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Clint Eastwood (XXIV): Weißer Jäger, schwarzes Herz – Der Regisseur als Regisseur

White Hunter Black Heart

Von Tonio Klein

Abenteuerdrama // Popcornfresser, Juden und Schwarze … Letztgenannte heißen in den Worten von John Wilson (Clint Eastwood) aber anders, nämlich Itzigs und Nigger. Und wie schon in „Bird“ (1988) – in welchem ein weißer Jude und ein Schwarzer jeweils einmal in die Haut des anderen schlüpfen müssen –, „Gran Torino“ (2008) und „Flucht von Alcatraz“ (1979) hat Eastwood ein untrügliches Gespür für Herz und Schnauze. Denn sein Wilson ist mit seinen Worten immer auf der Seite der Bezeichneten. Und die Popcornfresser? Da ist er gleichsam kompromisslos wie auch ein bisschen verlogen, aber Schwamm drüber.

Die Entstehung von „African Queen“

Dazu muss man wissen, worum es geht: 1951 brachte der Regisseur John Huston den unter nervenaufreibenden Strapazen an Originalschauplätzen entstandenen Abenteuerfilm „African Queen“ in die Kinos. Sein Drehbuchautor Peter Viertel verfasste darüber einen halb fiktiven, halb realen Schlüsselroman, den Eastwood 1990 verfilmte. Der Filmemacher spielt also einen Filmemacher, John Wilson = John Huston. Und obwohl Eastwood damals schon deutlich älter war als seinerzeit Huston: Besser hätte es nicht kommen können! Zwei Haudegen haben sich in Schauspieler und Rolle gefunden, sodass es auch gar nicht stört, dass Eastwood immer genauso sehr Eastwood wie Huston ist. Und Wilson sagt eben auf den Wunsch des Drehbuchautors Pete Verrill (klar, Peter Viertel ist gemeint) nach einem weniger deprimierenden Film-Ende, er ließe sich von 85 Millionen Popcornfressern nichts vorschreiben. Und noch mehr: „Um einen Film zu machen, musst du vergessen, dass ihn sich irgendjemand anschauen wird.“

Eastwood inszeniert seinen Wilson/Huston grandios, gerade in dieser Szene, in der das Set Design gar nicht hoch genug zu loben ist: ein stolzes Herrenhaus in Europa (man vermutet England, der echte Huston hatte – allerdings erst später – in Irland gelebt), das Hustons Hang zum Verschwenderischen, Exzentrischen, Kunstsinnigen wunderbar in jedem Raum, jedem Accessoire, jedem Hintergrundgemälde zum Ausdruck bringt. Passt zu einem Egomanen, den nicht interessiert, ob er das Geld dafür hat, was andere dazu sagen und ob sein Film einem Publikum gefällt. Dabei ist diese Haltung des tatsächlich kompromisslosen Filmemachens eine, die ich weder Huston noch Eastwood abnehme. Sicherlich, beide haben sich in zwischendurch immer wieder sehr mutigen Werken anscheinend einen Dreck darum geschert, ob sie Geld machen. Aber beide sind auch keine künstlerischen Onanisten, die ihr Publikum verachten, da man doch selbst dann, wenn man nur die Filme macht, die man will, damit auch Menschen erreichen möchte – sonst müsste man sie ja nicht machen.

Heute darf Eastwood weinen

Gerade Eastwood weiß genau, was er seinem Publikum zumuten kann: 1995 war es bei „Die Brücken am Fluss“ noch nicht so weit, einen weinenden Clint zu akzeptieren, und er wandte sich von der Kamera ab – als bewusste Entscheidung dokumentiert in „Clint Eastwood – Out of the Shadows“ (2000). 2004 wusste er dann, dass er sein Publikum so weit hatte und flennte hemmungslos in die Kamera in „Million Dollar Baby“, einem gleichsam grandiosen wie in jeder Hinsicht erfolgreichen Film. Weiß auch John Wilson, was er seinem Publikum zumuten kann? Nein, und das ist sein Problem. Dieser Wilson ist ein Egomane, dabei zwar oft nicht unsympathisch, etwa wenn er mit unnachahmlichem Eastwood-Gestus und grinsend vorgetragenem Monolog eine Antisemitin fertigmacht, aber das ganze Filmunternehmen gefährdend, und auch sich selbst.

Der reale John Huston war passionierter Großwildjäger. John Wilson möchte in Afrika unbedingt einen Elefantenbullen schießen. Eastwood benutzt gern große Worte und nimmt sie erfrischend ernst, wie zum Beispiel das Schwören in „Absolute Power“ (1997): Was er vorhabe, sei eine „Sünde“, die einzige, für die man eine Erlaubnis kaufen könne, und darum müsse er diese Sünde begehen, bevor er etwas anderes, gleichsam Schlimmes tue. Da hat Wilson wohl nicht aufgepasst, das Drehbuchteam um Eastwood aber sehr wohl: „Sünde“ kommt aus dem Griechischen und steht für „sein Ziel verfehlen“. Es wird etwas geschehen, was alles verändert, für Wilson aber auch kathartische Rettung und Neuanfang bedeuten kann. Und so verzeihen wir seinem Wilson auch die etwas angeberische Publikumsverachtung: Man sieht – und das Drehbuch betont es am Ende auch noch einmal hübsch knapp –, dass sie eben nicht aufgeht und dass Wilson das lernen muss.

Prügelei mit dem Rassisten

Eastwood hat es längst verstanden. Wusste John Huston es? Es ist mir offen gesagt nicht so wichtig, wie viel an Roman und Film Wahrheit und wie viel Fiktion ist. Fest steht jedenfalls, dass in dem Stoff genug Anspielungen auf den realen John Huston enthalten sind; so hat er beim Dreh in Afrika tatsächlich die Großwildjagd betrieben und wollte die insoweit renitente Katharine Hepburn ebenfalls überreden, es einmal zu versuchen. Und auch eine gewisse egomane Rücksichtslosigkeit sowie eine nicht ganz geringe Überzeugung von sich selbst liest man immer wieder aus Anekdoten von Viertel, aber auch aus Hustons Autobiografie „… mehr als nur ein Leben“ heraus. Und ein hartgesottener Haudegen und Abenteurer war er, der sich vor keinem Drehort scheute und dort zudem den Kontakt zu Land und Leuten suchte (großartig zum Beispiel, was 1958 in Hollywood noch absolut unüblich war: „Der Barbar und die Geisha“ wurde in der Geisha-Rolle tatsächlich mit einer Japanerin besetzt, die er vor Ort gecastet hatte). Dabei letztlich genauso angenehm altmodisch wie Eastwood: Da gibt es in „Weißer Jäger, schwarzes Herz“ beispielsweise eine Szene, in der sich Wilson und ein rassistischer Hoteldirektor prügeln, ganz wie bei einer verabredeten Prügelei, bei der man im Streit beschließt, nach draußen zu gehen und alle Anwesenden auch zugucken, aber eine gewisse Fairness gewahrt und zum Beispiel nicht auf einen am Boden Liegenden eingedroschen wird. John Huston hatte sich auf diese Weise einmal eine ganze Stunde lang mit Errol Flynn geprügelt, aber das war eher wie ein verabredeter Kampf, und hinterher waren die Animositäten eben auch ausgefochten, sodass Huston völlig objektiv Flynn später in einem Film besetzte, weil er sich keinen Besseren für die zu vergebende Rolle vorstellen konnte.

Eastwoods Film enthält daneben ein paar augenzwinkernde Parallelen zur Realität am Rande; so haben die beiden Hauptdarsteller von „African Queen“ kleine Rollen. Obwohl diesmal ohne Namensähnlichkeiten, sind unschwer Übereinstimmungen mit den realen Darstellern Humphrey Bogart und Katharine Hepburn auszumachen (und ja, der männliche Hauptdarsteller hat seine schöne junge Frau mit dem langen ondulierten Haar dabei; eine Anspielung auf Bogies Gattin Lauren Bacall, die tatsächlich damals dabei gewesen war). In der deutschen Fassung wird der Effekt noch durch den Einsatz des Bogie-Synchronsprechers verstärkt. Schließlich sei erwähnt, dass der Film mit wunderschönen Natur- und Tieraufnahmen glänzt, die in Zimbabwe entstanden sind.

Im Alter immer besser

Fazit: Abenteuer, Film-Film und Charakterstudie in einem; großartig, weil Eastwood immer weiß, welche Stoffe zu seiner Erzähl- und Schauspielweise am besten passen. Bei manchen Künstlern schätze ich nicht so sehr, wenn sie immer auch zu einem gewissen Teil sie selbst sind. Bei Eastwood, der vieles, aber gewiss kein Chamäleon ist, ist das umgekehrt: In seinen Erzählungen steckt immer auch etwas von ihm selbst, zumindest von seinem eigenen Stil, aber er wählt die richtigen Stoffe dafür, sodass eine perfekte Symbiose aus Erzählung und Erzähltem entsteht. Noch in seinem jüngsten Regie-Hauptrollen-Film „The Mule“ (2019) ist dies so, in dem die wahre Geschichte eines greisen Drogenkuriers nur so lose verwendet wurde, dass sie zu Eastwood passt wie die Magnum zu Dirty Harry.

Bei allen Unterschieden im Übrigen: Dies verbindet ihn mit einem anderen großen Geschichtenerzähler des US-Films, der ebenfalls souverän das Wort Renteneintrittsalter aus seinem Vokabular gestrichen hat und munter Film um Film dreht: Woody Allen. Ob man dem einen das (mehr als schwach belegte) #Metoo-Vorgeworfene und dem anderen seine Trump-Unterstützung übelnimmt, sei dahingestellt. Von den beiden versuche ich immer noch, jedes neue Werk zu sehen, und ich bewundere sie für ihre Schaffenskraft auf weitgehend gleichbleibend hohem Niveau. Verachtet mir die Alten nicht! Und seht auch mal einen 30 Jahre alten Eastwood-Film, bei dem der gute Mann ebenfalls schon nicht mehr der Jüngste war. Aber im Grunde wurde er ungefähr ab dieser Zeit noch viel besser, ernsthafter und endlich auch von den Feuilletons geachtet. Ohne sich zu verleugnen. Weiter so, Clint – und nein, Popcorn fresse ich im Kino nicht, sondern bin ganz bei deinen Werken.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von und mit Clint Eastwood haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Veröffentlichung: 1. Januar 2010 und 23. Oktober 2003 als DVD

Länge: 108 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Spanisch
Untertitel: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: White Hunter Black Heart
USA 1990
Regie: Clint Eastwood
Drehbuch: Peter Viertel, James Bridges, Burt Kennedy, nach Viertels Roman
Besetzung: Clint Eastwood, Jeff Fahey, Charlotte Cornwell, Norman Lumsden, George Dzundza, Edward Tudor-Pole, Richard Warwick, Roddy Maude-Roxby, Catherine Neilson, Marisa Berenson, John Rapley
Zusatzmaterial: keine Angabe
Label/Vertrieb: Warner Home Video

Copyright 2020 by Tonio Klein
Packshots: © Warner Home Video

 

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Der Mann ohne Nerven – Das Granitgesicht kann grinsen

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Breakout

Von Andreas Eckenfels

Actionkomödie // 28 Jahre Haft! Geschäftsmann Jay Wagner (Robert Duvall) landet als mutmaßlicher Mörder in einem mexikanischen Knast. Die Tat hat er nicht begangen, sein Großvater (John Huston) hat die böse Intrige gegen seinen Enkel gesponnen. Jays Ehefrau Ann (Jill Ireland) ist verzweifelt und beauftragt den abenteuerlustigen Piloten Nick Colton (Charles Bronson) und dessen Partner Hawk Hawkins (Randy Quaid), ihren Mann zu befreien. Nachdem die ersten Ausbruchsversuche scheitern, beschließt Nick schließlich, Jay mit einer waghalsigen Aktion herauszuholen. Mit einem Helikopter will er mitten im Gefängnishof landen, Jay einsammeln und mit ihm in die Freiheit fliegen. Ob sein Plan aufgeht?

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Ann will ihren Mann Jay aus dem Knast befreien – koste es, was es wolle

Der Plan ging zumindest im August 1971 auf. Der New Yorker Geschäftsmann Joel David Kaplan saß seit 1962 zu Unrecht wegen Mordes im Gefängnis Santa Maria Acatitla in Mexiko Stadt und wurde von Pilot Vic Stadter per Helikopter befreit. Die wahre Geschichte wurde in dem Buch „The 10-Second Jailbreak: The Helicopter Escape of Joel David Kaplan“ (1973) von Eliot Asinof, Warren Hinckle und William Turner zusammengefasst, welches widerrum für „Der Mann ohne Nerven“ als Grundlage diente. Angeblich war auch die CIA in den Fall involviert. Regisseur Tom Gries konzentrierte sich allerdings anders als die literarische Vorlage weniger auf die Hintergründe, weswegen Kaplan in die Intrige geriet. Vielmehr ist er daran interessiert, die Ausbruchsversuche möglichst spektakulär in Szene zu setzen.

An Bronsons Seite

Die Fluchtversuche sind mal spannend inszeniert – wenn Jay in einem Sarg versteckt aus dem Gefängnis getragen wird, dann aber wegen eines Verrats darin lebendig begraben wird, – mal durchaus amüsant – wenn sich Hawk in Frauenkleidern in den Knast schleichen will, aber von den Wachen entdeckt wird. Sie sind aber stets zum Scheitern verurteilt. Randy Quaid wurde damals schon als chaotischer Sidekick engagiert. Die zahlreichen Luftaufnahmen in „Der Mann ohne Nerven“ sorgen für zusätzlichen Reiz, beim finalen Helikopterflug sitzt der Zuschauer sozusagen auf dem Sitz neben Charles Bronson.

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Der abenteuerlustige Pilot Nick übernimmt den Job

Überhaupt ist Bronson in „Der Mann ohne Nerven“ so entspannt wie selten zu sehen. Der für seine meist wortkargen und stoischen Figuren bekannte Star ist mehr als redselig und hat häufig ein Grinsen im furchigen Granitgesicht. Das Zusammenspiel mit seiner Ehefrau Jill Ireland – es war ihr achter gemeinsamer Film – ist fast zärtlich. Wie auch sein Faustkämpfer Chaney in dem ebenfalls im Jahr 1975 erschienenen „Ein stahlharter Mann“ will Nick angeblich nur aufgrund des Geldes den Job übernehmen. Doch als Nick merkt, dass Ann für ihren Mann wirklich alles tun würde, spürt der gutherzige Pilot Zuneigung für die Frau, ohne dass es dabei zu einer Liebesbeziehung zwischen beiden kommt. Diese hätte auch nicht in die Geschichte gepasst. Nick ist ein Ehrenmann, der zu seinem Wort steht und sich nie in die Verbindung drängen würde.

Wegweisende Distributionsmaßnahme

Der unterhaltsamen und routiniert inszenierten Actionkomödie mit dem stimmungsvollen Soundtrack von Jerry Goldsmith kommt auch filmhistorisch eine bedeutende Rolle zu. Mit der Starbesetzung – Charles Bronson gelang 1974 mit „Ein Mann sieht rot“ ein echter Hit, Robert Duvall hatte zuvor „Der Pate 2“ gedreht – entschied sich das Produktionsstudio Columbia Pictures für eine bis dato kaum genutzte Distributionsmaßnahme, das sogenannte saturation booking, das bald zur gängigen Praxis in Hollywood werden sollte. In diesen Zeiten wanderten die Filmkopien in den USA üblicherweise von Stadt zu Stadt und wurden so über mehrere Monate hinweg nach und nach dem Publikum zugänglich gemacht. „Der Mann ohne Nerven“ wurde stattdessen mit enormem Marketingaufwand angeblich mit 1.300 Kopien in 1.000 US-Kinos gleichzeitig gestartet. Zuvor war US-Produzent Joseph E. Levine (1905–1987) eines der wenigen prominenten Beispiele – er wagte es 1959, den italienischen Sandalenfilm „Die unglaublichen Abenteuer des Herkules“ mit Steve Reeves in 624 Kinos landesweit parallel anlaufen zu lassen. Im Juni 1975 sollte sich auch Universal Pictures zu diesem Schritt entscheiden: Steven Spielbergs „Der weiße Hai“ startete in 409 US-Kinos gleichzeitig und löste auch dank einer enormen TV-Werbekampagne bald „Der Pate“ (1971) als erfolgreichsten Film aller Zeiten ab. Das moderne Blockbusterkino war geboren.

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Jays erste Ausbruchsversuche schlagen fehl

So viel Erfolg war „Der Mann ohne Nerven“ nicht vergönnt. Das Bronson-Vehikel konnte in den Vereinigten Staaten aber immerhin ordentliche 16 Millionen US-Dollar einspielen. Bronson und Gries drehten anschließend auch „Nevada Pass“ miteinander. Es sollte der vorletzte Spielfilm des Regisseurs werden – er starb 1977 im Alter von 54 Jahren.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Charles Bronson und/oder Robert Duvall sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

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Waghalsiger Plan: Nick will Jay mit einem Helikopter rausholen

Veröffentlichung: 17. Januar 2017 als Blu-ray, 9. April 2002 als DVD

Länge: 96 Min. (Blu-ray), 93 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Breakout
USA 1975
Regie: Tom Gries
Drehbuch: Howard B. Kreitsek, Marc Norman, Elliott Baker
Besetzung: Charles Bronson, Robert Duvall, Jill Ireland, Randy Quaid, Sheree North, John Huston, Jorge Moreno, Emilio Fernández
Zusatzmaterial Blu-ray: US-Kinotrailer, Bildergalerie, Wendecover
Vertrieb: Koch Films (Blu-ray), Sony Pictures Home Entertainment (DVD)

Copyright 2017 by Andreas Eckenfels

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Fotos & Packshot Blu-ray: © 2017 Koch Films / Explosive Media, Packshot Blu-ray: © 2002 Sony Pictures Home Entertainment

 

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Freud – Das wird man ja wohl noch untersuchen dürfen

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Freud – The Secret Passion

Von Ansgar Skulme

Drama // Der junge Sigmund Freud (Montgomery Clift) interessiert sich für die tiefen Ursprünge seelischer und psychischer Erkrankungen. Im Wien der 1880er-Jahre ist für unkonventionelle Methoden und ein konsequentes Eintauchen in die Abgründe des menschlichen Geistes aber noch kein Platz. Freud findet in Dr. Joseph Breuer (Larry Parks) einen offenen Befürworter und auch seine Familie unterstützt ihn nach Kräften, doch gleichzeitig droht er mit seinen Untersuchungen den Ruf seiner Angehörigen zu gefährden. Und seinen eigenen erst recht …

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Freuds (r.) größter Befürworter: Dr. Joseph Breuer

Einem Projekt, für das ursprünglich Jean-Paul Sartre das Drehbuch schreiben sollte, kann man ohne den leisesten Zweifel attestieren, von vornherein hoch ambitioniert gewesen zu sein. Sartre stellte das Buch sogar fertig und überarbeitete es nach erster Kritik, doch da es stets deutlich zu umfangreich blieb, musste Regisseur John Huston es verwerfen und Sartre zog sich enttäuscht aus der Produktion zurück. Seine erste Drehbuchversion wäre im Kino umgerechnet etwa fünf Stunden lang gelaufen, die zweite circa acht. Stattdessen erschien seine Variante später unter dem Titel „The Freud Scenario“ in gedruckter Form.

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Der Ruf ihrer Familie leidet: Freud mit seiner Ehefrau Martha

Auch ohne Sartres Vorlage geriet der Film allerdings immer noch so lang, dass er auf Anweisung des Studios zunächst auf die Länge gekürzt wurde, in der er nun auf DVD vorliegt, ehe man ihn für die Kinoauswertung noch einmal um rund 20 weitere Minuten kürzte. Die entsprechenden Passagen wurden folglich nie deutsch synchronisiert und liegen hier nun im Original mit Untertiteln vor. Erst in der nun angebotenen Fassung gibt der Film ein schlüssiges, bemerkenswert konsequentes Gesamtbild ab. Das Werk scheint keine Tabus zu kennen, über die man nicht zumindest reden könnte. So wie auch Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, selbst.

Montgomery Clift perfekt besetzt

Das starke Drehbuch wird von bedrückenden schwarz-weißen Bildern voller großer, oftmals leer erscheinender Räume, düsterer Straßen und leerer Wege unterstützt, in denen verruchte Damen und bornierte Spießer in Schwarz und mit Zylindern umherstolzieren. Freud wandelt in einer Art Irrgarten mit unsichtbaren Mauern, wo ihn nur wenige verstehen, aber viele verhöhnen. Dabei erweist sich Montgomery Clift als geniale, fast schon tragisch gute Besetzung: ein Schauspieler, der privat selbst sehr unter Ausgrenzung litt, da seine Homosexualität nicht in der von ihm erhofften Form respektiert wurde, und der sich Zeit seines Lebens weigerte, oberflächliche heterosexuelle Liebhaberrollen zu spielen, die gut in das Hollywood der 50er-Jahre gepasst hätten. Clift war depressiv, hatte Alkohol- und Drogenprobleme sowie einen schweren Autounfall hinter sich, der seine Karriere beeinflusste. Er spielt diese Rolle – die sich stellenweise wie eine Parabel auf sein eigenes Schicksal verstehen lässt – aber mit einer Demut und Würde, die bis zum Schlussplädoyer berührt. Und obwohl John Huston ihn am Set schlecht behandelte, planten sie für 1967 mit „Spiegelbild im goldenen Auge“ bereits das dritte gemeinsame Projekt, nach „Misfits – Nicht gesellschaftsfähig“ (1961) und „Freud“. Doch dazu kam es nicht mehr.

Die kurze Karriere eines legendären Schauspielers

Montgomery Clift hatte bereits für seinen ersten Hollywood-Film „Die Gezeichneten“ (1948) eine Oscar-Nominierung errungen und es seither auf gut ein Dutzend überwiegend hochkarätige Rollen und weitere Nominierungen gebracht. „Freud“ war sein 16. Kinofilm, sollte jedoch der letzte werden, der noch zu seinen Lebzeiten veröffentlicht wurde. Seine gesundheitlichen Probleme führten zu rechtlichen Auseinandersetzungen mit dem verantwortlichen Universal-Studio. Zunächst wollte Universal Geld von Clift, weil die Dreharbeiten seinetwegen mehrmals hatten unterbrochen werden müssen, da er sowohl psychisch als auch vor allem körperlich in keiner guten Verfassung mehr war. Als der Film in den Kinos jedoch gute Resonanz erntete, wendete sich das Blatt. Clift bekam schließlich recht und wurde entschädigt, hatte durch das langwierige Prozessieren jedoch über längere Zeit keine Rolle mehr bekommen.

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Ein ungelöster früher Fall: Carl von Schlosser (r.)

Schließlich drehte er als Nachfolgefilm zu „Freud“ den Spionagestreifen „Lautlose Waffen“ (1966), eine französische Produktion, die in Deutschland realisiert wurde. Er starb jedoch kurz nach Fertigstellung und noch vor dem Kinostart. Er wurde seinerzeit daheim bereits von einem privaten Pfleger betreut, da seine Gesundheit zu angegriffen war, doch auch der konnte das nächtliche Ableben des erst 45 Jahre alten großen Schauspielers durch einen Herzinfarkt am 23. Juli 1966 nicht verhindern. Angeblich lief in der Nacht seines Todes Clifts erster Film mit Regisseur John Huston, „Misfits“, im Fernsehen, dessen andere beide Stars, Marilyn Monroe und Clark Gable, bereits kurz nach dem Dreh verstorben waren. Auf die Frage des Pflegers, ob sich Clift den Film mit ihm ansehen wolle, soll er „Auf keinen Fall!“ entgegnet haben – nach so überlieferten Angaben des Pflegers waren dies seine letzten Worte, bevor er ihn einige Stunden später tot auffand. Montgomery Clift wurde nur 45 Jahre alt.

Ein verleugnetes Meisterwerk

Dass dieser Film trotz seines berühmten Regisseurs – selbst wenn man Montgomery Clift als Star einmal außen vor lässt – in den USA bis heute nicht auf DVD veröffentlicht wurde, scheint die Bedeutsamkeit der erzählten Geschichte regelrecht zu unterstreichen. Zu schonungslos legt das Werk Finger in Wunden, prangert gesellschaftliche Tabus, bornierten Zynismus und altkluges Einerlei an. Ganz zu schweigen von dem offenen Umgang mit Themen wie früh erwachender Sexualität, Prostitution, Vergewaltigung und Inzest. Kurzum: Der Film reiht Streitpunkte, die so mancher bis heute nicht hören oder besprechen will, aneinander wie Perlen auf einer Perlenkette.

Wir befinden uns zwar nicht mehr in den 1880er-Jahren, dennoch gibt es immer noch genügend abwertendes Geplänkel über Freud, sein Schaffen und vor allem viele der damit korrespondierenden Themen – und nach wie vor Tendenzen der Tabuisierung und des Totschweigens unliebsamer Dinge in einer vorgeblich modernen Gesellschaft. Dass ausgerechnet so ein Film in seinem Herkunftsland nach nunmehr knapp 54 Jahren noch nie auf DVD erschienen ist, ist wohl kaum reiner Zufall. Angst, dass sich ein Film von John Huston auf DVD nicht verkauft, dürfte eine geringe Rolle spielen.

Gefeiert, vergessen, wiedergefunden

Dem Drehbuch, das der Berliner Produzent des Films Wolfgang Reinhardt gemeinsam mit Charles Kaufman (basierend auf einer Story von Kaufman) verfasste, brachte die forsche, kritische Handlung eine hochverdiente Oscar-Nominierung ein. Wohlgemerkt waren in diesem Jahr nur zwei US-Filme in der Kategorie nominiert, aber weder „Freud“ noch die Komödie „Ein Hauch von Nerz“ konnten gewinnen. Reinhardt, der in seiner Karriere zwar nicht viele Filme als Autor und/oder Produzent fertigstellte, dabei allerdings eine Vorliebe für Biopics hatte, kannte Montgomery Clift schon von der Arbeit an „Rom, Station Termini“ (1953) und errang mit „Freud“ seinen größten Erfolg. Ebenso wurde auch die beklemmende, zumeist atonale und dissonante Musik von Jerry Goldsmith nominiert, der hier gewissermaßen seinen Durchbruch feierte – sie unterstützt die düsteren, trostlosen Bilder auf kongeniale Weise. Goldsmith jedoch verlor das ungleiche Duell mit Maurice Jarre und dessen Musik für das teure Epos „Lawrence von Arabien“. Bei den Golden Globes gab es zudem Nominierungen als bester Film, für den Regisseur und für die beiden größten weiblichen Rollen: Susannah York als Patientin Cecilie und Susan Kohner in ihrer letzten Kinorolle als Freuds Ehefrau. Die Directors Guild und die Writers Guild of America würdigten die Produktion ebenfalls mit Nominierungen, nicht zuletzt war „Freud“ 1963 auch auf der Berlinale zu sehen, wo er um den Goldenen Bären konkurrierte.

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Die größte Herausforderung: Cecilie Koertner

Danach jedoch – so hat es den Anschein – verschwand der Film im Giftschrank. Hierzulande entdeckte ihn der TV-Sender arte vor einigen Jahren wieder und präsentierte ihn in guter Qualität zur besten Sendezeit, auf DVD kam er jedoch erst 2012 – fast 50 Jahre nach dem Kinostart – in Großbritannien zu seiner Weltpremiere. Und das auch noch in einem Letterbox-Format, anstelle einer anamorphen Präsentation. Die vorliegende Edition von Pidax, kann sich, trotz dünnen Bonusmaterials, daher vielleicht sogar als bisher weltweit beste Veröffentlichung bezeichnen lassen. Dass der deutsche Ton in den ersten Minuten leicht asynchron ist, sei dieser lobenswerten DVD vergeben. Trotz allem ist die deutsche Fassung sehr gelungen, in der vor allem Clifts Stammsprecher Paul Edwin Roth als Sigmund Freud und der leider nur selten im Synchronstudio aktiv gewesene Carl-Heinz-Schroth als Dr. Breuer, den beiden Rollen der nimmermüden Ärzte und Forscher, brillieren.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Montgomery Clift sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 15. Juli 2016 als DVD

Länge: 134 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch (nur für die nicht synchronisierten Szenen)
Originaltitel: Freud – The Secret Passion
USA 1962
Regie: John Huston
Drehbuch: Charles Kaufman & Wolfgang Reinhardt
Besetzung: Montgomery Clift, Susannah York, Larry Parks, Susan Kohner, Eric Portman, Eileen Herlie, Fernand Ledoux, David McCallum, Rosalie Crutchley, David Kossoff
Zusatzmaterial: Nachdruck der Illustrierten Film-Bühne (Nr. 6502), Trailershow, Wendecover
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2016 by Ansgar Skulme
Fotos & Packshot: © 2016 Al!ve AG / Pidax Film

 

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