RSS

Schlagwort-Archive: John G. Blystone

Verflixte Gastfreundschaft – Buster Keaton! Buster Keaton!! Buster Keaton!!!

Our Hospitality

Von Volker Schönenberger

Stummfilm-Komödie // Puh – der Layouter des DVD-Menüs von „Verflixte Gastfreundschaft“ ist offenbar unter dem Mindestlohn beschäftigt worden. Solche Billigmenüs wollen wir eigentlich nicht mehr zu sehen bekommen. Der Rückseitentext der DVD von Studio Hamburg Enterprises ist zudem in Versalien gesetzt. Hat den Produzenten niemand erzählt, dass das furchtbar lesbar ist? Die suboptimale Produktion setzt sich mit dem ersten Untertitel fort: Verflixte Gastfreundlichkeit ist begleitend zur eingeblendeten Original-Titeltafel Buster Keaton in “Our Hospitality” zu lesen, dabei lautet der auch auf dem Cover zu lesende deutsche Titel des Films doch „Verflixte Gastfreundschaft“. Unschön, und diese Schlampigkeit zieht sich durch die gesamten Untertitel. Zu guter Letzt sei die Lauflänge erwähnt, die auf dem Cover mit 64 Minuten angegeben ist, obwohl der Film auf der DVD 74 Minuten lang ist. Dass Bild und Ton ebenfalls nicht perfekt sind, muss wohl nicht erwähnt werden – hoppla, nun habe ich es doch erwähnt. Damit immerhin kann ich bei einem bald 100 Jahre alten Film umgehen.

Die Blutfehde der Canfields und McKays

Zu Beginn des natürlich schwarz-weißen Stummfilms klären uns Texttafeln darüber auf, zu bestimmten Zeiten habe es in Teilen der Vereinigten Staaten tödliche Blutfehden zwischen verfeindeten Familien gegeben. Die Geschichte beginnt 1810 und handelt vom Zwist zwischen den Canfields und den McKays in Rockville – das liegt im US-Staat Maryland, sofern das echte Rockville gemeint ist. Im Heim von John McKay (Edward Coxen) und seiner Frau (Jean Dumas) erlebt der einjährige Sprössling Willie (Buster Keatons Sohn Buster Keaton Jr.) eine stürmische Nacht inklusive Schießerei, die sein Vater sowie ein Mitglied der Canfields nicht überleben. Willies besorgte Mutter verfrachtet ihren Sohn daraufhin zur Sicherheit zu ihrer Schwester (Kitty Bradbury) ins entfernte New York City, wo Willie (Buster Keaton) 20 Jahre später zu einem stattlichen jungen Mann herangewachsen ist.

Als er die Nachricht erhält, den Grundbesitz seiner Eltern geerbt zu haben, klärt ihn seine Tante über die Blutfehde mit den Canfields auf, was Willie nicht daran hindert, recht sorglos in seine alte Heimat aufzubrechen. Während der Reise lernt er die bezaubernde Virginia Canfield (Natalie Talmadge, Keatons damalige und erste Ehefrau, in ihrem letzten Film) kennen. Die beiden finden Gefallen aneinander, und die junge Frau lädt Willie ins Haus ihrer Familie ein. Die männlichen Canfields sind alles andere als angetan, als sie erfahren, wen Virginia ihnen da hineingeholt hat. Lästigerweise verbieten die Gesetze der Gastfreundschaft, Willie McKay an Ort und Stelle über den Haufen zu schießen.

„Hatfields & McCoys“ lassen grüßen

Canfield und McKay? Wer dabei an die Miniserie „Hatfields & McCoys“ mit Kevin Costner und Bill Paxton denkt, hat den richtigen Riecher, denn Serie wie Stummfilm sind beide inspiriert von der Hatfield-McCoy-Fehde, die zwischen 1878 und 1891 mehr als ein Dutzend Menschenleben forderte und in den USA zum Synonym für derlei Familienfehden wurde.

Herrlich, wie Willie und Virginia gemeinsam in einem frühen Eisenbahnzug durch die Gegend tuckern und der junge Mann im niedrigen Abteil seinen gar zu hohen Hut gegen einen flachen eintauscht. Buster Keatons Mimik – oder besser: sein völliger Verzicht auf Mimik – illustrieren das formidabel und machen aus einem leidlich lustigen Gag eine urkomische Szene. Kleine Ideen würzen die Fahrt, etwa ein quer über der Strecke liegender Baumstamm, der sich allerdings nicht auf, sondern unter den Gleisen befindet. Als die Gleisspur gar zu holprig wird, verlässt das Gefährt sie kurzerhand und setzt den Trip auf einem Feldweg fort. Irgendwann überholen die Passagierwagen sogar die Lok, wie auch immer ihnen das gelingt. Für die Dreharbeiten wurde eine Dampflokomotive des zeitgenössischen Modells „Rocket“ nachgebaut, den Lokführer spielte Buster Keatons Vater Joe.

Willie hat im Zug neben Virginia Hutprobleme

Der 20 Jahre früher spielende Prolog von „Verflixte Gastfreundschaft“ fällt überraschend humorfrei, gar tragisch aus. Das ändert sich in der Folge, aber es bleibt doch ein vergleichsweise sanfter Slapstick, kaum absurd, wie man es oft bei Buster Keaton gesehen hat. „Our Hospitality“, so der Originaltitel, steht dafür, dass Joseph Canfield (Joe Roberts), Patriarch der Feindesfamilie, seinen Söhnen Clayton (Francis X. Bushman Jr.) und Lee (Craig Ward) verbietet, Willie zu töten, während er als Gast bei ihnen weilt. Das führt so weit, dass die beiden auf ihn schießen, als er die Flucht ergreift und dabei das Haus der Canfields verlässt, die Waffen aber sogleich wieder einstecken, als er sich zurück ins Gebäude rettet.

Vermächtnis von Antagonist Joe Roberts

Joe Roberts, Darsteller des Antagonisten Joseph Canfield, spielte von 1920 bis 1923 insgesamt 19 Mal an der Seite von Buster Keaton – meist dessen Gegenpart. Während der Dreharbeiten zu „Our Hospitality“ erlitt er einen Schlaganfall, kehrte aber bald darauf aus dem Krankenhaus an den Set zurück und beendete den Dreh. Ein weiterer Schlaganfall kurz darauf setzte seinem Leben mit 52 Jahren ein Ende.

Regisseur John G. Blystone drehte von Beginn seiner Laufbahn 1914 bis 1922 ausschließlich Kurzfilme. „Verflixte Gastreundschaft“ ist seine einzige Regiearbeit mit Buster Keaton, der dafür ebenfalls Regisseurs-Credits erhielt. Er beendete seine Karriere 1938 mit seinen einzigen beiden Laurel-und-Hardy-Filmen „Als Salontiroler“ („Swiss Miss“) und „Die Klotzköpfe“ („Block-Heads“).

Buster Keaton inspirierte Jackie Chan

Wie zeitlos Buster Keaton und sein Gesamtwerk trotz des großen Alters und als Stummfilme mit Schwarz-Weiß-Bild einzuordnen sind, belegt allein schon die Tatsache, dass kein Geringerer als Jackie Chan Keaton stets als sein größtes Vorbild bezeichnet hat. Darauf lassen sich letztlich alle von Chans beim Dreh erlittenen Verletzungen bis hin zu etlichen Knochenbrüchen zurückführen, denn der chinesische Superstar ließ es sich nie nehmen, all seine Stunts selbst auszuführen, wie es lange vor ihm auch Buster Keaton praktiziert hatte. Und wer glaubt, das sei im Stummfilm womöglich harmlos gewesen, möge sich eine Video-Kompilation davon anschauen. Auch „Verflixte Gastfreundschaft“ enthält ein paar Beispiele dafür, allen voran die Szene am Wasserfall. Dieser mag als Ideengeber für den etwas holprigen alten deutschen Titel „Bei mir – Niagara“ gedient haben, dessen Herkunft ich nicht ergründen konnte. Lief der Film tatsächlich mal unter diesem Titel in deutschen Kinos?

Natürlich wünschen wir uns, Willie und Virginia mögen zueinander finden und auf diese Weise die Fehde zum Ende führen, und ich spoilere wohl nicht zu viel, wenn ich erwähne, dass die Handlung auch darauf zusteuert. Ein Schlussgag mit all den Schusswaffen der Canfields rundet die Stummfilm-Komödie wunderbar ab. „Verflixte Gastfreundschaft“ verbindet Humor und Romantik mit schön fotografierten Kulissen und einer gut aufgelegten Besetzung zu einem poetischen Gesamtkunstwerk, das eine viel sorgfältiger produzierte Edition verdient hätte als die deutsche DVD-Erstveröffentlichung. Besser als nichts, muss man da wohl seufzend konstatieren. „Our Hospitality“ gehört im Übrigen zur Public Domain und kann daher kostenlos und völlig legal im Internet Archive angeschaut und heruntergeladen werden. Gegenüber dem Kauf der deutschen DVD vielleicht die bessere Wahl.

Abschließend ein Lektüretipp für alle des Englischen Mächtigen: 2002 hat der renommierte US-Filmkritiker Roger Ebert eine schöne Würdigung Buster Keatons veröffentlicht.

Veröffentlichung: 24. Mai 2019 als DVD

Länge: 74 Min.
Altersfreigabe: FSK freigegeben ohne Altersbeschränkung
Sprachfassungen: Englisch (Texttafeln)
Untertitel: Deutsch
Alternativtitel: Bei mir – Niagara
Originaltitel: Our Hospitality
USA 1923
Regie: John G. Blystone (als Jack Blystone), Buster Keaton
Drehbuch: Jean C. Havez, Clyde Bruckman, Joseph A. Mitchell
Besetzung: Buster Keaton, Natalie Talmadge, Joe Roberts, Francis X. Bushman Jr. (als Ralph Bushman), Monte Collins, Craig Ward, Joe Keaton, Kitty Bradbury, Buster Keaton Jr., Edward Coxen, Jean Dumas
Zusatzmaterial: Wendecover
Label/Vertrieb: Studio Hamburg Enterprises

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Szenenfoto: © 2019 Studio Hamburg Enterprises, Filmplakate: Fair Use

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , ,

 
%d Bloggern gefällt das: