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Es – Kapitel 2: Pennywise wütet wieder

It – Chapter Two

Kinostart: 5. September 2019

Von Volker Schönenberger

Horror // Trauen die Verantwortlichen von Warner ihrem eigenen Werk nicht? Anfangs galt für uns Besucherinnen und Besucher der deutschen Pressevorführungen von „Es – Kapitel 2“ ein sogenanntes Embargo bis einschließlich 29. August. Mit der Teilnahme an einer Pressevorführung erklärten wir uns demnach damit einverstanden, unsere Filmkritiken erst nach dem Datum zu veröffentlichen. Als sei das nicht genug, verlängerte Warner das Embargo am 28. August sogar bis Dienstag, 3. September, 18 Uhr. Der Gedanke liegt nahe, dass der Verleih fürchtet, zu viele kritische Rezensionen könnten den Publikumszuspruch am wichtigen Startwochenende verringern. Am Rande bemerkt: Ich habe keine Ahnung, ob die Missachtung eines solchen Embargos durch einen Rezensenten justiziabel wäre, aber er liefe natürlich mindestens Gefahr, aus dem Verteiler der zuständigen Agentur gestrichen und künftig nicht mehr zu Warner-Pressevorführungen eingeladen zu werden. Und wenn ich schon eingeladen werde, gratis die neuesten Filme zu schauen, bricht mir kein Zacken aus der Krone, mich ein paar Vorgaben zu unterwerfen. Ohne das verlängerte Embargo hätte ich diesen Text am Montag vor Kinostart veröffentlicht, nun ist es der Dienstagabend geworden, davon hängt das Wohl oder Wehe von „Die Nacht der lebenden Texte“ sicher nicht ab.

Kann Teil 2 den Vorgänger an den Kinokassen toppen?

So oder so gibt der Erfolg des Vorgängers jedenfalls keinen Anlass zu Befürchtungen, gelang es „Es“ 2017 doch fast aus dem Stand, mit einem weltweiten Einspielergebnis von mehr als 700 Millionen US-Dollar zum erfolgreichsten Horrorfilm an den Kinokassen überhaupt zu werden. Respektabel vor allem angesichts des vergleichsweise schmalen Budgets von 35 Millionen Dollar. Ob Teil 2 nennenswert mehr gekostet hat, habe ich noch nicht herausgefunden, aber da bereits fürs Startwochenende Einnahmen von mehr als 100 Millionen Dollar prognostiziert werden, ist wohl nicht zu befürchten, dass die Fortsetzung floppt.

Nach 27 Jahren wieder vereint

Aufgrund des Prologs werden einige Kinogänger den Produzenten von „Es – Kapitel 2“ wohl vorwerfen, zwanghaft Diversität im Film untergebracht zu haben. Lernen wir doch zu Beginn ein schwules Paar kennen, das am Rande einer Kirmes in Derry (Maine) auf eine Gruppe homophober Halbstarker trifft. Die Konfrontation ruft alsbald den Clown Pennywise (Bill Skarsgård) auf den Plan. Ein gelungener Auftakt, auch wenn es etwas klischeehaft wirkt, dass junge Provinzler etwas gegen Schwule in ihrer Hood haben. Das Szenario stammt aber aus der Vorlage und wirkt nun mal nicht aus der Welt gegriffen – Klischees greifen ja oft reale Szenarien auf. Zwanghaft wirkt das hier keinesfalls, vielmehr bieten die Homosexualität des Paars und die feindselige Haltung ihrer Kontrahenten Gelegenheit, auf schlüssige Weise eine frühe Eskalation herbeizuführen.

Rückkehr nach Derry nach 27 Jahren

Wir befinden uns 27 Jahre nach den Ereignissen des Ende der 1980er-Jahre angesiedelten ersten Kapitels. Mike Hanlon (Isaiah Mustafa) ist als einziges Mitglied des „Clubs der Verlierer“ in Derry geblieben – er arbeitet als Bibliothekar. Weil erneut Kinder und junge Leute verschwinden, vermutet er völlig zu Recht, dass das Böse in Gestalt von Pennywise erwacht ist und wieder sein Unheil treibt. Also greift Mike zum Telefon und ruft nach und nach seine ehemaligen Freunde Bill (James McAvoy), Eddie (James Ransone), Stanley (Andy Bean), Richie (Bill Hader) und Ben (Jay Ryan) sowie Beverly (Jessica Chastain) an und erinnert sie an den Schwur, den sie einst mit Blut geleistet haben: Falls das Böse zurückkehrt, werden sie sich ihm noch einmal gemeinsam entgegenstellen. Alle sagen zu, ihrem Eid Folge zu leisten, wenn auch bei dem einen oder anderen das Zähneknirschen deutlich zu vernehmen ist.

Der Club der Verlierer ist erwachsen geworden

Da alle Mitglieder des Clubs der Verlierer zu ihrem Recht kommen und gebührend ausgeleuchtet werden, geht die Länge von gut zweidreiviertel Stunden völlig in Ordnung, und es kommt bei all den Hintergründen in meinen Augen nicht zu Längen. Regisseur Andy Muschietti zollt in „Es – Kapitel 2“ nun auch Stephen Kings Erzählstruktur des Romans seinen Respekt, indem er ein paar Rückblenden zum Geschehen des Vorgängers einbaut – neue Szenen, die wir seinerzeit nicht zu sehen bekommen haben. Im Roman hat King die beiden Zeitleisten Kindheit und Erwachsenenalter ja parallel ablaufen lassen, damit hatte Teil 1 völlig gebrochen, indem er sich ausschließlich auf den Kindheits-Erzählstrang stürzte.

Starpower mit Jessica Chastain und James McAvoy

Mit dem Auftreten unserer Helden inklusive einer Heldin sind nun auch positiv besetzte Erwachsenenfiguren zu bemerken – daran mangelte es dem Vorgänger ja komplett, wohl nicht von ungefähr. Dank Jessica Chastain („Interstellar“) und James McAvoy („X-Men“-Reihe), die bereits bei „Das Verschwinden der Eleanor Rigby“ (2013/2014) und „X-Men – Dark Phoenix“ (2019) gemeinsam vor der Kamera standen, bietet die Besetzung große Starpower auf. An der Schauspielkunst gibt es demnach auch nichts zu mäkeln. Als Szenendieb erweist sich ab und zu Bill Hader, der als Komiker unter anderem bei „Saturday Night Live“ natürlich auch gelernt hat, mit viel Witz im Vordergrund zu stehen. An Bill Skarsgårds Interpretation des Pennywise werden sich die Geister wieder scheiden: Viele beinharte Fans von Tim Currys Verkörperung des Clowns ließen kein gutes Haar an Skarsgård, wer sich von derlei nostalgischen Erwägungen freimachen kann oder diese gegenüber der 1990er-Miniserie nie entwickelt hat, wird anerkennen, dass der neue Pennywise einfach zum Fürchten ist – und eine gelungene Kombination von Skarsgårds darstellerischem Können, dem vermeintlich lustigen Make-up und einigen am Computer entstandenen verzerrenden Effekten.

Doch Pennywise lauert schon wieder

Das Finale verkommt in meinen Augen ein wenig zum Effektspektakel. An der technischen Umsetzung will ich gar nicht herummäkeln, am CGI ist nichts auszusetzen. Pennywise wird sich monströs verändern, damit kann sowieso jeder Kinogänger rechnen, insofern verrate ich nicht zu viel. Bis ins Letzte zufrieden bin ich aber nicht, die finale Konfrontation wirkt etwas unrund. Daran krankte bereits die 1990er-Verfilmung, wenn ich mich recht entsinne. Lag es am Ende am Finale von Stephen Kings Romanvorlage? Ich will gar nicht in Anspruch nehmen, meine Kritik für allgemeingültig zu halten – vielen anderen wird der große Endkampf zwischen dem Club der Verlierer und Pennywise sicher gefallen. Viel Zeit zum Atemholen bleibt dabei nicht.

Die Ruhe vor dem Sturm

Die Aufteilung auf zwei Kinofilme von jeweils schon stattlicher Länge ergibt angesichts der mehr als 1.000 Seiten von Stephen Kings Romanvorlage natürlich Sinn und bietet den Produzenten obendrein Gelegenheit, noch mehr Geld zu scheffeln: Für beide Teile sind Langfassungen angekündigt, wobei der Extended Cut des ersten Teils auf sich warten lässt – Andy Muschietti hatte ihn Ende 2017 bereits für 2018 angekündigt. Es wäre nicht verwunderlich, wenn auch der zweite Teil ein paar Monate nach der Kinoauswertung vorerst nur in der Kinofassung auf Blu-ray und DVD sowie online veröffentlicht wird. Dann kann man Käuferinnen und Käufern Einzel-Editionen beider Filme und auch Doppelpacks anbieten. Wenn dann die Langfassungen kommen, werden viele erneut zuschlagen. Ich fasse mich in Geduld, die reinen Kinofassungen werde ich mir für daheim jedenfalls bei aller Qualität nicht zulegen. In meinen Augen sind beide Teile rund, Handlungsstränge oder tiefere Enthüllungen habe ich nicht vermisst.

Beverly in Bedrängnis

Da wir gerade bei „Money Talks“ sind: Der zweite Teil ist noch nicht mal angelaufen, schon kursieren in Hollywood Gerüchte von „It – Chapter Three“. Wer glaubt, das sei unmöglich, weil Stephen Kings Roman mit den beiden Neuverfilmungen inklusive möglicher Extended Cuts doch zu Ende erzählt worden ist, wird sich womöglich in wenigen Jahren eines Besseren belehren lassen müssen – erst recht, sollte Teil 2 annähernd das Einspielergebnis des Vorgängers erreichen oder es sogar übertreffen. In der Vergangenheit ist es der Filmindustrie ein Leichtes gewesen, ein vermeintlich endgültig getötetes Monster wieder zum Leben zu erwecken. Außerdem geben gewisse Andeutungen über die Vergangenheit der sich in Gestalt des Clowns Pennywise manifestierten bösartigen Lebensform Gelegenheit zu dem einen oder anderen Prequel, zumal es im Film bei kurzen Einsprengseln bleibt. „It – Chapter Zero“ ist daher gut denkbar. Einstweilen bleibt zu konstatieren, dass „Es – Kapitel 2“ das hohe Niveau des Vorgängers mit ein paar Abstrichen weitgehend hält. Wer 2017 an „Es“ Gefallen fand, kann völlig unbesorgt das Kinoticket des Sequels lösen.

Stephen King – für Kino und Puschenkino gesetzt

Fans des Horror-Großmeisters können ohnehin frohlocken: Ein Blick auf den IMDb-Eintrag von Stephen King verrät, dass massig Verfilmungen in Vorbereitung sind, darunter eine neue Serien-Umsetzung von „The Stand – Das letzte Gefecht“, eine Serie zu „Der dunkle Turm“ (dem Kinofilm „Der dunkle Turm“ war 2017 ja nur wenig Erfolg beschieden) sowie Adaptionen von „The Tommyknockers“, „The Talisman“ und „Cujo“. Im Kino können wir in Kürze mit der Quasi-„Shining“-Fortsetzung „Doctor Sleep“ rechnen, in welcher immerhin Ewan McGregor den Part des übersinnlich begabten Danny Torrance übernimmt. Die Deutschlandpremiere ist für den 21. November angesetzt.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Stephen-King-Adaptionen haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgelistet. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Jessica Chastain sind in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgeführt, Filme mit James McAvoy unter Schauspieler.

Zum Showdown geht es in den Untergrund

Länge: 169 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: It – Chapter Two
KAN/USA 2019
Regie: Andy Muschietti
Drehbuch: Gary Dauberman, nach dem Roman von Stephen King
Besetzung: Bill Skarsgård, Jessica Chastain, James McAvoy, Bill Hader, Isaiah Mustafa, Jay Ryan, James Ransone, Finn Wolfhard, Sophia Lillis, Jack Dylan Grazer, Jaeden Martell, Nicholas Hamilton, Teach Grant, Jake Weary, Xavier Dolan, Javier Botet, Jess Weixler, Andy Bean
Verleih: Warner Bros. Entertainment GmbH

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Filmplakat, Szenenfotos & Trailer: © 2019 Warner Bros. Entertainment Inc.

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 2019/09/03 in Film, Kino, Rezensionen

 

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X-Men – Dark Phoenix: Die Tragik der Jean Grey

Dark Phoenix

Kinostart: 6. Juni 2019

Von Volker Schönenberger

Fantasy-Action // Das Überangebot an Kino-Superhelden aus Gelddruckmaschinen wie dem Marvel Cinematic Universe und dem DC Extended Universe hat mich zuletzt so genervt, dass ich sogar meiner Lieblingshelden „X-Men“ überdrüssig geworden bin und sowohl „X-Men – Apocalypse“ (2016) als auch „Logan“ (2017) bis dato nicht geschaut habe. Erstgenannten Film habe ich immerhin kürzlich nachgeholt. So kam die Einladung zur Pressevorführung von „X-Men – Dark Phoenix“ recht überraschend, weil ich den Film gar nicht auf dem Zettel hatte, und plötzlich verspürte ich auch wieder Lust dazu.

Heikler Einsatz im Weltraum

Im Presseheft ist vom „bis dato radikalsten ,X-Men‘-Film“ die Rede, von „diesem Höhepunkt der Superheldensaga“ und der „Krönung von fast zwanzig Jahren Superheldenfilmen“. Große Worte, die „X-Men – Dark Phoenix“ trotz unbestrittener Qualitäten nicht einlösen kann. In einem Prolog erhalten wir einen Einblick in ein tragisches Ereignis aus der Kindheit von Jean Grey (Summer Fontana). Die Haupthandlung setzt 1992 ein, vielleicht knapp zehn Jahre nach den Ereignissen von „X-Men – Apocalypse“. Menschen und Mutanten haben sich arrangiert und leben friedlich miteinander – doch es ist eine brüchige Gemeinschaft, wie sich später zeigen wird. Als Weltenretter genießen die X-Men den Status von Stars, sind beinahe schon im Boulevard angekommen. Als einer Raumfähre der NASA im Weltall Unheil durch ein außergewöhnliches Phänomen droht, schickt Professor Xavier (James McAvoy) ein Rettungsteam hinterher, dem unter anderen Hank McCoy alias Beast (Nicholas Hoult), Ororo Munroe alias Storm (Alexandra Shipp), Kurt Wagner alias Nightcrawler (Kodi Smit-McPhee) und Raven alias Mystique (Jennifer Lawrence) angehören. Auch Jean Grey (Sophie Turner) ist dabei, und nicht zuletzt ihren besonderen Fähigkeiten ist es zu verdanken, dass alle Astronauten der Raumfähre mit dem Leben davonkommen. Dabei jedoch wird sie der Wirkung des Phänomens voll ausgesetzt, was in der jungen Mutantin etwas auslöst, das ihre Gabe der Telepathie und Telekinese ins Unermessliche verstärkt. Nach und nach mutiert sie zu Dark Phoenix …

Eine außerirdische Bedrohung

Bald darauf erfährt Jean von Professor Xavier ein Detail ihrer familiären Vergangenheit, das dieser ihr bislang vorenthalten hatte und das sie bis ins Mark erschüttert. Sie verlässt die X-Men, um neue Erkenntnisse zu gewinnen, während ihr Zorn mehr und mehr wächst. Parallel erwächst Menschen wie Mutanten weiteres Ungemach: Außerirdische sind auf der Erde gelandet und haben sich der Körper einiger Menschen (u. a. Jessica Chastain) bemächtigt.

Auch Mystique ist mit von der Partie

Gleich im nächsten Teil nach „X-Men – Apocalypse“ droht also erneut das Ende der Menschheit inklusive der Mutanten. Das Endzeit-Szenario des Vorgängers war wuchtig und beeindruckend genug geraten, damit kann „X-Men – Dark Phoenix“ nicht mithalten. So mächtig die Außerirdischen auch sind, ihr Erscheinen scheint mir in erster Linie als eine Art Katalysator zu dienen, um den Fokus auf Jean Grey alias Phoenix zu legen – denn deren Fähigkeiten wecken bei den Aliens Begehrlichkeiten. Und daher kommt es auch keineswegs erneut zu Szenen, in denen die Welt am Abgrund steht, dafür aber zu einigen atemraubenden Begegnungen von Mutanten und Aliens in Menschengestalt. Speziell eine Sequenz in und auf einem auf den Gleisen dahinrasenden Militär-Zug hat es in sich. Angesichts der Größe der Bedrohung durch die Außerirdischen wäre es angebracht gewesen, dem mehr Raum oder zumindest den extraterrestrischen Wesen mehr Profil zu verleihen, das war aber aufgrund der Konzentration der Geschichte auf Jean Grey wohl nicht gewollt. So ganz überzeugt mich das nicht, eine Lösung kann ich dafür aber auch nicht anbieten – ich bin ja kein Drehbuchautor.

The Dark Phoenix Saga

Grundzüge der Handlung basieren auf der Comicvorlage „The Dark Phoenix Saga“. „Game of Thrones“-Star Sophie Turner verleiht Jean Grey das nötige Profil, um die schwierige Entwicklung der Figur glaubhaft zu machen. Da sich die erste Jean-Grey-Darstellerin Famke Jansen großer Beliebtheit erfreut, hat Sophie Turner mit ihrem nunmehr zweiten Auftritt in der Rolle kein leichtes Erbe angetreten, aber sie macht ihre Sache gut. Das gilt für auch für alle übrigen Schauspielerinnen und Schauspieler, Turners Leistung ist aber natürlich die bedeutsamste, da der Film mit ihrer Figur steht und fällt.

Jean Grey mutiert zu Dark Phoenix

Professor Charles Xavier wird gewohnt souverän von James McAvoy verkörpert, der ohnehin problemlos in die Fußstapfen des ersten Xavier-Darstellers Patrick „Captain Picard“ Stewart getreten und längst aus dessen Schatten herausgewachsen ist. Xaviers Heiligenschein bekommt diesmal ein paar trübe Flecken, welche die Figur interessanter machen, als sie sowieso ist. Er gefällt sich in der Rolle des Weltenretters und schickt seine Schützlinge in riskante Einsätze, ohne selbst etwas zu riskieren. Auch Erik Lehnsherr alias Magneto (Michael Fassbender) kommt zum Einsatz – einem „X-Men“-Film ohne ihn würde auch etwas fehlen. Bedauerlich genug, dass wir auf Wolverine verzichten müssen. Die Mutationen beziehungsweise besonderen Fähigkeiten der X-Men sind erwartungsgemäß technisch perfekt inszeniert.

Keine Pause von Hans Zimmer

Auch wenn ich mich damit für manche meiner Leserinnen und Leser zum Soundtrack-Banausen mache: Ich kann die typischen Hans-Zimmer-Scores langsam nicht mehr hören, die nahezu jede Szene bedeutungsschwanger aufladen. Vor allem nervt mich, dass es in Hollywood-Blockbustern wie diesem kaum noch Momente zu geben scheint, die ohne musikalische Untermalung auskommen. In den großen Actionszenen funktionieren Zimmers Klänge sehr gut, tragen zur Wirkung des Gezeigten wesentlich bei. In vielen anderen Sequenzen von „X-Men – Dark Phoenix“ hätte ich gern darauf verzichtet. Aber auf mich hört ja keiner. Ich gönne dem Deutschen Hans Zimmer seine zehn Oscar-Nominierungen und den Oscar für „Der König der Löwen“ (1994) sowie all seine weiteren Auszeichnungen, darunter zwei Golden Globes, habe davon aber mittlerweile mehr als genug.

Die junge Mutantin weckt außerirdische Begehrlichkeiten

Letztlich ist es mir aber gelungen, den in manchen Szenen übertrieben eingesetzten Score auszublenden und mich einmal mehr mit Vergnügen ins „X-Men“-Universum zu begeben. Simon Kinberg ist als Produzent und Drehbuchautor schon lange Teil des Teams, für „X-Men – Dark Phoenix“ hat er sich nun erstmals auf den Regiestuhl gesetzt. Es sei ihm gegönnt, grobe Regieschnitzer habe ich nicht bemerkt. Zu meinen Favoriten der Reihe schließt sein Debüt zwar nicht auf, das sind nach aktuellem Stand „Wolverine – Weg des Kriegers“ (2013) und „X-Men – Zukunft ist Vergangenheit“ (2014); Kinbergs Arbeit reiht sich insgesamt aber gut in den „X-Men“-Kosmos ein und bietet außer massig Action auch Tragik und charakterliche Tiefe.

Keine Post-Credit-Szene

Die Post-Credit-Szene von „X-Men – Apocalypse“ konnte ich übrigens nicht mit dem Geschehen in „X-Men – Dark Phoenix“ in Einklang bringen, sie verwies wohl eher auf „Logan“ (2017), den ich noch schauen muss. Wie bei der Pressevorführung von „Godzilla II – King of the Monsters“ habe ich es – selbstlos, wie ich bin – für die Leserinnen und Leser von „Die Nacht der lebenden Texte“ auf mich genommen, den Abspann bis zum Ende auszusitzen, doch diesmal erfolglos: Es folgte überhaupt keine Szene, somit gibt es auch keinen Ausblick auf einen nächsten Teil.

Doch die X-Men haben etwas dagegen

Damit ist es aber natürlich nicht getan: Zum Kino-Universum der „X-Men“ gehören bekanntermaßen auch „Deadpool“ (2016) und „Deadpool 2“ (2018). Als sei das nicht genug, wird es 2020 einen weiteren Ableger geben: den bereits 2017 abgedrehten „New Mutants“, dessen mehrfache Verschiebung jedoch die Hoffnung trübt, dass wir es mit einem herausragenden Beitrag zum Franchise zu tun bekommen werden. Wie der Titel bereits andeutet, stehen neue Mutanten im Fokus der Story – tatsächlich wohl einige der ersten Schülerinnen und Schüler von Professor Xaviers Schule. Die uns wohlbekannten Figuren der bisherigen „X-Men“-Filme kommen offenbar nicht vor. Allerdings steht hinter dem US-Starttermin im April ein großes Fragezeichen in Form der kürzlichen Übernahme von Fox durch den Disney-Konzern für satte 71 Milliarden Dollar. Unter dem Micky-Maus-Dach befinden sich auch Marvel und damit das Marvel Cinematic Universe. Wer will ausschließen, dass sich die Mutanten auf Disney-Geheiß künftig mit den Avengers zusammentun? Mir würde das womöglich endgültig den Superheldenrest geben. Auch „X-Men – Dark Phoenix“ wurde übrigens bereits 2017 gedreht, etwa zum gleichen Zeitpunkt wie „Deadpool 2“ und „New Mutants“. Für mich war der zwölfte Film des „X-Men“-Franchises ein schönes Wiedersehen mit den Mutanten, das Lust gemacht hat, mir die gesamte Reihe erneut anzuschauen. Und wer weiß, welche Filme dann meine Favoriten bilden?

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Jessica Chastain, Jennifer Lawrence und Sophie Turner sind in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgeführt, Filme mit Michael Fassbender, Nicholas Hoult und James McAvoy unter Schauspieler.

Länge: 114 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Dark Phoenix
USA 2019
Regie: Simon Kinberg
Drehbuch: Simon Kinberg, nach der Comic-Story „The Dark Phonix Saga“ von John Byrne, Chris Claremont und Dave Cockrum
Besetzung: Sophie Turner, Jessica Chastain, James McAvoy, Nicholas Hoult, Jennifer Lawrence, Michael Fassbender, Evan Peters, Tye Sheridan, Kodi Smit-McPhee, Alexandra Shipp, Evan Jonigkeit
Verleih: Twentieth Century Fox

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Filmplakate, Szenenfotos & Trailer: © 2019 Twentieth Century Fox

 

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The Huntsman & The Ice Queen – Verbotene Liebe

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The Huntsman – Winter’s War

Kinostart: 7. April 2016

Von Andreas Eckenfels

Fantasy // 2012 buhlten gleich zwei hervorragend besetzte „Schneewittchen“-Adaptionen um die Gunst der Zuschauer: Der frisch-frivole „Spieglein, Spieglein – Die wirklich wahre Geschichte von Schneewittchen“ mit Julia Roberts und Lily Collins sowie der überaus düstere „Snow White and the Huntsman“ mit Kristen Stewart, Charlize Theron und Chris Hemsworth. Letztgenannter war mit einem weltweiten Einspielergebnis von knapp 400 Millionen US-Dollar an den Kinokassen mehr als doppelt so erfolgreich wie sein Kontrahent. Ob dies an der Affäre zwischen Regisseur Rupert Sanders und seiner Hauptdarstellerin Stewart lag, die während der und nach den Dreharbeiten für reichlich Stoff für die weltweiten Klatschspalten sorgte?

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Die Huntsmen von Eiskönigin Freya kehren erfolgreich von der Schlacht zurück

Die Produzenten entschieden schließlich, die lang geplante Fortsetzung skandalfrei zu halten und statt Stewarts Schneewittchen den von Chris Hemsworth gespielten tapferen Jägersmann Eric in den Mittelpunkt zu stellen. Immerhin erhält der „Thor“-Star mit der als böse Königin Ravenna wiederkehrenden Charlize Theron, Emily Blunt („Sicario“) und Jessica Chastain („Der Marsianer – Rettet Mark Watney“) ein schlagkräftiges Frauen-Trio an die Seite gestellt.

Prequel oder Sequel? Beides!

Die Geschichte beginnt zunächst weit vor den Ereignissen von „Snow White and the Huntsman“: Die böse Königin Ravenna (Theron) und ihre Schwester, Eiskönigin Freya (Blunt), herrschen gemeinsam über ihr Königreich. Als Freya jedoch von ihrem Liebhaber das Herz gebrochen wird, kocht sie vor Wut und Trauer. Sie glaubt in keiner Sekunde daran, dass die selbstsüchtige Ravenna vielleicht hinter dem Verrat stecken könnte, stattdessen verabschiedet sich Freya kurzerhand von ihrer Schwester und nutzt ihre Kräfte über Eis und Schnee, um in der Ferne ihr eigenes Reich aufzubauen. Dazu gehört neben einem winterlichen Palast auch eine eigene Armee, in der unter anderem Eric (Hemsworth) und Sara (Chastain) schon seit ihrer Kindheit zu stets kampfbereiten Huntsmen ausgebildet werden. Und wie es so kommt: Eric und Sara verlieben sich ineinander – für die gefühlskalte Freya eine Todsünde! Eric wird verbannt und muss mit ansehen, wie seine Geliebte ermordet wird …

Huntsman

Eric und Sara entwickeln verbotene Gefühle zueinander

Viele Jahre später hat Schneewittchen – die übrigens nur in einer einzigen Filmszene kurz von hinten zu sehen ist – die Macht der bösen Ravenna gebrochen und herrscht nun als Königin über das Reich. Doch Freya schwört Rache und klaut mit Hilfe ihrer Huntsmen den magischen Spiegel. Wer käme besser für eine abenteuerliche Rückholaktion in Frage als der tapfere Eric?

„Die Eiskönigin“ kennt doch jeder!

Das ständige Hickhack um den zweiten Teil hat sich sichtbar auch auf das Drehbuch ausgewirkt. Die mehr als holprig erzählte Geschichte dichtet kurzerhand Ravenna eine Schwester Freya hinzu, die im Vorgänger keinerlei Erwähnung findet. Eine clevere Taktik, um auf den Erfolgszug von Disneys „Die Eiskönigin – Völlig unverfroren“ aufzuspringen. Auf dem Papier zumindest. Denn Regiedebütant Cedric Nicolas-Troyan findet keinerlei Ideen, um die Figur glänzen zu lassen. Die Eiswände, die Freya aus dem Finger zaubern kann, hat man schon viel zu häufig gesehen, als dass sie noch wirklich zu beeindrucken vermögen.

Huntsman

Eric soll den magischen Spiegel finden

Die Spezialeffekte gehen dennoch in Ordnung, was man von Nicolas-Troyan auch erwarten muss, da er mit seinem Team schon für die Oscar-nominierten visuellen Effekte in „Snow White and the Huntsman“ zuständig war. Und immerhin fügt der Nachfolger auch eine Ebene hinzu, welche im Erstling schmerzlich vermisst wurde: Humor in Form zweier Zwerge, dargestellt von Nick Frost und Rob Brydon, die Eric sprücheklopfend unterstützen und sich später auch mit zwei Zwergendamen herrlich zanken dürfen.

Ein Troll vom Affen gebissen?

Doch ein Happy End ist dem Regisseur und seinem Film in dieser Rezension nicht beschieden: Zu einfallslos ist dieses Fantasy-Abenteuer hingeschludert, die märchenhafte Welt erwacht nie wirklich zum Leben. Das war in Teil eins mit dem herrlichen Feenwald noch anders. Ein paar Kämpfe muss der Huntsman natürlich überstehen, darunter einen gegen einen Troll mit Widderhörnern, der wie ein wilder Affe durch die Gegend hüpft. Seltsam auch, dass Hemsworth‘ Eric als ziemlicher Trottel dargestellt wird: Da springt er todesmutig in die Tiefe und landet unsanft auf einem Dach – es sei ein schlechter Plan gewesen, wie er im Nachhinein bemerkt. Das soll natürlich witzig sein, passt aber nicht zu seiner Figur. So etwas erwartet man nicht von einem ausgebildeten Krieger.

Huntsman

Bei seiner gefährlichen Aufgabe stehen ihm die Zwerge Nion (l.) und Gryff zur Seite

Die drei Frauen in ihren schönen Kostümen können leider auch nichts mehr rausreißen: Nur Emily Blunt läuft unter den Darstellern zur Normalfall auf, auch weil ihre Rolle nicht ganz so eindimensional angelegt ist wie die übrigen Charaktere. Charlize Theron ist gerade mal etwa 15 Minuten im Film zu sehen und überaus lustlos bei der Sache. Vielleicht erging es ihr ebenso wie Jessica Chastain, die angeblich nur aufgrund einer Vertragsklausel zu „Crimson Peak“ dazu verpflichtet war, in „The Huntsman & The Ice Queen“ mitzuwirken. So sehr ich Chastain verehre, aber die Liebesbeziehung zwischen Sara und Eric wirkt niemals echt.

War „The Huntsman & The Ice Queen“ also eine reine Auftragsarbeit? Wer weiß. Auf jeden Fall ist der Märchenfilm für mich eine mehr als unnötige und überaus ärgerliche Fortsetzung, die statt Herzenswärme nur Eiseskälte ausstrahlt.

Huntsman

Mächtige Schwestern: Ravenna (r.) und Freya

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Emily Blunt, Jessica Chastain und Charlize Theron sind in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit Chris Hemsworth unter Schauspieler.

Länge: 114 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: The Huntsman – Winter’s War
USA 2016
Regie: Cedric Nicolas-Troyan
Drehbuch: Evan Spiliotopoulos, Craig Mazin
Besetzung: Chris Hemsworth, Charlize Theron, Emily Blunt, Jessica Chastain, Nick Frost, Rob Brydon, Sheridan Smith
Verleih: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2016 by Andreas Eckenfels

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2016 Universal Pictures Germany GmbH

 
3 Kommentare

Verfasst von - 2016/04/06 in Film, Kino, Rezensionen

 

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