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Pirates of the Caribbean – Salazars Rache: Eine letzte Fahrt – oder doch noch nicht?

Pirates of the Caribbean – Dead Men Tell No Tales

Kinostart: 25. Mai 2017

Von Matthias Holm

Fantasy-Abenteuer // 14 Jahre ist es inzwischen her, dass Johnny Depp als Captain Jack Sparrow in „Fluch der Karibik“ gegen untote Piraten antreten musste. Der Mix aus wunderschönen Schauplätzen, interessanter Mythologie und erinnerungswürdigen Figuren war so erfolgreich, dass bis 2011 drei Sequels folgten. Doch bereits Teil drei war vielen Zuschauern zu überladen und der vierte Film war schlichtweg langweilig. Skepsis war also angesagt, als ein fünfter Teil der Saga angekündigt wurde. Statt Gore Verbinski (Teil eins bis drei) und Rob Marshall (Teil vier) übernahmen die beiden Norweger Joachim Rønning und Espen Sandberg („Max Manus“, „Kon-Tiki“) die Regie.

Jack und seine „Black Pearl“

Jack Sparrow (Johnny Depp) ging es schon mal besser: Seine Crew steht nicht unbedingt loyal zu ihm und sein Schiff, die „Black Pearl“, ist als Buddelschiff in einer Flasche gefangen. Doch als er seinen magischen Kompass gegen Rum eintauscht, kommt es noch schlimmer – so wird der böse Captain Salazar (Javier Bardem) befreit. Den hat Jack in seiner Jugend in eine Falle gelockt, seitdem sinnt sein Geist auf Rache. Zum Glück stolpert Jack über den jungen Henry (Brenton Thwaits), der auf der Suche nach dem Dreizack von Poseidon ist, der sämtliche Flüche der See aufheben kann und so auch die Geister vertreiben würde. Wie es der Zufall so will, liegt die Karte zum Dreizack in den Händen der Forscherin Carina Smyth (Kaya Scodelario), die schon Bekanntschaft mit Henry gemacht hat.

Neue Helden braucht das Land

Leider gestaltet sich diese Schnitzeljagd eher überraschungsarm. Wie die eigentliche Geschichte ausgeht und welche Wendungen sie nimmt, ahnt jeder, der schon mal einen Film gesehen hat. Doch das war nie die Stärke des „Pirates of the Caribbean“-Franchises. Natürlich liefert ein Johnny Depp als Jack Sparrow seine gewohnt gute Performance, genauso wie Geoffrey Rush als Barbossa, eine weitere Konstante der Filme. Wer jedoch angenehm überrascht, sind die beiden Neuzugänge auf der Heldenseite: Brenton Thwaites („Hüter der Erinnerung – The Giver“, „Gods of Egypt“) und Kaya Scodelario („Maze Runner – Die Auserwählten im Labyrinth“ & „… in der Brandwüste) ergänzen einander hervorragend und spielen sich in den Dialogen immer wieder gegenseitig die Bälle zu. Henry als abergläubischer Seefahrer, der schon den einen oder anderen Kontakt mit Geistern und dergleichen hatte, und Carina, die fest an die Wissenschaft und nicht an Magie glaubt – das sind interessante Gegensätze.

Carina und Henry kommen einander näher

Über jeden Zweifel erhaben ist Oscar-Preisträger Javier Bardem („No Country for Old Men“). Im Gegensatz zu Ian McShane, der den Bösewicht des vierten Teils mimte, geht von Bardem eine konstante Bedrohung aus, wenn er zum Beispiel in seinem Hass auf Piraten skrupellos Barbossas Crew dezimiert. Einen großen Anteil am Funktionieren dieser Szenen hat auch das Figurendesign. Salazar sieht so aus, als befinde er sich ständig unter Wasser, seine Abzeichen und Haare scheinen durch die Luft zu gleiten. Dazu fehlen ihm Hautfetzen im Gesicht, was sein bedrohliches Auftreten unterstreicht.

Salazar macht Jagd auf Jack

Ohnehin ist die Optik das größte Pluspunkt des Films. Wenn die Piraten durch eine karibische Hafenstadt fliehen oder Salazars Schiff wortwörtlich andere Segler verschlingt, ist das schlichtweg beeindruckend. Wie man es von dem Franchise aus dem Hause des Produzenten Jerry Bruckheimer dann auch gewohnt ist, gibt es Actionsequenzen, die absolut unrealistisch sind. Doch wo sich die anderen Filme in ihrem Bombast wälzten, ist sich „Salazars Rache“ stets bewusst, wie übertrieben das alles ist, und macht sich daraus das eine oder andere Späßchen.

Mal wieder eine Szene nach dem Abspann

Am besten ist der Film immer dann, wenn er die Fans des Franchises anspricht. Es gibt einige Momente, die darauf konzipiert sind, Gänsehaut zu verursachen, und die dies zuverlässig schaffen, ohne peinlich zu wirken. Als Beispiel sei Jacks Ernennung zum Captain erwähnt, bei der er verschiedene Gegenstände bekommt, die er immer noch herumträgt. Es gibt viele solche kleinen Verweise, unterlegt mit den nach wie vor großartigen Musikstücken des ersten Teils. Vor allem gelingt dem Action-Abenteuer etwas, das man ihm nicht zugetraut hätte – einen wirklich würdigen Abschluss. Wenn da nur nicht diese blöde After-Credit-Szene wäre …

Mach mal „Aaah“!

„Pirates of the Caribbean – Salazars Rache“ ist kein herausragendes Abenteuer wie der erste Teil. Und doch schafft er es, Captain Jack Sparrow und seiner Crew eine würdige letzte (oder vorletzte? Oder vorvorletzte?) Fahrt zu spendieren. Das Drehbuch hätte ruhig straffer sein können, aber sowohl die lieb gewonnen alten als auch die gelungenen neuen Figuren lassen es nie langweilig im Kino werden. Jo-hoo – und ‘ne Buddel voll Rum.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Johnny Depp sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Länge: 129 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Pirates of the Caribbean – Dead Men Tell No Tales
USA 2017
Regie: Joachim Rønning, Espen Sandberg
Drehbuch: Jeff Nathanson, Terry Rossio
Besetzung: Johnny Depp, Javier Bardem, Brenton Thwaits, Kaya Scodelario, Geoffrey Rush, Kevin McNally, David Wenham, Stephen Graham
Verleih: Walt Disney Studios Motion Picture Germany

Copyright 2017 by Matthias Holm

Filmplakate, Fotos & Trailer: © 2017 Disney Enterprises Inc. All Rights Reserved.

 
2 Kommentare

Verfasst von - 2017/05/23 in Film, Kino, Rezensionen

 

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Ridley Scott (V): Black Hawk Down – Tödliches Fiasko in Somalia

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Black Hawk Down

Von Volker Schönenberger

Only the dead have seen the end of war. (Texttafel zu Beginn des Films, fälschlicherweise Plato zugeschrieben)

Kriegs-Action // 18 US-Soldaten sowie ein zu einer UNO-Mission gehörender Malaye starben am 3. und 4. Oktober 1993 während der Schlacht von Mogadischu im somalischen Bürgerkrieg – ein weiterer GI kam zwei Tage später ums Leben. Eine geringe Zahl, vergleicht man sie mit den geschätzt etwa 1.000 getöteten Somaliern auf der Gegenseite, doch höhere Verluste hatte es seit Vietnam nicht gegeben. Die US-Toten resultierten aus dem Abschuss zweier Transporthubschrauber vom Typ Sikorsky UH-60 – genannt „Black Hawk“ während eines Einsatzes in Mogadischu. Ich entsinne mich noch an die Fernsehbilder von damals: Zwei tote US-Soldaten wurden von wütenden Somaliern durch den Staub geschleift. Das brannte sich ins kollektive Gedächtnis ein.

Der Journalist Mark Bowden verfasste für die Tageszeitung The Philadelphia Inquirer eine Reihe von Artikeln über den Konflikt in Somalia und die Ereignisse jener Tage. 1999 fasste er sie in Buchform unter dem Titel Black Hawk Down – A Story of Modern War zusammen, in Deutschland als „Black Hawk Down – Kein Mann bleibt zurück“ erschienen. Von dort war es nur noch ein kurzer Weg, bis sich Hollywood in Gestalt von Regisseur Ridley Scott der Geschichte annahm.

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Zu Beginn erhalten wir einen kurzen Abriss über die Situation in Somalia 1992. Einblendungen nennen 300.000 Tote als Opfer der Hungersnot in Somalia, Folge andauernder Kriege rivalisierender Clans im Lande. Der Warlord Mohammed Farah Aidid kontrolliert Mogadischu und fängt Hilfslieferungen der internationalen Völkergemeinschaft ab. 20.000 US-Marines sichern die Versorgung der hungernden Bevölkerung, doch nach ihrem Abzug nimmt Aidid ab April 1993 die verbleibenden UN-Truppen ins Visier. Nun gerät der Warlord selbst ins Visier: Im August des Jahres machen sich Angehörige der Delta Force, der Army Rangers und Mitglieder des 160th SOAR auf, Aidid auszuschalten.

Tödlicher Irrtum: Es wird ein kurzer Einsatz

Ein schwer bewaffneter „Black Hawk“ kreist über einer Nahrungsmittelausgabe des Roten Kreuzes. Milizionäre Aidids schießen gnadenlos in die Menge, doch die US-Soldaten erhalten keine Genehmigung einzugreifen. Bald darauf geht es in den Einsatz, um zwei wichtige Berater Aidids zu fassen. Staff Sergeant Matthew Eversmann (Josh Hartnett, „Pearl Harbor“) erhält das Kommando über eine Einheit der Rangers, die zum Feuerschutz eingeteilt ist, Männer der Delta Force sollen die Zielpersonen fassen. Ein vermeintlich leichter Einsatz beginnt, eine halbe Stunde später wird er wohl beendet sein, so glauben die Soldaten, lassen Wasser und Nachtsichtgeräte als überflüssigen Ballast zurück. Als sich die „Black Hawks“ in die Luft erheben, ahnt keiner, was für ein Höllenritt ihnen bevorsteht. Bald muss General William F. Garrison (Sam Shepard, „Der Stoff aus dem die Helden sind“) über Funk hören: „We got a Black Hawk Down.“

Stars und kommende Stars am Start

Als Somalia musste Marokko herhalten. Geballte Starpower oder kommende Starpower streifte sich dort die Uniform über: In verschiedenen Rängen und mit mal mehr, mal weniger Leinwandzeit sehen wir Ewan McGregor („Star Wars: Episode I – Die dunkle Bedrohung“), William Fichtner („Lone Ranger“), Eric Bana („München“), Orlando Bloom („Fluch der Karibik“), Jeremy Piven („Entourage“), Nikolaj Costa-Waldau („Game of Thrones“) und Tom Sizemore („Natural Born Killers“) sowie Tom Hardy („Mad Max – Fury Road“) in seinem Kinodebüt.

Sonderlich fordernd oder gar ausgefeilt ist keine ihrer Rollen, denn Ridley Scott und seinem Produzenten Jerry Bruckheimer geht es nach einer etwa vierzigminütigen Exposition in erster Linie um eins: Action! Die folgenden gut anderthalb Stunden sind eine Orgie aus Schüssen und Einschlägen, Raketenwerfern und Explosionen, Stahl und Staub, Straßenkampf und Tod.

Kritik – Fehlanzeige

Sie sind Helden! Ähnlich wie ein Jahr später in Randall Wallaces „Wir waren Helden“ mit Mel Gibson geht es in „Black Hawk Down“ den eingangs skizzierten Ausführungen zum Trotz zu keinem Zeitpunkt um eine kritische Auseinandersetzung mit dem Konflikt oder gar der amerikanischen Intervention. Kein Wunder, unterstützte die US-Army die Produktion doch nach Kräften. Die Kerle erleiden zwar Todesangst und Schmerzen in nicht zu knapper Dosis, aber sie tragen allesamt das Herz auf dem rechten Fleck, setzen sich für ihre Kameraden ein, harren geduldig aus oder dringen zu den Eingeschlossenen vor. Immerhin verzichtet Scott auf die Inszenierung von US-Patriotismus. Die Somalier auf der anderen Seite werden nicht einer einzigen individuellen Porträtierung gewürdigt. Aidids Truppen haben zu Beginn Zivilisten und Landsleute abgeknallt, das muss wohl als Charakterisierung reichen. Ganze zwei Somalier haben nennenswerte Textzeilen auf den Leib geschrieben bekommen, ansonsten sind sie dunkle Schemen, todbringende Schatten, die von Dächern schießen.

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Nichts gegen die Action, sie ist mitreißend inszeniert und verursacht schweißnasse Handflächen. Von Hans Zimmers Score passend untermalt, kommt der Zuschauer – Männer bilden das Zielpublikum – nicht umhin, mit den US-Soldaten mitzufiebern wie General Garrison: aus der Ferne und in Sicherheit. Apropos Männer: Frauenrollen gibt es keine einzige. Das hätte zwar ohnehin nicht recht gepasst, ist aber dennoch bemerkenswert.

Ausgezeichnet mit zwei Oscars

Die Kamera und Ridley Scotts Regie wurden für den Oscar nominiert. Dass Scott bei den Academy Awards 2002 Ron Howards Regie für „A Beautiful Mind – Genie und Wahnsinn“ unterlag, geht völlig in Ordnung, bei aller Wucht der Action wäre ein Oscar für eine derartig eindimensionale Inszenierung zu viel des Guten gewesen. Die beiden Oscars für den Schnitt und den Ton hingegen kann man dem Film ruhig zugestehen. Technisch ist „Black Hawk Down“ über alle Zweifel erhaben. Als Hochglanzprodukt ist er prädestiniert, auf Blu-ray gesichtet zu werden. Der HD-Transfer bringt das scharfe und kontrastreiche Bild perfekt zur Geltung, trotz der überbordenden Action behält der Zuschauer den Überblick. Wer nach dem 144-minütigen Inferno noch nicht genug hat, kann sich das Featurette „The Essence of Combat – Making Black Hawk Down“ geben, das mit 151 Minuten sogar noch länger als der Film geraten ist. Tipp für Steelbook-Sammler, die keine deutsche Tonspur benötigen: Das im Vereinigten Königreich erschienene (siehe oben) sieht deutlich besser aus als das deutsche (siehe unten).

In puncto Kriegs-Action bietet „Black Hawk Down“ großes Kino, als Kriegsdrama versagt der Film auf ganzer Linie.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Ridley Scott sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Ewan McGregor und/oder Tom Hardy in der Rubrik Schauspieler.

Veröffentlichung: 4. Januar 2013 als 2-Disc Edition (Blu-ray & DVD) im Steelbook, 8. Juli 2011 als Blu-ray im Steelbook, 9. September 2010 als Blu-ray, 3. September 2010 & 1. April 2004 als DVD, 1. Februar 2007 als Oscar Edition DVD, 14. September 2006 als 3-Disc Deluxe Edition Bulletproof Collection DVD, 20. März 2003 als 2-Disc Special Edition DVD

Länge: 144 Min. (Blu-ray), 138 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Black Hawk Down
USA/GB 2001
Regie: Ridley Scott
Drehbuch: Ken Nolan, nach einer Vorlage von Mark Bowden
Besetzung: Josh Hartnett, Ewan McGregor, Tom Sizemore, Eric Bana, William Fichtner, Ewen Bremner, Sam Shepard, Gabriel Casseus, Kim Coates, Hugh Dancy, Jason Isaacs, Jeremy Piven, Tom Hardy
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit US-Special Forces Veteranen 1993, Audiokommentar von Mark Bowden und Ken Nolan, Audiokommentar von Ridley Scott und Jerry Bruckheimer, Interviews mit Cast & Crew, Featurette „The Essence of Combat – Making Black Hawk Down“, Image and Design, entfallene und alternative Szenen, Hinter den Kulissen, Kinotrailer
Vertrieb: Universum Film

Copyright 2017 by Volker Schönenberger

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Fotos & Packshot: © Universum Film

 

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Tonto und der Lone Ranger reiten wieder

The Lone Ranger

Kinostart: 8. August 2013

Von Volker Schönenberger

Western-Abenteuer // Mit dem Besuch der deutschen Pressevorführungen von „Lone Ranger“ verpflichteten sich Journalisten, vor dem 20. Juli keine Filmkritiken zu veröffentlichen – ob online oder gedruckt. Dieses Embargo verwundert etwas, kann sich doch jeder Interessierte an den Fingern einer Hand ausrechnen, was er zu erwarten hat: Es produzierte Bombast-Experte Jerry Bruckheimer, auf dem Regiestuhl saß Gore Verbinski, eine Hauptrolle hat zudem Johnny Depp. Klare Sache: „Fluch der Karibik“ im Wilden Westen! An dieser Formulierung kommt auch der Blog „Die Nacht der lebenden Texte“ nicht vorbei, auch wenn man sie so oder ähnlich vermutlich vielerorts lesen kann.

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Ungleiches Duo: Tonto und der Lone Ranger

In der Tat: Wer die Filme der „Fluch der Karibik“-Reihe mag, wird auch an „Lone Ranger“ Gefallen finden. Knallbuntes Over-the-Top-Kino mit prachtvollen Bildern, kostümierten Figuren, mehr oder minder strahlenden Helden, finsteren Schurken und einem furiosen Finale – genau das war zu erwarten, genau das wird geboten. Insofern ist der Name Jerry Bruckheimer mittlerweile ein Gütesiegel der Verlässlichkeit.

Ist man als Filmrezensent etwas missgünstiger gestimmt, bietet „Lone Ranger“ ausreichend Angriffspunkte für einen gepflegten Verriss. Das gilt diesmal leider auch für Johnny Depps Figur des Indianers Tonto. War Depps Captain Jack Sparrow noch eine überaus originelle Piratenkarikatur mit viel Charme, so ist Tonto leider nicht viel mehr als eine Kopie, für die Sparrow die Blaupause abgegeben hat. Zu sehr ähnelt das verhuschte, bisweilen linkische Gebaren des Indianers dem Möchtegern-Piratenkapitän. Selbst die Augen sind wieder schwarz geschminkt. Etwas mehr Originalität hätte Tonto gutgetan, auch wenn er für sich genommen Spaß bereitet. Aber vielleicht tun wir der Gestaltung der Figur auch Unrecht, wenn wir ihr eine allzu große Nähe zu Sparrow unterstellen. Tontos Make-up immerhin ist inspiriert von „I Am Crow“, einem Gemälde von Kirby Sattler.

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Die Vorlage für Tontos Make-up: I am Crow painting by Kirby Sattler (used by kind permission)

Ein weiterer Kritikpunkt ist der Soundtrack. Die Bruckheimerisierung der Filmmusik schreitet unaufhaltsam voran, kaum mal gibt es Sequenzen ohne übermäßigen Orchestereinsatz. Ist keine Spannung vorhanden, erzeugt man sie eben mittels Musik. Okay – verantwortlich ist Hans Zimmer, immerhin neunfach Oscar-nominiert und 1994 für „Der König der Löwen“ auch -prämiert. Der Mann kann’s ja, und letztlich passt der Bombast der Musik zu dem der Inszenierung. Die eine oder andere Sequenz hätte aber mittels etwas zurückgenommener Westernmusik gewonnen.

Stichwort Western – wer sie eher puristisch wahrnimmt, wird an „Lone Ranger“ keine uneingeschränkte Freude haben. Zwar werden die Versatzstücke des Genres wie an einer Perlenschnur aufgereiht, echte Westernstimmung kommt jedoch kaum auf. Dabei wurde an bewährten Orten gedreht – die Filmfans seit den Zeiten eines John Ford ins Gedächtnis gebrannten Felsformationen des Monument Valley beispielsweise sind deutlich ins Bild gesetzt, leider auch deutlich weniger stimmungsvoll als bei Ford. Wir bekommen den Bau der Eisenbahnen samt chinesischer Kulis zu sehen, die von Barry Pepper („Snitch – Ein riskanter Deal“) mit viel Pep verkörperte Karikatur eines General-Custer-Kavallerie-Offiziers und mit Butch Cavendish einen diabolischen Bösewicht, dessen Verkörperung Schauspieler William Fichtner („Elysium“) sichtlich Spaß bereitet hat. Die illustre Besetzung vervollständigt Helena Bonham Carter als Puffmutter mit Beinprothese aus Elfenbein. Dazu eine Menge Indianer – fertig ist die Laube.

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Tonto beäugt des Lone Rangers Pferd

Die Haupthandlung des Films ist in eine charmante Rahmengeschichte eingebettet, in der ein als Cowboy verkleideter Knirps (Mason Elston Cook) 1933 auf dem Jahrmarkt ein Zelt mit einer Westernausstellung betritt. Eines der Exponate erweist sich als quicklebendiger Indianergreis – Tonto (Johnny Depp). Der erzählt dem Jungen die Geschichte, wie einige Jahre nach dem amerikanischen Bürgerkrieg ein neuer Staatsanwalt per Bahn in einem Kaff im Westen ankommt: John Reid (Armie Hammer), dessen Bruder Dan (James Badge Dale) dort ein angesehener Texas Ranger ist. Dans Frau Rebecca (Ruth Wilson) verbinden ein paar romantische Erinnerungen mit John Reid, doch das bleibt vorerst zweitrangig, denn flugs gilt es, den von seiner Gang befreiten Butch Cavendish zu verfolgen. Dabei stellt sich John Reid eher wie ein Greenhorn an. Wie aus dem unbeholfenen Städter einmal der „Lone Ranger“ werden soll, fragt sich nicht nur Tonto.

Der tapfere „Lone Ranger“ und sein indianischer Freund Tonto gehören in den USA zum Allgemeingut. Erstmals erblickten die beiden 1933 in einer Hörspielreihe fürs Radio das Licht der Welt. Später folgten Bücher, Comics, eine TV-Serie und andere Formate. Von diversen Spielfilmvarianten sei „Die Legende vom Lone Ranger“ (1981) genannt, der in Deutschland jüngst als Blu-ray und DVD erschienen ist. Christopher Lloyd („Zurück in die Zukunft“) verkörpert darin den Schurken Butch Cavendish.

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Butch Cavendish führt Übles im Schilde

Zurück zum aktuellen Bruckheimer-Film: Während der Dreharbeiten fiel Johnny Depp einmal spektakulär vom Pferd und geriet unter das Tier, das jedoch über ihn hinwegsprang. Depp trug nur einige leichte Blessuren davon. Hauptdarsteller Armie Hammer begann seine Schauspielkarriere mit Gastrollen in TV-Serien, bevor er 2010 mit „The Social Network“ einem breiteren Publikum bekannt wurde. Ein Jahr später spielte er in Clint Eastwoods „J. Edgar“. Die Figur des „Lone Ranger“ ist seine mit Abstand größte und spektakulärste Rolle, weshalb er zweifellos nichts dagegen einzuwenden hätte, wenn der Film ähnlich viele Fortsetzungen nach sich zöge wie „Fluch der Karibik“. Von der Reihe soll 2015 Teil 5 in die Kinos kommen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Johnny Depp sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Länge: 149 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: The Lone Ranger
USA 2013
Regie: Gore Verbinski
Drehbuch: Justin Haythe, Ted Elliott, Terry Rossio
Besetzung: Johnny Depp, Armie Hammer, Helena Bonham Carter, Barry Pepper, William Fichtner, James Badge Dale, Tom Wilkinson
Verleih: Walt Disney Studios Motion Pictures Germany

Copyright 2013 by Volker Schönenberger

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2012 Disney and Jerry Bruckheimer, Inc. (I Am Crow © Kirby Sattler)

 

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