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Mord im Orient Express – Halt auf halber Strecke

Murder on the Orient Express

Kinostart: 9. November 2017

Von Andreas Eckenfels

Krimidrama // Nach zahlreichen ihrer Ansicht nach enttäuschenden Adaptionen wollte Agatha Christie (1890–1976) keine weiteren ihrer Kriminalromane mehr verfilmt sehen. Dennoch konnten sie Nat Cohen, der mächtige Präsident des britischen Produktionsstudios EMI Films, und Filmproduzent Lord John Brabourne mit der Hilfe von Lord Louis Mountbatten Anfang der 1970er-Jahre zu einem Umdenken bewegen. So wurde „Mord im Orient-Express“ 1974 unter der Regie von Sidney Lumet („Die 12 Geschworenen“) mit großer Starbesetzung erstmals verfilmt – 40 Jahre nach der Veröffentlichung von Christies Roman. Nach der Premiere zeigte sich die 84-jährige Schriftstellerin vollends zufrieden mit der Umsetzung. Sie lobte besonders Albert Finneys Darstellung des von ihr erdachten belgischen Meisterdetektivs und berühmten Schnurrbartträgers Hercule Poirot. Die Verfilmung erhielt insgesamt sechs Oscar-Nominierungen. Ingrid Bergman gewann den Preis als beste Nebendarstellerin.

Edward Ratchett tritt mit einer besonderen Bitte an Hercule Poirot heran

Wiederum knapp 40 Jahre später geht der Orient-Express mit und von Kenneth Branagh erneut auf große Fahrt. Der britische Filmemacher ist bestens erfahren in der Verfilmung klassischer Stoffe – sei es Shakespeare oder Disney – und es ist für ihn auch nicht das erste Mal, dass er Regie und Hauptrolle in Personalunion übernimmt. Die Neubesetzung der Zugpassagiere braucht dabei den Vergleich mit der 1974er-Fassung in keiner Weise scheuen: Mit Judi Dench und Penélope Cruz sind zwei Oscar-Preisträgerinnen mit an Bord. Dazu gesellen sich unter anderem Johnny Depp, Michelle Pfeiffer, Willem Dafoe und „Star Wars“-Heldin Daisy Ridley. Da bleiben keine Wünsche offen.

Die üblichen Verdächtigen

Jerusalem, 1934: Hercule Poirot (Branagh) will sich nach einem für ihn kinderleichten Fall eigentlich in den verdienten Urlaub verabschieden, als ihn eine dringende Nachricht erreicht: Er soll so schnell wie möglich nach London kommen, um dort bei Ermittlungen zu helfen. Durch seinen Freund Bouc (Tom Bateman) erhält der Detektiv eine Fahrkarte im exklusiven und eigentlich ausgebuchten Orient-Express, der von Istanbul nach Calais fährt. Während der Reise in dem luxuriösen Zug lernt Poirot die illustre Riege an internationalen Passagieren kennen: von Prinzessin Dragomiroff (Judi Dench) über Geschäftsmann Edward Ratchett (Johnny Depp) bis hin zu Missionarin Pilar Estravados (Penélope Cruz) – unterschiedlicher könnten die 13 Mitfahrer nicht sein. Mitten im Balkan kommt die Fahrt durch eine Schneelawine zu einem abrupten Halt. Ein Weiterkommen ist vorerst nicht möglich. Am nächsten Tag wird ein Passagier in seinem Abteil erstochen aufgefunden – und Poirots Spürnase ist aufs Neue gefordert. Er weiß: Jeder ist ein Verdächtiger!

Hercule Poirot sucht nach dem Mörder

Agatha Christies „Mord im Orient-Express“ gehört zu den bekanntesten und beliebtesten Whodunits der Krimigeschichte. Die Entführung des Sohns von Flugpionier Charles Lindbergh und ein Bericht über einen Orient-Express, der 1929 tatsächlich im Schnee steckenblieb, inspirierten die Autorin dazu, die großartige Geschichte im Zimmer 411 des Hotels Pera Palace in Istanbul zu schreiben. Bis auf ein paar kleine Anpassungen – so wird etwa aus Colonel Arbuthnot ein Arzt, der von dem schwarzen Darsteller Leslie Odom Jr. verkörpert wird – halten sich Branagh und Drehbuchautor Michael Green („Blade Runner 2049“) eng an die literarische Vorlage. Beiden muss dabei bewusst gewesen sein, dass ein Großteil der Zuschauer bereits im Vorfeld weiß, wer den Mord begangen hat. Gerade deswegen hätte man schon größere Anstrengungen unternehmen sollen, um in der im besten Sinne des Wortes altmodisch inszenierten Romanadaption Spannung zu erzeugen. Aber die Neuverfilmung nimmt niemals wirklich Fahrt auf, bleibt nach einem gelungenen Auftakt wie der Zug im Film auf halber Strecke stecken.

Was haben Prinzessin Dragomiroff (r.) und ihre Zofe Hildegard zu verbergen?

An Branaghs Darstellung liegt es nicht: Sein Poirot, der zu Beginn in Jerusalem zwei exakt gleich große Frühstückseier verlangt, ist zwar äußerst selbstverliebt, aber deswegen nicht unsympathisch. Er spielt nun mal gern damit, dass er durch sein Genie seinem Gegenüber stets einen Schritt voraus ist, und glaubt an eine klare Trennung von Gut und Böse. Umso interessanter ist es anzusehen, wie er im Verlauf der Erzählung in ein tiefes moralisches Dilemma gestürzt wird. Die anderen Stars wirken dagegen in ihren Rollen eher unterfordert. Jeder von ihnen darf während der Vernehmungsszenen für ein paar Minuten glänzen, wie man es von den großen Namen erwarten kann. Dennoch sind diese Dialogszenen so monoton inszeniert, dass der Zuschauer nie wirklich mitfiebert oder in die Psyche der Passagiere eintaucht. Lumets hatte dies in seiner Adaption mit langen, intensiven Einstellungen während der Befragungen wesentlich besser hinbekommen.

70 Millimeter in ausgewählten Kinos

Optik, Ausstattung und Kostüme sind hingegen prächtig anzusehen und bieten große Schauwerte. Man fühlt sich sofort in die 1930er-Jahre versetzt. Es ist großartig, dass Branaghs Film auch in einigen ausgewählten Kinos wie im Hamburger Savoy Filmtheater oder im Zoo Palast in Berlin im fast ausgestorbenen, analogen 70-Millimeter-Format gezeigt wird. Im Gegensatz zu Christopher Nolans „Dunkirk“ bietet „Mord im Orient Express“ hierbei allerdings keinen allzu großen Mehrwert. Die Stadtperspektiven Jerusalems und der perfekt in Szene gesetzte Zug, der durch die schneebedeckte Landschaft rast, wirken so zwar noch eine Spur imposanter, da sich aber ein Großteil der Handlung innerhalb der engen Gänge und Abteile des Orient-Express abspielt, verpufft die Wirkung der überdimensionalen Projektion. Immerhin hat sich Branagh bei der Inszenierung des großen Schlussplädoyers, bei der Poirot die Auflösung des Falls bekanntgibt, eine kleine Freiheit erlaubt und diesen an einen anderen, visuell ansprechenderen Schauplatz verlegt. Hier zeigt er dann, was bei seiner Neuinterpretation möglich gewesen wäre, wenn er sich nicht so strikt an die Vorlage gehalten hätte. Dann wäre „Mord im Orient Express“ auch für jene Zuschauer von größerem Interesse gewesen, die die Geschichte schon auswendig kennen.

Tee im Schnee: Der Detektiv befragt die junge Mary

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Kenneth Branagh, Willem Dafoe und Johnny Depp haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Jeder ist ein Verdächtiger!

Länge: 114 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Murder on the Orient Express
MLT/USA 2017
Regie: Kenneth Branagh
Drehbuch: Michael Green, nach dem gleichnamigen Roman von Agatha Christie
Besetzung: Kenneth Branagh, Daisy Ridley, Leslie Odom Jr., Michelle Pfeiffer, Judi Dench, Willem Dafoe, Johnny Depp, Derek Jacobi, Penélope Cruz, Josh Gad, Olivia Colman, Tom Bateman, Lucy Boynton
Verleih: Twentieth Century Fox

Copyright 2017 by Andreas Eckenfels

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2017 Twentieth Century Fox

 

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Mr. Hoppys Geheimnis – Schildkrötenwachstum dank Beduinen-Zauber

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Roald Dahl’s Esio Trot

Von Volker Schönenberger

Liebeskomödie // Ein sonderbarer Original-Filmtitel ist das – Esio Trot. Umgedreht wird ein Schuh draus: das englische Wort für Schildkröte.

Seit ihm Mrs. Silver (Judi Dench) bei ihrem Einzug im Fahrstuhl begegnet ist, ist Mr. Hoppy (Dustin Hoffman) unsterblich in die bezaubernde Dame verliebt. Leider ist der Hobbygärtner so schüchtern, dass es bei freundlichen, aber kurzen Gesprächen von Balkon zu Balkon bleibt. Als sich Mrs. Silver eine Schildkröte als Haustier zulegt, hat Mr. Hoppy eine Idee: Er erzählt ihr von einem Beduinen-Zauber, der bewirke, dass das Tier wächst. Und während die herzensgute, aber etwas leichtgläubige Mrs. Silver dreimal täglich das Sprüchlein aufsagt, tauscht Mr. Hoppy mit einer speziellen Angelvorrichtung regelmäßig die Schildkröte durch ein jeweils minimal größeres Exemplar aus. Ob ihm Mrs. Silver dafür aus Dankbarkeit das Herz öffnet?

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Im Fahrstuhl: Wer himmelt hier wen an?

Zwei Oscar-Preisträger in einer Romanze um zwei einsame alte Herzen – was kann da schon schiefgehen? Judi Dench, mit dem Nebenrollen-Oscar für „Shakespeare in Love“ ausgezeichnet, und Dustin Hoffman, für „Kramer gegen Kramer“ und „Rain Man“ Academy-Award-prämiert – diesen beiden schauen wir einfach gern zu. Denchs etwas schlichte, aber lebensfrohe Mrs. Silver muss man einfach liebhaben. Und wer beim Liebeskummer von Hoffmans Mr. Hoppy nicht mitleidet, muss ein arg grober Klotz sein. Wenn der Gute fürchten muss, seine Angebetete an den poltrigen Langweiler und Nachbarn Mr. Pringle (Richard Cordery) zu verlieren, ist das herzzerreißend schön.

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Ein Plan mit Schildkröten reift heran

Die Rahmenszenen mit dem freundlichen Erzähler (James Corden) wirken etwas aufgesetzt, werden aber immerhin am Ende einigermaßen rund. Die nach einer Erzählung von Roald Dahl fürs englische Fernsehen produzierte Komödie ist eine warmherzige Romanze, für Ältere, für Menschen mittleren Alters, für Teenager – ach was: für alle, die einer kleinen, aber feinen Liebesgeschichte etwas abgewinnen können.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Dustin Hoffman sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 2. Januar 2015 als Blu-ray und DVD

Länge: 88 Min.
Altersfreigabe: FSK freigegeben ohne Altersbeschränkung
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Roald Dahl’s Esio Trot
GB 2014
Regie: Dearbhla Walsh
Drehbuch: Richard Curtis, Paul Mayhew-Archer, nach einer Vorlage von Roald Dahl
Besetzung: Dustin Hoffman, Judi Dench, James Corden, Lara Rossi, Jimmy Akingbola, Katie Lyons, Pixie Davies, Richard Cordery
Zusatzmaterial: Trailer, Trailershow, Wendecover, Schuber
Vertrieb: Ascot Elite Home Entertainment

Copyright 2014 by Volker Schönenberger

Fotos, Packshot & Trailer: © 2014 Ascot Elite Home Entertainment

 

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Philomena – Eine Mutter auf der Suche nach der Wahrheit

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Philomena

Gastrezension von Matthias Holm

Drama // 50 Jahre lang hat Philomena Lee (Judi Dench) geschwiegen. Damals hat sie als junge Frau im streng katholischen Irland ein uneheliches Kind geboren. Sie kam gegen ihren Willen ins Kloster, ihr Sohn wurde zur Adoption freigegeben. Der ehemalige Journalist Martin Sixsmith (Steve Coogan) wittert eine große Story. Während ihrer Suche freunden sich die beiden an und kommen einem großen Skandal auf die Spur.

Die Wendungen, die „Philomena“ teilweise nimmt, könnte man an den Haaren herbeigezogen nennen – würde all das nicht auf einer wahren Geschichte basieren. Der echte Martin Sixsmith hat Philomenas Geschichte niedergeschrieben: The Lost Child of Philomena Lee erschien 2009.

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Die Suche führt Philomena und Martin …

„Das Leben schreibt die besten Geschichten“ – so abgedroschen sich dieser Spruch auch liest, so sehr passt er doch auf diesen Film. Regisseur Stephen Frears („Die Queen“) hat ein tolles Gespür dafür, wann es angebracht ist, die durch und durch tragische Geschichte mit einigen witzigen Momenten aufzulockern.

Verlassen kann er sich dabei auf seine zwei Hauptdarsteller: Judi Dench ist als strenggläubige alte Dame perfekt besetzt. Ihr gelingt es, jederzeit die Balance zwischen der tragischen und der schrulligen Seite ihrer Figur zu behalten – sie wurde völlig zu Recht mit einer Oscar-Nominierung geehrt. Steve Coogan ist als Martin Sixsmith genau das Gegenteil von Philomena: belesen und ein heller Kopf, aber zornig auf sich und seine Mitmenschen. Die beiden Schauspieler ergänzen sich hervorragend und tragen den Film.

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… sogar in die Vereinigten Staaten

„Philomena“ bewegt sich über die gesamte Strecke auf hohem Niveau. Kameraführung, Musik – alles wirkt perfekt. Vielleicht einen Hauch zu perfekt – trotz seiner vergleichsweise geringen Lauflänge von etwas mehr als 90 Minuten vermag der Film nicht vollkommen zu fesseln. Denn trotz der tollen darstellerischen Leistungen und einer hochbrisanten Geschichte schleichen sich hier und da einige Längen ein. Das ist aber zu verschmerzen.

Oscar-Nominierungen gab’s auch für die Musik, das adaptierte Drehbuch und als bester Film. Auch wenn es letztlich zu keinem Academy Award gereicht hat, ist „Philomena“ Oscar-Kino, wie es sein soll. Eine dramatische Geschichte und hervorragende Schauspieler ergänzen sich zu einem schönen Film, den man gesehen haben sollte.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Steve Coogan haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgeführt.

Veröffentlichung: 12. September 2014 als Blu-ray und DVD

Länge: 98 Min. (Blu-ray), 94 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 6
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Philomena
GB/USA/F 2013
Regie: Stephen Frears
Drehbuch: Steve Coogan, Jeff Pope, nach einer Vorlage von Martin Sixsmith
Besetzung: Judi Dench, Steve Coogan, Michelle Fairley, Mare Winningham, Michelle Fairley
Zusatzmaterial: Vier Featurettes („Die Geschichte der Philomena Lee“, „Im Gespräch mit Judi Dench“, „Die echte Philomena“, „Q&A mit Steve Coogan“), Audiokommentar mit Steve Coogan (Hauptdarsteller und Drehbuch) und Jeff Pope (Drehbuch), Trailer
Vertrieb: Universum Film

Copyright 2014 by Matthias Holm

Fotos, Packshot & Trailer: © 2014 Universum Film

 

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