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Der Pazifikkrieg (I): Tora! Tora! Tora! Die Erweckung des schlafenden Riesen

Tora! Tora! Tora!

Von Volker Schönenberger

Kriegsdrama // Kuriosum bei den Regiepersonalien: Am Ende des Vorspanns der internationalen Kinofassung von „Tora! Tora! Tora!“ wird Richard Fleischer mit dem Vermerk „Directed by“ als Hauptregisseur genannt, eine Einblendung zuvor sind seine beiden Kollegen Toshio Masuda und Kinji Fukasaku mit der Bemerkung „Japanese Sequences Directed by“ etwas in die zweite Reihe gerückt worden; in der japanischen Fassung hingegen ist es genau umgekehrt: Auf „American Sequences Directed by Richard Fleischer“ folgt „Directed by Toshio Masuda [and] Kinji Fukasaku“. Ohne mit der Stoppuhr die japanischen und US-Sequenzen gegeneinander abzuwägen, belassen wir es doch einfach dabei, die drei Herren als gleichberechtigte Regisseure zu betrachten. Bemerkenswert genug, dass ein solches Projekt ein knappes Vierteljahrhundert nach den von japanischer wie amerikanischer Seite gleichermaßen erbittert geführten Schlachten, Kämpfen und Bombardierungen des Zweiten Weltkriegs von Produktionsfirmen beider Nationen umgesetzt worden ist. Noch kurioser mutet eine Anekdote bezüglich der Regiestühle an, die ich in den Trivia der Internet Movie Database fand: Demnach war kein Geringerer als Akira Kurosawa („Die sieben Samurai“) als Regisseur der japanischen Sequenzen vorgesehen. Der war dazu bereit, weil man ihm weisgemacht hatte, bei den amerikanischen Szenen werde David Lean („Lawrence von Arabien“) auf dem Regiestuhl sitzen – Lean war allerdings zu keinem Zeitpunkt in das Projekt involviert. Als Kurosawa das herausfand, war es das mit seiner Beteiligung.

Die Kaiserlichen Streitkräfte sind gerüstet

Der als Angriff auf Pearl Harbor in die Geschichtsbücher eingegangene Überfall der Kaiserlich Japanischen Marineluftstreitkräfte auf die Pazifikflotte der USA am 7. Dezember 1941 stellt eines der prägenden und richtungsweisenden Ereignisse des Zweiten Weltkriegs dar. Zuvor galten die später Pazifikkrieg genannten Konflikte im Pazifischen Ozean noch nicht als Teil der globalen militärischen Auseinandersetzungen, man spricht vom Zweiten Japanisch-Chinesischen Krieg, der bereits am 7. Juli 1937 mit der japanischen Invasion Chinas begonnen hatte. Pearl Harbor machte die USA zur Kriegspartei, der flugs – am 11. Dezember 1941 – auch das Deutsche Reich und Italien als Verbündete Japans den Krieg erklärten.

Japans Botschafter schindet in Washington Zeit

Zu Beginn lernen wir Lieutenant Commander Fuchida Mitsuo (Takahiro Tamura) kennen, der den Angriff auf Pearl Harbor führen wird. Von seinem neuen Oberbefehlshaber Vize-Admiral Isoroku Yamamoto (Sô Yamamura) scheint er nicht viel zu halten. Im fernen Berlin wird am 27. September 1940 zwischen dem Deutschen Reich, Italien und Japan der sogenannte Dreimächtepakt abgeschlossen, der die drei Staaten fortan zu Bündnisgenossen macht – den „Achsenmächten“. In Washington DC schindet der japanische Botschafter Kichisaburo Nomura (Shôgo Shimada) gegenüber US-Außenminister Cordell Hull (George Macready) und Kriegsminister Henry L. Stimson (Joseph Cotten) Zeit. Und im Pazifik trainieren die Piloten japanischer Kampfflugzeuge mit Torpedo-Ladung, ihre tödliche Fracht zielgenau abzuwerfen. Insgesamt mehr als 300 Jäger, Sturzkampfbomber und Torpedobomber sollen den Schlag gegen Pearl Harbor in zwei Wellen ausführen.

Erfolg in Japan, Misserfolg in den USA

1970 war der Vietnamkrieg in vollem Gange, was ein Grund dafür gewesen sein mag, dass „Tora! Tora! Tora!“ an den US-Kinokassen floppte. In Japan hingegen lief das Kriegsdrama erfolgreich. Vielleicht war es auch die vergleichsweise konventionelle Machart des Films zu einem Zeitpunkt, als „New Hollywood“ bereits mächtig frischen Wind durch die Traumfabrik wehen ließ, ein wenig für den Misserfolg verantwortlich. „Tora! Tora! Tora!“ atmet jedenfalls klassische Erzählstrukturen, Bilder und Heldenporträts aus jeder Pore. Die Vielzahl der Figuren und der Wechsel der Schauplätze der Szenen inklusive Freund und Feind erinnerte mich stark an das Invasionsdrama „Der längste Tag“ („The Longest Day“). Vor allem die ausgiebige Einführung der Figuren und die langen beidseitigen Vorbereitungen auf den in der Rückschau unausweichlichen Ausbruch der feindseligen Auseinandersetzungen liefern einige Parallelen zu dem ebenso monumentalen Kriegs-Epos von 1962.

Soundtrack von Jerry Goldsmith

Diese Einleitung endet nach 83 Minuten, eine zweiminütige orchestrale „Intermission“ ohne Bilder unterbricht die Handlung, bevor für eine gute Stunde der Angriff auf Pearl Harbor breiten Raum einnimmt. Für dieses musikalische Intermezzo wie für den gesamten, stets passenden Score zeichnet der für einige Jahrzehnte gut beschäftigte Jerry Goldsmith verantwortlich, 18-fach Oscar-nominiert, aber nur einmal prämiert: 1977 für seinen Soundtrack für den okkulten Horrorschocker „Das Omen“.

Zur Entstehung des Filmtitels „Tora! Tora! Tora!“: Lieutenant Commander Fuchida ließ seinen Funker übrigens als Signal für den Überraschungsangriff to ra to ra to ra senden, wobei to für „totsugeki“ (Angreifen) und ra für „raigeki“ (Torpedos) steht. Amerikanische Funker verstanden jedoch tora (Tiger).

Überraschung während der Flugstunde

Unmittelbar vor den ersten Attacken der japanischen Flugzeuge lockert ein ungewöhnliches Aufeinandertreffen in der Luft die große Spannung kurzzeitig auf: In einem quietschgelben Doppeldecker-Zivilflugzeug gibt eine Fluglehrerin einem Schüler gerade eine Übungsstunde, als plötzlich zahlreiche japanische Kampfflugzeuge über und neben den beiden den Himmel säumen – man könnte einander zuwinken. Die Lehrerin zieht es vor, das Weite zu suchen. Eine solche Szene soll es während des japanischen Angriffs tatsächlich gegeben haben.

Japanische Bomber auf dem Weg zum Ziel

In Pearl Harbor ahnen die Soldaten an diesem sonnigen Morgen nichts Böses. Zwei Kadetten wollen auf einem U-Boot gerade das Sternenbanner hissen und können sich vor den ersten Salven mit Müh und Not ins Wasser retten. Auf einem Schlachtschiff spielt ein Orchester die Nationalhymne, als das Inferno losbricht. Der moderne Kriegsfilm mag sich seit Beginn der 1970er-Jahre entwickelt haben, das ändert aber nichts daran, dass die Actionszenen in „Tora! Tora! Tora!“ auch heute noch angetan sind, schweißnasse Hände zu verursachen. Die Kombination aus Luftaufnahmen und Bildern der attackierten Schiffe im Wasser beeindruckt ungemein.

Martin Balsam und Jason Robards als US-Offiziere

Unter der illustren Besetzung finden sich Martin Balsam als Admiral Husband E. Kimmel, seinerzeit Oberbefehlshaber der US-Pazifikflotte, und Jason Robards als General Walter C. Short, Befehlshaber der amerikanischen Armeestreitkräfte auf Hawaii. Obwohl auch politische Entscheidungsträger auftreten, vermeidet das Kriegsdrama jedwede Schuldzuweisung. Ansonsten wäre es bei der Produktion des Films womöglich auch nicht zur japanisch-amerikanischen Kooperation gekommen. Die militärischen Befehlshaber auf japanischer Seite folgen Befehlen von oben und schwören ihre Untergebenen auf das große Ziel ein. Sie sind fester Überzeugung, ebenso im Dienst der großen – richtigen – Sache zu stehen wie ihre Pendants auf der Gegenseite, die immerhin lediglich defensiv agieren und sich auf den japanischen Schlag vorbereiten.

„Tora! Tora! Tora!“ stellt zweifellos die Referenz dar, was Verfilmungen des Angriffs auf Pearl Harbor angeht. Fred Zinnemanns „Verdammt in alle Ewigkeit“ (1953) mit Burt Lancaster, Montgomery Clift, Frank Sinatra, Ernest Borgnine, Deborah Kerr und Donna Reed ist zwar herausragend, der japanische Überfall steht darin aber nicht im Fokus. Michael Bays „Pearl Harbor“ (2001) mit Ben Affleck, Josh Hartnett und Kate Beckinsale mag modernen Sehgewohnheiten stärker entgegenkommen, ist insgesamt aber nicht groß der Rede wert.

Japanische Fassung etwa vier Minuten länger

Die Japan-Fassung von „Tora! Tora! Tora!“ fällt knapp vier Minuten länger aus als die internationale Kinofassung. Sie enthält zwei zusätzliche Szenen, die dem Geschehen auf japanischer Seite minimal mehr inhaltliche Tiefe geben. Die Unterschiede können im Schnittbericht nachgelesen werden. Die deutsche Blu-ray beeindruckt mit sehr guter Bildqualität, beiden Schnittfassungen und massig Bonusmaterial. Die zusätzlichen Szenen der japanischen Fassung sind nicht synchronisiert, dafür mit Untertiteln unterlegt worden.

Die Amerikaner werden überrascht …

Laut einer 1994 am USS Arizona Memorial vorgenommenen Umfrage stellt „Tora! Tora! Tora!“ für Amerikaner die geläufigste Quelle ihrer Kenntnisse über den Angriff auf Pearl Harbor dar (for Americans the film was the most common source of popular knowledge about the Pearl Harbor attack).

Kritik am Krieg – Fehlanzeige

Wer epischem Kriegskino zum Zweiten Weltkrieg etwas abgewinnen kann, sollte sich dieses handwerklich herausragende, aufwendig inszenierte Werk auf jeden Fall einmal angeschaut haben. Einen kritischen Kommentar zum Wesen des Kriegs darf sich aber niemand erhoffen, hier geht es einzig um die Nachstellung eines gravierenden militärischen Akts von höchster kriegshistorischer Bedeutung. Diesen Anspruch erfüllt „Tora! Tora! Tora!“ auf formidable Weise. Ob jedes militärische Gerät authentisch und nicht etwa anachronistisch gezeigt wird, entzieht sich meinem Urteilsvermögen, erscheint auch nicht sonderlich relevant, sofern dem Laien keine gravierenden Fehler auffallen. Der renommierte Filmkritiker Roger Ebert mochte das Werk zwar überhaupt nicht, bezeichnete es als one of the deadest, dullest blockbusters ever made. Dem kann ich mich aber nicht anschließen. Wir haben es mit Hochglanz-Kriegskino in technischer Perfektion zu tun, der Oscar für die besten visuellen Spezialeffekte 1971 geht für das Spektakel völlig in Ordnung.

Fast 2.500 Tote

Auf Seiten der US Army starben beim Angriff auf Pearl Harbor mehr als 2.400 Mann. Zwölf Schiffe wurden versenkt oder strandeten, 164 Flugzeuge wurden zerstört. Die Japaner hatten den Tod von 65 Piloten oder U-Boot-Besatzungsmitgliedern zu beklagen. I fear all we have done is to awaken a sleeping giant and fill him with a terrible resolve. (Es ist, als ob wir einen schlafenden Riesen aufgeweckt und den Willen in ihm entfacht haben, mit allen Kräften zu kämpfen.) So spricht’s der japanische Oberbefehlshaber Yamamoto am Ende von „Tora! Tora! Tora!“. Diese bedeutungsschwangeren Worte sind allerdings nicht wörtlich verbürgt, gleichwohl prophetisch.

Die Hoheit über den Pazifik währte nicht lange

Der Erfolg der Kaiserlich Japanischen Marineluftstreitkräfte in Pearl Harbor war in der Tat trügerisch. Zwar gewann die japanische Flotte dadurch für eine Weile die militärische Hoheit im Pazifik, diese Überlegenheit endete jedoch bereits nach sechs Monaten im Juni 1942 mit der Schlacht um Midway. Aber das ist eine andere Geschichte, die 1976 mit „Schlacht um Midway“ und 2019 mit „Midway – Für die Freiheit“ fürs Kino erzählt worden ist.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Richard Fleischer haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt, Filme mit Martin Balsam, Joseph Cotten und Jason Robards unter Schauspieler.

… und sterben wie die Fliegen

Veröffentlichung: 20. November 2009 als Blu-ray, 23. Mai 2005 als DVD

Länge: 149 Min. (Blu-ray, japanische Fassung), 145 Min. (Blu-ray, Kinofassung), 139 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch/Japanisch u. a.
Untertitel: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: Tora! Tora! Tora!
JAP/USA 1970
Regie: Richard Fleischer, Kinji Fukasaku, Toshio Masuda
Drehbuch: Larry Forrester, Hideo Oguni, Ryûzô Kikushima sowie ohne Credits Akira Kurosawa, nach Vorlagen von Gordon W. Prange und Ladislas Farago
Besetzung: Martin Balsam, Sô Yamamura, Jason Robards, Joseph Cotten, Tatsuya Mihashi, E. G. Marshall, Takahiro Tamura, James Whitmore, Eijirô Tôno, Wesley Addy, Shôgo Shimada, Frank Aletter, Koreya Senda, Leon Ames, Shôgo Shimada, George Macready
Zusatzmaterial Blu-ray: Audiokommentar von Regisseur Richard Fleischer, Audiokommentar von Stuart Galbraithiv, Dokumentarfilm: „Der Tag der Schande“, „Geschichte durch die Kamera: Ein Riese erwacht“, „AMC Backstory: Tora! Tora! Tora!“, 2 Bildergalerien, Fox Movietonews, Original Kinotrailer
Label/Vertrieb: Twentieth Century Fox Home Entertainment

Copyright 2019 by Volker Schönenberger
Szenenfotos: © 2009 Twentieth Century Fox Home Entertainment

 

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Zum 100. Geburtstag von Jennifer Jones: Duell in der Sonne – Lektionen in Lust und Leidenschaft

Duel in the Sun

Von Ansgar Skulme

Western // Pearl Chavez (Jennifer Jones) wird nach dem Verlust ihrer Eltern auf der riesigen Ranch von Senator Jackson McCanles (Lionel Barrymore) aufgenommen. McCanles’ Ehefrau Laura Belle (Lillian Gish) war früher einmal eng mit Pearls Vater (Herbert Marshall) befreundet. Die Söhne der McCanles-Familie, Jesse (Joseph Cotten) und Lewt (Gregory Peck), werfen beide sofort ein Auge auf Pearl. Doch während der bodenständige Jesse die ruhigere Gangart wählt, zeigt sich der nur den Willen seines Vaters als Gesetz akzeptierende Unruhestifter Lewt schnell als notorischer Aufreißer, der Frauen genauso zu zähmen versucht wie frisch eingefangene Wildpferde.

Nach dem Welterfolg von „Vom Winde verweht“ (1939) hegte der Produzent David O. Selznick den verständlichen Wunsch, ein Projekt zu realisieren, das diese gigantischen Fußstapfen zu füllen vermochte. Ein paar Jahre zogen freilich ins Land, denn ein geplanter großer Wurf dieser Art wollte gut vorbereitet sein. Die Dreharbeiten forderten 1945 viele Monate, seine Premiere feierte der Western schließlich kurz vor Ende des Folgejahres. Davor befand sich „Duell in der Sonne“ geraume Zeit im Schnitt. Eine ursprüngliche Version des geordneten Rohmaterials, wenn nicht sogar eine frühe Schnittfassung, soll eine Länge von etwa 26 Stunden gehabt haben. Diese galt es zuschauerfreundlich zu straffen. Von Sittenwächtern als zu freizügig empfundene Szenen landeten im Zuge des Kürzungsprozesses nicht in der finalen Schnittfassung. Der Film ist in der bekannten Form schon äußerst offensiv für damalige Hollywood-Verhältnisse, wäre ansonsten aber noch viel deftiger geraten. „Duell in der Sonne“ machte bereits während der Produktionsphase als provokantes Werk mit Mut zur Sünde von sich reden. Die Zuschauer konnten und sollten lange vor der Veröffentlichung erahnen, was da auf sie zukam. Unterfüttert von der Affäre zwischen Produzent Selznick und Hauptdarstellerin Jennifer Jones, die zum Scheitern ihrer damaligen Ehen führte, ehe sie schließlich selbst ein Ehepaar wurden. So vermischten sich Elemente des wahren Lebens mit der Handlung des Films, was den wilden Charakter dieser Produktion für damalige Verhältnisse umso frecher machte. In manchen Regionen der USA wurde „Duell in der Sonne“ auch in seiner finalen Schnittfassung lange nicht aufgeführt, weil diese dem einen oder anderen immer noch zu sexy und moralisch verdorben erschien. Selznick investierte für die damalige Zeit beispiellose Summen in das Marketing. Die Werbung für den Film zeigte sich letztlich als so teuer, dass er unter dem Strich zwar kein Verlustgeschäft war, aber trotz immensen Publikumserfolges aufgrund der unglaublich hohen Ausgaben keine großen Gewinne generierte. Bei der zeitgenössischen Kritik scheiterte „Duell in der Sonne“, doch offenkundig wollten die zahlenden Zuschauer genau ein solches wildes, leidenschaftliches Kino sehen. Mag der Film vielen älteren Betrachtern auch aufgestoßen sein, dürfte er jüngeren Zuschauern, die gerade alt genug waren, um ein Ticket ergattern zu können, häufig gut gefallen haben.

Viele Köche veredeln den Brei

Zu den Superlativen dieses Films zählt auch ein hoher Verschleiß an Regisseuren. Darunter Produzent Selznick und einige große Namen wie William Dieterle („Der Wendepunkt“), William Cameron Menzies („Invasion vom Mars“) und Josef von Sternberg („Der blaue Engel“). Sternberg soll, dem Vernehmen nach, nur als Experte für die Beleuchtung, zur bestmöglichen Inszenierung von Jennifer Jones engagiert worden sein, Menzies wohl sogar nur Teil der „Second Unit“-Regisseure gewesen sein. Vermutlich hatte Dieterle neben King Vidor den Hauptanteil an den in der finalen Schnittfassung sichtbaren Szenen. Wenn man so will ist der Film also – ähnlich wie „Der Dieb von Bagdad“ (1940) – ein Puzzle aus von unterschiedlichen Regisseuren, die einander ablösten, realisierten Sequenzen, die nebeneinanderstehen und eine Einheit bilden sollen, wobei King Vidor, dem der Film auch in den Credits zugeschrieben wird, doch den mit Abstand deutlichsten Anteil am finalen Produkt haben dürfte.

Allerdings fungiert die grandiose Technicolor-Fotografie als Bindeglied, das den Einfluss der einzelnen Regisseure mit wunderbaren visuellen Ideen und Farbkompositionen gewissermaßen übertrumpft und rahmt. An dieser Stelle muss einmal mehr der Name des bedeutenden Kameramannes Ray Rennahan erwähnt werden, der zu den größten Technicolor-Virtuosen dieser Epoche gehörte und für seine Arbeit an Selznicks „Vom Winde verweht“ seinen ersten Oscar gewonnen hatte. An „Duell in der Sonne“ arbeitete er gemeinsam mit seinen ebenfalls preisgekrönten Kollegen Hal Rosson und Lee Garmes. Der Film ist schon allein aufgrund der Bilder jede Sichtung wert; eine der größten Errungenschaften, die Technicolor im klassischen Hollywood hervorgebracht hat und nicht umsonst 2015 in der Technicolor-Retrospektive der Berlinale vertreten gewesen. Es fällt schwer, hier einzelne Szenen hervorzuheben und dafür andere zu vernachlässigen. Dass die Farbe Rot als Farbe des Blutes und der roten Lippen hier eine ganz besondere Rolle spielt – kein Wunder. Ein Gesamtkunstwerk mit kameraästhetisch nur wenigen Mängeln. Zu epischer Größe gelangt „Duell in der Sonne“ ferner durch die Musik von Dimitri Tiomkin, für den die Zusammenarbeit mit Selznick zwar anstrengend war – da ihre Vorstellungen oft auseinandergingen –, der hier aber, einschließlich Ouvertüre und Schlussmusik in der sogenannten „Roadshow-Fassung“, eine seiner mitreißendsten Arbeiten hinterließ. Selznick war bekannt dafür, häufig künstlerische Differenzen mit seinen Crews zu haben, weil er gewissermaßen von anderen verlangte, seine eigenen Ideen perfektionistisch zu bebildern beziehungsweise zu vertonen, was sich bei der Produktion dieses Films am Regisseur-Verschleiß wie auch am Zwist mit Tiomkin zeigte. Aus heutiger Sicht wird sein launisches Verhalten aber auch auf Selznicks damalige Abhängigkeit von Amphetaminen zurückgeführt.

Wenn man sich Bizet im Western vorstellt

Jennifer Jones, die am heutigen 2. März 2019 einhundert Jahre alt geworden wäre, erinnert in „Duell in der Sonne“ vom ersten Augenblick an recht deutlich an Georges Bizets „Carmen“, und auch im weiteren Handlungsverlauf finden sich gewisse Parallelen zur berühmten Oper. Nur ist Pearl noch lange nicht die gewiefte Verführerin im Stil von Carmen, sondern macht sich diese Facette erst mit der Zeit immer mehr zu eigen. Sie macht ihre ersten forschen Versuche, den Männern auffordernde Blicke zuzuwerfen, ihnen ihr Interesse mit den Augen und ihrer Körperhaltung offensiv zu signalisieren, und bringt schon damit manch einen schnell um den Verstand. Dem Film gelingt es zudem gut, das von Pearl Chavez ständig durchlebte emotionale Hin und Her melodramatisch zu verpacken – bis zu einem Punkt, als sie sich einem ihrer Verehrer im wahrsten Sinne des Wortes ans Bein schmeißt. Wenn man so will, treibt „Duell in der Sonne“ das Bild von einer Frau, die sich einfach nicht entscheiden kann, die nicht weiß, was sie will und in ihrer Jugend vor allem Orientierung, Halt und Liebe sucht, gnadenlos auf die Spitze – sie verrennt sich, sie liebt, sie leidet, sie lockt, sie durchlebt Versuchung und Lust. Und die Männer, die sie kennenlernt, bilden ein breites Spektrum an unterschiedlichen Eigenschaften ab, mit denen sie sich auseinandersetzen muss. Insofern ist dieser Western ein äußerst konsequentes Melodram, manchmal opernartig extrovertiert, aber sehr klug darin, komplizierte Gefühlswelten zum vollen Ausbruch kommen zu lassen. Jennifer Jones erhielt zu Recht eine Oscar-Nominierung für diese Performance mit voller Hingabe, gespickt mit denkwürdigen, attraktiven Nah- und Großaufnahmen und einem wilden Wechselspiel aus Unsicherheit und erotischer Provokation. Ihren einzigen Oscar hatte sie 1944 für ihre Haupt- und Titelrolle in Henry Kings „Das Lied von Bernadette“ erhalten, ebenso den Golden Globe. „Duell in der Sonne“ lädt die Dynamiken zwischen Mann und Frau, über die Pearl im Verlauf der Handlung immer mehr lernt, mit sehr viel Energie auf und bebildert dies eindrücklich. Interessant ist dabei nicht nur die Unterschiedlichkeit der Herangehensweisen ihrer Verehrer, sondern auch wie sich die Problematik von verkannter Liebe und gespielter Ignoranz parallel in der Beziehung von Senator McCanles und seiner Frau spiegelt – in einer deutlich älteren Generation und mit anderen Typen Mensch. Auch die Reife des Alters schützt vor gewissen Torheiten nicht.

Lillian Gish, früher ein großer Stummfilmstar, erhielt für ihre Rolle der Laura Belle McCanles in „Duell in der Sonne“ – eine starke, weise Frau, die bereits viel Zurückweisung und gespielten Hass erdulden musste und versucht, die Familie zusammenzuhalten – ebenfalls eine Oscar-Nominierung, erstaunlicherweise ihre erste und einzige. Und ihr Film-Ehemann Lionel Barrymore, der nicht nur als Senator McCanles, sondern damals bereits seit mehreren Jahren wirklich im Rollstuhl saß, sich hier aber sogar einmal im Sattel eines Pferdes zeigt und obendrein einen wahrlich bemerkenswerten Stunt mitmachte, hätte eine Nominierung genauso verdient gehabt. Barrymore verstand sich bestens darauf, den verbohrten Kauz mit rassistischem Unterton zu geben, entlockt seiner Figur gegen Ende aber auch eine unerwartete emotionale Tiefe, die wirklich berührt. Seine finale Szene, an der Seite von Harry Carey, vor glühend rotem Himmel, ist nicht nur eine der visuell genialsten des Films, sondern im Grunde auch inhaltlich viel stärker und ergreifender als das folgende Finale von Pearl Chavez, das es mit der Melodramatik grenzwertig auf die Spitze treibt und aus heutiger Sicht leider etwas angestaubt wirkt.

Starke Präsenzen

Man könnte hier ohnehin über etliche Darstellerleistungen ganze Seiten schreiben. Wundervoll beispielsweise auch Walter Hustons bitterböse, sarkastisch-lustige Darbietung als geistlicher Sündenaustreiber, der sich immer wieder im Ton vergreift, dadurch selbst ad absurdum führt und in seinen Predigten so ausschweifend gestikuliert und betont, dass man kein Wort davon ernst nehmen mag. Der Vater der späteren Regielegende John Huston gewann bald darauf, unter der Regie seines Sohnes, seinen einzigen Oscar für „Der Schatz der Sierra Madre“ (1948), ehe er leider schon 1950 starb. Überraschend und tragisch, da er in diesen berühmten späten Rollen wahrlich vor Lebensfreude und Energie sprudelt.

Dann ist da Herbert Marshall, ein verdienstvoller Schauspieler und früher Tonfilmstar mit interessanter Stimme, der hier für eine Art Cameo, für die ersten zehn Minuten des Films gewonnen werden konnte. Marshall verstand sich gut darauf, theaterhafte Melodramatik mimisch und sprachlich auf die Erfordernisse eines Spielfilms herunterzubrechen, was gerade in dieser Rolle sehr wichtig ist und bestens gelingt. Sein Scott Chavez ist ein moralischer Hardliner, der zum Glück nie erfahren wird, was später im Verlauf des Films aus seiner Tochter wird, obwohl er sich im Angesicht des Todes das komplette Gegenteil erhofft. Der Film provoziert also nicht nur mit Versuchung, sondern schon zu Anfang auch mit dem Gegenteil – der radikalen Abkehr von Versuchung: Scott Chavez, der für sich selbst den Tod fordert und es als Verbrechen bezeichnet, den Namen seiner Familie mit einer Frau wie der Mutter seines Kindes entehrt zu haben, weil diese untreu ist und es sogar in der Öffentlichkeit bunt treibt. Selbst eine solch kurze Rolle mit einem Schauspieler des Renommees von Herbert Marshall zu besetzen oder einen Stummfilmstar wie Lillian Gish für eine große Rolle zu reaktivieren, sind Aspekte, die in etwa eine Vorstellung von der Größe des Projekts geben. Selznick wollte die ganz pompöse Bühne. Auch in weiteren relativ kleinen Rollen finden sich Schauspieler, die dem Publikum bereits durch Filmhauptrollen bekannt sein konnten. Wobei manche dieser Auftritte – wenn nicht sogar der von Herbert Marshall – eventuell erst in der finalen Schnittfassung so kurz geraten sind.

Nicht zuletzt sollte Gregory Peck hervorgehoben werden, der seine Darbietung in dem Film zwar offenbar rückblickend als keine besondere Herausforderung empfand – jedoch fällt sie aus heutiger Sicht ziemlich aus dem Rahmen vieler anderer seiner berühmtesten Rollen. Peck spielte häufig recht verschlossene, zugeknöpfte Charaktere und bekam ab den 50ern wenig Gelegenheit gegen den Strich zu agieren. In „Duell in der Sonne“ stellt er jedoch das krasse Gegenteil dar: einen Aufreißer, dessen Blick schon in seiner ersten Szene von Pearl Chavez’ Rücken abwärts wandert. Und er macht sich verdammt gut auf diesem ungewöhnlichen Terrain. Wäre der Film zehn Jahre später entstanden, hätte er vermutlich die Rolle von Joseph Cotten gespielt, aber hier ist er das schwarze Schaf unter den beiden Brüdern und es macht Spaß, ihn einmal so zu sehen.

Frisches Blut aus den Staaten

„Duell in der Sonne“ wurde in den USA offenbar bereits 1999 erstmalig auf DVD veröffentlicht. 1999, das Jahr in dem auch in Deutschland der DVD-Boom ganz langsam ins Rollen kam. Man kann also behaupten, dass es sich wohl um einen der ersten Filmklassiker handelt, die man in den Staaten unbedingt auf DVD herausbringen wollte. Erstaunlicherweise hat eine US-Blu-ray allerdings wesentlich länger auf sich warten lassen. Dieser Umstand macht jedoch auch Hoffnung dahingehend, dass der Sprung nach Deutschland noch gelingt, denn es ist zwar nicht immer so, dass dafür erst einmal die Blu-ray in den USA erscheinen muss, aber der Regelfall. Spätestens jetzt sollte also der Weg für eine solche offizielle Veröffentlichung hierzulande geebnet sein. Dann aber bitte auch mit integrierter Ouvertüre und Schlussmusik, so wie der Film auch im Kino als „Roadshow-Fassung“ und 2015 auf der Berlinale lief. Diese Bestandteile des Films werden gern einmal vergessen oder in den „Extras“ versteckt, obwohl es im klassischen Hollywood in einigen ganz großen Projekten Ouvertüren, Intermezzo-Musik im Mittelteil und Schlussmusiken nach dem Abspann zu hören gab. Bezüglich der klassischen deutschen Synchronfassung besteht auch jeder Grund zur Freude. Mit Peck und Cotten treten zwei Schauspieler auf, die des Öfteren von Wolfgang Lukschy synchronisiert wurden. Hier spricht er Peck, aber Heinz Engelmann macht sich für Joseph Cotten sogar noch besser als Lukschy – irgendwie lebendiger und tiefgründiger.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von King Vidor haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Joseph Cotten und Gregory Peck unter Schauspieler.

Veröffentlichung (USA): 15. August 2017 als Blu-ray und DVD, 25. Mai 2004 als DVD, 19. Januar 1999 als DVD

Länge: 138 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Duel in the Sun
USA 1946
Regie: King Vidor u. v. m.
Drehbuch: David O. Selznick, Oliver H. P. Garrett & Ben Hecht, nach einem Roman von Niven Busch
Besetzung: Jennifer Jones, Joseph Cotten, Gregory Peck, Lionel Barrymore, Lillian Gish, Herbert Marshall, Walter Huston, Charles Bickford, Joan Tetzel, Harry Carey
Verleih: The Selznick Studio

Copyright 2019 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use

 

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Mario Bava (VI): Baron Blood – Der Blutbaron geht um

Gli orrori del castello di Norimberga

Von Volker Schönenberger

Horror // Peter Kleist (Antonio Cantafore) besucht in Österreich seinen Onkel Karl Hummel (Massimo Girott), um mehr über seine Vorfahren zu erfahren. Otto von Kleist, Urahn der beiden, war als „Blutbaron“ gefürchtet. Das alte Schloss der Familie soll in ein Hotel umgewandelt werden. Schnell wirft Peter ein Auge auf Eva (Elke Sommer), die Assistentin des Investors. Bei einem nächtlichen Ausflug in das Gemäuer spricht der junge Mann einen Fluch aus, der den Blutbaron zurück ins Leben holen soll.

Peter (3. v. l.) wirft ein Auge auf Eva

Gedreht wurde „on location“ in Österreich, darunter auf Burg Kreuzenstein, die bis heute als Kulisse für Film- und Fernsehproduktionen gern genommen wird. Regisseur Mario Bava fungierte für „Baron Blood“ auch als Kameramann. Sein Gespür für Perspektiven und beispielsweise auch der Einsatz von Zoom bringt die herrlichen Kulissen zu schauriger Geltung. Das und einige im positiven Sinne brutale Szenen überdecken ein wenig, dass wir es mit einem der schwächeren Werke des italienischen Filmemachers zu tun haben.

Keine „Scream Queen“: Elke Sommer

Leider trübt ausgerechnet Elke Sommer das Sehvergnügen beträchtlich. Ihre albern wirkenden Angstausbrüche und Schreckensschreie sind nicht gerade angetan, sie zu einer frühen „Scream Queen“ zu adeln. Szenen, in denen sie wiederholt vor der Schreckensgestalt des auferstandenen Barons flieht, erscheinen eher unfreiwillig komisch als gruselig. Ihr Schauspielpartner Antonio Cantafore agiert farblos, und auch Joseph Cotten haben wir schon deutlich besser gesehen – er spielt den im Rollstuhl sitzenden Millionär Alfred Becker, der das Schloss bei einer Auktion ersteigert.

Das junge Paar erlebt Grauenhaftes

Übernatürlicher Horror bedingt zwangsläufig, dass wir als Filmgucker in der realen Welt unmögliche Phänomene und Erscheinungen hinnehmen. Sie sollten jedoch ihrer inneren Logik folgen. „Baron Blood“ übertreibt es mit den fantastischen Absurditäten etwas. Das genauer zu thematisieren, würde aber zu viel verraten. Lasst euch überraschen, vielleicht stört Ihr euch nicht so sehr daran wie ich!

US-Fassung ebenfalls enthalten

Die 2005 erschienene DVD ist lange vergriffen, mit dem vierten Teil der Mario Bava Collection schließt Koch Films die nächste Lücke. Für Bava-Fans ist „Baron Blood“ trotz seiner Mängel natürlich unverzichtbar, umso besser, dass der Film nun in einer prima Veröffentlichung und guter Bild- und Tonqualität vorliegt. Sie enthält außer einigen Interviews auch die um einige Gewaltszenen und Dialoge gekürzte und mit alternativem Score versehene Schnittfassung für die US-Kinos.

Keine schöne Ruhestätte

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Mario Bava sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Joseph Cotten in der Rubrik Schauspieler.

Der auferstandene Blutbaron jagt Eva

Veröffentlichung: 22. Juni 2017 als Mario Bava Collection #4 (Blu-ray & 2 DVDs), 27. Oktober 2005 als DVD (E-M-S)

Länge: 98 Min. (Blu-ray, europäische Fassung), 91 Min. (Blu-ray, US-Fassung), 94 Min. (DVD, europäische Fassung), 87 Min. (DVD, US-Fassung)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Italienisch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Gli orrori del castello di Norimberga
Alternativer US-Titel: The Torture Chamber of Baron Blood
IT/BRD 1972
Regie: Mario Bava
Drehbuch: Vincent Fotre
Besetzung: Joseph Cotten, Elke Sommer, Massimo Girotti, Antonio Cantafora, Luciano Pigozzi, Umberto Raho, Rada Rassimov, Dieter Tressler
Zusatzmaterial: Interviews mit Elke Sommer, Antonio Cantafora, Stelvio Cipriani, Lamberto Bava und Pilar Castel, Audiokommentar mit Tim Lucas, Doku „Schloss des Grauens“, alternative Anfänge und Enden, amerikanische Schnittfassung, englischer und italienischer Trailer
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2017 by Volker Schönenberger

Fotos, Packshot & Trailer: © 2017 Koch Films

 
 

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