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Red Sparrow – Gefährliche Spatzen

Red Sparrow

Kinostart: 1. März 2018

Von Matthias Holm

Thriller // Nach einem Unfall liegt das Leben der Ballerina Dominika Egorova (Jennifer Lawrence) in Trümmern. Um die Rechnung für ihre kranke Mutter (Joely Richardson) begleichen zu können, lässt sie sich auf einen Handel mit ihrem Onkel Vanya Egorov (Matthias Schoenaerts) ein. Der arbeitet bei der russischen Regierung, für die Dominika nun Informationen von einer wichtigen Persönlichkeit beschaffen soll. Der Einsatz geht allerdings schief und Vanya setzt Dominika unter Druck: Entweder sie wandert ins Gefängnis, oder sie lässt sich zu einer geheimen Spionin ausbilden – einer „Red Sparrow“. Viele Optionen bleiben ihr also nicht und nach der harten Ausbildung wartet bereits ihr erster Auftrag. Es gibt einen Verräter in höchsten Regierungskreisen, der mit den Amerikanern kooperiert. Der CIA-Mann Nate Nash (Joel Edgerton) war der letzte bekannte Kontakt.

Achtung, brutal

Bereits zum zweiten Mal nach „Mother!“ begibt sich Jennifer Lawrence innerhalb kürzester Zeit auf eine wahre Tour de Force. Denn ihre Figur gerät eigentlich nur per Zufall in die von Geheimnissen und undurchsichtigen Menschen dominierte Welt der Spionage. Früh wird allerdings etabliert, dass sich Dominika durchaus zu helfen weiß. Denn sie lässt sich nicht herumschubsen, sondern wehrt sich auch – mit allen Mitteln. Der Härtegrad in „Red Sparrow“ ist unerwartet hoch, hier fließt eine Menge Blut und es werden perfide Foltermethoden angewandt. Wie bei den „Die Tribute von Panem“-Filmen, in denen Regisseur Francis Lawrence bereits drei Mal mit seiner Hauptdarstellerin zusammenarbeite, sieht man den Großteil der Gewalt nicht, die Kamera hält nie direkt drauf. Dennoch ist es anscheinend ein Anliegen, die Zuschauer die Konsequenz solcher Taten spüren zu lassen, manche Szenen drücken sich direkt in die Magengrube.

Die Spatzen bei der Ausbildung

Diese Ausbrüche kommen plötzlich und unerwartet, denn der restliche Film ist erstaunlich ruhig. Im Gegensatz zu „Atomic Blonde“ aus dem vergangenen Jahr ist „Red Sparrow“ keine überstilisierte One-Woman-Show, sondern ein bedachter Thriller. Es werden viele Gespräche geführt, bei vielen Figuren können sich weder ihr Gegenüber noch die Zuschauer sicher sein, auf welche Seite dieses Informationskrieges sie nun gehören. Dabei ist gerade Dominika spannend, denn obwohl der Zuschauer mit ihr am meisten Zeit verbringt, bleibt sie die undurchsichtigste Figur. Dies ist vor allem der Darstellung von Jennifer Lawrence anzurechnen, die stets mit vollem Körpereinsatz bei der Sache ist. In Nebenrollen sind Jeremy Irons („The Mission“), Charlotte Rampling („45 Years“) und Matthias Schoenaerts („A Bigger Splash“) zu sehen.

Endlich wieder Spionage

Die Mischung aus Brutalität und ruhigem Erzähltempo mag nicht jedem Zuschauer schmecken. Auch das Ende gestaltetet sich etwas leichter, als es der Rest der verschachtelten Geschichte zuvor suggeriert hat, außerdem wirkt der aufgesetzte, russische Akzent befremdlich, gerade wenn er mal vergessen wird. Dennoch ist „Red Sparrow“ über weite Strecken ein hoch spannender Spionage-Thriller – und von denen gibt es schließlich nur noch wenige.

Wem kann Nate trauen?

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Jennifer Lawrence sind in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit Jeremy Irons in der Rubrik Schauspieler.

Dominika und Nate kommen einander näher

Länge: 139 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Red Sparrow
USA 2018
Regie: Francis Lawrence
Drehbuch: Justin Haythe, nach dem Roman „Operation Red Sparrow“ von Jason Matthews
Besetzung: Jennifer Lawrence, Joel Edgerton, Matthias Schoenaerts, Jeremy Irons, Charlotte Rampling, Mary-Louise Parker, Ciarán Hinds, Joely Richardson
Verleih: Twentieth Century Fox of Germany GmbH

Copyright 2018 by Matthias Holm

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2018 Twentieth Century Fox of Germany GmbH

 

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The Mission – Religion und Kolonialismus in gewaltigen Bildern

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The Mission

Von Volker Schönenberger

Historiendrama // Die historischen Ereignisse in dieser Geschichte sind wahr. Sie sind im Grenzgebiet von Argentinien, Paraguay und Brasilien 1750 passiert. So erfahren wir es von einer zu Beginn eingeblendeten Texttafel. Gemeint ist: Mit dem Vertrag von Madrid zogen im Jahr 1750 Spanien und Portugal die Grenzen zwischen ihren Kolonien in Südamerika neu. Auf spanischer Seite war die Versklavung der Eingeborenen verboten, in den portugiesisch kontrollierten Gebieten legal. Das führte zu Konflikten und in der Folge von 1754 bis 1756 zum Guaraní-Krieg.

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Das Ende eines Jesuiten

Männer vom Volk der Guaraní lassen ein Kreuz mit einem darauf angebundenen Weißen mit Dornenkrone ins Wasser eines Stroms gleiten. Er stürzt die Iguazú-Wasserfälle hinab und zu Tode. Der Mann war Jesuitenpriester. Sein Tod hindert seinen Priesterkollegen Pater Gabriel (Jeremy Irons) nicht daran, ebenfalls ins Gebiet der Guaraní vorzudringen. Als er während einer Rast auf seiner Oboe spielt, findet er sich unvermittelt von Kriegern des Stammes umgeben. Die, womöglich verzaubert von der Musik, lassen den Jesuiten am Leben.

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Pater Gabriels Oboenspiel wirkt

Behutsam beginnt Gabriel, eine Mission aufzubauen und den Indianern den christlichen Glauben nahezubringen. Dabei trifft er bald auf den portugiesischen Söldner und Sklavenhändler Rodrigo Mendoza (Robert De Niro), einen Bandeirante, der Indianer jagt und versklavt. Eines Tages gerät Mendoza wegen einer Frau mit seinem Halbbruder Felipe (Aidan Quinn) aneinander. Er tötet ihn im Kampf und fällt daraufhin in tiefe Verzweiflung.

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Söldner Mendoza wandelt sich …

In einer allerdings wenig bedeutsamen Nebenrolle als Pater Fielding an Gabriels Seite: Liam Neeson, der jüngst in Martin Scorseses „Silence“ erneut einen jesuitischen Missionar spielte – wenn auch einen in Japan. Als Atheist aus tiefer Überzeugung kann ich das Missionieren Anderer nur kritisch sehen, gleichwohl faszinieren mich religiöse Themen immer wieder, erst recht natürlich, wenn sie so bildgewaltig daherkommen wie in „The Mission“. Immerhin thematisiert der Film auch und ganz besonders die Bedrohung der Guaraní von außen. Ihre Kultur und ihr Überleben waren und sind bedroht. Die von den Jesuiten errichteten sogenannten Jesuitenreduktionen bildeten anscheinend wenigstens eine Weile einen gewissen Schutz. Mangels tieferen historischen Wissens kann ich dazu aber nicht mehr schreiben, es muss bei diesen kurzen und oberflächlichen Ausführungen bleiben. Das Booklet der „Arthaus Premium Edition“ Doppel-DVD enthält weitere interessante historische Hintergründe – ohnehin eine schöne, würdige Edition. Die Blu-ray der Reihe „Blu Cinemathek mag ebenfalls anständig aufgemacht sein, liegt mir aber nicht vor.

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… vom Saulus …

Vor Ort gedreht, beeindruckt „The Mission“ mit prächtigen Impressionen des südamerikanischen Dschungels, nicht nur wegen der berühmten Iguazú-Wasserfälle. Hinzu kommt der kongeniale Score von Ennio Morricone. Wem es gelingt, diesen Meister des Filmsoundtracks zu gewinnen, der hat ohnehin schon die halbe Miete eingefahren. Für seine Kameraarbeit erhielt Chris Menges dann auch den Oscar – seinen zweiten nach „Killing Fields – Schreiendes Land“, dem Kino-Regiedebüt von Roland Joffé, der zuvor zehn Jahre lang fürs Fernsehen gearbeitet hatte. Beide Filme brachten auch ihm Oscar-Nominierungen ein.

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… zum Paulus

„The Mission“ war auch als bester Film, für die beste Regie und Ausstattung, das Kostümdesign, den Schnitt und die Musik Oscar-nominiert, unterlag dort aber unter anderem „Platoon“ und „Zimmer mit Aussicht“. Immerhin hagelte es weitere Preise, darunter zwei Golden Globes und die Goldene Palme in Cannes sowie dort auch den „Technical Grand Prize“ für Regisseur Roland Joffé.

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Sogar weinen kann er

Etwas Toleranz für religiösen Eifer muss man schon mitbringen, um „The Mission“ zu goutieren (wenn auch nicht ganz so viel wie für den erwähnten „Silence“ von Scorsese). Kritisch anzumerken ist auch, dass kein einziger Eingeborener eine tragende Rolle spielt. Sind sie dann doch nur folkloristische Staffage beim Porträtieren europäischer Eindringlinge? Auffällig ist, wie zügig der Film seine Exposition abarbeitet, während es im Mittelteil durchaus etwas behäbig zugeht, um sich zum Ende in recht drastischen Kampf- und Metzelszenen zu ergehen.

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Auch Pater Fielding will bekehren

Abschließend ein Tipp für all jene, die sich näher mit Religion im Film beschäftigen wollen – ob aus kritischer Perspektive oder nicht: 2007 erstellte die „Church Times“ eine Liste der 50 besten Filme mit religiöser Thematik und hievte „The Mission“ auf den ersten Platz. Derlei Ranglisten bieten stets guten Diskussionsstoff und Anregungen für Unentdecktes. Ob „The Mission“ die Spitzenposition verdient hat, möge jeder Interessierte für sich selbst entscheiden. Als bildgewaltiges Epos mit tollem Soundtrack beeindruckt das Historiendrama auch heute.

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Der Missionar und seine Schäfchen

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Jeremy Irons, Liam Neeson und/oder Robert De Niro sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 7. Februar 2013 als Blu-ray, 17. November 2011 als Blu-ray (Blu Cinemathek), 16. Februar 2007 als Arthaus Premium Edition (2 DVDs), 2. Dezember 2010 & 9. Februar 1999 als DVD

Länge: 125 Min. (Blu-ray), 120 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: The Mission
GB/F 1986
Regie: Roland Joffé
Drehbuch: Robert Bolt
Besetzung: Robert De Niro, Jeremy Irons, Liam Neeson, Ray McAnally, Aidan Quinn, Cherie Lunghi, Ronald Pickup, Chuck Low
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Regisseur Roland Joffé (mit deutschen Untertiteln), Die Hindergrundgeschichte zum Drehbuch, Analyse der Filmmusik von Ennio Morricone, Making-of (57 Min.), Fotogalerie, Starinfos, Trailer, Booklet, Trailer
Vertrieb: Studiocanal Home Entertainment

Copyright 2017 by Volker Schönenberger

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Fotos & Packshots: © Studiocanal Home Entertainment

 

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Videospiel-Verfilmungen (X): Assassin’s Creed – Ein Königreich für ein Gamepad

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Assassin’s Creed

Kinostart: 27. Dezember 2016

Von Lutz R. Bierend

SF-Abenteuer // Zugegeben, der Wechsel von einem Medium zu einem anderen ist für ein Kreativ-Team keine angenehme Aufgabe. Selten verläuft so etwas ohne Enttäuschung für die alteingesessenen Fans. Selbst in Peter Jacksons Mammutwerk „Der Herr der Ringe“ finden viele Tolkienisten genügend Abweichungen vom Original, um die Verfilmung unwürdig zu finden.

Aber während man inzwischen gelernt hat, Comics ernst genug zu nehmen, um aus einem Batman so etwas Oscar-Relevantes wie „The Dark Knight“ zu machen, tut man sich bei der Verfilmung von Videospielen bislang noch schwer mit der Transformation. Dabei bieten gute Telespiele eigentlich alles, was man für eine adäquate Filmumsetzung benötigt. Oft liefern sie eine spannende Geschichte, Action und einen optischen Stil, der filmisch oft sehr prägend sein könnte. Selbst die Hauptfiguren verlassen mittlerweile immer häufiger das Stadium, in dem sie lediglich den Anlass für die Baller- und Gewaltorgie eines Ego-Shooters liefern. Doch man muss nicht nur die Werke von Uwe Boll heranziehen, um das Scheitern der bisherigen Spiele-Verfilmungen zu verdeutlichen. Auch Mark Wahlberg, der mittlerweile als Schauspieler mehrfach überzeugen konnte, scheiterte grandios beim Versuch, der stylischen Film-noir-Hommage „Max Payne“ Leinwandleben einzuhauchen.

Pünktlich zum Jahreswechsel steht nun der nächste Versuch an.

Alles was man braucht

„Assassin’s Creed“, die Serie um den seit tausend Jahren andauernden Kampf zwischen islamischen Assassinen und den christlichen Templern war bei Gamern schon lange Favorit für eine Verfilmung. Seit zehn Jahren begeistert die Reihe nun schon mit vier offiziellen Teilen und fünf Spin-offs die Spielegemeinde. Eigentlich bringt sie alles mit, um als Blockbuster-Kino zu begeistern und ein neues Franchise zu begründen. Die stimmungsvolle Gegeschichte, die zwischen Gegenwart und einer mit historischen Tatsachen spielenden Vergangenheit zu Zeiten der Kreuzzüge wechselt, hätte durch Weglassen der spieletypischen Redundanzen schon fast allein ein interessantes Drehbuch abgegeben. Hinzu kommen die auf jeden Fall leinwandtauglichen Zutaten wie die globale Verschwörungsgeschichte, stylische, Freerunner-artige Fassadenklettereien, der Sprung des Glaubens – von Kirchturmspitzen in Heuschober – und nicht zuletzt die inzwischen zum Kult gewordenen Assassinen-Moves, mit denen man im Spiel mit etwas Übung auch zahlenmäßig überlegene Kreuzritter zur Strecke bringt. Ergänzt durch eine Besetzung, die mit Michael Fassbender und Marion Cotillard in den Hauptrollen sowie Jeremy Irons, Charlotte Rampling und Brendan Gleeson bis in die Nebenrollen hochkarätig besetzt ist. Und nachdem Justin Kurzel als Regisseur mit Fassbender und Cotillard auch bei Shakespeares „Macbeth“ ein glückliches Händchen bei der Inszenierung von brachialen Verschwörungsgeschichten bewiesen hat, hätte eigentlich kaum etwas schief gehen können. Immerhin haben die Produzenten mit knapp 125 Millionen Dollar ein üppiges Budget zusammengetragen und für den Film eine von der Vorlage vollständig unabhängige Geschichte schreiben lassen.

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Kurz vor der Hinrichtung

Der Film erzählt die Geschichte des Kriminellen Callum Lynch (Fassbender) , der wegen Mordes hingerichtet werden soll. Nach der Giftspritze erwacht er jedoch in den Händen der Firma Abstergo Industries. Unter Kontrolle der Wissenschaftlerin Dr. Sophia Rikkin (Cotillard) soll mithilfe des Animus-Projekts sein genetisches Gedächtnis angezapft werden. Durch die Erinnerungen seines Vorfahren, des zu Zeiten der spanischen Inquisition agierenden Assassinen Aguilar de Nerha, soll ein antikes Artefakt gefunden werden: der „Apfel Edens“. In diesem ist der Legende nach der genetische Code für den freien Willen hinterlegt, den der Templerorden seit 500 Jahren sucht, um den freien Willen zu zerstören und somit alle Gewalt zu beenden.

Zurück in die Vergangenheit?

Die größte Sünde der Verfilmung ist vermutlich, dass der Animus (das Gerät zum Auslesen des genetischen Gedächtnisses) eine völlig andere Gewichtung bekommt. Das Spiel konzentriert sich fast vollkommen auf die Zeit im Animus und wirft einen wunderbar stimmungsvollen Blick in die Zeit der Kreuzzüge (Teil I), das Italien der Renaissance (Teil II) und den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg (Teil III). Der Film hingegen konzentriert sich mehr auf die Gegenwart. Das Spanien von 1492 wird eher in kurzen Flashbacks abgehandelt. Selbst bei den Fassadenklettereien bemühen sich die Macher, jederzeit deutlich zu machen, dass dies gerade alles in der künstlichen Realität des Animus geschieht. Während der Animus im Spiel eher an die Scheinwelt von „Matrix“ erinnert, in der man versinkt, bis man scheitert und in die Gegenwart zurückkehrt um es anschließend aufs Neue zu versuchen, ist er im Film ein riesiger Roboterarm, an dem Callum Lynch die Bewegungen seines Vorfahren tatsächlich ausführt. Immer wieder springt die Handlung in die Gegenwart zurück, wo man sieht, wie Callum über die Projektionen seines antiken Gedächtnisses geblendet die Bewegungen seines Vorfahren ausführt. Leider raubt dieser etwas krampfhaft wirkende Versuch, sich von „Matrix“ zu unterscheiden, viel an Spannung und Dramatik der Vorlage. Wenn man im Spiel in 30 Metern Höhe am Kirchturm hängt, hat man das Gefühl, der Hauptdarsteller könne in den Tod stürzen. Durch den Blick auf die Gedächtnisprojektion bekommt das alles die Dramatik, als würde man zum Beispiel in der Freerunner-Verfolgungsjagd von „Casino Royale“ zwischendurch immer wieder Daniel Craig vor den Greenscreen schneiden, um die Illusion zu zerstören. Wie aufregend wäre es wohl, Daniel Craig in schwindelerregender Höhe auf dem Baukran zu sehen, wenn man permanent daran erinnert wird, dass das eigentlich im sicheren Studio entstanden ist?

Das ist nur eines der Probleme dieser Verfilmung. Nirgendwo kommt wirklich das Gefühl auf, dass die Vergangenheit von 1492 authentisch ist. Da hilft es wenig, dass in Spanien konsequent Spanisch gesprochen wird. Eher verdeutlicht es, wie egal diese Zeitebene den Drehbuchautoren und Machern eigentlich war: Selbst wenn ein Analphabet die Untertitel nicht lesen kann, verpasst er nicht viel Relevantes.

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Das lieben die Fans des Spiels

Auch die Zweikämpfe wirken erschreckend altbacken. Wenn man bei Schwert und Faustkämpfen das Gefühl bekommt, die Stuntmen schlagen permanent in die Luft, damit bei den Dreharbeiten niemand verletzt wird, dann wünscht man sich als Zuschauer, dass die Produzenten die Wachowski-Geschwister oder eben Martin Campbell, mit seinen ungemein physischen Zweikämpfen aus „Casino Royale“ für die Regie hätte begeistern können. Für einen Film, dessen Vorlage ihren Reiz genau aus solchen Kämpfen gezogen hat, wirkt das Gehampel eher peinlich, und spätestens, wenn die Freundin des Assassinen Aguilar de Nerha im Animus vom Endgegner getötet wird, wird deutlich, wie misslungen dieser Film ist. Da wecken heutzutage sogar die Pixelhaufen moderner Spiele mehr Mitgefühl. Selbst Michael Fassbender und Marion Cotillard können da nicht mehr viel rausreißen – und Fassbender hat „Assassin’s Creed“ sogar produziert.

Enttäuschend auf ganzer Strecke

Insofern werden Fans des Spiels vermutlich absolut enttäuscht sein. Im Spiel macht die Geschichte in der Vergangenheit 90 Prozent des Reizes aus. Im Film ist sie nur belangloses Beiwerk. Vielleicht wäre das zu verzeihen, wenn wenigstens die Rahmenhandlung punkten könnte. Leider ist diese auch nicht interessanter als im Spiel. Die Welt im Forschungskomplex von Abstergo Industries wirkt wie eine Mischung aus einem Science-Fiction-Gefängnis und einer Hommage an „THX 1138“ (1971), das Kino-Regiedebüt eines gewissen George Lucas. Den Hauptteil verbringt „Assassin’s Creed“ damit, Callum Lynch zu überreden, sich freiwillig an den Animus anstöpseln zu lassen, denn als Anpassung an das Spiel funktioniert das Gerät nur, wenn sich der Kandidat sich freiwillig dazu entscheidet. Belanglose Dialoge über die Natur der Gewalt sind kein wirklicher Ersatz für eine actionreiche und stimmungsvolle Spielwelt, welche die meistens Fans der Vorlage oder auch Zuschauer, die in eine Videospielverfilmung gehen, erwarten werden. So enttäuscht der Film leider auf ganzer Strecke.

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Man ist geneigt zu vermuten, dass die Gagen der Schauspieler das Teuerste am Film waren

Alain Corre, Europa-Chef von Ubisoft, wird auf Wikipedia mit der Aussage zitiert, dass der Film nicht dazu gedacht sei, möglichst viel Geld in die Kinokassen zu spülen, sondern eher um die Spielreihe an sich wieder attraktiver zu machen und somit den Verkauf der Spiele anzukurbeln. Ich befürchte, da hätten sich die Macher etwas mehr Mühe geben müssen, um wenigstens eine Zielgruppe zufriedenzustellen: entweder die Fans des Spiels oder unbedarfte Kinogänger. Aus der Verfilmung werden beide Gruppen ratlos rauskommen. Fans werden sich fragen, warum man für 125 Millionen Dollar nicht lieber eine ordentliche Spielfortsetzung produziert hat. Der unbedarfte Zuschauer wird sich fragen, wie es so ein Spiel auf insgesamt neun Auflagen bringen konnte, und angesichts des Kultstatus des zugrundeliegenden Spiels wird er sich in Kulturpessimismus üben.

Insofern heißt es ausharren, bis vielleicht mal jemand eine Science-Fiction-Screwball-Komödie aus dem Spieleklassiker „Day of the Tentacle“ von LucasArts erstellt – da kann man eigentlich nichts falsch machen.

Videospiel-Verfilmungen bei „Die Nacht der lebenden Texte“:

It Came from the Desert (Horrorkomödie, FIN/GB/KAN 2017)
Assassin’s Creed (SF-Abenteuer, GB/F/HK/USA 2016)
Dead Rising – Endgame (Horror-Action, USA 2016)
Kingsglaive – Final Fantasy XV (Computertrick-Fantasy-Action, USA/JAP 2016)
Ratchet & Clank (Computertrick-Fantasy-Action, HK/KAN/USA 2016)
Resident Evil – The Final Chapter (Horror-Action, F/D/KAN/AUS 2016)
Warcraft – The Beginning (Fantasy-Action, USA 2016)
Dead Rising – Watchtower (Horror-Action, USA 2015)
Hitman – Agent 47 (Actionthriller, USA/D 2015)
FPS – First Person Shooter (Horror-Action, D 2014)
Heavenly Sword (Computertrick-Fantasy-Action, USA 2014)
Street Fighter – Assassin’s Fist (Action, GB 2014)
Silent Hill – Revelation (Horror, F/KAN 2012, geplant)
Prince of Persia – Der Sand der Zeit (Fantasy-Abenteuer, USA 2010, geplant)
Hitman – Jeder stirbt alleine (Actionthriller, F/USA 2007)
Silent Hill – Willkommen in der Hölle (Horror, KAN/F/JAP 2006)
Alone in the Dark (SF-Horror, KAN/D/USA 2005, geplant)
Super Mario Bros. (Fantasy-Abenteuer, USA 1993, geplant)

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Gestern Lord und Lady Macbeth, heute Weltverschwörer

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Marion Cotillard sind in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit Michael Fassbender, Brendan Gleeson und/oder Jeremy Irons in der Rubrik Schauspieler.

Länge: 116 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Assassin’s Creed
GB/F/HK/USA 2016
Regie: Justin Kurzel
Drehbuch: Michael Lesslie, Adam Cooper, Bill Collage
Besetzung: Michael Fassbender, Marion Cotillard, Jeremy Irons, Brendan Gleeson, Charlotte Rampling, Michael Kenneth Williams, Callum Turner, Carlos Bardem, Javier Gutiérrez, Michelle H. Lin
Verleih: Twentieth Century Fox

Copyright 2016 by Lutz R. Bierend

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2016 Twentieth Century Fox / Ubisoft Motion Pictures

 
2 Kommentare

Verfasst von - 2016/12/27 in Film, Kino, Rezensionen

 

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