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Horror für Halloween (XV): Das Schweigen der Lämmer – Von Befreiung und Entfaltung

The Silence of the Lambs

Von Lucas Gröning

Horrorthriller // 1988 veröffentlichte der US-amerikanische Autor Thomas Harris den Roman „The Silence of the Lambs“, in Deutschland unter dem Titel „Das Schweigen der Lämmer“ erschienen. Sehr frei angelehnt an den – vielleicht eher inspiriert von dem – realen Serienkiller Ed Gein, bildet das Buch neben den Romanen „Manhunter“ (1981), „Hannibal“ (1999) und „Hannibal Rising“ (2006) den zweiten Teil einer Reihe um die FBI-Agentin Clarice Starling und den Serienkiller Hannibal Lecter, wobei Starling lediglich im zweiten und dritten Roman in Erscheinung tritt. „Das Schweigen der Lämmer“ wurde 1991 unter dem gleichen Titel von Jonathan Demme verfilmt. Der Film gilt neben dem AIDS-Drama „Philadelphia“ (1993) als das bekannteste und beste Werk des Regisseurs, was auch die Oscarverleihung 1992 unterstreichen sollte: Dort räumte „Das Schweigen der Lämmer“ als einer von nur drei Filmen neben „Es geschah in einer Nacht“ (1934) und „Einer flog über das Kuckuksnest“ (1975) die sogenannten „Big Five“ ab – die fünf wichtigsten Preise der Veranstaltung. So gewann der Horrorthriller den Preis für den besten Film, die beste Regie und das beste adaptierte Drehbuch, geschrieben von Ted Tally. Darüber hinaus konnte Jodie Foster für ihre Darstellung der Clarice Starling den Oscar für die beste Hauptdarstellerin ergattern, während Anthony Hopkins zum besten männlichen Hauptdarsteller gekürt wurde. Jodie Foster gewann außerdem den Golden Globe als beste Hauptdarstellerin, in allen anderen Kategorien ging der Horrorthriller dort leer aus. Die Vielzahl an positiven Referenzen lässt es bereits erahnen, und ich will es zu Beginn der Rezension schon einmal vorwegnehmen: „Das Schweigen der Lämmer“ ist ein fantastischer Film.

Vergangenheit versus Zukunft

Der Film hält sich in seiner Erzählung dabei recht nahe an Thomas Harris’ Romanvorlage. Die FBI-Studentin Clarice Starling (Jodie Foster) wird von Chefermittler Jack Crawford (Scott Glenn) darauf angesetzt, den gefangenen Serienmörder und ehemaligen Psychater Dr. Hannibal Lecter (Anthony Hopkins) zu befragen, um durch diesen einen Hinweis auf die Identität des Serienkillers Buffalo Bill (Ted Levine) zu bekommen. Lecter erweist sich als hochintelligent und gebildet. Er ist sich der Tatsache bewusst, dass er seine Gefängnisszelle womöglich nie wieder verlassen wird. Als sich Starling davon beeindruckt zeigt, dass Lecter den Florenzer Dom sowie die umliegenden Häuser fehlerfrei aus dem Gedächtnis heraus zeichnen kann, entgegnet ihr der Kannibale, es sei das Gedächnis, was er statt einer Aussicht habe. Es ist also lediglich die Vergangenheit, auf die sich Lecter im Angesicht einer ungewissen Zukunft beziehen und berufen kann. Umso schwerer wird es, den einstigen Serienmörder von einer Zusammenarbeit mit den Behörden zu überzeugen. Das Einzige, was ihn letzendlich dazu bewegt, dem FBI zu helfen, ist Clarice Starling, von der er verlangt, bei jedem Treffen für jede neue Information etwas aus ihrer Vergangenheit zu erzählen. Obwohl ihr das sichtlich unangenehm ist, willigt die Agentin ein und lässt den Psychater auf diese Weise in ihren Kopf blicken. Die Bewältigung ihrer Vergangenheit steht dabei im Gegensatz zu dem, was wir bis dato von der jungen Studentin erfahren haben. Sie wurde seit Beginn der Geschichte als engagierte, karriere- und vor allem zukunftsorientierte Frau präsentiert. Die Konfrontation mit ihrer Vergangenheit ist neu für sie und wir erfahren durch die Gespräche zwischen den beiden immer mehr über die wahren Hintergründe ihrer Tätigkeit beim FBI.

Gefangenschaft versus Entfaltung

Abgesehen von ihrer Vergangenheit, über die ich an dieser Stelle nicht mehr Informationen preisgeben möchte, wird ihr Voranschreiten in der Geschichte auch durch andere Motive geprägt. Besonders ins Auge fällt hier das Motiv der sexuellen Begierde, was eng mit Starlings Identität als Frau zusammenhängt. Will sie eigentlich als kompetente FBI-Agentin wahrgenommen werden, fallen von Lecter und auch von ihren männlichen Kollegen immer wieder verbale Anspielungen auf ihre optische Attraktivität, genauso wie Blicke sexueller Anziehung. So fragt Lecter sie in in einer Szene, ob sie sich vorstellen könne, dass ihr Vorgesetzter Crawford jemals Gedanken gehabt habe, wie es wäre, Sex mit ihr zu haben. Diese Betrachtungsweise der jungen Frau zieht sich bis zum Ende durch den gesamten Film. Eine Betrachtungsweise, von der sich Starling befreien und somit ihre ganz persönliche Emanzipation in der Gesellschaft erreichen will. Mit anderen Worten: Sie will sich aus der Gefangenschaft ihrer Identität befreien. Etwas, was die anderen Protagonisten der Geschichte ebenfalls in abgewandelter Form erreichen wollen.

Bei Hannibal Lecter bezieht sich diese Entfaltung nicht auf seine eigene Identität. Mit dieser ist er sowohl mit sich als auch im Kontext zu den gesellschaftlichen Konventionen im Reinen. Selbst sein Dasein als Kannibale betrachtet er als Teil seiner menschlichen Natur und sieht, trotz der öffentlichen Ablehnung dieser Art der Ernährung, keinen Grund, diese Gewohnheit abzulegen. Sein Bedürfnis nach Befreiung bezieht sich eher auf sein Dasein als Gefangener des Staates. Gerade weil er keine Aussicht auf Befreiung aus seiner kleinen Gefängniszelle hat, konzentriert er seine Aufmerksamkeit auf die Vergangenheit, in der er ein freier Mann war, und auf die Leben anderer Menschen wie Clarice Starling, die sich in Freiheit befinden. Am deutlichsten ersichtlich wird dieses Motiv aber beim Antagonisten des Films, Buffalo Bill. Dieser zieht seinen Opfern nach deren Tod die Haut ab. In den Hälsen der Opfer hinterlässt er stets den Kokon einer Raupe. Wie Lecter Starling erläutert, steht der Kokon und der sich künftig daraus entwickelnde Schmetterling für eine Verwandlung und damit auch für eine Entfaltung, die Buffalo Bill anstrebt. Wie wir erfahren, benutzt der Mörder die Häute der getöteten Frauen, um sich selbst ein Kleid zu nähen und so in gewisser Weise die Identität der Frauen als seine eigene anzunehmen. Bei ihm ist es die Existenz als Mann, die er abzulegen versucht und aus der er sich befreien will.

Privater Raum versus öffentlicher Raum

Eine Entfaltung die, und das ist sein Dilemma, jedoch nicht außerhalb seiner eigenen vier Wände stattfinden kann. Natürlich kann er schlecht mit einem Kleid aus menschlicher Haut durch die öffentlichen Straßen laufen, ohne auf Ablehnung zu stoßen. Seine Verwandlung und damit seine eigentliche Persönlichkeit muss im Privaten bleiben, wenn er ein Leben als frei operierender Mensch führen will. Seine wahre Persönlichkeit kommt somit lediglich in Szenen zum Vorschein, in denen wir den Mörder im Keller seines eigenen Hauses beobachten können oder sie wird uns in den Gesprächen zwischen Lecter und Starling näher gebracht. Es bildet sich hier also eine Diskrepanz zwischen der Notwendigkeit, sich nicht verdächtig zu machen und im öffentlichen Raum als gewöhnlicher Mann zu bewegen und der tatsächlichen Persönlichkeit, die er nur im Verborgenen ausleben kann. Ähnlich ambivalent verhält es sich mit den Bestrebungen von Starling und Lecter. Starling will auf der einen Seite, im Angesicht ihrer omnipräsenten Darstellung und Wahrnehmung als sexuelles Objekt der Begierde, in der Masse an FBI-Anwärtern verschwinden und ähnlich flüchtig wahrgenommen werden wie ihre männlichen Kollegen, die recht häufig in Gruppen auftauchen und von der Kamera auch nur im Kollektiv eingefangen werden. Diese als Individuen wahrzunehmen ist dadurch nur sehr eingeschränkt möglich. Zum anderen wünscht sich Starling Anerkennung und will daher auch aus der Masse herausstechen, da dies den einzigen Weg zu einer erfolgreichen Karriere darstellt. Hannibal Lecter wiederum wurde jegliches Recht auf Privatheit durch die Gefangenschaft genommen. Zwar verbringt er den Großteil seiner Lebenszeit allein in einer Zelle, jedoch wird jeder Schritt seines Handelns oder Seins beobachtet. Und obwohl gerade der öffentliche Raum voller Menschen ist und man annehmen könnte, dass sich ein Mensch gerade dort unter der Beobachtung vieler anderer befindet, so ist es einzig die Öffentlichkeit, in der der Kannibale sich ganz verstecken kann, um im wahrsten Sinne des Wortes in der Masse zu verschwinden.

Die Geburt einer Ikone

Nicht in der Masse verschwindet in jedem Fall der Film selbst. Mit „Das Schweigen der Lämmer“ ist Jonathan Demme und seiner Crew ein grandioses Werk gelungen. Die Geschichte der Vorlage wird dabei von großartigen Darstellern auf virtuose und kreative Weise erzählt. Hier werden, vor allem im Hinblick auf die Kameraarbeit, alle Register des Filmemachens gezogen. Die Kamera zeigt ihre Figuren oftmals ganz nah, sodass wir Zuschauer den Figuren tief in die Augen blicken können. Zugleich werden nur äußerst selten mehrere Figuren in einer Einstellung gezeigt. Besonders bei Starling, Lecter und Buffalo Bill fällt das auf. Der Film isoliert diese drei Figuren auf ihrer Suche nach Befreiung von der restlichen Welt und schafft so eine unheilvolle Atmosphäre des Alleinseins, sowohl in Bezug zu seinen Figuren als auch beim Zuschauer. Die Kombination dieser nahen und isolierenden Bilder mit der unheimlichen Atmosphäre und dem generell gruseligen Wesen des intellektuellen Hannibal Lecter, haben außerdem dafür gesorgt, dass sich dieser zu einer Ikone der Popkultur entwickelt hat. Der Kannibale wurde in den vergangenen Jahrzehnten von zahlreichen anderen Filmen oder Serien zitiert, und selbst wenn man „Das Schweigen der Lämmer“ nicht gesehen hat, ist die Wahrscheinlichkeit recht groß, dass man mit dem Namen der von Anthony Hopkins dargestellten Figur etwas anfangen kann. Völlig zu Recht hat sich der Schauspieler mit seiner Interpretation der Figur ein Denkmal im kollektiven Gedächtnis gesetzt. Doch in Anbetracht dieser Tatsache wird oft vergessen, dass man den gesamten Film zu den besten Werken der vergangenen drei Jahrzehnte zählen kann.

25. März 2016 als 3-Disc Limited Collector’s Edition (Blu-ray & 2 DVDs, drei Covervarianten), 21. März 2016 als auf 1.000 Exemplare limitierte Blu-ray (Scary Metal Collection), 26. November 2014 als 3-Disc Limited Collector’s Edition (Blu-ray & 2 DVDs, drei Covervarianten), 20. Februar 2009 als Blu-ray, 10. Oktober 2006 als DVD, 27. April 2004 als 2-Disc Gold Edition DVD, 1. Oktober 2002 und 2. August 2001 als DVD

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Anthony Hopkins haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgeführt.

Länge: 119 Min. (Blu-ray), 114 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: The Silence of the Lambs
USA 1991
Regie: Jonathan Demme
Drehbuch: Ted Tally, nach dem Roman von Thomas Harris
Besetzung: Jodie Foster, Anthony Hopkins, Scott Glenn, Ted Levine, Brooke Smith, Diane Baker, Lawrence A. Bonney, Kasie Lemmons, Anthony Heald, Lawrence T. Wrentz, Frankie Faison
Zusatzmaterial: keine Angabe
Label/Vertrieb 2014/2016: ’84 Entertainment
Label/Vertrieb 2001–2009: MGM / Twentieth Century Fox Home Entertainment

Copyright 2019 by Lucas Gröning

 

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Elysium – Schießt die Reichen in den Weltraum!

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Elysium

Von Volker Schönenberger

SF-Action // „Film des Jahres“ hatte ich meine Rezension zum Kinostart von „Elysium“ Mitte August betitelt. Das war zwar etwas vorschnell, wie sich angesichts des einen oder anderen betörenden Kinoerlebnisses im weiteren Jahresverlauf herausstellte; ein großer Wurf bleibt Neill Blomkamps zweiter Langfilm nach dem ebenfalls formidablen „District 9“ (2009) aber dennoch.

Ob sich der technische Fortschritt so entwickelt, dass eine Raumstation wie „Elysium“ im Jahr 2154 tatsächlich möglich ist, oder ob ihre Gestaltung im Film lediglich eine nette Gedankenspielerei ist, kann dahingestellt bleiben. Speziell die Medi-Betten erscheinen eher wie ein schöner Traum: Wer sich in eine solche Apparatur legt, wird innerhalb weniger Minuten von schwersten Krankheiten oder Verstümmelungen geheilt. Zum Inhalt des mit Matt Damon, Jodie Foster, William Fichtner und dem aus „District 9“ bekannten Sharlto Copley erlesen besetzten Films sei auf meinen Text vom 13. August verwiesen.

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Max ahnt nicht, was ihm bevorsteht

Es ist die hinter der Visualisierung der Raumstation stehende Vision, die „Elysium“ in Verbindung mit der überbordenden Action zu einem herausragenden Filmerlebnis macht. Auch so kann anspruchsvolle Science-Fiction sein: ein knackiges Action-Abenteuer in der Zukunft, das gesellschaftskritische Fragen zum Hier und Heute aufwirft. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist schon innerhalb einer Industrienation wie Deutschland oder den USA riesig, im Vergleich zwischen armen und reichen Ländern ist sie noch größer.

Wir leben in einer Zeit, in der es immer mehr arme Menschen gibt, während eine kleine Elite unfassbare Reichtümer anhäuft und sich abschottet. Sogenannte „Gated Communities“ gibt es seit langer Zeit, ihre Zahl wird weiter steigen. Eine Raumstation für die oberen Zehntausend scheint da nur die logische Folge zu sein. Neill Blomkamp hat das in einen wuchtigen Actionfilm verpackt. Dessen hoffnungsfrohes Ende mag naiv sein, aber wo mag Träumen erlaubt sein, wenn nicht in Hollywood? Andere Kritiker warfen dem Regisseur vor, zu sehr an der Oberfläche zu bleiben – die Meinung teile ich nicht. Für ein futuristisches Abenteuer mit dem Fokus auf Action geht „Elysium“ durchaus in die Tiefe. Atmosphäre und Visualisierung sind ohnehin auf überragendem Niveau.

Die Veröffentlichungen fürs Heimkino warten mit diversen Featurettes zur Produktion des Films und der Idee dieser Zukunftsvision auf. Dabei enthält die Blu-ray mehr Zusatzmaterial als die DVD (siehe unten). Die Drogeriekette Müller hat sich von Sony Pictures Home Entertainment ein exklusives Mediabook gesichert, das womöglich zügig ausverkauft sein wird. Eine große Elektronikkaufhauskette – die rote – vertreibt zudem ein Blu-ray-Steelbook.

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Gnadenloser Söldner: Kruger

Mit seinem dritten Kinofilm wird Regisseur Neill Blomkamp der Science-Fiction treu bleiben, aber eine etwas andere Richtung einschlagen: „Chappie“ handelt von einem Roboter, der entführt wird und in einer sonderbaren Familie aufwächst. Bei dem mit Hugh Jackman und Sigourney Weaver sowie – logisch – Sharlto Copley in der Rolle des Roboters prominent besetzten Werk handelt es sich um eine Langfilm-Umsetzung von Blomkamps 2004er-Kurzfilm „Tetra Vaal“, den es auf YouTube zu sehen gibt. In Deutschland wird „Chappie“ nicht vor dem Frühjahr 2015 anlaufen.

Zur Kinostart-Rezension von „Elysium“ geht’s auch hier. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Matt Damon sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 17. Dezember 2013 als Blu-ray und DVD

Länge: 109 Min. (Blu-ray), 106 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Englisch für Sehgeschädigte, nur Blu-ray: Französisch
Untertitel: Deutsch, Englisch, Englisch für Hörgeschädigtem, Polnisch, Hindi, Türkisch, nur Blu-ray: Französisch, Arabisch, Holländisch
Originaltitel: Elysium
USA 2013
Regie: Neill Blomkamp
Drehbuch: Neill Blomkamp
Besetzung: Matt Damon, William Fichtner, Jodie Foster, Sharlto Copley, Alice Braga, Talisa Soto
Zusatzmaterial: Gemeinschaftsarbeit: Die Gestaltung der Darstellungen in Elysium, Technische Utopie: Die Erschaffung einer Gesellschaft im Weltraum, nur Blu-ray: erweiterte Szene, Visionen von 2154 – Eine interaktive Erkundung der Kunst und des Designs von Elysium, Die Etappen von Elysium: Ersinnen von Elysium – Einfangen von Elysium – Verschönern von Elysium, Erzählhilfen: Die visuellen Effekte von Elysium, Die Technologie im Jahr 2154
Vertrieb: Sony Pictures Home Entertainment GmbH

Copyright 2013 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshot: © 2013 Sony Pictures Home Entertainment GmbH

 

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Elysium – Film des Jahres

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Elysium

Kinostart: 15. August 2013

Von Volker Schönenberger

SF-Action // Bisweilen geschieht es, dass man im Kinosaal sitzt und ein paar Minuten nach Filmstart merkt: Jou, der wird gut. Eine Weile später registriert man ebenso wohlwollend, dass sich diese These bestätigt. So weit, so gut. Schon etwas seltener – zumal in den vergangenen Jahren – passiert es dann, dass etwa nach zwei Dritteln des Films, ein Gedanke aufkommt: Holla ho – der ist ja sogar richtig gut. Dieser Gedanke wird nach wenigen Minuten womöglich durch einen anderen verdrängt: Alter Schwede – hier sehe ich gerade etwas ganz Besonderes. Wenn dann noch das Finale dieses Niveau hält, verlässt man den Kinosaal anschließend ungläubig den Kopf schüttelnd.

Exakt so ist es dem Blogger bei der Pressevorführung von „Elysium“ ergangen. Dass ein guter Film zu erwarten gewesen war – keine Frage. Neill Blomkamps herausragendes Kino-Regiedebüt „District 9“ (2009) hatte das Talent des in Kanada lebenden Südafrikaners schon mehr als aufblitzen lassen. „Elysium“ nun ist schlicht eine Offenbarung.

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Ministerin Delacourt geht über Leichen

Wir schreiben das Jahr 2154. Die überbevölkerte und übel verschmutzte Erde ist kein angenehmer Ort, daher haben sich die Herrschenden und Reichen auf eine Raumstation mit eigener Atmosphäre und überbordendem Luxus zurückgezogen: Elysium, von der Erde aus sichtbar. Der medizinische Fortschritt hat nahezu Perfektion erreicht: Schwerste Krankheiten und Gebrechen sind innerhalb von Minuten heilbar – auf speziellen Medi-Betten, die in jeder Villa auf Elysium bereitstehen. Derlei Errungenschaften gibt’s auf der Erde selbstverständlich nicht. Dass die Raumstation vor unerwünschten Besuchern von unten sicher ist, dafür sorgt mit eiserner Hand die eiskalte Verteidigungsministerin Delacourt (Jodie Foster), die ihre Machtfülle obendrein insgeheim ausbauen will. Dabei helfen soll ihr John Carlyle (William Fichtner, „Lone Ranger“), Konzernchef der Armadyne Corporation, die Elysium erbaut hat.

Der vorbestrafte und unter Bewährung stehende Max (Matt Damon) aus Los Angeles erleidet eines Tages einen schweren Arbeitsunfall – er wird verstrahlt. Prognose: Tod in fünf Tagen. Auf Elysium könnte er geheilt werden, aber dieses Privileg enthält man ihm vor. Stattdessen wird er gefeuert. So versucht Max, die Raumstation illegal zu erreichen. Dabei gerät er an den von Delacourt eingesetzten Agenten Kruger (Sharlto Copley), einen ruchlosen Söldner.

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Max kämpft um sein Leben

Eine Raumstation mit allem erdenklichen Luxus für die oberen Zehntausend schon Mitte des kommenden Jahrhunderts – der Gedanke erscheint aberwitzig, dass der technische Fortschritt der Menschheit innerhalb der nächsten 100 bis 140 Jahre so sehr explodiert. Die Vision dahinter allerdings lässt sich schon heute auf der Erde beobachten: Die Reichen schotten sich ab, verschanzen sich in gut gesicherten Villenvierteln; bestmögliche medizinische Versorgung wird den Armen vorenthalten. In den westlichen Industrienationen mag das bislang noch nicht in extremer Ausprägung zu beobachten sein; anders verhält es sich jedoch in den großen Metropolregionen ärmerer Länder, siehe beispielsweise Mexiko-Stadt, Mumbai, Sao Paulo. Insofern bietet „Elysium“ bei aller Fokussierung auf Action und Optik auch einen Kommentar zur heutigen Gesellschaft – Science-Fiction, wie sie sein soll. Die Aufnahmen des überfüllten und zu einem Slum verkommenen Los Angeles entstanden in Mexiko-Stadt und erinnern visuell etwas an die Slums von Johannesburg in „District 9“; fürs von protzigem Reichtum strotzende Elysium durfte Vancouver herhalten. Der extreme Kontrast von Arm und Reich ist hervorragend umgesetzt und trotz der futuristischen Verortung jederzeit nachvollziehbar. Diese Diskrepanz zwischen Bevölkerungsschichten war jüngst auch Thema im Thriller „The Purge – Die Säuberung“ mit Ethan Hawke und Lena Headey.

Nach „District 9“ waren die Vorschusslorbeeren für Neill Blomkamps nächsten Film zahlreich, die Erwartungen an „Elysium“ immens. Folge: Manch ein Rezensent, manch ein Konsument verleiht im Netz seiner Enttäuschung Ausdruck. Wir nicht! „Die Nacht der lebenden Texte“ hält den Film für herausragendes Science-Fiction-Kino. Ja, der Fokus liegt auf Action, aber die inhaltliche Komponente ist weit mehr als nur Beiwerk. Blomkamp sagt es selbst – er wird im Presseheft zu „Elysium“ zitiert: „Ich bin mehr visueller Künstler als irgendetwas anderes. Ich möchte keine Filme drehen, die sich zu ernst nehmen – ich steh’ auf Action und Bildsprache.“ Am wichtigsten sei ihm der Unterhaltungswert seines Films, gleichwohl wolle er eine lohnenswerte Geschichte darunter packen, damit es kein reines Popcorn-Kino bleibe.

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Max (l.) trifft auf Kruger

Diesen Anspruch hat Neill Blomkamp voll erfüllt. „Elysium“ ist bildgewaltiges Kino, ebenso wuchtig wie intelligent und visionär. Und wer hätte gedacht, dass Sharlto Copley, der Darsteller des verhuschten Wikus van der Merwe aus „District 9“, einen derart gnadenlosen Killer wie Kruger verkörpern kann? Nun freuen wir uns sogar auf Spike Lees Remake des koreanischen Geniestreichs „Oldboy“ mit Josh Brolin, in dem Copley den Schurken gibt.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Matt Damon sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Länge: 109 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Elysium
USA 2013
Regie: Neill Blomkamp
Drehbuch: Neill Blomkamp
Besetzung: Matt Damon, William Fichtner, Jodie Foster, Sharlto Copley, Alice Braga, Talisa Soto
Verleih: Sony Pictures Releasing GmbH

Copyright 2013 by Volker Schönenberger

Fotos & Trailer: © 2013 Sony Pictures Releasing GmbH

 

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