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The Day After – Der Tag danach: Infernalische Vision aus dem Kalten Krieg

The Day After

Von Volker Schönenberger

Kriegsdrama // Kann man sich auf das Undenkbare vorbereiten? Wir befinden uns im Mittleren Westen der USA der 1980er-Jahre. Im Universitätskrankenhaus von Lawrence, Kansas in der Nähe von Kansas City geht für Chefarzt Dr. Russell Oakes (Jason Robards) und sein Team alles seinen gewohnten Gang. Seine Tochter Marilyn (Kyle Aletter) offenbart ihm, nach Boston ziehen zu wollen, was der liebende Vater erst einmal verdauen muss. Auf einer Farm auf der anderen Seite von Kansas City bereitet sich die Familie Dahlberg auf die bevorstehende Hochzeit der Tochter Denise (Lori Lethin) mit Bruce Gallatin (Jeff East) vor.

Noch ahnt Dr. Oakes nicht, was ihm bevorsteht

Parallel sind immer wieder Soldaten zu sehen, die in der Gegend stationiert sind und befürchten, in den kommenden Wochen wenig Urlaub zu bekommen. Nachrichtensendungen in Radio und Fernsehen künden von einer sich verschärfenden Krise zwischen West- und Ostblock, die im fernen Europa zwischen den beiden deutschen Staaten zu eskalieren droht. Die Bürger versuchen, die drohende Gefahr aus ihren Gedanken fernzuhalten, doch: „Wenn wirklich was passiert – was machen wir dann?“, fragt Helen Oakes (Georgann Johnson) ihren Ehemann Russell.

Erstschlag und Gegenschlag

Es geschieht das, was niemand für möglich halten wollte: Feuerspeiende Silos entlassen ihre tödlichen Geschosse in den Himmel, von den Raketenstützpunkten rund um Kansas City steigen in bizarren weißen Rauchwolken mit Nuklearsprengköpfen bestückte Minuteman-Interkontinentalraketen auf, die wohl Ziele in der Sowjetunion und anderen Warschauer-Pakt-Staaten ansteuern. Ob sie der Erstschlag oder Reaktion auf einen unmittelbar zuvor erfolgten Moskauer Erstschlag sind – ohne Bedeutung.

Dann detonieren Atombomben über Kansas City.

„The Day After – Der Tag danach“ war seinerzeit der wohl eindringlichste filmische Beitrag zur Debatte um das atomare Wettrüsten während des Kalten Kriegs. Im selben Jahr kam auch John Badhams „War Games – Kriegsspiele“ ins Kino, in dem Matthew Broderick als Hacker beinahe einen Atomkrieg auslöst, weil er eine militärische Simulation für ein Computerspiel hält. Fürs US-Fernsehen produziert, kam „The Day After – Der Tag danach“ in etlichen Ländern auch ins Kino und heizte die Debatte an. Bei der Erstausstrahlung im US-TV am 20. November 1983 saßen angeblich 100 Millionen Amerikaner vor dem Fernseher. Das Drama war Wasser auf die Mühlen der Befürworter nuklearer Abrüstung. Andere warfen ihm Panikmache vor.

Beim militärischen Personal der Raketensilos …

Für den Tonschnitt und die visuellen Spezialeffekte gab’s 1984 den US-Fernsehpreis Emmy. Die Bilder von den aufsteigenden Raketen und den Verheerungen durch die Atomschläge über Kansas City haben sich wohl allen eingebrannt, die den Film damals zu sehen bekommen haben. Der Film enthält Filmmaterial von Teststarts echter Minuteman-Raketen, die gezeigten Atompilze allerdings sind Effekte. Regisseur Nicholas Meyer hatte vorgehabt, die Folgen der nuklearen Explosionen und die Auswirkungen der Strahlenkrankheit weitaus drastischer darzustellen, als es schließlich im Film zu sehen ist, musste allerdings zensurbedingte Schnittauflagen hinnehmen, was ihn sehr erboste. Ursprünglich war eine Länge von mehr als drei Stunden vorgesehen, am Ende blieben davon zwei Stunden übrig, wobei womöglich nicht alle ursprünglich vorgesehenen Szenen tatsächlich gedreht worden sind.

An Originalschauplätzen gedreht

Viele Szenen entstanden an Originalschauplätzen in Lawrence. Einwohnerinnen und Einwohner der Stadt erhielten Komparsenrollen und die Anweisung, sich dafür die Köpfe zu rasieren, um die Folgen der Strahlenkrankheit zu verdeutlichen. Ganze Straßenzüge wurden für die Dreharbeiten hergerichtet, als seien sie vom Atomschlag und dem ihm folgenden Zusammenbruch der Zivilisation verwüstet.

… herrscht hektische Betriebsamkeit

Einige später namhafte Darsteller ergänzen das Ensemble um Jason Robards, darunter John Lithgow („Garp und wie er die Welt sah“), Steve Guttenberg („Police Academy“-Reihe) und JoBeth Williams („Poltergeist“). Zu den bekanntesten Filmen von Regisseur Nicholas Meyer zählen „Star Trek II – Der Zorn des Khan“ und „Star Trek VI – Das unentdeckte Land“. Der New Yorker hat mehr noch als Drehbuchautor gearbeitet. „The Day After – Der Tag danach“ ist zweifellos sein wichtigster Film, auch heute noch bedrückend und unbedingt sehenswert.

DVD mit sehenswertem Bonusmaterial

Das Bonusmaterial der 2007 veröffentlichten und nach wie vor lieferbaren DVD enthält den bizarren neunminütigen Zivilverteidigungs-Lehrfilm „Duck and Cover“ von 1951, der auch bei YouTube zu finden ist, und den ähnlich gelagerten „Let’s Face It“ von 1954 (?), ebenfalls in voller Länge von 13 Minuten bei YouTube anzuschauen. Hinzu kommt die 28-minütige Doku „A Day Called X“ (auch „The Day Called X“) von 1957 mit Glenn Ford als Erzähler, in der dargestellt wird, wie die Stadt Portland in Oregon im Vorfeld einer nuklearen Attacke evakuiert wird. Auch dieser Film findet sich bei YouTube.

Die nuklearen Interkontinentalraketen sind abgefeuert

„Was geht da vor? Können Sie das verstehen? Was geht auf dieser Erde vor sich?“ So fragt Dr. Oakes im ersten Drittel des Films einen Kollegen, als die Lage im geteilten Deutschland außer Kontrolle geraten ist. Dessen Antwort: „Ja. Das hat man doch häufig – dass die Dummheit sich durchsetzt.“

Atomschlag auf Kansas City

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit John Lithgow sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 10. Mai 2007 als Special Uncut Edition DVD, 2. Oktober 2002 als DVD

Länge: 122 Min. (Special Uncut Edition), 115 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: The Day After
USA 1983
Regie: Nicholas Meyer
Drehbuch: Edward Hume
Besetzung: Jason Robards, JoBeth Williams, Steve Guttenberg, John Cullum, John Lithgow, Bibi Besch, Amy Madigan, Jeff East, Georgann Johnson, William Allen Young, Lin McCarthy, Dennis Lipscomb
Zusatzmaterial (Special Uncut Edition): Authentische US-Lehrfilme „Duck & Cover“, „Let’s Face It“, „The Day Called X“ (schwarz-weiß, englische Originalfassung mit deutschen Untertiteln), Schuber
Vertrieb: EuroVideo Medien GmbH

Copyright 2017 by Volker Schönenberger
Szenenfotos: © EuroVideo Medien GmbH

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Daddy’s Home 2 – Mehr Väter. Mehr Probleme. Generationen im Weihnachts-Trubel

Daddy’s Home 2

Kinostart: 7. Dezember 2017

Von Iris Janke

Weihnachtskomödie // Zweiter Aufguss, alles auf Anfang: Die einst um Mutter Sara (Linda Cardellini) und die Kinder konkurrierenden Daddys Dusty (Mark Wahlberg) und Brad (Will Ferrell) aus dem ersten Teil haben sich miteinander arrangiert. Doch im zweiten Teil von „Daddy’s Home“ ziehen neue Wolken am Patchwork-Himmel auf: Autor und Regisseur Sean Anders („Der Chaos-Dad“) lässt seine Daddys Dusty und Brad auf ihre eigenen Väter treffen – und das an Weihnachten.

Super-Softies unter sich: Brad (r.) und sein Vater Don

Zwischen den Generationen und den Vätern untereinander brodelt es. Für den Familienfrieden ebenfalls nicht gerade förderlich ist, dass zwar Opa Don (John Lithgow) von seinem Sohn Brad zur Familienfeier eingeladen und sogar vom Flughafen abgeholt wird, Dustys Vater Kurt (Mel Gibson) sich hingegen kurzerhand selbst zur Familienfeier einladen muss. Mentalitätsmäßig ähneln die älteren Väter ihren Söhnen: Kurt ist ein Macho, wie er im Buche steht, Don ein noch schlimmerer Softie als sein Sohn: Er steht auf Theater und Kommunikation! Als unwillkommenes fünftes Rad am Wagen lässt Kurt nichts aus, um den fragilen Familienfrieden zu stören und Unruhe zwischen den gerade erst versöhnten Brad und Dusty zu stiften. Dafür ist ihm beinahe jedes Mittel recht: Erst bucht er online spontan eine megateure Skihütte, dann lädt er auch noch den biologischen Vater von Dustys Stiefkindern ein.

Krawall liegt ihnen im Blut: Dusty (r.) und sein Vater Kurt

Inhaltlich eingebettet ist die Fortsetzung des Komödienerfolgs „Daddy’s Home“ in den Generationskonflikt zwischen Vätern zu Weihnachten. Damit ist auch eigentlich schon fast alles erzählt. Dass auch Väter Väter haben, ist eigentlich klar, dass sich auch unter Vätern die familiäre Situation anspannt, ebenfalls nicht überraschend. Wer auf derb-komische Weihnachtsfilme wie „Schöne Bescherung“ mit Klamauk-Urvater Chevy Chase steht, kann sicher auch herzhaft über diese hemmungslose Klamotte lachen. Zu Weihnachtskult wie „Schöne Bescherung“ wird „Daddy’s Home 2“ aber nie werden. Wenn man sich auf die derben Sprüche und die durchaus funktionierenden Gags einlässt, macht immerhin auch diese Weihnachtskomödie Spaß. Dafür sorgen sowohl die Ur-Daddys Wahlberg und Ferrell, als auch die Opas Gibson und Lithgow, deren versiertes komödiantisches Können ziemlich prima unterhält.

Scheinbarer Familienfrieden an Weihnachten

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Will Ferrell, Mel Gibson, John Lithgow und Mark Wahlberg sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Vorübergehende Waffenruhe: Dusty (l.) und Brad

Länge: 95 Min.
Altersfreigabe: FSK 6
Originaltitel: Daddy’s Home 2
USA 2017
Regie: Sean Anders
Drehbuch: Sean Anders
Besetzung: Mel Gibson, Will Ferrell, Mark Wahlberg, John Lithgow, Linda Cardellini,Alessandra Ambrosio,Owen Vaccaro, Scarlett Estevez, John Cena, Didi Costine
Verleih: Paramount Pictures Germany GmbH

Copyright 2017 by Iris Janke

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2017 Paramount Pictures Germany GmbH

 

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Brian De Palma (VII): Schwarzer Engel – Obsession als „Vertigo“-Hommage

Obsession

Von Simon Kyprianou

Thriller // „Schwarzer Engel“ ist ein etwas unglücklicher deutscher Titel für Brian De Palmas Film, trifft der Originaltitel „Obsession“ den Ton des Thrillers doch eigentlich ideal. Dem Vernehmen nach wollten De Palma und Drehbuchautor Paul Schrader einen ganz anderen Film machen, entschieden sich aber nach einer gemeinsamen Sichtung von „Vertigo – Aus dem Reich der Toten“ (1958), dazu eine Hommage, bzw. eine bizarre Nachahmung zu drehen, die die Perversion von Hitchcocks Klassiker mit James Stewart zuerst an die Oberfläche führt und dann die Geschichte wiederholt. Deswegen passt der Originaltitel auch so gut: „Obsession“. Schon im Titel führen De Palma und Schrader zur Essenz ihres Vorbildes, weisen darauf hin, worum es gehen wird, während der Titel „Vertigo“ das Gegenteil tut und verbirgt, worum es tatsächlich geht.

Kidnapping setzt die tragische Geschichte in Gang

In „Schwarzer Engel“ geht es um den Geschäftsmann Michael Courtland (Cliff Robertson), dessen Frau Elizabeth (Geneviève Bujold) und Tochter Amy (Wanda Blackman) entführt werden. Bei der misslingenden Lösegeldübergabe wird seine Familie getötet. 15 Jahre später wird Courtland von seinem Geschäftspartner Lasalle (John Lithgow) überredet, ihn auf eine Geschäftsreise nach Florenz zu begleiten. Dort trifft er die junge Sandra, die seiner Frau zum Verwechseln ähnlich sieht.

Eine Frau wird zerstört

Regisseur Christian Petzold sagt über Hitchcocks Film: „,Vertigo‘ von Alfred Hitchcock habe ich gut 50 Mal gesehen. […] Er zeigt die Obsession, man schaut einem Perversen zu, der versucht, wieder einen hochzukriegen. Und die Frauen werden dafür zugerichtet. Mindestens 20 Mal habe ich den Film auch gehasst.“ In „Schwarzer Engel“ passiert etwa dasselbe: Ein Mann ist besessen von einer Frau und am Ende führt die Besessenheit zur Zertrümmerung der Frau.

Michaels Leben wird danach vom Tod bestimmt

De Palma hat sich für seinen Film Hitchcock-Komponisten Bernard Herrmann geholt, es ist dessen letzte Arbeit: Kurz nach Fertigstellung des Soundtracks starb er. Herrmanns Musik legt sich über den Film als eine unheimlich romantische, melodramatische Patina, eine auf den ersten Blick eigentlich unpassende, auf den zweiten Blick mit ihren waghalsigen emotionalen Untiefen den Film aber völlig begreifende Musik. Und es dreht sich ja auch alles um eine unglückliche Liebe, besser noch: um eine unmögliche Liebe. „Schwarzer Engel“ ist ohnehin viel mehr Melodram als Thriller, De Palma ist hauptsächlich daran interessiert, den schicksalshaften Strömungen der Liebe durch die Zeit nachzuspüren und mit anzusehen, wie die Wellen, die diese Liebe schlägt, den Verstand der Liebenden langsam abtragen und die Menschen nach und nach in die Tiefe bröckeln lässt.
Die wirklich wunderbare Kameraarbeit stammt vom genialen Kameramann Vilmos Zsigmond, der unter anderem auch Steven Spielbergs fantastischen Film „Unheimliche Begegnung der dritten Art“, De Palmas „Blow Out – Der Tod löscht alle Spuren“, Robert Altmans „Der Tod kennt keine Wiederkehr“ und Michael Ciminos „Die durch die Hölle gehen“ bebildert hat.

Die dunklen Untiefen kommen ans Licht

Man mag „Schwarzer Engel“ ablehnen, weil er es sich anmaßt, die Dinge, die in „Vertigo“ als dunkle Untiefen stattfinden, die den Film aus der Tiefe heraus so gefährlich und kalt machen, an die Oberfläche zu führen und im Licht zu begutachten. Zwar nicht in einem kalten analytischen Laborlicht, als ein Film der die Vorlage zwanghaft erklären und analysieren will, sondern im warmen Sonnenlicht von Italien. Vermutlich sollte man aber so nicht denken, es gibt genug zu mögen an „Schwarzer Engel“: die hemmungslose Romantik, diese fantastische letzte Musik von Herrmann, das wunderbare Spiel von Geneviève Bujold, die Bilder von Zsigmond und der wenn auch etwas problematische, so doch auch kühne Ansatz von De Palma und Schrader.

Mit seinem Geschäftspartner Lasalle reist Michael nach Italien

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Brian De Palma sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit John Lithgow in der Rubrik Schauspieler.

Dort stolpert er erneut in eine von Tod überschattete Liebesgeschichte

Veröffentlichung: 25. August 2017 als Blu-ray und DVD, 7. April 2017 als Blu-ray im Mediabook, 7. Juli 2011 als DVD (Concorde Home Entertainment)

Länge: 98 Min. (Blu-ray), 94 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Italienisch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Obsession
USA 1976
Regie: Brian De Palma
Drehbuch: Paul Schrader
Besetzung: Cliff Robertson, Geneviève Bujold, John Lithgow, J. Patrick McNamara, Sylvia Kuumba Williams, Wanda Blackman, Stanley J. Reyes, Nick Kreiger, Stocker Fontelieu, Don Hood
Zusatzmaterial: keine Angabe
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2017 by Simon Kyprianou

Fotos & Packshot Blu-ray: © 2017 Al!ve AG / Endless Classics, Packshot DVD: © 2011 Concorde Home Entertainment

 

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