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Laurin – Mädchen jagt Mörder

Laurin

Von Andreas Eckenfels

Horrorthriller // Wenn man im Alter von 26 Jahren den Bayerischen Filmpreis als bester Nachwuchsregisseur gewinnt, sollte man eigentlich meinen, dass einem alle Türen in der Industrie offen stehen. Doch trotz der Auszeichnung konnten 1989 nur wenige deutsche Filmschaffende mit dem Debütfilm von Robert Sigl etwas anfangen. Einen Nischenfilm wie „Laurin“ wollte man den Zuschauern nicht zumuten, so der allgemeine Tenor – und so verschwanden der Horrorthriller vor historischem Hintergrund und sein Regisseur schnell in der Versenkung.

Laurins Vater verabschiedet sich von Olga (M.) und Flora

Erst 1994, knapp fünf Jahre nach dem Preis für „Laurin“, erhielt Sigl wieder einen größeren Auftrag. Sein Talent und seine Kreativität, welche er bei der Arbeit an dem ZDF-Weihnachts-Dreiteiler „Stella Stellaris“ zeigte, blieben auch in Übersee nicht verborgen: In Kanada durfte er eine Episode der kultigen Science-Fiction-Serie „Lexx – The Dark Zone“ inszenieren. Neben – wer erinnert sich nicht? – Eva Habermann als Liebessklavin Zev, war auch Malcolm McDowell in der Folge „Giga Shadow“ dabei. Mit dem „Uhrwerk Orange“-Star verbindet Sigl bis heute eine innige Freundschaft. Zurück in Deutschland blieb der Regisseur dem Fernsehen treu; er drehte unter anderem Folgen von „Alarm für Cobra 11“, „SOKO Wien“ und „Tatort“. Mit „Schrei – denn ich werde dich töten!“ (1999) und der Fortsetzung „Das Mädcheninternat – Deine Schreie wird niemand hören“ (2000) lieferte Sigl für RTL zwei TV-Slasher ab, die im Fahrwasser des Erfolgs der „Scream“-Trilogie die Zuschauer vor den Fernseher locken sollten.

„Laurin“ kehrt zurück

Die Wiederentdeckung von „Laurin“ hat Sigl laut seinen einführenden Worten im beiliegenden Booklet Prof. Dr. Marcus Stiglegger und dem damaligen e-m-s-Produktmanager Holger Bals zu verdanken. Der renommierte Filmwissenschaftler fand Mitte der 90er-Jahre die englische VHS-Veröffentlichung des Labels Redemption; e-m-s veröffentlichte den Film zunächst auf VHS und später auf DVD. So erhielt das Werk endlich auch hierzulande die Aufmerksamkeit, die ihm gebührt. „Man kann sagen, dass ‚Laurin‘ über das Ausland nach Deutschland zurückkehrte“, so Sigl. Nun hat Bildstörung „Laurin“ mit Unterstützung des Filmemachers aufwendig restauriert und der Blu-ray-Premiere den Platz Nummer 30 in der hervorragenden „Drop Out“-Reihe des Labels reserviert.

Laurin wird von Visionen geplagt

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts lebt die neunjährige Laurin (Dóra Szinetár) gemeinsam mit ihrer im Rollstuhl sitzenden Großmutter Olga (Hédi Temessy) in einem idyllischen Dorf am Meer. Ihr Vater (János Derzsi) hat trotz des mysteriösen Unfalltods seiner Frau Flora (Brigitte Karner) seine Arbeit als Seefahrer nicht aufgegeben und ist häufig monatelang nicht zuhause. Die Abwesenheit ihres Vaters und die fehlende Mutter machen dem nachdenklichen Mädchen schwer zu schaffen. Wenigstens kümmert sich der neue Dorfschullehrer Van Rees (Károly Eperjes) ein wenig um sie, und mit dem kränklichen Stefan (Barnabás Tóth), den die Mitschüler piesacken, hat sie einen gleichaltrigen Spielkameraden gefunden.

Was niemand weiß: Seit längerer Zeit wird Laurin von düsteren Visionen geplagt. Darin sieht sie eine schwarz gekleidete Gestalt, die offenbar für das Verschwinden einiger Jungen aus dem Dorf verantwortlich ist. Hat diese auch etwas mit dem Tod ihrer Mutter zu tun? Als Stefan eines Tages ebenfalls vermisst wird, beschließt Laurin, die Gestalt in Schwarz zu finden.

Schrei nach Liebe

Wabernder Nebel, dunkle Friedhöfe, alte Gemäuer: Aus Kostengründen wurde „Laurin“ in Ungarn mit einheimischen Darstellern gedreht, was sich aber als großes Plus herausstellt. Denn die morbiden, historischen Schauplätze, die Sigl und sein Team vor Ort gefunden haben, verbreiten zusammen mit den prächtigen Kostümen die wohlige, fast märchenhafte Atmosphäre einer historischen Gothic-Novel, in dem mittendrin ein böser Wolf sein Unwesen treibt. Doch Laurin ist kein fröhliches Rotkäppchen. Da Sigl konsequent aus der kindlichen Perspektive heraus erzählt, fiebert man mit dem verletzlichen Mädchen umso mehr mit. Die traurigen Augen der jungen Darstellerin Dóra Szinetár wecken unweigerlich den Beschützerinstinkt. Dennoch wird Laurin am Ende ganz allein ihren Mut zusammennehmen, um den Tod ihrer Mutter und das mysteriöse Verschwinden der Jungen aufzuklären.

Die Gestalt in Schwarz geht um

Bis auf Laurins besondere Gabe, Dinge zu sehen, sind nicht viel mehr fantastische Elemente in der Geschichte zu finden. Sigls Film entwickelt sich im weiteren Verlauf immer mehr zu einem Thriller, der sich stark auf die tiefenpsychologische Ebene seiner Figuren konzentriert. Im Spiel mit Stefan verkleidet sich Laurin als Mann mit aufgemalten Bärtchen. Ein klarer Fingerzeig, dass es dem Mädchen an Liebe fehlt. Aber auch von der in Schwarz gekleideten Gestalt erfahren wir die schmerzlichen Beweggründe, warum die Taten begangen werden. Auch ihr hat es an Liebe gemangelt. So erhält „Laurin“ weitere Facetten, die an die italienische Kriminalform Giallo erinnern. Zwar werden bis auf das Finale keine expliziten Gewaltdarstellungen gezeigt, aber allein schon die Detailverliebtheit, die Ausstattung, die gesamte Mise en scenè und dazu der sporadische Einsatz von farbigem Licht im Zusammenspiel mit der virtuosen Kamera zeigen deutliche Parallelen zu den Werken von Dario Argento oder Lucio Fulci.

Was wäre, wenn …

Es lohnt sich, „Laurin“ zu entdecken. Man fragt sich nach der Sichtung unweigerlich, was wir noch für potenziell großartige Werke von Robert Sigl bekommen hätten, wenn sein Werk nicht Ende der 80er-Jahre größtenteils verkannt worden wäre. Immerhin werden mit dieser schönen Edition von Bildstörung sein Debütwerk und der Filmemacher selbst ausreichend gewürdigt sowie einem breiteren Publikum bekannt gemacht. Vielleicht gelingt es Sigl jetzt endlich, sein lang geplantes Projekt „The Spider“ zu verwirklichen. 1994 soll Keanu Reeves an der Hauptrolle interessiert gewesen sein. Malcolm McDowell hat laut Sigl bereits zugesagt, auf jeden Fall dabei zu sein.

Lehrer Van Rees kümmert sich um Laurin

Die Filme der „Drop Out“-Reihe von Bildstörung haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgeführt.

Laurin will den Kindermörder finden

Veröffentlichung: 1. Dezember 2017 als Blu-ray und DVD, 26. Januar 2001 als DVD (e-m-s)

Länge: 84 Min. (Blu-ray), 81 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch, Französisch
Originaltitel: Laurin
BRD/HUN 1989
Regie: Robert Sigl
Drehbuch: Robert Sigl
Besetzung: Dóra Szinetár, Brigitte Karner, Károly Eperjes, Hédi Temessy, Barnabás Tóth, Kati Sir, Endre Kátay, János Derzsi
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Robert Siegl, Kurzfilm „Der Weihnachtsbaum“, „Robert Sigl erzählt …“ von Eckhart Schmidt, Behind the Scenes, Interviews, Verleihung Bayerischer Filmpreis, entfallene Szenen, Bildergalerie, Trailer, Booklet
Label: Bildstörung
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2017 by Andreas Eckenfels
Fotos: © 1988 Salinas Film, Packshot: © 2017 Bildstörung

 

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