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Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 1-2-3 – Gangster und Geiseln

The Taking of Pelham One Two Three

Von Volker Schönenberger

Actionthriller // Ein auffällig unauffällig gekleideter Trenchcoat-Träger (Martin Balsam) mit Schnauzbart, Hut und Schnupfen betritt in New York City einen Zug der Subway in Richtung Süden – bald darauf erfahren wir, dass er von seinen drei Kumpanen Mr. Green genannt wird. Diese drei sind Mr. Blue (Robert Shaw), Mr. Grey (Hector Elizondo) und Mr. Brown (Earl Hindman). Mit Waffengewalt bringt das Quartett den gesamten U-Bahnzug in seine Gewalt. Nachdem die Gangster den hintern Teil des Zugs abgekoppelt haben, bleiben ihnen vorn 17 Passagiere und der Zugführer (James Broderick, Vater von Matthew) als Geiseln. Per Funk übermitteln sie der Subway-Leitstelle ihre Forderung: eine Million Dollar! Die Drohung: Sollte das Geld nicht zum gesetzten Zeitpunkt übergeben sein, stirbt jede Minute eine Geisel.

Mr. Grey kennt keine Skrupel

Lieutenant Zachary Garber (Walter Matthau) von der New York Transit Authority Police übernimmt die Verhandlungen mit Mr. Blue, dem Boss der Kidnapper. Als ein Fahrdienstleiter den entführten Zug betreten will, erschießt ihn Mr. Grey kaltblütig. Derweil sorgt sich der rückgratlose und mit einer Erkältung das Bett hütende Bürgermeister Al (Lee Wallace) in erster Linie darum, wie die Frage, ob er das Lösegeld zahlt oder nicht, bei den Wählern ankommen wird.

Bester Film von Joseph Sargent

In der Filmografie von Joseph Sargent (1925–2014) finden sich hauptsächlich TV-Produktionen. Ein Jahr vor „Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 1-2-3“ inszenierte er den Actionkrimi „Der Tiger hetzt die Meute“ („White Lightning“) mit Burt Reynolds, 1987 vergurkte er auf dem Regiestuhl „Der weiße Hai – Die Abrechnung“ („Jaws – The Revenge“) mit immerhin Michael Caine. „Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 1-2-3“ dürfte der bekannteste Film des Regisseurs sein, womöglich auch sein bester. Dabei legt er seinen Fokus gar nicht mal so sehr auf Action, vielmehr interessiert sich Sargent für die Beziehungen und die Psychologie innerhalb verschiedener Gruppen – zum einen sei hier das Gangsterquartett genannt, auch in Verbindung mit der unterschiedlichen Behandlung der Geiseln, zum anderen die angespannte Situation in der Verkehrsleitstelle, von wo aus Garber über Funk die Verhandlung mit Mr. Blue führt. Hüben wie drüben beobachten wir glaubwürdige Figuren, deren Agieren nachvollziehbar erscheint. Komiker Walter Matthau („Der Glückspilz“) brilliert hier auch im Charakterfach, und die Darsteller der vier Gangster stehen ihm in nichts nach. Die Geiseln bleiben demgegenüber vergleichsweise farblos, fungieren eher als Stichwortgeber für ihre Peiniger. Dass sich im Übrigen vier Gangster mit Farben als Alias-Namen ansprechen, um inkognito zu bleiben, übernahm Quentin Tarantino 1992 für seinen Heist-Movie „Reservoir Dogs – Wilde Hunde“.

Lieutenant Garber will die Geiseln retten

Enormen Einfluss auf die Atmosphäre des Films hat der Score von David Shire, seinerzeit verheiratet mit Schauspielerin Talia Shire („Der Pate“, „Rocky“) und 1980 für den Song „It Goes Like It Goes“ aus „Norma Rae – Eine Frau steht ihren Mann“ mit dem Oscar prämiert. Die jazzigen, bisweilen dissonanten Klänge machen aus einem fesselnden Actionkrimi einen grandiosen New-York-Thriller, denn obwohl sich vieles unter den Straßen der Stadt abspielt, haben wir es unzweifelhaft mit einem New-York-City-Film zu tun – dabei verzichtet Sargent auf die Abbildung diverser ikonischer Bauten des Big Apple, vielmehr atmet seine Regiearbeit New York City aus jeder Pore. Das hängt sicher auch damit zusammen, dass er an Originalschauplätzen drehen konnte: Trotz einiger Bedenken, Nachahmer auf den Plan zu rufen, genehmigte die New York City Transit Authority Dreharbeiten auf ihrem Gelände, legte aber Wert darauf, im Abspann von jeder Verantwortung freigesprochen zu werden. Einige Szenen etwa entstanden in einem stillgelegten U-Bahn-Schacht in Brooklyn.

Panik in der U-Bahn

Im Original etwas lakonischer „The Taking of Pelham One Two Three“ benannt, kommt es erst zum Finale zu einer rasenden „Todesfahrt“, wie sie der deutsche Verleihtitel für den gesamten Film suggeriert. Die temporeiche Inszenierung orientiert sich dabei durchaus an einer zügigen U-Bahnfahrt durch die Eingeweide einer Stadt am Limit – und das sogar mit etwas Witz gespickt.

Erste Verfilmung des Romans von John Godey

Die Romanvorlage von John Godey wurde mit identischem Originaltitel zwei weitere Male umgesetzt: Eine Fernsehfassung von 1998 mit Edward James Olmos und Vincent D’Onofrio erhielt hierzulande den Titel „U-Bahn-Inferno – Terroristen im Zug“ (obwohl Lösegeld-Erpresser gar keine Terroristen sind), Tony Scotts Version mit Denzel Washington und John Travolta kam 2009 in Deutschland als „Die Entführung der U-Bahn Pelham 1 2 3“ in die Kinos. Beide Verfilmungen mögen ihre Qualitäten haben, das in jedem Moment höchst unterhaltsame und lebendige Original bleibt jedoch unerreicht. New-York-City-Crime in Brillanz, nun von OFDb Filmworks in sehr guter Qualität und würdiger Aufmachung im Mediabook mit feinem Bonusmaterial veröffentlicht.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Walter Matthau sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Können die Gangster entkommen?

Veröffentlichung: 8. November 2018 als 2-Disc Collector’s Edition Mediabook (Blu-ray & DVD, zwei Covermotive à 2.500 bzw. 333 Exemplare), 7. Mai 2007 und 20. Oktober 2003 als DVD

Länge: 105 Min. (Blu-ray), 100 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: The Taking of Pelham One Two Three
USA 1974
Regie: Joseph Sargent
Drehbuch: Peter Stone, nach einem Roman von John Godey
Besetzung: Walter Matthau, Robert Shaw, Martin Balsam, Hector Elizondo, Earl Hindman, James Broderick, Dick O’Neill, Jerry Stiller, Nathan George, Lee Wallace, Doris Roberts, Kenneth McMillan
Zusatzmaterial Mediabook: Isolierte Musiktonspur mit Interview mit Komponist David Shire, „Shades of Grey“ – Interview mit Schauspieler Hector Elizondo (16:28), „Above and Below“ – Interview mit Kameramann Owen Roizman (13:12), Kinotrailer, „Trailers from Hell“ mit Drehbuchautor Josh Olson (2:40), „Taking the Ride – The NYC Locations of The Taking of Pelham One Two Three“ (7:35), Bildergalerie, englischer Trailer, 16-seitiges Booklet mit einem Text von Thorsten Hanisch
Label/Vertrieb Mediabook: OFDb Filmworks
Label/Vertrieb DVDs: MGM

Copyright 2018 by Volker Schönenberger

Fotos, Packshot: © 2018 OFDb Filmworks

 

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Der weiße Hai – Die Abrechnung: Ende mit Schrecken

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Jaws – The Revenge

Von Volker Schönenberger

Horror // Ich hab’ ihn nie gesehen, aber allem Anschein nach ist er fürchterlich. Wie auch immer, ich hab‘ das Haus gesehen, das er [mir] gebaut hat, und es ist wunderbar. (Original: I have never seen it, but by all accounts it is terrible. However, I have seen the house that it built, and it is terrific.) So äußerte sich Charakterdarsteller Michael Caine später über „Der weiße Hai – Die Abrechnung“. Der Film zählt zu denjenigen in der Filmografie des zweifachen Oscar-Preisträgers („Hannah und ihre Schwestern“, „Gottes Werk & Teufels Beitrag“), die er weniger aus künstlerischer Motivation angenommen hat, sondern weil die Gage lockte, wozu er – siehe obiges Zitat – auch offen steht. Weitere Beispiele sind „Der tödliche Schwarm“ (1978), „Freibeuter des Todes“ (1980) und „Schuld daran ist Rio“ (1984).

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Liebespaar, küsst euch mal …

Auch Teil 4 folgt der Familie Brody, diesmal ohne den in den ersten beiden Filmen von Roy Scheider verkörperten Chief Brody. Den hat bereits vor geraumer Zeit ein Herzinfarkt dahingerafft. Nun erwischt es Sohn Sean, der in Amity in die Fußstapfen seines Vaters getreten und Polizist geworden ist. Eines Nachts tötet ihn ein Weißer Hai. Seine Mutter Ellen Brody (Lorraine Gary) verkraftet das naturgemäß schlecht. Um die üblen Erinnerungen hinter sich zu lassen, folgt sie ihrem anderen Sohn Mike (Lance Guest) auf die Bahamas, wo er mit seiner Frau Carla (Karen Young) und der fünfjährigen Tochter Thea (Judith Barsi) lebt. Mike betreibt dort mit ein paar Kollegen, darunter Jake (Mario Van Peebles), meeresbiologische Studien. Der charmante Pilot Hoagie (Michael Caine) bringt Ellen bald auf andere Gedanken. Doch dann taucht auch dort ein riesiger Weißer Hai auf.

Warnung vor dem Spoiler

Das Schlimmste an „Der weiße Hai – Die Abrechnung“ sind gar nicht mal die Logiklöcher. Dass es sinnvoller ist, ins Landesinnere zu ziehen, statt auf die Bahamas, will man Erinnerungen an Haiattacken hinter sich lassen – geschenkt. So ist Ellen Brody nun mal. Dass sie zum Finale einfach allein mit dem Segler aufs Meer fährt, ergibt zwar überhaupt keinen Sinn, aber lassen wir ihr die Bockigkeit. Wie der Hai zu besiegen ist, war schon in den drei Vorgängern nicht der Weisheit letzter Schluss, da ist es zu verschmerzen, dass die Fressmaschine diesmal noch etwas hanebüchener dran glauben muss. Dass ein Teammitglied im Showdown vom Hai ins Maul genommen und schwer blutend von dannen getragen wird, danach aber lebendig, wenn auch verletzt auftaucht und gerettet werden kann, ist ebenfalls so gerade eben noch erträglich. Wer freut sich nicht über ein Happy End?

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Der Hai nimmt die Fährte auf

Auch dass das Hai-Modell nicht besonders zu beeindrucken vermag, wiegt nicht entscheidend schwer. Die nur durchschnittlichen Unterwasseraufnahmen kann man zur Not auch ertragen. Schlimm und unentschuldbar ist jedoch der Rote Faden der Vergeltung, der sich durch „Der weiße Hai – Die Abrechnung“ zieht. Nicht etwa Vergeltung durch Ellen – obwohl sie am Ende in den Genuss kommt –, nein, es ist der Fisch, der Vergeltung üben darf und das offenbar auch will. Vergeltung für seine in den vorherigen Teilen getöteten Artgenossen. Ist’s am Ende gar derselbe Hai, der Ellens Sohn zu Beginn des Films in Amity getötet hat, der nun vor den Bahamas auftaucht? Offenbar zieht sich ein mythisches Band von den Tieren zu Familie Brody. Es ist so stark, dass Ellen während eines Ausflugs zu einem Straßenkarneval mit Hoagie etwas spürt, während der Hai weit entfernt gerade ihren Sohn Mike angreift. Klar, dass Ellen und Mike gleichermaßen ab und zu von Haifisch-Albträumen geplagt werden. Am Ende hat sie sogar eine Erinnerung aus Teil 1, dabei war sie bei dem betreffenden Ereignis gar nicht anwesend.

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Jake (l.) und Mike nehmen es mit dem Hai auf

Zwei Finals existieren – die eine ist fürs US-Fernsehen gedreht worden. Jener Endsequenz, die es auf die deutsche DVD und Blu-ray geschafft hat, mangelt es an jedweder Logik, aber dass die Alternativversion den Film aufwertet, darf bezweifelt werden. Steven Spielbergs „Der weiße Hai“ ist der Inbegriff von Tier-Horror und Spannungskino. Die Qualitätskurve geht von Teil 1 bis 4 permanent und steil nach unten. Gut, dass nach dem Bodensatz „Der weiße Hai – Die Abrechnung“ Schluss war. Dann lieber „Sharknado“, der nimmt sich wenigstens nicht ernst.

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Gekonnte gewassert – nur leider ist’s kein Wasserflugzeug

Die Filme der Reihe bei „Die Nacht der lebenden Texte“:

Der weiße Hai (1975)
Der weiße Hai 2 (1978)
Der weiße Hai 3 (1983)
Der weiße Hai – Die Abrechnung (1987)

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Kuckuck, da bin ich wieder!

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Michael Caine sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 18. August 2016 als Blu-ray, 13. Juni 2013 als DVD

Länge: 90 Min. (Blu-ray), 86 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch u. a.
Untertitel: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: Jaws – The Revenge
USA 1987
Regie: Joseph Sargent
Drehbuch: Michael De Guzman
Besetzung: Michael Caine, Lorraine Gary, Lance Guest, Mario Van Peebles, Karen Young, Judith Barsi, Mitchell Anderson, Lynn Whitfield, Cedric Scott, Melvin Van Peebles
Zusatzmaterial: keins
Vertrieb: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2016 by Volker Schönenberger

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Fotos & Packshots: © Universal Pictures Germany GmbH

 
 

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