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Man-Eater – Der Menschenfresser: Klassikerstatus dank Tabubruch

Antropophagus

Von Volker Schönenberger

Horror // Der Film: MAN-EATER (DER MENSCHENFRESSER) enthält extrem starke und nervenbelastende Szenen, die bei sensiblen Zuschauern zu gesundheitlichen Belastungen führen können. Wir bitten deshalb nachtstehend genannte Personen unbedingt auf den Besuch des Filmes zu verzichten: Herzkranke, Kreislaufschwache, Magenkranke, Schwangere sowie Personen die unter Schlaflosigkeit leiden und Jugendliche unter 18 Jahren. Dies ist kein Werbegag, sondern eine sehr ernst gemeinte WARNUNG die Sie nach Besuch des Filmes bestätigen werden! Der Film: MAN-EATER (DER MENSCHENFRESSER) ist so entsetzlich, daß Sie ihn in Ihrem Leben nicht mehr vergessen werden!

Natürlich sind solche Warnungen niemals als Werbegag gedacht! Ein Schelm, wer Arges dabei denkt. Die oben zitierten Sätze sind inklusive der Zeichensetzungsfehler dem Menü der mir vorliegenden DVD von „Man-Eater – Der Menschenfresser“ vorgeschaltet. Im konkreten Fall rate ich Schwangeren allerdings tatsächlich von der Sichtung ab. Wer Joe D’Amatos berüchtigten „Klassiker“ kennt, weiß, weshalb.

Zu Beginn schlendert ein Pärchen an einen einsamen Strand. Während sie sich ins Wasser begibt, lungert er lieber auf einem Felsen herum. Für beide gibt es keine Wiederkehr. Kurz darauf – oder währenddessen – bereitet sich eine Gruppe befreundeter Touristen auf eine Segeltour zu einigen Ägäis-Inseln vor. Ihnen schließt sich Julie (Tisa Farrow) an, die darum bittet, zu einer Insel gefahren zu werden, auf der sie Freunde hat. Fatal für die jungen Leute, dass dort ein Geselle (George Eastman) umgeht, der ganz und gar nicht freundlich gesinnt ist.

Während meiner ersten Sichtung von „Man-Eater – Der Menschenfresser“ Jahre zuvor fand ich nichts Gutes daran. Damit tat ich Joe D’Amatos berüchtigtem Werk allerdings etwas Unrecht. Wie überraschend viele Italo-Exploitation-Streifen weist auch „Antropophagus“, so der Originaltitel, einen stimmungsvollen Synthie-Score auf, der Spannung bringt, die es ansonsten nicht gegeben hätte. Obendrein fängt der Regisseur einige – wenn auch nicht alle – Settings gekonnt ein und schafft so immerhin ein paar faszinierende Bilder. Seinen Reiz hat speziell der Gegensatz zwischen der sommerlichen Atmosphäre der griechischen Insel – tatsächlich wurde in Italien gedreht – und den düsteren Katakomben voller verwesender Leichen, in die es einige Protagonisten verschlägt. Das täuscht allerdings nicht darüber hinweg, dass die Kameraführung über weite Strecken des Films Optimierungspotenzial gehabt hätte. Auch das Timing lässt zu wünschen übrig. Ohne den erwähnten Soundtrack wäre überhaupt keine Spannung aufgekommen, da Joe D’Amato anscheinend keinen Wert auf einen ausgearbeiteten Spannungsbogen legte oder es nicht besser drauf hatte. Die Protagonisten irren allzu lange sinnlos auf dem Eiland umher, und bis der von Drehbuchautor George Eastman verkörperte Psychopath auftaucht, vergeht viel Zeit.

Warnung vor dem Spoiler

In den kommenden beiden Absätzen spoilere ich etwas. Wer „Man-Eater – Der Menschenfresser“ noch nicht gesehen hat und dies nachzuholen beabsichtigt, möge zum letzten springen. Der Goregehalt ist nicht von schlechten Eltern. Obgleich nur punktuell eingesetzt, verfehlen die blutigen Szenen ihre Wirkung nicht. In diesem Kontext sind natürlich die Tabubrüche zu nennen: Der degenerierte Psychopath reißt einer Schwangeren ihr Ungeborenes aus dem Unterleib, um genüsslich hineinzubeißen – angeblich musste beim Dreh ein gehäutetes Kaninchen dafür herhalten.

Im finalen Akt bekommt der Knilch eine Spitzhacke in den Leib, sodass ihm die Eingeweide herausquellen. Bevor er das Zeitliche segnet, nimmt er einen kräftigen Happen seines eigenen Darms – quasi der ultimative Kannibalismus. Auf billigem Niveau sehen diese beiden und auch alle anderen Gore-Elemente ganz anständig aus. Eastmans Killer bewegt sich fast wie ein Zombie bei Romero, langsam schlurft er durch die Gegend, aber seine Bärenkräfte helfen ihm immer wieder bei seinen Gräueltaten. Er gehört der schweigsamen Sorte an, und was ihn in den Wahnsinn getrieben hat, wird in einer Rückblende im letzten Drittel des Films gezeigt. Darin sieht man auch, weshalb er so entstellt ist – ein exzessiver Sonnenbrand ist schuld.

Um es auf den Punkt zu bringen: Ohne die beiden Tabubrüche würde heute kein Hahn mehr nach „Man-Eater – Der Menschenfresser“ krähen. Nun genießt D’Amatos Schocker ebenso wie der ein Jahr zuvor entstandene „Sado – Stoß das Tor zur Hölle auf“ („Buio Omega“) aber dennoch Klassikerstatus, vermutlich nicht zuletzt aufgrund seiner langen Zensurgeschichte: Er ist mehrfach beschlagnahmt und indiziert worden. Es ist natürlich völlig legitim, Fan des italienischen Exploitationkinos zu sein. Die Mängel all dieser Filme will sich aber kaum ein Verehrer mal eingestehen – differenzierte Betrachtung scheint bei vielen nicht angesagt zu sein. Letztlich lässt „Man-Eater – Der Menschenfresser“ alles vermissen, was einen guten Film ausmacht.

Veröffentlichung: 31. Oktober 2005 als DVD

Länge: 90 Min. (Blu-ray), 88 Min. (DVD), 83 Min. (geschnittene DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: keine
Originaltitel: Antropophagus
IT 1980
Regie: Joe D’Amato
Drehbuch: George Eastman (als Luigi Montefiori)
Besetzung: George Eastman, Tisa Farrow, Saverio Vallone, Serena Grandi (als Vanessa Steiger), Margaret Mazzantini (als Margaret Donnelly), Mark Bodin, Bob Larson, Rubina Rey, Simone Baker, Mark Logan, Zora Kerova
Label/Vertrieb: VZ-Handelsgesellschaft

Copyright 2018 by Volker Schönenberger

Packshot: © 2005 VZ-Handelsgesellschaft

 
 

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Cannibal Ferox – Die Rache der Kannibalen: Umberto Lenzis notorischer Klassiker

Cannibal Ferox

Von Volker Schönenberger

Horror // Potzblitz! Da läuft uns doch gleich in der ersten Szene Dominic Raacke über den Weg. Credits hat er für „Cannibal Ferox – Die Rache der Kannibalen“ nicht erhalten. Der als „Tatort“-Kommissar Bekannte hat eine kurze Szene als soeben aus der Entzugsklinik entlassener Junkie, der in die New Yorker Wohnung seines Dealers kommt, wo er allerdings nur zwei andere Gangster trifft, die den Dealer suchen. Was mag Raacke in einen italienischen Kannibalenfilm verschlagen haben? Der Auftritt markierte 1981 seinen ersten oder zweiten Film – die deutsche Groteske „Total vereist“ mit Rio Reiser entstand im selben Jahr.

Zusammenprall der Kulturen

Genug von Raacke: Die US-Geschwister Gloria (Lorraine De Selle) und Rudy (Danilo Mattei) dringen mit ihrer Freundin Pat (Zora Kerova) in den Regenwald von Paraguay vor. Ziel: Anthropologin Gloria schreibt an ihrer Doktorarbeit und will beweisen, dass Kannibalismus lediglich ein Mythos ist, im Westen mit dem Ziel aufgekommen, eingeborene Völker in kolonialisierten Gebieten unterdrücken und auslöschen zu können. Mitten im Dschungel begegnen ihnen die zwielichtigen Mike (Giovanni Lombardo Radice) und Joe (Walter Lucchini), die eigenen Angaben zufolge auf der Flucht vor einem kannibalistischen Stamm sind. Dina will das natürlich nicht glauben, würde es doch ihre Dissertation über den Haufen werfen. Sie wird bald eines Besseren belehrt werden.

Der Kannibalenfilm

Exploitation in ultrabrutaler Reinkultur! „Cannibal Ferox – Die Rache der Kannibalen“ ist Teil eines berüchtigten Horror-Subgenres, das es in den späten 70er- und frühen 80er-Jahren zu zweifelhafter Blüte brachte. Umberto Lenzi gab bereits 1972 mit „Mondo Cannibale“ („Il paese del sesso selvaggio“) den Startschuss und lieferte 1980 mit „Lebendig gefressen“ („Mangiati vivi!“) und ein Jahr später mit dem hier vorgestellten „Cannibal Ferox“ weitere sogenannte Klassiker ab. Einen „Höhepunkt“ lieferte 1980 Ruggero Deodato mit „Nackt und zerfleischt“ („Cannibal Holocaust“) ab. Weitere Regisseure des Kannibalenfilms sind Joe D’Amato („Nackt unter Kannibalen“), Marino Girolami („Zombies unter Kannibalen“) und Jess Franco („Jungfrau unter Kannibalen“). Umberto Lenzi selbst hielt seine Ausflüge ins Kannibalengenre später für wenig bedeutsam und reagierte auch mal ungehalten, wenn er mal wieder in erster Linie dazu befragt wurde. In einem im Mai 1997 geführten Interview äußerte er, „Cannibal Ferox“ nicht besonders zu mögen und bessere Filme gemacht zu haben. „I don’t like it so much … in my opinion, I made other movies that were much better.“ Auch für die Fans des Kannibalengenres fand der Regisseur kritische Worte, sprach ihnen die Liebe zum Film ab und befand, sie seien wohl eher an Zynismus und Sadismus interessiert. „I think the interest shown in these movies is not about love of motion pictures, rather about cynicism and sadism.“

Diese Burschen besser nicht reizen!

„Cannibal Ferox – Die Rache der Kannibalen“ zeigt ansprechende Dschungelaufnahmen und hat einen stimmungsvollen Synthie-Score, nicht untypisch für den italienischen Exploitationfilm. Die Handlung dient aber in erster Linie dem Zweck, vor schöner Kulisse grausame Scheußlichkeiten in aller Ausführlichkeit zur Schau zu stellen. Die Splattersequenzen sind handwerklich gut gemacht und originell, Gorehounds wird das Herz höher schlagen. Ein paar animalische Tötungsszenen gibt es obendrauf. Mal drückt eine Anaconda ein Tier zu Tode, mal schlachten Eingeborene eine Schildkröte, am Ende wird gar ein Krokodil ausgeweidet und verspeist. Dem Vernehmen nach handelte es sich um Tötungen echter Tiere. Da kann man sich nur fragen: Was soll das? Kalkül, um mit dem Skandal Zuschauer ins Kino zu locken? Auch die Darstellung des eingeborenen Stamms erscheint kritikabel. Die Menschen nehmen Mikes brutales Treiben erst eine Weile recht lethargisch hin, um dann ihrerseits aufs Grausamste zurückzuschlagen.

Nebenhandlung in New York City

Der in der ersten Szene mit Dominic Raacke begonnene New Yorker Handlungsfaden wird im Verlauf weitergesponnen, wenn auch ohne Raacke – seine Figur ist mausetot, man verzeihe mir den Spoiler. Bei erwähntem Dealer handelt es sich um Mike, der sich natürlich gerade im Dschungel aufhält. Eine wichtige Funktion dieses Erzählstrangs ist nicht erkennbar. Vielleicht dient er lediglich dem Zweck, den Film an die Anderthalbstunden-Grenze zu bringen.

Mike hat sie leider gereizt

Vordergründig verbreitet Umberto Lenzi sogar die moralische Botschaft, erst die westliche Zivilisation bringe das Böse über die Naturvölker: Es ist Mike, der die Gewaltspirale beginnt. Zivilisationskritik hin oder her – dieses Feigenblatt täuscht nicht darüber hinweg, dass es hier nur um die Zurschaustellung extremer Gewalt geht. Um für den englischsprachigen Markt Internationalität vorzugaukeln, erhielten einige der italienischen Darsteller Pseudonyme verpasst – siehe Auflistung unten. In der deutschen Synchronisation wurden die Geschwister Gloria und Rudy zu Dina und Gary, warum auch immer.

Zensiert und beschlagnahmt

Wie etliche Kannibalenfilme hatte auch „Cannibal Ferox – Die Rache der Kannibalen“ seine liebe Not mit der Obrigkeit, und das beileibe nicht nur in Deutschland, wo diverse VHS- und DVD-Versionen des Films indiziert und nach § 131 StGB beschlagnahmt worden sind. Diese Bevormundung Erwachsener ist scharf zu kritisieren, gleichwohl handelt es sich um einen Film, der auf keinen Fall Jugendlichen zugänglich gemacht werden sollte. Zwar ist seit einigen Jahren das Phänomen zu beobachten, dass zahlreiche vormals berüchtigte Horrorfilme vom Index der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien und den Beschlagnahmungslisten gestrichen werden; ich hege aber gewisse Zweifel, ob das bei „Cannibal Ferox“ in naher Zukunft der Fall sein wird. Verharmlost oder verherrlicht der Film Gewalt? Einige Richter bejahen das jedenfalls.

Das bekommt ihm nicht gut

Als passionierter Filmgucker und am Horrorgenre Interessierter kann ich den Reiz dieser vielleicht derbsten Spielart des Exploitationfilms sogar nachvollziehen, zieht es mich doch selbst gern zu den extremen Horror-Auswüchsen. Unverständlich bleibt mir allerdings das kritiklose Abfeiern dieser Filme unter manchen Horrorfans. Kann extreme Gewalt schon alles sein, um einen Film zum Klassiker hochzustilisieren? Ebenso unverständlich ist allerdings die Haltung anderer, Filmen wie diesem die Daseinsform als Kunstwerk abzusprechen. Film ist eine Kunstform, und Kunst dient nicht allein dem Zweck der Freude an schöngeistiger Erbauung. Nein, die Bandbreite von Kunst ist enorm, sie darf auch abstoßend geraten, auch und gerade Provokation ist legitimer Bestandteil. Völlig verstehen hingegen kann ich Personen, welche angesichts der Darstellung von Kastrationen, einer mit Eisenhaken an den Brüsten aufgehängten Frau, vom Abtrennen einer Schädeldecke mittels eines Lochs im Tisch (nebst anschließendem Naschen vom Hirn) und anderen Bluttaten verstört das Weite suchen und solchen, die seelenruhig sitzen bleiben und sich bisweilen fröhlich auf die Schenkel klopfen, fortan mit Misstrauen begegnen. Meine für diesen Text erfolgte zweite Sichtung von „Cannibal Ferox – Die Rache der Kannibalen“ – oder war es gar die dritte? – wird wohl die letzte bleiben.

Die Eingeborenen bitten zu Tisch

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Umberto Lenzi sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Länge: 93 Min. (Blu-ray), 89 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK ungeprüft
Originaltitel: Cannibal Ferox
US-Titel: Make Them Die Slowly
IT 1981
Regie: Umberto Lenzi
Drehbuch: Umberto Lenzi
Besetzung: Giovanni Lombardo Radice (als John Morghen), Lorraine De Selle, Danilo Mattei (als Bryan Redford), Zora Kerova (als Zora Kerowa), Walter Lucchini (als Walter Lloyd), Fiamma Maglione (als Meg Fleming), Dominic Raacke

Copyright 2018 by Volker Schönenberger

 
 

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Der geheimnisvolle Doktor X – Wenn Bestien sich mit Fleisch einschmieren

Doctor X

Von Ansgar Skulme

Horror // In New York City treibt ein brutaler Mörder sein Unwesen. Über Monate hat sich herausgestellt, dass der Täter offenbar nur bei Vollmond zuschlägt. Die enormen Würgemale an den Hälsen der Opfer, die auf riesige Hände schließen lassen, und Hinweise auf Kannibalismus werfen jedoch die Frage auf, was für ein Mensch dazu überhaupt fähig ist. Angeblich wurde eine im Gesicht grausig entstellte Gestalt beobachtet, die sich allerdings auf zwei Beinen und auch ansonsten wie ein Mensch bewegte. Die Polizei vermutet den Täter im Umfeld eines von Doktor Xavier (Lionel Atwill) geleiteten Instituts. Dort finden sich mehrere Wissenschaftler, die durch eigenartiges Auftreten, verdächtige Vita oder auch sonderbare Marotten, Ansichten und Überzeugungen auffallen. Xavier glaubt, den Täter selbst entlarven zu können, erbittet sich für seine Tests aber 48 Stunden Handlungsfreiheit von der Polizei. Die Beamten willigen ein, doch der Reporter Lee Taylor (Lee Tracy) beschattet die Vorgänge heimlich weiterhin.

Das Zwei-Farben-Verfahren von Technicolor gelangte 1917 erstmals auf die Leinwände und wurde dann über verschiedene Prozesse hinweg bis in die 30er-Jahre hinein weiterentwickelt, ehe sich ab 1932 langsam das erste Drei-Farben-Verfahren etablierte. „Becky Sharp“ (1935) wurde schließlich der erste komplett in diesem Verfahren gedrehte abendfüllende Spielfilm – die Drei-Farben-Prozesse dominierten Hollywood fortan für Jahrzehnte. Zwei der letzten großen, berühmt gebliebenen Filme, die im Zwei-Farben-Verfahren entstanden waren: „Der geheimnisvolle Doktor X“ (1932) und „Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts“ (1933) – zwei unter Federführung der Warner Brothers produzierte Horrorfilme mit Lionel Atwill in der Hauptrolle, unter der Regie von Michael Curtiz. Wenn man so will, sieht man das Zwei-Farben-Verfahren in diesen Filmen auf seinem Höhepunkt angekommen. Auf guten Kopien fallen die farblichen Nachteile gegenüber dem frühen Drei-Farben-Verfahren im Grunde nur wenig auf. Mit diesem Farbprozess erfahrene Regisseure wussten die Stärken des Zwei-Farben-Verfahrens zudem geschickt zu nutzen. So wird in „Der geheimnisvolle Doktor X“ beispielsweise clever mit schaurig-düsteren Farbkontrasten, aber auch grellen Farbeffekten gearbeitet, die die wissenschaftlichen Gerätschaften und Experimente der Figuren geradezu lebendig werden lassen – begünstigt auch durch eindrucksvolle Kulissen, die dem deutschen expressionistischen Stummfilm verbunden sind, und durch für die damalige Zeit unglaublich gute Soundeffekte, die die gezeigten Maschinen erst recht realistisch machen. Was hier aus dem lediglich zur Verfügung stehenden Mono-Ton etwa fünf Jahre nach Erscheinen des ersten abendfüllenden Tonfilms der Filmgeschichte an Nuancen herausgekitzelt wurde, ist nicht nur bemerkenswert, sondern sucht geradezu seinesgleichen.

Sehr gute Schauspieler

Eine weitere große Stärke dieses Films sind die ziemlich abgedrehten Figuren, die im wirklich beängstigenden Finale, wenn der Täter in voller Maskerade entlarvt wird, dann sogar überboten werden. Eine ganze Reihe von „verrückten Professoren“, denen man die Taten durch die Bank zutraut. Das Broadway-Stück, auf dem dieser Film basiert, dürfte allein schon angesichts der Figuren ein echtes Erlebnis gewesen sein. Besonders Preston Foster überrascht, wenn man ihn aus seinen Gentleman-Rollen kennt, mit stilbildenden irren Blicken und dabei gefletschten Zähnen – als sei eine finstere Cartoon-Figur mit den Grimassen eines Freaks in Fleisch und Blut zum Leben erwacht. Man merkt in beinahe jeder Sekunde, dass der Film vor Einführung des Hays Codes produziert wurde, der die Freiheiten des US-Kinos bei Darstellung von Gewalt, Erotik und anderen Tabuthemen wenig später arg begrenzte.

Da der Hays Code durch Zufall exakt an der Schnittstelle aufkam, als gerade die letzten großen Filme im Zwei-Farben-Verfahren von Technicolor erschienen waren und bevor der erste abendfüllende Film im Drei-Farben-Verfahren realisiert wurde, wirken speziell die späten Filme im Zwei-Farben-Verfahren ganz besonders spektakulär, da sie auch inhaltlich Maßstäbe setzten, die danach über Jahrzehnte nicht mehr erreicht werden durften und dafür bereits sowohl Ton als auch Farbe zur Verfügung hatten. Dieser Vorzug trifft letztlich nur auf sehr wenige US-Filme zu, die vor der endgültigen Abschaffung des Hays Codes im Jahr 1968 entstanden sind. „Der geheimnisvolle Doktor X“ und „Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts“ gelten als die letzten beiden dramatischen Spielfilme im Zwei-Farben-Verfahren – und somit handelt es sich hierbei streng genommen auch um die letzten abendfüllenden Farbfilme vor 1968, die gänzlich ohne inhaltliche Reglementierung durch den Hays Code zu Werke gehen konnten; der wurde zwar schon vor 1934 formell in die Wege geleitet, jedoch erst dann zur Pflicht – gegen Ende seines Bestehens aber natürlich zunehmend weniger streng ausgelegt. Aufgrund der Tatsache, dass der erste in exakt demselben Farbprozess entstandene Film zudem auch erst 1931 in die Kinos gekommen war – „The Runaround“, allerdings eine romantische Komödie, produziert von RKO Radio Pictures –, spielen „Der geheimnisvolle Doktor X“ und „Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts“ gewissermaßen in einer völlig eigenen filmstilistischen Liga des dramatischen Spielfilms.

Irrungen und Wirrungen

Um das kluge Konzept dieses Films noch eine Etage weiter zu erklären, sind an dieser Stelle auch ein paar Spoiler notwendig. Alle, die den Film noch nicht gesehen haben, sollten daher erst ab der nächsten Zwischenüberschrift weiterlesen. Achtung – jetzt! Besonders clever ist der Schachzug, dass der Titel des Films zwar auf Dr. X als Täter schließen lässt, dieser sich letztlich aber wirklich nur als der Polizei behilflicher Wissenschaftler entpuppt. Dies scheint oberflächlich betrachtet kaum zu rechtfertigen, dass der Film einzig seinen Namen im Titel trägt. Zumal er wiederum auch nicht als klassische Spürnase/Ermittlerfigur dargestellt wird, nach denen seinerzeit auch des Öfteren Spannungsfilme benannt wurden. Verstärkt wird diese Irreführung umso mehr, wenn man Atwill bereits aus seinen vielen anderen in den 30ern und 40ern entstandenen Horrorfilmen und Mysterythrillern kennt, in denen er häufig bösartige Schurken oder undurchsichtige Gestalten verkörperte.

Atwill spielte die Rolle des Dr. X im vorliegenden Film bereits in ähnlicher Art und Weise zwielichtig wie seine späteren Horror- und Mystery-Parts, es war allerdings erst sein zweiter abendfüllender Tonfilm als Hauptdarsteller, und auch im vorausgegangenen „The Silent Witness“ war sein späteres Image noch nicht herausgebildet worden. Dennoch glaube ich, dass die Irreführung – des Titels und Atwills Darstellung wegen – auch in den 30ern schon gut funktioniert haben dürfte. Genial ist zudem, wie die Wandlung von Preston Foster, der hier ohnehin von Anfang an ungewöhnlich schräg und durchgeknallt spielt, vor allem am Ende durch die Maskierung sogar noch wesentlich weiter getrieben wird, in der er ähnlich aussieht wie der berühmte Horrordarsteller Rondo Hatton, der an Akromegalie litt. Ausgerechnet Foster – der jüngste unter den Wissenschaftlern in diesem Film und Typ „Liebling aller Schwiegermütter“! Vermutlich haben einige junge Kinobesucherinnen nach Sichtung dieses Films verängstigt ihre Star-Fotos und Poster mit Fosters Konterfei unter dem Kopfkissen hervorgeholt und weggeworfen. Das Finale, in dem er immer wieder die Worte „Synthetisches Fleisch“ vor sich hin raunt und damit seine Erfindung anpreist, mit der er Menschen gewissermaßen neu formen kann, während er sich gleichzeitig damit einschmiert und langsam in ein Monster verwandelt, zählt zu den düstersten Errungenschaften des Horrorfilms im klassischen Hollywood.

Zwei Filme – eine Einheit

Auffällig sind ferner die vielen inhaltlichen Parallelen zum nachfolgenden Atwill/Curtiz/Zwei-Farben-Technicolor-Horrorstreifen „Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts“ – einer Produktion, die als zweiter Teil des Filmabends geradezu alternativlos zu sein scheint. Angefangen bei dem Motiv, Menschen neu erschaffen zu wollen, das hier mit künstlich erzeugtem Fleisch und dort mit Wachsfiguren bedient wird – wobei auch schon in „Doctor X“ Wachsfiguren auftauchen, mit denen die bisherigen Opfer nachgebildet sind, um die potenziellen Täter beim Experiment damit zu konfrontieren –, gelangt man zu den in beiden Filmen wirklich gruselig entstellten Täterfiguren, der eifrig ermittelnden Journalistenfigur als Identifikationsperson und auch zu handwerklich-stilistischen Parallelen, wie etwa, dass sich die im Freien spielenden Settings zu Beginn beider Filme deutlich ähneln.

In einem Punkt allerdings setzt sich „Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts“ leider auf ganzer Linie gegen seinen Vorgänger durch: Während Glenda Farrell die Reporterin im Wachsfiguren-Horror energisch, mitreißend, geschwätzig, humorvoll, aber auch schlau und glaubwürdig verletzlich spielt, gelingt es Lee Tracy in „Der geheimnisvolle Doktor X“ bedauerlicherweise nicht, dass man ihm die Rolle des Helden, der den Fall am Ende sicher in den Hafen schaukelt, abkauft, obwohl er nach dem Ausscheiden der Polizisten als letzte wirklich positive Identifikations- und potenzielle Heldenfigur in der Handlung verbleibt. Tracy spielt die Rolle zwar lustig und lockert damit immer wieder die abgründige Handlung und die ansonsten fast durchweg ziemlich irren Figuren auf, man hat jedoch die ganze Zeit das Gefühl, dass er in der Realität keine fünf Minuten in seiner heimlichen Beobachterposition überleben würde. Man stelle sich vor, die Welt sei von einem brutalen Verrückten bedroht, dessen Kollegen ebenfalls zumindest nicht vor dem einen oder anderen fragwürdigen Experiment zurückschrecken – und die Rettung der Menschheit liege einzig in den Händen eines Kaspers, der von Anfang an mehr Glück als Verstand hat. God save the Queen! Das Ganze mutet ähnlich an, als hätte man beispielsweise Eddi Arent nicht als spaßigen Gehilfen der Inspektoren in den deutschen Edgar-Wallace-Filmen der 60er besetzt, sondern ihm einfach gleich selbst die Rolle des Ermittlers, der die Täter zur Strecke bringt, und die Konfrontation mit Figuren wie dem Buckligen von Soho, dem Frosch mit der Maske oder dem feuerroten Mönch mit der Peitsche überlassen. Für einen sogenannten Pre-Code-Film, der noch ohne die Zwänge des Hays Codes entstand, ist das enttäuschend.

Großartige Kopie als Grundlage der DVD

Obwohl Technicolor dieses Vorgehen eigentlich untersagte, wurde von dem Film parallel auch eine schwarz-weiße Version gedreht. Während für die Farbversion Ray Rennahan als Kamermann zuständig war, der später für „Vom Winde verweht“ (1939) und „König der Toreros“ (1941) zwei Oscars gewann, wurde die Schwarz-Weiß-Version von Richard Towers gefilmt. Die übliche Vorgehensweise hierbei war, dass beide Kameras parallel liefen und die Farbkamera den Vorzug hinsichtlich der besten Positionen zum Geschehen bekam. Die Szenen wurden im Normalfall also nicht allein deswegen mehrmals gedreht, um beide Versionen zu ermöglichen, sondern beide Versionen gleichzeitig eingefangen. Ein deutlicher Unterschied zu der damals ebenfalls üblichen Praxis, ausgewählte Filme in verschiedenen Sprachfassungen zu drehen, wo es dann wirklich von Nöten war, die meisten Szenen mehrmals zu drehen – nicht nur allein der Sprachen wegen, sondern auch weil die Darsteller der meisten Rollen von Version zu Version wechselten und man in der Regel maximal die Stars beibehielt, wenn die Sprachbarriere nicht unüberwindlich war, oder Nebendarsteller, die mehrere der Sprachen beherrschten.

Der Grund für das Erstellen der Schwarz-Weiß-Version kann in verschiedenen Aspekten gesucht werden. Zum einen wäre es sehr teuer gewesen, für jede Kleinstadt Farbkopien zu produzieren, selbst wenn man diese dort bereits überall hätte vorführen können, und außerdem hätte es sich zweifellos als problematisch herausgestellt, eine solche Vielzahl an Kopien pünktlich in ordnungsgemäßer Qualität bereitzustellen. Zum anderen wollte man den Abnehmern auch die Option lassen, sich selbst für eine preisgünstigere Alternative zu entscheiden. Ferner dürften die Schwarz-Weiß-Fassungen auch als eine Art von Sicherheitskopien fungiert haben, da der Farbfilm damals eine recht neue Errungenschaft war und man jederzeit mit Problemen beim Kopieren oder der Haltbarkeit rechnen musste. Technicolor hingegen wollte seine Vormachtstellung auf dem Markt natürlich so eindeutig wie möglich gestalten und arbeitete daher mit Auflagen für die Studios, die die Technicolor-Farbfilmprozesse nutzten. Dass die Warner Brothers von dem Film einfach trotzdem eine Schwarz-Weiß-Version erstellten, geriet zum unmittelbaren Grund dafür, dass sich Technicolor aus der Zusammenarbeit zurückzog, weshalb „Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts“ schließlich zum letzten dramatischen Spielfilm überhaupt im Zwei-Farben-Verfahren wurde. Bei Warner dachte man sich dann aber offensichtlich „Wenn schon, denn schon!“ und drehte, ganz dreist, auch von „Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts“ eine Schwarz-Weiß-Fassung.

Die auf der deutschen DVD von „Der geheimnisvolle Doktor X“ befindliche Kopie ist das Ergebnis einer fantastischen Restaurierung durch die UCLA Archives und sieht besser aus als die Kopie von „Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts“, die man unter anderem auf der deutschen DVD des zugehörigen Remakes „Das Kabinett des Professor Bondi“ findet, welche den Originalfilm von 1933 in der englischen Sprachfassung als Bonus enthält. Etwas schade ist, dass die Schwarz-Weiß-Fassung von „Doctor X“, für die es sogar eine komplett eigenständige deutsche Synchronfassung gibt, nicht auf der DVD enthalten ist. Vielleicht wird diese ja zu einem späteren Zeitpunkt erscheinen oder irgendwann Teil einer größeren Special Edition sein. Da die DVD auch ansonsten jegliches Bonusmaterial vermissen lässt, besteht auf alle Fälle viel Spielraum. Der Film, noch dazu in dieser Bild- und vor allem Farbqualität, ist den Kauf aber so oder so ohne jede Frage wert – auch ohne Blu-ray. Abschließend für alle, die sich fragen, was Humphrey Bogart auf dem auf der DVD befindlichen Aufdruck zu suchen hat: Das Artwork gehört zum Film „Das zweite Leben des Doktor X“ (1939, alternativer deutscher Titel: „Die Rückkehr des Dr. X“), einem lose auf „Der geheimnisvolle Doktor X“ basierenden Horrorfilm, in dem der in diesem Genre schon aus damaliger Sicht ungewöhnlich besetzte Bogart die Hauptrolle spielte. Es handelt sich allerdings nicht um eine Fortsetzung im eigentlichen Sinne.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Lionel Atwill sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 1. Dezember 2017 als DVD

Länge: 73 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch & Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Doctor X
USA 1932
Regie: Michael Curtiz
Drehbuch: Robert Tasker & Earl Baldwin, nach einem Theaterstück von Howard Warren Comstock & Allen C. Miller
Besetzung: Lionel Atwill, Fay Wray, Lee Tracy, Preston Foster, John Wray, Harry Beresford, Arthur Edmund Carewe, Leila Bennett, Robert Warwick, George Rosener
Zusatzmaterial: keins
Vertrieb: Studio Hamburg Enterprises

Copyright 2018 by Ansgar Skulme

 

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