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Joe R. Lansdale: Akt der Liebe – Metzelei aus Mitgefühl (Buchrezension)

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Die Hardcover-Ausgabe aus dem MAAS Verlag

Act of Love

Er blieb auf ihrem Körper liegen, völlig ekstatisch leckte er mit einer rasenden Zunge das Blut von dem Stumpf ihres Halses.

Horror // Krimi, Thriller, Horror, Science-Fiction, gern auch eine Vermengung dieser Gattungen – der Texaner Joe R. Lansdale tobt sich im Bereich der Genreliteratur gern vielseitig aus. Mit „Akt der Liebe“ hat er 1981 seinen ersten Roman vorgelegt, einen Thriller um die Jagd eines Cops auf einen Serienkiller, dessen Brutalität das Buch durchaus in die Nähe des Horrors bringt.

Der erste Mord – nur Auftakt einer ebenso schwarzen wie blutigen Serie

Hauptfigur ist Lieutenant Marvin Hanson, Ermittler im Morddezernat von Houston, schwarz wie eine Kohlengrube und hässlich wie ein Affe. Hanson entstammt dem Fifth Ward, dem Ghetto der texanischen Metropole. Er und sein Partner Joe Clark bekommen die Ermittlungen in einem bestialischen Mord übertragen – einem Mord in eben diesem Fifth Ward, einem Mord, den wir im Prolog des Romans hautnah miterlebt haben. Auch den Täter und seine Gedanken haben wir dort kennengelernt, wenn auch nicht seine Identität, einen Blick in seine tiefschwarze Seele haben wir geworfen – und sind erschreckt zurückgewichen. Der Leser weiß sogleich: Es wird nicht der einzige Mord bleiben. Hanson ahnt das ebenfalls schnell.

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Von Cemetery Dance

In einem 1989 vom – ebenfalls sehr empfehlenswerten – Schriftsteller Robert R. McCammon geführten Interview sagte Lansdale, „Akt der Liebe“ sei vor der Zeit von Splatterpunk und Clive Barker entstanden, damals habe er etwas Kraftvolles schreiben wollen, das an die Eingeweide geht. Das ist ihm zweifellos gelungen – der Roman hat Tempo, die Explosionen der Gewalt sind nicht ausufernd lang, aber dafür exzessiv.

Lansdale weckt Mitgefühl für die Opfer

Als Begründung für die überaus explizite Beschreibung der Mordszenen führte Lansdale an, er sei ärgerlich gewesen, wie viel Aufmerksamkeit die Psychopathen und Mörder bekämen, wie wenig die Opfer. Mit den Metzelszenen habe er Mitgefühl mit den Opfern aufbauen wollen. Ein interessanter Gedanke, den seinerzeit auch der Regisseur Paul Verhoeven als Begründung für die drastische Gewaltdarstellung bei der Erschießung des Polizisten Murphy in „RoboCop“ geäußert hat – Identifikation mit erst kurz zuvor in die Handlung eingeführten Figuren sei nur so möglich.

So lesenswert „Akt der Liebe“ als harter Cop-gegen-Serienkiller-Roman auch ist, so ist er doch nicht frei von Kritik. Im letzten Drittel legt Lansdale eine Fährte auf einen Verdächtigen, bei der dem Leser recht schnell der Gedanke kommt, dass es sich um eine falsche handelt – was sich als korrekter Gedanke herausstellt. Gleichzeitig rückt diese falsche Fährte ungewollt eine andere Figur in den Fokus der Identifizierung des Serienkillers – auch das stellt sich am Ende als korrekt heraus (und ich bin ganz sicher kein Leser, der überraschende Wendungen schnell voraussieht). Das ist schade, zusätzlich zu dieser Vorhersehbarkeit wirkt die Figur des Täters am Ende auch nicht ganz schlüssig. Etwas aus der hohlen Hand kommt obendrein ein Abschnitt, in dem der Gerichtsmediziner Warren über die Psychologie des Serienkillers spekuliert. Zwar räumt Warren ein, darüber nur laienhaftes Wissen zu haben, es ist dennoch etwas unbefriedigend.

Selbstkritik beim Autor

Lansdale hat in dem erwähnten Interview eingeräumt, er wünsche, er könne zurückgehen und ein paar Sachen überarbeiten, die er geschrieben habe. Er hat allerdings meine Frage verneint, ob er damit die obigen Kritikpunkte gemeint habe – ich hatte ihn kürzlich deswegen kontaktiert. Es seien vielmehr stilistische Dinge, die ihn an einigen seiner Frühwerke heute stören würden. Löblich, wenn ein Autor in der Lage ist, selbstkritisch auf seine Arbeit zu blicken, und dies auch gegenüber Lesern äußert. Es ändert allerdings nichts daran, dass ich bis heute keinen schlechten Lansdale gelesen habe – und das schließt trotz der Kritikpunkte auch „Akt der Liebe“ ein.

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Das Signature Sheet der Cemetery-Dance-Edition

Der US-Verlag Cemetery Dance hat 1994 eine auf 750 Exemplare limitierte und von Lansdale signierte Edition des Romans veröffentlicht – sie ist mittlerweile „out of print“ und gesucht. Eine schöne kleine Hardcover-Edition aus dem MAAS Verlag von 1999 ist ebenfalls vergriffen, aber immerhin hat Heyne „Akt der Liebe“ 2010 bei uns wiederveröffentlicht.

Er weiß, wovon er schreibt

Im Vorwort der 1999er-Ausgabe des Romans schreibt Lansdales Schriftsteller-Kollege Andrew Vachss, man spüre, wenn eine Jungfrau eine Sexszene beschreibt. Man erkennt die kinetische Unmöglichkeit der Gewalt, wenn ein Autor noch nie in einen Fight verwickelt war. So etwas werden Sie in Joes Arbeit nicht finden – es existiert nicht. Er weiß, dass hart nicht dasselbe ist wie herzlos. Lesen sie Joe Lansdale, und erkennen Sie die Begabung eines echten Autors … Er hat gefühlt, und er wird sie mitfühlen lassen. Diese Einschätzung teile ich. Man verzeihe mir, dass ich es mir an dieser Stelle leicht mache, aber wenn ein anderer bereits die richtigen Worte gefunden hat, zitiere ich gern einmal.

Es ist sicher nicht Lansdales bester Roman, wie auch Vachss einräumt. Was wäre aus ihm auch für ein Autor geworden, wenn er nicht in der Lage gewesen wäre, sein Debüt zu übertreffen? Aber es ist ein ehrlicher Roman, geschrieben ohne Lug und Trug und mit Gefühl fürs Milieu – als Einstieg in Joe R. Lansdales Werk vorzüglich geeignet und allemal fesselnde Unterhaltung bietend. Ich kenne zwar einige seiner späteren, womöglich reiferen Romane, aber auch „Akt der Liebe“ hat Lust auf mehr gemacht. Zum Glück harren daheim weitere Lansdales auf dem Ungelesen-Stapel aus (der leider viel zu hoch ist). Wer harte Cop-Thriller mag und bei ein paar derben Gewaltspitzen nicht gleich das Weite sucht, möge bei „Akt der Liebe“ zuschlagen und sich im Anschluss ins weitere Œuvre des Texaners vortasten – zum Beispiel zu „Gluthitze“, der im Partnerblog vnicornis rezensiert worden ist.

Autor: Joe R. Lansdale
Originaltitel (1981): Act of Love
Deutsche Erstveröffentlichung: 1999 als Hardcover und Taschenbuch in der Reihe „Pulp Master“ im MAAS Verlag Berlin
Deutsche Zweitveröffentlichung: 9. August 2010 als Taschenbuch und eBook in der Reihe „Heyne Hardcore“ im Heyne Verlag
245 Seiten (MAAS), 288 Seiten (Heyne)
Preis (Heyne): 8,95 Euro

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© Heyne Verlag

Copyright 2015 by Volker Schönenberger

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Verfasst von - 2015/06/25 in Literatur, Rezensionen

 

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Cold in July – Viel mehr als ein Rachethriller

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Cold in July

Von Volker Schönenberger

Thriller // Mitten in der Nacht wird Richard Dane (Michael C. Hall) von seiner Frau Ann (Vinessa Shaw) geweckt. Das Geräusch splitternden Glases hat sie aufschrecken lassen. Richard holt seine Pistole hervor. Im Wohnzimmer stellt er einen Eindringling. Die Uhr schlägt, aus Richards Waffe fällt ein Schuss. Der Einbrecher sinkt zu Boden. Bei Licht bietet sich ein furchtbarer Anblick: Blut, Hirnmasse und Schädelsplitter des Eindringlings haben sich an der Wand und auf dem Sofa verteilt.

Ein Vater will Vergeltung

Richard hat einen Mann getötet, doch vorzuwerfen hat er sich nichts. Es war Notwehr. Auch für die Polizei ist der Fall klar. Der Einbrecher wird als der gesuchte Kriminelle Freddy Russell identifiziert. Für dessen Vater jedoch ist die Sache alles andere als klar: Ben Russell (Sam Shepard), Ex-Sträfling auf Bewährung, ist seinem Sohn zwar alles andere als ein Mustervater gewesen, dennoch brennt er vor Rachedurst. Nach der Beerdigung bleibt er im Ort, lässt sich sogar vor der Schule von Richards Sohn blicken.

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Michael erschießt einen Einbrecher …

Bis dorthin erweckt „Cold in July“ den Eindruck eines zwar fesselnden, aber letztlich gewöhnlichen Rachedramas um eine ehrbare Familie auf der einen und deren Bedrohung durch einen Schurken auf der anderen Seite. Als es zur Home Invasion durch Ben Russell kommt, nimmt die Polizei die Gefahr für die Familie Dane endlich ernst. Von diesem Zeitpunkt an nimmt der 1989 im Osten von Texas angesiedelte Film Fahrt auf – und schlägt eine ganz andere Richtung ein.

Düstere Story mit fesselnden Wendungen

Mit minimalistischem Synthie-Score suggestiv untermalt, trägt das tolle Schauspiel von Michael C. Hall („Dexter“, „Six Feet Under“) und Sam Shepard („Der Stoff aus dem die Helden sind“) als Kontrahenten den Film über das erste Drittel. Mit der dann folgenden Wendung gewinnt die Geschichte deutlich an Finesse. Etwas Comic Relief bringt das Auftauchen des großspurigen Privatdetektivs Jim Bob, gespielt von Don Johnson („Miami Vice“). Das tut auch Not, denn an Düsternis verliert die Story keineswegs – im Gegenteil.

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… und muss künftig um seine Lieben fürchten

„Cold in July“ hatte seine Premiere im Januar 2014 beim Sundance Film Festival und wurde auch in Cannes sowie in Deutschland beim Fantasy Filmfest gezeigt. Der Thriller weist eine ebenso schöne wie klare Dreiakt-Struktur auf, die durch interessante Wendungen vorangetrieben wird und in einen knackigen Showdown mündet. Man muss klassische Drehbuch-Prinzipien gar nicht verlassen, um einen originellen Plot zu präsentieren. Ein feines Krimidrama, das auf verschiedenen Ebenen sehr gut funktioniert und nachhaltig Eindruck hinterlässt.

Verfilmung eines Romans von Joe R. Lansdale

Regisseur Jim Mickle inszeniert zuvor unter anderem 2010 den dystopischen Vampir-Horrorfilm „Vampire Nation“ und 2013 das Kannibalenhorror-Remake „We Are What We Are“. Noch interessanter ist der Autor der Romanvorlage von „Cold in July“: Joe R. Lansdale ist mehrfacher Preisträger des Bram Stoker Awards. Seinen ersten Roman „Act of Love“ (1981, bei uns „Akt der Liebe“) hat er selbst auf meine Nachfrage als „Crime Novel“ bezeichnet, obwohl die beinharte Serienkillergeschichte mit Horrorelementen gespickt ist. Etwa zur selben Zeit entstanden die Romane „The Nightrunners“ (in Deutsch vergriffen) und der bei uns nie erschienene „Dead in the West“, erschienen aber später. Lansdale hat zu Beginn seiner Laufbahn verstärkt im Horrorgenre reüssiert, bevor er sich auch als Krimi-/Thrillerautor einen Namen machte. Der Texaner sieht sich allerdings nicht auf ein Genre beschränkt. Die wohl bekannteste Verfilmung eines seiner Werke ist die Horrorkomödie „Bubba Ho-tep“ (2002) mit Bruce Campbell.

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Ben Russell lauert vor der Schule

Viele von Lansdales Arbeiten harren noch der filmischen Umsetzung. Angesichts der konstanten Schwemme an Zombiefilmen verwundert es etwas, dass sein Untoten-Western „Dead in the West“ noch nicht adaptiert worden ist. Lansdales Roman „Cold in July“ ist in Deutschland erstmals 1997 unter dem Titel „Kalt brennt die Sonne über Texas“ erschienen. Eine Neuauflage vom März 2015 trägt den Titel „Die Kälte im Juli“.

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Jim Bob greift ein

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Jim Mickle sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Nick Damici in der Rubrik Schauspieler.

Veröffentlichung: 5. März 2015 als Blu-ray und DVD

Länge: 110 Min. (Blu-ray), 106 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch u. a.
Untertitel: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: Cold in July
USA/F 2014
Regie: Jim Mickle
Drehbuch: Nick Damici, Jim Mickle, nach einem Roman von Joe R. Lansdale
Besetzung: Michael C. Hall, Sam Shepard, Don Johnson, Vinessa Shaw, Wyatt Russell, Bill Sage, Nick Damici
Zusatzmaterial (nur Blu-ray): Deleted Scenes
Vertrieb: Universal Pictures Germany GmbH

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Copyright 2015 by Volker Schönenberger
Szenenfotos & Blu-ray-Packshot: © 2015 Universal Pictures Germany GmbH

 
 

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