lexikon des internationalen Films“ als Kuriosum lesenswert: Langatmiges, primitiv inszeniertes Horror-Spektakel, das mit blutrünstigen Schockeffekten und penetrant eingesetzter Heavy-Metal-Musik Spannung zu erzeugen versucht. Na ja, die katholisch geprägte Publikation hat bei Horrorfilmen oft genug mit skurrilen Beurteilungen danebengelegen. „Phenomena“ nimmt sich Zeit, Atmosphäre aufzubauen, wer das für langatmig hält, soll bei MTV-Musikvideos der 80er und 90er bleiben. Und natürlich kann man grauslich inszenierte Morde für primitiv halten, wenn man ein Weichei ist, das beim Herannahen eines Mörders die Hände vor die Augen hält. Ich nenne das kunstvoll, was Argento da abgeliefert hat. Aber was soll man auch von einem Rezensenten halten, der ganze zwei Metal-Songs für „penetrant“ hält? Die beiden Motörhead- und Maiden-Stücke erklingen jedenfalls nicht permanent, sie bilden im Gegenteil einen reizvollen Kontrast zu den Synthie-Klängen von Goblin.

Larven, Maden und anderes Kleingetier

Larven, Maden und Fliegen schrauben den Ekelfaktor in einigen Sequenzen hoch, ein paar Mal musste ich das Gesicht verziehen. Aber es passt zur Story und wirkt nicht selbstzweckhaft. Die Inspiration für die Insektenstory zog Argento aus kriminalistischen Berichten über Autopsien, bei denen die Pathologen anhand des Kleingetiers auf Leichen Rückschlüsse über den Todeszeitpunkt ziehen können. Sein Ko-Drehbuchautor Franco Ferrini („Es war einmal in Amerika“) hat gegenüber Alan Jones erwähnt (siehe oben genannter Booklet-Text), Argento wollte unbedingt eine Hauptfigur mit einer besonderen Fähigkeit haben, weil das Motiv seinerzeit in Filmen wie den beiden Stephen-King-Adaptionen „Dead Zone“ (1983) und „Der Feuerteufel“ (1984) auftauchte.

Ursprünglich sollte die junge Insekten-Flüsterin Martha heißen, was Jennifer Connelly aber überhaupt nicht gefiel. Den Wechsel zu Jennifer erleichterte der Umstand, dass es der Schimpansendame leichter fallen würde, mit Connelly zu interagieren, wenn sie in gemeinsamen Szenen mit Donald Pleasence nicht anders angesprochen würde als in den Drehpausen und beim Training mit der Menschenäffin.

Filmcrew züchtet Fliegen

Zum Finale legt der Regisseur dann eine Horror-Schippe drauf, für eine Szene daraus züchtete die Crew sogar Fliegen aus zwei Millionen Eiern, Kleidung und Maske des betroffenen Darstellers erhielten reichlich Glukosesirup als Lockmittel. Respekt an den Schauspieler David Marotta, dies ausgehalten zu haben. Die blutigen Make-up-Effekte von Sergio Stivaletti sind aller Ehren wert. Er wirkte bei einigen Argento-Filmen mit, darunter „Opera“ (1987), „Das Stendhal Syndrom“ (1996) und „Sleepless“ (2001) sowie auch den eher missratenen Argento-Spätwerken „The Mother of Tears“ (2007), „Giallo“ (2009) und „Dario Argentos Dracula“ (2012).

Noch keine FSK-Freigabe für Uncut-Fassung

Vormals indiziert, hat die ungeschnittene Fassung von „Phenomena“ seit er Listenstreichung keine Neuprüfung durch die FSK erhalten. Im Handel finden sich nach wie vor geschnittene Versionen, für eine Auflistung zensierter und unzensierter Fassungen empfiehlt sich der Blick auf Schnittberichte. Wer bereit ist, bei der Bild- und Tonqualität gegenüber neuen HD-Veröffentlichungen ein paar Abstriche zu machen, wird mit der limitierten Digipack-DVD im Schuber mit Booklet von Dragon Entertainment gut bedient (siehe die beiden unteren Fotos), zumal sie auf dem Sammlermarkt mit etwas Glück sehr preiswert zu finden ist. Gelungene Editionen hat einmal mehr das englische Label Arrow Video auf den Markt geworfen, zuletzt auch eine neue 4K-Abtastung. Mir reicht aber mein etwas älteres Arrow-Steelbook, das seinerzeit exklusiv über einen britischen Online-Händler vertrieben wurde. Löblich: Arrow packte gleich zwei englische Untertitelfassungen auf die Disc – einmal für die englische Sprachfassung, einmal für die italienische. Ich nutze englische Untertitel zur Verifizierung des Gehörten, da wäre es suboptimal, wenn ich eine englische Übersetzung der italienischen Synchronisation zu lesen bekomme. Argento drehte im Übrigen trotz einer mehrheitlich italienischen Besetzung in englischer Sprache, die italienische Fassung entstand per Nachsynchronisation.

Von der zeitgenössischen Filmkritik zwiespältig aufgenommen, hat „Phenomena“ im Lauf der Jahre den Status einer der interessantesten Regiearbeiten Argentos eingenommen. Für Fans des Italieners stellt „Phenomena“ sowieso Pflichtprogramm dar, und wer mystischem Horror im Allgemeinen und dabei den 80ern im Besonderen etwas abgewinnen kann, kommt an dem Film nicht vorbei. Ach, was rede ich: „Phenomena“ gehört zu den Sahnestücken des Horrors überhaupt.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Dario Argento sind in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt, Filme mit Jennifer Connelly unter Schauspielerinnen, Filme mit Donald Pleasence in der Rubrik Schauspieler.

Veröffentlichung: diverse als Blu-ray und DVD

Länge unzensiert: 115 Min. (Blu-ray), 111 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK ungeprüft (zensiert auch FSK 18)
Sprachfassungen: Deutsch, Italienisch
Untertitel: keine Angabe
Originaltitel: Phenomena
IT/CH 1985
Regie: Dario Argento
Drehbuch: Dario Argento, Franco Ferrini
Besetzung: Jennifer Connelly, Donald Pleasence, Daria Nicolodi, Fiore Argento, Federica Mastroianni, Fiorenza Tessari, Dalila Di Lazzaro, Patrick Bauchau, Alberto Cracco, Kaspar Capparoni, Mario Donatone, Michele Soavi
Label/Vertrieb: diverse

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

 

Schlagwörter: , , , , , , ,

James Cameron (IV): Alita – Battle Angel: Mehr Schein als Sein?

Alita – Battle Angel

Kinostart: 14. Februar 2019

Von Philipp Ludwig

SF-Action // Ich gebe zu: Als ich die Einladung zur Pressevorführung von „Alita – Battle Angel“ in den virtuellen Händen meines E-Mail-Accounts hielt, war ich zunächst äußerst skeptisch. Braucht es wirklich den Auftakt zu einem weiteren pompösen Kino-Franchise? Ein weiterer Film, bei dem die spektakuläre visuelle Schöpfungskraft der Macherinnen und Macher im Vordergrund steht, während Story und Figuren meist nur lästiges Beiwerk darstellen? 3D-Wahn und IMAX-Fetischismus in Reinkultur? Ein neues Mammutprojekt unter Mitwirkung des Bombast-Filmemachers James Cameron? Den ich zwar für eine ganze Reihe von Filmen zutiefst schätze (ja, auch für „Titanic“), wohingegen mich „Avatar – Aufbruch nach Pandora“ als ein meiner Meinung nach visuelles Blendwerk vollkommen kalt gelassen hat. Meine persönlichen Vorzeichen hätten also durchaus positiver sein können. Aber vielleicht ist es gerade dieser skeptischen Erwartungshaltung zu verdanken, dass ich mich von dem beeindruckenden Popcorn-Kino in Reinkultur durchaus mitreißen ließ, das uns „Alita – Battle Angel“ bietet. Oder habe ich mich schlussendlich eventuell doch bloß, entgegen meiner Grundsätze, von der visuellen Wucht der 200 Millionen Dollar schweren Manga-Verfilmung blenden lassen?

Cyber-Mediziner Dr. Ido macht auf dem Schrottplatz der „Iron City“ einen bemerkenswerten Fund

Das dem Film zugrundeliegende Setting ist wie aus einem dystopischen SF-Baukasten entnommen und bietet daher beste Voraussetzungen für ein interessantes Zukunftsszenario: Im 23. Jahrhundert hat ein massiver weltweiter Krieg stattgefunden, in welchem sich die Menschen der Erde und die menschlichen Kolonialisten vom Mars als Feinde gegenüberstanden. Nach einem Ereignis, dass von allen nur „The Fall“ genannt wird, erfolgte ein technologischer Absturz. In dessen Folge fielen sämtliche der mächtigen Himmelsstädte vom Himmel, die bis dahin über den Landschaften der Erde thronten.

A Tale of Two Cities

Nur eine dieser beeindruckenden Himmelsstädte blieb bestehen: Zalem. Unter der sich die gigantische Iron City in den Ruinen einer alten Metropole aus längst vergessenen Zeiten ausgebreitet hat. Während das abgeschottete Zalem zu einem Wohnort der Oberklasse wurde und für Außenstehende nahezu unerreichbar ist, wurde Iron City zum Sammelbecken sämtlicher Überlebender der Erde. Die fristen dort nun ein eher trauriges Dasein, besteht ihre Hauptaufgabe doch vor allem darin, Zalem mit den nötigen Rohstoffen zu versorgen. Selbst das Gesetz müssen sie in die eigenen Hände nehmen – in Form von freiberuflichen, rauen Jäger-Kriegern, die im Auftrag der „Firma“ aus Zalem Kopfgeldjägertätigkeiten übernehmen. Die bekannte Fabel von den gegensätzlichen Städten also, von arm und reich, von sprichwörtlich oben und unten.

„Alita – Battle Angel“ setzt im Jahr 2563 an, etwa 300 Jahre nach „The Fall“. Die Menschen in Iron City versuchen mit einer Vielzahl an Cyber-Erweiterungen, ihre körperlichen Fertigkeiten zu verstärken oder etwa Behinderungen und Missbildungen zu beseitigen. Dies hat nicht nur zur Folge, dass teils die aberwitzigsten, mitunter gemeingefährlichen Cyborg-Kreationen entstanden sind – die wertvollen technischen Erweiterungen rufen auch zahlreiche kriminelle Banden auf den Plan. So sind die technischen Erweiterungen für einen persönlich zwar empfehlenswert, um im harten Alltag von Iron City zu bestehen. Es empfiehlt sich jedoch auch dringend, stetig ein Auge nach denjenigen offenzuhalten, die einem die kostbaren Gadgets abluchsen wollen: den sogenannten Cyber-Jackern. Die gehen dabei gewiss nicht zimperlich vor. Einen weiteren Grund für die technischen Optimierungen stellt der populäre Sport Motorball dar – eine irre Kreuzung aus Gladiatorenwettkämpfen, American Football und Rollerderby, ohne Rücksicht auf Verluste. Mit freundlicher Reminiszenz an den dystopischen SF-Action-Klassiker „Rollerball“ (1975). Der Sport dient nicht nur der Unterhaltung der breiten Masse: Dem jährlichen Champion winkt zudem ein begehrtes Ticket nach Zalem.

Die unerreichbare Himmelsstadt Zalem – darunter: Iron City

Doch nicht alle nutzen die fortgeschrittene Cybertechnologie zur mitunter abstrusen Selbstoptimierung, bei der der reale Mensch im Cyborg häufig kaum noch zu erkennen ist. Der Cyber-Mediziner Dr. Dyson Ido (Christoph Waltz) etwa hilft mit Implantaten und Cyber-Prothesen, seinen Patienten verlorene Körperteile zu ersetzen oder andere Handicaps zu überwinden. Auf der Suche nach neuen Bauteilen macht er auf dem gigantischen Schrottplatz im Herzen von Iron City eines Tages einen folgenreichen Fund: Den Kern eines jugendlich anmutenden weiblichen Cyborgs, sprich, dessen Kopf.

Pinocchio im Science-Fiction-Gewand

In seinem privaten Labor stellt er zu seinem eigenen Erstaunen fest, dass dieser Kopf ein voll funktionsfähiges menschliches Gehirn enthält, und implantiert ihn auf den künstlichen Cyber-Körper, den er einst für seine gehbehinderte Tochter angefertigt hatte – diese hat tragischerweise keinen Bedarf mehr für ihren Ersatzkörper. Schnell baut Ido eine innige Beziehung zu dem von ihm gefundenen, sympathischen Cyborg-Mädchen (Rosa Salazar) auf, dass keinerlei Erinnerungen an ein früheres Leben zu haben scheint. Er tauft seine neueste Entdeckung daher passenderweise nach seiner verstorbenen Tochter: Alita.

Die Titelfigur Alita ist fortan auch unser Zugang zu der faszinierenden Welt dieses filmischen Spektakels. Ohne jede Erinnerung an ihre Herkunft oder ihr früheres Leben erkunden wir mit ihr gemeinsam die gefährliche und aufregende Welt von Iron City. Schon bald wird sich herausstellen, dass Alita nicht nur deutlich älter ist, als man annehmen könnte, sondern unter dem jugendlich-naiven, fast schon niedlichen Wesen mit dem warmen Herzen ganz andere Qualitäten stecken. Und die wecken Begehrlichkeiten einer ganzen Reihe übler Gestalten, sowohl in Iron City als auch aus Zalem. Der Titel „Alita – Battle Angel“ kommt in Bezug auf die Heldin gewiss nicht von ungefähr.

Populäre Manga-Reihe als Vorlage

Als Vorlage dient die populäre japanische Cyber-Punk Manga-Reihe „Battle Angel Alita“ (im Original „Gunnm“) von Yukito Kishiro. Seit 1990 erzählt dieser in mittlerweile knapp 30 Ausgaben die zahlreichen und umfangreichen Abenteuer seiner Titelheldin Alita in Iron City, Zalem und dem Weltall. Ende der Neunziger wurde auch der Erfolgsregisseur James Cameron auf die Reihe aufmerksam und sofort zu einem großen Fan. Ebenso entstand bei dem so leidenschaftlichen wie visionären Filmemacher natürlich direkt der Wunsch, diese Story auf die große Leinwand zu bringen. Schaut man sich darüber hinaus etwa Neill Blomkamps „Elysium“ (2013) an, so war Cameron offenbar nicht der einzige Filmemacher, der sich durch die Manga-Vorlage hat inspirieren lassen. Nur ist Alita dort kein jugendlich anmutender, weiblicher Cyborg, sondern Matt Damon.

Wie Vater und Tochter: Dr. Ido und seine Entdeckung Alita

Cameron, bekannt als detailversessener und penibler Arbeiter, stürzte sich direkt in die Arbeit. Er beauftragte Künstler, ihm Zeichnungen einer filmischen Version von Iron City anzufertigen. Ebenso verfasste er ein mehr als 600 Seiten umfassendes Manuskript, in dem er bis ins kleinste Detail das Leben in Iron City beschrieb. Alles sollte Sinn ergeben, die Technik, die gesellschaftlichen Strukturen. Auch zu den einzelnen Figuren fertigte er umfangreiche Dossiers an, damit diese zusätzlich an Leben gewinnen. In Zusammenarbeit mit Laeta Kalogridis („Shutter Island“), mit der er auch bei „Avatar“ zusammenarbeite, schrieb er ein Drehbuch. Doch trotz all der jahrelangen Arbeit – seine Vision umzusetzen, dazu fehlte Cameron offenbar stets die Zeit. Dies lag vor allem an seinem weiteren Herzensprojekt „Avatar“, dessen Fortsetzungen für ihn weiterhin höchste Priorität haben. Das Projekt „Alita – Battle Angel“ schien am Ende zu sein.

Kreative Freundschaft

Wäre da nicht Kult-Regisseur Robert Rodriguez („From Dusk Til Dawn“, „Sin City“) gewesen. Der pflegt seit Jahren eine enge Freundschaft mit Cameron, wie er jüngst im Interview in „Deadline – Das Filmmagazin“ bekräftigt (das Gespräch führte übrigens unser geschätzter „Die Nacht der lebenden Texte“-Kollege Leonhard Elias Lemke): „Wir kennen uns seit über 25 Jahren, sind schon lange Freunde, da wir aus der gleichen Ecke im Filmgeschäft kommen. (…) Eines Tages, als ich gerade am Schnitt von „Desperados“ saß, klopfte er an meine Haustür. Er hatte gehört, dass ich ein Avid zum Filmeschneiden in meinem Wohnzimmer hatte. Es war damals fast schon unerhört, dass ein Regisseur seinen Film selbst schnitt – noch dazu zu Hause. Ich bat ihn herein, er war total interessiert.“ In einem der zahlreichen Treffen und Gespräche mit Cameron kam auch das Thema „Alita“ zur Sprache, wollte Rodriguez, selbst Fan der Manga-Reihe, doch wissen, wann mit einem Film denn nun endlich mal zu rechnen sei. Da Cameron der Meinung war, es selbst wohl nicht mehr zu schaffen, bot er Rodriguez an, die Regie zu übernehmen. Dieser nahm dankend an und erweiterte die umfangreiche Vorarbeit seines Kumpels mit eigenen Ideen. Auch Cameron blieb als Produzent und kreativer Ideengeber weiter eng mit dem Projekt verbunden. In dem „Deadline“-Interview merkt Rodriguez zu dieser besonderen Zusammenarbeit seines bisher teuersten als Regisseur zu verantwortenden Films an: „Jim hat normalerweise die Einstellung, dass er lieber sein Drehbuch in der Schublade lässt, als es jemand anderem zu geben. Ich wusste also, dass ich mich unbedingt an seiner Vision, an seinen Ideen orientieren musste, sonst würde der Film nicht funktionieren. Er hat so klar geschrieben, dass es mir leichtfiel, mich ganz auf meinen Job als Regisseur zu konzentrieren und sein Drehbuch zu filmischem Leben zu erwecken. Natürlich würde der Film mit Jim als Regisseur noch mehr nach einem seiner Filme aussehen, aber er ist sehr überrascht, wie nah ich seiner persönlichen Vorstellung mit dem Film gekommen bin.“

Idos Ex-Frau Chiren hat ebenfalls ein Auge auf die mysteriöse Alita geworfen

So lassen sich in „Alita – Battle Angel“ die kreativen Einflüsse gleich zweier großer Könner erkennen, was dem Film definitiv zugutekommt – eine für Rodriguez typische, zünftige Bar-Keilerei inklusive. Überhaupt profitiert der Film insbesondere von der kohärenten Welt seiner umfangreichen Manga-Vorlage, die durch die Detailversessenheit der Vorarbeit James Camerons nochmals an Qualität gewinnt. Denn die Welt von Iron City weiß mit ihrer Liebe zum Detail absolut zu überzeugen. Lobenswert ist hierbei auch, dass für die Kulissen dieses Schmelztiegels auf Wunsch von Rodriguez eine größtenteils reale Requisitenstadt erbaut und nicht etwa ausschließlich auf die pure Macht des CGI vertraut wurde. Bei einem unter anderem so auf eine starke Visualität setzenden Film wie „Alita – Battle Angel“ wirkt dies zunächst etwas überraschend. Dem Film wird hierdurch aber erfolgreich zusätzliche Authentizität und Tiefe verliehen.

Manchmal ist weniger vielleicht mehr

Doch sind die umfangreiche Vorlage und die damit verbundene, mehr als solide kreative Basis interessanterweise auch eine der Ursachen für die unübersehbaren Schwächen des ansonsten beeindruckenden Films. Denn Cameron nahm sich bei seinem Projekt zum Ziel, für den Auftaktfilm einer auf mehrere Teile angelegten Filmreihe direkt die ersten vier Bände der Manga-Reihe in die Handlung zu integrieren. Bei einer Laufzeit von gerade einmal 122 Minuten ein ambitioniertes Vorhaben. Muss das breite Publikum ja nicht nur in eine umfangreiche, unbekannte Welt mit einer Vielzahl an Figuren eingeführt werden, sondern darüber hinaus auch eine hohe Zahl schicksalhafter Wendepunkte der Hauptfigur unterbringen. So entsteht aufgrund des vollgepackten Drehbuchs oft der Eindruck, der Film hetze von Ereignis zu Ereignis, von Szene zu Szene. Zeit zum Durchatmen bleibt so kaum. Zum Aufkommen von Langeweile aber natürlich auch nicht. Das ist jedoch insofern bedauerlich, denn wann immer „Alita – Battle Angel“ kurz davor ist, szenisch auch mal tiefer unter die Oberfläche zu gehen, nimmt er doch lieber eine dramaturgische Abkürzung in Form von knappen Dialog-Einzeilern oder schnell eingeschobenen Ereignissen, die fix zum nächsten Punkt der Handlung führen müssen.

So viel darf bereits verraten sein: Der Film endet mit einem deutlichen Schielen auf eine mehrteilige Reihe natürlich offen. Genau hier liegt der nächste Kritikpunkt: Die Offensichtlichkeit, mit der man die Botschaft „Fortsetzung folgt“ aufs Auge gedrückt bekommt, stört mitunter etwas. Hat die Tendenz zur lang angelegten Filmreihe in den vergangenen Jahren doch ein wenig überhandgenommen. Die Konkurrenz der populären TV-Serien scheint immer mehr Eindruck in der Filmwelt zu hinterlassen. Natürlich muss das kein Nachteil sein, denn es gibt ja eine Reihe ausgesprochen guter Mehrteiler. Doch liegen die meisten davon meiner Meinung nach einige Zeit zurück. Aber diese Selbstverständlichkeit, davon auszugehen, wir würden schon irgendwann die Fortsetzung schauen, weil wir wissen wollen, wie es weitergeht, finde ich schon etwas nervig. Gerade wenn man nicht weiß, wann dies denn sein wird und ob „Alita – Battle Angel“ überhaupt genügend Resonanz an den Kinokassen erfahren wird, um eine Fortsetzung zu ermöglichen. Dagegen wird man zum Abschluss mit dem Anblick eines längst verschollen geglaubten Hollywoodstars in der Rolle des großen, in Zalem lebenden Antagonisten Nova belohnt, den man bis dato im Film immer nur als mysteriösen Strippenzieher im Hintergrund vernommen hatte, ohne ihn zu Gesicht zu bekommen. Wer dies sein könnte, verrate ich an dieser Stelle natürlich nicht. Irgendwelche Tipps? Der Gewinner bekommt zur Belohnung ein Stück selbst gemachter Seife.

Ein Fest für Augen und Ohren

Die große Stärke von „Alita – Battle Angel“ ist auf jeden Fall die visuelle Gestaltung. Die Kombination von James Camerons Trickfirma Lightouse Entertainment mit den Kreativen der Troublemakerstudios von Robert Rodriguez kommt hier zur vollen Entfaltung. Denn nur mit realen Requisiten kann man eine zeitgemäße, technisch anspruchsvolle und publikumswirksame Manga-Verfilmung kaum gewährleisten. Und ich kann sagen, dass hier tricktechnisch beste Arbeit geleistet wurde, sieht der Film doch einfach phänomenal aus. Iron City, die variationsreichen Cyborg-Kreationen, die alles überthronende Stadt Zalem, die zahlreichen toll choreografierten Kämpfe, das imposante Ereignis Motorball – ein wahres Fest für die Augen. Und glücklicherweise nicht nur Mittel zum Zweck, entdeckt man in der Arbeit doch stets auch die Liebe daran. Insbesondere die Figur der Alita ist besonders gelungen, handelt es sich hier doch um eine digitalisierte, verjüngte Version der 33-jährigen Hauptdarstellerin Rosa Salazar. Große Manga-Kulleraugen inklusive. Die Künstlerinnen und Künstler von Lighthouse bewiesen hier nach „Avatar“ erneut ihr Können im Umgang mit Motion Capturing, und es ist erstaunlich zu sehen, welchen Fortschritt die Technik mittlerweile gemacht hat. Auch werden die 3D-Effekte hier tatsächlich mal sinnvoll eingesetzt. Ebenso lohnt es sich, den Film in einem IMAX-Kino anzuschauen, wurden doch etwa 40 Minuten des Films speziell dafür produziert. Und auch das imposante Sounddesign ist imstande, die Kinosessel gelegentlich in vibrierende Massagestühle zu verwandeln.

So viel Zeit muss sein: Entdeckt Alita im Cyber-Jacker Hugo die große Liebe?

Die Besetzung der Hauptfigur Alita vertraut Rodriguez mit Rosa Salazar einer Schauspielerin an, die einem größeren Publikum bisher wohl bestenfalls aus ihren Auftritten in zwei Filmen der „Maze Runner“-Trilogie bekannt sein dürfte. Mit 33 Jahren sollte „Alita – Battle Angel“ für sie nun das große Los zum Durchbruch sein. Sie macht aber auch einen wirklich phänomenalen Job. Schafft sie es doch nicht nur, ihrer Alita mit jugendlich-naiver, neugieriger und positiver Seele mit viel Herz Leben zu verleihen, sondern auch den körperlichen Aspekten der zahlreichen intensiven Kampfszenen gerecht zu werden. Hierfür nahm Salazar nicht nur monatelang Unterricht in verschiedenen Kampfsportarten, auch eine Reihe der Stunts übernahm sie selbst. Da sie dennoch über gleich neun verschiedene Stunt-Doubles verfügte, lässt sich vermutlich erahnen, dass es bei der Manga-Verfilmung ordentlich zur Sache geht. Ein weiteres neues Gesicht ist Keean Johnson, der als Alitas Love Interest, Cyber-Jacker Hugo, ebenfalls überzeugen kann. Ein unbeschriebenes Blatt im wahrsten Sinne des Wortes – hat er doch bislang nicht einmal einen eigenen Wikipedia-Eintrag. Das dürfte sich bald ändern.

Rodriguez dirigiert aber auch eine ganze Reihe bekannter Schauspielgrößen durch sein Werk, die mit einer gehörigen Portion Oscar-Glanz ausgestattet sind: Christoph Waltz (Oscars für „Inglourious Basterds“ und „Django Unchained“) gibt gewohnt souverän Alitas väterlichen Mentor Dr. Ido, der seine ganz eigenen Geheimnisse zu hüten pflegt. Er wurde Rodriguez übrigens von einem weiteren kongenialen Kumpel aus dem Filmbusiness ans Herz gelegt: Quentin Tarantino. Jennifer Connelly (prämiert für „A Beautiful Mind – Genie und Wahnsinn“) spielt dessen Ex-Frau Chiren, die ebenfalls ein erhöhtes Interesse an Alita entwickelt. Gleiches gilt für den zwielichtigen und mit besten Verbindungen zu Zalem ausgestatten Motorball-Macher Vector, dargestellt von Mahershala Ali (ausgezeichnet für „Moonlight“ und vielleicht auch bald für „Green Book – Eine besondere Freundschaft“). Schade nur, dass gerade die von Connelly und Ali verkörperten Figuren vergleichsweise wenig Screentime zugestanden bekommen und für zwei so ausgeprägte Talente der Schauspielkunst ein Stück weit zu blass konzipiert worden sind.

Alita betritt die Motorball-Arena

Der Rest des Casts ist wie für Rodriguez typisch mit einer Reihe von Genrestars besetzt, die mitunter auch gerne schon längere Zeit mal vom Radar verschwunden waren. Jackie Earle Haley („Watchmen – Die Wächter“) etwa verkörpert die von Antagonist Nova kontrollierte Cyborg-Monstrosität Grewishka, die unsere Protagonistin vor einige Herausforderungen stellen wird. Michelle Rodriguez („Avatar“) gibt einer wichtigen Persönlichkeit aus Alitas Vergangenheit ihr ebenfalls komplett digitalisiertes Gesicht. Und selbst Casper Van Dien („Starship Troopers“) darf sein Comeback in einer großen Kinoproduktion feiern. Und dann ist da natürlich noch der britische Rapper und Schauspieler Ed Skrein („Deadpool“) in der Rolle des Zapan, des am meisten gefürchteten Jäger-Kriegers von Iron City. Aufgrund seiner ausgeprägten Badass-Fertigkeiten übrigens auch die heimliche Lieblingsfigur des Regisseurs.

Ein bisschen Spaß muss sein

Trotz der kleineren Schwächen des etwas überladenen Drehbuchs, das sich gelegentlich im eigenen rasanten Erzähltempo selbst zu überholen scheint, sowie dem allzu offensichtlichen offenen Ende für weitere Fortsetzungen bietet „Alita – Battle Angel“ dennoch allerbeste Kino-Unterhaltung. Die Bildgewalt ist einfach fantastisch und die Liebe zum Detail überzeugt. Die gesunde Balance aus bombastischer, toll inszenierter Action-Sequenzen mit leiseren und sogar humorvollen Tönen stimmt ebenfalls. Insbesondere das aus der Manga-Vorlage entnommene Zukunftsszenario überzeugt mit seiner Stimmigkeit, wobei die kreativen Erweiterungen durch die Filmschaffenden unter Führung von Cameron und Rodriguez diesem sogar einen deutlichen Mehrwert verleihen. Dank der tollen 3D-Effekte erwacht die imposante Iron City mit tollen Kulissen und vielfältigem Figurenensemble jederzeit zum Leben. Und die Hauptfigur Alita muss man einfach gern haben als Mischung aus herzensgutem, liebem Mädchen und tödlicher Kampfmaschine. „Alita – Battle Angel“ ist also glücklicherweise nicht mehr Schein als sein, denn liegt hier unter der visuell beeindruckenden Fassade ein äußerst unterhaltsamer Film bereit – den man auf jeden Fall im Kino genießen sollte. Und wenn man dann, während man beispielsweise staunend das beeindruckende Motorball-Spektakel beobachtet, durch die Bässe des Sounddesigns in seinem Kinosessel durchgerüttelt wird – dann muss sich auch die noch so zarte Cineasten-Seele eingestehen, dass hin und wieder eine Portion guten alten Popcorn-Kinos ganz guttun kann. Es kann auch einfach mal Spaß machen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von James Cameron – auch seine Produktionen – sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Jennifer Connelly unter Schauspielerinnen, Filme mit Mahershala Ali, Ed Skrein und Christoph Waltz in der Rubrik Schauspieler.

Brot und Spiele für das Volk: das äußerst brutale Spektakel Motorball

Länge: 122 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Alita – Battle Angel
KAN/ARG/USA 2019
Regie: Robert Rodriguez
Drehbuch: James Cameron, Laeta Kalogridis, Robert Rodriguez, nach der Manga-Reihe „Gunnm“
Besetzung: Rosa Salazar, Christoph Waltz, Jennifer Connelly, Mahershala Ali, Ed Skrein, Keean Johnson, Michelle Rodriguez, Casper Van Dien, Jackie Earle Haley, Elle LaMont, Jeff Fahey, Eiza González, Derek Mears, Lana Condor, Sam Medina, Billy Blair, Alan Nguyen
Verleih: Twentieth Century Fox of Germany GmbH

Copyright 2019 by Philipp Ludwig

Filmplakate, Fotos & Trailer: © 2019 Twentieth Century Fox

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , ,

Blood Diamond – Afrikanisches Leid à la Hollywood

Blood_Diamond-Cover-DVD-SB Blood_Diamond-Cover-BR

Blood Diamond

Von Volker Schönenberger

Kriegsdrama // Die Welt ist ein grausamer Ort, und Afrika macht da keine Ausnahme. Da werden Männern Hände abgehackt, damit sie nicht an den demokratischen Wahlen teilnehmen können. Jungen werden verschleppt und mit Gewalt und Gehirnwäsche zu Kindersoldaten erzogen, die kaltblütig Menschen abknallen. Und wofür? Macht und Mammon.

Blood_Diamond-1

Zwangsarbeiter Solomon hat einen riesigen Diamanten gefunden

Edward Zwicks „Blood Diamond“ folgt dem Pfad des Fischers Solomon Vandy (Djimon Hounsou), der in den Wirren des Bürgerkriegs in Sierra Leone von der Revolutionary United Front verschleppt und versklavt wird. Fortan muss er für den Warlord Captain Poison (David Harewood) in einer Mine Blutdiamanten suchen. Einen seiner Söhne wird die RUF bald zwangsrekrutieren und zum Killer machen. Als die Diamantenmine von Regierungstruppen gestürmt wird, wird Solomon mitsamt allen Arbeitern und Milizionären inhaftiert. Zuvor war es ihm allerdings gelungen, einen sehr großen Diamanten zu vergraben, den er gefunden hatte. Im Knast wird der Glücksritter und ehemalige Söldner Danny Archer (Leonardo DiCaprio) auf Solomon aufmerksam. Er war bei dem Versuch ertappt worden, Diamanten von Sierra Leone nach Liberia zu schmuggeln.

Journalistin als moralische Instanz

Als gutes Gewissen des Films fungiert die Journalistin Maddy Bowen (Jennifer Connelly). Sie und Danny Archer nehmen aus ganz unterschiedlichen Motiven Solomon in ihre Obhut: Danny ist scharf auf den Diamanten, Maddy will mehr über den Handel mit Blutdiamanten erfahren.

Solomons Schicksal und Maddys Menschenfreundlichkeit bringen Danny immerhin dazu, sein selbstsüchtiges Dasein zu überdenken. Keine Frage – das ist die Klaviatur von Moral und Gefühlen, auf der Hollywood gekonnt zu spielen versteht. Dabei ist der Soundtrack von ein paar Ausnahmen abgesehen glücklicherweise einigermaßen zurückhaltend eingesetzt. Und natürlich ist das poliertes Hochglanz-Starkino, obwohl das Thema mehr Dreck und Blut und Gnadenlosigkeit vertragen hätte. Auch die Action ist auf Blockbuster-Niveau, was man gut oder schlecht finden kann. Aber die beklemmenden Szenen entfalten ihre Wirkung, in manchen Sequenzen stellt sich ein Gefühl der Ausweglosigkeit ein. Und der Body Count ist hoch, phasenweise sterben die Menschen wie die Fliegen. Da verzeiht man auch das etwas pathetische Finale.

Blood_Diamond-3

Glücksritter Danny …

Starpower mit DiCaprio, Hounsou und Connelly

Die drei Stars spielen erwartungsgemäß überzeugend, wobei Jennifer Connellys recht eindimensionale Rolle die Oscar- und Golden-Globe-Preisträgerin („A Beautiful Mind“) nicht wirklich fordert. Mit Djimon Hounsous Figur des Fischers leidet man mit, seine Angst um die Familie ist jederzeit nachfühlbar. DiCaprio verleiht seiner Rolle die Facetten, die sie benötigt. Er erhielt dafür seine dritte Oscar-Nominierung – fünf als Schauspieler sind es bislang geworden, die jüngste für „The Revenant – Der Rückkehrer“. Auch Hounsou war für seine Rolle Oscar-nominiert – als Nebendarsteller, obwohl Solomon neben Danny im Film auf einer Höhe agiert. In drei technischen Kategorien gab es für „Blood Diamond“ ebenfalls Nominierungen: für den Schnitt, den Tonschnitt und die Tonmischung. Eine Trophäe sprang allerdings nicht dabei heraus.

Da der in Südafrika und Mosambik gedrehte „Blood Diamond“ als Action-Abenteuer angelegt ist, kommen die Machenschaften international agierender Diamantenhändler zwangsläufig zu kurz. Von dem skrupellosen Geschäftemacher Rupert Simmons, den Michael Sheen („The Damned United“) verkörpert, hätte man gern mehr erfahren, dafür war aber angesichts der ohnehin üppigen Länge von knapp zweieinhalb Stunden kein Raum mehr. Man kann dem Film vorwerfen, dass er seine bitteren Themen für Hollywood-Entertainment missbraucht – und der Vorwurf ist tatsächlich erhoben worden. Von einer anderen Blickrichtung aus hat „Blood Diamond“ aber den Handel mit Blutdiamanten und das Elend von Kindersoldaten ins Licht einer internationalen Öffentlichkeit gerückt. Handwerklich ist „Blood Diamond“ über jeden Zweifel erhaben, das politische Moment mag jede/r so bewerten, wie er/sie möchte. Großes Hollywood-Kino ist das so oder so.

Blood_Diamond-2

… jagt hinter Solomons Sohn her

Filmtipps zu Blutdiamanten und Kindersoldaten

Mit Blutdiamanten befasst sich auch der sehenswerte Kölner „Tatort: Blutdiamanten“, der im Januar 2006 erstmals im Ersten ausgestrahlt worden ist. 2008 entstand der französisch-belgisch-liberianische „Johnny Mad Dog“, in dem auf bedrückende Weise das Los von Kindersoldaten dargestellt wurde.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Jennifer Connelly sind in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit Leonardo DiCaprio unter Schauspieler.

Veröffentlichung: 4. März 2012 als DVD im Steelbook, 19. September 2007 als Blu-ray, 13. Juni 2008 als 2-Disc Premium Edition DVD, 25. Mai 2007 als DVD und limited 2-Disc Edition DVD im Steelbook

Länge: 143 Min. (Blu-ray), 137 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch u. a.
Untertitel: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: Blood Diamond
USA 2006
Regie: Edward Zwick
Drehbuch: Charles Leavitt
Besetzung: Leonardo DiCaprio, Djimon Hounsou, Jennifer Connelly, Arnold Vosloo, Kagiso Kuypers, Michael Sheen, Benu Mabhena, David Harewood, Basil Wallace, Jimi Mistry, Ntare Guma Mbaho Mwine
Zusatzmaterial (Angaben für 2-DVD-Sets): Das Blut am Diamanten, Folge dem Weg eines Edelsteins bis ins Geschäft, Die Rolle des Archer – Leonardo DiCaprio und seine Filmfigur, Journalismus an der Front – Jennifer Connelly über weibliche Kriegsreporter, Die Belagerung von Freetown – Edward Zwick über eine der zentralen Szenen des Films, Musikvideo „Shine on ‘em“ von NAS, Audiokommentar von Regisseur Edward Zwick, US-Kinotrailer
Vertrieb: Warner Home Video

Copyright 2016 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshots: © Warner Home Video

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , , ,

 
%d Bloggern gefällt das: